XV.
Reading edition
Von keinem Leid, so schwer es sei,
Laß stimmen deine Seele trüber.
Geht auch dein Leiden nicht vorbei,
So gehst du doch vorüber.
Hartmann.
XV.
Es mochten drei Wochen nach Mamas Abreise verstrichen sein, als Li Bai eines Abends mit ganz entstellten Zügen zu mir gestürmt kam. Der arme Kerl konnte nicht sitzen, so furchtbar hatte sein Vater auf ihn losgeprügelt. Li Bai hatte sich gegen eine der Konkubinen vermessen und sich erlaubt, sie zu schlagen, als sie sich ihm widersetzte, wofür der Mandarin von seinen väterlichen Rechten ausgiebigen Gebrauch gemacht und seinen jüngsten Sohn mit dem Stocke bearbeitet hatte. So etwas klingt uns Europäern ganz unglaublich, ist es jedoch in Wirklichkeit nicht. Auch wenn der Sohn schon vierzig Jahre alt ist, darf der Vater ihn durchprügeln, und das so kräftig und so oft er nur will – ausgenommen, wenn der Sohn selbst Vater ist. Im Augenblick, wo er diese Würde erreicht hat, darf der Vater ihn nicht mehr körperlich züchtigen, denn da ist er endlich, ob er nun fünfzehn oder fünfzig Jahre zählt, »Respektsperson« geworden. Ein Mann, der keine Kinder hat, ist in China eine wertlose Person – wahrscheinlich strafen ihn die Götter, indem sie ihm für seine Vergehen keinen Erben schenken wollen.
Erbittert über seinen Vater, war Li Bai lange Zeit in einer solchen Wut, daß man mit ihm gar nicht sprechen konnte, und als er endlich wieder gefasster war, beschwor er mich, schnell ein Kind zu haben, damit er seine Freiheit wiedererlangen könne. In solchen Augenblicken sehnte er sich, glaube ich, nach dem freien Europa zurück.
Ich kann kaum sagen, daß in unserem Verhältnis eine große Veränderung eintrat, nur wurde Li Bai immer kälter, blieb immer länger abwesend von daheim und wurde immer reizbarer. Seine Anfälle wurden immer heftiger und wiederholten sich häufiger als zuvor, was mich aber am meisten verwunderte und mit Angst erfüllte, das war zweifellos der Umstand, daß die leichte Tünche europäischer Kultur langsam aber sicher von ihm abglitt, etwa wie eine Schlange langsam aber ununterbrochen ihre alte Haut abstreift. Er war reinlich – das war ihm angeboren –, aber dies war auch die einzige Tugend, die nicht ins Wanken geriet. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die er mir in Europa so oft gezeigt und im Beginn unserer Ehe noch geübt hatte, verschwanden nach und nach. Er ging nun nie mehr hinter, sondern nach chinesischer Sitte vor mir, er öffnete nicht länger die Tür für mich, um mich durchzulassen, sondern nahm von meiner Gegenwart keine Notiz. Beim Essen bediente er mich nicht wie einst, sondern warf einige Speisen auf meinen Teller oder in meine Schüssel, oft auch erst, nachdem er sich selbst bedient hatte. Er tadelte – und dies mit Recht – meine Abneigung gegen häusliche Beschäftigungen und meine Unordnung, und wenn er mit mir studieren sollte, war er so bissig in seinen Bemerkungen, so unhöflich und oft so grausam, daß ich nur mit Zittern daran zurückdenke. Dazwischen konnte er Anfälle seiner Wildheit haben und mich jäh am Halse zu würgen beginnen, was ihm stets leid tat, sobald er wieder sein eigenes Ich war. Wenn er manchmal wieder lieb wurde, war es nur in höchst gleichgültiger Weise, und seine stereotype Entschuldigung für alle seine Eigenarten war, daß alle Weiber gleich seien. – So lange sie den niedrigsten Zwecken dienten, war es einerlei, wie sie aussahen oder wer sie waren. Jede Europäerin wird mir nachfühlen können, wie ich darunter litt, selbst wenn ich um des lieben Friedens willen schwieg.
