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Mein kleiner Chinese

XIX.

Reading edition

Laissons gronder en bas cet orage irrité,

Qui toujours nous assiège;

Et gardons au-dessus notre tranquillité

Comme le mont sa neige.

Va, nul mortel ne brise avec passion

Vainement obstinée,

Cette âpre loi que l'un nomme Expiation

Et l'autre Destinée.

Victor Hugo.

XIX.

Sechs Monate waren vergangen. Wochenlang hatte ich nur die glitzernden Wogen geschaut, die mächtig heranrollten, sich mit donnerndem Geräusche an den starken Planken des Schiffes brachen und in Schaum zerplatzten.

Wie sie, eilen wir alle auf das endlose Ziel zu, und wie sie vergehen wir, um vielleicht wiederzukommen, gerade wie die zerstäubten Wassermassen sich zu neuen Wogen, oft zu mächtigeren, formen.

Ueber mir hatte der blaue Himmel sich wolkenlos gewölbt, und diese Einförmigkeit der Umgebung, dieses matte Dahinträumen hatte nach und nach die Stürme meiner Seele eingeschläfert.

Ich hatte gelernt, was ich früher nie begreifen wollte, daß wir nur auf uns rechnen dürfen, nicht auf unsere Umgebung, daß wir den Frieden nur in der Ruhe finden, die oberhalb von Wünschen und Fürchten liegt. Ich kämpfe nicht mehr gegen den Strom des Lebens, ich lasse seine Wogen mich hinwegheben über alle Hindernisse, die guten wie die bösen, und gleite so ohne tiefe Schmerzen und aber auch ohne große Freuden dem Ziele zu. Einmal erklingt wohl selbst für mich das Aveläuten!

Eine Zeitlang war ich in Südafrika verblieben, mehrere Wochen verbrachte ich in Las Palmas auf den herrlichen Kanarischen Inseln, und einen Monat verweilte ich im hohen Norden, wo die stolzen, unbeugsamen Tannen sich allerlei wundersame alte Märchen zuflüstern. Den Rest der Zeit sah ich nur über die unendliche Wasserfläche und lernte die schwere, ach so schwere Kunst des Vergessens.

War ich auch scheinbar von den Reichen des reinen Glückes verbannt, so blieb mir mein Wissen, eine Quelle unversiegbarer Schätze. Mir standen die Literaturen vieler Nationen offen, eine reiche Geisteswelt lag vor mir und Freunde warteten meiner, die weder Falschheit noch Untreue kannten. Zu ihnen konnte ich flüchten, sooft und auf wie lange ich es wünschte. Sie wollten mir die Einsamkeit ertragen helfen, nicht so vollkommen vielleicht, als Menschen es zu tun imstande sind, wenn wir die rechten daheim oder in der Fremde gefunden haben. Aber sie verursachten mir dafür auch niemals Seelenpein, wie sie die besten Menschen zuweilen uns zuzufügen nicht vermeiden können – oder wollen.

Es gibt verschiedene Musikinstrumente auf der weiten, weiten Welt und verschiedene Arten, ihnen Töne zu entlocken, denn Töne geben sie alle von sich – und so sind auch wir Menschen Instrumente, die je nach der Berührung, die schrecklichsten und schrillsten Mißtöne oder die herrlichste Melodie von sich geben. Einige Menschen ähneln Trommeln, andere Trompeten, wieder andere Harfen oder Geigen. Auf einer Trommel kann bald jemand spielen, aber es gehört ein Meister dazu, der Harfe oder der Violine harmonische Töne zu entlocken. Es ist schwer, den Meister zu finden, sehr schwer. Aber man kann – wenn man weise ist – verhindern, daß unkundige Hände die Saiten zum Springen bringen, indem wir niemand gestatten, das Instrument zu berühren.

Besser keine Töne, als Mißtöne.

Seit zwei Wochen weile ich bei Jenny, die mich sehr lieb aufgenommen hat und mich behalten will, bis ich wieder Kräfte gesammelt habe, um in die Ferne zu ziehen, denn ruhelos wie der ewige Jude treibt es mich von Ort zu Ort.

Auf den Wunsch meines Schwagers hin habe ich die Geschichte von meinem kleinen Chinesen geschrieben, die ein Warnungsruf an die Mädchen meiner Rasse sein soll. Chinesen haben wie wir ihre Licht- und Schattenseiten – nicht weniger Lichtseiten als wir –, aber sowohl Licht als auch Schatten ist verschieden im Osten wie im Westen, das möge immer bedacht sein.

Nur einem entsetzlichen Unfall verdankte ich meine Freiheit, sonst wären es wohl die Tore des Todes gewesen, die meiner Seele den Ausflug zur ewigen Freiheit eröffnet hätten.

Soeben kommt meine Schwester mit meinem entzückenden Nichtchen auf den Armen durch den Garten und der Doktor geht an ihrer Seite und hält sie umschlungen, als könnte jemand plötzlich seinen Schatz entführen, falls er nicht seinen Arm so fest – so innig fest um sie legen würde.

Wie glücklich die beiden Menschen doch geworden sind!

