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Gordon, der Held von Khartum

Zweites Buch. Gordon in China.

Reading edition

1. Die Taipings.

Die nächsten mit dem Juli 1860 beginnenden vier Jahre umschließen in dem Leben Gordons fast märchenhafte Ereignisse. Es ist die Zeit, die ihm den Ehrennamen »Chinesen-Gordon« brachte. Folgen wir dem Manne in den fernen Osten.

In keinem Lande der Welt ist die Gegenwart so mit der Vergangenheit verwachsen wie in China. Das hohe Alter des chinesischen Reiches ist ein einzig dastehendes Beispiel in der Weltgeschichte, und dieselben Grundsätze, die diesen Staat in seiner Jugend regierten, sind noch jetzt die Haltpunkte des »schwarzhaarigen Volkes«. Um eine revolutionäre Bewegung der Neuzeit wie den Taiping-Aufstand richtig zu verstehen, muß man wenigstens einen Blick gethan haben in die Gedankenwelt der alten chinesischen Weisen. Bei uns wäre es müßig, die Sachsenkriege eines Karl des Großen oder die italienischen Feldzüge eines Barbarossa zu betrachten, um beispielshalber die Politik eines Staatsmannes der Gegenwart ins richtige Licht zu setzen; in China aber gehören Einst und Jetzt so zusammen, daß Yao und Schün, die halbmythischen Kaiser, und der große Yü von vier Jahrtausenden her heute noch das »blumige Land« beeinflussen. Konfucius, der »thronlose König«, der »Lehrer von zehntausend Geschlechtern«, betont es wiederholt, er bringe nichts Neues: »Ich selbst bin nicht die Weisheit«, sagt er, »ich suche sie bei den Alten.« Und was lehrten oder glaubten nun diese Alten? Wenn man das Schu-King, dieses wohl 4000 Jahre alte »Lehrbuch der Anfänge« fragt, so lautet die Antwort: das ganze Weltall ruht auf einer göttlichen Harmonie, die im Herzen des Menschen Widerhall findet. Dieser Gedanke des Harmonischen zieht sich durchs Schu-King und alle anderen chinesischen Klassiker hin. So heißt's vom Kaiser Yao, daß, »nachdem er selbst harmonisch geworden, er die Unterthanen zum Einklang gebracht habe«, und der Kaiser Schün ist deshalb gewählt worden, weil er's verstanden hat, »seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, ja alle dummen und einfältigen Verwandten zu harmonisieren«. Wenn das Land zerrüttet ist, so sagt man in China: »die Leute sind nicht harmonisch«.

In der Vorstellung der Harmonie wurzelt alles in China; es ist der Tien oder Himmel des Konfucius, das Schang-ti oder Göttliche der alten Schriften; und da nur der Weise wirkliches Verständnis dafür hat, so ist es sein heiliges und besonderes Vorrecht, den Himmel der Erde, die Gottheit den Menschen zu deuten. Er allein weiß, wie die wahre Harmonie sich in irdischen Dingen kundgiebt, sei's nun zwischen Herrscher und Unterthanen, zwischen Vater und Sohn oder Gatte und Gattin, Freund und Freund. Der Weiseste soll Regent sein; er sei an Gottes Statt der Beherrscher des blumigen Landes, der schwarzhaarigen Menschen, ja der ganzen Welt. Er ist der Ebenbürtige des Himmels.

Es ist ersichtlich, daß die chinesische Anschauung der elterlichen Autorität, wie auch ihre althergebrachte Theorie, nur tüchtige Menschen zu Amt und Herrschertum zuzulassen, lediglich Bruchteile jenes Hauptgedankens der Harmonie sind, woraus die weitere Vorstellung sich ergiebt, daß in allen Verhältnissen des Lebens, in aller gemeinsamen Thätigkeit, gleichviel welche verschiedenartigen Kräfte in derselben sich äußern, eine symmetrische Einheit das Endziel ist. Kein Volk hat umfassendere Begriffe von Organisation und Zentralisation als die Chinesen; aber die Anschauung ist lediglich die einer organischen Einheit, in der das Niedere naturgemäß und willig dem Höheren sich unterordnet, das Gegenteil also einer nur äußeren Einheit durch Gewalt. Die Chinesen sind daher in Wahrheit ein demokratisches Volk. Nichts ist irrtümlicher als anzunehmen, daß der Kaiser oder seine Beamten, sei es theoretisch oder praktisch, eines unumschränkten Herrschertums sich erfreuen. Konfucius und alle anderen Weisen Chinas stimmen mit Plato überein, wenn er sagt: »Niemand thut gern Böses«. Daraus folgern sie, daß eine gute Regierung beim Volk willigen Gehorsam erzeuge. »Wer's versteht, mich zu besänftigen, der ist mein Fürst, wer mich unterdrückt, ist mein Feind, der Verworfene des Himmels und der Menschen!«

Über schlechte Regenten ergießt sich der göttliche Zorn und beschließt ihren Untergang. Nach chinesischer Ansicht ist ein Unglück, welches das Volk trifft, immer ein Beweis von der Untüchtigkeit oder Bosheit des Herrschers. Der Himmel zürnt, und das Volk ist in Erwartung, daß einer aufstehe, um den »Ausrottungsbefehl« zu vollziehen, und zwar trifft dieser Befehl öfters einen »geringen« Menschen. Es ist daher erklärlich, daß man sich bei politischen Bewegungen in China immer auf einen göttlichen Auftrag bezieht, mit dem ein Rückblick auf die Beispiele der Vergangenheit verbunden ist.

Ehe wir nun zur Schilderung des Taiping-Aufstands übergehen, haben wir noch zu beachten, in wie hohen Ehren die Chinesen alles Wissen halten, ihre Ehrerbietung gegen das Alter, und die Verbreitung der Bildung in allen Schichten des Volkes. Konfucius drückt die Meinung des Landes, die heute noch gang und gäbe ist, aus, wenn er sagt: »Die Alten, die erhabene Tugend im Reich zu verbreiten wünschten, sorgten zuerst für Ordnung in der eigenen Familie; zu diesem Zweck veredelten sie vor allen Dingen ihre eigene Person; um sich aber zu veredeln, suchten sie ihr Herz zu bessern; um das Herz zu bessern, erstrebten sie Aufrichtigkeit des Denkens; um aber aufrichtig und wahr zu denken, erweiterten sie ihre Kenntnisse.« In diesem Zusammenhang von Bildung und der so hochgeschätzten Harmonie wurzelt die Sitte der allgemeinen Prüfungen in China, welche die besten Examinanden zum Beamtenstand zulassen und selbst dem ärmsten Bauernsohn den Weg zu den höchsten Staatswürden offen halten. Unter den zahllosen Millionen des Reiches sind nur wenige, die nicht lesen und schreiben können; und selbst der gewöhnliche Chinese nimmt lebhaften Anteil am Regierungswesen. Die himmlische Regierung, vom Kaiser an durch den ganzen Beamtenstand, weiß sich daher unter der Aufsicht einer öffentlichen Meinung, die nicht zu mißachten ist.

Der Kaiser ist der Stellvertreter des Himmels, aber nicht kraft seines Amtes, sondern lediglich kraft der Art und Weise, wie er seines Amtes waltet. »Das Volk ist die Hauptsache«, lehrt die alte chinesische Weisheit; »darnach kommt der Grund und Boden; der Regent folgt zuletzt.« Das ganze Regierungsgetriebe ist nicht sowohl das Mittel, um des Kaisers Willen zur Geltung zu bringen, als eine Organisation, um die Bedürfnisse des Volkes laut werden zu lassen. Jeder Familie, jedem Dorf, jedem Distrikt, jeder Provinz in China liegt die Verpflichtung ob, sich selbst zu »harmonisieren«, und die oberste Instanz, die kaiserliche Regierung, mischt sich in nichts, wenn sie nicht speziell von den betreffenden Weisen zur Entscheidung aufgefordert wird. Giebt es Streitigkeiten, ja selbst Verbrechen in einer Familie, so ist es Sache des Familienoberhauptes, sie zu richten. Giebt es Händel in einer Dorfschaft, so haben die Ältesten eine beinahe unbegrenzte Strafgewalt, und so weiter im Distrikt, in der Provinz. Dies erklärt auch die chinesische Sitte, die Eltern für die Missethaten der Kinder zu strafen und die Gesamtheit eines Distrikts für Verbrechen innerhalb seiner Grenzen verantwortlich zu machen. Die ganze Wirtschaftspolitik beruht auf einem System gegenseitiger Verantwortlichkeit, was auch gegenseitige Aufsicht bedingt. Selbst der Kaiser, obgleich nominell unumschränkter Herrscher, hat einen heilsamen Respekt vor öffentlicher Censur und eventuellem Volksaufstand.

Nun geht es aber in China wie anderwärts: die Praxis bleibt oft hinter der Theorie zurück, und das blumige Land ist keineswegs ein solcher Musterstaat, wie das Ideal ihn aufstellt. Kommt das aber dem Chinesen zum Bewußtsein, so ist ihm auch im voraus gewiß, daß die Regierung, nicht aber das Volk an allen Mißständen schuld ist, und daß es Zeit ist zur Revolution zu schreiten. So lange Wohlstand herrscht, ist man zufrieden mit der Dynastie; kommen aber böse Zeiten, dann betraut der Himmel einen mit dem Ausrottungsbefehl! So ist es von jeher gewesen, und so war es, als Hung Siu-tsiuen, der Taiping, sich erhob. Seit den zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts machten sich allerlei Übelstände im Land fühlbar und dazu kamen noch die Verwicklungen mit Europa, vorab mit England. Namentlich der sog. Opiumkrieg, den England zu Anfang der vierziger Jahre aus durchaus ungerechtfertigten Ursachen mit China führte, war von üblen Folgen für dieses Land. Die Macht der Regierung hatte bislang großenteils auf einem gewissen »Prestige« beruht. Durch die nötig gewordene Landmiliz lernte nun das Volk seine Wehrkraft kennen, und wo vorher ein Mandarin mit seinen Bütteln ausreichte, zogen jetzt bewaffnete Horden durch das Land. Die von England verlangte Kriegsentschädigung von 84 Mill. Mark brachte eine finanzielle Krisis. Verheerende Überschwemmungen des Gelben Flusses und des Jangtsze steigerten das Elend und verringerten die Einkünfte der Grundsteuer. Um allem Unglück die Krone aufzusetzen, suchte sich die Regierung damit zu helfen, daß Sträflinge sich mit Geld loskaufen konnten und die öffentlichen Ämter verkäuflich wurden. Infolge davon nahmen die Verbrechen überhand, und die zahlreiche Klasse der »Gebildeten« erachtete sich beeinträchtigt. So kam es, daß der Himmel voll drohender Wolken hing, als im Jahre 1850 der Kaiser Tao-Kwang starb und sein junger Sohn Hien-Fong an seiner Statt zu regieren anfing.

Da erhob sich ein seltsamer Mensch, der bereits genannte Hung Siu-tsiuen, eine Verkörperung der im Volke gärenden Umsturzgedanken.

Taiping bedeutet »großer Friede«, und der ein neues himmlisches Reich unter dieser Bezeichnung gründen wollte, war ein Dorfschullehrer der Hakka oder Fremdlinge, eines ziemlich rohen Menschenschlags, der vor zwei Jahrhunderten in die Provinz Kwang-tung gekommen und von den Punti (d. h. Einwohnern) immer mit scheelen Augen angesehen worden war. Seine verachtete Herkunft mochte mit der Grund sein, daß er im höheren Examen durchfiel. Das machte ihn halb toll; er hatte Anfälle von Epilepsie mit Zeiten der Verzückung, und in solchen Verzückungen hatte er Gesichte. Bei alledem war er ein Chinese voll Aberglauben. Aus seiner Enttäuschung entwickelte sich der Gedanke, warum sollte der »Ausrottungsbefehl« des Himmels ihm nicht werden, wie schon so manchem »Geringen« vor ihm? Nach seiner ersten vierzigtägigen Verzückung hatte er nichts Eiligeres zu thun, als ein Manifest an seine Thorpfosten zu nageln, betitelt: »Die edeln Grundsätze des himmlischen Königs, des souveränen Königs Tsiuen.« Er wollte eine neue Religion einführen und das Kaisertum stürzen. Und das Merkwürdige dabei ist, daß ein Anflug von Christentum mit unterlief! Die Engländer bekriegten ja die Regierung, die er haßte; er studierte daher christliche Traktate, die ihm in die Hände fielen. Hung hatte in seinen Verzückungen alles Mögliche gesehen und warf nun seine krankhaften Gesichte mit der neuen Lehre zusammen. Ein alter Mann war ihm erschienen — das mußte der Gott der Christen sein; er selbst war in jenen vierzig Tagen im Himmel gewesen und nannte sich den himmlischen Sohn — Christus war deshalb ohne Zweifel der ältere Bruder und er selbst der jüngere. Es ist nicht zu vergessen, daß die Provinz weit und breit verheert war; Banditen plünderten und geheime Gesellschaften unterwühlten das Land, all dies infolge des Opiumkrieges. Das Volk war daher bereit, einen Retter mit offenen Armen zu empfangen, besonders einen, der sich von der altehrwürdigen vaterländischen Idee des »Ausrottungsbefehls« getragen wähnte. Hungs christlicher Firnis über seinem barocken Heidentum hatte den Reiz der Neuheit. Auch lag in den Ansprüchen des Mannes, sowie in seinem ganzen Auftreten etwas von der aller Vernunft spottenden Gewalt und Anziehungskraft, wie sie ungewöhnlichen Menschen eigen ist. Massenhaft fielen ihm die Leute zu. Daß es mit seinem Christentum nicht weit her war, ergiebt sich aus der Thatsache, daß er sich bei erster Gelegenheit bei einem hochgestellten Engländer erkundigte, ob die Jungfrau Maria nicht eine hübsche Schwester habe, die sich entschließen könnte, ihn, den himmlischen König, zu heiraten! Aber mit mehr als gewöhnlicher Klugheit verstand er es, die neue Religion zu seinen Gunsten auszubeuten. Und das Ergebnis ging in der That weit über das Glück eines gewöhnlichen Betrügers hinaus. Daß sich die Hakka um ihn scharten, ist begreiflich, aber auch das übrige Volk rottete sich um ihn, und bald zählten die Taipings nach vielen Tausenden. Mit Feuer und Schwert verwüstete er das große Thal des Jangtsze und näherte sich der Kaiserstadt Peking. Aus seinen Gesichten wurden himmlische Edikte, die das Los von Millionen entschieden und selbst europäische Kabinette in Atem erhielten. Es kam so weit, daß die schwarzhaarige Nation nahe daran war, samt und sonders von der herrschenden Dynastie abzufallen. Und das war um so leichter möglich, als ja (seit 1644 schon) diese Dynastie keine einheimische, sondern eine mandschu-tatarische war und also im Geruch des Fremdländischen stand. Jahrelang lag das Reich in Trümmern, und dann kam ein Ende mit Schrecken. Hung Siu-tsiuen selbst beschloß seine Laufbahn als Selbstmörder bei der Belagerung von Nanking; man fand seinen Leichnam in der mit Drachen bestickten gelben Atlaskleidung, und ganz China rief einstimmig: »Es giebt nicht Worte genug, um das Elend zu beschreiben, das dieser Mensch angerichtet hat; das Maß seiner Bosheit war voll, und der Zorn beider, der Götter und der Menschen, erhob sich gegen ihn.« Sechzehn Provinzen und sechshundert Städte hatte er verwüstet.

In Nanking, im Schatten des Porzellanturmes, hatte er in königlichem Glanze gethront. Nur Frauen durften ihn in seinem Schloß bedienen. Es waren seine zahlreichen Weiber und noch zahlreicheren Kebsweiber. Seine Verwandten machte er alle zu Wangs, d. h. zu Unterkönigen. Es gab einen Tschung Wang oder getreuen König, einen Ostkönig und einen Westkönig, einen Kriegerkönig und einen Geleitskönig, das waren die fünf ursprünglichen; aber bei den Taipings wurde schließlich jeder ein Wang, der es verstand, sich geltend zu machen, und es gab ihrer mit der Zeit über zweitausend. Hung selbst war zwar blutdürstig und herrschsüchtig, aber ein Feigling; es lag daher immer für ihn die Gefahr vor, daß ein im Kriegswesen tüchtigerer Wang ihn überflügeln möchte. So verlor er im Jahre 1856 in purer Selbstverteidigung seine rechte Hand, den Ostkönig. Der kam eines Tages mit der Erklärung, auch er sehe Gesichte, und nannte sich den heiligen Geist; überdies brachte er die fatale Nachricht vom Himmel, Gott Vater sei sehr böse über den Tien Wang und zwar ganz besonders darüber, daß er seine schwangeren Weiber mit Füßen trete; er, der heilige Geist, habe daher den Auftrag, ihn mit vierzig Streichen zu züchtigen. Das war ein bißchen stark und selbst für einen Taiping zuviel! Es handelte sich schließlich darum, wer Herr sein sollte, ob der Tien Wang oder der Ostkönig, und obgleich Hung es für politisch hielt, sich der Prügelstrafe zu unterziehen, so traf er doch schleunige Maßregeln, sich des Ostkönigs und seiner Botschaften ein für allemal zu entledigen. Der Nordkönig wurde damit beauftragt, und die Folge war ein Blutbad.

Der Bericht eines Engländers, der in jener Zeit Nanking besuchte und Gelegenheit hatte, das Rebellenvolk zu beobachten, wie es den »großen Frieden« mit sogenannten Gottesdiensten feierte, dürfte von Interesse sein.

»Wir wohnten einer nächtlichen Feier bei; es war ihr Sabbatanfang, Freitag nachts zwölf Uhr. Die Versammlung fand in des Tschung Wang Audienzsaal statt. Er selbst saß inmitten seines Gefolges — Frauen waren nicht anwesend. Zuerst wurde gesungen; darnach wurde ein geschriebenes Gebet verlesen und von einem Offizier verbrannt; dann wurde wieder gesungen, und man ging auseinander. Der Tschung Wang ließ mich vortreten, ehe er seinen Sitz verließ, und fragte mich, ob ich ihren Gottesdienst verstünde. Ich entgegnete, daß ich einem solchen eben zum erstenmal angewohnt hätte. Darauf wollte er wissen, wie wir es damit hielten. Ich sagte ihm, daß die Christen es sich angelegen sein ließen, ihren Gottesdienst mit der heiligen Schrift in Übereinstimmung zu bringen, und daß wir alles, was gegen die Schrift wäre, verwerfen müßten. Darauf versuchte er mir zu erklären, daß ihre Verschiedenheit von uns triftige Gründe habe. Der Tien Wang sei im Himmel gewesen und habe mit Gott Vater selbst verkehrt. Unsere Offenbarung sei achtzehnhundert Jahre alt; sie aber hätten eine neue, eine vermehrte Offenbarung, und diese verstatte es ihnen, ihren Gottesdienst nach einer bis jetzt noch nie dagewesenen Art einzurichten ....

»Mit Tagesanbruch setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Palast des Tien Wang. Der Prozession voraus wurden bunte Fahnen getragen und dann folgte eine Reihe Bewaffneter; darauf kam der Tschung Wang in einem großen Tragsessel mit gestickten gelben Atlasdecken. Ihm folgten die Fremdlinge zu Pferd inmitten der berittenen Offiziere. Unterwegs schlossen sich die anderen Könige an, jeder mit einem ähnlichen Aufzug. Pauken und Trompeten verursachten einen Höllenlärm, und neugierige Menschen standen Spalier. Einen »König« zu sehen mochte nachgerade etwas alltägliches sein, aber über das Gebahren dieser Menschen konnte sich das Volk offenbar nicht genug wundern .... Der Palast des Tien Wang ist ein großes Gebäude nach Art der Konfutsischen Tempel, nur viel umfangreicher. Wir begaben uns zuerst in eine Nebenhalle, die den Namen »Morgenschloß« führte. Daselbst wurden wir dem Tsau Wang und seinem Sohn und etlichen andern vorgestellt. Nachdem man eine Weile geruht und es mit angesehen hatte, wie zwei Bedienstete ihren Respekt vor den heiligen Räumen in einem Zwischenakt damit bekundeten, daß sie sich gegenseitig in die Haare fuhren, gings weiter nach dem Audienzsaal des Tien Wang. Hier wurde ich seinen beiden Söhnen, zwei Neffen und einem Schwiegersohn vorgestellt, die mit noch andern, welche ich bereits im Morgenschloß gesehen, um den Eingang eines Alkovens saßen, über dem die Inschrift stand: »das erhabene himmlische Thor«. Der Alkoven war tief, und ganz im Hintergrund desselben zeigte man uns den Sitz des »himmlischen Königs«, der aber vorläufig leer war .... Er selbst, der Himmlische, war nicht erschienen; und obgleich nach Beendigung der Feier noch eine Zeit lang gewartet wurde, erschien er überhaupt nicht. Er mochte sich eines bessern besonnen haben und es für ersprießlich erachten, sein Antlitz vor Fremdlingen zu verbergen, auf deren guten Glauben nicht zu rechnen war; vielleicht hatte der Tschung Wang ihm unsere Ansicht über unechte Offenbarung berichtet, und er zog es vor, uns vorläufig nur einen Vorgeschmack seiner Herrlichkeit zu verstatten in der Hoffnung, unsere Einbildungskraft möchte bei dem leeren Sitze sich die abwesende Majestät um so erhabener denken ....

»Im Laufe des Nachmittags ließ der Tschung Wang mich zu einem Privatgespräch zu sich bitten. Durch eine Reihe von Gemächern führte man mich in sein Zimmer, wo er in einem luftigen Gewand von weißer Seide in einem Armsessel lag und sich von einem hübschen Mädchen fächeln ließ. Um den Kopf hatte er ein rotes Tuch gewunden mit einem Juwel über der Stirne. Er lud mich zum Sitzen ein und fragte mich allerlei über Maschinen, Landkarten, Ferngläser u. s. w., indem er offenbar annahm, daß unser einer über alles Bescheid wisse. Er wurde ganz vertraulich und war von Stund an bereit, mich jederzeit zu sehen. Bei nächster Gelegenheit zeigte ich ihm verschiedene Stellen im Neuen Testament, die mit der Lehre des Tien Wang in unverkennbarem Widerspruch stehen. Er wies es kurzerhand von sich. Im allgemeinen sprach er gern davon, daß alle Menschen Brüder wären, doch war leicht zu sehen, daß seine Religion ihn kalt ließ. Er gab zu, daß die Offenbarung des Tien Wang nicht mit der Bibel übereinstimme, jene sei aber neuer und darum glaubwürdiger ....«

Der Berichterstatter meldet weiter, es sei ihm im Verkehr mit diesen Leuten einigermaßen verständlich geworden, wie Hungs »Offenbarungen« von seinen Anhängern aufgefaßt wurden. Ihr Glaube an den Ausrottungsbefehl schien ihr Gewissen gänzlich abgestumpft zu haben und ihnen alle nur denkbaren Verbrechen gegen Andersgläubige zu verstatten. Einen Anhänger der Mandschu-Dynastie zu berauben oder zu ermorden, war ein gutes Werk. Wo sie hinkamen, führten sie die jungen Männer der Landbevölkerung gefangen mit sich und machten sie zu Rekruten, während die vielen hübschen Mädchen und Weiber, die man bei ihnen sah, den thatsächlichen Beweis lieferten, daß bei den Taipings »großer Friede« sich recht wohl mit Weiberraub vertrug.

Übrigens waren die Taipings bei all ihren Verkehrtheiten, um nicht eine stärkere Bezeichnung zu gebrauchen, doch in einigen Punkten zu loben. So war z. B. das Opium bei ihnen verpönt, ebenso der Sklavenhandel. Die Füße der Weiber durften bei ihnen nicht verkrüppelt werden; die Männer mußten sich das Haupthaar gleichmäßig wachsen lassen; der rasierte Schädel mit dem Zopf galt ja als Zeichen der Unterwürfigkeit gegen die Mandschu-Dynastie. Auch rühmten sich die Anhänger des Ex-Schulmeisters, die allgemeine Bildung zu fördern; aber damit war es nicht weit her. Das überall zur Schau getragene Zerrbild des Christentums prägte sich auch dem Unterrichtswesen auf, das als höchstes Wissen den Satz trieb: »Der himmlische Vater und der himmlische Bruder (nämlich Hung) sind über alle Pflicht und Sittlichkeit zu verehren.« Des Tien Wang Erlasse wurden als Lesebücher benutzt, damit es der Jugend schon geläufig würde, in ihm den Auserwählten zu erblicken, der zum Friedensherrscher über die ganze Welt bestimmt sei.

In gewissen Kreisen Englands hatte sich ein merkwürdiges Vorurteil zu Gunsten Hungs eingeschlichen. Man fragte sich, ob die Taipings nicht am Ende doch Schutz verdienten, ob das Rebellentum nicht möglicherweise der Übergang zur Zivilisation, ja Verchristlichung des Landes wäre. Erst nachdem einmal britische Niederlassungen gefährdet waren, wurde man anderer Meinung.

Die Briten hielten sich mit den Franzosen vorläufig neutral, und die Feindseligkeiten bis zum Jahr 1860 verblieben lediglich zwischen den Kaiserlichen und den Rotten des großen Friedens. Es war ein Bürgerkrieg von staunenswerter, riesiger Ausdehnung.

Im Jahr 1859 war die Sachlage die: die Mißhelligkeiten zwischen England und China waren so ziemlich beigelegt, der Friede von Tientsin war geplant und, von Kanton abgesehen, hatte das britische Militär das Reich geräumt. Der Aufruhr, der nun in seinem neunten Jahre stand, schien seine besten Tage gesehen zu haben; die Taipings verloren einen Ort nach dem andern und wurden wiederholt in der heiligen Hauptstadt, ihrem Hauptsitze, angegriffen. »Nanking war härter bedrängt denn je«, sagt der getreue Wang in den vor seiner Hinrichtung verfaßten Erinnerungen. Hung ließ sich das aber nicht im geringsten anfechten; mit größtem Gleichmut fuhr er fort, seinen Ministern himmlische Befehle zu geben und innerhalb der belagerten Stadt auf die Anzeichen des großen Friedens ringsum hinzuweisen. Der Tschung Wang, der die Stumpfheit der Majestät offenbar nicht teilte, kann nur sagen: »Die Zeit zur Ausrottung der himmlischen Dynastie war eben noch nicht gekommen.« Fürs übrige war der Getreue ein thätiger Krieger, und nicht weniger als sechsmal brachte er's zu stande, Nanking zu entsetzen.

Die kaiserliche Regierung aber, anstatt nun alles aufzubieten, das allmählich verglimmende Feuer des Aufstandes vollends auszutreten, beging den großen Fehler, sich abermals mit den Engländern zu überwerfen. Auf dem Wege nach Peking, wo der Friede unterzeichnet werden sollte, sah sich der britische Gesandte an der Mündung des Peiho-Flusses plötzlich einer chinesischen Streitmacht gegenüber. Die Taku-Forts waren in aller Eile repariert worden, und man wollte die britischen Schiffe nicht durchlassen. Als die Engländer trotzdem vordrangen, erfolgte eine Salve aus verdeckten Feldstücken, und drei Kanonenboote wurden in den Grund geschossen. Natürlich brüllte da der englische Löwe ob dem chinesischen Treubruch und man stand alsbald wieder auf dem Kriegsfuß. Die erneuten Angriffe der verbündeten Engländer und Franzosen im folgenden Jahre übten selbstverständlich ihre Rückwirkung auf den Aufruhr, der aufs neue um sich griff. Ein ganz direktes Resultat war ein Angriff der Taipings auf Schanghai. In dieser Stadt aber sind die englischen, resp. europäischen Handelsinteressen mit den chinesischen verwachsen; daraus ergab sich die Notwendigkeit englischer Intervention, mit andern Worten ein direkter englischer Angriff auf die Rebellen. Auch traten britische Offiziere in kaiserliche Dienste, und so wurde man mit der Zeit der Taipings Herr. Es liegt hier ein Stück historischen Ausgleichs vor: wie wir gesehen haben, wurzelte der Aufstand teilweise im englischen Opiumkrieg, und englische Waffen mußten schließlich dem zerrütteten Lande wieder zum Frieden verhelfen.

Eine solche Verwicklung der Dinge ist übrigens wohl nur in China möglich, daß, während die zornmutigen Verbündeten noch damit beschäftigt waren, ihre Truppenschiffe von Singapore und Hongkong herauf zu bringen, um die Kaiserlichen in Peking zu züchtigen, der General-Gouverneur von Kiangsu in Person in Schanghai eintraf und die britischen und französischen Behörden daselbst um Hilfe gegen die Rebellen anging. Unterm 30. Mai 1860 meldet der englische Bevollmächtigte dem Ministerium Russell: »Ich beschloß im Einvernehmen mit Mr. Bourboulon, daß es sich sowohl in politischer als humaner Hinsicht empfiehlt, solchen Greuelscenen hier zuvorzukommen, wie sie anderwärts stattgefunden haben ... und wir können die Küstenstädte schützen, ohne anderweitig Partei zu nehmen.«

Indessen hatten sich die reichen Kaufleute von Schanghai schon unter der Hand nach Schutz gegen die zu erwartenden Taipings umgesehen. Ein Amerikaner Namens Ward war erbötig, Truppen zu werben. Es war eine Belohnung ausgesetzt, das etwa dreißig Kilometer entfernte Sung-Kiang von den Rebellen zu säubern. Mit einer Bande von Matrosen machte Ward den Anfang, denen sich zusammengelaufenes Volk aus aller Herren Länder anschloß; auch Chinesen waren darunter, und dies war der Ursprung jenes merkwürdigen Söldnerhaufens, der sich in nicht allzuferner Zeit den Namen der »stets siegreichen Armee« erwarb und dann unter Gordon dieser Bezeichnung auch alle Ehre machte. Vorläufig nannten sich Wards Leute nach jener ersten Heldenthat das Sung-Kianger-Corps.

Die Taipings, mittlerweile nicht müßig, unternahmen große Streifzüge in diesem Jahr. Wie bereits erwähnt, hatte der getreue Wang Nanking zum sechstenmal entsetzt, was ihm übrigens nicht einmal ein billigendes Wort von Hung eintrug, auch durfte der streitbare Minister dem Himmlischen nicht vor die Augen kommen. Es ist kaum faßlich, wie dieser Mensch sich seine Unterkönige botmäßig erhielt; aber die ganze Bewegung ruhte ja eben auf den übermenschlichen Ansprüchen des wahnsinnigen Hung.

Tschung Wang, der Getreue, und Jing Wang, der Heroische, auch als vieräugiger Hund bekannt, vertrieben nun die Kaiserlichen aus dem ganzen Jangtsze-Thal, Schrecken zog vor ihnen her; in einer Stadt zogen viele Einwohner es vor, ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende zu machen, als es hieß: die Taipings sind wieder da! Ein Distrikt nach dem andern ergab sich, und »der Getreue« beschloß seinen Siegesmarsch in Sutschau, der Hauptstadt der Provinz Kiangsu, einer der reichsten Städte des blumigen Landes, die sich fast widerstandslos ergab.

»Im Himmel ist das Paradies«, sagt ein chinesisches Sprichwort, »aber auf Erden sind Su und Hang.« »Um in der Welt glücklich zu sein«, sagt ein anderes, »muß man in Sutschau geboren sein«; denn die Menschen dort sind vor allem ihrer Schönheit wegen berühmt — nach chinesischen Begriffen vermutlich. Die Stadtmauern maßen 15 Kilometer im Umkreis und außerhalb derselben erstreckten sich noch vier ansehnliche Vorstädte. Man schätzte die Einwohnerzahl auf zwei Millionen. In ganz China stand Sutschau in fabelhaftem Ruf wegen der Pracht seiner antiken und modernen Marmorbauten, seiner schönen Grabstätten, seiner Granitbrücken. Herrlich seien dort die Straßen, die Gärten, die öffentlichen Plätze; verständiger als anderwärts die Männer und schöner die Frauen. Auch die Handelsprodukte der Stadt waren berühmt, kostbare Seidenstoffe insbesondere. In dieser Stadt hielt der Getreue seinen Einzug, während die Kaiserlichen in heller Flucht sie verließen, und durch die ganze Provinz Kiangsu schien damit die Herrschaft des großen Friedens gesichert.

Der Kan Wang oder Schildkönig war zu dieser Zeit Generalissimus; dieser hatte vier Jahre in Hongkong gelebt und urteilte richtig, wenn er meinte, daß es den Taipings förderlich sein dürfte, mit den Ausländern anzuknüpfen. Wichtiger als der Besitz von Su und Hang erschien es ihm, in der Richtung von Schanghai vorzudringen, um dort europäische Dampfer zu erlangen, die auf dem Jangtsze dienlich sein sollten. Er urteilte praktisch, der Schildkönig, denn die Stimmung unter den Engländern und Amerikanern in den Hafenstädten war selbst zu dieser Zeit noch eine geteilte. Überdies mochten die Taipings wohl auf Beihilfe rechnen, denn die Engländer und Franzosen waren schon unterwegs, um in der Mandschurei ihre Streitkräfte zu vereinigen, von dort aus den chinesischen Kaiser aus der Ruhe seines Palastes aufzuschrecken und ihn für den bei den Taku-Forts erlittenen Schimpf zu züchtigen. In der That war auch etwas wie ein Waffenstillstand zwischen den Rebellen und den Verbündeten zu stande gekommen, wenn von einem Waffenstillstande überhaupt da die Rede sein kann, wo aktive Feindseligkeiten noch nicht ausgebrochen waren. Der englische Admiral Hope war den Jangtsze hinaufgefahren, welcher Fluß durch den Vertrag von Peking europäischen Schiffen zugängig war, und hatte unter den Mauern Nankings mit dem Tien Wang selbst unterhandelt. Das Ergebnis hievon war, daß die Rebellen sich verbindlich machten, Schanghai auf Jahresfrist in Frieden zu lassen. Die Verbündeten konnten ruhig nordwärts ziehen.

Dies ist der Punkt, an welchem das Leben Gordons in den breiten Strom der Weltgeschichte einmündet.

Im Sommer 1860 war er nach China beordert worden und nahm nun teil an der Operation gegen die Kaiserstadt. Er war dabei, als der Sommerpalast in Brand gesteckt wurde. Hören wir darüber seine eigenen Aufzeichnungen:

»Am elften Oktober erhielten wir Befehl, in möglichster Eile Schanzen aufzuwerfen und Batterien gegen die Stadt zu richten. Die Chinesen verweigerten die Übergabe des Thores, und so lang dies der Fall war, wollten wir nicht mit ihnen unterhandeln. Auch die Gefangenen sollten ausgeliefert werden. Diese waren sehr mißhandelt worden, und zwar, wie gesagt wird, im Sommerpalast selbst in Gegenwart des Kaisers ... Wir waren bereit, die vierzig Fuß hohe Mauer zu stürmen; die Chinesen hatten Bedenkzeit bis zum 13. mittags. Um halb zwölf ergaben sie sich, und wir nahmen Besitz von der Stadt. Sie erhielten weitere Frist bis zum 23., während welcher Zeit sie für jeden ihrer Mißhandlung erlegenen Engländer 200000 Mk. beibringen mußten, und 10000 für jeden Eingeborenen. Die Strafgelder wurden auch richtig gezahlt und der Vertrag gestern unterzeichnet.«

Dem englischen General, Lord Elgin, blieb nun die Entscheidung, ein Exempel zu statuieren. Die Stadt in Brand stecken, hätte tausende von Unschuldigen mit den Schuldigen getroffen. Im Sommerpalast aber hatten sich genügende Beweise der daselbst verübten Grausamkeiten vorgefunden; somit sollte der stattliche Palast zerstört werden. Und so wurde der Juen-Ming-Juen (Garten der Gärten) in Brand gesteckt, und der schwarze Rauch hing wie ein Trauermantel über Peking. Gordon beschrieb und beklagte die Zerstörung:

»Unsere Leute plünderten in fast vandalischer Weise, und was ein Raub der Flammen wurde, wäre nicht durch 80 Millionen Mark wieder herzustellen ... Die Pracht und Schönheit des Zerstörten ist kaum zu beschreiben ... Es that einem im Herzen weh, den furchtbaren Brand mit anzusehen ... es war ein entsetzlich entwürdigendes Geschäft für eine Armee, jedermann wollte nur plündern ...«

Die Franzosen hatten schon vorgesorgt mit der Verheerung und die kostbarsten Gegenstände einfach zusammengeschlagen.

Die beiden Armeen verzogen sich allmählich, die Engländer ins Winterquartier nach Tientsin. Gordons Aufenthalt daselbst verlängerte sich weit über sein Erwarten, nämlich bis zum Frühjahr 1862. Er war damit beauftragt, die Umgegend aufzunehmen. Öfters gab's auch einen Ritt nach den 220 Kilometer entfernten Takuforts, und einmal einen beträchtlicheren Ausflug mit seinem Kameraden Cardew nach der großen Mauer — ein ziemlich kühnes Unternehmen, denn sie durchritten da weite Gegenden, die noch nie von Europäern betreten waren. Einen vierzehnjährigen Jungen, der etwas Englisch verstand, nahmen sie mit als Dolmetscher. Ein Zelt und Kochgerät führten sie auf einem Karren mit sich. Bei Kalgan erreichten sie die 2000 Kilometer lange Mauer des Schi Hoangi, die 240 Jahre älter ist als die christliche Zeitrechnung, zweiundzwanzig Fuß hoch, und sechzehn dick. »Es war wunderschön,« schreibt Gordon, »die endlose Mauerlinie sich über die Hügel hinziehen zu sehen.« Von Kalgan schlugen sie eine westliche Richtung ein nach Taitong, wo die Mauer nicht ganz so hoch ist. Daselbst sahen sie riesige Karawanen von Kamelen, die Thee nach Rußland trugen. In dieser Gegend fanden sie sich genötigt, die Achsen ihres Karrens verlängern zu lassen; denn die Fuhrwerke in jenem Lande laufen breitspuriger als anderswo, und ihre Räder paßten nicht in die ausgefahrenen Geleise der Landstraßen! Der Hauptzweck ihrer Reise war, zu erkunden, ob außer dem Tschatiau-Paß noch ein anderer vom russischen Gebiet nach Peking führe. Auf einem großen Umweg in südwestlicher Richtung suchten sie lange vergeblich die Straße übers Gebirge ostwärts; erst bei Taijuen fanden sie ihren Rückweg nach Peking und Tientsin.

Im Mai 1862 erhielt Gordon Befehl, sich mit einer Abteilung Infanterie nach Schanghai zu werfen, weil dort die Taipings aufs neue die Gegend unsicher machten. Der himmlische König hatte den Engländern sagen lassen, er werde Schanghai angreifen, sobald das Jahr des Waffenstillstandes um sei. Im Januar 1862 hatte er dann auch seinen »Getreuen« in die Gegenden der Konsulatstadt geschickt, und von da an datiert die feindliche Stellung der Engländer gegen die Rebellen.

Mit dem militärischen Oberbefehl innerhalb des Distrikts betraut, marschierte Gordon zuerst nach Singpu, erstürmte die Stadt und vertrieb die Taipings aus verschiedenen Plätzen, wo sie sich festgesetzt hatten. In erster Linie sollte Gordon dafür sorgen, daß der sogenannte »dreißig Meilen Umkreis«[1] um Schanghai her von feindlichen Überfällen gesichert bleibe.

»Wir hatten einen Besuch von den Taipings,« schreibt Gordon. »In einzelnen Haufen kamen sie bis in die nächste Nähe des Stadtgebiets, steckten in Brand was sie konnten und trieben die Landleute zu Tausenden vor sich her. Wir zogen ihnen entgegen, aber ohne viel Erfolg. Gräben und Sümpfe hindern allerwärts unser Fortkommen, die Rebellen sind uns in dieser Hinsicht weit überlegen ... Es ist unfaßlich, was für Haufen flüchtigen Landvolkes nach Schanghai kommen, sobald die Taipings in der Nähe sind; mindestens fünfzehntausend Flüchtlinge sind eben hier, und keineswegs nur Weiber und Kinder, sondern stämmige Männer, die sich wohl wehren könnten, aber die Angst lähmt ihnen alle Thatkraft. Weiterhin im Land haben die Leute Unglaubliches zu leiden und viele sterben Hungers. Dieser Aufruhr ist eine entsetzliche Landplage, und unsere Regierung sollte alles Ernstes eingreifen, um ihn zu unterdrücken. Worte können nicht das Elend beschreiben, das überall herrscht, wo die Rebellen hinkommen; die reiche Provinz ist zur Wüste geworden.«

Für die Kaiserlichen hatte das Jahr 1861 schon einen Umschwung gebracht. Der Kaiser Hien-Fong war am 21. August auf seinem Jagdschloß in der Tartarei gestorben — im sechsundzwanzigsten Jahre seines Lebens und im elften seiner unglücklichen Regierung. Unfähig mit den großen Schwierigkeiten einer Übergangsperiode zu kämpfen, hatte er wie manch anderer Fürstenschwächling sich durch Befriedigung seiner Genußsucht zu entschädigen gesucht. Schließlich aber »ergriff seine Krankheit ihn mit erneuter Heftigkeit, und am siebzehnten Tage des Mondes schwang er sich auf mit dem Drachen als Gast der oberen Räume.« Wohl mochte die arme Seele des untauglichen Monarchen, dessen sterbliche Hülle in einem »cedernen Schloß« zur Ruhe gebettet wurde, auf ihrem Drachenritt den vorangegangenen Kaisern manches zu klagen haben. Elend und Aufruhr hatte während der ganzen Regierungszeit dieses Jünglings das himmlische Reich verheert, und Rebellen herrschten an seiner Statt; allerwärts hatte das Volk sich von ihm losgesagt, der kaiserlichen Gewalt Trotz bietend, und zur Vollstreckung der heiligen Befehle fanden sich nur schlechte Statthalter, denen die eigene Größe mehr galt als die Wohlfahrt des Volkes. Jahr um Jahr durchzogen die rebellischen Horden das Land; die Brandfackel nächtlicher Zerstörung kündete ihren Weg, und der Rauch brennender Städte und Dörfer verhüllte der Sonne Licht am hellen Tage. Ein wahnwitziger Usurpator hatte es nicht nur gewagt, den Drachenthron für sich zu begehren, sondern sich außerdem noch göttlicher Ehre vermessen, während kriegerische Heervölker der abendländischen Barbaren das Kaiserreich demütigten, ja die jungfräuliche Kaiserstadt Peking bezwangen, die noch nie einem Fremdling sich erschlossen, und den Palast des himmlischen Sohnes in Brand steckten.

So mochte der arme Kaiserjüngling gedacht haben. Wir aber erkennen in der mancherlei Trübsal die Wehen einer sich neu gestaltenden Zeit. Des Monarchen Tod öffnete Thür und Thor für neue Dinge. Der Thronerbe war ein Kind, und die Regentschaft neben der Kaiserin-Witwe bestand aus Vertretern der fremdenfeindlichen Partei. Als daher der Bruder des verstorbenen Kaisers, ein weitsichtiger Prinz, der die Konvention von Peking unterzeichnet hatte, an den Hof gerufen wurde, war die Hoffnung, daß er lebendig zurückkehren würde, keineswegs stark. Man hielt dafür, daß die Einladung nichts anderes bedeute, als die höfliche Erlaubnis, wie sie einem irrenden Mitglied der kaiserlichen Familie zukommt, sich in der Stille mittelst einer seidenen Schnur aus der Welt zu befördern. Zum Glück fürs Land aber war die Hauptgewalt in den Händen einer Frau von außergewöhnlichem Verstand und männlichem Charakter, nämlich der Kaiserin-Witwe, und diese erkannte alsbald, daß Prinz Kung sich besser auf die wahren Interessen des Landes verstehe, als die Ratgeber des verstorbenen Kaisers. Und während jedermann von seinem demnächstigen Selbstmord zu hören erwartete, griff er plötzlich in den Gang der Dinge ein und stürzte sofort — gleichzeitig mit dem Einzug des jungen Monarchen in Peking — durch den berühmten Staatsstreich vom 2. November 1861 die fremdenfeindliche Partei. Ihre Hauptvertreter wurden hingerichtet. Von da an datiert ein freundliches Einvernehmen zwischen den ausländischen Bevollmächtigten und der kaiserlichen Regierung. Die Zeit war in der That gekommen, da die verschiedensten Interessen in natürlicher Weise zusammenwirkten, die Taipings auszurotten und dem himmlischen Reich zu einem neuen besseren Stand der Dinge zu verhelfen.

2. Die stets siegreiche Armee.

Das Jahr 1861 war britischerseits den Rebellen gegenüber eine Zeit des Waffenstillstandes gewesen, in diesem Jahr aber hatten die Taipings ihre erste empfindliche Niederlage erlitten, ja eine Reihe von Niederlagen. Sie hatten versucht, sich des Jangtsze-Thales wieder zu bemächtigen mit besonderen Absichten auf Hangtschau. Aber obgleich dieses Jahr durch Hien-Fongs Tod eine innere Umwälzung der Monarchie mit sich brachte, so hatte die Macht der Kaiserlichen doch stetig gewonnen, und die Rebellen sahen sich mit Ende des Jahres wieder in die Gegend von Schanghai zurückgeworfen. Man darf die Vernichtung der Taipings daher nicht ausschließlich britischen Waffen zuschreiben.

Wie bereits erwähnt, hatten die Handelsherren von Schanghai es schon vorher für geraten gehalten, sich durch ein Privatsöldnerheer gegen Überfälle möglichst zu sichern. Der Amerikaner Ward, ein tüchtiger Soldat, und nach ihm Burgevine, ein weniger tüchtiger Glücksritter, befehligte diesen Truppenhaufen, der sich des hochtrabenden Titels der »stets siegreichen Armee« erfreute.

Die Leute des blumigen Landes haben eine Vorliebe für schöne Redensarten. Ihre Flüsse sind alle wohllautplätschernd, ihre Berge voll himmlischen Weihrauchs; das geringste Dörfchen fühlt sich als eine Pflanzstätte süßduftenden Korns, und jeder gewöhnliche Nachen ist ein Wunder der kristallenen Flut. Der Chinese findet solche Benennungen keineswegs lächerlich, er hält im Gegenteil dafür, daß der pure Wortlaut der Dinge irdisches Geschick beeinfluße. In den chinesischen Klassikern wird nichts so sehr betont als die Thatsache, daß Weisheit eine richtige Benutzung der Worte sei. Es fragte einmal einer den alten Mencius, worin er sich auszeichne; »ich verstehe mit Worten umzugehen«, war die tiefsinnige Antwort. Und anderswo wird darauf hingewiesen, wie selbst tugend- und talentvolle Menschen durch übelgesetzte Rede sich oft ganz in den Schatten stellen. Konfucius erklärte, der erste Schritt zu einer wohlgeordneten Regierung sei, »die Bezeichnung der Dinge zu verbessern«, und fügte bedeutungsvoll hinzu: »einen unpassenden Namen haben heißt in ungünstiger Lage verharren, allem Übel ausgesetzt.« Derlei Ideen sind gang und gäbe in China, und jeder Schwarzhaarige läßt sich's daher angelegen sein, sich und den Seinen schöne Namen zu gewinnen. Selbst die Regierung richtet ihre Erlasse nach dem Geschmack des Volkes ein, ob nun vom Sohne der Erde und des Himmels auf dem Drachenthron die Rede ist, oder vom Büttel des geringsten Mandarins. Daher also die Bezeichnung Tschang Seng Tschiun oder stets siegreiche Armee.

Der General-Gouverneur der Kiang-Provinzen war Li Futai oder Li-Hung-Tschang, ein tüchtiger Soldat und berühmter Staatsmann. Tseng-kwo-fan, (der Vater des kürzlich verstorbenen, bekannten Marquis Tseng), der kaiserliche Generalissimus, hatte ihm den Oberbefehl von Schanghai übertragen. Der englische General Staveley erklärte ihm bei seiner Ankunft, daß, obgleich die Verbündeten den Dreißig-Meilen-Umkreis verteidigen würden, die allgemeine Bekämpfung des Aufstands doch nach wie vor den Chinesen überlassen bleibe. Li machte sich sofort daran, die chinesischen Truppen auf europäische Waffen einzuüben. Wards Söldner waren bislang ihren eigenen Weg gegangen, erst nachdem er gefallen war und sein Nachfolger Burgevine sich mit Li überworfen hatte, verschmolzen die fremden Söldner mit den chinesischen Rekruten, und Li bat den englischen General, einem seiner Offiziere den Oberbefehl zu übertragen.

Der rechte Mann war bald gefunden in Gordon, der zwar noch nie im Oberkommando gestanden, der aber mehr denn irgend ein anderer für den verantwortungsvollen Posten geeignet war. Seinen Ruf von Sebastopol her hatte er in Peking und Schanghai aufrecht erhalten, und es spricht sehr für den Mann, daß er dem ehrenvollen Antrag keineswegs in blinder Aufregung Folge leistete, sondern im Gegenteil den gelassenen Wunsch vortrug, seine Arbeit der militärischen Kenntnisnahme des Terrains innerhalb des Dreißig-Meilen-Umkreises zuerst zu Ende bringen zu können, weil das für eventuelle Operationen jedenfalls von Wert sei. In einem Offizier, Namens Holland, ernannte man darum einen zeitweiligen Ersatzmann, unter dessen Führung die »stets siegreiche Armee« von den Taipings bei Taitsan glänzend geschlagen wurde. Erst im Frühjahr 1863 übernahm Gordon den Oberbefehl. Er schreibt darüber an seine Eltern:

»Ich fürchte, es wird Euch unlieb sein, daß ich das Kommando übernommen habe; es geschah nicht ohne reifliche Überlegung meinerseits. Ich halte dafür, daß es ein gutes Werk ist, diesen Aufstand zu unterdrücken; es ist eine einfache Pflicht der Menschlichkeit und kann außerdem dazu beitragen, dieses Land der Zivilisation zugänglich zu machen. Ich will nicht tollkühn handeln, und ich hoffe, bald nach England zurückkehren zu können — ich will nicht vergessen, daß das Euer Wunsch ist. Ich kann wohl sagen, daß, wenn ich mich geweigert hätte, den mir übertragenen Posten anzunehmen, die Truppen sich verlaufen hätten und der Aufruhr allem Anschein nach das Land noch Jahre lang im Elend erhalten würde. Ich hoffe, daß das nun nicht der Fall sein wird und daß ich Euch sehr bald Beruhigendes werde schreiben können.[2] Ihr müßt es Euch nicht zu nahe gehen lassen; ich glaube wirklich, daß ich das Rechte thue .... Ihr seid mir stets gegenwärtig und dürft Euch darauf verlassen, daß ich nichts Unbesonnenes thun will.«

Gordon hatte gerade das dreißigste Jahr zurückgelegt. Sein Heer zählte bei der Übernahme zwischen drei- und viertausend Mann mit etwa hundertundfünfzig Offizieren, war aber später erheblich stärker. Die Uniform war eine halb-europäische, aus dunklem Wollenzeug und grünem Turban bestehend; die Soldaten waren anfänglich nichts weniger als mit ihrer Montur einverstanden, denn ihre Landsleute erblickten in ihnen nur »nachgemachte fremde Teufel«; unter der Bezeichnung »fremde Teufel« fasst nämlich der Chinese alle Ausländer zusammen. Später aber, als die Armee anfing, sich wirklich als die »stets siegreiche« zu erweisen, wurden die Leute stolz auf ihre eigenartige Kleidung und hätten sich dieselbe nicht wieder nehmen lassen. Ja, soweit ging die gute Meinung eines chinesischen Statthalters, daß er dafür hielt, schon ihren Fußstapfen folge der Sieg und demgemäß Entmutigung der Rebellen; er ließ daher viele tausend Paare europäischen Schuhwerks unter das Landvolk verteilen, um die Spuren von Gordons Truppen möglichst zu vervielfältigen! Ein Oberst dieses Korps erhielt etwa fünfzehnhundert Mark pro Monat, die Majore, Hauptleute, Adjutanten u. s. w. eine entsprechende Summe in absteigender Linie bis zum Leutnant, der sich auf sechshundert Mark stellte; die Unteroffiziere circa hundert Mark in abnehmendem Verhältnis bis zum Gemeinen, dessen Sold ungefähr vierzig Mark monatlich betrug. Im Feld verabfolgte man außerdem noch Rationen. Der Oberbefehlshaber selbst erhielt eine stattliche Summe — 5200 Mark monatlich, also 62400 Mark im Jahr; — »aber das ist sehr gleichgültig«, schreibt Gordon.

Sämtliche Offiziere waren Ausländer. Amerikaner bildeten die Mehrzahl, dann Engländer, Franzosen, Spanier, Deutsche. Im allgemeinen waren es tapfere Leute, die sich rasch in eine gegebene Lage zu finden wußten, im Feuer meist großen Mut entwickelten, im übrigen aber leicht einander in die Haare gerieten. Die Disziplin war so scharf wie thunlich, doch war es nicht oft nötig, summarisch einzugreifen, Gordons persönlicher Einfluß machte sich bald fühlbar. Das Schlimmste war die Trunksucht; innerhalb eines Monats starben einmal elf Offiziere an delirium tremens. »Man mußte froh sein, überhaupt Offiziere zu kriegen«, schrieb einer, der aus Erfahrung reden konnte; »sie schlugen sich gut, und das war schließlich die Hauptsache.« Ein anderer schreibt: »Es waren sogar offenkundige Freunde der Rebellen unter ihnen und solche, die alle Landesgesetze in den Wind schlugen; aber Offiziere wie Gemeine lernten sehr bald einen Anführer respektieren, auf dessen Tapferkeit, Kriegsgeschick, Gerechtigkeitsliebe und persönliche Güte sie alle Ursache hatten sich jederzeit zu verlassen, einen, der sich nie selbst schonte[3], wo es Gefahr gab, und der mit fester Hand alle Privathändel darnieder zu halten wußte, die bislang dem Erfolg oft hinderlich im Wege gestanden.«

Der Kriegsschauplatz, auf welchem Gordon seine Armee innerhalb anderthalb Jahren dreiunddreißigmal ins Gefecht führte, war die von der Jangtsze-Mündung im Norden und von der Bucht von Hangtschau im Süden begrenzte Provinz Kiangsu, eine stumpfe Halbinsel, die von Hangtschau bis Nanking am Jangtsze, der Residenz des Taiping, über zweihundert Kilometer breit ist, während der Querdurchschnitt in der Mitte zwischen diesen beiden Punkten bis zum Meer dreihundert Kilometer beträgt. Am nordöstlichen Ende, etwa vierzig Kilometer vom Ufer entfernt, liegt inmitten zahlloser Buchten die Stadt Schanghai. Das von unzähligen Flüssen, Flüßchen und Kanälen durchzogene Land ist von fast lagunenartigem Charakter und, abgesehen von den einzelnen Hügeln, flach wie Holland, fruchtbar und reich an Dörfern und Städten. Stellenweise liegt das Land tiefer als der Spiegel des Meeres, und lange Strecken erheben sich nur wenige Fuß darüber. Der Verkehr ist größtenteils zu Schiff. Zum Manövrieren in Kriegszeiten ist es daher ein schwieriges Land, und es kam Gordon gut zu statten, daß er sich eine so gründliche Kenntnis desselben verschafft hatte. Ja, er war mit dem gesamten Kriegsschauplatz weit besser vertraut als die Rebellen, die das Land seit zehn Jahren durchstreift hatten. Er wußte genau, welche Kanäle zur Zeit schiffbar waren und welche nicht; er wußte, wo der Boden Artillerie tragen würde und wo er versumpft war. Er ging auch alsbald daran, sich durch eine kleine Flotte von Kanonenbooten zu verstärken, die in dem wasserdurchfurchten Land seiner Infanterie als Bedeckung dienen konnte und die überdies durch rasche Truppenbeförderung seine viertausend Mann in der Meinung des Feindes vervielfachte. Mit Gordons Korps kooperierte eine kaiserliche Armee; der dieselbe befehligende General war Li Adong, ein Mann, vor dessen militärischer Tüchtigkeit Gordon alle Achtung hatte. Gleichwohl hatte sich Gordon völlige Unabhängigkeit vorbehalten, und die wurde ihm auch zugestanden.

Seine »Siegreichen« brannten vor Begier, die Scharte von Taitsan auszuwetzen, er aber ließ nichts übereilen. Er hatte das eine große Ziel im Auge, den Aufruhr schnell und gründlich aufs Haupt zu schlagen, und wußte genug von den bisherigen Ergebnissen, um einzusehen, daß hitziges Scharmützeln hier und dort, oder eine Taktik der Defensive — wie z. B. das energische Sauberhalten des Dreißig-Meilen-Umkreises — oder auch wiederholtes Angreifen des Feindes in seinen Verschanzungen wie in Taitsan, durchaus ungenügend sei, wenn es sich darum handle, dem ganzen Aufstand ein Ende zu machen. Ihm erschienen plötzliche Überfälle an Orten, wo man ihn am wenigsten erwartete, der geeignetste Kriegsplan; denn nicht nur gewannen seine Soldaten bei ziemlich sicheren Erfolgen immer mehr an Selbstvertrauen, sondern er zwang die Rebellen sehr bald, sich allerwärts seines Erscheinens gewärtig zu halten, zu einer Stellung der Defensive also, und ließ ihnen weder Zeit noch Mut, Schanghai oder die andern Hafenstädte zu beunruhigen.

Nicht viele Tage gingen ins Land, ehe er mit zweihundert Mann Artillerie und so viel Infanterie, als seine beiden Dampfer tragen konnten, d. h. etwa tausend Mann, den Jangtsze hinaufdampfte. Etwa hundert Kilometer aufwärts, am südlichen Ufer, liegt Fusan, ein Piratennest, wo die Taipings sich befestigt und kurz zuvor einen kaiserlichen Angriff zurückgeschlagen hatten. Die Kaiserlichen waren dort verschanzt und unter ihrer Deckung brachte er seine Leute ruhig ans Land, obgleich die Taipings in ziemlicher Stärke seinen Bewegungen aus nächster Nähe zusahen. Er erreichte Fusan, und es gab eine dreistündige Beschießung; einen Ansturm warteten die Taipings gar nicht ab, sie wandten sich alsbald zurück. Fusan war der Schlüssel zu dem fünfzehn Kilometer südlicher gelegenen Tschanzu, wo eine kaiserliche Besatzung sich bisher tapfer gehalten hatte.

Die Einwohner dieser Stadt waren selbst Rebellen gewesen, hatten sich aber wieder der kaiserlichen Sache zugewandt. Der getreue Wang hatte darauf die Stadt belagert und als Beweis, was er zu thun vermöchte, die Köpfe von drei bei Taitsan erschlagenen europäischen Offizieren über die Mauern werfen lassen; allein die Einwohnerschaft hielt aus. Auf dem Wege dahin fand Gordon die Leichname von fünfunddreißig von den Taipings gekreuzigten Kaiserlichen. Er vertrieb die Rebellen mit einem Verlust von nur zwei Toten und sechs Verwundeten auf seiner Seite. Der Feind zog sich nach Sutschau zurück; ein gut Stück Land war somit den Rebellen abgenommen. Die Leute von Tschanzu empfingen ihren Befreier mit großem Jubel und bedauerten lebhaft, ihm kein Geschenk machen zu können. »Das sei nicht Mode bei ihm«, entgegnete Gordon.

Der Kaiser übrigens lohnte den glänzenden Anfang damit, daß Gordon den Titel Tsung-Ping erhielt, was annähernd durch Brigadegeneral wiederzugeben ist. Eine Besatzung von dreihundert Mann in Tschanzu zurücklassend, kehrten die Siegreichen nach Sung-Kiang zurück.

Nordwestlich von Schanghai liegt Taitsan, von wo in südwestlicher Richtung der Weg durch Kuinsan nach Sutschau führt. Das waren die drei Hauptorte der Rebellen, der letztere als Provinzialhauptstadt der bedeutendste. Die Taipings hatten diese Stadt seit 1860 inne. Gordon machte sich marschfertig. Es war unbekannt, welchen der drei Orte er zuerst angreifen würde; man vermutete, Kuinsan sei das Ziel. Dieser Ort, als Verbindungsglied zwischen den beiden anderen Städten, war strategisch von großer Wichtigkeit; überdies hatten die Rebellen daselbst unter einem hergelaufenen Engländer eine Kugelgießerei in voller Thätigkeit. Auf dem Wege dahin erfuhr Gordon, daß der Kommandant von Taitsan dem Gouverneur Li einen Vorschlag zur Übergabe gemacht habe, daß demzufolge ein kaiserlicher Truppenteil als Besatzung dahin abgezogen sei, daß der Taiping den Kaiserlichen aber damit nur eine Falle gestellt und dreihundert derselben enthauptet habe, deren Köpfe er als Beweis seiner Geschicklichkeit nach Sutschau und Kuinsan sandte. Gordon nahm alsbald die verräterische Stadt aufs Korn.

