← Table of contents
Mein kleiner Chinese

XVIII.

Reading edition

Y prosigo mi senda, hacia, adelante,

Viendo lo que más ansio más distante

Y mi ventura yá desvanecida.

Cúanto me vuelvo más á lo pasado,

Hallo la vida un sueño mal sonado,

De quien ni sueña que es soñar la vida.

Mucio Teixeira.

XVIII.

Die Scheidung war ohne Schwierigkeiten durchgeführt worden. Beim Konsul hatten die Berichte des Doktors sehr den Weg geebnet, und bei den chinesischen Behörden tat sowohl das Ansehen als auch die weislich verteilten Bestechungen (im Orient noch mehr als im Okzident gilt das Sprichwort: »Wer schmiert, der fährt«) des Mandarins das ihrige. Die Vermögensbestimmungen waren schon vorher besprochen worden, so daß ein kurzgefaßter Bericht alles erklärte, und da keine Kinder da waren, fiel auch diese stets so schwer zu entscheidende Frage gänzlich weg. Noch ehe am 1. November die Mittagsmahlzeit die Angestellten den Berufspflichten entzog, war ich wieder frei, konnte gehen und tun, wie es mir gefiel.

Schweigend fuhren wir zur Bahn, und als das Zeichen zur Abfahrt gegeben worden war, reichte mir der Mandarin noch einmal die Hand, mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe und den unbeweglichen Zügen, die ich so oft an ihm gefürchtet und bewundert hatte, wünschte mir eine angenehme Heimreise und wies meinen Dank für seine freundliche Hilfe und den Schutz, den er mir hatte angedeihen lassen, ruhig zurück.

Ich reichte Li Bai die Hand, aber er wies sie zurück und sprang auf den sich eben in Bewegung setzenden Zug, während der Mandarin noch einmal eine grüßende Handbewegung machte und dann unseren Blicken entschwand.

»Ich begleite dich bis Hongkong!« sagte er entschieden.

Wie einst, als er noch mein Schüler im nun so fernen Westen gewesen war, half er mir so oft es nur möglich, bediente mich, als wir in Peking speisten, und war der vollendete europäische Kavalier, den ich in Europa so nett gefunden. Selbst das kindliche Wesen war unverändert. Er konnte über die Mitreisenden ebenso treffende Bemerkungen machen wie einst in London, und keine Spur von »miserable« war sichtbar.

Wir mußten die ganzen Abend- und Nachtstunden in den unbehaglichen chinesischen Zügen verbringen, und nur Li Bais fortwährende Bestechungen des Zugpersonals hatten zur Folge, daß wir wenigstens eine Art Wärmeflaschen einfachster Gattung erhielten, die unsere Füße und Hände vor dem Erstarren bewahrten.

Als einige der Mitreisenden ausgestiegen waren, neigte sich Li Bai über mich und sagte mit etwas von jener Weichheit und Zärtlichkeit in der Stimme, die in den allerersten Wochen unserer unglücklichen Ehe zuweilen durchgeklungen war, wenn er mir »No nai ni«, das chinesische »Ich liebe dich!« zuflüsterte:

»Ich möchte dich noch einmal küssen, Käthe, es ist ja das allerletzte Mal im Leben, daß wir zusammen sind.«

Zum letztenmal! Es liegt immer etwas Trauriges und zugleich etwas weich Versöhnendes in so einem »zum letztenmal«. Ich hob mein Gesicht schweigend zu dem seinen. Armer, lieber, kleiner Chinese! Es war wohl nicht seine Schuld, daß er so wenig »europäisch« war, und er konnte wohl ebensowenig dafür, daß er weder ein Herz noch eine Seele besaß, oder daß die beiden, falls er sie dennoch hatte, nie zum Vorschein kamen. –

Am folgenden Tage kamen wir in Hongkong an, dessen wunderschöne Lage und vollständig europäisches Gepräge mich angenehm überraschten, und bald brachten zwei Jinrikshas uns hinaus zum Hafen, wo der »Albatros« verankert lag. Meine Koffer waren schon an Bord gekommen und die Kajüte sah einladend, wenngleich so klein als nur denkbar, aus. Wir sollten zuerst in Singapore eine Woche verbleiben, dann zum Kap der Guten Hoffnung weitersegeln, und endlich, nachdem wir auch die Kanarischen Inseln besucht hatten, nach Norwegen fahren. In etwa zwei Monaten dürfte das Schiff in den Hafen von Christiania einlaufen.

Vier Stunden später verkündigte die schrille Dampfpfeife, daß der »Albatros« seine Reise anzutreten beabsichtigte. Li Bai legte die eben von ihm gekauften Früchte und Kuchen auf meinen Deckstuhl, breitete fürsorglich den Reiseplaid für mich aus und reichte mir dann die Hand zum Abschied.

Man scheidet nie leicht von dem Manne, dem man alles gegeben, was man zu geben hat, an den uns Bande knüpfen, die nur äußerlich getrennt werden können, die aber innerlich nie zerreißen. Der Name unseres Gatten steht auf der Platte unserer Erinnerung mit ehernem Griffel eingeritzt, gleich unverlöschlich, ob das, was darunter steht, zu seiner Ehre oder Schande lautet.

»Laß uns unsere Schwächen vergessen und nur des Guten gedenken, Li Bai!« bat ich, als ich zum letztenmal die zarte Hand in der meinen fühlte.

Unverständlich wie immer, wenn es sich um seelische Empfindungen handelte, klangen ihm meine Worte, die Lider deckten wie damals, als er mich bat, seine Frau zu werden, die schwarzen rätselhaften Augen, die Züge waren kalt und unbeweglich, wie immer, wenn nicht Zorn oder Lachen sie verzerrten.

»Leb' wohl, Käthe – und glückliche Reise!«

Das letzte Glockenzeichen ertönte. Er berührte mit seinen Lippen ebenso scheu und flüchtig wie an meinem Geburtstage meine Wange zum Abschied, drückte noch einmal leicht meine Hand und lief dann hurtig den Landungssteg hinab, der eingezogen wurde.

Die Schiffsschraube setzte sich langsam in Bewegung, mehr und mehr drehte sich das große Fahrzeug, bis es in die richtige Lage kam, und dann setzte die Maschine mit voller Kraft ein und dampfte der fernen Heimat zu.

Unten aber, auf der Mole der chinesischen Hafenstadt, stand eine kleine Gestalt, die ein blauseidenes Taschentuch aus einem europäischen Anzuge (Li Bai hatte sich zur Reise europäisch gekleidet) gezogen und winkte – winkte – gerade so wie in London, wenn die große Elektrische sich in Bewegung setzte und er noch einmal zu mir zurück grüßte.

Ich drängte die Tränen gewaltsam zurück, um so lange als möglich diese zierliche Gestalt sehen zu können, die unbeweglich auf der Mole stand und winkte, bis das Schiff weit, weit vom Strande die Wogen teilte und mein kleiner Chinese nur mehr ein Punkt am Horizont war.

»Was für eine hübsche Gestalt und welch nette Umgangsformen dieser kleine Chinese hatte, der von jener Dame Abschied nahm!« hörte ich einen älteren Herrn unweit von mir zu seinem Mitreisenden sagen.

»Ach, lieber Unbekannter, du hast recht, aber die zarte Gestalt und die netten Umgangsformen sind auch alles, was dieser kleine Chinese sein eigen nennt, und noch von diesen beiden Gaben ist seine Gestalt das einzige, was sich nie verändert,« dachte ich.

Die anderen Reisenden sahen vorwärts, weit hinweg über die schäumenden Wogen, ich aber blickte zurück auf die Küste, wo nicht nur mein Gatte einer, wie ich hoffte und wünschte, besseren Zukunft entgegenging, sondern wo unter Teakbäumen und gewaltigen Bambusstämmen die Reste eines Körperchens lagen, das ein Teil meines Ichs – vielleicht mein bester Teil – gewesen. Li Bai würde schnell verwinden und vergessen, aber ein Mutterherz vergißt nie – auch nicht ein gelbes Kind, das nur drei kurze Monate lang an der Mutterbrust gelegen!

»Schlaf' in Frieden, mein toter Sohn!«

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings