IX.
Reading edition
Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.
Goethe.
IX.
Es war Freitag abends – noch vierundzwanzig Stunden, und die Frist war abgelaufen. Heute sah ich Ming Tse – den letzten Lichtpunkt in meiner traurigen Existenz – zum letztenmal. Noch einmal würde das fremdländische Parfüm des chinesischen Tees den kleinen Raum durchstreifen und mich schmeichelnd umkosen, noch einmal würde die komische, kleine Gestalt den Federstiel in den Mundwinkel versetzen und nachdenklich aufwärts blicken, noch einmal würde ich sein ansteckendes Lachen hören, noch einmal von ihm zur Elektrischen begleitet werden, und dann – dann war alles vorüber. Montag früh würde man hoffentlich in den Blättern lesen, daß – aber wozu daran denken? Nicht mehr sechzig trostlose Jahre vor mir, Friede, Ruhe! Wie schön mir die bestaubten Blüten am Wegrand schienen, wie weich ins Rosa der Farbenton der fernen Wolken ging! Wie die einfachen Sperlinge mir zart geformt vorkamen und die Klänge einer Mundharmonika Erinnerungen an längstvergangene Kindertage wachriefen. In diesem Augenblicke fühlte ich, daß ich die Welt liebte, nicht weil ich zu bleiben wünschte, sondern weil ich wußte, daß ich von ihr schied, gerade deshalb liebkoste ich alles, was ich sah, in Gedanken und nahm Abschied von all dem Schönen, das sich mir zeigte.
Ming Tse kam mir wie immer freundlich entgegen und gab mir eine rote Rose, indem er sagte, daß diese auf der weißen Bluse sich gut ausnehmen würde, hierauf schritten wir an die Arbeit. Ich machte nur wenige Ausstellungen, und nur, als das Ende der Stunde nahte und er den Tee in der kleinen rosa Tasse vor mich hinstellte, fragte ich ihn, ob er nicht einige deutsche Gedichte lesen wollte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen ein Buch deutscher Gedichte der hervorragendsten Dichter gegeben – es sollte ihm eine Art Erinnerung sein, wenn – Er erklärte sich zu meiner inneren Verwunderung gleich bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Was sollte dieser mir so unbekannte Eifer bedeuten? Wollte er mir in das Grab die Ueberzeugung mitgeben, die ich bisher nicht von ihm gehabt, daß er sich für etwas nicht rein Materielles interessieren könne?
»Was soll ich lesen?« erkundigte er sich, indem er das Buch vom Regal nahm und es aufschlug.
Ich weiß nicht mehr, was wir zuerst gelesen, das zweite Gedicht aber, das ich wählte, war der »Erlkönig«, weil es mir leicht verständlich erschien.
Ming Tse las und übersetzte weit besser als gewöhnlich, doch als wir zur vorletzten Strophe kamen, ging mein Erstaunen geradezu in Bewunderung über, denn er las diesen Vers zweimal, und zum erstenmal, seit ich ihn lesen hörte (und das geschah nun fünfmal wöchentlich seit nahezu acht Monaten), lag ein gewisses Gefühl, etwas wie Pathos in Stimme und Ausdruck.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,« sagte er und sah absolut überzeugt aus von dem, was er las. »Was war nur in ihn gefahren?« überlegte ich.
»– und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« Eigentlich schien mir dieser Teil noch besser zu gefallen, wenigstens legte er den größten Nachdruck auf »so brauch ich Gewalt«. Ich muß ihm unrecht getan haben, sagte ich mir. Er hat Gefühl und Verständnis für Kunstgenüsse, er hat möglicherweise sogar eine Seele (was ich bis dahin sehr angezweifelt hatte) und ist besseren, erhabeneren Regungen zugänglich, nur hat niemand es verstanden, sie in ihm zu entwickeln.
Während ich mich diesen Betrachtungen hingab, hatte Ming Tse das Gedicht fertig gelesen und niedergelegt. Der eine Arm lag auf der grünen Tischdecke, der andere lag regungslos auf seinen zaundürren Beinchen. Die Sonne war im Sinken begriffen, und die ersten Schatten der Dämmerung erfüllten den Raum, ohne jedoch das Anzünden der Lampe nötig zu machen. Seine ruhigen, immer gleichen Gesichtszüge verrieten nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte, nur die wimperlosen Lider waren tief gesenkt – die Augen schienen geschlossen. Durch das offene Fenster drang fernes Klavierspiel undeutlich herein, und in der kurzen Pause konnte man das Summen einer ins Zimmer verirrten Biene hören.
Die Augen öffneten sich nicht, aber das Gesicht wurde mir zugewendet, als er die Frage an mich richtete:
»Wollen Sie meine Frau werden?«
Wenn der Mond vom Himmel herab und zum offenen Fenster hereingestiegen wäre, hätte ich nicht erstaunter sein können. Ich habe doch schon öfter selbst Heiratsanträge gehabt, habe den Verlobungen anderer beigewohnt (gewiß ein seltener Fall), hatte manch ein Paar Liebende zusammengebracht, aber so etwas wie diese unvermittelte Frage über den Tisch herüber von dem kleinen Chinesen – das überstieg selbst meinen doch gewiß ungewöhnlich ausgedehnten Horizont.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,« sagte Ming Tse mit jener unerschütterlichen Ruhe, die nur ein Asiate haben kann. Die Worte an und für sich waren freundlich gemeint, der Ton hätte in seiner Leidenschaftslosigkeit ebensogut »ich hasse dich« ausdrücken können.
