VIII.
Reading edition
Voghiam, voghiamo, o disperate scorte,
Al nubiloso porto de l'obblio,
A la scogliera bianca de la morte –
Carducci.
VIII.
Der Frühling mit seinen scharfen Ostwinden war vorüber, der Sommer war jäh ins Land gezogen. Nicht länger legte sich der Nebel über die Siebenmillionenstadt, aber der bekannte Großstadtdunst hatte zur Folge, daß man den Himmel trotzdem nie klar zu sehen bekam, so daß ich mich oft fragte, ob bei uns daheim der Himmel wirklich so blau gewesen, wie meine Phantasie ihn mir nun vorspiegelte.
Ich hatte heimgeschrieben und Mama gebeten, mir Jenny auf einige Wochen zu überlassen. Ich verdiente genug, um mir diesen Luxus leisten zu dürfen, und ich verging vor Sehnsucht nach irgendeinem Wesen, mit dem ich hätte sprechen können. Jenny verstand mich nicht, aber es war doch meine Schwester, zu der ich sprach, um die ich sorgen durfte. Wie gefürchtet, gab Mama nicht ihre Zustimmung. Die Tanten hatten ihr so lange abgeredet, da es Jenny so selbständig machen würde, und ein Mädchen müsse vorsichtig sein, wenn es eine gute Partie machen wolle usw. – So war meine letzte Hoffnung geschwunden. Mein alter Freund und Kollege war erkrankt, viele Bekannten hatten London verlassen, die Verhältnisse im Amt waren bedeutend unangenehmer geworden, eine kleine Französin, der ich lange geholfen hatte, und für die ich monatelang allerlei Opfer brachte, zeigte sich als Feindin und als vollständig undankbar – ich war des ewigen Einerleis satt, ich glaubte an nichts mehr, da Rettung von keiner Seite kam, ich konnte das innere Gleichgewicht nicht finden, und was ich vor wenigen Wochen noch als Möglichkeit betrachtet hatte, war nun zum Entschluß geworden. Gifte waren schwer erhältlich, ich wollte daher ein langsames Mittel anwenden, von dessen Unfehlbarkeit ich oft gehört hatte. Ich kaufte Weinessig und trank ein Glas davon jeden Morgen. Oh, die Qualen, die ich ausstand! Der Ekel, der mich jedesmal überkam, wenn ich das Glas an meine Lippen führen sollte, die entsetzlichen Schmerzen, die dem Genusse des Getränks folgten! Manchmal taumelte ich vor Schmerzen und Unwohlsein gegen eine Straßenecke, oft saß ich Stunden nachher fast regungslos auf meinem Stuhl im Amte, die Arbeit nur mechanisch ausführend, während große Schweißperlen auf meiner Stirn standen. An manchem Tag erbrach ich, was ich getrunken, und der Brechreiz und Ekel waren oft so heftig, daß ich nahe daran war, das Glas auf den Boden zu schleudern und aufzuhören, aber da sah ich mich in meiner Bude um, dachte, daß ich eine lieb- und freudenlose Existenz möglicherweise noch sechzig Jahre würde ertragen müssen, und wie sauer der Essig, wie furchtbar der Widerwille auch war, ich setzte an und trank aus. Es war schwer, oh, so schwer zu sterben, aber es war noch grauenvoller zu leben, vielleicht gar lange leben zu müssen. Nur das nicht! Und ich trank – ich trank – und wieder kamen die Tage und schwanden. –
In dem Dunkel, das mich umgab, war der einzige Lichtpunkt der kleine Chinese. Seit über sechs Monaten war er nun mein Schüler, und jede Stunde brachte uns näher zueinander. Er hatte Tee aus China erhalten und machte nun jedesmal Tee, sooft ich ihm eine Stunde gab. Er hatte einen kleinen Schnellsieder, einen Teetopf und zwei hübsche Tassen und war so geschickt bei der Teefabrikation wie das allerhausmütterlichst erzogene deutsche Mädchen. Er hielt mir immer das Wasser und die Kanne hin, damit ich mich überzeugen konnte, daß kein »Pulver« verwendet wurde, obschon ich ihm oft sagte, daß ich keinerlei Zweifel hegte.
Er hatte der großen Hitze wegen – die ich zwar, sei es Schwäche oder Unempfindlichkeit, nicht fühlte – einen kleinen Fächer und fächelte sich unaufhörlich; auch klagte er wieder, daß man hier so »dumm« gekleidet gehe. Sein Heimweh war größer denn je.
Sooft er neue Kleider erhielt, zog er immer die Schachtel sorgsam auf das Sofa und zeigte mir alles – rühmte den Schnitt der Beinkleider, die Weichheit des Stoffes, die Farbe der Weste usw. und führte auch seine schönen chinesischen Seidenhemden vor, die mir wirklich gefielen. Sie waren so dicht, so weiß und so weich. Sonst mußte ich über seine Eitelkeit lachen. Er kaufte wenigstens vier Krawatten wöchentlich und war auch in anderen Luxusartikeln geradezu verschwenderisch. Er war sehr eitel und fand an Kleidern denselben Gefallen, hatte für die Mode dasselbe Interesse wie Jenny daheim, stäubte seinen Salon täglich noch einmal selbst ab, ordnete und kaufte Blumen und hatte sehr viel Sinn, ein Zimmer behaglich zu machen. Er drückte allem, mit dem er in Berührung kam, seinen Stempel auf, während ich immer, selbst daheim in meinem eigenen Zimmer, ein Gast, stets ein Fremdling blieb. Mein einziger Stempel, wenn ich überhaupt einen aufdrückte, war – ich muß es mit Schande gestehen – die Unordnung.
Es geschah oft, daß Ming Tse nach der Stunde ein kleines Sträußchen aus der Vase zog und es mir mit der Bemerkung gab, ich müsse etwas im Knopfloch tragen. Als Schüler war er faul – maßlos faul –, aber er brachte mich mit seinen Grimassen, seinen treffenden Kritiken, seinen komischen Stellungen und der Eigenartigkeit seines Wesens trotz meines Trübsinns noch immer zum Lachen – kurz, von allen Freunden und Bekannten war er der einzige, der mir geblieben, daher sagte ich mir oft – oft sogar mit innerem Zittern – »noch eine schwache Säule zeugt von entschwund'ner Pracht –«
Der Kleine tyrannisierte mich indessen, als ob er Professor und ich der Schüler wäre. Ich mußte tun, was er nun einmal wünschte – und ich tat es. Eines Tages sagte er mir:
»Herr Hian-Sho-Dschin, dem ich von Ihnen erzählt habe, möchte gern von Ihnen Stunden nehmen. Sie werden gehen, nicht wahr?« fragte er mich in dem Tone und mit dem Gesichtsausdrucke, der sagen wollte: »Du mußt!« und daher erklärte ich mich bereit. Ob ich mich zu Tode arbeitete oder sonstwie ins Grab sank, war ja einerlei, wenn ich nur diese Erde los wurde.
Am folgenden Tage erwartete er mich bei der Haltestelle der Elektrischen, um mich zu seinem Freunde zu führen. Wir wanderten Seite an Seite den kleinen Hügel hinauf, der zu der Wohnung Hian-Sho-Dschins führte, und anstatt wie sonst weit von mir entfernt dahinzugehen, kam er diesmal näher und legte sogar einige Sekunden lang seine kleine Hand auf meine Schulter. Ich war so verwundert, daß es mir nie eingefallen wäre, die Hand abzuschütteln. Im Gegenteil, ich ging vorsichtig weiter und tat nichts dergleichen. Er mußte jedenfalls von seinem Lehrer eine gute Meinung haben, so erklärte ich mir diese neue Vertraulichkeit.
Als wir ankamen, war der junge Seekadett Hian-Sho-Dschin noch nicht daheim. Ming Tse führte mich daher in seinen Salon und tat, als ob das ganze Haus sein eigen wäre. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl ans Fenster, Ming Tse dagegen ging überall herum, untersuchte alle Bücher, alle herumliegenden oder -stehenden Gegenstände und zog, als er damit fertig war, zu meiner überaus großen Verwunderung einen Schlüsselbund aus der Tasche, mit welchem er sofort daran ging, zu versuchen, alle Schlösser aufzubrechen. Einige gaben nach, und Ming Tse untersuchte sorgfältig den Inhalt der verschiedenen Laden und Kasten.
»Aber Herr Ming Tse!« rief ich entsetzt, »was wird Ihr Freund sagen?«
»Gar nichts; ich bin ja sein Freund,« meinte er lakonisch.
»Das ist bei – Chinesen – so Sitte,« dachte ich mir und wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte.
Inzwischen hatte Ming Tse mit Hilfe seiner Schlüssel alles geöffnet und durchgesehen, was noch geöffnet werden konnte, mit Ausnahme einer Lade, die allen Anstrengungen widerstand. Mein kleiner Chinese ließ sich nicht einschüchtern. Ruhig zog er sein Taschenmesser heraus und begann das Schloß zu erbrechen.
»Das geht wirklich nicht,« protestierte ich. »Was wird Ihr Freund von mir denken?«
»Oh,« entgegnete er lachend. »Sie brauchen es ja nicht mir nachzumachen.«
Inzwischen war das Schloß erbrochen, und Ming Tse las die Briefe, die in der Lade waren, alle mit der größten Seelenruhe durch, kein Protest meinerseits konnte ihn davon abhalten.
»Ich muß wissen, wieviel Mädchen er hat,« gab er als Entschuldigung für seine Handlungsweise an.
»Lieber Herr Ming Tse,« warf ich lachend ein, »kümmern Sie sich, bitte, mehr um den armen Jakob I., von dem Sie nach fünf Monaten noch ebensowenig wissen wie vor diesem Zeitraum, und lassen Sie Herrn Hian-Sho-Dschins Briefe in Ruhe. Sie sind noch zu klein, um an Mädchen zu denken,« neckte ich ihn.
»Meinen Sie?« Ein eigenartiger Ausdruck kam in sein Gesicht, die Augenlider senkten sich fast ganz über die schwarzen Punkte, und nur zwei Schlitze leuchteten mir aus dem gelben Gesichtchen entgegen.
»Größer werde ich nie werden,« sagte er mit Nachdruck, »und Hian-Sho-Dschin ist nicht einen Tag älter als ich,« fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam mein Schüler, und das Gespräch wurde abgebrochen. Der neue Chinese war bedeutend größer als Ming Tse, hatte aber ein kugelrundes Gesicht, wirres schwarzes Haar, das wie Borsten abstand, runde, ausdruckslose Augen und dicke Lippen, die unregelmäßige Zähne verdeckten, von denen der eine ganz ausgebrochen war. In seinem ganzen Auftreten lag etwas Unsicheres, Verschlafenes, was mich fürchten ließ, kein besonderes Kirchenlicht erfangen zu haben. Ming Tse wohnte der ersten Stunde als Kritiker bei. Er machte Grimassen, sobald Hian-Sho-Dschin einen Fehler machte und unterhielt sich und mich, indem er nachäffte, wie zögernd und unbeholfen der Seekadett ein Diktat schrieb. Er ließ die Feder immer ein paarmal in der Luft herumfahren, bevor er ansetzte, und auch da sah es aus, als ob er ein Greis wäre, dessen Hand die Feder nicht mehr ruhig führen könne.
Sein Ideal war das Lesen politischer Artikel, von denen er gewiß nichts verstand, aber da seine Begeisterung für diese Art Literatur so groß war, tat ich nichts dagegen.
Mit wahrer Gönnermiene führte er mich nach der Stunde von Hian-Sho-Dschin weg und sagte mir in dem Tone eines weisen Vormundes, indem er mich von der Seite ansah:
»Sie dürfen aber nie – nie etwas annehmen von Hian-Sho-Dschin, er ist noch viel schlimmer als Hoang-Zo.«
Ich gelobte feierlich, seiner Warnung zu gehorchen, konnte mich jedoch nicht enthalten, innerlich zwischen Europa und Asien einen Vergleich zu ziehen. Auf seine Art und Weise hatte der kleine Chinese mich gewiß gern – er war sogar um mich besorgt –, aber dies hinderte ihn nicht, mich mit gefährlichen Personen bekannt zu machen, nein, mich geradezu zu bitten, hinzugehen. Warum?
Während wir über die Heide gingen, fragte ich ihn:
»Herr Ming Tse, würde es Ihnen leid tun, wenn ich sterben würde?« Ich fühlte, daß ein Wort des Bedauerns mir wohltun könnte.
Er sah mich verwundert an. »Ja, gewiß.« Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Ich würde einen Brief schreiben, einen sehr langen und lieben Brief und ihn auf Ihrem Grabe verbrennen.«
Nach chinesischen Anschauungen kann nämlich der Tote auf diese Weise erfahren, was der Lebende ihm sagen wollte. Unwillkürlich erwachte die Neugierde in mir, zu erfahren, was in dem langen und lieben Briefe stehen würde, aber ich sagte nur:
»Das wäre in der Tat sehr lieb von Ihnen, Herr Ming Tse.«
»Sie sind mein liebster Professor,« entgegnete Ming Tse, und ich fühlte, daß mir vor Rührung die Tränen in die Augen stiegen, kam ich mir doch so verlassen und unverstanden vor, und tat mir dieser einfache Ausspruch, der am Ende ja nur »chinesische Höflichkeit« war, doch so wohl! Ich wandte indessen mein Gesicht ab, um meinen kleinen Chinesen nichts von dem, was in mir vorging, merken zu lassen. –
Es mochte mehr als eine Woche verstrichen sein. Seit etwa vier Wochen hatte ich mit Aufbietung aller meiner Willenskraft jeden Morgen ein Glas Essig getrunken, aber zu meiner Verzweiflung merkte ich noch gar keine Wirkung. Wohl war ich blasser geworden und hatte dunkle Ringe unter den Augen, wohl aß ich wenig und ging mit Anstrengung, trotzdem flüsterte mir eine innere Stimme zu, daß ich nicht, wie ich ausgerechnet hatte, in sechs Monaten tot sein würde. Ich fühlte mit Mutlosigkeit, daß ich diese Marter nicht sechs Monate aushalten könnte – ich mußte ein anderes, ein schnelleres Mittel finden, aber welches?
Da erinnerte ich mich an »Der Blumen Rache« von Freiligrath. Ich wollte Lilien, Tuberrosen und andere stark duftende Blumen kaufen, Tür und Fenster sorgfältig verhängen, einen langen, langen Spaziergang machen, von dem ich todmüde nach Hause kommen würde, wollte mich auf das Bett werfen, wo ich so oft bitterlich weinend gelegen hatte, und wollte die Blumen in allerlei Gefäßen um dasselbe gruppieren, die am stärksten dufteten aber auf mich legen und dann – Hoffentlich gab es kein Erwachen!
Ich hatte die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gewählt. Dieser Tag war immer so viel entsetzlicher als die sechs anderen zusammengenommen, daß ich mir eine wahre Freude daraus machte, einen Sonntag zum Abfahrtstag zu ernennen. Ob Hölle, ob nichts auf der anderen Seite – es war mir gleichgültig. Ich hatte die Hölle hier, und das Nichts hat mich nie erschreckt. Wie schön, wie überwältigend schön es sein mußte, zu vergessen, daß man je gelebt hat! Dann waren alle Leidenschaften tot, alle Wünsche begraben. Ich verbrannte meine Briefe, verschenkte meine alten Kleider, gab meinen Kolleginnen kleine Geschenke und rechnete meine Hinterlassenschaft zusammen. Sie würde klein sein, da mich die Blumen so viel Geld kosten würden. Sooft ich an einem Blumengeschäft vorbeiging und mein Auge auf die großen, glänzenden, stark duftenden Lilien fiel, fuhr ein leiser Schmerz durch mein Inneres. Sterben war ja schön – es war das einzige, was mir Trost bringen konnte, was erfolgreich die Sehnsucht nach Glück in mir vernichten würde, aber es war traurig, zu sterben, bevor man gelebt hatte. Ich hatte treu geliebt und lange – so lange, daß ich nie vergessen konnte, und doch hatte ich das oft damit verbundene Glück nie gekannt, kaum geahnt. Ich schüttelte heftig diese unnützen Betrachtungen ab und sagte mir leise: »Uebermorgen!«
Und mir schien es, als hörte ich die Schwingen des Todes mich umrauschen.
A. F. Seebacher
