← Table of contents
Mein kleiner Chinese

II.

Reading edition

»Wenn du nehmen willst,

mußt erst du geben.«

Lao Tse.

II.

Ausgerüstet mit einem gelben Heft – die passendste Farbe für Notizen auf Chinesisch – stand ich am folgenden Sonntag pünktlich wie der Tod beim dritten Glockenschlag außerhalb der kleinen Cottage in Highbury, wo Mr. Hoang-Zo zurzeit wohnte. Auf meinen Druck auf die elektrische Klingel kam niemand, als ich aber den Türklopfer mehreremal unsanft auf die Bronzeplatte fallen ließ, erschien eine weißbeschürzte Fee, die mich eine teppichbelegte, sehr schmale Treppe hinaufgeleitete und mich in ein Zimmer schob, an dessen Tür sie zweimal vergeblich gepocht hatte.

»Mister Hoang-Zo wird gleich kommen,« versicherte sie mir, und damit verschwand sie, wahrscheinlich, um ihn zu suchen. Ich benützte die Gelegenheit und ließ meine Blicke durch den kleinen und oberflächlich möblierten Raum schweifen, der jedenfalls einen Salon vorstellen wollte – beim Wollen blieb es indessen. Was aber auf mich einen so überaus anheimelnden Eindruck machte, das war keineswegs die Aussicht auf einen kleinen Garten mit einigen Obstbäumen ohne Obst, sondern die geradezu beispiellose, künstlerische Unordnung, die mir sofort kundtat, daß Mr. Hoang-Zo eine mir verwandte Seele war, denn was Unordnung anbelangt, so kann ich darin Erstaunliches leisten. Bücher lagen auf und unter dem Tische, auf dem Kaminsims, auf dem Fensterbrett, auf den Gestellen, auf den halbgeöffneten Koffern und Kisten, hinter den Stühlen und auf denselben. Bücher und Papiere sahen neugierig aus den halbgeschlossenen Laden, grüßten freundlich hinter der verstaubten Kohlentrommel hervor und fielen bei der geringsten Erschütterung des Terrains dem Eintretenden einladend zu Füßen. Tonangebend waren vor allem und überall Bücher, aber hie und da wurde die übergroße Weisheit wohltuend durch ein Paar Hosen oder ein Paar Schuhe abgeschwächt.

Als sich meine Augen genugsam an diesem seltenen Bilde geweidet hatten, kam Hoang-Zo, dem es augenscheinlich nicht behagte, daß meine Augen soeben mit Interesse ein Taschentuch betrachteten, das aus unbekannten Gründen zum Tintenwischer erniedrigt worden war.

»Ich weiß nicht, wie lange ich hierbleiben werde,« sagte er schnell, »und daher habe ich auch nicht auspacken wollen.«

Ich konnte ihm nachfühlen – ich selbst packte auch nie aus, sondern fischte im Koffer so lange herum, bis das Unterste nach oben kam und ich das augenblicklich Gewünschte erschnappt hatte.

Sowohl als Lehrer als auch als Schüler war er musterhaft. Er faßte sehr schnell auf, erriet die Bedeutung unbekannter Worte aus dem Zusammenhang, las mit Aufmerksamkeit und lehrte mich mit Geduld und viel Geschick.

Zwischen den beiden Stunden brachte die Dienerin jedesmal den Tee, und Hoang-Zo forderte mich auf, daran teilzunehmen. – Er schien die Lage der chinesischen Frauen für gar nicht so schrecklich zu finden als sie uns hier dünkt. Heutzutage gab es viele Schulen für Mädchen, die Füße wurden ihnen nicht länger verkrüppelt, sie lernten oft sogar fremde Sprachen und wurden, seiner Ansicht nach, von den Gatten gut behandelt.

»Wirklich?« fragte ich etwas ungläubig.

»Gewiß,« entgegnete er. »Auch der chinesische Gatte liebt seine Frau, aber allerdings ist uns Ritterlichkeit gegen die Anhängerinnen des zarten Geschlechts unbekannt,« fügte er hinzu.

Als dieses Gespräch stattfand, mochte ich etwa drei oder vier Wochen seine Schülerin gewesen sein. Ich dachte einige Augenblicke über seine Bemerkung nach und sagte dann aus der Tiefe meiner Ueberzeugung heraus:

»Ja, es muß schrecklich für eine Europäerin sein, sich in diese Verhältnisse einzuleben,« und mit einem entschuldigenden Lächeln für unsere Schwäche fügte ich hinzu: »Wir sind so gewöhnt, daß ein Mann uns mit dem Anlegen eines Mantels hilft, uns die Tür öffnet und so weiter, obschon wir es ja ebensogut selbst tun könnten.«

»Das ist selbstredend Ansichtssache,« meinte er.

Als es Zeit zum Aufbruch wurde, war ich überrascht, zu bemerken, daß er mir in den Regenmantel half und mir die Tür angelweit aufriß. Erst als ich wieder auf der Gasse stand, erinnerte ich mich meiner unbedachten Worte und ärgerte mich, daß ich, ohne zu wollen, etwas gesagt hatte, was er möglicherweise als eine Zurechtsetzung empfunden. Ich nahm mir vor, in Zukunft besser aufzupassen.

Da ich den Vorzug hatte, sehr viele nette Asiaten – zumeist Indier und Japaner – zu kennen, fragte ich ihn eines Tages in der Teepause, wo sich unsere Konversation um alles erdenkliche drehte, ob er eine Ehe zwischen Asiaten und Europäern für angezeigt hielt.

»Zwischen den südlicheren Nationen Europas und Chinesen dürfte es ratsam sein, da sowohl der Charakter als auch das Aeußere – die dunklen Augen, das dunkle Haar und der dunklere Teint – mehr zusammenpassen. Mit Germanen, Skandinaviern oder Engländern wäre dies indessen weniger angezeigt, da Kinder solcher Ehen oft ein unangenehmes Aussehen haben – sehr oft grellrotes Haar und wasserblaue Augen zu einem dunklen Gesicht,« entgegnete er mit seinem unergründlichen Lächeln, von dem ich nie wußte, ob es Spott, Wohlwollen oder herablassende Nachsicht ausdrücken sollte.

»Und sind solche Ehen glücklich?« fragte ich und sperrte meine Augen erwartungsvoll auf.

Wieder spielte das geheimnisvolle Lächeln um seinen bartlosen Mund.

»Das kann ich leider nicht sagen – ich war noch mit keiner Europäerin verheiratet und glaube überhaupt, daß es schwer ist, glücklich zu werden – für manche Charaktere wenigstens,« fügte er nachdenklich hinzu.

»Der Mensch betrachtet wohl alle Mädchen als eine unnütze Last der Erde,« dachte ich mir, als ich mich wieder über das gelbe Heft neigte und langsam buchstabierte:

»Ni s' Tsungo jen,« was »Sie sind ein Chinese« bedeuten soll.

Wenn ich damals gewußt, wenn ich nur entfernt geahnt hätte – aber die Binde der Unwissenheit verhüllte meinen Geist, und noch jetzt glaube ich, daß es ein Segen war.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings