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Gordon, der Held von Khartum

Sechstes Buch. Zwischenzeit.

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Gordon sollte in England der Ruhe pflegen. Das war leichter gesagt, als gethan. Energischen Naturen ist oft nichts eine größere Last als das Nichtsthun. Gordons Erholungszeit war eine kurze. England empfing seinen Helden mit Genugthuung, die Presse sprach von ihm als dem »ungekrönten König«. Man wußte von seinem heroischen Kampf gegen den Sklavenhandel, man bewunderte den unscheinbaren bescheidenen Mann, der waffenlos das Werk einer Armee vollbracht, den Held von Gottes Gnaden; man ärgerte sich über den Khedive, der seinen besten Diener so wenig zu schätzen wußte, und man sagte sich, daß wenn ausländische Einflüsse sich nicht geltend machten, der Sklavenhandel alsbald aufs neue erblühen werde, da Gordon Afrika den Rücken gewandt habe. Daß nicht viele Jahre vergingen, ehe das Land in schlimmerer Lage war als vorher, ist eine bekannte Thatsache.

Im Grunde aber kannte England seinen Helden doch nicht; erst seit es ihn verloren, hat das Land ihn wirklich schätzen lernen. Daß man seiner in englischen Diensten nicht zu bedürfen schien, ist erklärlich, wenn man bedenkt, was für ein Mann er war. Seine Stärke lag in dem Glauben, der Berge versetzt; höheren Orts mochte er als eine Art Fanatiker gelten, der nicht überall zu brauchen war: Paule, du rasest! Auch bei seiner diesmaligen Anwesenheit in England ging Gordon geflissentlich allen Ehren aus dem Wege; mit wahrer Kriegslist soll er die Leute umgangen haben, die ihn gern eingeladen und zum großen Mann gemacht hätten. Er verbrachte mehrere Wochen mit den Seinen und zog sich dann (im Winter 1880) nach Lausanne zurück. Einen Sohn seines kurz vorher verstorbenen Bruders nahm er mit sich.

Ein englischer Geistlicher, der ihn daselbst kennen lernte, beschreibt ihn folgendermaßen: »Der Fremde war von nur mittlerer Größe und wohl gebaut; sein Gesicht von tiefen Linien durchfurcht; seine schöne breite Stirn und ein sehr entschlossener Mund schienen auf ungewöhnlichen Ernst des Denkens, sowie auf praktischen Verstand zu deuten. Er schien beides, sanft und stark; eine gewisse Weichheit lag in seiner wohllautenden kraftvollen Stimme und sprach aus seinen ausdrucksvollen blauen Augen. Nach einiger Zeit redete er mich an, und da ich leidend war, so erbot er sich mir zur Begleitung auf kurzen Spaziergängen. Unsere Unterhaltung wandte sich bald auf Dinge des Glaubens, und die Unmittelbarkeit, die Einfachheit und der tiefe Ernst, mit dem er sich darüber aussprach, machte einen großen Eindruck auf mich.« Mehrere Tage vergingen und sein neuer Freund erfuhr zwar seinen Namen, hatte aber keine Ahnung, daß er es mit dem Gordon Chinas und des Sudans zu thun habe. Weder sein Gespräch, noch sein Aussehen verriet es. Als der Geistliche eines Tages in sein Zimmer trat, fand er ihn über arabischen Dokumenten. »Das sind Todesurteile,« sagte Gordon aufsehend. »Todesurteile! ei, wer sind Sie denn?« rief der Geistliche fast entsetzt. »Wissen Sie das nicht?« entgegnete er ruhig; »ich war Generalgouverneur vom Sudan, und bin es noch dem Namen nach; indem ich nun diese Schriftstücke unterzeichne, ist's damit zu Ende.« Gordon stand damals in seinem achtundvierzigsten Jahr.

Nach London zurückgekehrt bot sich ihm neue Arbeit an. Die Leute trauten ihren Ohren nicht, als sie hörten, der gewesene Generalgouverneur vom Sudan hätte die Stelle eines Privatsekretärs unter dem neuernannten Generalgouverneur von Indien, Lord Ripon, angenommen. Daß er damit sozusagen vom Herrn zum Diener wurde, das war, sofern es Gordon betraf, nicht das Erstaunliche, denn er schätzte eine Stellung überhaupt nur, insoweit sie ihm einen Wirkungskreis bot, Gutes zu schaffen; aber es war ein verfehlter Schritt, und bald genug sollte er das selbst einsehen.