»Würden Sie mit einer Europäerin glücklich werden können, und würde Ihr Vater einen solchen Schritt Ihrerseits je billigen?« fragte ich, als ich den Gebrauch meiner Sprachwerkzeuge zurückerlangt hatte.
»Mein Vater hat Europäer gern, und er weiß, daß ich mit Ihnen stets weiterstudieren könnte. Was mich anbetrifft, so sind Sie die einzige Person, die ich in Europa gern habe, und in China habe ich nur noch eine Person lieb – meine Mutter!« sagte er ruhig.
Ich hätte um alles in der Welt gern seine Augen gesehen. Wenn man über seine ganze Zukunft entscheidet, wenn man sein Leben, sein Glück, seine Freiheit in die Hand eines Mannes legt, so möchte man gern irgendwelche moralische Ueberzeugung haben, daß er diese Schätze, unser Um und Auf, zu hüten wissen wird; aber die schwarzen Augen des Chinesen waren verdeckt von den Lidern, die wie aus Elfenbein geschnittenen Züge verrieten nichts von seinen Gefühlen oder Absichten, und er kam mir nicht näher. Er saß mir gegenüber und – wartete.
Sollte ich »nein« sagen? Allerdings entging ich damit neuen moralischen Konflikten, möglicherweise wies ich damit kommendes Unheil ab, aber andrerseits, warum sollte ich nicht »ja« sagen? Meine Lage war nicht wie die anderer Mädchen. Einen Europäer hätte ich nicht heiraten mögen, weil er mich zu sehr an – an ihn, den Verlorenen, erinnert hätte, aber warum nicht einen Orientalen? Verschieden genug waren sie, um ein Erinnern auszuschließen.
Und was begann ich, wenn ich »nein« sagte? Ich wollte ja morgen sterben. War es nicht wie eine Fügung des Himmels, daß mich der kleine Chinese gerade heute fragte, ob ich seine Frau werden wollte? Der Tod lief mir nicht davon. Entweder war meine Zukunft heller, und da konnte ich weiterleben, oder sie war ebenso dunkel oder noch dunkler (ich schauerte unwillkürlich zusammen), und da konnte ich sterben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und unterdessen konnte ich versuchen, die schlummernde Seele in diesem kleinen Chinesen zu wecken. Er war ein Jahr jünger, wir waren gleich groß und im Wissen war er mir weit unterlegen. Ich würde ein gewisses Uebergewicht haben. Da ich nichts zu verlieren hatte, konnte ich nur gewinnen.
Ming Tses Augen oder die Ecken seiner Augen blieben die ganze Zeit auf mich geheftet. »Ja oder nein?« fragte er endlich.
»Ja!«
»Ich bin sehr froh,« sagte er einfach. »Ich freue mich auf die Zeit, wo wir immer beisammen sein werden.«
Er hatte gleich mir oft und bitter unter der Einsamkeit gelitten, es würde dies ein Band mehr zwischen uns sein.
Wir lächelten uns zu – das war alles. Zum erstenmal schien es mir, als ob die europäische Sitte sich bei einer Verlobung zu küssen, unleugbar seine Vorteile habe. Gerade in jenen Augenblicken fühlte ich, daß es angenehm sein müßte, sich, und wäre es auch nur einige Sekunden lang, an eine anteilnehmende Brust zu lehnen, war ich doch wie ein vom Sturm mitgenommenes und beinahe gestrandetes Schiff eben in einen Hafen eingelaufen – aber der Hafen, das fühlte ich leider gleichzeitig, war eben ein chinesischer.
Wir sprachen nur über alltägliche Dinge, nur als ich mich erhob, um wegzugehen, sagte er:
»Jetzt mußt du mich »Du« und »Li Bai« nennen, Käthe!«
»Sehr gerne!« erwiderte ich. Er begleitete mich zur Elektrischen, reichte mir gerade so einfach die Hand zum Abschied wie immer und fügte nur hinzu:
»Jetzt sind wir Freunde, nicht wahr?«, was ich bejahte. Ein letzter Gruß von der kleinen braunen Hand, in die ich alles gelegt hatte, was einem Mädchen teuer sein kann, und die Elektrische trug mich um die Ecke, während ich das Gefühl hatte, als halte mich irgendein böser Geist bei den Füßen und ließe mich gewaltsam kopfstehen, wodurch ich alles, was früher gerade war, verkehrt sehen mußte. Mich deuchte, als hätte sich mein Gesichtspunkt vollständig verändert, als hätte ich den Splitter eines Zauberspiegels ins Auge bekommen, der mich alles verzerrt und ganz anders als vorher erblicken ließ. Er hatte nicht einmal die Hand auf meinen Arm gelegt – er war in der Entfernung von einem Meter den ganzen Abend, auch auf dem Heimwege, geblieben. Wenn ich Verschiedenheit von Europäern wünschte, hier hatte ich eine genügende Menge davon.
Und auf diese Weise war ich die Braut von Li Bai Ming Tse geworden.