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Gordon, der Held von Khartum

Fünftes Buch. Der General-Gouverneur des Sudan.

Reading edition

1. Als Ritter ohne Furcht.

»Man wirft mir vor, den Engländern nicht zu trauen,« sagte der alte Khedive Ismail, als es sich um seine Absetzung handelte, »habe ich nicht noch immer dem Gordon Pascha vertraut? Der ist ein ehrlicher Mann, ein guter Landverwalter und kein Diplomat!« Ismail war darum auch keineswegs damit einverstanden, einen so tüchtigen Mann zu verlieren. Gordon aber hatte erklärt, daß er nur dann zurückkehren werde, wenn ihm die gesamte Statthalterschaft der Sudanländer übertragen würde. Seine drei Jahre am Äquator waren ja keineswegs verlorene Zeit gewesen, er hatte die Sklavenjagd in seinem Bezirk geschwächt, wenn nicht unterdrückt, aber von der Hauptstadt Khartum aus hatte der General-Gouverneur Ismail Jakub Pascha seinen Bestrebungen stets entgegengearbeitet. Er mußte in Zukunft ganz freie Hand haben. Daß man ihm so weit entgegenkommen werde, erwartete er keineswegs, als er sich zu einer Besprechung nach Kairo begab; der Khedive aber war zu allem bereit. Jakub wurde beseitigt, und Gordon verließ die Residenz als Oberstatthalter einer von Südägypten bis zum Äquator, und vom Roten Meer bis Darfur sich erstreckenden Provinz. Er sollte drei Vakile oder Unterstatthalter haben, einen im eigentlichen Sudan, einen in Darfur, und einen am Roten Meere. Als die beiden Hauptzwecke seiner Verwaltung war »die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und eine völlige Unterdrückung des Sklavenhandels« in Aussicht genommen. Außerdem hieß es im neuen königlichen Bestallungsschreiben: »An der abessinischen Grenze giebt es Streitigkeiten; ich trage Ihnen auf, dieselben zu schlichten«.

Am 18. Februar 1877 machte sich Gordon zum zweitenmal nach dem Sudan auf den Weg, nicht auf sich selbst vertrauend, wohl aber stark in der Kraft seines Herrn.

»Ich ziehe allein hinauf mit dem allmächtigen Gott, der mich führen und leiten wird; wie gut ist's, sich so völlig auf Ihn zu verlassen und nichts zu fürchten, ja und des Gelingens gewiß zu sein!«

Nach des Khedive Erklärung gab es Grenzstreitigkeiten mit Abessinien. Die Lage war kurz die: nach König Theodors Tod hatte ein gewisser Kasa, unter dem Namen Johannes, sich zum Herrscher aufgeworfen, allein Johannes war, wie Gordon treffend bemerkte, nur da König, wo er sich gerade befand, anderwärts galt er nichts. Im Trüben fischend hatten die Ägypter darauf Bogos annektiert, während der rechtmäßige Regent, Walad el Michael, von Johannes gefangen gehalten, aber aus Furcht vor dem allzunah heranrückenden Nachbar unter der Bedingung freigelassen wurde, daß auch er sich gegen den gemeinsamen Feind zur Wehre setzen werde. Die Abessinier hatten zuerst die Oberhand. Walad aber ersah seine Gelegenheit, den Ägyptern sich anzuschließen und andere abessinische Häuptlinge aufzuwiegeln. Als nun Johannes sich von Anarchie umgeben sah, schickte er einen Gesandten nach Kairo und bot das südlich von Bogos gelegene Hamasen als Friedensopfer an. In Kairo aber nahm man gar keine Notiz von diesem Botschafter, ja man gestattete dem Pöbel, ihn auf offener Straße zu beleidigen, dann schickte man ihn zurück! Natürlich war Johannes voll Ingrimm, und im Bewußtsein, nicht zum besten gehandelt zu haben, sandte der Khedive nun Gordon als Bevollmächtigten, die Mißhelligkeiten beizulegen.

In der Wüste zwischen Massaua am Roten Meer und Keren (Senheit) spricht sich Gordon über seine Lage so aus:

»Nun ich wieder in dieser weiten Einsamkeit auf meinem Kamel bin, überdenke ich meine Lage. Dem Johannes habe ich annehmbare Bedingungen geschickt und hoffe, mit seinem einflußreichen General Alula in Senheit zusammenzutreffen. Gelingt es mir, die Sache abzuwickeln, dann gehe ich alsbald nach Khartum und von dort nach kurzem Aufenthalt nach Darfur, das in Aufruhr sein soll, doch glaube ich das nicht recht ... Die Wohlgeneigtheit des Khedive ist über alle Begriffe. Er hat Zeila, Berbera und Harrar meiner Provinz beigefügt. »Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs.« Was aber ist die Kehrseite? Das Opfer eines Lebens, das man erst selbst durchkämpfen muß. Sein Leben zu sofortigem Tod hingeben, ist nicht das schwerste! Aber ich habe den Kampf übernommen und will mein Leben nicht in Anschlag bringen. Und es ist mir dabei, als ob ich mit dem Khedive nichts mehr zu thun hätte. Gott der Herr muß den Kampf selbst unternehmen, ich bin zur Zeit sein Werkzeug. Die Ehre, die der Khedive mir erzeigt, hat mich gar nicht, oder richtiger nur sehr wenig bewegt; ich bin doch wohl ein bißchen stolz auf das Vertrauen, das er mir schenkt. Mancher möchte die große Verantwortung scheuen, aus Furcht, ihr nicht gewachsen zu sein; ich habe nicht daran gedacht. Ich weiß gewiß, daß mir's gelingen wird, denn ich verlasse mich nicht auf meinen Verstand — Er leitet meine Wege. Sind doch alle zukünftigen Ereignisse für einen jeden von uns vorherbestimmt. Des Negers, des Arabers, des Beduinen Laufbahn, ihr Zusammentreffen mit mir u. s. w. ist längst beschlossen. Wie kann da einer sich viel darauf einbilden, wenn er etwas zu stande bringt!« ...

Er hatte eine Zusammenkunft mit Walad, und kam durch Alula zu einem Einverständnis mit Johannes, der mittlerweile von Menelek, dem König von Schoa, im Süden bedrängt war; eigentliche Erfolge konnte er aber nicht abwarten. Seine Anwesenheit in Khartum war dringend notwendig, denn die Sklavenjäger im Sudan thaten ihr möglichstes, die noch verstattete Frist auszunützen. Er beeilte sich daher. Schon auf dem Wege verschaffte er den Leuten Recht, wo er konnte. Die Thatsache, daß der neue Gouverneur einen jeden anhöre, der etwas zu klagen habe, ging wie ein Lauffeuer durchs Land. Er mußte zuletzt einen wandernden Briefkasten einführen, in welchen die Bittsteller ihr Anliegen an ihn sozusagen zur Post geben konnten. Auch das Unangenehme der Würde eines »großen Herrn« erfuhr er.

»Wenn ich absteigen will, so sind gleich acht oder zehn Mann bei der Hand, mich vom Kamel zu heben, als ob ich ein Todkranker wäre. Und wenn ich eine Zeit lang zu Fuß gehen möchte, so steigt die ganze Karawane ab; dann werde ich ärgerlich und sitze wieder auf!«

In Khartum wurde er gleich einem Könige mit Kanonenschüssen empfangen und eine feierliche Installierung fand statt. Anstatt aber eine Thronrede zu halten, sagte er nur: »Mit Gottes Hilfe will ich die Waage gerecht halten!« und das gefiel den Leuten besser als die glänzendste Rede, war doch Gerechtigkeit das, was dem armen Lande am meisten not that. Nach der Feier ließ er Geld an die Armen austeilen: in drei Tagen hatte er an zwanzigtausend Mark aus seiner eigenen Kasse verschenkt.

Als Stellvertreter des Khedive hatte er einen überaus stattlichen Palast mit einem Schwarm von Dienern, die ihn »hüteten wie einen Klumpen Gold«; das verdroß ihn. Auch hier war es den Leuten etwas ganz Neues, daß man den Statthalter sprechen konnte, ohne erst eine Menge von Schranzen zu bestechen. Bald war er so von Hilfesuchenden belagert, daß er auch hier einen Briefkasten einführen mußte, und zwar an seiner eigenen Hausthüre, wo jeder sein Begehren schriftlich einreichen konnte. Das erste, was er abschaffte, war die Peitsche (Karbatsche), mittels welcher seine Vorgänger regiert hatten. Gewaltherrschaft war nicht seine Sache. Übrigens war er nicht allgemein populär; sein Vorgänger Ismail Jakub hatte Verwandte in Khartum, auch eine zornmütige Schwester, die zur Begrüßung des ihr verhaßten neuen Statthalters an den Fenstern des Regierungspalastes die Scheiben einschlug und in den Gemächern die Diwane durchlöcherte! Auch sein Vakil, Halid Pascha, war von Anfang an widerspenstig. Mit dem machte Gordon aber kurzen Prozeß, er telegraphierte nach Kairo und verlangte, daß er entfernt werde; der Wunsch wurde gewährt.

Die Aufgabe, den Sklavenhandel in einem Lande zu unterdrücken, wo Menschenware seit Jahrhunderten als ein erlaubtes Mittel zum Reichwerden galt, war in der That eine große; Gordon weiß das und setzt hinzu:

»Wie Salomo bitte ich Gott um Weisheit, dies Land zu regieren; und nicht nur sie wird er mir geben, sondern alles übrige dazu. Und warum? Weil mir an dem übrigen nichts gelegen ist.«

Aber er weiß auch, daß er die Sache nicht übers Knie abbrechen läßt. Selbst Sklaven sind Besitz, der sich nicht ohne weiteres antasten läßt. Ihre Freiheit soll mit der Zeit gesichert werden, und mittlerweile sind's die Sklavenjäger, welche immer neue Zufuhr bringen, denen er Krieg auf Tod und Leben ankündigt, er, der eine Mann, kann man sagen, denn sein Militär ist fast wertlos. Sechstausend türkische Baschi-Bosuks, seine Grenzwächter, beschließt er abzudanken; denn er sieht, daß sie mit den Händlern unter einer Decke stecken. Sechstausend Soldaten aber den Laufpaß geben, in einem Lande, wo sie sich alsbald wieder als Banditen zusammenrotten können —

»Wer dürfte es wagen, der nicht den Allmächtigen auf seiner Seite hat? Ich will es thun, denn mein Leben achte ich für nichts, ich würde nur eine große Last mit der ewigen Ruhe vertauschen ... Ich bin an des Khedive Statt hier, mit unumschränkter Gewalt, und weiß es jetzt, wie machtlos er in Kairo dem Sklavenhandel gegenüber ist. Aber mit Gottes Hilfe will ich's vollbringen und habe das Bewußtsein, daß er mich dazu bestimmt hat ... Die Arbeit ist riesengroß, aber das ficht mich nicht an ... ich kenne meine Schwäche und verlasse mich auf Den, der stark ist. Ich kann nur gradaus meinen Weg gehen, den Erfolg überlasse ich Ihm ... Es ist in der That eine Riesenprovinz, die ich zu verwalten habe; wie froh bin ich zu wissen, daß Gott der Herr Verwalter ist; es ist sein Geschäft, nicht meines. Wenn ich unterliege, so ist's sein Wille; gelingt es mir, so gebührt Ihm die Ehre. Jedenfalls hat Er mir's gegeben, die Ehre der Welt für nichts zu achten, und die Gemeinschaft mit Ihm über alle Dinge hochzuschätzen. Möge mir alles mißlingen und ich in den Staub gedemütigt werden, wenn nur Er verherrlicht wird. Die hohe Stellung, die ich bekleide, will mich manchmal drücken, und ich kann mich nach der Zeit sehnen, wo Er mich beiseite legen wird und einen andern Wurm dies Werk thun läßt. Ich wollte, die Kampfhitze meines Lebens wäre vorüber; aber Er hält mich aufrecht und wird mich davor bewahren, je wieder an Irdisches mein Herz zu hängen.«

Wer so denkt, wie kann der anders als große Thaten thun! Ein an Gott sich haltender Mensch ist immer ein Held.

Wir haben Gordon den Ritter ohne Furcht genannt. Wie ein Recke in den alten Heldensagen zieht er aus, mit dem starken Arm seines Gottvertrauens ein Beschützer seiner Herde zu werden, und das Los der Armen in diesem traurigen Land zu mildern. Eine Armee hat er nicht, er muß sie sich erst schaffen, und zwar aus erbärmlichem Material, und einen Hauptsieg erringt er, wie wir sehen werden, ohne Armee. Er soll die Bahr el Ghasal der Macht Sebehrs, des schwarzen Pascha, entreißen; er soll einem Lande Frieden bringen und ehrlichen Handel einführen, wo die Menschen durch Unterdrückung fast vertiert sind und die Religion in Fanatismus besteht.

Er war noch keine drei Wochen in Khartum, da konnte er bereits seiner Schwester schreiben:

»Ich glaube, die Leute haben mich gern; es ist auch schön, daß, wo früher täglich zehn bis fünfzehn Menschen durchgepeitscht wurden, jetzt dies nicht bei einem mehr vorkommt.«

Damit ist nicht gesagt, daß er nicht strenge Ordnung hielt und Herr war im Amt. Die erste äußere Wohlthat, die er der Stadt erwies, war die Errichtung einer Wasserleitung; vorher mußte das Wasser aus dem Fluß herauf getragen werden. Dabei geriet er mit katholischen Missionaren in Konflikt, die flüchtigen Sklaven Versteck gewährten. Als Gordon ihnen sagte, er brauche dieselben zur Arbeit, begegneten sie ihm mit Anmaßung. Da schrieb er einen Brief an den Papst mit der Bitte, dieser möge seinen Dienern begreiflich machen, daß Angelegenheiten der vizeköniglichen Regierung außerhalb ihres Bereiches lägen. Als der Brief fort war, sagte er den Missionaren, er habe nach Rom geschrieben, was sie zwar aufbrachte, die gewünschte Wirkung aber nicht verfehlte.

Ende Mai verließ er Khartum. Es war der Anfang eines fünfmonatlichen Kamelrittes. Seine Anwesenheit in Darfur war dringend notwendig. Darfur hat eine in die graue Vorzeit zurückreichende Geschichte. Es gab längst Sultane von Darfur, ehe es Kurfürsten von Brandenburg gab. Auch einen alten Handel hat das Land — Sklavenhandel. Jetzt aber war Darfur in Aufruhr, und die ägyptischen Besatzungen der Städte Fascher, Darra, Kolkol u. a. von den Rebellen eingeschlossen. Eine Heeresabteilung war schon im März nach Fascher geschickt worden, von Erfolgen hatte aber noch nichts verlautet.

»Ich rechne darauf, im Lauf dieses Jahres meine achttausend Kilometer zu reiten,« schreibt Gordon. »Ich bin ganz allein, und das ist mir lieb. Ich bin ein Fatalist geworden, wie die Leute es nennen; d. h. ich überlasse es dem lieben Gott mir durchzuhelfen. Die großartige Einsamkeit der Wüste läßt einen fühlen, wie schwach der Mensch ist. Alles Gott anheimzustellen giebt allein Kraft, und ich kann den Tod als eine Erlösung erwarten, wenn es sein Wille ist. In meiner gegenwärtigen Lage, auf manch langem, heißem Ritt kann ich meine Gedanken um so besser ausdenken, weil ich allein bin. Ich gewöhne mich nach und nach ans Kamel, es ist ein wunderbares Tier, das weich und still geht wie auf Teppichen, recht angenehm.«

Natürlich folgte ihm die statthalterliche Leibgarde von zweihundert Berittenen. Sein Kamel, ein besonders schnelllaufendes Tier, trug ihn aber öfters weit voraus, so z. B. ganz gegen seinen Willen wie im Sturmlauf in die Grenzstadt Fodja, was ihn auf die Vermutung bringt, daß die Kamele und die Gordons als eigensinnige Geschöpfe verwandter Rasse sein möchten.

»Ich habe ein prächtiges Tier, so giebt's keines mehr; es fliegt nur so dahin, selbst zur Verwunderung der Araber. Wie ein Blitz fuhr ich in die Stadt hinein, und ehe die Besatzung sich recht besinnen konnte, wie ich zu empfangen sei, war ich da. Nur ein Araber hatte Schritt mit mir gehalten, und der sagte, es wäre der Telegraph! Die andern kamen anderthalb Stunden später.«

Gordon hatte im Gedanken an einen der Erwartung der Leute entsprechenden Einzug seine Marschallsuniform angelegt.

»Welch tolles Bild,« ruft er scherzend aus, »wenn die goldbetreßte Exzellenz so im Sturm anlangt, als wären alle Feinde hinter ihr her! Der Mudir war sprachlos!«

Das Land nennt er eine elende, sandige, strauchbewachsene Wüste. Den Aufruhr schreibt er lediglich schlechter Verwaltung zu. Wo vorher ein Mann den Weg nach Fascher allein zurücklegen konnte, genügten bei der jetzigen Unsicherheit kaum zweitausend Mann Militär von der Art, wie es ihm zu Gebot stand. In Omschanga findet er die erste Nachricht von der Heeresabteilung vor, mit der er das Land erobern soll. Die Truppen lagen hier und dort zerstreut, alles in allem keine dreitausend Mann — Soldaten von der »unbeschreiblichen« Sorte, mit denen er schließlich auch nichts ausrichten konnte. Doch tröstet er sich.

»Ich denke, Gott wird mir's ermöglichen, die Stämme zu gewinnen, und mit seiner Hilfe werde ich dann mit den Häuptlingen nach Fascher ziehen, die jetzt noch Rebellen sind.«

Wo in der ganzen Weltgeschichte findet sich ein ähnliches Beispiel, daß ein Feldherr auf seine Feinde rechnet, um mit ihnen Thaten zu thun! Bei ihm ist das von jeher so gewesen; es ist der Sieg des Rechts über das Unrecht, des Guten über das Böse. Und wie er in China öfters mit überwundenen Taipings die Taipings besiegte, so verläßt er sich mit seinem großartigen Vertrauen auch in Darfur auf die erst zu überwältigenden aufrührerischen Stämme.

»Nichts giebt mir größere Kraft,« sagt er, »als für die Leute zu beten; und es ist wunderbar: wenn ich dann mit einem Häuptling zusammenkomme, für den ich vorher gebetet habe, so ist es immer, als ob er schon gewonnen wäre. Darauf gründe ich meine Hoffnung auf einen siegreichen Zug nach Fascher. Truppen habe ich lediglich keine, aber der Allerhöchste geht mit mir, und ich verlasse mich so viel lieber auf Ihn allein. Solches Vertrauen könnte ich ja nicht haben, wenn er mir's nicht gäbe und mich nicht dazu ermutigte; ich erachte daher, daß gerade dieses Vertrauen eine Art Angeld auf Sieg ist.«

Und bezüglich seines Vorhabens, mit gewonnenen Rebellen nach Fascher zu ziehen, sagt er weiter:

»Vielleicht läßt Er's auch nicht gelingen, und Kampf mag bevorstehen. Die Herzen der Menschen sind in seiner Hand, und er lenkt sie wie er will. Er kann es aber thun, so es ihm wohlgefällt; und wer möchte etwas anderes wünschen, als daß er nach Seiner Weisheit alles leite. Die Gefahr für mich dabei ist die, daß es mich aufblasen möchte, so er's thut. Aber auch das kann und wird er verhindern. Ich mag meine Laufbahn überdenken wie ich will, so finde ich nirgends besonderen Verstand, oder Geschicklichkeit, oder Weisheit meinerseits. Meine Erfolge bisher waren eigentlich immer, was man im gewöhnlichen Leben Glücksschüsse nennt ... Ich bin nichts, gar nichts, als einer, der von Gott Almosen empfängt. Ein Sack voll Reis, den ein Kamel durch die Wüste schleppt, kann soviel vollbringen als ich oft meine, daß ich vollbringe. Aber wie verschieden urteilt die Welt!! Ich meinesteils danke Gott, daß Er mich als ein Werkzeug benutzt, und freue mich auf die vorbehaltene Ruhe. Und ich kann mich freuen mit seiner Freude, wenn den armen Menschen Hilfe wird — durch Ihn, nicht durch mich, obwohl Er sich meiner bedient.«

Und so zog er durch die Wüste als ein unverwundbarer Glaubensheld, der wie David mit seinem Gott über Mauern springt, der Völker besiegt und Städte einnimmt und dabei meint, er vollbringe gar nichts, das ihm selbst zur Ehre gereiche! Er war noch in Fodja, als ihn ein Telegramm erreichte: man brauche in Kairo sofort eine halbe Million Mark Einkünfte aus seiner Provinz! Über diese Erwartung seines irdischen Oberherrn schreibt er in die Heimat:

»Soviel ist sicher, daß ich vor der Hand in einem Sumpfe bin mit dem Sudan, aber wenn ich bedenke, wer als mein Oberschatzmeister, mein Heerführer, mein Landverwalter im Regiment sitzt, so wäre es merkwürdig, wenn ich darin stecken bliebe. Ja, hätte ich den Allmächtigen nicht zur Seite mit seiner Weisheit, ich wüßte mir wahrlich keinen Rat!«

Dabei legt er aber nicht die Hände in den Schoß, sondern gürtet auch in dieser Hinsicht seine Lenden zu dem ungleichen Kampfe.

»Mit unsäglicher Anstrengung kann es mir gelingen, in zwei bis drei Jahren aus diesem Lande eine ordentliche Provinz zu schaffen mit einer tüchtigen Armee und regelmäßigen Einkünften, mit hergestelltem Frieden und aufblühendem Handel, und vor allem mit unterdrückter Sklavenjagd; und dann — ja dann gehe ich heim und lege mich ins Bett und stehe nie auf bis Mittag, und marschiere nie mehr als höchstens eine Meile per Tag. Und esse Austern zu Mittag!«

Diese scherzenden Zeilen an seine Schwester beweisen nur, daß er eine fast unübersteigliche Arbeitslast vor sich sieht.

Während er noch in Omschanga durch seine »Unbeschreiblichen« hingehalten war — keine geringe Geduldsprobe für den energischen Mann — hatte er Zeit, sich die endlose Schwierigkeit der Sklavenbefreiung weiter zu überdenken. Die Wüstenstrecken von Darfur und Kordofan sind von Beduinenstämmen durchzogen, von denen mancher mehrere tausend Krieger ins Feld stellen kann, die unter ihren kampfgeübten Scheiks keine verächtliche Macht bilden. Diese Stämme haben von jeher Streifzüge auf die Neger im Süden unternommen, oder sich Sklaven im Tauschhandel mit anderen Stämmen verschafft. Zu Gordons Zeit wurden die Sklaven selten in großen Karawanen, wohl aber von den Händlern in vielen kleinen Trupps durchs Land getrieben. So begegnete er eines Tages einem Manne, der sieben schwarze Weiber vor sich hertrieb und sie samt und sonders für seine Eheweiber ausgab; die Kinder, die nebenherliefen, nannte er seine Nachkommenschaft. Wer sollte ihm das widerlegen! Vor der Hand aber war's fast noch mehr das von den türkischen Grenzsoldaten übers Land gebrachte Elend, das Gordon Tag und Nacht beschäftigte. Und als die unterdrückten Landbewohner kamen und ihm demütig ihre Unterwerfung zu Füßen legten, sagte er ihnen, wie's ihm ums Herz war, daß sie vielmehr erwarten könnten, er, als Statthalter des Khedive, bäte sie um Verzeihung. Des Khedive Grenzwächter, die Baschi-Bosuks, dankte er seinem Vorhaben gemäß ab.

»Ich habe mich auf einen Felsen gestellt und thue was recht ist, ohne mich um die Folgen zu kümmern ... Wenn Angestellte ihre Pflicht nicht thun, so besinne ich mich keinen Augenblick, sie ihrer Wege gehen zu heißen, mag man in Kairo denken was man will. Es ist jedenfalls ein großer Vorteil, ganz furchtlos zu sein. Und wenn ich selbst abgesetzt würde, so wäre es ja keine Strafe, denn ich opfere mein Leben in diesem Land.«

An vierzehn Tagen wartet er auf seine saumselige Mannschaft, ohne nur zu wissen, wo die Helden sind. Er nennt's ein trostloses Geschäft, und bei der furchtbaren Hitze in dem jammervollen Land ist's kein Wunder, wenn er ausruft: »Wollte Gott, ich wäre in der andern Welt!« Er meint, mehr als andere Menschen hätte er immer wieder durch die Mangelhaftigkeit seiner Streit- und Arbeitskräfte zu leiden; so sei's in China gewesen, und so sei's hier. Das unnötige Wartenmüssen ist es, was dem thatkräftigen Mann so schwer fällt.

»Aber es ist nicht recht, es hat jeder sein Kreuz zu tragen. Wir sind alle Knechte; heute giebt der Herr uns Arbeit, und morgen will er, daß wir warten können. Dieses Hinliegen ist mir aber sehr gegen die Natur. Und ich kann auch gar nicht sehen, was in diesem Lande schließlich zu gewinnen ist!«

Endlich kamen fünfhundert seiner Helden. Fascher hatte er aber bereits auf seine Weise ohne Schwertstreich gewonnen; die Stämme hatten sich ihm einer nach dem andern ergeben. Nun machte er sich nach Tuescha auf den Weg, von wo er eine Garnison von dreihundert mitnehmen will. In Darra warten weitere zwölfhundert. Auf diese Art kann er ein Heer von zweitausend Mann zusammenbringen. Unterwegs findet er allerwärts Arbeit, das aufrührerische Banditenvolk aus seinen Schlupfwinkeln zu vertreiben. Zuletzt beabsichtigt er, sich auf Schekka zu werfen, das er die »Höhle von Adullam« nennt, wo Räuber und Mörder hausen, nämlich die Horden Sebehr Paschas, des großen Sklavenhändlers, unter dessen Sohn Soliman. Auch diesem gegenüber, der ihm mit elftausend Mann begegnen kann, rechnet er auf keinen andern, als einen innerlichen Sieg.

»Ich bin gar nicht unruhig,« schreibt er, »und hoffe, es wird ohne Blutvergießen abgehen.«

Ins Gefecht geriet er nun allerdings; aber nicht sowohl seinen Waffen, als seinem gewaltigen Geist und seiner demutstarken Seele wurde der Sieg.

In Tuescha fand er die dreihundertfünfzig Mann Garnison, welchen seit drei Jahren kein Sold bezahlt worden, beinahe ausgehungert. Das war nicht sehr ermutigend, aber Gordon war dergleichen gewohnt. War's ihm doch gegeben, seine glänzendsten Thaten einem Chaos von Unmöglichkeiten abzugewinnen. Der Aberglaube der Chinesen erblickte in seiner Hand einen Zauberstab und nannte seine Erfolge Wunder. Wohl hatte er einen Zauberstab: es war derselbe, mit dem einst Moses aus dem Felsen Wasser schlug. Die Besatzung von Tuescha war in der That so erbärmlich, daß er beschloß, ihrer Beihilfe zu entbehren, sie nach Kordofan zu schicken und mit seinen ursprünglichen Fünfhundert samt ihren schlechten Steinschloßgewehren weiterzuziehen. Ein Scheik, der versprochen hatte zu ihm zu stoßen, ließ ihn im Stich, während die Umgegend voll von kampflustigen Schwarzen war, die recht gut wußten, daß der General-Gouverneur nur mit einer Handvoll Leute des Weges komme, und ihn ernstlich bedrohten. Aber zu einem Angriff kam es nicht. »Gottlob, die Gefahr ist vorüber,« kann er schreiben. Wie groß sie war, weiß er nicht einmal; aber das weiß er, daß nur wenige es begreifen können, was es heißt Truppen anführen, in die man keine Spur von Vertrauen setzt.

»Ich habe von ganzer Seele um einen Ausweg gebetet; es gab mir ordentlich einen Stich ins Herz, wie damals, als ich mich bei Massindi (S. 116 f.) verraten fand. Nicht, daß ich den Tod fürchte, aber aus Kleinglauben fürchte ich die Folgen meines Todes; das ganze Land stünde wieder in Aufruhr. In solcher Lage zu sein, kommt einem wirklichen Schmerz gleich, es macht mich in einer Stunde um ein Jahr älter ... Auch ist es eine Demütigung. Aber gottlob! es ist vorüber ... wohl sage ich mir, daß alles zum guten Ende führen wird, aber das macht dergleichen nicht weniger peinlich. Ich glaube, ich habe in dieser Hinsicht in meinem Leben mehr gelitten als die meisten Menschen. Heute morgen z. B. (nach der überstandenen Gefahr) kam mir ein Wild schußgerecht und ich ließ mir meine Flinte reichen. Der Kerl, der sie trug, hatte sie mittlerweile zerbrochen; also hätte ich in einem Überfall nicht einmal meine Waffe gehabt!«

Die Charakterzeichnung Gordons wäre eine unvollständige, wenn man zu bemerken vergäße, wie er oft gerade in der schwierigsten Lage auch eine komische Lichtseite erblickte, deren er gerne Erwähnung that. So schließt der Brief, der von der vorübergegangenen Gefahr berichtet, mit folgenden Worten:

»Wir hatten auch dreißig oder vierzig Esel bei uns. Und wenn einer anfing, dann wußte ich, daß sie alle schreien mußten; es war ordentlich eine Wohlthat, den vierzigsten endlich zu hören. Da fing der erste die Reihe wieder an, und so ging's die Nacht durch! Der Darfur-Esel brummt aber nur ganz tief in der Tonleiter; die hohen Töne, die sein englischer Bruder aus frohem Herzen ausstößt, kennt er offenbar nicht.«

Als Gordon nach Darra kam, gab's auch dort Enttäuschung. Die Hilfstruppe, auf die er gerechnet hatte, war ihm entgegen gezogen und hatte den Weg verfehlt!

2. In der Räuberhöhle.

Die Leute von Darra waren nicht wenig erstaunt, den Generalgouverneur in ihrer Mitte zu erblicken; sie wußten sich seit einem halben Jahre von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stämme umher waren im Aufstand; Harun, der als Anverwandter des gefallenen Sultans von Darfur die Herrschaft beanspruchte, bedrohte die Stadt, und in Schekka saß der Sohn Sebehrs mit sechstausend bewaffneten Sklaven. Gegen Harun schickte Gordon eine ziemlich starke Truppenabteilung, die auch ins Gefecht geriet und Beute machte, sonst aber keine Heldenthaten verrichtete. Ein Offizier war damit beauftragt, eine zweite Abteilung gegen die Stämme zu führen, und Gordon selbst blieb vorläufig in Darra, um den schlimmsten der Feinde, Soliman, im Auge zu behalten. Den Einwohnern der Stadt war seine Anwesenheit eine Schutzmauer, aber sie fanden auch sonst noch Ursache, derselben froh zu sein. So gab er ihnen z. B. ihre Moschee zurück, die von den Ägyptern in ein Pulvermagazin verwandelt worden war; freute es ihn doch, wenn die Muselmänner Gottesdienst hielten, sofern sie es nur redlich meinten. Das Land weithin war nach dreijähriger Anarchie im Elend der Hungersnot. Er beschreibt die Kinder als »nur Bäuche mit Gliedmaßen wie Fühlfäden« — eine Folge des Grasessens.

Um Solimans habhaft zu werden, tauchten verschiedene Vorschläge auf. Gordons schwarzer Schreiber z. B. ersann einen Plan, wie man ihn nach Darra locken könne, um ihn daselbst, sofern er sich nicht ergeben wolle, zu ermorden. Statt dieses »asiatischen« Einfalls, wie Gordon sich ausdrückt, kam ihm selbst ein anderer, wie nur seine Großmut ihn ersinnen konnte: er wollte den Sohn Sebehrs durch Vertrauen entwaffnen.