Kein leichtes Unternehmen! Die feindliche Garnison war zehntausend Mann stark, darunter waren zweitausend auserlesene Truppen mit französischen, amerikanischen und englischen Überläufern bei den Batterien, während er nur dreitausend Mann befehligte. Aber das war ihm einerlei, er belagerte die Stadt sofort. Nach zwei Tagen war Bresche geschossen und die Stürmenden in vollem Anmarsch. Der erste Angriff wurde jedoch zurückgeschlagen. Darauf ließ Gordon seine Artillerie die Bresche über den Köpfen der Stürmenden hinweg beschießen. Dieser zweite Angriff war erfolgreicher; die Flagge der Siegreichen wehte von den erstürmten Zinnen, und die Taipings retteten sich in tollster Flucht. Gordon schreibt darüber an seine Mutter:

»Am 24. April verließ ich Sung-Kiang mit etwa dreitausend Mann, um Kuinsan anzugreifen, eine große Stadt zwischen Taitsan und Sutschau. Ehe ich aber soweit kam, erfuhr ich, daß die Taipings zu Taitsan vorgegeben hatten, mit den Kaiserlichen unterhandeln zu wollen, die abgesandte kaiserliche Besatzung aber verraten und vernichtet hatten. Ich änderte daher alsbald meinen Plan und marschierte nach Taitsan; am ersten Tag wurde die äußere Verschanzung angegriffen, am zweiten Tag die Stadt selbst. Die Rebellen wehrten sich tüchtig, aber es half nichts; die Stadt fiel. Taitsan ist ein wichtiger Ort und die Einnahme nach dem verübten Verrat eine verdiente; der Kommandant hat eine Kopfwunde davongetragen. Diese Stadt erschließt uns ein großes Stück Land. Die chinesischen Behörden sind voll Lobes über meine Leute. Ich bin jetzt ein Tsung-Ping Mandarin (die zweitoberste Würde) und habe viel Einfluß. Nicht daß ich das an sich schätzte, aber ich bin immer gewisser, daß ich recht daran that, das Kommando zu übernehmen. Du würdest mir ebenfalls recht geben, könntest Du Dich mit eigenen Augen von der Niederträchtigkeit der Rebellen überzeugen. Taitsan war stark befestigt, es ist eine Fu oder Hauptstadt.«

Die stets siegreiche Armee hatte ihrem Namen Ehre gemacht und ihr Anführer sich als ein Befehlshaber erwiesen, der das wahre Geheimnis der Kriegskunst kennt — das Wann, Wie und Wo des Draufschlagens. Zwanzig Jahre später, als die Araber angefangen hatten, seinen Palast in Khartum zu beschießen und er wußte, daß selbst etliche seiner zum Mahdi überlaufenden Sudanesen die feindlichen Kanonen bedienten, schrieb er in sein Tagebuch: »Es ist nicht das erstemal, daß meine eigenen Leute auf mich schießen. In der Bresche vor Taitsan waren zwei Engländer vom 31. Regiment unter den Rebellen. Der eine fiel, der andere wurde verwundet und gefangen genommen. ›Herr Gordon! Herr Gordon! lassen Sie mich nicht totschießen!‹ Lauter Befehl: ›Führt ihn weg und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf.‹ Leiser Befehl: ›Bringt ihn in mein Boot, der Doktor soll nach ihm sehen; dann schickt ihn nach Schanghai.‹ Der Mann lebt wohl heute noch.«

Die kaiserlichen Mandarine nahmen ihre Privatrache an einigen der Gefangenen, was zu Gerüchten Anlaß gab, die darauf berechnet waren, Gordon zu verleumden. Dieser schreibt mit Bezugnahme hierauf unterm 15. Juli 1863 an den Herausgeber der Schanghaier Schiffszeitung:

»Ich kann bezeugen, daß die Chinesen meines Korps nicht grausamer sind als die Soldaten irgend einer christlichen Nation; als Beweis erwähne ich die Thatsache, daß siebenhundert der bei Kuinsan gefangen genommenen Taipings bei uns jetzt im Dienst stehen. Sie haben sich freiwillig unsern Fahnen angeschlossen und sich bereits gut gegen die Rebellen geschlagen. Nur eine Hinrichtung ist nötig gewesen; sie traf einen Rebellen, der es versuchte, seine Kameraden gegen die Wache aufzuhetzen, und sofort erschossen wurde. Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß dieses Korps aus lauter gewissenlosen Menschen bestehe. In der Hitze des Gefechts schlagen sie drauf und halten es für tapfer den Feind zu töten, wie andere Soldaten auch; aber nach der Schlacht heißt es gleich wieder gut Freund .... Wenn ein gewisser (ungenannter) »Augenzeuge« und jener »Freund der Barmherzigkeit« ihre beiderseitigen Behauptungen mit wirklichen Beweisen belegen könnten, so wäre es besser, als den Zeitungen Zuschriften zu schicken, wie diejenigen, die den Bischof von Viktoria beschäftigen. Und wenn irgend jemand der Meinung ist, das Volk wäre mit der Rebellenwirtschaft zufrieden, so dürfte er sich vom Augenschein hier leicht eines andern belehren lassen. Ich überschätze die Zahl gewiß nicht, wenn ich sage, daß nach der Einnahme von Kuinsan fünfzehnhundert der flüchtigen Rebellen von den sich massenhaft erhebenden Landleuten erschlagen wurden.«

Wir haben vorgegriffen. Daß die chinesischen Söldner in vollständiger Mannszucht standen, ist kaum anzunehmen; Gordon war ja noch keine zwei Monate im Kommando. Seine Soldaten hatten in Taitsan geplündert, was gegen seine Kriegsverordnung war. Er strafte sie aber damit, daß er ihnen keine Gelegenheit gab, ihre Beute zu verwerten; sie anderweitig zu züchtigen, dafür war es kaum der geeignete Moment, nachdem sie eben einen Sieg errungen, der, so glänzend er war, doch blutige Opfer gekostet hatte. Er überließ es den Mandarinen, die gefallene Stadt zu besetzen, und marschierte mit seinem Korps nach Sung-Kiang zurück. Dort erließ er eine Proklamation, dankte den Truppen für ihre tapfere Haltung, tadelte die Offiziere aber wegen allzu laxer Mannszucht. Um diese zu bessern, ernannte er an der Gefallenen Statt mehrere englische Offiziere aus einem in Schanghai liegenden Regiment, welche Erlaubnis hatten, ihm ihre Dienste anzubieten.

Und nun ging's nach Kuinsan. Eine drohende Unbotmäßigkeit in seinem Korps wich seiner Ruhe und Festigkeit. Kuinsan war nicht nur der Schlüssel zum größeren Sutschau, sondern überhaupt zur Hälfte des rebellischen Territoriums. Die Stadt hatte eine ausgezeichnete Lage; in ihrer Mitte erhob sich inselartig, mit einer Pagode gekrönt, ein Hügel. Der Angriff konnte somit genau beobachtet werden, und zwei oder drei richtig aufgepflanzte Geschütze hätten die Stadt zur beinahe unnahbaren Festung gemacht. Der Graben um die Stadt her war über hundert Fuß breit. Die Garnison bestand aus zwölf- bis fünfzehntausend Taipings unter einem Anführer Namens Moh Wang. Der kaiserliche General Tsching war für einen Angriff von der Ostseite her, aber Gordons Kriegsgenie geriet auf eine andere Taktik, und in der That fiel die Stadt lediglich infolge seiner Manöver mit einem kleinen Flußdampfer.

Er hatte bald entdeckt, daß Kuinsan bei seiner ausgezeichneten Lage doch einen schwachen Punkt hatte, indem die Verbindung mit Sutschau in einer einzigen Straße bestand, die teilweise an einem See hinführte, teilweise zwischen einem Netz von Kanälen lag. Er brachte seinen Dampfer Hyson zur Stelle, und die Verbindung zwischen den beiden Städten war abgeschnitten. Der Hyson trug einen Zweiunddreißigpfünder und einen zwölfpfündigen Mörser. Der Kapitän war ein kühner Amerikaner, und ihm folgte eine Flottille von etwa fünfzig kleinen Segelboten mit Kanonen. Der Hyson that gute Arbeit und säuberte sehr bald die Wasserstraße von allen Taipings, als wäre er ein mächtiges Kriegsschiff gewesen; ja einmal dampfte das kühne Boot mit Gordon an Bord bis unter die Mauern von Sutschau.

Mittlerweile fand im großen Kanal ein hitziges Gefecht statt. Die Besatzung hatte nach Sonnenuntergang einen Ausfall gemacht. So zahlreich und so verzweifelt waren die Taipings, daß sie unter einem tüchtigen Anführer die »stets siegreiche Armee« völlig hätten aufreiben können. Mitten im Getümmel erschien der Hyson mit dem Aufblitzen und Donner seiner Geschütze, und — was den Taipings offenbar einen tollen Schrecken einjagte — mit dem schrillen Pfiff seiner Dampfmaschine. Der Feind geriet in verworrene Flucht, und ehe der Morgen tagte, war Kuinsan gefallen, ohne nur ein einzigesmal gestürmt worden zu sein. Von da an hatten die Krieger des großen Friedens eine heilsame Furcht vor dem Namen Gordon. Achthundert Mann der feindlichen Besatzung wurden gefangen genommen, und die meisten von diesen nahmen Dienst bei dem Sieger; doch war dies nicht der zehnte Teil der Mannschaft, und nur wenige Flüchtlinge erreichten Sutschau; der größte Teil muß unterwegs umgekommen sein. Gordon hatte diesen wunderbaren Erfolg fast ohne Opfer erreicht; zwei im Kampf Gefallene und fünf Ertrunkene war der ganze Verlust auf seiner Seite. Gordons Grundsatz, alle Gefangenen, die es begehrten, in seine Reihen aufzunehmen, bewährte sich glänzend. Feinde wurden zu Freunden. Auch gestattete er, so viel an ihm lag, nie, daß die Kaiserlichen Grausamkeiten verübten; Gefangene müßten so behandelt werden, sagte er, wie es Soldaten zukomme, die sich einem britischen Offizier ergeben. Sein eigener Bericht lautet:

»Die Rebellen haben diesmal tüchtig Schläge gekriegt; ich glaube nicht, daß sie sich noch lange zur Wehr setzen werden, da wir ihnen durch unsere Dampfer so weit überlegen sind. Kuinsan ist eine große Stadt, über fünf Kilometer im Umkreis, ihren Mittelpunkt bildet ein sechshundert Fuß hoher Hügel, von dem man die Gegend stundenweit beherrscht. Es ist ein merkwürdiges Land, voller Wasserstraßen und von großem Reichtum. Durch die Eroberung dieser Stadt ist es der kaiserlichen Regierung nun ermöglicht, die reichen Korndistrikte u. s. w. zu beschützen; die Landleute sind so dankbar, daß es eine Freude ist, sie zu sehen. Sie waren in schlimmer Lage vorher, mitten zwischen den Rebellen und den Kaiserlichen; sie waren aber schlau genug, sich einigermaßen dadurch zu helfen, daß jedes Dorf sich zwei Bürgermeister hielt, einen kaiserlichen und einen, der vorgab, es mit den Rebellen zu halten. Auf diese Weise entrichteten sie Steuern an beide. Was ich nun weiter zu sagen habe, könnte für Prahlerei gelten, aber ich weiß, daß Ihr alles hören wollt. Der Gouverneur der Provinz, Prinz Kung, und alle Mandarine sind froh, daß ich die Anführerschaft übernommen habe. Ich bin ein Tsung-Ping, d. h. ein Mandarin zum roten Knopf; wie Ihr Euch denken könnt, trage ich die Kleidung aber nicht. Sie schreiben mir sehr schmeichelhafte Briefe und sind äußerst verbindlich. Ich mag die Chinesen auch gut leiden, aber Takt ist nötig im Umgang mit ihnen, und über ihr Phlegma zornig werden nützt gar nichts; ich lasse es daher bleiben .... Sollten Gerüchte von begangenen Grausamkeiten Euch erreichen, so glaubt sie nicht! Wir haben an achthundert Gefangene gemacht; eine gute Anzahl derselben ist jetzt meiner Garde eingereiht und hat seither gegen ihre alten Freunde, die Rebellen, mitgefochten. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich lange Geschichten erzählen, wie Leute aus entfernten Provinzen einander hier treffen, oder wie die Bauern unter meinen Soldaten Rebellen erkennen, die vor noch nicht langer Zeit ihre Dörfer geplündert haben — aber ich habe keine Zeit! Ich nahm einen Mandarin gefangen, der drei Jahre lang bei den Rebellen war; er hat jetzt eine Kugel in der Wange, die er sich neulich im Gefecht gegen die Taipings geholt hat. Die Ex-Rebellen, die ich in meine Garde aufnahm, waren alle Schlangenträger oder Hauptleute. Sowohl bei den Rebellen als bei den Kaiserlichen sind die Schlangenstandarten nämlich die Abzeichen der Anführer. Wo man eine sieht, ist immer ein Befehlshaber in der Nähe. Ihr Verschwinden bedeutet den Rückzug des Feindes. In Taitsan hielten die Schlangen auch bis zuletzt, das bewies, daß der Kampf ein hartnäckiger war. Die Wangs wußten nach der Einnahme von Fusan, daß ein »neuer Engländer im Kommando war, aber sie erwarteten ihn nicht in Taitsan.« Äußerst seltsame Gerüchte sind im Umlauf, so z. B. sollen die Rebellen mir vierzigtausend Mark geschenkt haben, damit ich Kuinsan in Ruhe lasse. Alle Mandarine hatten davon gehört, und wenn sie es glaubten, so mußte es sie wunder nehmen, daß wir trotzdem vor Kuinsan erschienen. Bu Wang und zehn andere Wangs ertranken auf dem Rückzug; jener war Befehlshaber von Sutschau und schrieb einen großthuenden Brief an General Staveley, wir wären nur ein Krämervolk, und er habe Soldaten wie Sand am Meer. Ich meinesteils hielt die Rebellen nie für so stark als man annahm; es sind nicht viel tüchtige Soldaten unter ihnen. Tschung Wang, der Getreue, ist anderwärts beschäftigt und soll nicht beabsichtigen, wieder nach Sutschau zurückzukehren. Die Einwohner von Sutschau haben ihre Weiber und ihre Habe in die Wassergegend hinter die Stadt geflüchtet. Ich fürchte, die Wangs werden lange Gesichter machen, wenn sie dort auf unsere drei Dampfer stoßen, was ihnen leicht blühen kann.

Eine gründliche Kenntnis des Landes ist unschätzbar, und ich habe die Gegend genau studiert. Tschanzu ist etwa sechzig Kilometer von hier. Ich bin öfters dort gewesen; die Leute fühlen sich jetzt sicher dort, seit Kuinsan gefallen ist. Das Entsetzen der Rebellen über unsere Dampfer ist ein großes, besonders wenn Signal gepfiffen wird, das geht über ihr Fassungsvermögen .... Wir haben mehrere ehemalige Diener des Bu Wang unter den Gefangenen, und ihre Berichte sind ergötzlich. Die Wangs hatten beschlossen, meinen Dampfer in die Luft zu sprengen, und erließen eine Proklamation, daß Pulver gelegt werde; sie vergaßen nur die Hauptsache, nämlich wie das geschehen könnte — darüber hat allem nach nichts verlautet ...

