Viertes Buch. Im Lande der Schwarzen.
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Die Sudanländer sind insbesondere durch deutsche Reisende allgemeiner bekannt geworden. Der Name »Sudan« bedeutet nichts anderes als das Land der Schwarzen und stimmt also mit der alten Bezeichnung »Äthiopien« überein, woraus sich ergiebt, daß der Sudan, heutzutage ein Land des Elends und der Knechtschaft, schon eine bessere Vergangenheit gekannt hat. Wir erblicken in ihm das Mohrenland der Bibel, das Land der Königin Kandaze. Im Propheten Jeremia ist zu lesen: Lasset die Helden ausziehen, die Mohren! Memnon, ein König von Äthiopien, zog mit zehntausend Mann den Trojanern zu Hilfe. Und auch neuerdings haben sich die Sudanesen als Soldaten bewährt, mit denen nicht zu spassen ist. Aber der Fluch Hams liegt auf dem Lande.
Sudan ist ein Gemeinname, er umfaßt die ungeheuren mittelafrikanischen Ländergebiete zwischen Ägypten im Norden und den Seen (Njansa) im Süden, zwischen dem Roten Meer im Osten und dem Lande Darfur im Westen. Khartum am Zusammenfluß des Blauen und Weißen Nils liegt so ziemlich in der Mitte zwischen dem Mittelländischen Meer und dem Viktoria Njansa, von Meer und See je sechzehnhundert Kilometer entfernt. Von Khartum nach der Ostgrenze des Sudans, nämlich bis zu den Hafenstädten Suakim und Massaua am Roten Meer, beträgt die Entfernung etwa sechshundert Kilometer, nach der Westgrenze bis Darfur sind es zwölfhundert. Die Hauptstationen zwischen Khartum und Ägypten sind Berber und Dongola, beide am Nil. In Berber mündet die Wüstenstraße von Suakim her, und zwischen diesen beiden Orten ist die Eisenbahnlinie projektiert, die den Sudan vom Roten Meer aus leichter zugänglich machen soll. Um die Entfernungen durch einen Vergleich zu veranschaulichen, so ist es von Kairo nicht weiter nach Petersburg als nach Gondokoro, der Hauptstadt der ägyptischen Äquatorialprovinz, während es von Khartum nach Gondokoro etwa so weit ist, als von Berlin nach Rom. Khartum und Gondokoro sind durch den Nil verbunden, durch den »Ssett« aber, eine Massenanhäufung von schwimmenden Wassergewächsen, sind diese Städte trotz aller Dampfer oft monatelang außer Verbindung.
Ägypten hat sich während der letzten sechzig Jahre in den Sudanländern ausgebreitet. Mehemet Ali mochte es redlich meinen oder nicht, als er sich anschickte, an die Stelle der herrschenden Anarchie im Sudan eine geregelte Regierung zu setzen, und seinen Sohn Ismail mit einem Soldatenhaufen und etlichen Gelehrten hinsandte, um von dem Lande Besitz zu nehmen. Dieser aber wurde mit samt seinem Gefolge von einem Häuptling verbrannt. Man wußte sich furchtbar zu rächen, und die ägyptische Gewaltherrschaft wurde aufgerichtet. Die geregelte Regierung bekundete sich in Unterdrückung und Aufstand, und die eingeführte Zivilisation beschränkte sich hauptsächlich auf Elfenbeinhandel, wogegen nichts zu erinnern gewesen wäre, wenn nicht auch das »schwarze Elfenbein«, der Negerhandel, zur Goldquelle geworden wäre. Der Sklavenhandel nahm nach und nach so zu, daß er zum offenkundigen Skandal wurde. Die arabischen Händler zahlten eine beträchtliche Abgabe an die ägyptische Regierung, die deshalb ein Auge zudrückte. Das Elend im Land spottete aller Beschreibung; ein ehrliches Gewerbe konnte neben dem Menschenraub nirgends aufkommen. Europäische Händler waren die Urheber des Unfugs. Um das Jahr 1860 mußten sich diese aber angesichts der öffentlichen Meinung zurückziehen. Seither haben die Araber die Negerjagd und den Negerhandel ins Unglaubliche getrieben. Die Einwohnerschaft der Sudanländer besteht nämlich aus zwei Hauptklassen, von welchen die eine, die eingewanderten Araberstämme, die natürliche Unterdrückerin der andern, der Neger, ist. Schweinfurth beobachtete die Sklavenhändler mehrere Jahre lang. Vor zwanzig Jahren, schreibt er, gab es Hunderte von Denka-Dörfern auf der östlichen Seite des Flusses, jetzt ist die ganze Strecke zur Einöde geworden. Man stößt allenthalben auf Spuren, daß Dörfer und angebaute Gegenden da zu finden waren, wo jetzt alles verwüstet ist; die Bevölkerung muß wenigstens um zwei Drittel abgenommen haben. Sir Samuel Baker ist der Ansicht, daß niemand anders als die ägyptischen Pascha an der Verwüstung des Denka-Landes schuld seien. »Das Land ist vollständig entvölkert infolge der Razzien der vom Statthalter von Faschoda begünstigten Sklavenjäger.« Er durchreiste das Land nach allen Richtungen und kam allerwärts auf Spuren zerstörter Dörfer. Im Jahre 1864 sah er die Gegend des Viktoria-Nils zum erstenmal; das Jahr 1872 brachte ihn wieder dahin. »Die in diesen Jahren stattgefundene Veränderung ist nicht zu beschreiben; damals war die Landschaft ein Garten, dicht bevölkert und voll reicher Produkte. Jetzt ist alles zur Wüstenei geworden! Niemand ist schuld daran, als die Khartumer Händler, welche Weiber und Kinder in die Sklaverei führen und plündern und zerstören, wo sie hinkommen.« »Man sieht meilenweit keine Menschenseele,« schreibt Gordon, als er den Sobat hinaufdampfte: »die Sklavenhändler haben die ganze Bevölkerung aufgerieben und die Gegend zur vollständigen Wildnis gemacht.«
Während einer Reihe von Jahren geschah nichts, um dem schändlichen Handel zu steuern. Zwar wurden Proklamationen erlassen, aber, wie Schweinfurth sagt, schien eine unüberwindliche Neigung zum Sklavenhandel jedem Türken oder Ägypter angeboren, der im Dienste der Regierung den Sudan verwalten half. Und als der Greuel dem Khedive endlich zu arg wurde, war dies nicht sowohl eine Regung von Mitleid mit den armen Negern, als vielmehr Furcht vor einem sich erhebenden Machthaber, der seine Oberherrschaft im Sudan bedrohte. Die Sklavenhändler zählten nach Tausenden; mit bewaffneten Horden zogen sie durchs Land, ja so mächtig wurden sie, daß sie die Abgaben an die Regierung nicht länger zu entrichten für nötig fanden. Auch das war ein Grund, ihnen das Handwerk zu legen. Unter den Sklavenhändlern war besonders einer, der durch seinen unglaublichen Reichtum, seine aus Sklaven rekrutierten Truppen, sowie durch die beträchtliche Anzahl seiner befestigten Stationen fast die Stellung eines Königs einnahm. Es war dies der berüchtigte Sebehr Rachama, der schwarze Pascha. Schweinfurth fand ihn von fürstlichem Hofstaat umgeben. Seine Gäste wurden von reichgekleideten Sklaven in mit kostbaren Teppichen behangene Vorzimmer geführt, und um den königlichen Glanz seiner Umgebung zu erhöhen, wurden Löwen herbeigebracht. Sein Reichtum und sein Aberglaube schienen einander die Waage zu halten, wenigstens wird erzählt, daß er einmal fünfundzwanzigtausend Maria-Theresia-Thaler einschmelzen ließ, um Kugeln aus Silber zu gießen, mit denen ein Feind beschossen werden sollte, der angeblich gegen Blei gefeit war. Ursprünglich ein Elfenbeinhändler, hatte er sich auf das »schwarze Elfenbein« verlegt. Er war Herr von nicht weniger als dreißig Stationen, die sich bis ins Innere von Afrika erstreckten, und sein Name verbreitete Schrecken durch den ganzen Sudan. Von den einzelnen Stationen aus wurden Streifzüge auf die Neger unternommen; auf den Stationen fanden sich die Kleinhändler ein, welche ihm die Sklaven abkauften und durch die Wüste an die Grenze schleppten. Als Schweinfurth im Jahre 1871 die Raubhöhle Schekka, Sebehrs Hauptstation an der Südgrenze Darfurs, besuchte, fand er daselbst nicht weniger als zweitausendsiebenhundert solcher Händler, die gekommen waren, um sich mit Sklaven zu versehen. Schon 1869 hatte es die ägyptische Regierung versucht, Sebehrs großer Macht einen Zügel anzulegen. Eine Truppenabteilung unter einem Anführer Namens Bellal folgte dem Sklavenräuber in die Bahr el Ghasal. Es kam auch zu einem Gefecht, in welchem Bellal, sowie die meisten seiner Soldaten umkamen. Sebehr selbst trug eine Fußwunde davon. Der Khedive war nicht wenig entrüstet, mußte sich aber vorläufig damit zufrieden geben, daß nicht er, sondern Sebehr Herr im Sudan war, den Tausende von Sklavenhändlern als solchen anerkannten. Zwar dem Namen nach war Sebehr ägyptischer Unterthan, aber in Wirklichkeit souveräner Herr.
Die Eroberung Darfurs war eines der mit Bellals Unternehmen in Aussicht genommenen Projekte. Dieses Land war damals noch frei. Es hatte seit vierhundert Jahren seine eigenen Sultane. Darfur ist der Kornspeicher für den westlichen Sudan, und der regierende Sultan hatte dem drohenden Überfall Bellals eine Ausfuhrsperre entgegengesetzt, was nicht nur seinem offenen Feinde, sondern auch den Sklavenhändlern ungelegen kam. Sebehr war Manns genug, einen Gegenschlag zu führen. Er plante seinerseits eine Einnahme Darfurs. Das konnte dem Khedive nicht einerlei sein. Fiel Darfur in Sebehrs Hand, dann war nichts wahrscheinlicher, als daß der ganze Sudan sich ihm ergeben würde. Der Khedive nahm zur Politik der Feigheit seine Zuflucht und beschloß, lieber mit als gegen Sebehr zu handeln, worauf ägyptische Truppen unter Ismail Pascha Jakub vom Norden her in Darfur einfielen, während die Sklavenhändler es im Süden bedrängten.
In einer Schlacht wurde der Sultan von Darfur erschossen, und als seine beiden Söhne den Leichnam decken wollten, fielen auch sie. Ihr jüngerer Bruder war ein Kind, und ein entfernterer Verwandter Namens Harun beanspruchte die Thronfolge. Darfur aber wurde unterjocht und Sebehr zum Pascha gemacht. Diese Ehre war ihm keineswegs genügend; er und seine Horden hätten das Land erobert, sagte er, ihm komme es daher zu, als Generalgouverneur die neue Provinz zu verwalten. Er hatte sogar die Kühnheit, selbst nach Kairo zu gehen, um seine Ansprüche dort geltend zu machen. Zwei Millionen Mark soll er mit sich genommen haben, um die Pascha zu bestechen. Es nützte ihm nichts, er wurde in Kairo festgehalten. Soliman, Sebehrs Sohn, beunruhigte an seines Vaters Statt das Land und war die Seele eines gewaltigen Aufstandes. Wie derselbe von Gordon und seinem kühnen Stellvertreter Gessi unterdrückt wurde, werden wir später hören.
Der Khedive, der den Sklavenhandel geduldet, wo nicht geschützt hatte, so lange er ihm eine Rente abwarf, verfiel auf philanthropische Motive, sobald seine Oberherrschaft gefährdet war. Durch ganz Europa posaunte er die Nachricht, daß er gesonnen sei, den greulichen Handel auszurotten. Nur zu diesem Ende habe er Sir Samuel Baker an den Äquator geschickt und nun auch den genialen Gordon berufen. Das ganze Nilbecken bis zu den Seen am Äquator wurde zu einem Teile von Ägypten erklärt. Selbst an jenen äußersten Grenzen — so lautete das vielverheißende Manifest — müßten Leib, Leben und Freiheit fürderhin als heilige Dinge gelten. Unter dieser Maske der Menschenliebe wurde Gordon, der als einer der aufrichtigsten Menschenfreunde, als einer der kühnsten Heerführer bekannt war, für den neuen Gouverneurposten in Aussicht genommen. Oberägypten sollte einen Regierungsbezirk für sich bilden, und der Elfenbeinhandel innerhalb seiner Grenzen wurde zum Staatsmonopol erklärt.
Gordon war noch in Galatz, als ihm die neue Thätigkeit angeboten wurde. Im Jahre 1872 war er in Konstantinopel mit dem ägyptischen Minister Nubar Pascha zusammengetroffen, und dieser, von seiner Tüchtigkeit überzeugt, hatte ihn gefragt, ob er nicht einen Nachfolger für Baker zu empfehlen wisse. Gordon erblickte in dem sich eröffnenden Wirkungskreise eine Möglichkeit, den geknechteten Schwarzen zu dienen, und bot im folgenden Jahr seine Dienste an, vorausgesetzt, daß der Khedive bei der englischen Regierung um ihn einkommen wolle und diese nichts dawider habe. In England schien man seiner nicht zu bedürfen, und so machte er sich auf den Weg zur Ausrichtung eines großen Berufs im Innern des schwarzen Weltteils. Es war der Tag, der die Nachricht vom Tode Livingstones nach England brachte, an welchem Gordon von London aufbrach! Jener war mit dem Gebete auf den Lippen gestorben, daß der Herr sich Afrikas erbarmen und einen Befreier senden möge. War es nicht wie eine Antwort auf diese Bitte, daß Gordon sich rüstete, um den Kampf mit dem großen Unrecht aufzunehmen, das jener ans Licht gebracht hatte? Die Namen Livingstone und Gordon sind wie zwei Sterne an Nachthimmel Afrikas; beide sind untergegangen; wann wird der Tag anbrechen?
Der Khedive setzte seinem neuen Statthalter denselben Jahresgehalt aus, den Baker bezogen hatte, nämlich zweimalhunderttausend Mark, Gordon selbst aber bestimmte nur vierzigtausend. Das war dem Khedive und noch andern Leuten ein Rätsel. Wer den Mann aber kannte und überdies wußte, auf welche Weise Ismail seine Schatzkammer füllte, dem war die Handlungsweise erklärlich. Gordon verabscheute einen Gewinn, der, wie er wohl wußte, dem Schweiß der Fellahs erpreßt wurde; es wäre ihm wie Blutgeld vorgekommen; er nahm daher nur so viel, als er durchaus nötig hatte. »Wie Mose, so verachte auch ich den Reichtum Ägyptens,« schreibt er. »Wir haben einen König, der mächtiger ist, denn diese alle, und bessere Güter in ihm, als die Welt uns bieten könnte. Ich beuge mich keinem Haman.«
Gordons Auftrag bestand darin, eine fast unbekannte Provinz zu ordnen, in der bewaffnete Händler ihr Wesen trieben und durch Elfenbein und Schwarze sich bereicherten. Die eingeborenen Stämme hatten sie grausam unterdrückt und gezwungen, mit ihnen Handel zu treiben, ob sie wollten oder nicht. Einige dieser Tyrannen hatten Erlaubnis, im Lande zu wohnen, vorausgesetzt, daß sie sich des Sklavenhandels enthielten; man hatte sie dem Gouverneur vom Sudan unterstellt. Dieser aber war von Khartum aus nicht im stande gewesen, seine Autorität geltend zu machen, und aus diesem Grunde hatte der Khedive die neue Äquatorialprovinz gebildet. Wenn der Sklavenhandel und das Raubwesen erst einmal abgeschafft wäre, dann sollte aller rechtmäßige Handel frei sein. Gordon sollte eine Kette von Stationen errichten, sollte versuchen, das Vertrauen der Stämme zu gewinnen und der Sklavenjagd auf alle mögliche Weise entgegenarbeiten.
Aber bei seinem kurzen Aufenthalte in Kairo hatte er mit dem ihm eigenen Scharfblick den Khedive und seine Pläne durchschaut. »Ich glaube, den wahren Beweggrund entdeckt zu haben,« schreibt er, »man hofft, uns Engländern Sand in die Augen zu streuen.« Trotzdem schwankte er keinen Augenblick. Er wußte, daß er in eines Höheren Dienst stand, und das gab ihm Kraft. So schreibt er einmal:
»Wer dürfte es wagen, der nicht den allmächtigen Gott auf seiner Seite hat? Ich kann es und will es thun, denn mein Leben achte ich für nichts — ich würde nur viel zeitlichen Verdruß mit dem ewigen Frieden vertauschen!« Und weiter: »Wer doch den Tod immer als Erlöser vor Augen hätte! Welche Ruhe ist des Menschen Teil, der so denkt, und was für Thaten kann er vollbringen — nichts kann ihn mehr beunruhigen, in welchem Amt er auch stehe!«
Es war Gordons Wunsch, als gewöhnlicher Passagier sich nach Suakim zu begeben; allein Nubar Pascha erklärte, der Gouverneur von Oberägypten müsse mit Gepränge reisen. Ein Gefolge wurde ernannt, und, von einem Adjutanten des Khedive begleitet, sollte Gordon mit einem Extrazug nach Suez fahren. Aber unterwegs versagte die Lokomotive, und die Reise mußte mit dem gewöhnlichen Zug fortgesetzt werden — ein Hauptspaß für Gordon. »Wir haben groß angefangen und dürfen klein aufhören,« berichtet er darüber. Von Suakim ging's durch die Wüste nach Berber; etwa zweihundertundzwanzig Mann Militär, die mit ihm an Bord waren, bildeten die Eskorte für den vierzehntägigen Marsch, dessen Länge Gordon keineswegs beklagte, denn es war ihm vor allen Dingen darum zu thun, seinen Soldaten, die von Mannszucht nichts wußten, Gelegenheit zu geben, ihn kennen zu lernen. Was persönlicher Einfluß vermag, das wußte er von China her.
Sein Generalstab bestand aus einem kühnen und in jeder Beziehung tüchtigen Italiener, dem nachmals so rühmlich bekannt gewordenen Romulus Gessi, den er als Dolmetscher schon in der Krim kennen gelernt hatte; ferner aus mehreren anderen Europäern, Namens Kemp, Russell, Anson und zwei Brüdern Linant, dem Amerikaner Long und Abu Saud, einem gewesenen Sklavenhändler und niederträchtigen Menschen, den er in Kairo als Gefangenen vorfand und dem er mit einem gewissen Eigensinn zutraute, daß er sich künftighin der Redlichkeit befleißigen und sich nützlich erweisen werde. Der Khedive wußte nicht recht, was mit diesem Gefangenen anfangen, der am oberen Nil als »Sultan« bekannt war, aber nichts weniger als einen guten Namen dort hinterlassen hatte. Gordons Vorschlag, sich seiner Kenntnis des Landes zu bedienen, hielt der Khedive für sehr gewagt; Gordon aber ließ sich in diesem Vertrauen nicht irre machen, und der ehemalige Sklavenjäger wurde seinem Stabe einverleibt. Die Gewohnheit Gordons, Feinde durch gutes Zutrauen zu Freunden zu machen, hat sich in seinem Leben zwar oft bewährt; Abu Saud aber hat die ihm entgegengebrachte gute Meinung nicht gerechtfertigt und Gordon viel zu schaffen gemacht, bis dieser sich durch einen Machtspruch seiner wieder entledigte.
Über Gordons Zeit im Sudan liegt ein umfangreicher Band seiner, hauptsächlich an seine Schwester gerichteten Briefe vor; wir folgen ihm ins Land der Schwarzen an der Hand dieser Briefe. Am 13. März 1874 wurde Khartum erreicht.
»Der Generalgouverneur kam in voller Uniform Deinem unter dem Donner der Geschütze landenden Bruder entgegen. Gestern stand dieser noch mit nackten Beinen im Nil und half das Boot flott machen — trotz der Krokodile, die einem nichts thun, so lange man in Bewegung ist — heute salutiert ihn die Garde, so oft er sich blicken läßt ... Ich habe seit meiner Ankunft schon Musterung gehalten und das Spital und die Schulen besucht; die kleinen Schwarzen lachten, als sie mich sahen. Ich wollte, die Fliegen suchten sich ein anderes Quartier, als die Augenwinkel dieser Kinder! Khartum ist eine schöne Stadt, was die Lage betrifft. Die Häuser sind von Lehm und haben flache Dächer ... Ich bin wohlauf bei ruhiger Zeit, trotz vieler Arbeit. Übrigens ist es wahr, Herr Selbst ist der beste Diener, den man haben kann.«
In Khartum scheint er seinen neuen Titel ausfindig gemacht zu haben, und zwar keinen geringeren als »Se. Exzellenz General Oberst Gordon, Generalgouverneur am Äquator«, ein Titel, den er mit Recht ein sonderbares Gemisch nennt. Von Khartum aus erging auch sein Erlaß an die neue Provinz, worin er den Elfenbeinhandel als Monopol der Regierung erklärte, die Einfuhr von Waffen und Pulver, sowie unbefugtes Waffentragen überhaupt verbot und außerdem ankündigte, daß in Zukunft niemand ohne Paß die Provinz bereisen dürfe.
Am 22. März trat er die Reise nach seiner Hauptstadt Gondokoro an. Er erwähnt der großen glitzernden Krokodile, die allabendlich mit weitoffenem Rachen auf dem Ufersand liegen, der vielen Zugvögel, die sich anschickten, den brennenden Süden mit dem Norden zu vertauschen. Hier gab es Störche, schwarze und weiße, zu Tausenden, dort Pelikane und Flamingos, auch große Nilpferde — doch sieht er vorläufig nur ihre Nasen, denn sie stehen mitten im Fluß. Die Affen kommen herdenweise und tragen ihre kerzengerade in die Höhe gerichteten Schwänze wie Speere hinter sich; die Giraffen erscheinen ihm wie wandernde Türme. Offenbar hatte er seine Freude an all dem Neuen, Ungewohnten, und beschreibt es gern der fernen Schwester. Eines Abends, als er beim stillen Mondlicht die vor ihm liegenden Schwierigkeiten zu vergessen sucht und halb träumerisch der Heimat gedenkt, erschreckt ihn ein lautes Gelächter.
»Ich war nahe daran, es für eine Beleidigung zu halten,« erklärt er spaßhaft, »aber es waren nur ein paar überschlaue Vögel, die guterdinge schienen und es gar zu lächerlich fanden, daß unsereiner den Weg nach Gondokoro unternimmt in der Meinung, dort etwas Gutes zu schaffen.«
Nicht weit davon, in einer Felsenhöhle auf der Insel Abba, hielt sich damals ein Derwisch auf, Namens Muhamed Achmet, der im Geruch der Heiligkeit stand. Wie ahnungslos fuhr Gordon an ihm vorüber! Zehn Jahre später ist dieser »Heilige«, der Mahdi, das Werkzeug seines Todes geworden.
An den ersten Wilden, die Gordon sieht, bemerkt er die Folgen der Mißhandlung.
»Wir kamen an einem Dorfe der Schilluk vorüber, die sich über unsern Anblick wunderten und erschreckt davonliefen, wenn man ein Fernrohr auf sie richtete.«
Am 22. April lief er in den Sobat ein, der oberhalb Faschoda in den Weißen Nil mündet. Hier präsentierten sich ihm die ersten seiner Unterthanen — ein Stamm der Denka. Es waren harmlose Leute, ein Hirtenvolk, deren Häuptling nur schwer dazu zu bringen war, an Bord zu kommen.
»Dann aber erschien er in seinem ganzen und besten Staat — einer Halskette von Glasperlen. Wir machten ihm einige Geschenke. Darauf trat er auf mich zu, nahm erst meine rechte Hand und dann meine linke, leckte sie tüchtig, packte mein Gesicht und that, als ob er mich anspeien wollte.«[8]
Man trug zu essen auf; als Häuptling verzehrte er außer seinem auch seines Nebenmannes Teil. Zum Dank wollte er Gordon die Füße küssen, aber das wurde ihm nicht gestattet; er brüllte daher mit seinem Gefolge einen Lobgesang und trug sein Geschenk, eine Kette Glasperlen, vergnügt davon; d. h. der gewandlose Herrscher war viel zu erhaben, um sie eigenhändig zu tragen, er überließ sie einem Geringeren, der sie vor ihm hertrug.
Wo der Bahr el Ghasal in den Weißen Nil einmündet, bildet das Gewässer einen See und Sümpfe. Gordons Dampfer drang stetig vor. Die Eingebornen, die er jetzt sah, hatten sich die Gesichter mit eingeriebener Holzasche grau gefärbt, elende Menschen, die offenbar kaum zu leben hatten.
»Es ist ein Rätsel, warum sie erschaffen sind! ... ihr Leben schwankt zwischen Furcht und Not. Kein Wunder, daß sie den Tod nicht fürchten ... Ich freue mich auf meine Arbeit, denn ich glaube, ich werde manche Gelegenheit finden, das Elend der armen Leute zu lindern.«
Er fuhr an einer verlassenen österreichischen Missionsstation vorüber, wo innerhalb dreizehn Jahren fünfzehn Missionare dem Klima erlegen waren, ohne auch nur einen Schwarzen gewonnen zu haben; »die Sklavenhändler hatten den Teufel hingebracht,« sagt ein Berichterstatter. Die nächste Station war Bohr, ein Sklavenjägernest, »wo man uns nicht allzu höflich empfing.« Am 16. April, also nach einer Fahrt von dreiundzwanzig Tagen, ankerte das Boot bei Gondokoro zum Erstaunen der Leute, die von ihrem neuernannten Gouverneur noch gar nichts gehört hatten. Seine Residenzstadt fand er in verwahrlostem Zustand, und unbewaffnet hätte er sich anfänglich in der nächsten Umgebung nicht zeigen können; die Eingebornen waren durch lange Mißhandlung allerwärts voll Mißtrauen. Gordon aber war der Hoffnung, sie mit der Zeit zu gewinnen und bessere Zustände einzuführen.
Man sieht aus seinen Briefen, wie er fleißig von Ort zu Ort zieht, vorab darauf bedacht, sich die Herzen seiner schwarzen Unterthanen geneigt zu machen. Hier schenkt er den Leuten Korn, dort bringt er sie dazu, selbst Mais anzupflanzen.
»Sie verstehen es ganz gut und thaten es nur deshalb nicht, weil der Ertrag ihnen gewaltsam entrissen wurde; sie pflanzen nur so viel, daß sie nicht geradezu Hungers sterben, und dies nur in entfernt liegenden versteckten Plätzen.«
Die Schwarzen erkannten bald einen Helfer in ihm, und einer der ersten Beweise des ihm entgegengebrachten Vertrauens war das Verlangen eines Vaters, seine Kinder, die er nicht ernähren konnte, um eine Handvoll Durra (eine Art Hirse) zu übernehmen! Gordon nahm die Kinder an und kleidete sie. Der Vater aber kümmerte sich von Stund an nicht mehr um dieselben und erkundigte sich nicht einmal nach ihnen, als er wieder in die Nähe kam. Ein anderes Beispiel von elterlicher Gleichgültigkeit erzählt Gordon so:
»Ein Mann mit seiner Frau und zwei Kindern (unsere ersten Kolonisten!) haben sich nahe bei der Station niedergelassen. Ich verabreiche ihnen täglich etwas Durra, bis das von ihnen gesäete Korn zur Ernte reift. Ich hoffe, ihr Vertrauen zu gewinnen« ....
Nach einiger Zeit lautet der weitere Bericht:
»Es scheint, daß der Mann, ehe er hierherkam, eine Kuh gestohlen hatte und deshalb seinen Wohnsitz veränderte. Allein der Eigentümer der Milchspenderin machte ihn ausfindig und verlangte die längst geschlachtete und verzehrte Kuh zurück. Auf meiner Runde kam ich bei der Hütte vorüber und sah nur eins der Kinder. Das andere, erzählte mir die Mutter mit befriedigtem Lächeln, hätten sie dem Mann gegeben, dem sie die Kuh gestohlen hatten. Es wäre ihnen auch gar nicht leid, sagte sie, die Kuh wäre besser!«
Wenn die Mutter eine Spur von Verlangen nach ihrem Kind an den Tag gelegt hätte, so würde Gordon es ihr wieder verschafft haben; aber sie war nichts weniger als betrübt, der Verlust einer Handvoll Durra wäre schmerzlicher gewesen. Um dieselbe Zeit kaufte Gordon einen Jungen, dessen Bruder ihn um ein Körbchen voll Korn feilbot. Die schwarzen Jünglinge hatten es offenbar mit einander ausgemacht, denn der eine lächelte so vergnügt wie der andere. Gordon nennt derartige Vorkommnisse Experimente; er wollte vor allen Dingen Land und Leute kennen lernen.
Die Sklaverei hat die Stämme so heruntergebracht, daß, wie es Gordon scheinen will, die Eltern- und Kindesliebe bei ihnen wie ausgestorben ist. »Organisierte Auswanderung wäre das Beste für dieses Land.« Aber so elend das Leben jener Schwarzen ist, so hält Gordon doch mit Recht dafür, daß es anderwärts trotz der gepriesenen Zivilisation im Grunde oft nicht besser ist.
»Für junge Leute ist dieses Klima ein äußerst niederdrückendes; wer aber einmal über die Mittagshöhe hinaus ist und gelernt hat, das Leben lediglich als eine Prüfungszeit zu würdigen, der erträgt es und freut sich sogar der Einförmigkeit. Wir sind immer selbst daran schuld, wenn wir unglücklich sind. Wir verlieren die besten Jahre unseres Lebens, indem wir nach einem Glück jagen, das auf Erden nicht zu finden ist. Das Geheimnis des Glücklichseins liegt darin, daß wir lernen, mit dem zufrieden zu sein, was uns beschert ist ... Die Schwarzen sind mit einer Handvoll Mais zufrieden; Wohlleben ist ihnen ein unbekannter Zustand; sie haben kaum einen Fetzen, ihre Blöße zu decken, und sind trotzdem glücklicher zu nennen als Hunderte von unzufriedenen Menschen bei uns zu Lande mit ihrer erbärmlichen Vergnügungssucht, wo alles hohl ist ... Heutzutage wäre niemand weniger willkommen in der Welt als unser Heiland. Man würde ihn für altmodisch erklären ... Wahres Glück besteht darin, daß man den Willen Gottes annimmt, was dieser auch sei. Wer so weit kommt, hat die Welt und ihre Trübsal überwunden ... Der stille Friede im Leben unseres Herrn wurzelte lediglich in seiner völligen Ergebung in den Willen Gottes. Allerdings giebt es Zeiten, die uns Kampf bringen, aber je nach der Größe des Kampfes ist dann auch das Maß der verliehenen Kraft ... Ich habe kürzlich ein elendes klapperdürres Weib aufgenommen und sie seither gefüttert; gestern hat der Tod sie ganz still geholt, und jetzt weiß sie alle Dinge. Sie hatte ihren Tabak bis zuletzt und starb sehr leicht. Welch ein Wechsel aus ihrem Elend! Ich denke, sie genügte ihrem Lebensberuf so gut, wie eine Königin Elisabeth.«
Ein andermal erzählt er der Schwester:
»Es schwankt eine Gestalt die Straße herauf — so dünn, daß der Wind nicht viel Mühe hat sie umzuwerfen; es ist eine Deiner schwarzen Schwestern, ich sehe, sie bleibt stehen und läßt den Regen über sich ergehen. Ich schicke ihr etwas Durra, das wird ihrem abgezehrten Leichnam eine Freude sein. Sie hat nicht einmal einen baumwollenen Rock an, ja ihre ganze Kleidung ist keinen halben Heller wert.«
Am folgenden Tag heißt's weiter:
»Ich muß Dir doch schreiben, wie's der schwarzen Dame ferner erging, der ich gestern in Wind und Wetter zu helfen versuchte. Ich schickte meinen Diener hinaus, daß er sie in einer der Hütten unterbringe, und dachte nicht anders, als es wäre geschehen. Die Nacht war naß und kalt und ich hörte mehrmals ein Kind schreien, stand deshalb auf und ging hinaus; da lag Deine und meine Schwester tot in einer Pfütze. Ihre schwarzen Brüder waren hin- und hergegangen und hatten keine Notiz von ihr genommen. Ich ordnete an, daß sie begraben werde, und ging weiter; fand ein etwa einjähriges Kind im Gras, das wohl die ganze Nacht in der Nässe gelegen hatte, ohne Zweifel von seiner eigenen Mutter ausgesetzt — Kinder sind hier immer eine Last! Ich trug's zurück, und da die Leiche noch immer in der Pfütze lag, machte ich mich selber daran, sie mit Hilfe einiger meiner Leute zu beerdigen. Zu meiner Verwunderung fand ich das Geschöpf lebend, brachte ihre schwarzen Brüder aber nur mit großem Mühe dazu, mit Hand anzulegen, um sie aus der Pfütze aufzunehmen. Ich ließ sie in eine Hütte tragen, ein Feuer anzünden, gab ihr etwas Branntwein ein und wusch ihr den Sand aus ihren lebensmüden Augen. Nun liegt sie da, kaum sechzehn Jahre alt! Ich kann nicht anders als hoffen, ihr Schiffchen schwimmt dem Hafen der Ruhe entgegen. Das Kind ist um eine tägliche Portion Durra von einer Familie angenommen worden. Ich zweifle nicht, bin sogar gewiß, daß Du Deine schwarze Schwester einmal finden und dann von ihr hören wirst, daß die ewige Weisheit alles wohl gemacht hat. Ich weiß, daß das nicht leicht zu glauben ist, aber es ist doch wahr! Ich meinesteils ziehe ein Leben unter den Elenden einem Leben trägen Genusses vor. Und es giebt überall Elend. Mancher ist in seinem Reichtum ganz so beklagenswert, wie diese arme Sterbliche. Wie schlecht ist dieser Senf angemacht, sagte einer meiner Offiziere neulich, während unsere schwarzen Brüder um uns herumlaufen und man ihnen alle Rippen zählen kann!« ...
Vierundzwanzig Stunden später:
»Laß Dir's nicht zu nahe gehen. Deine schwarze Schwester ist heute nachmittag aus diesem Leben erlöst worden, nur von mir betrauert; ihre schwarzen Brüder sind froh, sie los zu sein.«
Neben solchen Erlebnissen finden wir aber den Gouverneur alles Ernstes damit beschäftigt, den Sklavenhändlern hinderlich zu sein; bald macht er jedoch die Entdeckung, daß den Schurken durch die Regierungsbeamten Vorschub geleistet wird. Ein seinem Dolmetscher in die Hände gefallener Brief von einer Bande Menschenjäger an den Mudir (Bezirksstatthalter) von Faschoda lautete folgendermaßen: »Wir sind auf dem Weg mit zweitausend Kühen und allem anderen nach Wunsch.« Die Kühe waren von verschiedenen Stämmen gestohlen, und das ›alles andere‹ bedeutete eine Anzahl Sklaven. Die ganze Sendung wurde abgefangen, und die Sklaven soweit es möglich war in ihre Heimat zurückgeschickt; einen Teil derselben behielt er. Die Sklavenhändler erhielten Gefängnisstrafe; nach einiger Zeit aber nahm er die brauchbaren unter ihnen in seine Dienste, so z. B. einen gewissen Nassar, der ein Haupttyrann in jener Gegend war. Diesem jagte er eine Karawane von mehreren hundert Sklaven ab, die derselbe mit einer Bande bewaffneter Schwarzer nach Faschoda zu bringen hoffte; ihn selbst setzte er vierzehn Tage hinter Schloß und Riegel und schrieb dann:
»Ich habe dem Hauptsklavenhändler Nassar verziehen und ihn in meinen Dienst genommen; er ist nicht schlimmer als die andern, und die Leute sind bisher nur in ihrem Thun bestärkt worden. Er ist ein tüchtiger Mensch und kann was leisten.«
Als er nach einiger Zeit seine Station an einen gesünderen Ort verlegte, berichtete er:
»Nicht ich hab's zu stande gebracht, sondern die gewesenen Sklavenhändler, die ich in meinen Dienst genommen.«
Wie mit den Taipings in China, so verfuhr er hier: zuerst überwältigte er den Feind und dann benutzte er ihn.
Im Mai hatte er den ganzen Weg nach Berber zurückmachen müssen, um seine dort liegengebliebene Ausrüstung flott zu machen. Und dann ging's wieder zurück nach dem Sobat. Es dauerte lange, bis seine Dampfer ihm nachkamen. Mittlerweile aber ist er nicht müßig, gewinnt mehr und mehr das Vertrauen der Schilluk und weiß sich in allen Lagen zu helfen, von der Verfertigung einer Rattenfalle an bis zum eigenhändigen Nähen einer Hose für einen seiner Schwarzen, an welchem wohlgelungenen Kunstwerk er seinen Spaß hat. Und wenn alle anderen in der trostlosen Wildnis mutlos werden, so bewahrt er die gute Stimmung. »Ich bin längst über den Graben des Mißmuts hinaus,« kann er sagen, denn sein Herz hat einen festen Ankerpunkt. Als er einst nach viertägiger Abwesenheit auf seine Station zurückkam, umdrängten ihn die Schwarzen, die er den Sklavenhändlern abgejagt hatte: sie wollten ihm alle die Hand geben. Das freute ihn. »Ich kann jetzt allein umhergehen und alle grüßen mich.« Kein Araber durfte das wagen, so fürchteten sie die von ihnen unterdrückten Neger. Daß die Scheiks um Gondokoro her sich ihm zuneigten, verdankte er übrigens teilweise dem Einfluß Abu Sauds. Er machte ihn zu seinem Vakil oder Unterstatthalter.
In Gondokoro geriet Gordon mit Rauf Bey in Konflikt; derselbe war Statthalter gewesen, aber, nur auf seinen Gewinn bedacht, hatte er nichts gethan, das Gordon ihm nachrühmen konnte. Zwischen ihm und Abu Saud entspannen sich alsbald Eifersüchteleien und Zwistigkeiten. Gordon fand es rätlich, ihn mit Briefen nach Kairo zu senden, d. h. sich seiner zu entledigen. Und mit Abu Saud mußte er bald ähnlich verfahren. Dieser hatte sich allerlei Betrügereien zu schulden kommen lassen, hatte Elfenbein unterschlagen, das für die Regierung bestimmt war. Außerdem gebärdete er sich den andern Offizieren gegenüber, als ob er Statthalter wäre. Gordon sah, daß er sich in seinem Vertrauen getäuscht hatte. Er gab ihm den Laufpaß, nicht zu früh, denn es stellte sich heraus, daß Abu Saud eine Meuterei unter den von ihm befehligten schwarzen Truppen anzuzetteln im Begriff war. Diese erklärten, sie würden ohne ihn nicht nach Dufile gehen, wohin sie das Dampfboot in Teilen tragen sollten, damit es dort wieder zusammengestellt werde. Gordon, der unlängst erklärt hatte, daß die Losung der Provinz »Hurryat«, d. i. Freiheit, sei, erwiderte, sie könnten bleiben wo sie wären, aber keine Macht der Welt würde ihn zwingen, Abu Saud mit ihnen zu schicken, denn das würde seine »Hurryat« beeinträchtigen. Da sie übrigens von der Regierung Sold nähmen, so versähe er sich ihres Gehorsams. Seine feste Haltung stellte die Ruhe her, und Abu Saud ging seiner Wege, ohne jedoch sofort die Provinz zu verlassen. Nach einigen Wochen kamen Gessi und einer der anderen Offiziere um seine Begnadigung ein, weil die Kenntnisse des Schurken eben doch dienlich waren. Gordon gab nach; »braucht doch jeder selbst Gnade,« schreibt er, »und kriegt sie auch, so er darum einkommt.« Die Zurückberufung des Menschen war aber ein Fehler; bald darauf mußte er doch nach Kairo geschickt werden.
Auch mit Krankheit hatte Gordon zu kämpfen. Er selbst, zwar zu einem Schatten abgemagert, war der einzige Gesunde unter all seinen Offizieren. Sein Zelt nannte er ein Lazaret, und Tag und Nacht wartete er der Siechen. Der eine der beiden Linant und zwei andere starben, mehrere mußten zurückgeschickt werden. »Ich bin wohl, aber sehr überreizt,« erklärte er, »was schlimm ist, wenn mir etwas quer kommt.« Damit meinte er die kleinen Widerwärtigkeiten, die immer wieder einen Teil seiner Last ausmachten. Er mußte sich um alles selbst kümmern.
»Die Hauptsache ist, immer gerecht und gradaus zu verfahren; keinen Menschen zu fürchten; alle Winkelzüge zu vermeiden, selbst wenn man für den Augenblick dabei verlieren sollte, und allen, die nicht parieren wollen, mit vollster Strenge zu begegnen. Es ist nicht immer leicht!«
Auf dem Wege nach Rigaf oberhalb Gondokoros wurde er von einem Scheik aufgefordert, bei ihm Quartier zu nehmen; er lehnte es ab und fand in der Nacht sein Zelt von diesem Häuptling und seiner Gruppe umstellt. Mit dem Gewehr in der Hand hieß er sie ihrer Wege gehen, und die beträchtliche Anzahl gehorchte dem »zum Schatten abgemagerten« Mann.
Ein großer Fortschritt bei den Eingebornen war, daß er ihnen den Gebrauch des Geldes beibrachte. Vorher hatte nur Tauschhandel existiert; und wenn ein Stamm zum Lasttragen bestellt war, so beanspruchte der Häuptling den Lohn, Glasperlen oder Kattun, stets für sich. Gordon entdeckte, daß die Leute schlecht dabei wegkamen, und nahm sich vor, die Vorrechte des Scheiks in etwas zu verringern. Bei nächster Gelegenheit gab er jedem Lastträger selbst einige Glasperlen; am folgenden Tage lohnte er sie mit Kupfergeld ab — jeder erhielt einen halben Piaster. Darnach bot er ihnen Glasperlen zum Verkauf an. Sie merkten den Witz auch alsbald und erklärten, sie wollten erst noch mehr Kupfer verdienen und sich dann eine größere Anzahl Perlen dafür geben lassen. Er richtete einen förmlichen Laden ein, wo allerlei zu haben war, was den Eingebornen begehrlich erschien; wie bei allen Neuerungen ging es auch hier keineswegs ohne Widerspruch ab.
Unter viel Krankheit der Stabsmannschaft ging das erste Jahr zu Ende. Gordon beschloß, das Hauptquartier auf die andere Seite des Flusses nach Lado zu verlegen, um der Sumpfluft bei Gondokoro zu entgehen. Um diese Zeit kam sein Ingenieur Kemp, der in Dufile, zweihundert Kilometer weiter oben am Nil, damit beschäftigt war, den Dampfer zusammenzufügen, mit dem der Albert Njansa erreicht werden sollte, mit der Nachricht zurück, daß von dem Unternehmen vorläufig abgestanden werden müsse. Die Stämme waren mit seiner moralisch ganz ungenügenden Mannschaft ins Treffen geraten. Doch brachte Long, der Amerikaner, bessere Kunde, der mittlerweile bei dem König Mtesa von Uganda gewesen war und sich einer guten Aufnahme bei der schwarzen Majestät erfreut hatte. Außerdem hatte er die Wasserverbindung zwischen Urondogani und Foweira entdeckt, wofür ihm Gordon großes Lob zollte.
Die eignen Erfolge Gordons faßt ein Sachverständiger mit folgenden Worten zusammen: »Gordon hat Wunder vollbracht in der kurzen Zeit. Bei seiner Ankunft fand er siebenhundert Mann Soldaten in Gondokoro vor, die sich nur truppweise und bewaffnet in die nächste Umgebung wagten; mit diesen hat er nicht weniger als acht Stationen besetzt. Sir Samuel Bakers Äquatorzug hat die ägyptische Regierung über 20 Millionen Mark gekostet, während Gordon bereits Geld genug nach Kairo geschickt hat, um alle Unkosten seines Unternehmens nicht nur für dieses Jahr, sondern auch für das kommende zu decken.« Es war dies lediglich ein Resultat seiner getreuen und umsichtigen Verwaltung der rechtmäßigen Einkünfte, hauptsächlich des Elfenbeinmonopols. Ein schönerer Erfolg aber war der, daß trotz seiner Strenge gegen die Araber, oder vielmehr gerade wegen dieser Strenge, die Schwarzen landauf landab angefangen hatten, in ihm ihren einzigen Helfer gegen die Unterdrücker zu erblicken. Er hatte ihr Vertrauen gewonnen, so unmöglich es anfangs schien.
Der Hauptplan für das Jahr 1875 war die Verbindung Gondokoros mit dem südlicheren Foweira, die durch eine Reihe von befestigten, je eine Tagereise von einander entfernten Stationen hergestellt werden sollte. Foweira konnte zur Zeit nur durch eine beschwerliche, sechs Monate in Anspruch nehmende Reise erreicht werden und eine Karawane mußte mindestens hundert Mann stark sein. Später waren zehn Mann ausreichend, um den Weg in Sicherheit zurückzulegen, und statt der Monate genügten Wochen. Außerdem hoffte Gordon, den Äquatorbezirk von einer neuen Richtung her zugänglich zu machen, hatte er doch selbst die Schwierigkeiten der Verbindung mit Ägypten über Khartum reichlich erfahren. Nach seinem Plan sollte die Mombasbay am indischen Ozean zur Kopfstation werden, von wo aus eine Karawanenstraße durch Mtesas Land an die großen Seen führen sollte. Dem Khedive war der Vorschlag nicht unwillkommen, denn es stand mit auf seinem Programm, die ägyptische Flagge auf dem Albert Njansa wehen zu lassen. Es wurde auch ein Anfang gemacht, nämlich ein Pascha entsandt, um den Plan zu verwirklichen; zur Ausführung kam er aber nicht.
Gordons nächste Briefe erzählen von einem König und einem Häuptling, die ihm zu schaffen machten. Von Foweira war Nachricht gekommen, daß Kaba Rega, der König von Unyoro, sich mit den Sklavenhändlern verbündet hatte und einen Überfall auf jene Stadt beabsichtigte. Er beschloß diesen Kaba Rega seines »Stuhls«[9] zu entsetzen, und einen gewissen Rionga zum König zu machen; es war dies aber schon der Entfernung wegen leichter geplant als ausgeführt und blieb einstweilen ein Vorhaben. Der unruhige Häuptling, Scheik Bidden, war näher bei der Hand; diesem hatte Gordon im Herbst einen Boten mit Geschenken zugeschickt. Den nächsten Boten werde er umbringen, hatte der schwarze Machthaber zurückmelden lassen. Bidden beherrschte einen Distrikt in der Nähe von Rigaf, und Gordon sah, daß er nicht weit würde vordringen können, ehe er sich Bidden botmäßig gemacht hätte, der überdies ganz kürzlich einen dem Statthalter freundlich gesinnten Häuptling überfallen hatte. Das einzige Mittel, ihn Respekt zu lehren, bestand darin, ihm sein Vieh abzujagen. Gordon beschreibt diese Razzia folgendermaßen:
»Ich ließ sechzig Mann auf der Ostseite des Flusses vordringen und hundert Mann auf der Westseite, während ich selbst mit einem Offizier und zehn Mann ein Boot bestieg in der Absicht, nach den Inseln zu rudern, wo die Umzäunungen für das Vieh sich befanden. Um zehn Uhr abends stießen wir ab, es war eine wunderschöne Mondnacht. Die Entfernung bis zu Biddens Inseln betrug etwa fünf Wegstunden; und dort fangen die Stromschnellen an. Nach einiger Zeit geriet das Boot in eine Untiefe und mußte zurückbleiben. Der Offizier mit acht Soldaten marschierte voraus, mich zurücklassend ... Wir waren nicht weit von einer der Inseln und man konnte Stimmen unterscheiden. Ich war allein mit nur zwei Mann und einem Dolmetscher! Wir gingen eine Strecke weiter und setzten uns dann nieder ...«
Sowohl die westliche als östliche Abteilung seiner Leute sollte hier mit ihm zusammenstoßen; die sudanische Mannschaft war aber nicht sehr zuverlässig. Es war vier Uhr, und in weniger als zwei Stunden mußte es tagen. Gordon sagt, militärisch sei die Lage eine ganz schlimme gewesen, aber sie war nicht zu ändern. Er legte sich daher ruhig hin und schlief eine Weile; als er aufwachte, stand das Morgenrot am Himmel und man hörte eine Trommel, das Signal zum Melken.
»Das Vieh ist nur nachts in der Umzäunung; diese hat einen einzigen Eingang, und die Krieger schlafen in der Mitte. Für den Angriff empfiehlt sich folgende Methode; man postiert ein paar Mann am Eingange, die bei Tagesanbruch, ehe die Herde hinausgetrieben wird, mit drei Schüssen ein Zeichen geben. Wartete man, bis das Vieh im Freien ist, so kriegte man nicht leicht ein Stück. Die Helden von Herdenwächtern suchen das Weite, sobald sie schießen hören, geben aber den Alarm mit der Kriegstrommel, wenn die Flucht keine zu eilige ist. Die Umzäunung zu verteidigen, fällt ihnen nicht ein; und es ist immer am besten, sie laufen zu lassen, denn die Kühe sind die Hauptsache. Während ich also die rote Glut im Osten aufsteigen sah, ertönten uns gegenüber drei Signalschüsse, und alsbald wirbelte die Trommel. Es war aber ein schwacher Wirbel, und die anderen Trommeln schwiegen dazu ... Nach einiger Zeit erschienen unsere Verbündeten, der Scheik und seine Leute. Biddens Krieger, meldeten diese, hielten stand inmitten ihrer Kühe und schossen ihre Pfeile ab. Bald aber liefen sie doch davon, und die Herde war gewonnen. Ich entschädigte den Scheik mit dem, was keineswegs unser Eigentum war« ...
Die andere Abteilung hatte ähnlichen Erfolg, und so wurde der widerspenstige Bidden ohne Blutvergießen oder Dorfverbrennen durch einen Verlust von zweitausendsechshundert Stück Vieh gezüchtigt.
Etwa vierzehn Tage später machte Gordon einen Ausritt und, auf einen Trupp Eingeborner stoßend, fragte er sie, ob sie Biddens Leute wären. Da wiesen sie auf einen alten Mann, der unter einem Baume saß, und sagten bedeutungsvoll: »Bidden!« Der gefürchtete Scheik war ein blinder Greis! Gordon ging sofort auf ihn zu und schenkte ihm seine Pfeife (übrigens ein Blas-, kein Rauchwerkzeug) und eine Portion Tabak. Das freute den Alten, und er versprach dem Gouverneur einen freundschaftlichen Gegenbesuch. Als er sich einfand, gab Gordon ihm eine Anzahl seiner Kühe zurück, welche Großmut den günstigsten Eindruck auf die Stämme machte. Bidden, der Greis, war indessen nur dem Namen nach Scheik; der wirkliche Machthaber war sein Sohn.
Seine Arbeit während der nächsten Monate faßt Gordon so zusammen:
»Um es kurz zu sagen, ist's wenig genug — an einem Fluß hin befestigte Stationen errichten und Bote durchzwingen, wo die Schifffahrt fast unmöglich ist — das ist so ziemlich alles, und die Mühe ist größer als der Erfolg.«
Aber ob es auch wenig scheint, so weiß Gordon doch, daß durch anscheinend geringe Dinge oft Großes erreicht wird. Zwar weiß er nicht, daß er in der Vorbereitung auf Größeres steht, aber im Glauben, daß Gott ihn an jenen Posten gestellt hat, dringt er vorwärts, und als sein Motto für diese Zeit kann das Wort des Predigers gelten: »Alles, was dir zu thun vorkommt, das thue frisch!« Der Held von China, der Mann von Gravesend, thut überall sein Bestes, mag die übernommene Arbeit äußerlich eine glanzvolle sein oder nicht.
Die Nilbarken, »Nuggers« genannt, durch die Stromschnellen und zwischen Felsen flußaufwärts zu bringen, scheint eine Riesenarbeit gewesen zu sein; er spricht von sechzig bis achtzig kohlschwarzen, atlashäutigen Eingebornen, die jedem Boot vorgespannt sind. Die Stämme sahen es erstaunt mit an und ließen ihre Zauberer das Wasser schlagen, teils freundlich, teils feindlich gesinnt. Und wenn die Lage oft eine verzweifelte zu sein schien, so war sie doch so, daß Gordon in seiner eigentümlichen Weise schreiben konnte:
»Ich wußte mir selbst oft nur damit zu helfen, daß ich mir die Nuggers herbetete, wie einst die Truppen in China, wenn sie nicht mir nach in die Bresche wollten.«
Thatkraft und Glaube waren bei ihm eng verschwistert! Er hat in jenen Tagen und Wochen lange Briefe geschrieben, die eine Kette von Schwierigkeiten berichten, aber er bewältigte sie, und nacheinander wurden die Stationen Kirri, Muggi, Labore und Dufile erreicht. Ob der Khedive mit ihm zufrieden ist oder nicht, darnach fragt er nicht.
»Ich danke Gott, daß ich's längst aufgegeben habe, mich um die Gunst oder Ungunst von Menschen zu kümmern. Ich kann ehrlich sagen, ich weiß keinen, der die Verbannung und Quälerei meines gegenwärtigen Lebens ertrüge ... Ich thue mein Bestes, soweit mein Verstand mir's zeigt, und suche gegen alle gerecht zu sein ... Was würde ich hier zurücklassen, wenn es Gottes Wille wäre, daß man mich zurückriefe — ein Zelt, Hitze bei Tag und feuchte Kälte bei Nacht, die geringste Nahrung, die sich denken läßt: trockenen Zwieback, gedörrtes Fleisch, etwas Maccaroni, das ist alles. Mit Tagesanbruch an die Arbeit und früh zu Bett (ich lege mich schon um sieben oder acht Uhr der Moskitos wegen, und wollte: sich legen hieße schlafen!) Nichts zu lesen, ein Buch ausgenommen, und dieses nicht so oft als man wünschte, weil die Ruhe fehlt, die zu andächtiger Betrachtung der göttlichen Geheimnisse nötig ist; den lieben langen Tag nichts als Plackerei, an alles selbst denken, alles selbst thun, wenn's geschehen soll, das ist zur Zeit mein Leben ... Die arme Exzellenz ist der Hauptsklave.«
Und während der ganzen Zeit lassen seine von Khartum ihm folgenden Dampfer auf sich warten. Zuletzt kann er aber doch schreiben:
»Wie froh bin ich, daß die Verbindung hergestellt ist! Gestern kam ein Mann allein von Bidden her; vor einiger Zeit wagten die Leute nur zu zwanzig und dreißig den Weg. Die Schwarzen würden sich im hohen Gras versteckt haben und hätten den Hintermann angespießt. Jetzt sind sie ganz freundlich. Ein Bari in meinem Dienst hat dieser Tage ein Schaf gestohlen, und alsbald kamen die Beschädigten zu mir, um Recht und Gerechtigkeit zu erlangen, und sie kamen nicht umsonst. Ist das nicht schön? Auch unter meinen Leuten hat eine Veränderung stattgefunden; sie fürchten die Schwarzen nicht mehr wie früher, es herrscht ein besseres Einverständnis ... Die Stämme haben viel Verkehr miteinander, und auch solche, die uns nicht kennen, wissen es jetzt, daß sie uns nicht zu fürchten brauchen.«
Allerdings hatte er die Eingebornen auch von der feindlichen Seite kennen zu lernen, so z. B. schreibt er zwischen Muggi und Labore:
»Es herrscht große Aufregung auf der anderen Seite des Flusses; ein Scheik in einem roten Hemd mit zwanzig Bewaffneten läuft hin und her und Zauberfeuer sind zu sehen. Sonderbar, daß all dies Entsetzen dadurch hervorgerufen scheint, daß ich in einem Nachen überfuhr. So viel Vorstellung mußte der Anblick der Nuggers ihnen doch geben, daß wir überfahren können, wenn wir wollen ... Mein Fernglas zeigte mir eine Anzahl Eingeborne, die unter einem Baume saßen. Nach einiger Zeit stand einer auf und wandte sich gegen Norden, pflückte einige Kräuter und schwenkte sie fortwährend gegen unser Lager; darnach lief er südwärts und machte eine ähnliche Bewegung, als ob er Hilfe herbeiwinke. Ohne Zweifel war er ein Prophet, der Israel verfluchen sollte. Sie waren etwa dritthalbtausend Fuß von uns entfernt. Um ihnen ein bißchen Schrecken einzujagen, schoß ich eine Kugel so ab, daß sie etwa fünfzig Schritte zu ihrer Rechten in den Boden schlug. Da hörte das Zaubern sofort auf, und sie wunderten sich offenbar, dabei ertappt zu sein.«
Linant, der Bruder des in Gondokoro dem Fieber Erlegenen, kam um diese Zeit von einem Streifzug nach Makade zurück. Vorher war er bei Mtesa gewesen und hatte Stanley, den bekannten Afrikareisenden, dort getroffen. Gordon sollte nun abermals erfahren, was seine Araber wert waren. Er hatte an vierzig Mann über den Fluß geschickt, weil Nachricht eingetroffen war, daß einer der längst erwarteten Dampfer in einiger Entfernung fest säße. Kaum waren aber die Leute gelandet, als sie von einem Trupp Eingeborner, die sich im hohen Grase verborgen gehalten hatten, überfallen und zurückgeworfen wurden. Gordon fuhr alsbald selbst über und versuchte, durch seinen Dolmetscher eine Unterhandlung anzuknüpfen. Die Schwarzen wollten aber nichts davon wissen. Als den »Häuptling« glaubten sie ihn an seinem Schirm zu erkennen und suchten ihn zu umringen. Er ließ sie ruhig näher kommen und schickte dann eine Ladung Kugeln unter sie. Zu treffen waren sie übrigens nicht leicht, denn sobald sie den Feind schußfertig sahen, lagen sie auch schon auf dem Leib. Am folgenden Morgen schlug Linant vor, mit einem Teil der Mannschaft überzusetzen und den Eingebornen ein paar Häuser in Brand zu stecken. Gordon gab es zu, denn es war zu fürchten, die kampflustigen Gesellen möchten den Dampfer überfallen. Er selbst blieb zurück. Gegen Mittag hörte er schießen und erblickte Linant, den er an seinem roten Hemd erkannte. Er konnte auch seine Mannschaft beobachten, es waren gegen vierzig Mann. Mit einemmale aber waren sie verschwunden, und sein Fernrohr zeigte ihm ungefähr dreißig Schwarze, die eiligst flußabwärts liefen. Er vermutete, sie suchten den Dampfer, und schickte einige Kugeln unter sie. Nach einiger Zeit erblickt er einen einzelnen Mann von seinen Leuten, der ohne Waffen daherkam; er sandte alsbald einen Nachen über den Fluß und ließ ihn holen. Die Eingebornen hätten ihn entwaffnet, erklärte er, und die andern wären alle tot. Gordon hatte nur noch dreißig Mann bei sich, und diese waren hilflos vor Angst. Trotzdem beschloß er zu handeln. Die Station war unbefestigt und es galt Weiber und Kinder in Sicherheit zu bringen; er mußte sich nach der nächsten Station durchschlagen. Dies ließen die Eingebornen ruhig geschehen, nur daß ihr Zauberer von einem Felsen herunterschrie: »Ha ha! ta ta a!« soviel als »Geschieht euch recht!« Gordon belehrte aber den Hexenmeister mit einer Kugel, daß es unklug sei, den Feind in Schußweite zu verwünschen. Leider stellte es sich heraus, daß nicht nur fast die ganze Mannschaft, sondern Linant selbst dem Überfall erlegen war; und zwar war dieser offenbar ein Opfer seines roten Hemdes geworden, das den Schwarzen als begehrenswerte Beute erschien. Er fiel zuerst, von seiner Mannschaft verlassen, die vor Schrecken zu schießen vergaß; und als einer dahin und ein anderer dorthin lief, wurden die meisten durchspeert. Gordon betrauerte Linant um so mehr, als er ihm das unselige Hemd selbst geschenkt hatte. Aber trotz des empfindlichen Verlustes kann er die Eingebornen nicht verdammen; er kann es vielmehr begreifen, wenn sie sagen: »Wir brauchen eure Glasperlen und euren Kattun nicht — laßt uns in Frieden.« Und er denkt daran, wie ernsthaft sie zauberten, ehe sie den Überfall wagten; er sagt sogar, er hätte eine Ahnung gehabt, daß der Sieg diesmal nicht auf seiner Seite sein würde.
»Es war ihnen offenbar ernst mit ihrem Beten,« schreibt er, »sie wußten, daß sie Hilfe nötig hatten, und wendeten sich an den unbekannten Gott. Denn wenn der Schwarze auch den wahren Gott nicht kennt, so kennt Gott doch ihn; und Gott ließ sie merken, daß sie beten müssen, und erhörte ihr Gebet. Rosse werden zum Streittag bereitet, aber der Sieg kommt vom Herrn.«
Trotzdem er aber so denkt, weiß er, daß die Schwarzen gezüchtigt werden müssen, was dadurch geschieht, daß er ihnen zweihundert Kühe und fünfzehnhundert Schafe entführt. Da auch des Häuptlings Tochter eingefangen wurde, ließ er dem Vater sagen, wenn er versprechen wolle, sich künftig ruhig zu verhalten, könne er sie wieder haben. Die Köpfe Linants und seiner Gefährten hatten die Schwarzen an Pfählen aufgesteckt, die Leiber aber aus Furcht vor Gespenstern begraben. Es blieb bei diesem einen Überfall, aber noch eine gute Strecke begleiteten sie Gordon in gehöriger Entfernung am Ufer hin; und mehr wie einmal konnte er »Balak und Bileam« auf den Anhöhen beobachten, wie sie ihm von Herzen alles Böse wünschten.
Im September endlich wurde Dufile erreicht, wo der Nil in einem engen Thal zwischen Hügelreihen fließt; der Fluß, dessen Wassermassen an mehreren Stellen einem See gleichen, ist dort nur etwa hundert Fuß breit. Alles umsonst! war Gordons erster Eindruck, als er nach unsäglichen Mühen so weit gekommen war. Es hieß: bis hierher und nicht weiter, die Folafälle waren die Grenze. Doch konnte er sich damit trösten, daß er die Schifffahrt wenigstens bis dahin als möglich nachgewiesen hatte, und die errichteten Stationen von bleibendem Wert waren. Nachdem er sich vierzehn Tage in Dufile aufgehalten hatte, das er als eine Insel in einem Meer von Riedgras beschreibt, zog er landeinwärts nach Faschelie, wo er eine Bande Sklavenjäger aushob. An diesem Ort erreichte ihn ein »kühler« Brief des Khedive. Gordon, den es ohnehin verlangte, eine Statthalterschaft niederzulegen, die ihn lediglich zum Entdeckungsreisenden machte, gab alsbald Befehl zu packen und schickte sich an, eine Depesche abzufertigen, die seine Rückkehr melden sollte. Als nach wenig Tagen aber ein Brief in anderer Tonart von Kairo den ersten zu vernichten schien, hatte er nicht das Herz, sein Amt Knall und Fall niederzulegen. Dahin aber hatte er sich entschlossen, daß er es einem seiner Untergebenen überlassen wollte, zum erstenmal den Albert Njansa zu befahren. Dieses Zurücktreten von der Ehre, die sein Werk krönte, ist so bezeichnend für den Mann, daß man ihn selbst darüber hören muß:
»Ich wünsche einen Beweis zu liefern, wie wenig von den Lobhudeleien zu halten ist, die man dem Führer einer Expedition zollt. Hat nicht mein Schiffszimmermann das Seine gethan, daß wir die Nuggers so weit gebracht haben? Es ist keine Kunst den Njansa zu befahren, wenn die Boote zur Stelle sind. Es ist die Arbeit vieler und einer hat die Ehre. N. N. schrieb mir neulich und gratulierte mir zu meinen Lorbeeren. Da muß ich ja zeigen, daß es nichts damit ist!«
Am letzten Tag des Jahres kann er schreiben:
»Endlich ist der Dampfer in Sicht, d. h. die Lastträger, welche die einzelnen Teile daherschleppen. Die Arbeit war eine entsetzliche, und das ganze Jahr ist eine Last gewesen, die manch sauren Schweißtropfen gekostet hat.«
Und Gordon erklärt seiner Schwester, die schönste Entdeckungsreise, die er sich noch denken könne, wäre der Rückweg in die Heimat.
Ein Ergebnis seines Fleißes in jener Zeit sind seine Nilkarten.
»Wir haben den Fluß (im halben Zollmaßstab per Meile) von Khartum bis Dufile und wieder von Foweira bis Mruli, und ich hoffe, entweder ich oder einer meiner Offiziere wird die Strecke von Dufile bis zu den Murchisonfällen auch noch aufs Papier bringen.«
Somit blieben drei Lücken: 1) von Kositza nach Mruli, 2) von Foweira nach den Murchisonfällen und 3) der Albertsee. Trotz seinem Vorhaben, nicht selbst den See zu befahren, füllte er diese Lücken noch aus. Die Folafälle bei Dufile, wo der Fluß etwa eine Stunde lang durch tiefe Schluchten sich stürzt, sind die einzige Strecke des ganzen Nils, die er nicht zu durchschiffen vermochte.

Ende Januar 1876 erreichte er Fatiko und Foweira im Lande Unyoro; dort hörte er, daß Kaba Rega mitsamt seinem Sessel sich nach Massindi davongemacht hatte. Foweira wurde nach einem
fünftägigen Marsche durch dornenbewachsenes Land erreicht. Von dort ging er nach Mruli, um dann nach Urondogani vorzudringen. Die kurze Strecke von diesem Ort bis zum Viktoriasee ist das »einzige Stückchen« Nil, das Gordon schließlich nicht selbst bereiste.
Im Februar traf er mit seinem Unterbefehlshaber Gessi in Dufile zusammen. Letzterer machte sich von dort mit zwei Booten nach den Seen auf den Weg. Er umschiffte den Albert Njansa in neun Tagen und fand ihn etwa zweihundert Kilometer lang und achtzig breit. Durch einen Sturm wurde er an eine Insel verschlagen, die voll von Kaba Regas Truppen war; diese weigerten sich aber mit seinen Leuten anzubinden, weil sie den weißen Mann für einen Teufel hielten. Gessi errichtete des Khedive Flagge am See, und die Stämme ergaben sich nacheinander. Die Schwarzen in jener Gegend waren gekleidet, während in den vorher durchreisten Nilstrecken die Menschen nackt gingen.
Die nächsten Monate bis zum August waren für Gordon eine Zeit verhältnismäßiger Ruhe; er reiste zwischen den gewonnenen Stationen hin und her, und seine Briefe bezeugen es, daß seine Gedanken in stillen Tagen sich am liebsten den ewigen Dingen zuwenden.
Im September war er wieder auf dem Marsche nach Massindi. Kaba Rega hatte die meisten seiner Anhänger verloren, während Rionga und ein anderer Häuptling sich um die Herrschaft stritten. Längere Zeit vorher hatte Gordon Mannschaft nach Massindi abgefertigt und aus erhaltener Botschaft konnte er nur schließen, daß dieser Ort von den betreffenden Truppen besetzt sei. Als er aber in die Nähe kam, fand er, daß seine Araber ihn betrogen hatten und nie dort waren, obschon der Anführer seine Meldungen von dorther datierte. Er selbst kam mit einer kleinen Anzahl und geriet durch diesen Verrat der nichtswürdigen Mannschaft förmlich in eine Falle.
Die Stämme lauerten ihm von allen Seiten her auf.
»Ich danke Gott nicht nur mit Worten, sondern aus tiefster Seele,« schrieb er, »daß er uns glücklich durchbrachte.«
Er hatte nicht hundert Leute bei sich, und von diesen war ein Drittel kaum sechzehnjährig. Die Mannschaft, die er nach seinem Befehl in Massindi wähnte, lag die ganze Zeit auf der faulen Haut in Keroto, eine Tagereise davon entfernt. Als er hinkam, brach er in einen »wütenden« Zorn aus, dann aber beruhigte er sich.
»Als einer, dem selbst Erbarmung widerfahren ist, konnte ich nur Gnade vor Recht ergehen lassen,« sagte er. »Sie sind ein erbärmliches Volk, was kann man von ihnen erwarten!«
Während der nächsten Wochen errichtete er noch verschiedene Stationen, von welchen aus der ägyptische Einfluß sich geltend machen sollte. Es blieb den Besatzungen überlassen, den Kaba Rega in Ordnung zu halten.
Die drei Jahre seiner persönlichen Statthalterschaft am Äquator waren eine Zeit der Pionierarbeit und der Vorbereitung für weitere drei Jahre, die nun folgten. Er sollte erst zu dem Kampf gestählt werden, der ihm bevorstand. Nur durch innerliches Wachstum geht ein Mann wie Gordon »von Kraft zu Kraft«.
Am 29. Oktober schrieb er von Khartum aus: »Es giebt englische Spatzen hier; was für eine Freude, sie zu sehen!« Anfangs Dezember war er in Kairo, und am heiligen Abend des Jahres 1876 begrüßten ihn die Seinen in der Heimat.