»Weißt du, Kather,« ruft sie mir, die ich in der Hängematte liege (für mich der bescheidene Begriff erreichbarer irdischer Glückseligkeit) und diese Blätter noch einmal durchsehe, fröhlich zu, »daß ich selig bin zu wissen, daß die gelbe Gefahr auf immer beseitigt ist?«

»Ja,« lächle ich müde, denn mein Nichtchen erinnert mich an mein totes Kind, »das ist ein Traum, der ausgeträumt ist.«

Jenny versteht mich, ihr Glück hat sie vertieft, veredelt. Sie streicht liebkosend über meinen Arm und preßt unwillkürlich ihren blonden Liebling fester an sich, der Doktor aber, der rührend lieb gegen mich ist und eine ernste Stimmung nicht aufkommen lassen will, zieht sein schönes, junges Weib und das süße Kindchen zärtlich an sich und sagt mit der Eitelkeit und dem Selbstbewußtsein, die jedem Manne des Westens wie des Ostens eigen:

»Es gibt ja auch noch ganz nette Europäer.«

Und Jennys glückstrahlende braune Augen sagen »Amen«.

Illustration from Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman

Im Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden ist ferner erschienen:

Der Hof des Schweigens

Roman von Anny Wothe

Es ist ein heiliges Land, das wir hier in diesem so glänzend geschriebenen Roman der gefeierten Erzählerin betreten. Es ist das Eis- und Feuerland, das Land der alten Göttersagen, das Land der Sagas und der holden Frauen, das Land der nach Freiheit dürstenden Söhne des starren Eislandes mit seinen tausend Wundern. Island, das noch so wenige kennen, tut uns in diesem Roman weit seine herrlichen, unbekannten Zauberwelten auf, daß wir erschauern vor der seltsamen Schönheit dieser Wunderwelt. Anny Wothe gibt uns in dem Roman »Der Hof des Schweigens« ein glänzendes Gemälde von Land und Leuten der herrlichen Insel im starren Nordlandsmeer. Die Verfasserin hat mit dem feinen Fühlfaden der Seele und offenem künstlerischen Blick, gepaart mit gründlicher Kenntnis der Bewohner des Landes, in diesem Roman ein Seelengemälde von so künstlerischer Eigenart und erschütternder Tragik geschaffen, daß wir nicht müde werden, dieses herrliche Buch immer und immer wieder zu lesen.

Verlag Deutsche Buchwerkstätten / Dresden

Im Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden ist ferner erschienen:

Kains Entsühnung

Roman von Luise Westkirch

Der Roman führt in ein Stück Oedland, Neuland, eine Wildnis mitten im Herzen Deutschlands. Uralter Menschenschlag haust dort wie auf einer einsamen Insel, abgeschnitten von der modernen Kultur und den Hütern ihrer Gesetze. Hart ist das Leben der Leute, rauh und gewaltsam ihr Sinn. Ihre Leidenschaften toben ungebrochen sich aus in ursprünglicher Kraft und Wildheit. Ein rechtschaffener Mann hat in verspäteter Liebesraserei für ein Weib, das ihn lächelnd betrügt, seinen liebsten Freund getötet. Wie er in strenger Selbstüberwindung und hartem Kampf mit dem eigenen Herzen diese Tat sühnt vor seinem Gott und dem eigenen Gewissen, das bildet die Grundidee des Werkes, das durch die sympathischen Gestalten eines glücklicheren Liebespaares erhellt und belebt wird.

Verlag Deutsche Buchwerkstätten / Dresden

Im Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden ist ferner erschienen:

Der Marquis von Weyermoor

Roman von Luise Westkirch

Die Geschichte einer Ehe im »Teufelsmoor« erzählt dieser Roman, die Geschichte eines leichtsinnigen, nach mühelosem Genießen haschenden jüngeren Sohnes, der seine Liebe und seine Freiheit der reichen Bäuerin verkauft für die Wonne, Geld ausstreuen zu können mit vollen Händen, und der dann im errafften Reichtum darbt und gern aufhören würde, der »Marquis« von Weyermoor zu sein, wie seine Landsleute ihn im Spott getauft haben, – wenn er frei und arm als einfacher Arbeiter leben dürfte an der Seite des Mädchens, das er nicht aufgehört hat zu lieben. In diese Läuterung und Wandlung im Charakter des Helden spielt, begangen am Sankt Niklastag in der Vermummung des Sankt Niklas, ein dunkler Mord, der die Schicksalsfäden zuerst verwirrt und endlich zerreißt.

Verlag Deutsche Buchwerkstätten / Dresden

Im Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden ist ferner erschienen:

Der Kampf um den Dollar

Ein Auswanderer-Roman von Arthur Zapp

Durch den Versailler Vertrag ist das Auswanderungsproblem erneut aufgerollt worden. Der Zappsche Roman gibt ein getreues Spiegelbild von den Aussichten, Zufällen und Ueberraschungen, die des Einwanderers in Amerika harren. Wir erleben, wie sich der deutsche Unternehmungsgeist in großzügiger Weise betätigt, wie ihm ruinöse Rückschläge nicht erspart bleiben, wie aber starkes Zielbewußtsein sich schließlich durchsetzt. Allerdings gelingt es nur einem von drei jungen Auswanderern, die Verhältnisse zu meistern. Der zweite, ein schwacher Charakter, ist zu zart besaitet, um in diesem Lande des rücksichtslosen Erwerbssinnes Wurzel zu fassen. Eine romantische, reizende Liebesgeschichte, die sich durch das ganze Buch hindurchzieht, verklärt die Laufbahn dieses Mannes, dem auf verschlungenen Wegen zum wahren Glück die unangenehmsten Erfahrungen mit den amerikanischen Gesetzen über das Eheversprechen nicht erspart geblieben sind. Vollends im Banne der Räuberromantik geht der dritte ehemalige Freund unter. Die Handlung ist spannend bis zum Schluß und gibt einen vollendeten Abriß über die augenfälligsten Erscheinungen im Lande des rollenden Dollars.

Verlag Deutsche Buchwerkstätten / Dresden

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