»Es ist mir der gute Gedanke gekommen, den Soliman zum Statthalter von Darra zu machen und ihn damit von dem Räubernest Schekka zu entfernen. Das wird ihn auch an fernerer Sklavenjagd hindern, denn seine sechstausend werden genug zu thun haben, das Land gegen die Stämme zu halten.«

Der Plan war nicht ausführbar; dennoch hoffte er Soliman ohne Waffen zu besiegen. Aus der »Höhle Adullam« erhielt er mittlerweile durch die Häuptlinge El Nur, Awad und Idris Kenntnis, die zwar Sebehrs Herrschaft anerkannten, sich aber die Regierung geneigt zu machen suchten, indem sie dem Statthalter verrieten, was dort vorging. So wußte er z. B., daß Soliman beständige Verbindung mit seinem Vater in Kairo unterhielt und daß der Aufruhr in Darfur aus Gehorsam gegen Sebehr ins Werk gesetzt wurde, als dieser seinen Anhängern sagen ließ, sie sollten »das jetzt ausführen, was unter dem Baum beschlossen worden sei.« Der schwarze Pascha regierte selbst als Gefangener noch das unglückliche Land.

Ehe Sebehr nämlich mit seinen zwei Millionen »Bakschisch« (Trinkgeld) nach Kairo ging, um die Pascha zu bestechen, hatte er alle sklavenhandeltreibenden Häuptlinge seines Gebietes unter einem großen Baum an der Straße zwischen Schekka und Obeid versammelt und ihnen einen Eid auf den Koran abgenommen, daß sie sich allerorts gegen die Regierung erheben sollten, wenn er ihnen das Wort sende. Als nun Gordon nach seiner Arbeit am Äquator die Statthalterschaft des Sudan übernahm und sich nach kurzem Aufenthalt in Khartum aufmachte, um die Sklavenhändler in ihrem bis jetzt sichersten Schlupfwinkel zu bekämpfen, wo die Bande sich um Soliman geschart hatte, da wußte der alte Menschenräuber, daß es damit seiner Hoffnung ans Leben ging, den Handel, von dem er seine Macht und seinen Reichtum hatte, je wieder zur alten Blüte zu bringen. So erging sein Mandat an die Raubgesellen in Schekka.

El Nur und Idris hatten sich beide mit Hinterlegung einer Strafsumme aus Schekka fortgemacht. Von ihnen erfuhr Gordon, daß Soliman festsäße bis nach der Regenzeit und sich in seiner »Höhle« vor einem Überfall gesichert erachte. Daraus ergab sich indessen keine Ruhezeit für unseren Helden. Er war noch nicht vierzehn Tage in Darra, als er schrieb:

»Heute haben sich sechshundert der Nazagats mit ihrem Scheik zu mir geflüchtet.«

Dieser Stamm hatte seinen Wohnsitz in der Nähe von Schekka und war einer der gewaltigsten im Land, der siebentausend Krieger ins Feld bringen konnte. Aber infolge der fortwährenden Plünderungen von Sebehrs Bande fingen sie an, sich zu Gordon zu schlagen; und er hörte, daß es nur der Anfang einer Einwanderung sei, indem noch andere Stämme ähnliches beabsichtigten. Sie konnten über Nacht kommen, denn »Gepäck haben sie keines und reiten wie der Blitz, ohne Bügel.« Der Vorteil einer solchen Verstärkung war aber ein zweifelhafter — wo Nahrung hernehmen für so viele in dem ausgeplünderten Land?

Eine weitere Schwierigkeit, die sich ihm um diese Zeit darbot, verstattet einen Einblick in die Ratlosigkeit, die ihn angesichts des von ihm bekämpften Greuelwesens mehr wie einmal befiel. Eine seiner Streifkolonnen hatte ihm zweihundertundzehn Sklaven in die Stadt gebracht, ausgehungerte Menschen, die ihn so flehentlich anblickten, daß ihm die Augen übergingen. Was soll er mit ihnen anfangen? wem soll er sie überlassen? Selber behalten kann er sie nicht und füttern kann er sie auch nicht. Selbstverständlich läßt er ihnen für den Augenblick etwas Durra reichen, denn sie haben seit sechsunddreißig Stunden nichts gegessen. »Ich wollte heute mein Leben hinlegen,« ruft er aus, »um das Elend dieser Menschen zu lindern; wie viel mehr muß Gott sich ihrer erbarmen!« Und immer mehr wird es ihm zur Klarheit, daß das Schwerste des von ihm unternommenen Kampfes nicht sowohl die Unterdrückung der Händler selbst sei, als die Versorgung der hilflosen Sklaven.

Es ist ihm öfters zur Last gelegt worden, daß er selbst Sklaven, als solche, seinen Truppen einverleibe, ja sie gegebenenfalls sogar kaufe. Er, der sein Leben für nichts achtete in dem großen Kampf gegen das Unrecht, konnte es ruhig der Zeit überlassen, sein Thun ins rechte Licht zu setzen. Er braucht Truppen gegen die Sklavenhändler; woher soll er sie nehmen? Wenn er es unterläßt, Sklaven zu nehmen und ihre Eigentümer zu entschädigen, so gehören sie nach wie vor, d. h. vertragsmäßig noch zwölf Jahre lang ihren jeweiligen Herren. Sie mit Gewalt frei machen, hieß den Aufruhr verallgemeinern. Es schien ihm der beste Weg, die Banden bewaffneter Sklaven im Land möglichst unter seine Disziplin zu bringen. Das Urteil der Leute hatte ihn nie viel angefochten. Seiner Schwester formuliert er Anklage und Entschuldigung mit den kurzen Worten:

»Ich möchte, daß Du es richtig verstehst — ›Oberst Gordon kauft Sklaven an von Regierungs wegen und läßt die Gellaba nach wie vor ihr Wesen treiben‹, heißt's in den Zeitungen. Ja, er thut's, denn nur mit Hilfe von Sklaven kann er die Sklavenhändler bekämpfen und die bewaffneten Banden unter sich bringen. Die Sklaven, die ich kaufe, sind längst ihrer Heimat entrissen, ich kann sie nicht zurückschicken, selbst wenn ich wollte. Es ist nicht, als ob ich dem Handel dadurch Vorschub leistete, nicht einmal indirekt, denn gerade dadurch gewinne ich ein Mittel, ihn zu unterdrücken.«

Die Gellaba — er nennt sie selbst Geier — sind die kleinen Händler, welche die Ware im einzelnen den Jägern abkaufen.

»Wenn wir mit Rußland im Krieg sind,« sagt er, »benutzen wir diesen Zeitpunkt nicht, um in Indien Mißstände zu unterdrücken? Ich wäre tollkühn, wollte ich mir die kleinen Leute verfeinden, ehe ich mit den Hauptsündern fertig bin.«

Er weiß, daß in Schekka an viertausend Sklaven liegen, die ihm in die Hände fallen werden, sobald er jenes Nest aushebt.

»Was soll ich mit ihnen anfangen, mit Weibern und Kindern? Ich kann sie nicht in ihre Heimat zurückschicken (weithin ins Innere von Afrika, selbst wenn er im einzelnen Fall immer wüßte, wo die Geraubten zu Hause sind!) ich kann sie nicht erhalten. Ich muß sie entweder den Stämmen überlassen, oder meinen Truppen, oder den kleinen Händlern. Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich sie freigebe, so überlaufen sie das Land, und ein herrenloser Sklave ist wie ein verlorenes Schaf — das Eigentum dessen, der ihn findet. Ich muß suchen den Ausweg zu ergreifen, der für die armen Sklaven der beste ist. Was Europa dazu sagt, ist nicht die Hauptsache: es ist der Sklave, der leidet, nicht der Europäer. Das weiß ich wohl, daß wenn ich jene viertausend Sklaven den Stämmen oder den Gellaba, oder auch meinen Truppen überlasse, man in den nächsten Monaten um so viel mehr von Sklaventransport hören wird; aber dann ist wenigstens das damit gewonnen, daß die Ärmsten auf die beste Art ihre Bestimmung erreichen und nicht hier Hungers sterben.«

Als ihre Bestimmung kann man neben dem Orient überhaupt auch Ägypten betrachten, wo merkwürdigerweise der Ankauf von Sklaven auch dann noch gestattet war, als der Handel im Sudan unterdrückt werden sollte.

»Ich könnte die Verantwortung von mir abwälzen, und die Sache sich selbst überlassen — das hieße die Sklaven dem sichern Elend und dem Hungerstod preisgeben. Soll ich ein solcher Feigling sein, aus Furcht vor der Meinung des besser unterrichteten Europa? Nein, ich werde dem Transport fürs nächste Vorschub leisten. Die Leute sollen in die Zeitungen schreiben, was sie wollen. Hier sind die Sklaven, um sie her die Geier, und hier bin ich, der eine Mann, der keine Nahrung für sie hat und keine Möglichkeit, sie in ihre Heimat zurückzuschicken. Hätte ich einen tüchtigen Mann mit starkem Arm, der mir helfen könnte, jeden einzelnen Sklaven nach seinem Wunsche zu behandeln — es wäre mir lieber. Denn merkwürdigerweise haben selbst diese elenden Sklaven noch Wünsche in dieser Hinsicht — manche vertrauen sich lieber den Gellaba an, manche den Stämmen, manche meinen Truppen; nach ihrer verwüsteten Heimat verlangen sie indessen nicht zurück, denn sie wissen, daß sie dann nur anderen Stämmen zum Opfer fallen und wieder Sklaven werden. Ihre Dörfer sind zerstört; es würde lange dauern, ehe sie nur wieder auf eine Ernte hoffen könnten.... Angesichts dieser Thatsachen steht man hilflos dem Erlaß gegenüber, daß alle Sklaven nach zwölf Jahren frei sein sollen. Wer will sie frei machen? Man könnte gerade so gut erwarten, daß Steine und Bäume das Gesetz erfüllen, als daß die Stämme unter sich ihre Sklaven aufgeben. Man kann lediglich nichts thun, als sie an der Jagd auf neue Sklaven hindern ... Ich habe so wenig Korn hier, daß ich nicht weiß, was anfangen. Bei solcher Sorge vergeht einem der hohe Mut. Aber das weiß ich, daß ich um keinen Gewinn der Welt die übernommene Arbeit jetzt aufgebe; es wäre eine Feigheit ... Ich höre von Fascher, daß nach einem Ausfall auf Harun das Volk zu Hunderten Hungers starb oder den Pocken erlag — arme Kinder und Weiber, deren jedes sein Leben lieb hat wie wir! Schön war, daß meine Araber ihre Gefangenen freiließen — es seien ihrer zweihundertfünfunddreißig gewesen, die Arm in Arm in einer langen Kette davonwankten. Es geschah in der Hoffnung, sie vor den Gellabas zu retten, was hoffentlich gelungen ist ...