»Wenn dies deine Anschauungen sind, Li Bai,« sagte ich eines Tages, »warum hast du dann gerade mich gewählt?«
»Weil du eben am nächsten warst!« erwiderte er mit mehr Aufrichtigkeit als Zartgefühl.
Auch an anderen entmutigenden Einflüssen fehlte es nicht. Nach langer Zeit hatte der Mandarin mich wieder einmal in die Bank rufen lassen, wo zu meiner Freude ein großer Haufen Korrespondenz zur schleunigen Erledigung auf mich wartete. Ich arbeitete mit fieberhaftem Eifer und vergaß für die Zeit alles Bittere in meiner Existenz, als sich die Tür öffnete und zwei Europäerinnen und ein Europäer eintraten. Ich mußte eine Weile lang allerlei Bankangelegenheiten besprechen, da mein Schwiegervater ausgegangen war und die anderen Beamten der europäischen Sprachen nicht mächtig waren, und bald entspann sich das lebhafteste Gespräch.
Der Herr war schon zwei Jahre ansässig in Tientsin, die Damen waren ihn soeben besuchen gekommen, und nun erzählte er uns allen seine humorvollen Erfahrungen mit den chinesischen Dienstboten.
»Da ist zuerst mein »Boy« mit seinem Pidgin Englisch, der mir vielen Verdruß macht!« erzählte er lachend. »Man möchte meinen, daß er einen Harem voll Frauen und ein Dutzend Mütter hat, denn alle Augenblicke wird entweder die Frau oder die Mutter krank und stirbt, und da muß er heimreisen – natürlich reisen immer einige meiner Sachen mit ihm, aber es wäre ganz nutzlos, sich dagegen irgendwie aufzulehnen. Jeder Boy stiehlt, und zwar so viel er kann, aber er sieht glücklicherweise darauf, daß ihm dabei niemand ins Handwerk pfuscht. Auch nimmt er selten Geld, da könnte der Herr vielleicht doch grausam genug sein, ihn den Obrigkeiten zu übergeben, und ein Dieb wird in China furchtbar streng bestraft.«
Daran erinnerte ich mich, denn oft mußte der Mandarin sein Urteil sprechen. Manchmal wirft man ihn ins Gefängnis, wo er langsam zugrunde geht, oft macht man ihn um einen Kopf kürzer, oder man gibt ihm fünfundzwanzig oder mehr Stockstreiche auf die Fußsohlen, was auch nicht angenehm sein soll.
»Aber was ist der Boy gegen den Koch!« jammerte der lustige Herr. »Wohl kann er im letzten Augenblick und ohne vorherige Benachrichtigung ein vorzügliches Mahl auf den Tisch stellen, indem er die Fleischspeise bei Koch im Hause links und die Mehlspeise bei Koch im Hause rechts, und die Suppe bei Koch im Hause gegenüber und vielleicht das Gemüse bei Koch im Hause an der Ecke ausborgt, aber in die Küche durfte man nicht gehen, wenn man nicht vor Ekel vergehen wollte. Nicht genug, daß der Boden an und für sich an einen Stall weit eher als an einen Küchenboden erinnert,« sagte unser Erzähler, »und die Bänke und Tische vor Schmutz geradezu kleben, sind auch die Töpfe, Schüsseln, Teller und Pfannen oft mit einer dicken Rinde von angebranntem Fett, Gemüseüberresten oder dergleichen bedeckt, ohne daß es den Koch im geringsten stören würde. Wenn man ihm aber die Schüssel hinhält und sagt, daß dieselbe nicht rein sei, so dreht er sie erst ein paarmal gründlich in den eigenen schmutzigen Fingern hin und her und stellt sie dann ruhig mit dem Bemerken nieder, daß sie noch lange nicht schmutzig genug sei, um gewaschen werden zu müssen.«
Wie ich dabei an meine Mama dachte, sie, die über unsere alte und oft nicht allzu saubere Köchin die Hände über dem Kopf zusammenschlug – was würde sie wohl sagen, wenn sie einen chinesischen Koch im Hause hätte?
»Sie können sich denken, meine Damen,« fuhr Herr Leghorn fort, »daß so ein Koch auch mit der gleichen Reinlichkeit gekleidet ist, und daß er seine Hände nur dann wäscht, wenn er sie vor Schmutz nicht mehr frei bewegen kann. Gegen Messer, Gabeln und Löffel hat der Koch eine unüberwindliche Abneigung, denn wozu hat ihn eine weise Vorsehung mit zehn Fingern ausgestattet, wenn er sie nicht gebrauchen soll? Seine Pfote ist das einzig geltende Thermometer, seine Zunge der Löffel, mit dem er die Suppe herausschöpft und kostet. Er verdient sein Marktgeld ebensogut wie die drallen Köchinnen in Europas Großstädten, indem er das billigste einkauft und die höchsten Preise anrechnet, oder indem er vom Gewicht zurückbehält oder es sammelt, bis wieder ein Päckchen zusammengekommen ist, das er dem Herrn dann als neueingekauft überreichen und anrechnen kann.«
Die Damen und ich beklagten den armen Herrn Leghorn sehr, aber er lachte nur und meinte, daß er ja bald aus dem ver....... Loch fortkommen werde und ihm dieser Gedanke ein Trost sei.
»Und mein Wäschermann oder Waschmann, wie ich den Menschen wohl nennen muß,« ergänzte Herr Leghorn seinen Bericht, »das ist der fürchterlichste von ihnen allen. Er leiht meine Hemden und meine übrige Unterwäsche minderbemittelten Menschenkindern und bringt sie mir dann sehr schön zusammengefaltet wieder, so daß man die Löcher auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt. Wirft man ihm aber so einen gemachten Schaden auch vor, so sagt er nur: »Nichti ichi, seini Waschi dem haben so gemachi.«
Wir lachten alle – der gute Chinese redete sich auf das Präparat aus, das er verwendete, um die Wäsche rein zu bekommen.
Noch eine geraume Weile dauerte das Gespräch fort, und erst beim Abschied fragten mich die drei, wie ich selbst nach China gekommen wäre. Einige Sekunden lang zögerte ich – ich wußte, was mein Geständnis bedeuten würde –, aber dann sagte ich mit Entschlossenheit:
»Ich bin die Frau Ming Tses, des Sohnes des hiesigen Bankdirektors!«
Jedes Lächeln, jedes Wohlwollen verschwand aus den Gesichtern der drei Besucher, die über eine Stunde lang so vertraulich mit mir geplaudert hatten. Man muß im Orient gelebt haben, um zu verstehen, was es bedeutet, sich mit einem Eingeborenen vermählt zu haben. Man ist Paria, »one has lost caste«, wie die Engländer sagen, und kann nicht mehr in seine eigene Gesellschaft zurückkehren. Der Mann wird von seinen Angehörigen angefeindet, die Europäerin aber, die es gewagt hat, einen Bund fürs Leben mit einem Asiaten zu schließen, ist für immer aus dem Kreise ihresgleichen ausgestoßen. Sie hat das Heiligste – ihre eigene Rasse – verraten, und unversöhnlich stellt sich ihr Geschlecht ihr gegenüber. Mit einem leichten Kopfnicken verschwanden die drei Gäste und ich blieb zurück, vermieden und geächtet wie ein Aussatzkranker.
Neujahr, welches in China einen Monat später als in Europa anbricht, war nun vor der Tür. Die Amtssiegel und alles Amtspapier war versiegelt worden und durfte erst nach den Neujahrsfeierlichkeiten wieder gebraucht werden, alle Wohnungen wurden gründlich gereinigt, und selbst in der elendesten Kulihütte, wo nur ein schmutziges Loch mit einigen Decken und Kisten das ganze Hausgerät bildete, wurde mit Wasser gewüstet wie nie sonst. Haus und Menschen mußten rein sein, wenn die Jahreswende mit ihrem Segen sich näherte. Von allen Haustüren hingen rote Papierstreifen mit »Fu« in großen Zeichen, was »Glück« bedeutet. Um diese Zeit müssen alle Schulden bezahlt werden, und wehe dem Unglücklichen, der nicht imstande ist, es zu tun. Da kommen die Gläubiger und legen Beschlag auf sein Haus und lassen, was dem Chinesen schrecklicher dünkt, in der Neujahrsnacht die Haustür offen stehen, durch die alle bösen Geister und Dämone in das Haus eindringen und sich dort niederlassen, den Bewohnern allerlei Unglück mitbringend. Am Neujahrsmorgen erhält jedes Kind zwei neue Winter- und zwei neue Sommerkleider, und jeder ältere Bruder muß dem jüngeren ebenfalls ein Geschenk machen, während dieser wieder an die noch jüngeren Familienmitglieder, wie z. B. an seine Neffen, ein Geschenk weitergehen lassen muß. Alle Bekannten gehen in ihren besten Kleidern zu allen Verwandten und allen Bekannten, so daß alle Menschen vom ärmsten bis zum reichsten auf der Gasse anzutreffen sind.
