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Mein kleiner Chinese

XI.

Reading edition

Tud tukaj solnce gre okrog,

Doline vidim, hrib in log;

Pa solnce naše bolj blišči,

In hrib naš lepše zeleni.

J. Strel.

XI.

Es war der Vorabend unserer Abreise von London. Seit zwei Wochen waren Mama und Jenny bei mir, beide entzückt von meinem künftigen Gatten. Er war geradezu rührend aufmerksam gegen sie. Den ganzen Tag führte er sie herum, zeigte ihnen alle Sehenswürdigkeiten Londons, kaufte Jenny allerlei Schmucksachen, die sie in den siebenten Himmel versetzten, und versprach ihr eine Masse chinesischer Seide, sobald wir nach China kamen. Gegen Mama war er ausgesucht höflich und in jeder Weise zuvorkommend und war ihr, da er gern plauderte und Mama eher mit ihrem Schatten sprechen würde, als nicht den Mund zu öffnen, ein sehr angenehmer Begleiter. Ich selbst genoß nur wenig von ihrer Gesellschaft, da ich die letzte Woche im Amt weilte, wo man nicht sofort eine Stellvertreterin für mich finden konnte. Den Rest meiner Zeit mußte ich den Schneiderinnen und sonstigen praktischen Vorbereitungen widmen. Ich legte eine gewisse fieberische Hast an den Tag und tat alles überstürzt – mir halb unbewußt, wollte ich vor mir selbst, meinen eigenen Gedanken davonlaufen. Mit Mama hatten wir kein längeres Gespräch gehabt – am ersten Tage sagte sie mir, daß mein kleiner Chinese an einen Affen erinnere, am zweiten, daß er ausgesucht gute Umgangsformen habe, und am dritten, daß ich einen besseren Mann weder im Osten noch im Westen hätte finden können, wenn ich mit der Laterne am hellichten Tage nach ihm gesucht hätte – selbst nahm ich alle drei Erklärungen ruhig und mit etwas Unglauben auf – besonders die dritte, aber wozu widersprechen? Es war entschieden, ich ging nach China, und Europa mit seinen Licht- und Schattenseiten lag bald, ach, allzu bald hinter mir. Die Reue ist ein hinkender Bote – und ich wollte nicht bereuen. Sterben, sagte ich mir bitter, kann ich immer noch.

Jenny, die den ganzen Tag vor den großen Auslagen in Regent Street stand, auf der Themse bis Richmond und Hampton Court fuhr, die Albert Hall zu den großartigen Nachmittagskonzerten besuchte und nur die gleißende Seite Londons sah, konnte nicht begreifen, daß ich dieses vermeintliche Eldorado, ohne größeres Bedauern an den Tag zu legen, verließ. Mama und meine Schwester fanden wieder einmal, daß die Käthe kein normales Mädchen sei, und schüttelten mit sichtlicher Teilnahme die Köpfe.

Ich stand lange am offenen Fenster und ließ die kühle Herbstluft um meine brennende Stirn wehen. War ich vom Regen unter die Traufe gekommen, war ich feig gewesen, nicht ein Ende zu machen, als ich schon an der Pforte des Todes stand? Bedeutete mein Entschluß eine Biegung zum Besseren auf dem dornenvollen Lebenspfade, war es jener Schwung im Glücksrade, der mich nach aufwärts tragen würde, und würde ich im Osten finden, was der Westen mir verneint? Oder war es eine jener unglückseligen Stufen, auf die man unsicher tritt, und von welchen man jäh in unerwartete schreckliche Tiefen gleitet? Wer konnte es sagen? Meine Augen klammerten sich an mein Lieblingsgestirn, den großen Bären oder, wie ich vorzog es zu nennen, den Himmelswagen, und schienen um Antwort zu bitten, doch vergeblich. Die Sterne, sie funkelten am nachtschwarzen Himmel in ihrer einsamen Majestät, und was sie mir zu sagen schienen, war dies: »Auch wir sind allein, obschon wir einander so nahe zu sein scheinen. Millionen Meilen trennen oft ein Gestirn vom andern, das, von der Erde gesehen, so nahe am andern liegt, und einsam sind auch die Menschen, denn ihre Körper sind einander nahe, aber die Seelen sind weit, weit entfernt! Wenn du Frieden, wenn du Glück, wenn du vor allem Kraft finden willst, so lerne auf dich selbst vertrauen und dir selbst genügen.« Damals dachte ich, daß die Sterne unrecht hätten – heute weiß ich, daß nur der Mensch leben kann, ohne an innerem Leid zugrunde zu gehen, der gelernt hat, sich selbst zu genügen. Weder um Hilfe, noch um Liebe, noch um Gesellschaft, noch um Anteilnahme zum Nächsten zu schauen. Wer in sich alles findet, – und bis der Mensch in sich alles findet, so daß er in der Welt und doch getrennt und unabhängig – innerlich unabhängig, denn äußerlich bleibt er natürlich stets etwas abhängig von seinen Mitmenschen – lebt, hat Schutz vor dem Leid gefunden. Kein strahlendes Glück kann je wieder die Seele des so von der Menschheit Getrennten durchbeben, weil sein Interesse in dem Nächsten aufgehört hat, aber die Höllenpein zwischen Hoffen und Verzagen erfaßt ihn nie wieder. Er steigt nie mehr in himmelanjauchzender Glückseligkeit zu den Wolken empor, aber er erspart es sich gleichzeitig, aus dem siebenten Himmel auf die Erde zu fallen, und ist süß das Emporfliegen, so ist vernichtend bitter der Sturz, der in uns alles zerbricht, was das Leben wertvoll macht – Hoffnung, Glaube, Liebe, Vertrauen auf andere, den Trieb zur Besserung, zur Vervollkommnung, das Mitleid mit den Unglücklichen und die warme Mitfreude mit den Glücklichen – alles schwindet, und zurück bleibt jene Ruhe, die kein Glücksfall und kein neues Unglück bedeutend erschüttern kann. Wohl dem, den ein gnädiges Geschick davor bewahrt hat, den Gipfelpunkt irdischer Zufriedenheit in dieser Unempfindsamkeit zu suchen – und zu finden! An jenem Abende habe ich die Lektion noch nicht erlernt gehabt, die Sehnsucht nach der Liebe meiner Mitmenschen, nach Glück, war noch nicht erloschen, daher führte das unerbittliche Geschick mich nach China, um dort den Unterricht fortzusetzen, und was vom Schicksal selbst gelehrt wird, o Leser! – das erlernt man. – –

Es klopfte. Ich wandte mich verwundert um, denn Mitternacht hatte es längst geschlagen, und alle Leute im Hause waren zur Ruhe gegangen. In einem langen wallenden Nachtgewande, mit einer brennenden Kerze in der Hand, die schönen braunen Augen weit geöffnet, stand Jenny vor mir.

»Schwesterchen,« fragte ich, indem ich ihr die Kerze aus der Hand nahm und sie neben mich auf mein Sofa, das Bett, zog, »warum wanderst du noch durch Gänge und über Treppen nach der grausigen Mitternacht, wie einst der Geist von Hamlets Vater?«

»Käthe,« flüsterte sie, indem sie ihre weichen Arme um meinen Hals schlang, »ich bin vielleicht nicht immer eine gute Schwester gewesen und habe dich schrecklich vernachlässigt. Verzeih mir!«

»Du bist eine ebenso gute Schwester gewesen wie ich es verdient habe,« entgegnete ich und liebkoste Jenny.

»Ich fürchte mich um dich, Käthe,« sagte sie weich.

»Das brauchst du nicht, Jenny,« beruhigte ich sie, »mir droht nicht Gefahr, und – ich habe meine Zukunft selbst gewählt.«

»Schwester,« begann Jenny nach einer kurzen Pause von neuem, »ihr küßt euch nie.«

»Küssen ist im Orient nicht Sitte, man findet, daß es sehr unhygienisch sei, und daher gibt man sich im fernen Osten nicht einmal die Hand, wenn man sich begegnet, sondern schüttelt seine eigene Hand an Stelle derjenigen des Bekannten – eine weise Vorsichtsmaßregel in einem Lande, wo so viele ansteckende Krankheiten epidemisch und die sanitären Einrichtungen keineswegs auf der Höhe sind,« gab ich zur Antwort.

»Bist du auch schon so hygienisch geworden, Käthe?« fragte sie und sah mich groß an.

»Ich füge mich den Sitten des Orients,« entgegnete ich ausweichend. Ich wollte meiner Schwester nicht eingestehen, daß ich noch nicht so sehr »hygienisch« in meinem Empfinden geworden war.

»Hat er dich nie – nie geküßt?« fragte Jenny, die so etwas ganz und gar nicht fassen konnte.

»Nein, nie,« versetzte ich lachend. Denn Jennys Augen waren so rund vor Verwunderung wie die eines Kindes. »Einmal hat er allerdings gesagt, daß er es versuchen würde, wenn ich eines Tages nicht einen Hut aufhaben würde, aber bisher,« ich blickte sie schelmisch an, »habe ich immer einen Hut aufgehabt.«

»Himmel!« rief Jenny entsetzt, »und es ist ihm nie eingefallen, den Hut abzunehmen?«

»Wenn wir verheiratet sind, werde ich keinen Hut auf dem Kopfe haben, und darauf wartet er wahrscheinlich,« versuchte ich als Erklärung anzuführen.

»Glaubst du,« fragte sie mit einer urkomischen Ueberlegenheit, »daß Doktor Wurmbrandt sich hätte – natürlich wenn er mich liebhaben würde – abhalten lassen durch einen Hut und selbst, wenn dieser so groß wie ein Wagenrad gewesen wäre?«

»Liebste Jenny,« erwiderte ich lachend, »nicht, wenn dein Hut den Umfang einer Moschee gehabt haben würde, aber du vergißt, daß der Doktor eben – Europäer ist.«

»Ein Mann, der nicht küssen kann, der – der ist nicht heiratsfähig.« Jennys Entrüstung war so groß, daß sie meine ernsten Gedanken verscheuchte und ich über die unschuldigen Ansichten des Kindes herzlich lachen konnte.

»Jenny,« neckte ich meine Schwester, »wie oftmal denkst du an den Doktor?«

»Oh – nicht – nicht so sehr, sehr oft, Kather,« sagte Jenny nachdenklich.

»So etwa sechzigmal die Minute?« fragte ich gelassen.

»Aber Kather, wie kannst du –?« wehrte Jenny, erglühte aber wie eine Pfingstrose.

»Jenny,« bat ich sie, »hab' ihn recht lieb, und spiele nicht mit allen Männern, die du triffst. Glaube mir, Kind, Huldigungen sind angenehm, aber ein treues Herz, auf das man wirklich bauen kann, ist tausendmal schöner und kostbarer.«

Jenny küßte mich und gelobte mir, so wenig kokett wie möglich zu sein. »Ueber sein Können ist niemand verpflichtet,« sagt ja selbst Goethe, und ich verlange auch nur, daß Jenny ihr Bestes in dieser Hinsicht leisten würde. Blicke mit Vorübergehenden und Mitreisenden würden trotzdem noch zur Genüge – und darüber hinaus – gewechselt werden.

Ein ernstes Gespräch ließ ich nicht aufkommen. Meine Schwester war zu jung, zu unerfahren, um mich zu verstehen, und um nichts in der Welt hätte ich mich verleiten lassen, ihre schönen Jugendillusionen zu zerstören, ihr die Erde – das Leben auf derselben eigentlich – so zu zeigen, wie es wirklich war oder wie ich wenigstens es gefunden hatte. Mein bitterer Pessimismus sollte nicht einen Augenblick die frohe Zuversicht meiner Schwester trüben. Als es zwei Uhr schlug, hüllte ich Jenny in ein langes Tuch ein, zündete ihr Kerzenstümpfchen wieder an und schob sie gebieterisch zur Tür hinaus.

»Du mußt schlafen, Jenny,« ermahnte ich sie, »du weißt, daß Mama mit ihrem Bahnfieber dich um sechs Uhr wecken wird, damit wir um zehn Uhr pünktlich auf der Station sind, und auch du, Fräulein Eitelkeit, wirst diese Zeit gut verwenden können, um dich so hübsch wie möglich zu machen. Jenny, Schwesterchen, ich kenne dich! Gute Nacht!«

»Noch eine Frage, Käthe,« bat sie schmeichelnd, »eigentlich kam ich nur deshalb zu dir. Wie werden deine Kinder sein? Weiß oder gelb?«

Ich schob sie sanft zur Tür hinaus und sagte lachend und geheimnisvoll:

»Gesprenkelt!«

Ich hörte, wie Jenny vor der Tür vor lauter Entsetzen und Ueberraschung nach Atem rang, öffnete daher die Tür noch einmal eine Spanne weit und flüsterte ernst:

»Sei doch kein Gänschen, Jenny – hoffentlich werde ich keine Kinder haben – gesprenkelt sicher nicht,« damit schloß ich die Tür endgültig.

Um halb zehn Uhr vormittags waren wir alle pünktlich auf dem Bahnhof – Victoria Station – versammelt. Meine europäischen Freunde hatten schon gestern von mir Abschied genommen, und da die allermeisten gegen diese Heirat waren (Engländer sind noch mehr gegen Mischung der Rassen als andere Europäer), so stand ich unbegleitet auf der grauen Plattform der düsteren Halle. Um so zahlreicher vertreten war die chinesische Kolonie. Einige konnten kein Wort außer Chinesisch, und wir nickten uns gegenseitig nur zu, andere sprachen etwas Englisch. Sie alle umringten Ming Tse, der seiner Schenkungsseligkeit wegen sehr beliebt war, wenn er ihnen auch oft unangenehme Wahrheiten mit verblüffender Aufrichtigkeit sagte. Mehrere von ihnen brachten Körbchen voll herrlichen Obstes – Trauben die einen, Pfirsiche die andern, und ein Chinese brachte eine Tüte rotbackiger Aepfel, mit denen Jenny schon jetzt liebäugelte.

Um zehn Uhr wurde das Abfahrtssignal gegeben, und der lange Zug setzte sich in Bewegung. Am Korridorfenster stand Li Bai und winkte seinen Freunden zu, solange man noch ein Viertel eines einzigen Chinesen in der Ferne erkennen konnte, und war noch einige Zeit nachher etwas einsilbig. Lange jedoch, bevor wir nach Queenborough kamen, plauderten wir alle höchst vergnügt miteinander.

Ming Tse, der ein reizender Reisekamerad war, breitete sein lichtblaues Seidentaschentuch über meinen und Jennys Schoß aus und verteilte Früchte. Mama wollte an der Fütterung vorläufig nicht teilnehmen, aber Jennys weiße Zähne bissen mit sichtlichem Behagen in die appetitlichen Aepfel. Ihr war die Reise ein großer Spaß, Mama ein wichtiges Ereignis, das feierlich behandelt und durchgeführt werden mußte, Ming Tse eine Genugtuung sondergleichen, da er endlich in die geliebte Heimat zurück durfte, und mir – eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung über meine ganze Zukunft. – Und dennoch hatte nicht einer der drei Mitreisenden, die mir doch am allernächsten auf der Welt standen oder bald stehen würden, die blasseste Ahnung von dem, was in mir vorging, und infolgedessen das allergeringste Mitleid. Nicht einer von ihnen hätte mich verstanden, wenn ich gesprochen hätte, und so betrug ich mich als guter Gefährte, lachte und scherzte mit ihnen und fühlte mehr denn je, was für eine elende Komödie das Leben war, wo man immer und vor allen Leuten eine Maske tragen mußte und doch noch froh war, daß man das Recht hatte, eine Maske zu tragen, die einen vor dem Hohn der Mitmenschen, die anders dachten, schützen konnte.

In Queenborough verließen wir den Zug, um uns auf das Schiff zu begeben. Erst Mama mit einem Träger an ihrer Seite, dem sie ununterbrochen wiederholte, so schnell wie möglich zu gehen. Das erbitterte ihn so, daß er ihr mitteilte, die Sturmflagge wehe schon vom Mast – während in Wirklichkeit nicht ein Lüftchen sich regte, und ein so glänzend blauer Himmel, wie er nur selten über Großbritannien lacht, sich über unsern Häuptern wölbte –, hinter ihr Jenny mit den Fruchtkörbchen und einer Hutschachtel, dann ich, ebenfalls mit mehreren Schachteln beladen, und endlich Ming Tse, der zwei Träger beaufsichtigte. Die großen Koffer waren alle vorausgeschickt worden, was wir mitführten, war lediglich Handgepäck, und trotzdem wälzten wir uns wie eine Karawane heran. Sobald wir das Schiff betreten hatten, ging Mama zum Kapitän und erkundigte sich, ob wir in der Tat untergehen würden, was er verneinte und Mama gelobte, sein Möglichstes zu tun, eine so furchtbare Katastrophe abzuwenden. Er sprach mit großer Ernsthaftigkeit, aber um die Mundwinkel zuckte es verräterisch, und seine grauen Augen blinzelten mir, sooft ich näherkam, vielsagend zu. Die arme Mama, die das Fahren auf dem Meere nicht verträgt, verschwand in eine Kajüte und blieb trotz des herrlichen Wetters und der spiegelklaren See verschwunden, so lange wir nicht festen Boden unter uns hatten, Ming Tse schob uns Mädchen in eine Ecke und setzte sich als Haremswächter davor. Seine Augen schossen Blitze, sooft sich ein männliches Wesen uns näherte, und Jenny sah sich daher gezwungen, jeden Flirt zu unterlassen. Dagegen fütterte er uns die ganze Zeit mit den herrlichen, riesengroßen Pfirsichen, an die ich noch jetzt mit Genuß zurückdenke – gewiß die schönsten, die ich gesehen oder gegessen hatte.

Nach einer Weile begann die alte Baracke – denn diese holländischen Schiffe sind klein und armselig ausgestattet – trotz des klaren Himmels und der ruhigen See ein wenig zu wackeln, was Ming Tse veranlaßte, sich tiefer in den Reiseplaid zu wickeln und steinunglücklich dreinzuschauen. Jenny benützte die Schwäche des Wächters dazu, auf das Hinterdeck zu entfliehen, wo sie ihre Blicke über die Fluten, über den Himmel und – über die Mitreisenden, über letztere nicht am wenigsten, gleiten ließ.

»Gott sei Dank, daß du nicht wie deine Schwester bist,« brummte mein Verlobter. »So ein Mädchen ist die reine Pest.«

Wir unterhielten uns besonders über einen alten Juden, der uns nahe saß und aus einem schmutzigen Papier heraus ein Stück Fleisch wickelte, was ich als Ueberreste eines Huhns, er als die eines Kaninchens betrachtete.

Der Vorfall erinnerte mich an eine merkwürdige Episode in Ming Tses Londoner Existenz. Er erhielt einst, ohne es zu wissen, ein Kaninchen vorgesetzt und war so böse, als er erfuhr, was er gegessen hatte, daß er sofort ausziehen wollte. Kein Wunder! Da sein Vater nie Kaninchen verspeisen durfte, war es dem Sohne auch nicht erlaubt, und ich erinnerte mich, daß der arme Chinese eine ganze Menge Brechpulver einnehmen mußte, damit das widerspenstige Kaninchen wieder herauswanderte, denn drinnen bleiben durfte es nicht – das wäre ein himmelschreiendes Verbrechen gegen alle seine Vorfahren gewesen. Folglich quälte ihn der Anblick des Juden und des Kaninchens in einem solchen Grade, daß er überall herumging, nur um diesen zwei Schreckgestalten auszuweichen. Mich wickelte er vorsichtig in einen großen, warmen Plaid und schob den Deckstuhl so nahe an das Schiffsende heran, daß ich nichts als die Fluten übersehen konnte. Er selbst suchte und fand Jenny.

»Ihre Schwester braucht Sie,« sagte er kurz. Dann fügte er hinzu: »Sie haben genug herumgeschaut, die armen Männer müssen endlich Ruhe haben,« – sprach's und schob sie, die ihn um Kopfeslänge überragte, gebieterisch in meine Richtung.

»Jenny,« fragte ich sie, sobald Li Bai außer Hörweite war, »hast du nur diese Blusen mit kurzen Aermeln und ausgeschnittenem Halse?«

»Gewiß,« lautete die Antwort. »Mama sagt, ich habe so schöne Arme und einen hübsch geformten Hals – warum soll ich ihn da zudecken, wie du den deinen?«

»Schwester, sei nicht so maßlos eitel und sprich nicht immer von deinen Vorzügen, du wirst dich Fremden gegenüber lächerlich machen. Dies ist jedoch nur nebenbei bemerkt,« sagte ich, als ich sah, daß Jenny beleidigt die Lippen aufwarf, »ich wollte dich nur bitten, immer lange Aermel zu tragen und auch einen hohen Kragen zu wählen, so lange du im Orient bist. Die Orientalen finden es im höchsten Grade abstoßend und unmoralisch, so gekleidet zu gehen. Tust du es, wirst du dir viele Unannehmlichkeiten zuziehen.«

»Oh, Unsinn,« erklärte meine Schwester, legte aber in Zukunft doch Blusen, wie ich sie vorgeschlagen hatte, an.

Ming Tse kam zu uns zurück. »Wollt ihr nicht Kaffee trinken, Kinder?« fragte er.

Ich, die ich ahnte, wie der Kaffee auf dem Schiff sein würde, lehnte sofort ab und riet den andern, mir nachzutun. Jenny tat es, Li Bai aber ging mutig in die Tiefen. Als eine Viertelstunde nach der andern verging und er nicht zurückkehrte, ging ich auf die Suche nach ihm aus. Er taumelte mir bei der Treppe entgegen, wankte auf die Brüstung zu und sah wie ein Geist aus.

»Was ist dir geschehen, Li Bai?« fragte ich besorgt.

»Kaffee!« war die einzige Antwort. Gleich darauf verlangte der Meergott seinen Tribut und – erhielt ihn.

Erst als ich nach einer Weile den armen Chinesen in einen Deckstuhl verpackt und mit einem Reiseplaid umwickelt hatte, erzählte er, daß er nach langem Warten einen teuren Kaffee bekommen hatte, der keinen Geschmack und wenig Farbe besaß, ganz lauwarm war und ihn sofort seekrank machte. Er schimpfte auf die Holländer, als ob die ganze Nation nur schlechten Kaffee kochen würde, und hat noch heute eine sehr unschmeichelhafte Meinung von Holland und seinen Bewohnern.

In Vlissingen kehrte Mama zur Oberfläche als handelndes Menschenkind zurück, und auch Ming Tse stand wieder sicher auf seinen zarten Beinen. Der Kapitän nickte Mama wie einer alten Bekannten zu und war stolz darauf – wie er ihr versicherte –, sie so gut an allen Gefahren vorüber in den Hafen geführt zu haben, doch Mama sah gar nicht so dankbar aus als man Ursache hatte zu vermuten, und Li Bai sah den Kapitän, das Schiff und die Besatzung so wütend an, als wollte er ihnen allen einen Paß zum Reiche der Seejungfrauen ausstellen.

Kaum war die Zollrevision vorüber, wollte Ming Tse etwas essen und weigerte sich, den Berliner Expreß zu betreten, bevor er wußte, und aus guter Quelle wußte, daß der Speisewagen mitfolgte. Erst als wir uns im Wagen gegenübersaßen und uns die überstandene Fahrt nur ein Traum schien, tauten Mama und der kleine Chinese, die beide bei den Göttern und Heiligen ihres Landes schworen, nie wieder die Planken eines Schiffes zu betreten, ein wenig auf.

An der deutschen Grenze war wieder Zollrevision, und hierauf durften wir schlafen. In Berlin blieben wir nur einen halben Tag, und mir tat es wohl, nach langer Zeit wieder in einem Lande zu weilen, wo man meine Sprache sprach. Jenny war selig, »Unter den Linden« einige Einkäufe machen zu können, und Ming Tse war ebenso unermüdlich wie sie im Wählen allerlei Kleinigkeiten, die man nach China mitführen sollte. Am Abend verließen wir Berlin, und Jenny drückte ihr Näschen an die Scheiben, um acht Uhr abends das Nachtleben Berlins vom Zuge aus beobachtend. Natürlich neckten wir sie hinterher und fragten, was ihr vom »Nachtleben« am besten gefallen habe. Ich freute mich innig, daß meine Schwester noch so beglückend naiv war, und bedauerte, Mama zugeredet zu haben, sie nach China mitzunehmen. Jetzt war eine Aenderung nicht mehr zulässig.

An der russischen Grenze leerte man unsere Koffer einfach auf den schmutzigen Bahnsteig aus, und die Zollbeamten – oder wie mein Vetter sie zu betiteln pflegte, – die Kofferspione – fuhren mit ihren zweifelhaft reinen Händen schauerlich unter den Sachen herum. Li Bai, der seinen Koffer mit der ihm eigenen Pedanterie gepackt hatte, sprach chinesisch – kaum Kosenamen, denke ich mir –, und ich hatte große Mühe, den übervollen Koffer wieder zu schließen. Ich bat daher Jenny, sich darauf zu setzen, damit ihr Gewicht den störrigen Gesellen eines Besseren belehren möge, aber da kam ich schön an. Li Bai entließ uns mit einem Blicke und einer Handbewegung, die keine Feder hinreichend wiedergeben könnte und packte meinen Koffer selbst. Jenny fiel beinahe in Ohnmacht, als sie bemerkte, was für Kleidungsstücke dabei notwendigerweise durch seine kleinen Hände wandern mußten, aber ich habe in der Hinsicht stärkere Nerven. Der fertige Koffer war ein Meisterwerk, und wohl oder übel mußte sich Jenny demselben Schicksal unterwerfen, denn Ming Tse sagte mit mehr Wahrheit als Höflichkeit:

»Ihr könnt beide nicht einen Koffer packen.«

Bei der Paßrevision und auch im Speisewagen half mir meine Kenntnis des Russischen, was meinen Reisegefährten sehr imponierte, weil sie mit der Sprache des Zarenreiches gar nicht vertraut waren. Sie half mir auch sehr in Moskau, wohin wir am folgenden Tag spät abends gelangten und im Hotel l'Europe abstiegen, wo man die Sprachen der ganzen gebildeten Welt hören konnte. Herrlich schönes Moskau! Früh am nächsten Morgen stand ich auf dem kleinen Balkon und sah hinweg über die unzähligen Kuppeln und Türme, die malerischen Gebäude dieser echt russischen Stadt, mit dem Kreml im Hintergrund und dem flutenden Verkehr zu meinen Füßen. Wir waren im Oktober und die Blätter der Bäume wiesen alle Farbennuancen vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braun auf, rote Blätter funkelten dazwischen hervor und der tiefblaue Herbsthimmel, auf dem die aufgehende Sonne eben einige Wölkchen rosig färbte, bevor sie die Kuppeln und Baumspitzen küßte, rief in meinem Herzen allerlei Gefühle wach, von denen das stärkste jedoch der Wunsch war, das, was ich jetzt in mir widerklingen hörte, durch den Pinsel oder die Feder verewigen zu können. Die Größe und reine, erhabene Schönheit der Natur verglichen mit unserem armseligen Haschen und Jagen – wonach? Die ewig wiederkehrende Frage des »Seins oder Nichtseins«, das beseligende Bewußtsein, daß alles Kleinliche in solchen Augenblicken von uns abfällt wie ein altes Kleid, dessen wir länger nicht bedürfen, ein Verlassen des eigenen Ichs, um sich über die Erde hinaus in unbekannte Welten zu schwingen – alles dies bewegt die Seele bei dem Anblick reiner Schönheit, und muß man auch bald in die graue Wirklichkeit zurückkehren, bleibt doch der Eindruck des Gesehenen zurück und zittert als schöne Erinnerung noch lange in uns nach.

»Käthe,« rief in diesem Augenblick Mama, »ich wünschte, du würdest nicht eine halbe Stunde lang mit der Nase auf die Wolken gerichtet stehen, sondern lieber auf deine Toilette schauen. Deine Krawatte sitzt schief.«

»So richte sie bitte,« erwiderte ich müde. Was war eine Krawatte gegen das Universum?

»Aber Käthe,« entfuhr es Jenny, »hast du wirklich Lust auf dem Balkon zu stehen, wenn alle Gäste noch schlafen? Jetzt ist ja niemand zu sehen.«

»Jenny,« erwiderte ich ernst, »ich schaue nicht die Leute an – die interessieren mich nicht. Ich blickte,« setzte ich träumerisch hinzu, »auf die Schattierungen der Blätter und die Farbenabstufung am Himmel.«

In diesem Augenblick trat Ming Tse ein.

»Käthe studiert Farbenabtönungen am Himmelsbogen und darunter,« rief meine Schwester ihm entgegen.

Ich zog Li Bai auf den Balkon. »Ist es nicht wunder-, wunderschön?« fragte ich ihn und legte unwillkürlich meine Hand auf seinen Arm, als wollte ich etwas von dem, was mich so stark bewegte, durch Magnetismus auf ihn übergehen lassen.

»Nichts zu sehen,« bemerkte er gelassen. »Komm zum Frühstück!« Damit schüttelte er meine Hand ab und folgte den anderen hinab in den Speisesaal. Ich kam mir wieder einmal vor wie ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, der in der Ferne ein Schiff sieht, dessen Aufmerksamkeit er aber nicht erregen kann. So ging auch ich hinunter und – frühstückte.

Ueber die Sehenswürdigkeiten Moskaus will ich hier nicht sprechen – eine Reisebeschreibung soll dieses Werk nicht werden – genug, wir besahen alles, was dort von Interesse war und verweilten zwei Tage in dieser Stadt. Ming Tse war zuvorkommend wie immer, unser Verkehr rein freundschaftlich und wohl niemand, der uns Seite an Seite durch die Straßen der alten Stadt wandern sah, hätte glauben können, daß hier zwei Verlobte dahinmarschierten, so weit entfernt voneinander gingen wir, und so ruhig und leidenschaftslos waren unsere Züge. Mama fand unsere Haltung äußerst comme il faut, Jenny lächerlich und ich? Ich dachte an jene längstentschwundene Zeit zurück, wo selbst ich davon geträumt hatte, daß man als Braut im irdischen Paradiese schwebe, daß eine unbekannte, früher ungeahnte Seligkeit das Herz schneller schlagen, das Blut schneller kreisen lasse. Die Glückseligkeit war entschieden nicht europäisch – aber die Ruhe, die gleichmäßige Heiterkeit, die ich im Verkehr mit Li Bai fand, war nicht zu verachten – es war der orientalische Abglanz, voilà tout!

Sonnabend! Jennys Wangen glühen vor Aufregung, Mama empfiehlt ihre Seele und besonders den Körper dem großen Geist, betend, daß sie mit dem Kopf auf dem Rumpfe wohlerhalten wieder nach Moskau zurückkommen möge, Ming Tse freut sich wahnsinnig auf das endliche Wiedersehen mit seiner Mutter, und ich wünsche aus ganzer Seele, daß die Zukunft lichter als die Vergangenheit werden würde; so stehen wir alle gegen Mitternacht auf dem großen und belebten Kursk-Nishninowgoroder Bahnhof und warten auf den sibirischen Zug, der uns in das Reich des fernen Ostens tragen soll. Endlich wird das Abfahrtszeichen gegeben, wir betreten unsere Abteile, die wie kleine Zimmer sind, die man nach Belieben sperren kann, sooft man sie verläßt und wo alles sehr bequem und elegant ist. Noch ein Blick über Moskau mit seinen Hunderten von Lichtern, den dunklen, kaum sichtbaren Kuppeln und Türmen, und wir sausen durch die mondhelle Nacht über die große Ebene rund um die Wolga, auf der die unzähligen Schiffe auf- und niederfahren, von denen in den warmen Sommermonaten ununterbrochen Gesang ertönen soll – die melancholischen Lieder erklingen da aus den Kehlen der Schiffer, die damit die Unbehaglichkeiten der Reise zu mildern suchen. Nun war alles still, nur das fahle Mondlicht beleuchtete das nächtliche Rundbild. Die drei Mitreisenden verfügten sich in ihre Zellen, ich aber lag, überkommen von dem Gedanken, Europa vielleicht auf Jahre, vielleicht auf immer, Lebewohl gesagt zu haben, die Nacht hindurch wach und blickte, als sich endlich die schweren Morgennebel hoben, auf das in der Ferne auftauchende Hügelland.

Li Bai klopfte schon früh an meine Türe, und da die beiden Damen noch schliefen, gingen wir allein in den Speisesaal, wo ein dicker Mann uns gegenüber Platz nahm. Ich mochte kaum einen Schluck getan haben, als er trotz meiner abwehrenden Haltung ein Gespräch anfing, und da ich russisch konnte und Li Bai nicht, fiel die Bürde der Unterhaltung auf mich. Es stellte sich heraus, daß mein Gegenüber ein wohlhabender Pferdehändler war, der bis Samara mitfuhren wollte, und da ich mich interessierte, wann wir dahin kommen würden, ging er gleich daran, im Fahrplan die Ankunftszeit zu finden.

Mein kleiner Chinese sah wie eine dräuende Gewitterwolke aus, obschon ich immer wieder das Gespräch mit dem Fremden unterbrach, um ihm alles zu übersetzen, und als er nun merkte, daß der Händler mir galant allerlei Ankunftszeiten auf ein Stück Papier schrieb, war er so böse, daß er mich fragte:

»Wozu braucht der Mensch da höflich gegen dich zu sein? Und wozu braucht er dir Ankunfts- und Abfahrtszeiten herauszuschreiben, dieser dicke Idiot!? Haben wir nicht selbst einen Mund unter der Nase und zwei Augen oberhalb derselben, so daß wir selbst fragen und herausfinden können, was wir wollen?«

Damit faßte er mich am Arm und zog mich hinter sich durch den ganzen Zug, bis wir vor Mamas Zelle standen, an die er klopfte.

»Mama,« rief er, sobald er sie begrüßt hatte, »hier bringe ich dir die Käthe. Wenn ich nicht auf sie achtgegeben hätte, wäre sie mit einem Pferdehändler, der nach Samara fährt, durchgebrannt!«

Seine geschlitzten Augen sahen in diesem Augenblicke keineswegs übermäßig hübsch oder angenehm aus.

Mama dankte ihm aus voller Seele, wenn auch mit einem Lächeln um die Lippen, Jenny aber warf sich auf das Bett, strampelte vor Vergnügen mit den Beinen und lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Für den Rest des Tages wich Li Bai nicht von meiner Seite, und ich fragte mich, wie es werden würde, wenn ich einmal in China sei. Seinem Versprechen gemäß sollte ich das Recht behalten, auszugehen, sooft ich dies wünschte, wenn er auch gänzlich abgeschlagen hatte, mich meinen Beruf dort weiter ausüben zu lassen. Wie nur alles enden würde? Vorläufig unterhielt mich sein Betragen nur.

Am zweiten Tage gegen Mittag kamen wir nach Samara, und von da an begann eigentlich erst so recht die Reise. Russen aller Arten standen in ihren etwas schmutzigen Kleidern auf dem Bahnhof und warteten auf den gewöhnlichen sibirischen Zug, der mit russischer Gleichgültigkeit gegen das Sprichwort »Zeit ist Geld« innerhalb der nächsten zwei bis drei Stunden eintreffen sollte. Auf allen Stationen hält der einfache sibirische Zug; die armen Auswanderer, denen es beinahe ebenso schlecht wie den Gefangenen geht, können aussteigen und sich heißes Wasser holen, womit sie ihre Teevorräte erneuern, und die Eisenbahnbeamten behandeln sie nicht viel besser als Tiere. Man erzählt sich, daß ein Zugführer einst einigen armen Russen, die auch auf einer solchen Station ausgestiegen waren, höflich sagte: »Meine Herren, es ist Zeit zum Einsteigen!« aber niemand nahm irgendwelche Notiz davon. Nach dem zweiten Glockenzeichen sagte er: »Einsteigen, bitte!« doch ganz ohne Erfolg. Diese Unglücklichen glaubten nicht, daß die Aufforderung an sie gerichtet war, und erst als er hinzutrat und sie anschrie: »Verdammtes Pack, seht zu, daß ihr augenblicklich in den Zug kommt,« verstanden sie, wer gemeint war, und eilten auf ihre Plätze.

Der Zug flog über die weite Ebene von Batraki, die mit ihrer Abwechslungslosigkeit ununterbrochen bis Kinel fortdauert und erst bei ihrer Kreuzung mit der Hügelkette unweit des Padowaflusses ein Ende nimmt, während wir in dem bequemen Zuge saßen, wo wir einen Lesesaal mit guter Bibliothek und vielen Zeitungen hatten, in dem man Schach spielen konnte und wo man so viele Briefe an kleinen Tischchen schreiben konnte, als man nur wollte. Da waren Badezimmer und Küche, der schöne Speisewagen und der elegant möblierte, mit vielen weichen Sitzgelegenheiten ausgestattete Salon, die netten Schlafzimmerchen und die langen Korridore, durch die man von einem Ende des Zuges zum andern gehen konnte. Da es schon ziemlich kühl war, wurde der Zug geheizt, was den Aufenthalt überall sehr angenehm gestaltete. Ming Tse und Jenny wanderten wie Kinder durch alle Räume, untersuchten alles, freuten sich über jede Entdeckung und waren ganz gleichgültig gegen die Gegenden und die Orte, die wir passierten. Der Zug fing in voller Fahrt das nötige Wasser aus der der Strecke angrenzenden Wasserleitung auf und brauste mit unverminderter Fahrt durch die Stationen, auf denen wir nur wie im Fluge Soldaten und Gefangene stehen sahen. Lange lagen am Morgen die Nebel über der Landschaft, und früh schon sank am Abend die Dunkelheit herab.

Am folgenden Tage erspähten meine Augen endlich den erwarteten schlichten Grenzobelisk, auf dem mit russischen Buchstaben »Europa – Asia« stand und an dem wohl manch' ein armer Verbannter mit Schaudern vorbeigegangen. Hier mußte man Abschied nehmen von der Zivilisation, nun waren wir in Asien, dem gefürchteten Sibirien. Ach, auch ich hatte Europa jetzt hinter mir gelassen – wie, wie würde ich Asien finden?

Li Bai kam gelaufen. »Mutter, Käthe, kommt, jetzt kommen die hängenden Brücken, die großen Schluchten!«

»Der Ural?« fragte ich lebhaft und war augenblicklich am Fenster, Mama gleichfalls.

»Es ist ja gleichgültig, wie der Berg heißt,« meinte Li Bai, »hübsch ist die Gegend.«

Ich vergab ihm gern seine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, verriet er doch zum ersten Male, daß die Schönheit eines Gegenstandes (außer Kleidern) auf ihn wirkte. Es war auch großartig, was wir sahen. Vorüber ging die Fahrt an herrlichen Bergseen, in denen sich der Schnee der Berggipfel klar spiegelte, an Abhängen, über die Schwebebrücken führten, an Aushöhlungen vorbei, die majestätisch in ihrer Großartigkeit wirkten; Abgründe erblickten wir, die uns den Atem benahmen und in denen wir Gießbäche wild rauschen hörten; bald führte die Bahn durch einen künstlich gebildeten Unterbau dahin, bald bahnte sie sich den Weg durch einen endlosen Tunnel, immer wechselnd, immer Bewunderung erregend. Zwischen Zlatoust, »dem goldenen Mund«, und Urshumka erreicht sie endlich ihren Höhepunkt. Mächtige Kurven, wilde Wasserfälle und schroffe Felswände verleihen auch weiterhin der Strecke großen Reiz.

Jenny hatte einen großen Bewunderer gefunden, der ihr auf Tod und Leben den Hof machte und uns alle interessanten Punkte erklärte, nicht nur während wir sprachlos vor Staunen und Entzücken den Ural kreuzten, sondern auch später, als er uns auf die Aushöhlung des Dergatsch, ein wahres Meisterwerk, aufmerksam machte. Er belehrte uns, daß nur einundzwanzig Werst vom malerischen Orte Ssuleja, an dem wir wie der Wind vorbeisausten, das berühmte Bakalsche Grubenwerk liegt, welches überreich an Eisenerz – vielleicht das reichste Sibiriens – ist, und erzählte, daß in dem Museum von Zlatoust ein Nagel aufbewahrt werde, den Kaiser Alexander I. eigenhändig geschmiedet haben soll. Kurz, der Russe war ein sehr angenehmer Gesellschafter für Jenny und Mama. Ich durfte freilich nicht viel mit ihm sprechen, sonst sah Li Bai drein wie ein vierzehntägiges Regenwetter mit gelegentlichem Schauer und Donnerwetter.

Trotzdem der Russe gewiß nicht zehn Worte mit mir gewechselt und sein ganzes Herz – so schien es wenigstens – Jenny zu Füßen gelegt hatte, sah Li Bai ihn doch mit Vergnügen bei Tschelabinsk den Zug verlassen, um mit der Zweigbahn nach Jekaterinenburg zu fahren, wo er Geschäfte hatte. Es war der Vorabend meines Geburtstages, und als mir Ming Tse zum Abschied die Hand reichte, zog er mich plötzlich etwas von Mama und Jenny weg und flüsterte mir geheimnisvoll zu:

»Ich habe etwas sehr Hübsches für dich, Käthe, für morgen,« und er hielt einen Augenblick inne, »und morgen werde ich dich – küssen!« Sprach's, drückte meine Hand noch einmal und verschwand in sein Schlafabteil.

Ein Europäer hätte wahrscheinlich gefunden, daß er der gewinnende Teil bei diesem Vorgang wäre, aber Li Bai sagte es mit dem Tone und der Miene eines Menschen, der sich vollauf bewußt ist, welche unendliche Großmut er dem Gegner zeigt und welch unschätzbare Gnade damit verliehen wird. Ich war unglaublich gespannt, wie er sich dabei ausnehmen werde und wie mich diese seine Zärtlichkeit berühren würde. Ich war sogar ängstlich, da ich gegen jedwede Berührung außergewöhnlich empfindlich bin und ich mich fürchtete, mir könnte ekeln. Allerdings war er so rein und nett, jung und bartlos, daß ich mich einigermaßen beruhigt fühlte, aber mit großer Spannung sah ich nichtsdestoweniger dem kommenden Tage entgegen.

Als daher Jenny früh an mein Abteil klopfte und mir eine hübsche Handarbeit als Geschenk überreichte, bat ich sie, mit Mama voraus in den Speisesaal zu gehen, da ich natürlich Ming Tse allein treffen wollte. Mama gab mir eine lange Goldkette, an die ich mein Firmungsgeschenk, eine Golduhr, hängte, und nachdem wir beide geweint hatten – ganz wie's sich schickt, wenn man vierundzwanzig Lenze hinter sich hat –, blieb ich allein in meinem Abteil.

Etwa fünf Minuten später klopfte es verstohlen an die Pforte, und auf mein »Herein!« erschien zögernder als gewöhnlich mein kleiner Chinese auf der Schwelle.

»Möge sich dieser Tag noch oft wiederholen!« sagte er, indem er ein sehr schönes Kettchen mit einem Anhänger um meinen Hals legte, und dabei berührten seine Lippen fast unmerklich meine Wange, gerade als fürchtete der Besitzer dieser Lippen sie an mir zu verbrennen. Er war auch gewiß dreimal so verlegen wie ich, blickte mich gar nicht mehr an, und obschon ich ihm warm dankte, wandte er sich mir nicht wieder zu, sondern faßte mich energisch bei den Schultern und schob mich vor sich dem Speisewagen zu.

Als wir vor der Türe des Wagens standen, hielt der kleine Chinese einen Augenblick inne und fragte mich:

»Bist du zufrieden, Käthe, daß ich dich geküßt habe?«

Und ich, die ich mich der Hoffnung hingab, daß hier wie in allen Dingen Uebung den Meister machen würde, entgegnete lächelnd:

»Sehr zufrieden und sehr froh, Li Bai!«

Damit betraten wir den Speisewagen, der eben mit voller Fahrt durch das wichtige Gouvernement von Orenburg dahinbrauste und in dem am appetitlich gedeckten Frühstückstisch Mama und Jenny saßen und ein Butterbrot nach dem anderen in den inneren Kräftebehälter hinabspazieren ließen.

Am Nebentische saßen zwei hagere Engländer, aber Jennys Augen und Mamas Beredsamkeit (Mama spricht auch mit Leuten, deren Sprache sie nicht mächtig ist, und macht aus drei Worten ausländischer Wortkenntnis mehr, als ich aus einem reichen Wortschatz von vielen tausend Wörtern) hatten das ihrige getan – man sprach herüber und hinüber, und die beiden Herren machten uns aufmerksam, daß wir eben an Mischkino vorbeifuhren, das die Waren von ganz Sibirien für die berühmte Irbitsche Messe erhält. Als wir später im Salonwagen saßen und an Kurgan vorbeisausten, wußten die Engländer zu erzählen, daß dieser Ort seinen Namen dem Umstande verdankt, daß in unmittelbarer Nähe der Stadt künstliche Erdaufschüttungen in Gestalt von Kurganen oder Hünengräbern liegen, die mit Wald und Gräben umgeben sind und um die sich viele Sagen spinnen, besonders um den einen, in welchem einst eine wunderschöne Königstochter gelegen haben soll und die, als die Tataren immer wieder ihren Grabhügel der unermeßlichen, darin vergrabenen Schätze willen plünderten, eines Nachts auf silbergeschmücktem Wagen, der von zwei milchweißen, feurigen Rossen gezogen wurde, aus dem Hügel herausfuhr und sich in den unergründlichen Tschuklomsee stürzte. Natürlich blickten wir alle interessiert auf die eigentümliche Stadt mit ihrer breiten, öden Hauptstraße, ihren kleinen, fast durchschnittlich ebenerdigen Häusern und den im Hintergrunde auftauchenden Hünengräbern. Ueberall lag schon Schnee, obschon wir kaum Mitte Oktober hatten, und die Aussicht auf all die öden Strecken vor uns bot wenig Fesselndes, bis wir auf der breiten Eisenbrücke den mächtigen Tobol überschritten, an dem so viele Nomadenstämme sich niederließen und der eine so wichtige Rolle für diese Leute spielte.

Ich fühlte eine Hand auf meinem Arm. Li Bai stand neben mir und sagte gelangweilt:

»Komm mit mir, Käthe, wir gehen durch den Zug.«

Kaum waren wir in Bewegung, als er mir sagte:

»Diese Fremden sind ganz überflüssig, sie sollen mit Mama und Jenny sprechen. Für dich haben sie kein Interesse, nicht wahr?« fragte er mich und kniff die Augen gewaltig zusammen.

»Gar kein Interesse, aber sie kennen die Gegend gut. Hörst du nicht gern alles über ein Land, das man durchfährt?«

»Ja – a!« entgegnete er gedehnt. »Ist doch immer die alte Geschichte,« fügte er wegwerfend hinzu. Hierauf lehnte er sich ruhig zurück und erzählte mir allerlei Geschichten von China – von Vampiren, die ihren Feinden in der Nacht das Blut aussaugen, während sie am Tage meist die Gestalt eines schönen Mädchens haben; von Räubern, die sich in ein reiches Haus einschlichen und die Tochter des Hauses überfielen, worauf sie verschwanden, aber ihren Namen – oft einen sehr gefürchteten – zurückließen; von Dämonen, die sich in die Häuser einschlichen und allerlei Unheil stifteten und Aehnliches. Er schien, obschon er unseren Aberglauben, unsere Märchen, ja selbst unseren Glauben verspottete und verlachte, von dem, was er erzählte, ganz durchdrungen zu sein. Daß er auch nicht ohne Aberglauben mit Bezug auf die alltäglichen Vorkommnisse war, zeigte sich am folgenden Tage.

Wir hatten Irkutsk passiert, wo wir den Zug endlich einmal verlassen und auf dem mit Buräten, Jakuten, Tungusen, Japanern, Chinesen und den gefürchteten Kosaken mit ihren feurigen Augen und ihren hohen Pelzmützen übervoll besetzten Bahnsteig auf und ab gehen konnten, und saßen gerade vor einigen russischen Nationalspeisen, als eine tote Fliege in der Suppe Li Bais sichtbar wurde. So etwas ist immer unangenehm und abscheuerregend – wer zweifelt daran? – aber mein Verlobter nahm es doch noch viel tragischer, als man dies erwarten konnte.

»Eine Fliege! Eine Fliege in der Suppe!« sagte er mit Grabesstimme. »Das bedeutet einen Todesfall in der Familie!«

All unsere Versicherungen, all unsere Bemühungen, ihm begreiflich zu machen, daß dies nur ein Aberglaube sei, war vergeblich, und für den Rest des Tages war Li Bai äußerst schlechter Laune und sehr niedergedrückt.

Der nächste Tag war etwas freundlicher. Es schneite nicht mehr, und Li Bai sah auch fröhlicher aus, obschon er ganz in Trauer gekleidet erschien – selbst mit schwarzer Krawatte und matten Manschettenknöpfen.

»Was ist geschehen?« fragte Mama, die sogleich an die Fliegenprophezeiung dachte.

»Vor sieben Jahren starb mein Großvater an diesem Tage, und daher ist es notwendig, daß ich für heute Trauer anlege.«

Der chinesischen Sitte gemäß legt man an den Sterbetagen der Mutter und der männlichen Verwandten stets Trauer an (für die übrigen Frauen wird jedoch nicht Trauer getragen), selbst wenn schon über zwanzig Jahre seit dem Tode des Betreffenden verstrichen sind. Mama fand dies rührend, aber ich konnte nicht umhin zu denken, daß es doch unangenehm sein dürfte, falls man sehr viele Verwandte zu betrauern hat, da man in diesem Falle aus dem Trauertragen kaum herauskommen kann.

Endlich gelangten wir zum See Baikal, von den einheimischen Russen das »Heilige Meer« genannt, der einer der größten Süßwasserseen der Welt und entschieden der gewaltigste der Alten Welt ist. Die Chinesen nennen diesen See »Pei-ho« oder »Nordmeer«, die Mongolen geben ihm den Namen »Dalai-Nor«, was »Heiliges Meer« bedeutet, oder auch »Baikul« oder »gesegnetes Meer«. Die den See umgebenden Höhenzüge verleihen ihm einen besonders malerischen und großartigen Charakter. Die Randgebirge bilden verschiedene Gestalten, um die die lebhafte Phantasie der Eingeborenen viele Sagen gesponnen hat. Jede der zahlreichen Landzungen hat einen eigenen Namen und die Inseln werden von den lamaïtischen Priestern und auch von den burjatischen Schamanen als die Aufenthaltsorte des Gottes der Unterwelt Begdosi angesehen. Rund um den riesigen See gibt es eine Anzahl geweihter Stätten, an denen bald dem Gotte der Weisheit, bald dem Seegotte Dianda, bald anderen Göttern geopfert wird, damit diese Götter keine Menschenopfer verlangen sollen, wohl aber geneigt werden, den Fischern viele Fische an den Strand und in die Netze zu treiben. Die Farbe des Sees ist hell und die Fluten leuchten dem Beschauer auffallend durchsichtig entgegen. Als wir ihn passierten, war er schon teilweise zugefroren, im Juni und Juli aber soll an den sonst so stürmischen Gestaden eine so wunderbare Windstille herrschen, daß das Wachsen einer Anzahl merkwürdiger Wasserpflanzen sehr begünstigt wird und die die Fluten bald grünlich, bald rötlich erscheinen lassen, weshalb man diese Zeit »die Blütezeit des Baikals« nennt.

Li Bai war schon in höchster Aufregung, denn wir näherten uns der chinesischen Grenze. Nur noch wenige Tage und ich hatte meine neue Heimat erreicht. Jenny war sehr gespannt auf die neuen Eindrücke und Mama sah dem himmlischen Reiche mit einigem Mißtrauen entgegen. Ich glaube, sie wäre am liebsten gleich wieder zurückgefahren.

Seit jenem Kusse an meinem Geburtstage, der mich mehr an die Liebkosung einer Freundin als an den ersten Kuß eines Verlobten erinnerte, waren wir in unser früheres freundschaftliches Verhältnis zurückgefallen, und ich fragte mich, ob er auch als Gatte so fremd und kalt bleiben würde.

Kosenamen gebrauchte er nie, und nur das englische »dear«, was seiner Kürze wegen sehr gut einen Namen ersetzen konnte, schlich sich in unsere Rede ein. Er war sehr höflich, erriet unsere Wünsche bezüglich allgemeiner Bequemlichkeiten, machte Jenny einen zuvorkommenden Schwager und Mama einen höflichen aber unverständlichen Schwiegersohn, der zu allem »ja« sagte und alles »nein« tat, was ein gewisses diplomatisches Talent verriet. Die Abwechslung der Reise hatte wohltuend auf mein aus dem Gleichgewicht gebrachtes Gemüt und auf meine erschütterten Nerven gewirkt, und ich war infolgedessen heiterer geworden, wozu die komischen, oft treffenden Bemerkungen meines kleinen Chinesen sehr beitrugen. Eigentlich sagte mir Jenny oft, daß ich kein Recht hätte, ihn »den kleinen Chinesen« zu nennen, da ich nicht um ein Haar größer und schwerlich mehr wie zwei Zentimeter breiter als er war. Aber er erschien mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch – weniger klein, als vielmehr jung – und doch war er es nicht, wie ich mich später überzeugte. Ich konnte deshalb nicht umhin, ihn immer als »meinen kleinen Chinesen« zu betrachten, wie wenig Recht mir meine eigene Größe oder der Mangel einer solchen auch dazu gaben. Daß er so klein war, so zart aussah, war mir ein Trost!

Früh am folgenden Morgen kamen wir zum Dorfe Nagodan – der chinesischen Grenze. Die Kosaken verschwanden und eine Anzahl Chinesen mit kaftanähnlichen Kleidern und großen, in der Mitte spitz zulaufenden Hüten nahmen ihre Plätze ein. Hier war Zollinspektion, und ein verzweiflungsvolles Anklammern an sein Hab und Gut. Li Bai hatte uns gewarnt, die Träger auch nur einen einzigen Augenblick aus den Augen zu verlieren, da sie gleich mit den Koffern auf Nimmerwiederkehr verschwinden würden. Li Bai sprach, erklärte, schimpfte und bewachte, und es gelang uns mit vereinten Kräften einen Diebstahl zu verhindern, obschon es keine Kleinigkeit war, allen den zudringlichen, schmutzigen Chinesen zu wehren, die um jeden Preis ihre gelben Pfoten in die Tiefen unserer Koffer stecken wollten, und die mit affenartiger Geschwindigkeit bald einen Gegenstand, bald den andern ergriffen, um ihn in die weichen Falten ihres wallenden Gewandes verschwinden zu machen. Dazu schrien sie ununterbrochen und gestikulierten mit Händen und Füßen, daß mir ganz schwindlig im Kopf wurde und ich froh war, als die schreckliche Inspektion vorüber und wir wieder im Zuge waren.

Hier begann die chinesische Küche. Wir speisten zum erstenmal auf chinesische Art und Weise in Mukden, wo man uns zuerst grünen Tee ohne Zucker oder Milch in den kleinen, mit allerlei Zeichen und chinesischen Figuren überstreuten, henkellosen Tassen servierte. Ihm folgte eine Riesenschüssel Reis, der blendend weiß und ganz trocken war – er ersetzt in China unser Brot –, und kleingeschnittenes Fleisch mit einer Art Seegras, das mir gut schmeckte und mich unterhielt, da es beim Essen ein Heidengeräusch machte. Man hätte glauben können, daß ich zum mindesten die allerstärksten Hühnerknochen mit einem wahren Löwengebiß zerdrückte, so riesig war der Lärm, den die Zerkleinerung dieses Gemüses hervorrief. Wir mußten uns zum erstenmal der chinesischen Eßstäbchen bedienen. Das war eine schwere Aufgabe. Li Bai hielt die feinen Stäbchen geschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger und fischte aus dem Schälchen (denn wir aßen nicht von Tellern) sehr gewandt die Fleischstückchen, die er in die kleine Saucenschüssel, die bei jedem Besteck lag, tauchte und zum Munde führte. Mama, Jenny und ich aber, wir waren verloren. Li Bai warf in jede unserer Schalen mit dem entgegengesetzten Ende seiner Stäbchen alle erhaschbaren Leckerbissen, aber umsonst. Wenn wir sie endlich aufgefaßt hatten, ließ gewiß eine unvorsichtige Handbewegung die mühsam aufgeladene Beute ins Wanken kommen und manchmal flog sie mit der Sicherheit eines wohlgezielten Pfeils in das Gesicht oder auf die Bluse eines Mitspeisenden, und als endlich ein reichlich in die pikante schwarze Sauce getauchtes Stück Huhn auf diese ungewollte Weise Li Bai »platsch« gegen die tadellose Krawatte geflogen war, warf er einen Blick gegen den Himmel, als ob er die unsichtbaren Mächte einladen wollte, solche Ungeschicklichkeit näher in Augenschein zu nehmen, schüttelte das Haupt, als ob so etwas noch nie vorgekommen wäre, und öffnete dann seinen Koffer, dem er schweigend drei Löffel entnahm, die er uns mit unbeschreiblichen Gesichtsausdruck überreichte. Dann knüpfte er sich eine frische Krawatte um und setzte seine Mahlzeit fort, durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, daß er unserer Schießlust Einhalt geboten hatte, indem er uns die gefährlichen Stäbchen gegen Löffel ausgetauscht. Den Schluß der merkwürdigen Mahlzeit bildete ein Litschikompott, das ausgezeichnet schmeckte. Die Früchte erinnern an unsere Pfirsiche, nur sind sie glatthäutig und viel kleiner. Der Geschmack ist sehr fein und die Frucht erquickt ganz unbeschreiblich. Tschau-tschau dagegen war mir zu süß, – er war noch süßer als unsere kandierten Früchte, übermäßig verzuckert und klebrig.

Wir stiegen spät am Abend in Peking aus. Li Bai führte uns in das europäische Hotel unweit der deutschen Gesandtschaft und nahm dann Abschied von uns. Wir sollten noch zwei Tage in der Hauptstadt Chinas bleiben, er aber fuhr voraus nach Tientsin, um seine Eltern zu begrüßen und den chinesischen Zauberer noch einmal zu befragen, wann der günstigste Trauungstag für uns sein würde. Daher nahm er auch alle meine Geburtsdaten mit, denn nach chinesischem Glauben spielt das Horoskop eines Menschen eine sehr wichtige Rolle. Viele Chinesen, die lange in Europa gewesen sind, haben mit diesem Humbug lange gebrochen, aber Li Bai war in seinem ganzen Wesen Chinese – unveränderlich Chinese – und ich viel zu nachsichtig in meinem Denken, als daß ich mich diesen seinen Wünschen irgendwie widersetzt hätte. Er konnte soviel es ihm beliebte an chinesischen Sitten und Gebräuchen festhalten, wenn er mich nur recht liebhaben wollte und mich stets höflich und gut behandelte.

Als wir uns zum Abschied die Hand reichten, flüsterte ich ihm zu:

»Li Bai, ich fürchte mich ein wenig vor deinem Vater!«

»Unsinn!« entgegnete er. »Mein Vater wird dir nicht den Kopf abreißen, er hat Europäerinnen gern und ist froh, daß du so viele Sprachen sprichst.«

Diese Versicherung beruhigte mich ein wenig, doch nicht ganz. Wie würde ich mich je in diese Verhältnisse finden? Ein heißes, drückendes Angstgefühl stieg bei diesem Gedanken in mir auf, aber mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraft drängte ich es zurück. Warum jetzt zittern, wo alles entschieden ist? Alle Menschen sind gleich, und gewiß kann es viele gute Menschen unter gelbem Aeußern geben, ebenso viele vielleicht als unter weißem oder braunem.

Ich hatte einem alten Herrn geschrieben, den ich einmal in Paris kennengelernt hatte und der nun, wie ich wußte, schon seit vielen Jahren zwischen Europa und Asien hin und her reiste, seinen eigentlichen Stammsitz geschäftshalber jedoch in Peking hatte. Früh am folgenden Morgen kam Herr Frise, um uns die Stadt mit allen ihren Sehenswürdigkeiten zu zeigen.

Er geleitete uns zuerst in die echt chinesische Stadt, wo wir in alte Porzellanfabriken und Geschäfte gingen, wo wir die herrlichen Schüsseln, Kannen, Vasen und Tassen bewundern konnten, die alle als Merkzeichen ihrer chinesischen Erzeugung den Drachen aufwiesen. Die Chinesen lieben es, solche echte Vasen oder Schüsseln zu sammeln und als Familiengut aufzubewahren, denn dieses Porzellan bedeutet ein ganzes Vermögen, etwa wie unsere Bücher vor der Erfindung der Buchdruckerkunst.

Die Straßen von »Shung-tien-fu«, oder wie die Chinesen die Stadt noch öfter nennen, nämlich »Peh-Djing«, d. h. nördliche Hauptstadt, sind entsetzlich. Sie sind weder geschottert noch gepflastert und der durch viele Hunderte von Jahren unablässig über sie hinwegrollende Verkehr hat den schrecklichen Sandboden in einen Hohlweg verwandelt, in dem man im Sommer vor Staub fast ersticken soll und in welchem man jetzt zur Winterszeit im Kot fast stecken blieb. Die kleinen echt chinesischen Wagen, die nach Aussage unseres Begleiters heute noch ebenso wie vor vielen hundert Jahren aussahen und die dem alten Weisen Konfuzius gewiß nicht um ein Haar verändert erscheinen würden, falls er plötzlich auferstehen und in den Gassen auf und ab gehen würde, halten sich noch heutzutage streng an die Achsenlänge, die wahrscheinlich unter Lao Tse in Kraft getreten war. Die Beförderung in einem solchen Vehikel läßt Herz, Lunge und Leber dergestalt gegeneinander fliegen, daß nur ein Orientale mit seiner Unempfindlichkeit gegen physische und moralische Schmerzen so eine Fahrt auf die Dauer aushalten kann. Daher tritt die japanische Jinriksha immer mehr in Kraft, aber auch da gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu, in diesen zweirädrigen Wägelchen nicht das Gleichgewicht zu verlieren und unsanft in den Straßenschlamm geschleudert zu werden. Trotzdem wird dieses fremdartige Verkehrsmittel besonders in Shanghai und Hongkong sehr viel verwendet.

Die reichen Chinesinnen wanken nicht auf ihren verkrüppelten Füßen (was Gott sei Lob ein Ende nimmt) durch die elenden Gassen, sondern werden in Sänften getragen, und nur die armen Chinesinnen müssen versuchen, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Wie man uns sagte, soll der liebende Gatte seine Frau nie auf den Mund, sondern immer nur auf diese »goldenen Lilien« küssen, die aber nie ganz bloßgelassen werden, da der Fuß nur eine formlose, abstoßende Masse ist.

Von allen Häusern und besonders den Auslagefenstern hingen allerlei bunte Papierstreifen mit chinesischen Zeichen versehen herab, überall sah man heftig sprechende Chinesen in eifrigem Handel begriffen. Trafen sich zwei Bekannte, so reichten sie sich nie die Hand. Es schüttelte nur jeder seine eigene Hand und legte, wenn er besonders liebenswürdig sein wollte, beide Hände gekreuzt über die Brust, in dem er den Körper leicht nach vorn beugte.

Wir gingen auch zum Gesandten, um alle Einzelheiten der Eheschließung zu bestimmen, und ich muß sagen, daß der alte Herr sehr liebenswürdig war und nichts unversucht ließ, um eine Verbindung zu vereiteln. Wäre meine Existenz nicht so traurig gewesen, so hätte ich möglicherweise seinen Vorstellungen nachgegeben. So aber war ich bereit, mich in die unbekannten Gefahren zu stürzen, in der Hoffnung, dort der Einsamkeit zu entgehen, in der trügerischen Voraussetzung wohl auch, daß es mir gelingen werde, die Liebe meines Gatten zu erringen oder seine chinesischen Gefühle für mich in irgendeine europäische Münze gleich hohen Wertes zu verwandeln. Noch zweifelte ich nicht ernstlich daran, daß mein unausgesetzter Einfluß günstige Folgen haben und mir den endlichen Sieg sichern würde. Er mußte doch wie andere Leute eine Seele haben – die Frage war nur, wie konnte ich die Perlen, die am Grunde seines Seins schlummerten, auf die Oberfläche fördern. Mama, die über die Warnungen des Gesandten nicht entzückt war, fürchtete sich ihrerseits viel zu sehr vor dem Gerede der Leute, als daß sie gewünscht hätte, mich vor der Ehe zu retten, und nur Jenny schlang weinend ihre Arme um meinen Hals und sagte, daß sie selber nie einen Chinesen heiraten könnte, auch nicht, wenn er so höflich wie Li Bai wäre, und damit war die Angelegenheit erledigt.

Wir wanderten auf der Stadtmauer umher, besuchten einige Tempel, die berühmten Tore der Stadt usw., und nach Ablauf von zwei Tagen saßen wir wieder im Zug, der uns nach Tientsin, der bedeutendsten Stadt des Nordens, bringen sollte.

Mama war von all den neuen Eindrücken in einen unruhigen Schlummer verfallen. Jenny und ich blickten auf die uninteressante Ebene hinaus, durch die sich der Pe-ho-Fluß träge schlängelt, und die er oft, wenn seine Wasser durch jähe Regengüsse anschwellen, furchtbar überschwemmt.

Plötzlich sah ich über Jennys blasses Gesichtchen zwei Tränen rollen. Ich zog mein Schwesterchen an mich und fragte sie, was ihr diese Tränen entlockt habe.

»Ni–chts!« entgegnete sie langsam und schmiegte sich eng an mich. »Ich – ich möchte nur so gern wissen, ob – ob – du glücklich sein wirst?« schluchzte sie sodann.

»Jennychen,« sagte ich weich, »das Glück ist ein individueller Begriff, und vielleicht habe ich es nicht in mir, so himmelanstürmend glücklich zu sein. Ich prüfe immer, ich ahne immer mehr hinter den Worten, als sie wirklich ausdrücken, möglicherweise auszudrücken bestimmt sind, aber ich habe ja selbst diese Ehe gewollt und –«, ich zwang mich, meiner Stimme einen heiteren Klang zu geben, »du weißt, daß des Menschen Wille sein Himmelreich ist.«

Eine Weile saßen wir schweigend da und hielten uns fest umschlungen. Ach, wenn ich meine Schwester immer, immer so nahe gehabt hätte!

»Möchtest du nicht einige Monate bei mir bleiben?« fragte ich. »Im Februar geht der Gesandte nach Europa zurück, und er versprach mir, dich mitzunehmen, falls Mama nun allein reisen würde. Nein, nicht allein,« fügte ich hinzu, als ich Jennys Zögern sah, »sondern mit Herrn Frise, der in fünf Wochen wieder nach Europa in geschäftlicher Angelegenheit reist.«

»Würde mein Bleiben dir ein Trost sein, Käthe? Du bist ja jung verheiratet dann und in den Flitterwochen.«

»Ja,« erwiderte ich gepreßt. »Weißt du, Jenny, chinesische Flitterwochen dürften nicht so – süß sein, daß – – daß deine Gegenwart störend wirken würde – – aber Jenny, zieht dich vielleicht der Doktor? Wenn, so will ich dich nicht halten, dein Glück geht allem voran.«

»Jenny wird bei dir bleiben,« sagte sie und sprach von sich wie ein kleines Kind in der dritten Person, indem sie ihr blondes Köpfchen an meine Schulter legte. »Der Doktor,« fuhr sie zögernd fort, »hat meine Haarlocke.«

Wir lachten beide, da wir beide uns augenblicklich bewußt waren, daß der arme Doktor nur wenig Trost aus einer Locke, und sei sie noch so schön, ziehen würde. Ich aber sehnte mich so sehr, wenigstens während der ersten Zeit jemanden aus meiner Heimat bei mir zu haben, daß ich Jenny nicht gern hätte reisen lassen. Auch dachte ich mir, daß es dem Kinde nicht schaden würde, etwas mehr von der Welt zu sehen, bevor sie sich für immer an den Doktor band, zu dem sie wie eine niedrige Sklavin zu ihrem Herrn und Gebieter aufschaute, was mir, die ich die Männer kannte, nicht gefiel. Die besten von ihnen sind herzlose Egoisten, die schlechtesten – least said, soonest mended!

Endlich hielt der Zug in Tientsin, dem Hafen Pekings, der berühmten Manufakturstadt, die wie ein Marmeladefleck auf einem riesigen Pfannkuchen dalag. Li Bai war da, um uns zu begrüßen und uns in das Haus eines Chinesen zu bringen, wo wir wohnen sollten, bis wir in das Haus des Mandarins übersiedelten, der stets über eine Anzahl Fremdenzimmer verfügte. Bis zur Trauung sollten wir indessen in dem genannten Hause bleiben.

Kaum hatten wir uns gewaschen und uns von der zweistündigen Fahrt etwas erholt, so kleideten wir uns in unsere besten europäischen Toiletten und bereiteten uns vor, dem gefürchteten Mandarin in seinem Bankkontor unsere Aufwartung zu machen. Li Bai, ebenfalls in tadelloser europäischer Kleidung, begleitete uns durch die Straßen Tientsins, das so gar nicht den Eindruck einer chinesischen Stadt machte. Da fuhren elektrische Wagen auf und ab, Telegraphendrähte spannten sich von einen Stange zur andern, die Häuser, in diesem Teile wenigstens, waren nach europäischem Muster gebaut und wiesen alle mehrere Stockwerke auf. Wir passierten den großen deutschen Klub, den wir am folgenden Tage besuchten, und wo man ausgezeichnetes Bier und unsere Würstel, die geliebten Würstel erhalten kann. Große Gärten, die jetzt allerdings öde dalagen, erstreckten sich vor vielen Bauten und alles machte einen freundlichen Eindruck, ganz anders als das schmutzige Peking, wenn auch hier die Reinlichkeit noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Wir durchkreuzten einige kleine Gassen, die sogleich das chinesische Gepräge trugen, sowohl was Reinlichkeit als auch Bauart und Geruch anbelangt. Aus manchen ebenerdigen Fenstern hingen Kinder. Man hatte ihnen eine Art Gängelband unter die Arme befestigt, so daß sie nun frei heraushingen, vieles sehen und sich nicht wehtun konnten. Nach unseren Ideen muß so ein aus dem Fensterhängen nicht sehr angenehm sein, aber Li Bai versicherte mir, daß alle ärmeren Chinesinnen ihre Kinder so vor dem Ueberfahrenwerden bewahrten, da sie nicht Zeit hatten, auf die Kleinen unausgesetzt achtzugeben. Das erinnerte mich an Japan, wo man den Kindern, wie bei uns den Hunden, ein Halsband mit Namen und Adresse umgibt, so daß das verlorene Kind früher oder später, tot oder lebendig, an den Besitzer zurückgelangt.

Wieder in eine breitere Gasse einbiegend und uns, so gut es ging, vor dem schaurigen Nordostwind schützend, indem wir uns immer fester in unsere Mäntel und Pelze hüllten, standen wir endlich vor einem Gebäude, auf dem auf englisch: »United Oriental and Tientsin Bank« mit großen Buchstaben geschrieben stand. Li Bai öffnete die Tür und ließ uns eintreten. Die Schwelle zum gefürchteten Mandarin, dem Bankdirektor und zukünftigen Schwiegervater, war überschritten.

A. F. Seebacher

Illustration from Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman
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