»Eine Truppe ausgehungerter Menschen ist in meinen Hof eingebrochen, ich habe sie fortschicken müssen bis morgen, in der Hoffnung, bis dahin etwas Durra aufzutreiben.«

Mittlerweile verhielt sich der von Darra abgesandte Offizier ganz unthätig, ja Gordon hörte, daß er sich vom Feind habe bestechen lassen. Kein Wunder, daß Gordon allen Mut verlor, sich auf seine Truppen zu verlassen. Er beugt sich unter diese Thatsache als unter eine Fügung Gottes. Dies hindert ihn aber nicht, sich vorzunehmen, den Mann im Betretungsfalle kriegsrechtlich erschießen zu lassen. Wie seine Truppen sich ferner verhielten, ergiebt sich aus folgendem. Die Leparden, ein zahlreicher Stamm, hatten sich gegen ihn aufgeworfen und die Verbindung zwischen Darra und Tuescha abgeschnitten. Er beschloß daher, seinen Besuch in der Räuberhöhle Schekka noch hinauszuschieben und mit einer Abteilung seiner »Unbeschreiblichen« und einer Anzahl verbündeter Mascharins den Leparden entgegenzuziehen. Es war eine schlimme Nacht, voll Sturm und Regen.

»Ich zog meinen Mantel an und setzte mich unter meinen Schirm und wünschte, es wäre Tag. Angenehm war die Lage nicht, aber ich wickelte mich ein und konnte schlafen.«

Es war ein Regen, der einem die halbe Kraft aus dem Körper spülte, sagt Gordon, aber nichtsdestoweniger führt er seine Leute am folgenden Tage in den Kampf — den Teil wenigstens, der bei der Hand war, und das waren nicht seine »Unbeschreiblichen«, die langsam hinterdrein kamen. Seine Verbündeten, die Mascharins, waren es, die, obgleich geringzählig, sich nicht halten ließen und die Leparden, d. h. ihre einhundertsechzig Mann starke Vorhut, gänzlich aufrieben. Als seine Truppen herankamen, besetzten sie das gewonnene Lager des feindlichen Stammes, und während Gordon mit dem Häuptling der Mascharins Kriegsrat hielt, stürmten die Leparden in zwei Abteilungen von je dreihundertfünfzig Mann daher. Sie wurden zurückgeworfen, aber wieder nicht von seinen Truppen, sondern von den tapfern Mascharins, deren Anführer Ahmed Nurra tödlich verwundet wurde. Seine Helden hielten das Palissadenwerk von der sichern Seite! Gordon befand sich in einem Zustand der peinlichsten Entrüstung. Das Einzige, was ihn zurückhielt, sich selbst unter die anstürmenden Leparden zu werfen, war der Gedanke, daß seine elenden Truppen dann gar nicht mehr wüßten, was thun. Aber gründlich verhaßt wurden ihm die Baschi-Bosuks mit ihrem Waffengeklirr, wenn der Feind nicht da war, und ihrer maßlosen Feigheit, wo's Ernst galt.

»Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, was meine Offiziere und Soldaten für Kerle sind — ihr bloßer Anblick regt mir die Galle auf!«

Der kurze Feldzug endete damit, daß er die Leparden von drei Wasserstationen abschnitt, so daß nur eine einzige, vierte Quelle ihnen blieb. Den Feind in jenen Wüstenländern vom Wasser abschneiden, heißt ihn besiegen. Die Brunnen liegen stundenweit auseinander.

»Gern hätte ich's den Frauen und Kindern und dem armen Vieh erspart, aber ich habe keine andere Wahl, wenn ich den Stamm bewältigen will.«

In der glühenden Hitze kamen sie denn auch bald mit hängenden Zungen und verdorrten Lippen und baten um Gnade. Gordon nahm ihnen die Speere ab, ließ sie auf den Koran Treue schwören und schickte sie dann allesamt an die nächste Quelle.

»Sie waren einen Tag ohne Wasser, ich kann's nicht ändern. Der Krieg ist ein grausames brutales Geschäft. Wie oft lesen wir in den Kriegen Israels, dass das Volk ohne Wasser war. Es ging damals nicht anders zu als jetzt.... Meine Berittenen fingen einen Scheik ein, er war über die Maßen durstig; wie gern hab ich ihm Pardon gewährt und ihn mit seinen Leuten ans Wasser geschickt ... er sagte, der Stamm sei auseinandergesprengt. Auch des Häuptlings Sohn war dabei, ein fünfzehnjähriger Junge, und wie sie gebunden in meinem Zelt hockten, sah ich, wie der arme Bursche nach Wasser lechzte. Was für eine Freude war's, ihn sich satt trinken zu lassen!«

Aber auch Streitigkeiten mußte er beilegen. Der Zankapfel war oft nur eine Handvoll Korn, oder ein irdener Topf. Ob solcher Beute gerieten zwei hintereinander, die verschiedenen Stämmen angehörten, und der eine erschoß den andern!

»Ich ließ die Stammesangehörigen des Getöteten vortreten und auch den Gefangenen; und dann fragte ich sie, ob ich ihn erschießen sollte, oder ob sie ihn haben wollten, damit er für die Hinterbliebenen des Ermordeten arbeite. Und ich war froh, zu finden, daß sie auf den letztgenannten Vorschlag eingingen. Der Mann war vorher schon der Sklave eines der Soldaten (das Wort ist mir entschlüpft, ich wollte ihn nicht so nennen!) ich habe ihn daher nur einem andern Herrn gegeben. Das Entsetzen der Leute war unbeschreiblich, als ich mich mit meinem Gewehr vor den schwarzen Mörder stellte und den Hahn spannte — es war gar nicht geladen. Ich wußte auch, daß sie seinen Tod nicht verlangen würden, denn selbst in diesen armen wilden Menschenherzen wohnt Gutes. Sie glaubten aber fest, ich würde ihn erschießen, wenn sie nicht um sein Leben einkämen, und so thaten sie's einstimmig.«

Die Leparden hielten nicht lange Frieden, kaum länger als bis ihr Durst gestillt war, und dann entführten sie Gordons Verbündeten eine Anzahl Sklaven, wofür er ihnen tausend Stück Vieh wegnahm und einen weiteren Teil des Stammes entwaffnete. Er rückte durchs Lepardenland nach Duggam vor, wo ein Gemisch von Stämmen hauste. Die Leparden gingen nach Gebel Heres zurück; er zog ihnen nach und hörte, daß Harun sie unterstützte, indem er ihnen vierzig Berittene nach Gebel Heres zur Verstärkung geschickt habe, während er selbst das Land weiter nördlich verwüstete. Seinem Truppenteil, den er in jener Gegend vorfand, kann Gordon das gewohnte Lob gänzlicher Untüchtigkeit ausstellen. Eine ganze Menge Fragen hinsichtlich eingebrachter Sklaven harrten seiner Erledigung.

»Ich wollte, die Gesellschaft zur Unterdrückung der Sklaverei wäre hier,« ruft er nicht ohne Ironie, »und sagte mir, was ich thun soll!«

Während er seine erbärmlichen Streitkräfte beklagt, gab's Meuterei; sein Leben war nicht sicher in ihrer Mitte. Fascher war so nahe, daß man seine Wachtfeuer von der Stadt aus sehen mußte; dort waren achttausend Mann ihm dienstpflichtiger Truppen eingesperrt — oder sollten doch dort sein. Er machte sich auf den Weg, um ihnen das Gewehr zu visitieren, und erreichte mit etlichen hundert Mann die Stadt gegen Abend nach einem »schmählichen Ritt« durch Sumpfland. Man hatte keine Ahnung von seinem Kommen und war »angenehm überrascht«. In der Stadt selbst waren viermal so viel Truppen, als er bei sich hatte, und zehnmal so viel kampierten unter Hassan Pascha Helmi drei Tagmärsche entfernt; aber von diesem Militär war nicht der geringste Versuch gemacht worden, sich nach Darra oder sonst wohin durchzuschlagen, während der Feind noch vor kurzem bis in die Nähe von Fascher Streifzüge unternommen hatte. Hassan Pascha, der die Besatzung befehligte, hatte sich schon vor Wochen in aller Gemütsruhe mit dem Hauptteil der Truppen davon gemacht. Gordon verschrieb sich den Mann. Mittlerweile konnte er von einem anderen seiner Offiziere folgenden Streich erzählen.

»Ein Muezzin oder Gebetsrufer in der Stadt war gewohnt, die Gebetsstunde nah bei der Stelle auszurufen, wo jetzt mein Zelt steht. Mein Oberstlieutenant hieß ihn schweigen, weil es mich störte; zum Glück erfuhr mein schwarzer Schreiber die Sache. Es lag nichts anderes zu Grunde als der Wunsch, den Fanatismus der Leute gegen mich aufzustacheln. Ich schenkte dem Ausrufer 40 Mark, meinen gefälligen Freund, den Oberstlieutenant, aber schickte ich nach Kedaref in die Verbannung, wo er Zeit finden wird, ähnliche Pläne auszuhecken. Ich besinne mich nie einen Augenblick, solche Kerle zu züchtigen. Der Gebetsrufer schreit jetzt noch einmal so laut, eben während ich dies schreibe.... Ich gebe mir alle Mühe, jenen anderen Tapfern, der sich bestechen ließ, um den Feind nicht anzugreifen, und mich neunzehn Tage in Darra hinhielt, seiner Thaten zu überführen; aber die Zeugen sind nicht besser als er selber, so wird mir nichts übrig bleiben, als meine despotische Gewalt in Anwendung zu bringen. Er nahm viertausend Mark in Geld, den Wert von tausend Mark in Straußenfedern und zehn Kamelladungen Durra als Geschenk hin, um den Stamm nicht anzugreifen.... Sebehrs Sohn ist jetzt bereit, sich mir anzuschließen in der Hoffnung, das Land um so besser zu plündern; und Harun plündert auf seine Rechnung im Norden. Ich sitze mitten zwischen diesen beiden, und um mich her sind die Stämme, die jenem feindlich sind und teilweise auch mir feindlich, während sie dem Harun günstig sind und von mir erwarten, daß ich ihnen gegen Sebehrs Sohn beistehe — das nennt man einen dreiseitigen Zweikampf.«

Es war in der That eine unerquickliche Lage, die täglich schwieriger wurde. Von den drei Feinden, mit denen er im Zweikampf stand, wäre der selbstgekrönte Sultan ohne Zweifel am leichtesten zu unterwerfen gewesen, wenn er ihn nur im offenen Felde hätte stellen können; aber abgesehen von seinem Mangel an tüchtiger Mannschaft, war er anderwärts zu sehr in Anspruch genommen, und Hassan Pascha mit seinen fünftausend Unthätigen hatte nicht den Mut, ohne die Gegenwart Gordons den Angriff zu wagen.

Es waren die eingebornen Stämme, die dem Feldherrn so hinderlich waren. Manche in nächster Nähe verhielten sich noch feindlich, und die entfernteren thaten ihr Bestes, die von ihm zur Ruhe gebrachten wieder aufzustacheln. Außerdem wurde sein Schreiber krank und für alle Einzelheiten der Verwaltung mußte er selbst einstehen. Wegen jeder Kleinigkeit drängten sich die Leute unangemeldet in des Generalgouverneurs Zelt und meinten, er könne sich ihrer nicht schnell genug annehmen. Erteilte er aber einen Befehl, so erfüllte man denselben im Leichenschritt. Seine Diener waren nicht besser als seine Soldaten. »Ich erledige täglich einen Berg von Geschäften,« schreibt er, trotz der furchtbaren Hitze, die so sengt und brennt, daß er »alle vierzehn Tage eine neue Haut im Gesicht hat.« Und wenn er von einem Ausritt müde heimkommt, so findet er Skorpione in seinem Zelt, oder dasselbe von einem Sturmwind umgeblasen, während seine Diener dabei sitzen, als ob es sich von selbst wieder aufrichten müsse. Dann ist er wohl manchmal niedergeschlagen und meint, es helfe alles nichts, er müsse dieses verzweifelte Land sich selbst überlassen, aber sein hoher Mut gewinnt auch in solcher Lage die Oberhand und er sieht durch den Wolkenhimmel doch wieder die Sonne scheinen.

Er hatte sein Hauptaugenmerk zur Zeit auf Harun gerichtet, denn der Verdacht war ihm gekommen, ob Hassan mit seinen fünftausend nicht ähnlichen Verrat treibe, wie jener andere, der sich hatte bestechen lassen. Und obschon es fast täglich Unternehmungen gegen die feindlichen Stämme oder Streifzüge auf höchstnötigen Proviant zu leiten gab, so traf er doch energische Vorbereitungen, einer etwaigen Krisis zuvorzukommen. Da hieß es mit einemmal, der »Sultan« sei verschwunden und niemand wisse wohin. Somit hatte er neben verlorener Mühe vorläufig das Nachsehen.

Während er so sein Bestes thut, der kleinen wie der großen Mühseligkeiten Herr zu werden, kommt ihm die Nachricht, daß sein schlimmster Feind ausgebrochen ist und sich anschickt, Darra zu belagern. Gordon weiß, daß Soliman sechstausend bewaffnete Sklaven mit sich führt, während er selbst zwar seine »unbeschreiblichen« Helden hat, sich aber nicht im geringsten auf sie verlassen kann, — eine Wendung der Dinge, vor der alle bisherigen Schwierigkeiten erblaßten. Gordons Genie aber erweist sich nie glänzender als in einer Lage, die völlig hilflos erscheint. Da gürtet sich der Held zum Einzelkampf und erringt einen Sieg, der durch Waffen allein nicht zu gewinnen wäre. Schrieben wir einen Roman, es ließe sich nichts Romantischeres denken, als solche Siege über große Bedrängnis; da es sich aber um Thatsachen handelt, so ist es eben die großartige Kindeseinfalt des heroischen Mannes, die stets mitten ins Feuer geht, den Umstand vergessend, daß er einer ist gegen viele. Gordon verlor keinen Augenblick. Seine Armee und alles zurücklassend, bestieg er sein Kamel und ritt allein und unbewaffnet nach Darra. Von diesem gewaltigen Ritt, eine der wunderbarsten Leistungen in seiner ganzen wunderbaren Laufbahn, lassen wir ihn selbst an seine Schwester berichten. Es ist hierbei nur zu bemerken, was übrigens von allen seinen Briefen gilt, daß er stets frisch nach der That schrieb und nicht im entfernteren daran dachte, daß je ein größerer Leserkreis an seinen Berichten sich erfreuen würde.

»Etwa um vier Uhr nachmittags erreichte ich Darra, lang vor meinem Gefolge, nachdem ich in anderthalb Tagen 140 Kilometer zurückgelegt hatte. Etwa zwei Stunden vor Darra geriet ich in einen Schwarm von Fliegen, die mich und mein Kamel so quälten, daß wir mit immer größerer Eile vorwärts drängten. Ich denke mir, die Königin des Geschmeißes muß darunter gewesen sein. Wenigstens dreihundert umschwärmten den Kopf des Kamels und ich ritt einfach in einer Wolke. So hatte ich doch wenigstens ein Gefolge von Fliegen, wenn sonst keines. Die Leute in Darra waren sprachlos, ich überfiel sie wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Als sie sich erholt hatten, feuerten sie eine Salve ab. Mein armes Gefolge! wo das war, wußte kein Mensch. Denke Dir Deinen Bruder, einen einzelnen, staubigen, sonnverbrannten Menschen auf seinem Kamel und über und über mit Fliegen bedeckt, wie er so ganz unerwartet im Divan erscheint. Die Leute starrten mich an wie gelähmt. Zu essen gab's nicht viel nach meinem langen Ritt, aber eine ruhige Nacht, in der ich alles Elend vergessen konnte. Bei Tagesgrauen stand ich auf, zog die goldene Uniform an, die der Khedive mir geschenkt hatte, und ging hinaus, um meine Truppen zu besichtigen. Darnach bestieg ich mein Pferd, und mit einem Geleit von meinen Räubern von Baschi-Bosuks ritt ich hinaus in das Lager der anderen Räuber, das ich in einer halben Stunde erreichte. Der Sohn Sebehrs kam mir entgegen — ein ganz hübscher Junge, etwa zwanzigjährig — und ich ritt mit ihm durch das Räuberlager. Ich schätzte, es waren ihrer dreitausend, Männer und Burschen, die er bei sich hatte. Ich ritt mit ihm bis an sein Zelt; dort waren die Häuptlinge versammelt und nicht wenig überrascht, mich in ihrer Mitte zu sehen. Ich ließ mir ein Glas Wasser geben und kehrte dann zurück, indem ich den Sohn Sebehrs einlud, mich mit seinen Angehörigen in meinem Divan zu besuchen. Sie kamen denn auch richtig und hockten im Halbkreis um mich her, während ich ihnen in gewähltem Arabisch meine Meinung beibrachte: erstens, daß ich wohl wüßte, daß sie neuen Aufruhr gegen die Regierung im Schild führten, und zweitens, daß sie mir glauben dürften, daß ich lediglich dazu gekommen sei, sie zu entwaffnen und zu vernichten. Diesen Bescheid nahmen sie stillschweigend entgegen und entfernten sich dann, um sich's zu überlegen. Es dauerte nicht lange, so erhielt ich ein Schreiben mit der Zusicherung ihrer Unterwerfung und dankte Gott dafür! Rings umher haben sie das Land verwüstet, und ich konnte es nicht ändern. Mich dauern nur die armen Leute, die es traf, darunter die mir Verbündeten, die mit mir nach Wadar (gegen die Leparden) zogen und ihr Eigentum unbeschützt zurückließen. Was für Jammer überall! Aber der Allerhöchste sieht es, und er kann helfen. Ich kann's nicht. Die verblümten Gesichter der Schurken, als sie meine Anklagen vernahmen, und die merkwürdige Gebärdensprache bei meinem ungenügenden Arabisch hättest Du mit ansehen sollen! Es ist noch keine drei Tage her, daß Sebehrs Sohn seine Pistole dreimal auf meinen Kavaß (eine Art Polizeisoldat) abfeuerte, weil der Ärmste krank war und ihm nicht entgegenkommen konnte ... Du hättest sein Gesicht sehen sollen und seine Versicherungen der Treue mit anhören, als ich ihm dies vorrückte. Schließlich habe ich ihm verziehen. Maduppa Bey hat mir seither erzählt, daß der Sohn Sebehrs sich nach der Unterredung mit mir hingelegt und kein Wort gesprochen hätte, so daß die Araber meinten, ich hätte ihn mit Kaffee vergiftet! ... Man sieht ihm an, daß er ein verwöhntes Kind ist, dem die Rute nicht schaden würde. Ich habe mir Mühe gegeben, freundlich mit ihm zu reden, aber er wirft mir nur wütende Blicke zu. Armer Junge! er wird noch manch bittere Erfahrung machen müssen, ehe er die Nichtigkeit des Irdischen erkennt; bisher war er Herr inmitten einer kriechenden Schar von Sklaven, konnte thun was er wollte, Leute umbringen, wann es ihm einfiel, und soll nun auf einmal nichts sein! Indessen — ›fahret mir säuberlich mit dem Knaben Absalom‹ — ich will suchen, nach diesem Wort zu handeln. Es ist ein zierlicher Bursche in einer Jockei-Jacke von blauem Sammet. Die ganze Sippschaft kam bis an die Zähne bewaffnet, als sie sich in meinem Divan einstellten.«

Nachdem Gordon Soliman und seiner Horde den Standpunkt klargemacht, beschloß er, die »Höhle Adullam« auszufegen, und sandte eine Abteilung seiner Truppen ab, um Schekka zu besetzen. Im feindlichen Lager war man übrigens keineswegs einer Meinung: ein Teil der Sklavenjäger war für Unterwerfung, der andere für Krieg. Soliman selber war in einem Zustand unbändigster Wut, und wenn er nur die Scheiks zu gemeinsamem Handeln hätte bringen können, so wäre ein neuer Aufstand erfolgt. Die Leute waren aber moralisch überwältigt: einer nach dem andern erklärte dem Generalgouverneur seine Unterwerfung, und dem Sohne Sebehrs blieb zuletzt nichts übrig, als sich Gordons Befehl zu fügen, der ihn nach Schekka zurückkehren hieß. Er wolle das thun, sagte der Bursche, wenn Gordon ihm zuerst Feierkleider schenke nach dem herkömmlichen Brauch und als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. »Ich habe keine Feierkleider,« erwiderte jener und fügte hinzu, daß sein Betragen ein viel zu anmaßendes sei; er wisse ja nicht einmal, was sich des Khedive Statthalter gegenüber schicke, der ihn — einen eingebildeten Jungen — mit ganz unverdienter Milde behandle. Das war dem Sohne Sebehrs eine bittere Pille, aber er mußte sie schlucken. Von Schekka aus sandte er dann einen Brief, in dem er sich Gordons getreuen Sohn nannte und eine Statthalterschaft begehrte. Darauf wurde ihm die Antwort, daß ehe er in Kairo gewesen sei, um sich dem Khedive persönlich zu unterwerfen oder sonst eine nicht mißzuverstehende Probe der Treue abgelegt habe, der General-Gouverneur ihm keinen Posten anvertrauen werde, und wenn es ihn sein Leben koste. Diesen Bescheid schickte ihm Gordon durch die Scheiks. Ehe diese sich verabschiedeten, fragte Gordon einen derselben, ob er Kinder habe; der Mann bejahte es. »Nun,« rief Gordon, »sagen Sie selber, ob eine Tracht Schläge dem Burschen nicht heilsam wäre!« Und der Scheik gab es zu.

Während er so mit den Sklavenhändlern fertig wurde, hörte er, daß sein schwarzer Schreiber, dem er bis dahin vollkommen getraut hatte, ebensowenig »bakschischfest« war, als die meisten seiner Untergebenen: er hatte sechstausend Mark Bestechungsgelder angenommen. Dergleichen Erfahrungen waren Gordon ein wahrer Schmerz. Dann kam ein Eilbote von Fascher, wo er doch über fünftausend Mann Militär wußte, mit der Nachricht, daß ein panischer Schrecken die Stadt befallen habe; Harun hatte nämlich von weither von sich hören lassen. Da verlor Gordon ob solcher bodenloser Feigheit die Geduld. Er ließ ihnen zurücksagen, sie sollten nicht sterben vor Angst, die Sklavenhändler würden ihnen demnächst zu Hilfe kommen.

In der zweiten Septemberwoche machte er sich selber nach Schekka auf den Weg. Als Soliman von seinem Kommen hörte, lud er ihn ein, in seinem Hause abzusteigen, was Gordon auch ohne weiteres annahm. Er und die anderen Raubgesellen empfingen ihn mit aller Unterwürfigkeit, ja sie kamen ihm wie ihrem König entgegen. Sebehrs Sohn war sogar ganz bescheiden und trug diesmal keine Sammetjacke; seinen Wunsch nach einer Statthalterschaft konnte er jedoch nicht unterdrücken. Gordon ließ sich aber nicht durch Unterthänigkeit bestechen, sondern erklärte dem Bittsteller, er müsse vor allen Dingen Vertrauen zu verdienen suchen. Doch war er persönlich freundlich gegen diesen »Absalom«, wie er ihn nannte, und schenkte ihm sogar sein eigenes Gewehr.

Übrigens blieb er nur zwei Tage in dem Räubernest, und das war gut, denn er hatte keine Schutzwache bei sich, und, wie sich später herausstellte, wurde während seiner Anwesenheit Kriegsrat gehalten, ob es thunlich und ratsam sei, sich an ihm zu vergreifen! Daß es nicht geschah, ist ein Wunder, das sich nur damit erklären läßt, daß seine vollständige Gleichgültigkeit gegen persönliche Gefahr wie lähmend auf seine Feinde wirkte; es war die Großartigkeit seines Wesens, die sie entwaffnete. Und wie Daniel aus der Löwengrube, so ging er aus dem Nest der Sklavenräuber hervor.

Es war auf dem Weg nach Schekka, daß er folgenden Brief schrieb:

»Weiterhin im Land hausen noch an sechstausend Sklavenhändler, die sich wohl ergeben werden, nun ich den Sohn Sebehrs und seine Häuptlinge überwältigt habe. Es ist nicht zu sagen, wie groß die Schwierigkeit ist, mit all diesen bewaffneten Horden das Rechte zu treffen. Ich trenne sie in einzelne Haufen und hoffe sie so mit der Zeit zu bewältigen. Man kann sie doch nicht alle totschießen! Haben sie nicht auch ihre Rechte, die man berücksichtigen muß? Hatten die Pflanzer (in Amerika) keine Rechte? Hat nicht selbst unsere Regierung einst Sklavenhandel gestattet? Ich hätte viel darum gegeben, Sie und die Herren von der Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels in jenen drei Tagen in Darra zu haben, als man nicht wußte, ob die Sklavenhändler sich zur Wehre setzen würden oder nicht. Eine schlechtbefestigte Stadt, eine feige Besatzung, unter der nicht einer war, der nicht vor Angst zitterte; und auf der andern Seite eine handfeste entschlossene Bande, die sich aufs Kriegshandwerk versteht, gut schießen kann und zwei Feldstücke bei sich hat. Ich hätte gern gehört, was Sie und die anderen dazu gesagt hätten! Ich sage dies nicht, um mich zu rühmen, denn Gott weiß, wie groß meine Sorge war — nicht um mein Leben, denn ich bin längst dem abgestorben, was einem das Leben lieb macht, den Annehmlichkeiten und der Ehre und Pracht dieser Welt — sondern meiner armen Schafe wegen hier in Darfur und anderwärts. Ihr sagt dies und das und handelt nicht darnach; ihr gebt Beiträge und meint, ihr habt eure Pflicht gethan; ihr lobt einander u. s. w. Es ist auch natürlich. Gott hat euch Dinge gegeben, die euch an diese Welt binden, ihr habt Frauen und Kinder. Ich habe keine und bin frei — gottlob. Verstehen Sie mich recht: wo es mir nötig erscheint, da kaufe ich Sklaven und ich hindere es nicht, wenn gefangene Sklaven nach Ägypten verbracht werden; und im Punkte der dienstpflichtigen Sklaven will ich Freiheit haben, das zu thun, was mir recht scheint und was Gott selbst in seiner Barmherzigkeit mir nahe legt; aber den Sklavenjägern will ich das Genick brechen, und wenn es mich mein Leben kostet. Ich kaufe Sklaven für meine Armee und mache sie zu Soldaten gegen ihren Willen, damit sie mir helfen die Sklavenjagd unterdrücken. Ich thue dies am hellen Tag aller Welt gegenüber, und trotz all euren Beschlüssen. Meint ihr, es würde mir das Herz brechen, meiner Würden entsetzt zu werden? ich würde mich zurücksehnen nach der entsetzlichen Ermüdung des ewigen Kamelreitens, nach all dem Elend, das ich mit ansehen muß, nach der Hitze, und nach der Plackerei meines persönlichen Lebens? Stellt euch einmal meine Reisen vor in diesen sieben Monaten! Tausende von Kilometer zu Kamel, und es wird so fortgehen, wenigstens noch ein Jahr lang. Sie finden es nur hie und da nötig, sich auf Gott zu verlassen — ich fortwährend, Tag und Nacht. Ich will damit sagen, daß Sie nur hie und da eine schwere Prüfung haben — etwa wenn Ihnen ein Kind krank ist — die Sie erkennen läßt, wie völlig schwach und hilflos Sie sind. Ich bin fortwährend in solcher Lage. Der Körper lehnt sich dagegen auf — es ist oft mehr als man tragen kann.

Zeigen Sie mir den Mann — und ich will mir von ihm helfen lassen — der Geld, Ruhm, Ehre verachtet, dem es einerlei ist, ob er je seine Heimat wieder sieht, der sich allein auf Gott verläßt als die Quelle alles Guten und den Machthaber über alles Böse, einen, der bei gesundem Körper und mit thatkräftigem Geist dem Tod entgegensieht, der ihn einst von allem erlösen wird. — Sie sagen, Sie wissen keinen? nun dann lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe wahrlich genug an meinem Leben zu tragen und brauche keine weitere Last.

»Auf einen Unterschied zwischen hier und Amerika muß ich Sie aufmerksam machen: man hört hier nie davon, daß Eigentümer ihre Sklaven zu harter Feldarbeit benutzen. Sie sind entweder Dienstboten oder im Truppendienst der Händler; es sind meist muntere flinke Kerle, gewandt wie Antilopen, auch wieder wild und schonungslos, ein Schrecken dieser Länder, und mit einem Prestige weit über das Militär der Regierung hinaus. Sie sind die Stärke der Sklavenhändler. — In Kedaref sollen sich ein paar Griechen niedergelassen haben, die eine Menge Sklaven auf Plantagen beschäftigen. Ich habe vor, sie aufzugreifen. Kurz, der Zustand der Neger hier ist weit besser, als er je in Westindien war, und ich behaupte, daß die Leute hier nicht so herzlos sind, als einst die Pflanzer mit all ihrer Bildung und ihrem Christentum.

»Ihre Ansicht über den Mohammedanismus teile ich nicht. Nach meiner Ansicht giebt es Muselmänner, die christlicher sind als manche Christen. Wir alle sind mehr oder weniger Heiden. Haben Sie je das Buch gelesen »Das moderne Christentum ein zivilisiertes Heidentum«? Ich war dieser Ansicht lange, ehe ich es las. Ich mag einen rechten Muselmann wohl leiden; er schämt sich seines Gottes nicht und sein Privatleben ist ein ziemlich reines; allerdings erlaubt er sich viele Weiber, auf der anderen Seite aber begnügt er sich mit seinen eigenen. Kann man das immer von den Christen sagen?

»Was geht mich das Ministerium des Äußeren an, oder ich das Ministerium? Ich brauche seine Hilfe nicht; es wäre unrecht gegen den Khedive, wollte ich sie annehmen. Außerdem »derer ist mehr, die bei mir sind, denn derer, die bei ihnen sind.« Ich brauche keine Helfer außer dem Allmächtigen ... Nein, mein Lieber — richten Sie Ihr Leben in Wahrheit nach dem Christentum ein, dann erst wird es Sie befriedigen. Das Christentum der meisten Leute ist ein schales, kraftloses Ding und führt zu gar nichts. Ein gutes Mittagessen ist ihnen wichtiger; es giebt nur einige wenige, die Gott dazu antreibt, sich wirklich um ihre schwarzen Brüder zu kümmern. ›Ach die armen Sklaven!‹ und ›darf ich Ihnen noch ein Stückchen Salm anbieten?‹ heißt es da in einem Atem.«

Mitte September zog er nach Obeid, weil sein Diener das feuchte Klima bei Schekka nicht ertragen konnte. Da kam es ihm vor, als erhielte seine Karawane einen ungewöhnlichen Zuwachs und es dauerte nicht lange, so entdeckte er den Sachverhalt — etwa achtzig Männer und Weiber und Kinder in Ketten. Natürlich packte er den Sklavenhändler; es war einer jener Geier. Und da hieß es denn, es sei dessen eigene Familie! Hätte Gordon sie befreit, so wären sie liegen geblieben und Hungers gestorben. So blieb nichts übrig, als einem Sklaventransport den oberstatthalterlichen Schutz zu gewähren! nur daß den armen Geschöpfen die Ketten abgenommen wurden.

Diese Reise scheint besonders ermüdend gewesen zu sein.

»Keine Sonntage für mich,« schreibt er, »es ist Last und Hitze jeden Tag, ob ich auf meinem Kamel bin oder im Zelt.«

Und überall Sklaven; manche kauft er, andere, die in der Glut fast verdursten, schickt er ans Wasser. Ihr Elend bekümmert ihn, und er hätte sein Leben gelassen, nicht einmal, sondern wieder und wieder, um den Handel mit Menschenware von der Erde zu vertilgen. Und doch weiß es niemand besser als er, daß er nichts thun kann, als neue Einfuhr möglichst verhindern. Daß er mit dem Räubernest in Schekka fertig geworden war, leuchtete wie ein Stern am Horizont seines Lebens und gab ihm die Hoffnung, daß bessere Tage kommen würden.

