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Gordon, der Held von Khartum

Drittes Buch. In der Stille.

Reading edition

»Es ist einer auf dem Heimweg,« schreibt Gordon an seine Mutter im November 1864, »aber es ist ihm nicht darum zu thun, daß es bekannt werde.« Gefeiert zu werden war, wie wir wissen, nicht nach seinem Geschmack; wozu auch? meinte er, er habe nur seine Pflicht gethan. Der Geschichtschreiber der stets siegreichen Armee sagt, daß er über die Persönlichkeit Gordons von ihm selbst wenig Auskunft erhalten und daß der Leser, in dem die Berichte von Krieg und Sieg mit der Verherrlichung Gordons unwillkürlich zusammenfließen, sich ohne Zweifel wundern würde, wenn er den jungen Mann und seine ruhige, zurückgezogene Art sehen könnte. Freude an energischer Thätigkeit, Selbstaufopferung und Pflichtbewußtsein seien offenbar die Triebfedern seines Wesens. Äußerlich aber habe der tief fromme Soldat nichts von all dem an sich, was sonst den kühnen Anführer einer irregulären Soldateska kennzeichne.

Kaum war Gordon im Kreise der Seinigen in Southampton angelangt, da regnete es auch schon Einladungen aus der vornehmen Welt. Er hatte den Mut, sie alle abzulehnen. Im engen Familienkreise nur ließ er sich herbei, seine chinesischen Erlebnisse zu beschreiben; und die so glücklich waren, es mit anzuhören, fanden die Berichte fast märchenhaft, fast wie eine Heldensage aus vergangener Zeit. Mit Ingrimm konnte er da wohl die Greuel des Rebellentums beschreiben, aber seine Stimme wurde stets leise, wenn von Sieg die Rede war, denn dann gewann neben der Bescheidenheit des Erzählers Mitleid mit den Überwundenen die Oberhand. Niedergeschrieben wurde nichts von all dem, außer was bewunderndes Interesse in die Herzen der Hörer eingrub. Selbst das Tagebuch, das Gordon aus China nach Hause gesandt hatte, fiel seiner Demut zum Opfer. Er wünschte keine Veröffentlichung, wie er bei der Übersendung schrieb. Leihweise fand es indessen seinen Weg in die Hände eines der Minister, und dieser war daran, es privatim drucken zu lassen, damit seine Kollegen es auch lesen könnten. Eines Abends hörte Gordon zufällig davon und begab sich stehenden Fußes nach der Wohnung des betreffenden Herrn, traf ihn aber nicht zu Hause; doch erfuhr er den Namen des Druckers, eilte zu diesem und verlangte sein Manuskript zurück mit dem Befehl, das bereits Gesetzte zu zerstören. Was jenes Tagebuch betrifft, so hat es niemand je wieder gesehen. »Ich besitze wenig auf der Welt,« pflegte er zu sagen, »meinen Namen könnten die Leute mir jedoch als Privateigentum lassen«. Von wie viel tausend Zungen ist der Name Gordon seither mit Bewunderung genannt worden!

Im folgenden Jahre wurde ihm die Ernennung als königlicher Ingenieur-Kommandant zu Gravesend, wo in Aussicht auf einen möglichen Krieg mit Frankreich neue Forts an der Themse aufgeführt werden sollten. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt er um diese Zeit den Ritterorden of the Bath.[5] Er war mittlerweile zum Oberst-Leutnant avanciert.

In Gravesend war er sechs Jahre, die schönste Zeit seines Lebens — arm nach außen in den Augen der Welt, reich nach innen an den christlichen Früchten der Hingabe und zwar unbewußter Hingabe und der edelsten reinsten Menschenliebe. Er selbst hat es ausgesprochen, daß es die glücklichsten, friedlichsten Tage seiner Wallfahrt waren, und damit giebt er sich selbst ein hohes Zeugnis. Wie ergreifend, wie herrlich ist das Bild des Mannes, der Thaten vollbracht wie wenige und der nun seine ganze Freude darin findet, in der Stille an den Armen, den Kranken, den Verlassenen, den leiblich und geistig Darbenden Gutes zu thun. Als eine Art Heiliger soll der Mann keineswegs gezeichnet werden; das wäre eine Übertreibung, die er selbst am meisten beklagt hätte. Er hatte seine Gebrechen wie alle Menschen, so unterlag er z. B. hin und wieder seiner Heftigkeit; seine Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Leute grenzte zuweilen ans Rücksichtslose, und wenn er sich eine Meinung in den Kopf gesetzt hatte, so war es nicht immer leicht, ihn eines anderen, vielleicht besseren, zu belehren; trotzdem aber kann der Leser aus folgenden Zügen reichlich erkennen, daß Christus in diesem Manne eine Gestalt gewonnen hatte, die den meisten Menschen, ja den meisten Christen ein beschämendes, aber andererseits auch aufmunterndes Beispiel sein kann.

Gordon war ein ideal angelegter Mensch, aber das Ideale wurde in ihm sofort real, praktisch. Sein Christentum war kein enges, frömmelndes, sondern eine große, tiefe, treue Liebe zu seinem Heiland, die alle Menschen als Brüder umschloß, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist! Ob und wann es in seiner Lebensentwicklung einen Zeitpunkt gab, den man seine »Bekehrung« nennen könnte, ist nicht ersichtlich — ernste Eindrücke empfing er schon in Pembroke; das aber ist nicht zu verkennen, daß ihm Gravesend zum Patmos wurde, wo sein Glaube sich höher schwang und seine Liebe sich vertiefte, wo er nach dem Worte lebte: »Simon Johanna, hast du mich lieb? Weide meine Schafe.«

Er lebte nur für andere. Sein Haus — und es war ein großes, viel zu groß für seine bescheidenen Junggesellenbedürfnisse — war Schule, Kranken- und Armenhaus in einem; ein zufälliger Besucher hätte es eher für die Behausung eines Stadtmissionars gehalten als für die Dienstwohnung eines Offiziers. Kein Notleidender klopfte je vergebens an seine Thür; alle Hilfsbedürftigen hatten ein Anrecht an ihn, aber am meisten zog sein Herz ihn zu den sogenannten Straßenjungen. Nie ging er an einem vorüber ohne ihn anzureden. Er lud sie ein, zu ihm zu kommen, und versammelte sie bei sich in Klassen, wozu mehr als ein Zimmer seines Hauses herhalten mußte. Die ganz verkommenen und heimatlosen behielt er eine Zeit lang bei sich, kleidete und reinigte sie, um sie dann, am liebsten als Schiffsjungen, unterzubringen. Er nannte sie seine »Könige« — als Deutscher hätte er wohl »Prinzen« gesagt. Einer seiner Bekannten, der ihn einmal besuchte, wunderte sich, warum auf der Weltkarte in seinem Arbeitszimmer so viel Stecknadeln mit Fähnchen angebracht waren, und erfuhr dann, daß Gordon auf diese Weise seine »Prinzen« auf ihren Fahrten begleite; und er vergaß keinen in seiner täglichen Fürbitte. Seine Prinzen vergalten ihm die Liebe aber auch mit begeisterter Anhänglichkeit. Sie vertrauten ihm und lernten von ihm mit der Wahrheit umgehen; und wenn einer Unrecht that, so wußten sie, daß sein Mitleid immer größer war als sein Mißfallen. Drei der Jungen hatten einmal das Scharlachfieber in seinem Hause; er pflegte sie und verbrachte mehrere Stunden der Nacht an ihrem Bette.

Auch die Armenschule besuchte er; an den Sonntag-Nachmittagen konnte man ihn sicher daselbst antreffen, und die es mit Augen gesehen haben, sagen, kein erhebenderes Bild lasse sich denken als den Helden Chinas, der den armen Kindern mit heiliger Wärme biblische Geschichten erzählte, ja mit einer Begeisterung, als führe er sie durch Kampf zum Sieg. Für jedes einzelne interessierte er sich persönlich, kannte ihre Lage, ihre Sorgen, suchte sie in ihrer Armut auf und ließ sie zu sich kommen. Der Armenschule in Gravesend hat er auch seine chinesischen Trophäen geschenkt, nämlich die seidenen Fahnen, die seine Siege bekundeten. Ein anderer hätte sie allenfalls einem Monarchen zu Füßen gelegt; ihn freute es, daß seine Armenschüler damit eine Auszeichnung gewannen. Mehr als einer jener armen Jungen, der jetzt ein gemachter Mann ist, und, was besser ist, ein Christ, dürfte ein schöneres Denkmal für den gefallenen Helden sein, als irgend eines, das seine Nation ihm zu errichten vermöchte.

Einer seiner »Prinzen« schreibt unterm 12. März 1885: »Nichts freut mich mehr, als es bezeugen zu dürfen, was der liebe gute General für mich und andere gethan hat, während er in Gravesend lebte. Zu der Zeit, als ich in seinem Hause Aufnahme fand, traf ich dort noch eine Anzahl anderer Jungen, die alle gleich mir kränklich waren; unsere Eltern hatten nicht die Mittel, uns hinreichende Nahrung zu gewähren. Der General aber hatte uns fast täglich bei sich zum Mittag- und Abendbrot, und wir durften mit ihm am selben Tisch essen. Drei von uns (darunter ich), die es am nötigsten hatten, schickte er in das Seebad-Krankenhaus nach Margate, wo er je 16 und 18 Mark wöchentlich Kostgeld für uns zahlte. Ich war ein volles halbes Jahr dort, die beiden anderen, ein Junge und ein Mädchen, jedes drei Monate. Ich danke jetzt noch dem lieben Gott dafür; denn von jener Zeit datiert meine Gesundheit ... Später hat er mich auch auf einem Schiff untergebracht und die Lehre bezahlt; ich kann ihm nie genug danken. Ein anderer Junge, der mit mir dort war, ist jetzt Lotse, und das verdankt er auch dem General ... Es drängt mich, dies bekannt zu machen als ein Beispiel von dem, was der liebe General an vielen that. »Seine Jungen« nannte er uns. Kaum ein Abend verging, daß er nicht ein Dutzend von uns bei sich hatte, meist Fischerjungen, die nicht zur Schule gehen konnten; er unterrichtete uns, und wenn das Lernen vorbei war, durften wir Domino oder Schach spielen, und im Sommer gab es Cricket. Wenn die Jungen alt genug waren, brachte er sie auf Kauffahrteischiffen unter, manchmal auch in der Marine. Keinen ließ er gehen, ohne ihn mit der nötigen Kleidung zu versorgen.«

Auch später, als Gordon selbst wieder in weite Ferne zog, verlor er keineswegs das Interesse an seinen »Prinzen«. Mit manchen korrespondierte er, nach anderen erkundigte er sich, und wo Hilfe not that, schickte er auch Geld. Hier sind einige Sätze aus einem der vielen Briefe, die er an einen Freund in Gravesend richtete:

Galatz, 27. Februar 1872.

»Es freut mich zu hören, daß Georg P. verheiratet ist und daß Billy Arbeit gefunden hat ... Ich habe meinen Wagen und die Pferde verkauft — ganz unnötiger Luxus ... Meine Grüße an Birls und Ridley; diese beiden Jungen könnten manchen aus den besseren Ständen zum Muster dienen. Was den M. betrifft, so sollte er als Junggeselle bei 25 Mark wöchentlichem Verdienst etwas zurücklegen können; ich lasse ihm weniger Trunk und mehr Fleiß empfehlen. Ich bedaure, daß Sie, wie Sie sagen, beinahe angeschwindelt worden sind. Weisheit in Geldsachen geht uns beiden ab; doch ist es ein Trost, zu wissen, daß Gott uns immer wieder durchhilft, und wenn wir nicht selbst manchmal Mangel empfänden, so wüßten wir nicht, was Geben ist; von unserem Reichtum geben ist keine Kunst. Ich lasse dem Harry A. für seinen Brief danken, es freute mich von ihm zu hören. Auch der Frau K. meinen Dank — hat Karl Arbeit? Sie ist ein braves Frauchen, und es würde ihr wohlthun, wenn Sie sie besuchen wollten. Auch nach dem jungen Fordham könnten Sie sehen, erkundigen Sie sich doch, was er vorhat; in seiner Schule wird es zu erfragen sein. Das Kunstwerk von Brief ohne Unterschrift ist wohl von dem kleinen Arthur W..., sagen Sie ihm, er müsse vor allen Dingen wachsen, bis er über den Tisch sehen kann, und danken Sie ihm für den Brief. Sagen Sie der Frau M. ein tröstliches Wort ...; es thut mir sehr leid, zu hören, daß E.. seine Stelle verloren hat; sagen Sie es ihm mit einem herzlichen Gruße ....«

Es erhellt schon aus diesem Briefe, daß er sich nicht nur der Jungen annahm. An Sonntagen hielt er regelmäßig eine Bibelstunde für alle Armen, die kommen wollten. Gepredigt im eigentlichen Sinne hat er dabei nicht, aber wie er ihnen die Bibel auslegte und was er ihnen von der Liebe Gottes sagte, das kam vom Herzen und ging zum Herzen. Als er Gravesend verließ, haben die Armen, denen er auf diese Weise Gutes gethan, aus eigenem Antrieb ihre Scherflein zusammengelegt und ihm eine schöne Bibel geschenkt; es war eine Gabe dankbarer Liebe wie selten etwas.