Dies ist auch die beste Zeit zum Drachenfliegen, und Li Bai war ganz selig, weil wir zwei wunderschöne Seidendrachen hatten – der eine davon stellte ein Haus, der andere eine riesige Schlange vor –, die am Abend und an den folgenden Tagen steigen sollten.
Es ist mir oft aufgefallen, wie sehr die Chinesen und auch die Japaner an den allereinfachsten, ja an geradezu kindlichen Vergnügungen und Spielen ihre allergrößte Freude finden. Selbst der ehrwürdige Mandarin, der täglich viele hunderttausend Mark durch seine Hände gleiten ließ und dessen Lippen oft ein strenges Urteil über einen Verbrecher aussprachen, selbst er freute sich über den Anblick des Drachen, als dieser stolz in die Lüfte flog, und Li Bai war so eifrig, daß er sich kaum Zeit zum Essen gab. Wirklich alte Chinesen, die ihre Urgroßenkel bei sich hatten, sahen zu den Drachen auf und freuten sich über den Fall des einen und den Flug des anderen wie muntere Schuljungen und erinnerten mich auch an die erregten Zuschauer bei einem europäischen Pferderennen oder einer Regatta.
Selbst die chinesische Bühne, die wirklich für unsere Begriffe sehr langweilig und unschön ist, und bei der die Phantasie des Zuschauers fast alles Fehlende ersetzen muß, erfreut mit ihren fast kindlichen Darstellungen die Chinesen. Frauen als Schauspielerinnen gibt es nicht, und die jungen bartlosen Chinesen ersetzen ganz gut das fehlende Geschlecht, aber die lärmenden Musikanten und die übereinfache Bühnenausstattung macht jeden Theatergang uns Europäern eher zu einer Folter als zu einem Vergnügen.
Unserer Musik und unserer Bühne sind dagegen die Orientalen ebenso feindlich gestimmt. Ihnen erscheint unsere Musik ebenso tonlos und unschön wie uns die ihrige, und unser Theater interessiert sie nicht. In Berlin hat mich ein junger Japaner in die Oper begleitet, mich aber schon vor Beginn der Vorstellung gebeten, freundlichst zu entschuldigen, wenn er gleich einschlafen würde, und das tat er auch, bevor die göttlichsten Arien zwei Minuten lang das Haus erfüllt hatten. Er schlief still und diskret – nicht etwa mit tiefem Schnarchen, wie es eine charakteristische Eigenschaft der meisten Europäer ist –, aber er schlief fest und ruhig, bis der Vorhang fiel und das erste Stück ausgespielt war. Im zweiten Stücke wechselte die Szene ununterbrochen, da ein frecher Räuber verfolgt wurde, und das gefiel meinem orientalischen Freunde so gut, daß er gar nicht mehr an das Einschlafen dachte, sondern lebhaft mitlachte, sobald die Polizei dem Flüchtling nahekam oder er ihnen entwich. Das Mittelmäßigere vom künstlerischen Standpunkt, aber das dem kindlichen Gemüte Näherliegende erfreut sich des vollen Beifalls des fernen Asiaten. Indier dagegen lieben das Mystische, das Erhabene.
Trotz der starken Kälte standen wir den größten Teil des Tages auf der Straße, um die unzähligen Drachen steigen zu sehen, von denen einige wie ein Haus, andere wie Tiere, andere wie große Blumen aussahen, und die ebenso, wie in Nizza die blumenbekränzten Wagen beim Blumenkorso, Anlaß zu Prahlerei gaben; denn so ein Seidendrachen kann oft sehr kostspielig sein.
Am lebhaftesten ging es gegen Abend zu. Da erschütterten Knallerbsen das Trommelfell, Stimmen schwirrten durcheinander, Raketen flogen in die Luft, rote Bänder und Papierstreifen wurden geschwenkt, Musikanten schlugen mit bewundernswerter Ausdauer und Unerschrockenheit auf die Trommeln, andere Berufsgenossen stießen in die schrillen Trompeten, Kinder rannten einem zwischen die Beine und schrien aus vollen Lungen, Feuerwerke wurden abgebrannt und überall wohlriechende Holzarten in Brand gesetzt. Das einzig Hübsche an dem Ganzen schienen mir die unzähligen Lampions, die um alle Häuser befestigt waren und dem Beschauer auch aus jedem Hause entgegenleuchteten. Sie hatten verschiedene Farben, doch wurde hellrot bevorzugt, und die meisten hatten »Glück« darauf geschrieben.
Auch für den Magen war gut gesorgt worden. Berge von Kuchen aller Art standen bereit, und meine kleinen gelben Nichtchen und Neffen leisteten in der Unterbringung dieser Ware Unglaubliches, indessen bemerkte ich mit Bedauern, daß sich die Nichten erst dem »Kuchentroge« nähern durften, nachdem die gnädigen großen Brüder abgespeist hatten. –
Es mochte etwa Mitte Februar sein. Li Bai war vierzehn Tage abwesend gewesen, und wenn ich auch in der furchtbaren Kälte nicht zur Bank gehen durfte, fühlte ich mich doch nicht so verlassen, als ich gefürchtet hatte, denn der Mandarin schickte mir die Maschine in meine Wohnung, und so konnte ich den ganzen Tag lang auf ihr herumklappern – zuerst um Geschäftsbriefe zu verfassen und sodann um Briefe an Jenny zu schreiben und dem Doktor für seinen Brief zu danken.
Er hatte von einer Auflösung der Verlobung nichts hören wollen und dankte mir in warmen Worten, mich seiner und Jennys so freundlich angenommen zu haben, bat mich, sein Heim immer als das meine anzusehen und teilte mir mit, daß Jenny schon Ende Januar seine Gattin werden würde.
Den Brief erhielt ich verspätet, da man mir in der Abwesenheit meines Gatten nie Briefe aushändigte und mir auch nicht gestattete, irgendwelche abzusenden, so lange Li Bai nicht in Tientsin war. Trotzdem gelang es mir hie und da ihre Wachsamkeit zu täuschen und es schien mir fast, als ob der Mandarin mir selbst dazu verhelfen wollte, wenigstens war er es, der mich immer gegen die Ränke seiner rechtmäßigen Frau zu schützen verstand.
Sie ließ mich wenigstens einmal die Woche durch ihre Schwiegertochter fragen – oder fragte wohl manchmal auch selbst –, ob ich von den Göttern verlassen wäre oder ob ich auf etwas Herrliches Aussicht zu hoffen hätte.
Nun hatte ich gegen meine Ueberzeugung schon mehrmals gesagt, daß mich die Götter nicht mochten und ich nichts zu hoffen hatte, nun aber war ein solches Schweigen nicht länger möglich. Wie weit ich meine Kleider auch sein ließ, sie verschwiegen meinen Zustand nicht länger, und als daher Li Bai heimkehrte, teilte ich ihm mit, daß er in wenigen Monaten Vater sein würde.
Wie groß die Liebe der Chinesen für Kinder ist! Wir waren uns schon ganz fremd geworden, Li Bai und ich, und ich wußte, daß er es mit der ehelichen Treue gar nicht so genau nahm, wie streng die Strafen für so ein Vergehen auch seien. Der Ehebruch wird eigentlich immer nur bei der Frau gestraft, der ihr Gatte, falls er sie bei der Tat ertappt, den Kopf abschneiden darf, um ihn zusammen mit dem Kopfe des Liebhabers zum Magistrat zu bringen, wo er für diese tugendhafte Tat nicht nur freigesprochen, sondern noch belobt wird. Jetzt flammte in ihm plötzlich etwas von alter Zuneigung auf, und er wurde wieder genau so aufmerksam wie vorher – in mancher Hinsicht zärtlicher, als er es je gewesen.
Auch meine gelbe Schwiegermama setzte ein bedeutend freundlicheres Gesicht auf, schickte besondere Speisen zu mir, sorgte doppelt für meine Bequemlichkeit und erteilte Li Bai allerlei gute Ratschläge. Der Zauberer wurde geholt um auszurechnen, an welchem Tage der neue Weltbürger seinen Einzug halten würde, und aller denkbarer Hokuspokus wurde getrieben, was ich ruhig geschehen ließ, nur eins verlangte ich: Ich wollte rechtzeitig in das englische Spital gebracht werden, um dort nach unserer Art gepflegt zu werden, da mir der Gedanke, dann von Chinesinnen umgeben zu sein, ganz unerträglich war. Da ich Li Bais Versprechen kaum traute, wandte ich mich direkt an den Mandarin, der gegen eine Uebersiedlung in das Krankenhaus war, mir aber gelobte, eine »Nurse« oder Pflegerin von dort aufzunehmen und den europäischen Arzt zu verständigen, und mehr konnte ich nicht erwarten.
So weit weg von der Heimat, unter so ganz veränderten Verhältnissen sollte ich einem Wesen das Leben geben? Ich würde nun auf immer an Li Bai gebunden sein – auf immer, denn ist in China die Scheidung leicht, wenn man keine Kinder hat, so wird sie geradezu unmöglich, wenn Nachkommen da sind. Wohl könnte ich in einem anderen Hause wohnen, mich aber nie von China entfernen, da die Regierung nur höchst ungern gestattet, daß irgendein Untertan das Reich verläßt. Nun war ich auf immer verdammt, in diesem lieblosen Lande zu verweilen, aber Li Bais neuerwachte Zärtlichkeit und jenes Glücksgefühl, das jede Mutter auch unter den traurigsten Umständen durchströmt, brachte Freude auch in meine freudlose Existenz im Reiche der himmlischen Mitte.
Die Silberkette wurde schon gekauft, die man dem kleinen Weltbürger (wenn es ein Sohn sein sollte) umgeben würde, die er sein Leben lang in Erinnerung an seine Mutter trägt und die am Hochzeitstage mit einer goldenen vertauscht wird. Für Mädchen trifft man keine Vorbereitungen – Mädchen zählen nicht –, und während ein Sohn mit einem Edelsteine verglichen wird, beschreibt man ein Mädchen als wertlosen Ziegelstein. Die guten Chinesen vergessen, daß ohne Ziegelsteine keine Edelsteine in China wären.
Jeden Abend zauberte Li Bai zu meiner Unterhaltung herum und setzte geheimnisvolle Mienen auf, sooft er sich mir näherte oder um mich herumging.
»Was tust du, Li Bai?« fragte ich lachend.
»Ich zaubere, damit du einen Knaben bekommst und nicht etwa ein Mädchen,« erwiderte er ganz überzeugt.
»Wie er wohl aussehen wird?« meinte ich nachdenklich. »Am Ende ist es ein Ausbund der Häßlichkeit.«
»Mein Sohn?« fragte Li Bai hocherstaunt. »Ich habe ihn gemacht,« setzte er stolz hinzu, und damit hatte er jede Zumutung über sekundären Erfolg zurückgewiesen. Sein Sohn konnte nur ein Prachtwerk sein. Wie ich lachte. –
Die angenehmen, heiteren Stunden waren zurückgekehrt. Mußte ich jetzt auch stillsitzen, so tat doch Li Bai viel, um mich zu unterhalten und fügte sich sehr oft meinen Wünschen da, wo er es vorher nie getan hätte. Leider dauerte dies nur etwa einen Monat, dann trat ein alter chinesischer Brauch trennend zwischen uns.
Eines Tages merkte ich, daß Li Bais Bett entfernt wurde. Ich war unbeschreiblich erstaunt und öffnete meine Augen so weit es ging, indem ich vergeblich versuchte, den Grund dieses Gebarens zu erfahren.
Meine Schwiegermutter legte ihren Arm um mich – wohl um mich zu beruhigen, aber nervös, wie ich war, begann ich laut zu weinen, und endlich kam Li Bai und versicherte mir, daß wir nach chinesischem Brauche nicht länger zusammen wohnen dürften, da es dem Sprößling schaden könnte.
Wie ich mich wehrte, so mutterseelenallein gelassen zu werden, wie oftmal ich unter Tränen Li Bai bat, meine europäische Abstammung in Betracht zu ziehen, wie zärtlich forderte ich ihn auf, meinen Bitten nachzugeben und einen eigenen Haushalt zu gründen, wo ich nicht unausgesetzt von seiner Familie verfolgt werden würde. – Umsonst! Li Bai küßte mich, versprach alles mögliche und – verließ noch am selben Tage Tientsin, um in Geschäftsreisen oder angeblichen Geschäftsreisen einige Wochen fern zu bleiben.
Gerade um diese Zeit verträgt eine Frau am wenigsten das Alleinsein. Was Wunder, daß ich Tag und Nacht weinte, da ich immer stärker unter dem Heimweh litt, und als der Mandarin mich eine Woche nach Li Bais Abreise sah, war ich so mager geworden und sah so schlecht aus, daß er den Sohn sofort zurückkehren ließ – vielleicht weniger um meine Pein zu vermindern, als aus Furcht, es könnte dem künftigen Träger des Namens Ming Tse schaden oder seine Ankunft gar vereiteln. Genug! Eine Woche später wohnte Li Bai trotz aller chinesischen Sitten wieder mit mir unter einem Dache.
Der Frühling war ins Land gezogen und alle die Zwergbäumchen in dem großen Garten waren in Blüte, die Brücken leuchteten in ihrem zarten Weiß und die Sonne spiegelte sich funkelnd in den zahllosen kleinen Bassins, die sehr geschmackvoll angelegt waren. Schlanke orientalische Bäume standen im Hintergrund der Parkanlagen und warfen ihren Schatten über einen Weiher, über den auch eine zartgeschwungene Holzbogenbrücke führte, und der, wie gering auch sein Durchmesser war, doch eine beträchtliche Tiefe besaß und den Kindern im Sommer als Schwimmplatz diente.
Unter diesen hohen Bäumen verträumte ich manche Stunde mit einem Buche oder mit einer der kleinen Nichtchen an meiner Seite, die in eintönigen Reimen, halb singend, halb sprechend, ihre Schulaufgaben aufsagte. In der Familie des Mandarins studierten auch die Mädchen, wenngleich die Knaben nicht damit einverstanden waren.
Alles was die Kinder können und wissen mußten, wurde auswendig gelernt und gesungen. Nichts Geisttötenderes als so ein chinesischer Unterricht, wo die Kinder von acht Uhr früh bis zum Sonnenuntergang in der Schule weilen mußten, wo man sie zuerst das Zeichen ordentlich zu schreiben lehrte, dann dessen Aussprache, hierauf die Bedeutung des Wortes und endlich seinen Wert im Satze. So wurde langsam der ganze Konfuzius auswendig gelernt, der allerdings die wichtigsten sittlichen Gesetze enthält, über Rechtswissenschaft und die Pflicht von Königen spricht, die genauen Zeremonien für jeden wichtigen Moment im Leben vorschreibt, über chinesische Geschichte teilweise Aufklärung gibt, aber über die augenblicklich notwendig gewordenen Kenntnisse, wie allgemeine Geographie, Physik, Geometrie usw. gar keine Aufschlüsse erteilt, den Schüler nie zum Denken anregt. So stellt dieser Unterricht eigentlich nur ein mechanisches Auswendiglernen dar. Dennoch wird an diesem Plane auch für die großen literarischen Wettprüfungen festgehalten.
Der arme Chung-Fu, der Jenny immer noch nicht vergessen und mir ebensowenig verziehen hatte, kam im April zur Prüfung und erzählte bei seiner Heimkehr von den mitgemachten Leiden.
Die Prüfungsgebäude in Peking umfassen eine ganze eigene Stadt und jedem Kandidaten wird eine eigene Zelle angewiesen, in der ein Brett an der linken Wand das Bett und den Stuhl vorstellt und ein Brett, etwas höher an der rechten Wand befestigt, den Tisch ersetzen muß. Jeder Kandidat muß Kerzen und Lebensmittel mitbringen, aber weder Bücher noch Papier dürfen mitgenommen werden. Jeder Kandidat wird bei seinen Namen aufgerufen, erhält eine Nummer, muß sich von Kopf bis zu den Füßen genau untersuchen lassen, damit auch nicht ein Stück Papier unerlaubterweise eingeschwärzt wird, bekommt hierauf Papier, Tusche und einen Pinsel und darf an dem Kanzler und dem Vizekanzler vorbei in das Reich der Prüfungsräumlichkeiten wandern.
Sind erst alle Kandidaten aufgerufen worden und in ihre Zellen verschwunden, so wird die Pforte feierlich versiegelt, einige Räucherstäbchen verbrannt, damit die bösen Geister draußen bleiben müssen, und sobald dies geschehen, kann niemand mehr hinein und niemand mehr heraus. Drei Fragen werden gestellt und drei Tage und drei Nächte arbeiten die Kandidaten ununterbrochen, dann muß die Arbeit abgegeben werden; ein Ruhetag entsteht und dann kommen wieder drei Fragen und drei Tage Beantwortungszeit und wieder ein Ruhetag und sodann wiederholt sich dieser Vorgang zum dritten und letztem Male.
Da sollen Männer bis über achtzig Jahre und schwache Jünglinge von zwanzig Jahren zu sehen sein, und bei dieser furchtbaren Anstrengung ist es kein Wunder, daß viele junge Leute irrsinnig werden oder sterben. Aber auch dann wird die Tür nicht geöffnet, sondern man wirft die Leichen einfach über die Mauer zu der vor ihr harrenden Menge.
Chung-Fu, der über seinen Erfolg sehr stolz war, erklärte den Tod der unglücklichen Kandidaten indessen auf ganz andere und abergläubische Weise. Die Geister, d. h. die uns stetig umgebenden bösen Geister dürfen nicht zulassen, daß eine böse Handlung ungestraft dahingeht und ein Bösewicht ein Mandarin wird. Hat ein Kandidat daher einen Mord auf dem Gewissen, so schleicht der Geist des ruhelosen Ermordeten im letzten Augenblick vor der Torschließung in die Prüfungsstadt hinein und sucht in den Zellen nach seinem Mörder. Trifft er ihn endlich, so verwandelt sich das gelbe Licht der Kerze langsam in ein grünes Licht und der Kandidat weiß, daß der Geist gekommen ist, um ihn zu erwürgen. Kein Schreien, keine Flucht kann ihn retten. Der Geist erwürgt ihn auf der Stelle und der Tote wird über die Mauer geworfen.
An einem herrlichen Maiabende sah ich meine älteste Nichte, ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren, unter den Bäumen liegen und schlafen und wunderte mich, als ich sah, daß Li Bais Mutter auf sie zueilte und sie mit sich fort in das Haus zog, scheinbar böse, die arme Kleine dort gefunden zu haben.
»Warum wollte deine Mutter nicht, daß Pe-Niu unter den Bäumen schlafen soll? Es ist ja so schön dort draußen und hier ist es schwül und drückend!« fragte ich.
»Pe-Niu ist ein Mädchen und ein junges Mädchen darf nicht im Freien unter Bäumen einschlafen,« belehrte mich Li Bai. »Tut sie es, so kommt ein Vampir, und dann hat sie ein Kind, das weder ein Mensch noch ein Tier ist,« fügte er ganz ernsthaft hinzu.
»Li Bai, das glaubst du doch nicht?« rief ich verwundert, aber mein kleiner Chinese schüttelte nur den Kopf und meinte, daß ich nicht lachen sollte über Sachen, die ich nicht verstünde.
An Dämone und Vampire glauben Chinesen, wie die Katholiken an die Heiligen.