»In einer schwachen Stunde,« schrieb er, »hatte ich die Stelle angenommen. Aber kaum war ich in Bombay gelandet, so sah ich auch, daß ich auf einem solchen unverantwortlichen Posten nicht hoffen konnte, einen guten Zweck zu erreichen. Überdies war es mir alsbald klar, daß meine Ansichten mit denen der übrigen Beamten durchaus nicht harmonierten, und so legte ich die Stelle nieder ... Es war besser, die Sache rasch vom Zaun zu brechen, noch ehe ich von Staatsgeheimnissen Kenntnis erhielt, die mich unter diesen Umständen nichts angingen. Ich hätte ja freilich ein paar Monate bleiben können und dann einen bösen Finger oder sonst was kriegen, was meinen Abschied motiviert hätte. Aber die übernommene Arbeit war mir eine so verhaßte, daß es besser war, sie sofort niederzulegen, um so mehr, als das Urteil der Welt mir ganz gleichgültig ist ... Es gehört mit zu den Geheimnissen der Vorsehung, daß wir Menschen manchmal (in gutem Glauben) Schritte thun und sie alsbald bereuen; so ging es mir, indem ich diese Stelle annahm.«

Die wahre Erklärung ist die, daß ihm klar wurde, er werde sich nie mit einer Verwaltung einigen können, die dem reichen Indien große Schätze entzieht, ja fürstliche Gehälter für englische Beamten, während über Millionen Hindu ein übers anderemal Hungersnot hereinbricht. Mit derlei Regierungsresultaten konnte er »durchaus nicht harmonieren«. Er hat übrigens mit dem ihm eigenen Humor folgendes als Grund seines Rücktritts angegeben: »Wie kann ich einen Posten bekleiden, auf dem fortwährend Toilette zu machen ist — Frack zu Festessen, Frack zu Soireen, Frack zu Bällen, Frack und Orden, Orden und Frack — kein Wunder, daß ich davonlief!«

Er beschäftigte sich als nächstes mit dem Gedanken, sich nach Sansibar einzuschiffen, um den dortigen Sultan zu einem Unternehmen gegen die Sklavenhändler zu bewegen, als ihm eine Aufforderung von seinen alten Freunden in China zuging, sie zu besuchen. Das Telegramm lautete: »Bitte, kommen Sie und urteilen Sie selbst. Es ist eine Gelegenheit Gutes zu thun, die benutzt werden sollte. Arbeit, Stellung, Bedingungen lassen sich gewiß zu Ihrer Befriedigung ordnen, wenn Sie hier sind. Nehmen Sie sechs Monate Urlaub und kommen Sie!« Die Antwort des »ungekrönten Königs« war seiner würdig:

»Gordon kommt mit erster Gelegenheit nach Shanghai — Bedingungen ihm gleichgültig.«

Seine Regierung zögerte mit dem Urlaub, da man nicht recht wußte, was zu Grunde lag. Hierauf erklärte er dem Kriegsministerium seinen Wunsch, aus englischen Diensten entlassen zu werden, und schiffte sich nach Hongkong ein. Er wußte selbst nicht, was er in China etwa für Arbeit finden würde — es war eine Zeit drohender Feindseligkeiten zwischen den Chinesen und Russen — das aber wußte er und hatte es auch seiner Eingabe beigefügt, daß er Friede und nicht Krieg zu befürworten gedachte. Endlich gewährte man ihm den gewünschten Urlaub und gab ihm sein Entlassungsgesuch zurück. In Petersburg war die Aufregung nicht gering, als es bekannt wurde, daß der »Chinesen-Gordon« nach China unterwegs sei. Der Mann war ja eine bedenkliche Verstärkung des Feindes.

In China traf Gordon mit seinem alten Kampfgenossen, dem Staatsmann Li, zusammen und ließ sich die Sachlage von ihm erklären. Da schien es ihm abermals das allein Richtige, seine Stellung als englischer Offizier niederzulegen, um zu Rat und That freie Hand zu haben. Er telegraphierte nach London:

»Nach Unterredung mit Li-Hung-Tschang wünscht derselbe mein Hierbleiben. Ich kann China in dieser Krisis nicht im Stich lassen und wünsche Freiheit, nach Gutdünken zu handeln. Ich bitte daher mein Abschiedsgesuch zu gewähren.«

Sein Aufenthalt in China war zwar ein kurzer, aber lang genug, um nicht nur jenem Land, sondern einem ganzen Weltteil einen unschätzbaren Dienst zu leisten; denn ihm ist es zu verdanken, daß ein Völkerkrieg zwischen Rußland und China nicht zum Ausbruch kam. Er war ein Militärgenie, wie es wenige giebt; er hatte es aber längst gelernt, kriegerische Ehren für nichts zu achten, und freute sich, einen Einfluß zu besitzen, der einem großen Land den Frieden erhielt. Er hinterließ außerdem den Chinesen allerlei guten Rat; man hatte dort nicht vergessen, was man diesem Manne verdankte, und hörte ihn gern. An Li hatte er jetzt seine Freude. Dieser hatte seit der Taipingszeit Gordons gute Meinung gerechtfertigt und sich als einen der tüchtigsten Berater der Regierung im blumigen Land erwiesen. Und was China seither an Fortschritt erreicht hat, ist sein Werk. Als er den Mann wieder sah, von dem er so viel gelernt hatte, fiel er ihm um den Hals und küßte ihn. Der stets siegreiche General ist seither aus dem Kampf dieser Welt in den »großen Frieden« hinübergegangen, in China aber ist sein Einfluß, wie Li in jenem Brief sagte, mit seiner Person nicht verschwunden.

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