Ich habe mehrere englische Offiziere, und wir begnügen uns mit der Montur, die wir auftreiben können; die Soldaten sind in hellen Lumpen ... Ja, es ist wie Du sagst, der Bezahlung wegen bin ich nicht hier. Ich halte es immer mehr für ein gutes Werk, den Aufstand zu unterdrücken, und Du würdest ebenso denken, könntest Du es nur einmal mit ansehen, mit welch dankbarer Freude die Landleute ihre Freiheit hinnehmen; die Rebellen sind ihre Tyrannen ... Die Verlegung des Hauptquartiers war ein großes Stück Arbeit.«

Gordon hatte nämlich beschlossen, Kuinsan jetzt zum Mittelpunkt seines Unternehmens zu machen, und zwar ebensowohl der Lage wegen als mit Rücksicht auf den nicht minder wichtigen Vorteil, daß er sein Korps dort in strammerer Mannszucht würde halten können als in Sung-kiang, wo die Tradition von Ward und Burgevine noch nachwirkte. Seine Leute aber billigten den Beschluß keineswegs. In Sung-kiang konnten sie etwaige Beute besser los werden, während das Plünderungsverbot in Kuinsan überhaupt so leicht nicht mehr umgangen werden konnte. Die Unbotmäßigkeit wuchs zur Meuterei. Die Artillerie weigerte sich anzutreten. Sie würden die Offiziere zusammenschießen, ließen sie Gordon schriftlich androhen. Dieser aber war ihnen gewachsen. Er rief sofort sämtliche Unteroffiziere heraus, indem er nicht zweifelte, daß unter diesen die Rädelsführer und Schreiber des frechen Schriftstücks sich befänden. Wer den Brief geschrieben, verlangte er zu wissen, und warum das Regiment sich dem ergangenen Befehl widersetze. Störriges Schweigen war die Antwort. Darauf erklärte Gordon mit ruhiger Bestimmtheit, er werde je den fünften Mann erschießen lassen, was mit wildem Murren aufgenommen wurde. Ein Korporal zeichnete sich hierbei besonders aus. Mit dem ihm eigenen Scharfblick erkannte Gordon seinen Mann. Mit eigener Hand zog er den Korporal aus der Reihe und ließ ihn von zwei dabeistehenden Infanteriesoldaten ohne weiteres erschießen. Die andern erhielten eine Stunde Arrest mit der Erklärung, daß, wenn alsdann der Antritt nicht erfolge und der Verfasser des Briefes nicht genannt würde, je der fünfte Mann unter ihnen erschossen werden solle. Das wirkte; das Regiment trat an, und als Gordon die verlangte Mitteilung erhielt, ergab sich's, daß der Rädelsführer eben jener Korporal war, dem er die verdiente Strafe hatte werden lassen.

Die Einnahme von Sutschau war das nächste Ziel, aber erst im Dezember wurde es erreicht. Kuinsan war im Mai gefallen.

Die Pagodenstadt Sutschau liegt am großen Kanal und ist von Wasserwegen umgeben. Gordon beschloß, sie allmählich abzuschneiden, indem er zu Wasser von allen Seiten näher rückte. Etwa fünfzehn Kilometer südlich von Sutschau liegt Kahpu am Thaihusee, wo die Rebellen zwei starke Forts innehatten, nicht weit davon die Stadt Wokong. Als Schlüssel zu dem etwa achtzig Quadratkilometer großen Thaihusee waren beide Orte von Wichtigkeit, außerdem beherrschten sie die Verbindung zwischen Sutschau und den Taiping-Städten im Süden. Dahin richtete Gordon deshalb seinen ersten Angriff und eroberte beide Orte mit etwa zweitausendzweihundert Mann Infanterie und Artillerie, sowie mit Hilfe zweier Kriegsboote, der »Feuerfliege« und dem »Heimchen«. Auch hier zeigte es sich wieder, daß rasche Bewegung Gordons Stärke war; so gab es z. B. einen ordentlichen Wettlauf nach einer Verschanzung außerhalb Wokongs, welche die Rebellen vergessen hatten zu besetzen. Als sie merkten, daß der Feind sich seine Gelegenheit ersah, wollten sie das Versäumte geschwind noch nachholen und machten sich kopfüber auf den Weg. Zwei Regimenter Gordons aber waren hinter ihnen her, so daß die Taipings eigentlich nur sozusagen zu einer Thür hinein und zur andern wieder hinausgejagt wurden, den Siegreichen den Posten überlassend.

Viertausend Rebellen kapitulierten; fünfzehnhundert derselben sollte Tsching unter seine Kaiserlichen aufnehmen, nachdem er sein Wort gegeben hatte, sie gut zu behandeln. Es dauerte aber nicht lange, da hörte Gordon, Tsching habe trotz seinem Versprechen etliche derselben enthauptet, eine Wortbrüchigkeit, welche Gordons ganzen Zorn herausforderte. Überdies war er unzufrieden, weil der Sold seiner Truppen seit einiger Zeit im Rückstande war. Er hatte ihnen das Plündern verwehrt mit dem Versprechen einer regelmäßigen Löhnung; nun entbehrten sie beides, und allgemeines Murren wurde laut. Es ist bezeichnend, daß nach der Einnahme von Kuinsan, einem Erfolg, der europäische Truppen mit flammender Begeisterung erfüllt hätte, die Siegreichen in ziemlicher Anzahl davonliefen! Auch hierin liegt ein Grund, warum Gordon nicht anders konnte, als Taiping-Überläufer zu Rekruten zu machen! Durch Tschings zwecklose Grausamkeit wurde das Maß seines Unmuts voll; er beschloß sein Kommando niederzulegen, und ritt in dieser Absicht nach Schanghai. Als er am dritten August dort ankam, fand er indessen eine Nachricht vor, die ihn alsbald umstimmte.

Burgevine mit etwa dreihundert Mann europäischen Pöbels und einem kleinen Dampfer hatte eben die Stadt verlassen, um sich den Rebellen anzuschließen. Burgevine ein Wang! das war allerdings eine Neuigkeit, die den Leuten von Schanghai nicht ganz einerlei war, und Gordon sah, daß er der kaiserlichen Sache nicht den Rücken wenden durfte, wenn er es nicht riskieren wollte, daß die »stets siegreiche Armee« sich ihrem alten Anführer zuwenden und mit ihm zu den Taipings übergehen sollte.

Sofort kehrte er nach Kuinsan zurück, und ernste Gedanken mochten ihn auf seinem einsamen Ritte begleiten. Wie viel hing von der Stimmung seines Korps ab! Die Leute konnten es nicht vergessen haben, wie Burgevine seiner Zeit den kaiserlichen Zahlmeister prügelte, weil er im Rückstande war, und wie er nie Anstand nahm selbst Tempelraub zu begehen, wenn sich's darum handelte, die Siegreichen zu löhnen. Kein Wunder, daß Gordon bei seiner Rückkehr großer Aufregung begegnete; seine Macht über die Geister machte sich aber auch jetzt wieder geltend. Er schickte sich alsbald an, seine Stellung bei Kahpu zu verstärken, und nicht zu früh, denn die mutig gewordenen Taipings machten einen Überfall, wurden aber zurückgeschlagen; doch verlor Gordon ein Kanonenboot. Burgevine war übrigens nicht bei diesem Angriff; es hieß, er bilde eine Fremdenlegion in Sutschau. Gordon hielt sich fürs nächste auf der Defensive.

»Daß Burgevine sich den Rebellen angeschlossen hat, wird den Aufstand ohne Zweifel verlängern, der sonst, nach menschlichem Ermessen, wohl noch in diesem Jahr unterdrückt worden wäre, oder doch spätestens im Laufe des Winters. Ich habe zu wenig Leute, um überall sein zu können, auch ist bei der gegenwärtigen Sachlage doppelte Vorsicht nötig. Die Kaiserlichen leiden an der Einbildung, daß sie die Rebellen im offenen Felde schlagen können, was nicht der Fall ist ... Man sucht mich zu überreden, alsbald die Offensive zu ergreifen, allein das Leben der Leute ist mir anvertraut, und ich will nichts thun, was ich von vornherein für tollkühn halten muß. So weit sind wir gut weggekommen, wir hatten in all diesen Gefechten nicht mehr als dreißig bis vierzig Tote bei sechzig bis achtzig Verwundeten. Es wäre wohl ein Unternehmen, um von sich reden zu machen, wenn ich Sutschau eroberte ohne Verstärkung abzuwarten; aber ich will nichts derartiges riskieren. Wokong ist unser, damit ist schon viel gewonnen, und wenn ich durch die Einnahme von Wusieh Sutschau von aller Verbindung abschneiden kann, wird es wohl nicht nötig sein, die Stadt zu stürmen. Ich denke, die Taipings werden sie von selbst räumen. Burgevine ist ein Thor und sieht nicht, was für Elend er übers Land bringt ....«

Unterm 11. September heißt es weiter:

»Burgevines kleiner Dolmetscher ist zu uns übergelaufen und sagt, daß sein Herr den Wangs allerlei von uns erzähle, was sie höchlich interessiere. Er sei in guter Gesundheit, aber träge. Seine Anhänger sind größtenteils Gesindel aus Schanghai .... Die Gegenwart von Europäern (bezw. Amerikanern) hat die Rebellen in nichts gebessert; sie sengen und brennen nach wie vor, wo und was sie können, und wir haben eine Menge ausgehungerter Leute hier ....«

Unterm 25. September schreibt er aus dem Lager bei Sutschau:

»Ich habe nun Stellung genommen, um die Kaiserlichen zu decken, die sich in einer Entfernung von etwa fünftausend Fuß vor Sutschau verschanzt haben ... Burgevine ist in Schanghai gewesen« — nämlich um sich Munition zu verschaffen, bei welch tollkühnem Unterfangen er beinahe in Gefangenschaft geriet.

Am 30. September konnte Gordon bereits von Erfolg berichten:

»Da die Kaiserlichen durch die Patatschau-Schanzen gehindert waren, so beschloß ich, dieselben einzunehmen. Die Verteidigung war schwach und unser Verlust bei der Erstürmung ein kaum nennenswerter — fünf Verwundete .... Bei Patatschau ist eine merkwürdige Brücke, sie besteht aus dreiundfünfzig Bogen und ist dreihundert Fuß lang. Ich bedaure sagen zu müssen, daß sechsundzwanzig der Bogen gestern zusammenfielen wie ein Kartenhaus, wobei zwei meiner Leute ums Leben kamen, zehn andere retteten sich nur durch schleunige Flucht. Die Bogen stürzten einer nach dem andern mit kolossalem Lärm zusammen, und mein Boot wurde schier mit zertrümmert. Es ist mir sehr leid, denn die Brücke war einzig in ihrer Art und sehr alt, eine wahre Sehenswürdigkeit. Ich fürchte, ich bin am Einsturz schuld; ich wollte nämlich einen Bogen wegnehmen lassen, um Raum für den Durchgang eines Dampfers nach dem Thaihusee zu gewinnen, da brach die ganze Geschichte zusammen, weil ein Bogen vom andern getragen war ... Die Lage der Rebellen wird immer schlimmer; ich denke, es wird nicht lange mehr dauern, bis ich den Fall von Sutschau melden kann. Wir sind hier etwa drei Kilometer davon entfernt, am großen Kanal. Die Dampfer legen den Taipings doch das Handwerk bedeutend.«

Was den Sturz der Brücke betrifft, so bedarf Gordons Bericht der Ergänzung. Er saß eines Abends allein auf der Brüstung jener Brücke und rauchte seine Zigarre, als zwei Kugeln nach einander neben ihm auf den Stein schlugen und abprallten. Diese Flintenschüsse, die ganz »zufällige« waren, kamen aus seinem eigenen Lager, wo man nicht wußte, daß er sich gerade daselbst aufhielt. Nach dem zweiten Schuß erhob er sich und schickte sich an, zurückzurudern, um zu sehen was es gäbe. Er war noch keinen Steinwurf von der Stelle entfernt, als der Teil der Brücke, auf dem er gesessen, mit großem Gekrach einstürzte und sein Boot in nicht geringe Gefahr brachte. Die Hauptgefahr, der er soeben entronnen, war natürlich die gewesen, selbst mit der Brücke zu stürzen. Es ist charakteristisch, daß er die Sache in seinem Briefe mit keinem Wort erwähnt! Diese Begebenheit ist eines jener Ereignisse, die seine Leute auf den Glauben brachten, sein Leben sei gefeit.

Dieser Glaube hatte bei seinen Chinesen in der That tiefe Wurzel gefaßt. In keinem Gefecht sah man ihn selbst Waffen tragen, obschon er es meist nötig fand, den Angriff persönlich zu leiten. Seine Offiziere waren ja im ganzen sehr tapfere Leute, aber nicht immer dazu angethan, dem verzweifelten Feind stand zu halten. Bei solchen Gelegenheiten konnte man Gordon oft sehen, wie er diesen oder jenen Offizier ruhig am Arm nahm und ihn mit sich in den dicksten Kugelregen führte. Er kannte keine Furcht; ihm galt ein Musketenfeuer nicht mehr als ein Hagelwetter. Die einzige »Waffe«, die er im Treffen führte, war sein kleines spanisches Rohr, womit er die Leute dirigierte; seine Soldaten aber, die ihn fast nur als Sieger kannten und ihn mit Staunen immer kaltblütig und unversehrt sahen, meinten, es habe mit dem Röhrchen eine besondere Bewandtnis. Als »Gordons Zauberstab« stand dasselbe denn auch in glänzendem Rufe. Und dieser Ruf war etwas wert.

Die in der Festung eingeschlossenen Europäer fanden sich mittlerweile unter der Herrschaft der Taipings aufs gründlichste enttäuscht; es kam zu Unterhandlungen zwischen Gordon und Burgevine. Eine Brücke bei Patatschau war der neutrale Boden der Zusammenkünfte.

Burgevine war ein amerikanischer Abenteurer vom reinsten Wasser, Sohn eines französischen Offiziers aus der Zeit des ersten Napoleon, in Nord-Karolina geboren. Er war nicht ohne Bildung, und der Traum seines Lebens scheint der gewesen zu sein, ein Kaiserreich zu gründen. Kalifornien, Australien, Hawaii, Indien und schließlich China waren der Schauplatz seiner Unternehmungen. Trunksucht soll ihn schließlich zu Grunde gerichtet haben. Seine Entlassung aus dem Sung-kiang-Corps hatte er nicht verwinden können, und er schloß sich den Taipings an, nur um sich an den Kaiserlichen zu rächen. In seiner ersten Unterredung mit Gordon erklärte er, er sei der Rebellen überdrüssig und wolle sie mit seinem Anhang wieder verlassen, wenn er die Gewißheit erhalten könne, daß die Kaiserlichen ihn für seinen Verrat nicht zur Verantwortung ziehen würden. Gordon übernahm es, die Bürgschaft zu leisten, und war alsbald bereit, sowohl Burgevine als andere Europäer, die dazu Lust hätten, unter seiner Fahne dienen zu lassen. Als aber Gordon und Burgevine das zweitemal zusammenkamen, gab der letztere seine wahre Gesinnung kund. Er und Gordon könnten gemeinschaftliche Sache machen, meinte er, mit einander der Stadt Sutschau habhaft werden, unter Ausschluß beider, der Rebellen und der Kaiserlichen, sich der in dieser Stadt aufgehäuften Schätze versichern, eine größere Armee heranbilden, nach Peking marschieren und das geträumte Kaiserreich gründen. Man kann sich denken, was Gordon dazu wird gesagt haben.

Übrigens desertierten die Europäer in der Stadt einige Wochen später massenweise, und zwar mit Gordons Hilfe. So groß war ihr Vertrauen zu dem feindlichen Landsmann, daß sie ihm sagen ließen, sie gedächten einen Ausfall zu machen in der Absicht, sich seinem Schutz zu ergeben. Auf ein Raketensignal hin wollten sie den Dampfer Hyson entern. Dies geschah denn auch mit solchem Eklat, daß Tausende von Taipings hinter ihnen herstürmten, in der Meinung, es handle sich um einen wirklichen Überfall; der Hyson aber trug die Flüchtlinge davon, deren Abschiedsgrüße der Zweiunddreißig-Pfünder energisch vermittelte. Burgevine mit etlichen anderen war indessen zurückgeblieben; der Moh Wang habe Verdacht geschöpft, hieß es, weshalb sie die Sache beschleunigt hätten, ohne auf die Säumigen zu warten.

Die Mehrzahl dieser Überläufer waren Matrosen, die nach Sutschau gelockt worden waren, ohne zu wissen, wohin sie gingen. Ausgehungert und zerlumpt wie sie waren, wußten sie ihrer Dankbarkeit kein Ende, und fast alle baten um die Erlaubnis, dieselbe dadurch mit der That beweisen zu dürfen, daß sie sich der siegreichen Armee einreihen ließen. Gordon aber, sobald er hörte, daß Burgevine in der Stadt zurückgeblieben und somit der Rache der Taipings hilflos überlassen war, richtete (16. Okt.) folgende Zuschrift an die beiden Haupt-Wangs der Belagerten:

»Es kann Ew. Exzellenzen nicht verborgen geblieben sein, daß ich bei jeder Gelegenheit, wo es in meiner Macht stand, Ihren in unsere Gefangenschaft geratenen Soldaten Barmherzigkeit erwiesen habe und es mir habe angelegen sein lassen, die kaiserlichen Behörden vor Grausamkeiten zurückzuhalten. Die Wahrheit dieser meiner Aussage kann Ihnen von solchen, die persönliche Erfahrung haben, bestätigt werden; denn mancher von Ihren Soldaten muß, nachdem Wokong in unsere Hände gefallen war, wieder nach Sutschau zurückgekehrt sein, ich habe es wenigstens keinem verwehrt, der es wünschte.

»Hierauf Bezug nehmend, erlaube ich mir Ew. Exzellenzen zu ersuchen, die Lage der Europäer in Ihren Diensten wohlwollend zu beurteilen. Ein Soldat, er mag kämpfen für wen er will, muß von loyalen Gedanken getragen werden, wenn er seine Pflicht thun soll. Und wenn einer gegen seinen Willen zu irgend einer Fahne gezwungen wird, so wird er nicht nur ein schlechter Soldat sein, sondern außerdem auch ein Unruhestifter im Regiment, den man nur hüten muß. Sollten nun solche Europäer in Sutschau sein, so erlaube ich mir, an Ew. Exzellenzen die Frage zu richten, ob es nicht viel besser wäre, solche unbehindert ziehen zu lassen, wenn das ihr Wunsch sein sollte. Sie selbst würden damit eine ständige Ursache des Argwohns los werden und sich die Billigung fremder Mächte erwerben; während Sie außerdem die Gewißheit hätten, daß Ihnen nur von außen ein Feind droht und nicht auch im eigenen Lager. Ew. Exzellenzen denken vielleicht, daß durch ein paar Hinrichtungen innere Ruhe bald hergestellt wäre; Sie würden dann aber ein Verbrechen auf sich laden, das sich früher oder später rächen müßte. Bei meinen Truppen steht es den Offizieren wie den Gemeinen frei, zu kommen und zu gehen wie es ihnen beliebt; und obschon das manchmal unbequem ist, so bin ich doch andererseits dadurch vor innerem Verrat sicher. Ew. Exzellenzen wollen sich darauf verlassen, daß Sie es zu bereuen haben werden, wenn Sie den in Ihrem Dienst sich befindenden Europäern ans Leben gehen oder sie wider ihren Willen zurückhalten. Dieselben haben nichts verbrochen, sie haben Ihnen im Gegenteil eine Zeit lang gedient; und wenn sie nun zu entfliehen suchen, so ist das nichts anderes als was jeder Mensch, ja jedes Tier in mißlicher Lage zu thun strebt .... Persönlichen Vorteil habe ich durchaus keinen dabei, ob die betreffenden in der Stadt zurückgehalten werden oder dieselbe verlassen. Wenn ich ihretwegen an Sie appelliere, so geschieht es lediglich aus Gründen der Menschlichkeit .... Daß diese Europäer mir Mitteilungen machen könnten, haben Ew. Exzellenzen durchaus nicht zu fürchten; Ihre Truppenstärke und Kriegsmittel sind mir längst bekannt, ich brauche mich daher nicht erst von ihnen belehren zu lassen.

»Sollte ich hinsichtlich dieser Männer vergeblich an Sie appellieren, so schicken Sie mir wenigstens die Verwundeten unter ihnen und glauben Sie, daß Sie damit eine That thun, die Sie nie bereuen werden.

»Ich schreibe dies eigenhändig, da ich mich nicht auf einen dolmetschenden Schriftführer verlassen will. In der Hoffnung, daß Sie meine Bitte gewähren, schließe ich

Ew. Exzellenzen gehorsamer Diener

C. G. Gordon, Major-Kommandant.«

Burgevine, der diese Teilnahme an seinem Schicksal durchaus nicht verdient hatte, wurde freigegeben und verschwand für immer. In einem Brief an die Seinen beschreibt Gordon die Sache und fährt fort:

»Moh Wang fragte den Boten genau aus, u. a. ob es möglich wäre, mich zu bestechen, und mußte sich mit einem Nein begnügen. »Wird Gordon die Stadt einnehmen?« »Jedenfalls«, lautete die Antwort, und er schwieg nachdenklich. Ich höre, daß die Stadt in großer Verwirrung ist; es ist nicht sowohl die Flucht der Europäer, was die Taipings beunruhigt, als vielmehr das Bewußtsein, daß die Europäer die Sache für verloren halten. Burgevine soll gut behandelt werden; ich werde thun, was ich kann, ihn loszubringen, und dann, sobald sich einer findet, der meine Stelle einzunehmen imstande ist, werde ich mich zurückziehen ... an Ruhm und Ehren ist mir nicht gelegen ... Ich hoffe, daß die chinesische Regierung sich hinlänglich davon überzeugt hat, daß ich ehrlich an ihr gehandelt habe und daß nicht alle Engländer von Geldgier beseelt sind. Daß sie diese Überzeugung in der That gewonnen haben, das glaube ich; wenigstens kommen sie mir mit vollem Vertrauen entgegen.«

Die Tage von Sutschau waren gezählt. Die Kaiserlichen hatten südwestlich um die Stadt her feste Stellungen inne, während Gordon mit seinem Belagerungstrain und vor allem mit dem Dampfer Hyson die nördliche und östliche Seite gesperrt hielt. Der Hyson erwies sich stets als vorzügliches Kampfmittel; bei einer Gelegenheit wurden dreizehnhundert Taipings gefangen genommen, und ebensoviel ertranken bei einem Fluchtversuch. Aber die kaiserlichen Verbündeten unter ihrem Anführer Tsching waren es, die durch ungeschickte Taktik Gordon immer wieder an der Ausführung eines umfassenden Planes hinderten. In Schanghai und anderwärts wurden Stimmen laut, daß, wenn Gordon nicht den Gesammtoberbefehl erhalte, man den Fall von Sutschau nie erleben würde. Aber nicht nur hat er diesen Oberbefehl nie erhalten, sondern sein eigenes Korps geriet wieder an den Rand der Meuterei und war außerdem von Krankheit heimgesucht. Aber Gordon hatte in sich die Kraft eines Kriegsheeres.

Zwar wurden die Siegreichen nun mehrmals zurückgeworfen, einmal lediglich infolge einer zur unrechten Zeit geleisteten Hilfe. Bald aber kann Gordon wieder ein Gegenteil berichten.

»Wir mußten die Rebellen aufs neue aus Wokong verjagen, sie hatten trotz ihrer neulichen gründlichen Niederlage daselbst die Kühnheit, diesen Ort abermals zu besetzen. Ich schickte einen Dampfer hin, und der Erfolg war ein glänzender Sieg, fast wie der bei Kuinsan und auch aus ähnlicher Ursache. Die Rebellen waren nämlich genötigt, ihren Rückzug auf einer engen Straße zwischen dem großen Kanal und anderen Gewässern zu nehmen ...«

Es war ein Weg, der oft lange Strecken nur drei bis vier Fuß breit war und dann und wann kamen enge Brücken, die nur ein bis zwei Mann auf einmal durchließen. Auf der ganzen Strecke des Rückzugs, fünfzehn Kilometer weit, waren die Flüchtlinge unter dem Feuer der Dampfer und hatten die verfolgenden Truppen hinter sich. Der Verlust der Taipings war entsprechend.

Am 1. November wurde Fort Liku erstürmt, etwa acht Kilometer nördlich von Sutschau. Dabei ereignete sich folgendes: Einige Tage zuvor hatte Gordon zufällig einen beschriebenen Zettel gefunden. Er erkannte die Handschrift als die eines seiner Offiziere, Namens Perry, der offenbar einem Rebellenfreund in Schanghai über das Korps berichtete. Perry leugnete auch gar nicht, entschuldigte sich aber damit, daß seine Mitteilungen nicht aus böswilliger Absicht stammten, sondern nur vertraulicherweise einem Bekannten gelten sollten. »Gut«, sagte Gordon, »ich nehme Sie für diesmal bei Ihrem Wort und erwarte von Ihnen, daß Sie beim nächsten ›hoffnungslosen‹ Gefecht vorne dran sind.« Er selbst vergaß den Fall alsbald wieder, aber nach wenigen Tagen waren beide nebeneinander vorne dran beim Erstürmen einer Verschanzung. Eine Kugel traf Perry in den Mund, Gordon fing ihn in seinen Armen auf — er war tot.

»Wir eroberten Liku im Sturmlauf«, berichtet Gordon. »Leutnant Perry ist leider gefallen, er war ein guter Offizier. Sonst nur drei Verwundete. Die Rebellen hielten tapfer Stand, hatten vierzig bis sechzig Tote; wir machten sechzig Gefangene, eroberten drei Kanonenboote und etwa vierzig andere Boote.«

Zehn Tage später wurde ein anderer Ort Namens Wanti angegriffen, der so mit Erdwällen verschanzt war, daß das Beschießen kaum einen Eindruck machte; als Gordon aber den Ort eingeschlossen hatte, stürzten die Taipings wie toll daraus hervor, es gab ein hitziges Handgemenge, und nach einer Stunde war Wanti erobert. Gordon hatte zwanzig Tote, darunter einen Offizier; die Rebellen dreihundertfünfzig — sie waren nämlich unter das Feuer der Artillerie geraten — und außerdem gab's sechshundert Gefangene.

So wurde ein immer engerer Kreis um Sutschau gezogen. Die Wangs fingen an, mutlos zu werden.

»Uneinigkeit unter den Belagerten kann die Übergabe herbeiführen«, schreibt Gordon; »sie haben nichts mehr als für zwei Monate Reis ... Mauding am großen Kanal beabsichtigte ich zunächst durch zwei Dampfer angreifen zu lassen; es ist nur eine Stunde von hier und die Rebellen dort haben gar keine andere Wahl als sich zu ergeben. Die Kaiserlichen reden davon, ihnen Garantie anzubieten, daß ihnen das Leben geschenkt werde; die meisten wären ohne weiteres damit einverstanden!«

Wir werden bald sehen, was es mit solchen Versprechungen kaiserlicherseits auf sich hatte, und daß auch in China ein Treubruch Böses nach sich zieht.

3. Der Fall von Sutschau und der Mord der Könige.

Die Belagerung war vollständig; an vierzehntausend Mann umschlossen die Stadt, von denen drei- bis viertausend unter Gordons Befehl standen. Außerdem waren noch etwa fünfundzwanzigtausend Mann kaiserliche Truppen in der Nähe; Fusan war ihr Zentrum. Die Taipings zählten vierzigtausend in der belagerten Stadt, zwanzigtausend in Wusieh und weitere achtzehntausend zu Matantschiao, wo Tschung Wang, der Getreue, den großen Kanal beherrschte.

Gordon wußte all dies, aber er wußte auch, daß der Getreue nur auf die Gefahr hin näher rücken konnte, Nanking bloßzustellen und Hangtschau preiszugeben. Tschung selbst war sich darüber klar, daß Nanking hart bedrängt war und daß der Fall der Hauptstadt dem »großen Frieden« den Todesstoß versetzen würde. Die Außenwerke von Nanking waren zum Teil schon in Feindeshand. Gordon wußte dies, denn die Kaiserlichen hatten eine Staffette abgefangen; und er beschloß, Sutschau auf der Nordseite zu stürmen. Der Angriff geschah nachts, mißlang aber, denn die innere Reihe der Außenwerke war stark befestigt und wohl bemannt. Die Angreifenden trugen weiße Turbane, um sich nächtlicherweile untereinander zu erkennen. Es schien zuerst, als ob der Überfall gelingen sollte. Gordon an der Spitze seiner Vorlinien hatte den Wall schon erstiegen, aber ein mächtiges Feuer der plötzlich in Masse erscheinenden Taipings hinderte seine Unterstützungskolonnen am Vordringen, und so mußte auch er wieder zurückweichen. Ein Kampf bei Nacht mochte den Rebellen übrigens nicht behagen; wirklichen Mut schien nur noch der Moh Wang zu haben, der sich wie ein Löwe in den vordersten Reihen wehrte, ohne Schuhe und ohne Strümpfe mitten unter den Gemeinen kämpfend. Zwanzig Europäer hielten sich zu ihm.

Am andern Morgen hatte General Tsching eine Unterredung mit dem Taiping Kong Wang und erfuhr von diesem, daß unter den Wangs in Sutschau große Uneinigkeit herrsche; außer dem Moh Wang und fünfunddreißig zu ihm haltenden Unterbefehlshabern wären die Anführer bereit, mit dreißigtausend Mann zu kapitulieren. Denn trotz des zurückgeschlagenen nächtlichen Angriffs wüßten die Wangs nur zu gut, daß Sutschau fallen müsse; sie schlügen daher vor, daß Gordon, um ihnen einen gewissen Schein zu retten, einen zweiten Angriff aufs Ostthor mache, wobei sie dem Moh Wang den Rückweg in die Stadt abzuschneiden gedächten, um dann ihrerseits mit dem Feind zu unterhandeln.

Am 29. November schoß Gordons Artillerie die Palissadenverschanzung zusammen und der Angriff erfolgte. Es war eine heiße Arbeit. Gräben voll Wasser mußten durchschwommen und Wälle erstiegen werden. Der Getreue selbst war von Wusieh her zu Hilfe gekommen und verteidigte die Stadt. Da ereignete es sich, daß Gordon, der mit einer Handvoll Leute ungestüm vordrang, plötzlich einen Haufen Taipings im Rücken hatte und so von den Seinen abgeschnitten war. Zurück konnte er nicht, wollte es auch nicht, also vorwärts! Er eroberte eine Redoute und hielt sich, bis Verstärkung sich zu ihm durchschlagen konnte. Die errungene Position, die er fast allein gewonnen, kam einem vollständigen Siege gleich, aber er war teuer erkauft. Neun Offiziere, meist Engländer, waren gefallen, dazu fünfzig Gemeine und es gab viele Verwundete. Aber am folgenden Tag konnte er eine Proklamation an seine Leute erlassen des Inhaltes, daß Sutschau faktisch erobert sei.

Es dauerte nicht lange, so hatten Gordon und der kaiserliche General Tsching eine Zusammenkunft mit den Wangs. Immer noch besorgt, sich den Schein zu wahren, schlugen diese jetzt vor, daß ein Angriff auf die Stadt selbst geschähe, wobei sie versprachen, sich nicht bei der Abwehr zu beteiligen, vorausgesetzt, daß die Kaiserlichen ihnen bei der Einnahme die persönliche Sicherheit garantierten. Selbst unter solchen Umständen war der Angriff mit Schwierigkeiten verbunden; die Stürmenden konnten nicht viel über fünftausend Mann beibringen, ein breiter Graben umgab die Stadt und vom Ostthore hin zog sich eine unabsehbare Reihe von Schanzen. Als der Na Wang Gordon vorschlug, die Stadt im Sturm zu nehmen, erklärte dieser daher rundweg, daß es dann unmöglich sein würde, den Soldaten das Plündern und Brennen zu verbieten, und fügte hinzu, wenn es den Wangs wirklich ernst sei mit ihren Vorschlägen, sie ihre Aufrichtigkeit damit bekunden sollten, daß sie dem Feinde ein Thor überließen; wollten sie das nicht, so sollten sie die Stadt entweder räumen oder um den Besitz fortkämpfen, so lange sie sich würden halten können. Daraufhin erklärten sie sich bereit, die Übergabe der Stadt durch Überlassen eines der Thore ins Werk zu setzen; und während General Tsching die Unterhandlungen zu Ende führte, machte Gordon sich alsbald auf den Weg, um beim Gouverneur die Sicherheit der Besatzung zu beantragen.

Übrigens war die Übergabe noch nicht vollzogen. Als der tapfere Moh Wang erfuhr, was seine Mit-Wangs im Schild führten, erfaßte ihn ein gewaltiger Ingrimm, und er versammelte sie alsbald um sich zum Kriegsrat. Er war der Oberbefehlshaber der Stadt. Es mag eine seltsame Szene gewesen sein, als nach der festlichen Mahlzeit und dem obligatorischen Gottesdienst diese Würdenträger mit ihren Kronen und Königsgewändern sich im Halbkreis um den Moh Wang scharten. Sofort kam es zu einem Wortwechsel. »Übergabe!« schrien die Wangs durcheinander. »Wir halten Sutschau bis zum letzten Mann!« entschied der Moh Wang. Da fuhr der Kong Wang auf, den Königsmantel von sich werfend, und stieß seinen Dolch dem Moh Wang neunmal in den Rücken. Miteinander trugen sie den Gemordeten hinaus und zerstückten seinen Leichnam. Gordon erfuhr diese Mordthat, als er eben von seinem Liebesritt zurückkehrte und das Versprechen von Li mitbrachte, dem Moh Wang und seinen Gefährten solle kein Leids geschehen. Er hatte den Moh Wang um seiner mannhaften Tapferkeit willen hochgeschätzt.

In jener Nacht ergab sich Sutschau.

Um, wenigstens so viel an ihm lag, die Plünderung zu verhüten, zog Gordon sein Korps auf einige Entfernung von der Stadt zurück, verlangte aber in Anerkennung ihrer Leistungen doppelte Löhnung für die Truppen auf zwei Monate. Allein Li handelte die Belohnung auf einen Monat herunter, was die Soldaten so verdroß, daß ihr unzufriedenes Gemurre fast in offene Meuterei überging. Ein paar Stunden Plünderung wäre ihnen lieber gewesen als alle Löhnung. Gordon konnte sich nur damit helfen, daß er seine Siegreichen nach Kuinsan zurück marschieren ließ.

Was die nun folgenden Ereignisse betrifft, so mochte Gordon füglich erwarten, daß er eine Stimme im Rat habe, besonders rücksichtlich des Schicksals der Wangs. Ohne ihn und seine Leute hätten dieselben noch lange stand gehalten; und er, der sein eignes Leben nie der Gefahr entzog, dessen Todesverachtung die Armee mit Siegesmut erfüllte, mochte wohl denken, daß er vor allen das Recht habe, dem überwundenen Feind das Leben zu schenken. Li und Tsching wußten auch recht wohl, daß eine menschliche Behandlung der Überwundenen nach europäischen, bezw. nach christlichen Grundsätzen beobachtet werden müsse, wo Gordon mitzureden hatte. Li hatte es diesem bestimmt zugesagt, daß Gnade vor Recht ergehen solle, hatte ihm sozusagen das Leben der Wangs geschenkt. Wie wurde aber dieses Versprechen gehalten!

Von Kuinsan zurückkehrend, betrat Gordon, nichts ahnend, die gefallene Stadt, von seinem jungen Dolmetscher begleitet. Er begab sich nach des Na Wang Wohnung. Dort fand er sämtliche Wangs im Begriff aufzusitzen. Li erwarte sie außerhalb der Stadt, um die Schlüssel der Thore von ihnen entgegenzunehmen. Es sei alles in Ordnung, versicherte Na Wang, und daraufhin sah Gordon sie ruhig ziehen, um so mehr, als Tsching ihn erst kürzlich versichert hatte, der Gouverneur habe eine allgemeine Amnestie erlassen. In aller Gemütsruhe schlenderte Gordon durch sie Stadt, sorgte für des Moh Wang Begräbnis und erreichte nach einiger Zeit das Ostthor, wo ein Haufe Kaiserlicher ihm lärmend entgegen kam. Er blieb stehen und forderte die Soldaten zu ruhigerem Benehmen auf, damit sie die Einwohner nicht unnötig alarmierten. Während er noch redete, betrat der General Tsching selbst die Stadt und erblaßte, als er Gordon sah. Dieser erkundigte sich alsbald nach den Wangs, die der Zeit nach längst von ihrer Audienz zurück sein mußten, worauf Tsching etwas hervorstotterte und sich in Ausreden verwirrte. Da schöpfte Gordon Verdacht und kehrte eiligst nach des Na Wang Hause zurück. Er fand es zerstört; die Plünderung hatte begonnen. Ein Oheim des Na Wang, der ratlos umherlief, bat ihn inständig, mit ihm in seine Wohnung zu gehen, um ihm behilflich zu sein, die Frauen des Na Wang in Sicherheit zu bringen. Er zögerte einen Augenblick, waffenlos wie er war, allein das Weibervolk erbarmte ihn; er beschloß, der Bitte Folge zu leisten und alsdann mit Hilfe seiner Leute dem Plündern der Kaiserlichen wo möglich zu steuern.

Man sollte denken, daß Li den heldenmütigen Gordon, dem er so viel verdankte, wenigstens vor dem Betreten der Stadt hätte warnen lassen; aber davon war keine Rede. So hatte sich Gordon in der That unwissentlich als Geisel gestellt, während der treubrüchige Futai die Wangs draußen enthaupten ließ. Die lärmenden Kaiserlichen, denen er begegnete, kamen gerade von der Hinrichtung, der Tsching selbst beigewohnt hatte. Gordons Lage war um so bedenklicher, als er sich in völliger Unwissenheit befand. Hätten die Taipings, die alsbald zu Tausenden das Haus umstellten, mehr gewußt als er, er wäre nicht lebendig aus ihren Händen gekommen. So aber betrachteten sie ihn als Geisel, bis sie ihre Anführer wieder sähen. Bis zum folgenden Morgen befand er sich völlig hilflos unter den Taipings, die von der vertragswidrigen Plünderung wohl auf Schlimmeres schließen mochten; aber es geschah ihm kein Leid. Wer weiß, ob die Leute nicht halb unbewußt in ihm den festen Mann erkannten, der ihnen Treue halten würde, wenn alle anderen sie brächen. Jedenfalls hat wohl selten ein Heerführer inmitten seiner geschlagenen Feinde dem Tod näher ins Auge geschaut als er; allein über Gordon wachte ein Höherer, dem er diente und der ihn zu noch Größerem brauchen wollte.

Am nächsten Morgen hatte er die Taipings soweit gebracht, daß sie ihm gestatteten, seinen Dolmetscher mit einem Brief an sein Boot zu entsenden, das vor dem Südthor vor Anker lag. Nichts kann bezeichnender für unsern Helden sein, als die Thatsache, daß das Schreiben auch nicht ein Wort über seine eigene Lage enthielt, wohl aber den Befehl an den Kapitän seiner Flottille, den Gouverneur Li gefangen zu nehmen und ihn festzuhalten, bis die Wangs in Sicherheit wären, ein prächtiger Plan, der aber leider mißlang. Der Taipingführer, der den Dolmetscher begleitete, kam allein mit der Nachricht zurück, die Kaiserlichen hätten dem Jungen den Brief abgenommen und denselben zerrissen. Darauf hin gestatteten die Taipings ihrem Gefangenen, sich selbst auf den Weg zu machen. Unterwegs wurde auch er von Kaiserlichen überfallen, die ihn wohl nicht kannten, aber es gelang ihm von ihnen loszukommen und das Ostthor zu erreichen, wo seine Leibwache lag. Diese entsandte er nun sofort zum Schutze der Taipings, die ihn die Nacht durch festgehalten hatten.

Es war immer noch sein Vorsatz, den Li gefangen zu nehmen. Während er zu diesem Zweck auf seinen Dampfer wartete, stellte Tsching sich zu einer Unterredung ein; aber Gordon weigerte ihm das Wort. Da schickte der General einen seiner Offiziere, aber diesem fehlte der Mut, dem entrüsteten Briten die Wahrheit zu sagen. Auf Gordons Frage nach den Wangs entgegnete er, er wisse nichts, doch sei des Na Wang junger Sohn in der Nähe, der werde wohl Bescheid geben können. Und von dem Sohne eines der Gemordeten erfuhr denn Gordon endlich, daß bei Gelegenheit der Audienz die Hinrichtung stattgefunden hatte. Er ließ sich sofort übers Wasser rudern und fand die kopflosen Leichname der Wangs zerhackt und zerstückt.

»Ich fand sechs Leichen«, schrieb er, »und erkannte des Na Wang Kopf.«

Wohl selten in seinem Leben ist ihm etwas so nahe gegangen. Er vergoß Thränen vor Leid und Entrüstung, vor Scham und Zorn. Überdies erachtete er seine Ehre angegriffen durch die unmenschliche That. Er hatte den Wangs zwar nicht sein Wort gegeben — das konnte er nicht — aber er hatte von vornherein mit ihnen in der Voraussetzung verhandelt, daß der Gouverneur sie anständig behandeln werde. Und die Plünderung der Stadt gegen seinen Willen und Wissen war eine weitere Kränkung. Seinem Mut und Kriegsgeschick war's in erster Linie zu verdanken, daß Sutschau gefallen, und nun hatte man ihn einfach beiseite gesetzt, ja ihn selbst in nicht geringe Lebensgefahr gebracht. Diese perfide Handlungsweise der Chinesen, für die er sich aufgeopfert, ergrimmte ihn so sehr, daß sein Zorn keine Grenzen kannte, und wohl zum erstenmal in der ganzen blutigen Kriegszeit nahm er eine Waffe zur Hand. Er steckte seinen Revolver zu sich, entschlossen, an des Gouverneurs eignem Leben Gericht zu üben, mochten die Folgen für ihn selbst sein, welche sie wollten. Tsching aber war ihm zuvorgekommen und hatte Li wissen lassen, daß er wohl daran thun werde, dem zornmütigen Engländer aus dem Weg zu gehen. Als Gordon das Boot des Li bestieg, fand er daher, daß dieser sich in die Stadt geflüchtet hatte. Gordon verfolgte ihn dort und versuchte während mehrerer Tage vergeblich, zuerst allein und dann mit Hilfe seiner Garde, des flüchtigen Gouverneurs habhaft zu werden. In bitterm Mißmut kehrte er nach Kuinsan zurück. Dort verlas er seinem versammelten Korps einen Bericht über das Geschehene mit dem Anfügen, daß ein britischer Offizier unter dem Gouverneur Li nicht länger dienen könne, es sei denn, daß dieser vom Kaiser zur verdienten Strafe gezogen werde.

Gordon schrieb an seine Angehörigen:

»Ihr werdet froh sein zu erfahren, daß wir wieder zu Kuinsan im Quartier sind und es wohl so bald nicht wieder verlassen werden. Ich habe weder Zeit noch Lust, Euch von dem Kampf am Ostthor zu berichten, noch von dem kaiserlichen Verrat in Sutschau — die Zeitungen werden genug darüber melden. Des Na Wang Sohn habe ich bei mir. Er ist ein gescheiter junger Mensch und sehr lebhaft, etwa achtzehnjährig. Sein armer Vater war ein recht guter Wang, besser als die meisten Kaiserlichen, mit denen ich noch zu thun hatte. Ich kann Euch nicht sagen, wie tief ich die neuesten Ereignisse beklage und zwar um verschiedener Ursachen willen. Hätte man dem Feind, der sich ergeben, Treue gehalten, so wäre es mit dem Aufstand wohl zu Ende, und die anderen Städte, die noch aushalten, wären ohne Zweifel dem Beispiel Sutschaus gefolgt. Wir hätten uns dann rühmen können, den Aufruhr mit geringem, nicht zu umgehendem Blutvergießen unterdrückt zu haben. Wenn ich nicht mit dem Na Wang unterhandelt hätte, wäre die Übergabe wohl so bald nicht erfolgt, und ich halte jetzt all meine Mühe für verloren. Ich kann mich nur damit trösten, daß alles zum besten dienen muß! Unverständlich ist und bleibt mir die Handlungsweise des Li; er kennt mich hinreichend um zu wissen, daß ein solches Verfahren mich aufbringen muß, und er handelte mit nicht geringem persönlichem Risiko, denn meine Truppen waren in der Nähe ....«

Während von Regierungs wegen eine Untersuchung eingeleitet wurde, verhielt sich Gordon völlig unthätig in seinem Quartier, — keine leichte Sache bei der Stimmung seines Korps. Li aber hatte sich weiß zu brennen gewußt; überhaupt wähnte man in Peking, das Hauptlob bei der Einnahme von Sutschau gebühre ihm. Gordon hatte allerdings eine Position nach der andern, die er mit seinen Siegreichen eroberte, mit Kaiserlichen besetzt. In Anerkennung dieser Thatsache erhielt Li mit der »gelben Jacke« die höchste militärische Auszeichnung. Doch erinnerte man sich auch des englischen Anführers. Ein kaiserlicher Erlaß bestimmte eine Medaille für den tapfern Tsung-Ping und außerdem ein Geschenk von siebzigtausend Mark.

Diese Summe mit vielen andern Geschenken und der Versicherung der kaiserlichen Anerkennung wurde Gordon von Li übersandt, außerdem eine erhebliche Extra-Löhnung für seine Truppen und eine besondere Summe für die Verwundeten. Diese beiden letzten Beträge nahm Gordon an; die für ihn bestimmte Summe aber wies er mit Entrüstung zurück. Ja, als die buchstäblich mit Gold beladenen Schatzträger vor ihn traten, kommandierte er: rechts umkehrt mit seinem spanischen Röhrchen. Wahrlich keine schönere That läßt sich von dem »Zauberstab« berichten. Die Chinesen wußten sich nicht zu fassen vor Verwunderung. Wo war's erhört, daß einer solche Schätze von sich wies, und wer durfte es wagen, den kaiserlichen Gesandten mit dem Kommandostab zu begegnen! Der mit der Sendung betraute Mandarin brachte ihm außerdem vier seidene Fähnchen als Ehrengabe, zwei von Li und zwei von Wang-tetai, einem die Kanonenboote der Provinz befehligenden Mandarin. Li's Ehrengabe schickte Gordon zurück, die Fähnchen des Wang-tetai nahm er an, da derselbe nicht bei jenem Treubruch beteiligt war. Der kaiserliche Erlaß wurde auf gelbem Atlas feierlich auf einen mit zwei brennenden Kerzen versehenen Tisch gelegt und so zu Gordons Kenntnis gebracht. Eine Übersetzung war dem Schriftstück beigegeben. Auf die Rückseite derselben schrieb der uneigennützige Held stehenden Fußes folgende Antwort:

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