Auch der Kranken nahm er sich an. Furcht vor Ansteckung kannte er nicht; er besuchte Häuser in den Armenquartieren, wohin andere zu gehen sich scheuten. Wenigstens einmal wöchentlich erschien er im Armenspital, und nie kam er mit leeren Händen. Was seine Freunde etwa ihm zuschickten, schöne Trauben oder Erdbeeren zu früher Jahreszeit, das wanderte zu den Kranken. Und die Liebe, die aus seinen Augen strahlte, und die liebliche Art seines Wesens war den Leuten erquicklicher noch als seine Gaben. Da las er denn auch ein paar Bibelworte und betete mit ihnen und verließ sie getröstet. Und sie zählten die Tage bis er wieder kam, sie richteten sich auf an seiner wahren Teilnahme, ja manches geprüfte Herz sah da den Himmel offen und lernte an den Heiland glauben, der alle Schmerzen auf sich genommen hat.

Seine einzelnen Samariterdienste sind nicht zu zählen. Er hatte eine leidenschaftliche Freude an Blumen, hatte auch einen schönen Garten zu Gravesend, wo er sie pflegen konnte, aber wenn sie erblüht waren, trug er sie in die Krankenzimmer der Armenquartiere. Er hört von einer kranken Frau und geht hin, findet sie in Kälte und Elend, da zündet er eigenhändig ein Feuer an und macht ihr eine Tasse Thee. Dann schickt er ihr eine Wärterin und bezahlt den Doktor. Die Frau lebt heute noch, voll Lobes über seine Liebesthat. Ein andermal hörte er, daß eine Familie in Gefahr ist, aus ihrer Wohnung gewiesen zu werden; er zahlt die rückständige Miete und entzieht sich dem Danke. Unter seinen besonderen Schützlingen war ein alter Mann, der seit Jahren gelähmt war: nur die linke Hand konnte er noch bewegen, auch konnte er liegend lesen. Gordon sorgte dafür, daß ihm täglich eine Zeitung zukam. Derselbe gelähmte Mann klagte ihm einst, daß die Fliegen ihn so quälten, weil er sich ihrer nicht erwehren könne. Gordon sagte nichts, aber am andern Tage erschien ein den Leuten anfänglich unerklärliches, mit Schleierstoff überzogenes Gestell. Es war eine Vorrichtung, den Kopf des Mannes vor den Fliegen zu schützen, ohne ihn am Lesen zu hindern.

Ja die Armen und Kranken zu Gravesend, denen er nie vorpredigte, ihr Elend sei der Wille Gottes, erinnern sich seiner mit lebenslänglicher Dankbarkeit. Ein alter Mann erzählt, seiner damals leidenden Frau seien kräftige Suppen und Wein verordnet worden, die er aus seinen Mitteln nicht bezahlen konnte, aber der gute Oberst habe, als er davon gehört, täglich eigenhändig Suppe oder Wein gebracht, und als es ihr wieder besser ging hätte er ihnen aus der Bibel vorgelesen, und das sei schön gewesen. Niemand beklagte seinen Tod aufrichtiger als dieser alte Mann, wenn es nicht jene alte Frau war, an deren Jungen er Gutes gethan hatte. Diese hatte schwer mit Armut zu kämpfen gehabt. Als es bekannt wurde, Gordon sei tot, meinte die fromme Einfalt, sicherlich würde er in London begraben werden, und schickte sich an, ihren ganzen Besitz, ein paar Fischernetze, zu verkaufen, um die Mittel zu einer Reise nach London aufzutreiben. »Ich muß sein liebes Gesicht noch einmal sehen,« sagte sie, »es mag kosten was es will, und wenn ich nachher Hungers sterbe.«

Gordon war lange in Gravesend, ehe die Leute dahinter kamen, daß der freundliche Oberst im Forthaus und der »Chinesen-Gordon« ein und derselbe waren. Äußerst bezeichnend, sowohl für ihn als für gewisse Leute, ist folgende kleine Thatsache. Er hatte von Anfang an Sonntags seinen Sitz auf der Emporkirche unter den Armen genommen. Niemand kümmerte sich darum; als es aber nach und nach bekannt wurde, was für einen berühmten Mann man in der Gemeinde habe, würdigten die Kirchenältesten ihn einer feierlichen Aufwartung und baten ihn, er möge doch herunterkommen und sich eines der gepolsterten Sitze bedienen, die für die Vornehmeren bestimmt sind. Er dankte für die Rücksicht, zog es aber vor, unter den Armen auf hölzerner Bank sitzen zu bleiben.

Es ließen sich leicht noch Dutzende von Beispielen beibringen, die sein Leben in der Stille kennzeichnen, doch dürfte das Vorstehende genügen. Was eine zu Gravesend wohnende Dame, die ihn kannte, über ihn schrieb, sei jedoch nicht unterdrückt:

»Seine barmherzige Liebe umschloß alle; daß einer elend und arm war, war ihm genug, er erkundigte sich nie, ob man seine Hilfe auch verdiene. Wenn er dabei auch einmal hintergangen wurde, so war's nur selten[6], denn er hatte ein Auge, das die Leute zu durchschauen schien, es schien nutzlos, ihn belügen zu wollen. Ich habe mich oft gefragt, ob es seinem natürlichen Scharfblick zuzuschreiben ist oder vielmehr der ihm eigenen Einfalt und Selbstlosigkeit, daß er Menschen und Dinge meist in ihrem wahren Licht sah. Im Armen- und Krankenhaus war er ein ständiger Gast, und Empfänger für seine Liebesthaten gab's unzählige in der ganzen Umgegend. Mancher Sterbende schickte lieber nach ihm als nach dem Pfarrer, und weder Entfernung noch Wetter hielten ihn je ab, einem solchen Rufe zu folgen. Einen Armengottesdienst zu leiten, dazu war er immer bereit, und wo man die Hungernden zum Sichsattessen versammelte, ließ er sich nie zweimal bitten, ihnen biblische Geschichten zu erzählen. Aber in Versammlungen religiöser oder philanthropischer Art sah man ihn nie als Vorsitzenden, und öffentliches Redenhalten haßte er, besonders wenn es dazu dienen sollte, ihn persönlich zu verherrlichen. Und nichts war ihm gleichgültiger, als Essen und Trinken, sofern es ihn selbst betraf. Wir begegneten ihm einmal gegen Abend, und er nahm uns mit nach Hause, wo der Tisch für ihn gedeckt stand — eine Kanne Thee und ein trockenes Laibchen Brot. Ich machte eine scherzende Bemerkung, ob er auf trockenes Brot reduziert sei; da nahm er das Laibchen (kein großes), drückte es in ein Schüsselchen und goß den Thee darüber. ›So, nun wird es bald weich sein,‹ sagte er, ›und nach einer halben Stunde ist es einerlei, was ich gegessen habe.‹ Um ein humoristisches oder witziges Wort war er nie verlegen, und noch seh' ich ihn mit den Augen zwinkern, als er mir erzählte, was für enttäuschte Gesichter es manchmal unter seinen Jungen gebe, die, von ihm aufgenommen, sich einbildeten, künftig herrlich und in Freuden zu leben, und dann die Entdeckung machen mußten, daß Pöckelfleisch und Kartoffeln auch ein gutes Mittagessen abgebe. Zu seinem Garten überließ er uns freundlicher Weise den Schlüssel, damit unsere Kinder darin spielen könnten. Als wir zum erstenmal davon Gebrauch machten, bewunderten wir die frühen Erbsen und andere leckere Gemüse, die darin wuchsen, und da eben seine Haushälterin hinzu trat, machten wir eine darauf bezügliche Bemerkung. Sie erklärte uns alsbald, daß der Oberst nie dergleichen auf seinem Tisch hätte; er überlasse fast den ganzen Garten armen Leuten, die ihn anpflanzen und den Ertrag dann verkaufen dürften. So kam es, daß es bei uns zu einer Redensart wurde, »der Oberst hat kein Ich.« All sein Thun war selbstlos, und darin folgte er seinem Herrn. Nie oder selten konnte man ihn dazu bringen, von sich zu reden. In jener Zeit wurde das erste Buch über ihn geschrieben. Er lud den Verfasser zu sich ein und half ihm nach Kräften, sofern es die Einzelheiten über den Taiping-Krieg betraf, wozu er ihm seine eigenen Aufzeichnungen gab. Als er aber, durch irgend eine Bemerkung, die gemacht wurde, auf den Verdacht kam, daß in dem Buche von ihm selbst und seinen Thaten viel die Rede sein könne, da bat er sich das Manuskript aus und zerriß eine Seite nach der andern zu des Verfassers nicht geringem Entsetzen. Es war mir ein Anliegen, den Mann und seine ungewöhnliche Abneigung gegen alles Lob zu verstehen, und so befragte ich ihn einmal darüber, indem ich hinzufügte, er habe ja alles Recht, auf diese Dinge stolz zu sein. Da entgegnete er, niemand habe ein Recht, auf irgend etwas stolz zu sein, da wir alles empfangen hätten und von Natur in keinem Menschen Gutes wohne. Er setzte hinzu, daß jeder nur immer alle Ursache habe, sich zu demütigen, daß alles Medaillentragen, aller äußere Schmuck des Körpers, wie überhaupt alle Selbstverherrlichung ganz übel angebracht sei. Auch hätte keiner ein Recht, irgend etwas sein zu nennen, der sich ein für allemal dem Herrn als Eigentum ergeben habe. Was sollte er da zurückbehalten? ›Des lieben Gottes Eigentum zu sein,‹ sagte er zu mir, ›sollte auch Sie hindern, diese goldene Kette da zu tragen; sie sollte für die Armen verkauft werden.' Indessen gab er zu, daß nicht alle Menschen je nach ihrer verschiedenen Lage es so leicht finden möchten wie er, irdischen Besitz in solchem Licht zu betrachten. Sein Geldbeutel war immer leer infolge seiner Freigebigkeit. Ein silbernes Theeservice, das Geschenk seines Verwandten Sir William Gordon, bewahre er auf, sagte er einmal; der Wert desselben werde ausreichen, früher oder später seine Begräbniskosten zu bestreiten, ohne anderen zur Last zu fallen. So verhaßt es ihm war, von seinen Thaten zu reden, so freigebig war er mit seinen Gedanken, und manche interessante Unterhaltung führten wir mit ihm. Ein gewisser mystischer Zug, der ihm eigen war, verlieh seiner Rede einen eigenen Reiz; wir haben viel von ihm gelernt. Er besuchte uns oft, aber es war eine ausgemachte Sache, ohne daß je ein Wort darüber verloren worden wäre, daß man ihn nie auffordern dürfe, länger zu bleiben, wenn er sich zum Gehen anschickte. Ihn je zu Tisch zu bitten, wäre ordentlich eine Beleidigung gewesen: ›Ladet die Armen und Kranken ein,‹ hätte man da zur Antwort erhalten, ›ich kann zu Haus essen.‹«

Daß er neben seinen Berufsarbeiten und täglicher fleißiger Beschäftigung mit Gottes Wort so viel Zeit fand, Gutes zu thun, verdankte er einerseits seiner Gewohnheit früh aufzustehen, andererseits seinem methodischen Fleiß, der nie auf einen andern Tag verschob, was sofort geschehen konnte. »Warum sollte man etwas hängen lassen, was man gleich erledigen kann,« pflegte er zu sagen. Immer beschäftigt sein, war offenbar die äußere Bedingung seiner Zufriedenheit. Einer Dame, die sich bei ihm über die Langeweile des Mode-Lebens beschwerte, gab er den guten Rat, sich doch einmal am Waschzuber ordentlich müde zu schaffen. Einer seiner Untergebenen, der über die Arbeiten seines Berufes in Gravesend berichtet hat, schreibt unter anderem: »Wenn Gordon an der Arbeit war, dann war's Arbeit, und keiner von uns hätte es sich beikommen lassen, ihn auf irgend etwas einen Augenblick länger warten zu lassen als absolut nötig war. ›Schon wieder fünf Minuten verloren, die wir nie wieder haben werden!‹ konnte er ausrufen. Er hielt strenge Ordnung, aber das hinderte keinen, mit völliger Liebe und Verehrung an ihm zu hängen.«

Gordons äußere Erscheinung soll durchaus nichts Überwältigendes gehabt haben. Er war nicht groß, hatte kein stattliches Auftreten; man sah ihm den Soldaten nicht an. Wer ihm zum erstenmale begegnete, konnte aus seinem bescheidenen Äußeren nicht schließen, daß er es mit einem der tüchtigsten Offiziere zu thun habe. Daß er der »Chinesen-Gordon« war, stand ihm nicht auf der Stirn geschrieben, obgleich er der denkbar offenherzigste Mensch war. Ein gewisses jugendliches Aussehen soll er bis ins mittlere Alter bewahrt haben. Die ihn kannten, stimmten darin überein, daß seine Macht über die Menschen von seinen blauen Augen ausging — »sein Gesichtsausdruck hatte nichts bedeutendes, war aber von der Art, die es ›einem anthut,‹« sagt einer seiner Mitoffiziere, ein langjähriger Freund, »und im Umgang hatte er etwas unaussprechlich bezauberndes.« Man habe sich mit unwiderstehlichem Vertrauen zu ihm hingezogen gefühlt als zu einem Mann, der es gut mit einem meine; man habe ihm nur ins Auge zu sehen brauchen um zu wissen, daß man sich felsenfest auf ihn verlassen könne, selbst wenn alle andern einen im Stich ließen. Neben der Sanftmut und Güte seines Wesens, die alle rühmen, die je mit ihm zu thun hatten, konnte er aber auch herzhaft zornig werden, wie schon angedeutet wurde. Er kannte diese seine schwache Seite wohl, und wenn einer seiner Untergebenen einen Verweis verdiente, so suchte er für den zu erlassenden Tadel gern einen Stellvertreter, aus Furcht, von der Hitze mit fortgerissen zu werden.

Wohl der schönste Zug seines Wesens war seine wunderbare Demut, die nie heller leuchtete als im Umgang mit den Armen und Niedrigen. Solchen erzählte er auch mit größter Bereitwilligkeit aus seinem Leben in China und anderwärts, worüber seinesgleichen ihn nie reden hörten. Er war höflich gegen den Geringsten und konnte einen Bettler um Verzeihung bitten, wenn er ihm eine Münze hastig hingeworfen. Wer zu jener Zeit in Gravesend wohnte, der konnte hin und wieder sehen, wie er auf der Straße plötzlich stehen blieb, um vielleicht einem armen Waschweib ihre Last abzunehmen, sei's Bündel oder Korb, und ihr tragen zu helfen, und war einer seiner Freunde in der Nähe, vornehm oder gering, so konnte er gewärtig sein, auch aufgefordert zu werden, mit Hand anzulegen.

Gordon war ein Christ in des Wortes vollster Bedeutung, aber einer besonderen Gemeinschaft im englischen Sinn hat er nicht angehört. Dies ist schon durch seine Lebensführung begreiflich. Auch darf man wohl sagen, daß einer, der so in der Allgegenwart, ja Gemeinschaft Gottes wandelt, über die Unterschiede hinaus ist, die uns andere, die wir noch Schüler sind, in Klassen abteilen. Er hat sein Leben, wie wir gesehen haben, nach dem Wort eingerichtet: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der, die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten. Übrigens hielt er dafür, daß das Christentum eines Menschen sich vor allen Dingen in der gewöhnlichen Berufs- und Pflichterfüllung des Lebens bethätigen müsse. Das ist's, was der seltenen Energie zu Grunde liegt, die ihn zum großen Manne gemacht hat; das auch, was in der Gerechtigkeit, Festigkeit, Milde und Umsicht seinen Ausdruck fand, die seine Verwaltung des Sudan so rühmlich kennzeichneten. Er war überall und in allen Dingen ein Christ. Sich selbst für besser halten als andere, war nicht seine Sache. »Wir sind alle voll Schwären,« konnte er sagen, »manche verdecken ihre Schäden mit seidenen Lappen, andere haben nur Lumpen; reißt beides weg, und die Krankheit ist dieselbe.«

Auf sein inneres Leben und seine Stellung zur christlichen Lehre werden wir später zurückkommen. Die Früchte, die aus seinem Glauben erblühten, sind mit der kurzen Schilderung aus Gravesend wohl zur Genüge dargethan.

Im Jahr 1871 wurde Gordon nach Galatz geschickt, in eine ihm nicht unbekannte Gegend, wo er an der Donau-Mündung eine ähnliche Arbeit ausführen sollte wie daheim an der Themse. Die »öffentliche Meinung« aber fing an sich zu wundern, warum die Kräfte eines so eminent zum Kriegführen geschaffenen Mannes wie Gordon an eine Arbeit verschwendet würden, die jeder andere Ingenieuroffizier auch erledigen könne. Es war die Zeit der Asante-Sorgen, und die Zeitungen fingen an sich zu erkundigen, wo der »Chinesen-Gordon« stecke und warum man nicht ihn absende, um dem König Kofi das Handwerk zu legen. Unter den vielen Zuschriften an die öffentlichen Blätter in jener Zeit verdient ein »Mandarin« unterzeichneter Brief, den die Times brachte, hier wenigstens im Auszug wiedergegeben zu werden.

»Es ist zum Verwundern,« sagt der Schreiber, ein ehemaliger Offizier der stets siegreichen Armee, »wie wenig die erstaunlichen Thaten des Mannes, der als »Chinesen-Gordon« öfters genannt worden ist, in diesem Land bekannt geworden sind. Als einer, der in der stets siegreichen Armee unter ihm diente — welche Bezeichnung ganz gewiß nicht aus seinem Munde stammt — könnte ich lange Spalten füllen mit den Beweisen seiner unglaublichen Thatkraft, seiner über alles Lob erhabenen Um- und Vorsicht, seiner anspruchslosen Bescheidenheit, seiner Ausdauer und Herzensgüte, seines überlegenen Mutes, ja Heldenmutes. Es ist die einfache Wahrheit, daß alle, die je unter ihm gedient haben, seine militärische Tüchtigkeit, um nicht zu sagen sein Kriegsgenie, in alle Himmel erheben. Es giebt nicht viele Heerführer, denen ein ganzes Offizierkorps solch einstimmiges, begeistertes Lob zollt. Und noch wunderbarer ist die völlige Hingabe, mit der die chinesischen Truppen ihm anhingen, das unbedingte Vertrauen, das sie in irgend welches Unternehmen setzten, wenn nur er es persönlich leitete. In ihren Augen war er einfach ein Zauberer, dem alles möglich war .... In ihrem Glauben an seine gefeite Unverwundbarkeit bestärkte sie seine Gewohnheit plötzlich zu erscheinen, wenn die Truppen unter Feuer waren, wo er dann im dichtesten Kugelregen ganz ruhig dastand. Außer seinem spanischen Rohr, das die Soldaten seinen Zauberstab nannten, trug er ein kurzes Fernrohr, nie Waffen; oder richtiger, was er an Waffen trug, war unsichtbar.... Einmal nur erinnere ich mich Zeuge gewesen zu sein, wie Gordon einen Revolver zog. Es war bei Kuinsan, nachdem die Truppen ein Vierteljahr lang während der Sommerhitze im Quartier gelegen hatten. Man benutzte diese Zeit, sie einzuexerzieren, mit dem Gedanken an die geplante Einnahme von Sutschau. Die Hitze war entsetzlich. Ruhr und Cholera lichteten die Reihen, und die Disziplin war nicht ganz so stramm wie sonst..... Als gegen Ende September Befehl zum Abmarsch gegeben wurde — es galt die Forts und Schanzenwerke zwischen Kuinsan und Sutschau — war's besonders die Artillerie, die den Gehorsam weigerte. Eine Kompagnie wurde störrig und wollte sich nicht einschiffen ... da erschien Gordon mit seinem Dolmetscher. Er war zu Fuß, dem Anschein nach unbewaffnet und wie gewöhnlich sehr gefaßt. Sobald er zur Stelle war, erließ er durch den Dolmetscher die Ordre, daß jeder Soldat, der gesonnen sei, sich nicht einzuschiffen, vortreten solle. Nur einer trat vor. Da zog Gordon eine Pistole aus seiner Brusttasche, richtete sie gegen des Mannes Kopf und ließ ihm durch den Dolmetscher zurufen: »Marsch!« Der Mann gehorchte auf der Stelle und die ganze Kompagnie ihm nach. Sage einer — das hätte jeder andere kaltblütige und entschlossene Offizier auch erreicht! Durchaus nicht! Wenigstens gab's unter uns damals nur eine Meinung, daß der Gehorsam in diesem Fall lediglich der grenzenlosen Achtung, ja Ehrfurcht zuzuschreiben war, mit welcher das ganze Korps zu Gordon aufsah. In der That war die Stimmung der Truppen damals eine solche, daß wenn irgend ein anderer Offizier es gewagt hätte, zu handeln wie Gordon handelte, offene Meuterei und die Ermordung der Offiziere die Folge gewesen wäre .... Die wahre Ursache der beispiellosen Erfolge des Korps ist einerseits wohl in der militärischen Tüchtigkeit des Anführers zu suchen, andererseits aber in seinem Charakter und seinem ganzen Wesen, welches der Art war, daß alle, die mit ihm in Berührung kamen, unbegrenztes Vertrauen in seine Fähigkeit setzten neben dem festen Glauben, daß er mit den besten ihm zu Gebot stehenden Mitteln die besten Resultate zu gewinnen der Mann war.[7] Wer Gordon kennt mit seiner anspruchslosen Persönlichkeit, seiner ruhigen zurückhaltenden Art, kann von seinem wunderbaren Einfluß über ein Heer von unwissenden Soldaten und aus aller Herren Länder zusammengelaufenen Offizieren nur auf die höchsten Eigenschaften seines Charakters schließen. Um einen Vergleich zu ziehen, so möchte es scheinen, daß die unwissenden Chinesen den Mann besser zu würdigen verstanden, als gewisse wohl unterrichtete Leute hierzulande.«

Allein die Regierung hatte taube Ohren; einer aus dem Ingenieurkorps, und wäre er selbst der »stets siegreiche General«, wie das Volk ihn neuerdings nannte, sei nicht fürs Kommando bestimmt, war die Entschuldigung. Als der Khedive aber nach einiger Zeit einen Kommandanten nötig hatte und sich dazu den Oberst Gordon ausersah, hatte die englische Regierung nichts dagegen einzuwenden.

Notes in this chapter

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