Ende September gelangte er nach Obeid und war vierzehn Tage später in Khartum. Der Ruhm seines Siegeszugs war vor ihm hergegangen. Die Leute konnten sich nicht genug über seine Kühnheit wundern; solcher Mut, solche Willenskraft, solche unwiderstehliche Energie war den schlaffen Menschen in diesem schlaffen Land unfaßlich. Und die Geschwindigkeit, mit der er seine riesengroße Provinz bereiste, wäre jedem andern als eine Unmöglichkeit erschienen. Seine Beamten fühlten sich ordentlich ihrer Trägheit nicht mehr sicher. »Der Pascha kommt!« war ihnen ein Schreckschuß, der besser wirkte, als Aussicht auf die Peitsche. So beherrschte der freundliche, wohlwollende Mann mit seinem felsenfesten Willen das Land.

3. Weitere Kämpfe und der Aufstand in der Bahr el Ghasal.

Am 14. Oktober 1877 war Gordon nach Khartum zurückgekehrt und schon am 23. begab er sich auf eine neue Reise. Die Arbeitslast, die er vorfand, hatte er in einer Woche bewältigt. Er sei nur noch ein Schatten seiner selbst, schreibt er; und jene Woche nennt sogar er eine harte Zeit. Auf Schritt und Tritt belagerten ihn die Leute mit Bittschriften, ihn mit Geschrei verfolgend. Sich ihrer mit Gewalt entledigen, das brachte er nicht über sich.

»Ich lasse sie eben schreien, denn wie kann ich jedem seinen Willen thun oder jeden Gefangenen frei geben? Hätte ich nicht meinen Gott zum Trost,« fährt er fort, »und das Bewußtsein, daß Er Generalgouverneur ist, wie sollte ich's weiter führen?«

Nachdem er seine Regierungsgeschäfte in Khartum erledigt und einen Mörder hatte hinrichten lassen, machte er sich über Berber nach Hellal auf den Weg, um daselbst mit Walad el Michael zu verhandeln. Die Reise den Nil hinunter war die erste wirkliche Ruhezeit, die ihm seit dem Vorfrühling 1874 im Sudan zu teil wurde. Und während er so mit stillem Gemüt den Nil hinabsegelt, spricht er sich brieflich über seinen Beruf aus. Sein englischer Biograph bemerkt hierzu, man höre da zum erstenmal ein Wort von ihm, das für Selbstüberhebung gelten könnte.

»Wie köstlich war die Ruhe heute auf dem Nilboot. Voriges Jahr um diese Zeit war ich auf meiner Heimreise vom Äquator her. Wieviel ist seither geschehen, bei Dir, bei mir, und in Europa! Mir ist so wohl zu Mut. Wenn ein Stern seine Höhe erreicht, so sagt man: er kulminiert; nun, mir ist auch, als ob ich kulminiert hätte — ich möchte weiter und höher hinauf. Doch weiß ich, daß ich hier bin, so lange es Gottes Wille ist; mit diesem Bewußtsein fuße ich wie auf einem Felsen und bin zufrieden. Mancher andere möchte wohl auch hoch steigen, aber ohne die damit verbundene Last; mir macht umgekehrt die Last die Ehre lieb und ich danke Gott dafür. Er hat mir's gelingen lassen, und wenn's auch kein sehr glänzender Erfolg ist, so ist's ein handgreiflicher, der bleibenden Wert hat. Jene Stelle im Propheten Jesaia habe ich mir zugeeignet, und soweit es in meiner Macht steht, suche ich sie zu bewahrheiten.«

Er meinte die Stelle Jesaia 19, 20:

»Welcher wird ein Zeichen und Zeugnis sein dem Herrn Zebaoth in Ägyptenland. Denn sie werden zum Herrn schreien vor den Beleidigern; so wird er ihnen senden einen Heiland und Meister, der sie errette.«

Warum aber soll das Selbstüberhebung sein? Ist es nicht vielmehr die Rede eines Menschen, der mit Paulus sagen kann: »Ich habe mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist?«

In Berber wurde zu seiner Ankunft die Stadt festlich erleuchtet, und der Generalgouverneur, »der Beklagenswerte, mußte zwei Stunden umherlaufen und den Leuten zulieb ihre trüb brennenden Ampeln bewundern — ein wahres Opfer!« Darein fügte er sich, die acht oder zehn Hofschranzen aber, mit denen man ihn umgab, hieß er ihrer Wege gehen. Sich bewachen lassen, war nicht seine Art. Auch in Berber war an Arbeit kein Mangel — Bittschriften, Briefe, Telegramme zu Dutzenden. Im ganzen Land meinten die Leute, er sei nur dazu da, ihre Privatangelegenheiten zu erledigen. Von fünfzig Stunden her telegraphiert einer, es sei ihm ein Sklave entlaufen; ein anderer, er habe Händel mit seiner Frau und ein Nachbar hätte sich drein gelegt — als ob es nirgends Bezirksgouverneure gäbe. Jenem flüchtigen Sklaven wird der Generalgouverneur nicht nachgegangen sein, auch jene Ehehändel nicht geschlichtet haben; Spital und Gefängnis aber ließ er nicht unbesucht.

Auf der Weiterreise nach Dongola mußte er sich über schlechte Kamele beklagen, die Ruhe und Stille der Wüste mit ihren klaren taulosen Nächten war ihm indessen eine wahre Erquickung nach der langen Kampfzeit und nach der feuchten Hitze in Darfur. In Meraui, dem angeblich südlichsten Grenzpunkt altägyptischer Zivilisation, erreichte er den Fluß wieder. Hier hatten die Leute seit Jahren keinen Statthalter zu Gesicht bekommen und verfolgten ihn mit Klaggeschrei. In Dongola hörte er, daß Walad el Michael Senheit bedrohe, und Gordon hatte keine Truppen. Auch ein Telegramm vom Khedive fand er vor, in welchem seine Anwesenheit in Kairo begehrt wurde. Er machte sich daher nach Ägypten auf den Weg, aber schon nach einer Tagreise bestürmten ihn Telegramme vom Sudan mit der Nachricht eines abessinischen Einfalls. Ras Arya, ein Heerführer des Johannes, bedrohte Sennaar und Fazolie, südlich von Khartum. Es schien ihm unglaublich; aber in Khartum war auch nicht ein Mensch, auf den er sich nötigenfalls hätte verlassen können; so eilte er denn nach Dongola zurück und von dort durch die Bajuda-Wüste in fünftägigem Ritt nach Khartum. Es war blinder Lärm gewesen; man hatte ein paar abessinische Grenzmänner gesehen und sie auch zurückgeworfen.

Drei Tage hielt er sich in Khartum auf, dann bestieg er abermals sein Kamel, um über Abu Haras, Kedaref und Kassala nun doch erst den Walad el Michael aufzusuchen, ehe er nach Kairo ging. Gordon hätte gewünscht, den König Johannes zu einem Einverständnis mit Walad zu bringen, wonach der König dem unruhigen Häuptling Hamasen überließe, das überdies sein angestammtes Erbe war, allein Johannes war ein Starrkopf. Walad war für die Ägypter ein böser Grenznachbar; man war seiner nie sicher. Das einfachste wäre gewesen, ihn dem abessinischen König in die Hände zu liefern, aber selbst ägyptische Politik hätte nach dem Vorausgegangenen dies für schmählich gehalten. Man hoffte, Gordon würde es zu stande bringen, die ägyptische Ehre mit möglichstem Gewinn zu retten. Somit war er denn auf dem Wege nach Senheit, wo Walad lag.

Unterwegs fand er wie gewöhnlich Ursache, sich über sein Gefolge zu beschweren; er hatte es zu eilig für seine gemächlichen Araber, und wo sie konnten, erwiesen sie sich hinderlich.

In Kassala sah er den Heiligen, Scherief Seid Hakim, einen Abkömmling Mohammeds, mit dem er schon einmal zusammengetroffen war, und der sich damals in seiner Würde verletzt fand, weil sein unwissender europäischer Gast sich neben ihn auf den Ehrendivan setzte. Diesmal war der Heilige etwas herablassender und ließ sich sogar eine Zwanzigpfundnote (400 Mark) schenken. Als Gegengeschenk that er Gordon die Ehre an, ihn zu bitten, sich zum Turban zu bekehren und ein Muselmann zu werden. Er war nicht der erste, der dem Generalgouverneur diese Bitte vortrug!

Als er Senheit erreichte, fand er, daß Walad sich in seinem Lager zu Hellal befand, und mußte zwei hohe Berge übersteigen, um dasselbe zu erreichen. Es war ein ähnliches Unternehmen wie sein Besuch in der Räuberhöhle zu Schekka.

»Die Leute in Senheit waren so furchtsam, daß ich beschloß, mich in Gottes Hand zu stellen und hierher zu reiten. Der Weg über zwei Berge war über alle Beschreibung; den zweiten zu übersteigen war eine entsetzliche Arbeit. Walad el Michael und seine Banditen lagen auf einem hohen Berg. Er hat volle siebentausend Mann bei sich, die alle bewehrt sind. Sie standen in Reih und Glied, um mich zu empfangen, und sein Sohn kam mir entgegen. Michael, hieß es, sei krank, oder gab vor es zu sein. Darnach begrüßte mich ein Trupp Priester mit heiligen Bildern. Michael empfing mich liegend — er habe ein böses Knie; aber die Leute zu Senheit sagen, es wäre nicht wahr. Dann führte man mich in mein Zelt, und ich muß sagen, ich gedachte der Löwengrube. Wir waren miteinander in einer zehn Fuß hohen Umzäunung eingesperrt. Ich wurde zornig, denn ich sah wohl, was meine Leute (zehn Soldaten) davon hielten. Ich wandte mich an den Dolmetscher und sagte ihm, daß wenn Michael vorhabe, mich als Gefangenen zu betrachten, es ihm frei stünde, daß er es aber würde büßen müssen. Das war Kleinglaube von mir, dies zu sagen! Der Dolmetscher und Michaels Sohn waren indessen so überaus höflich und voller Entschuldigungen, daß ich vorläufig wohl noch kein Gefangener bin. Ich erläuterte meine Bemerkung dahin, daß wenn es in Senheit bekannt würde, wie man mich hier logiere, man dort allerdings für meine Sicherheit fürchten müßte, und der Telegraph würde solches nach Kairo melden.«

Die Nacht verlief ungestört, abgesehen von quälenden Flöhen, welches Ungeziefer in jenen Himmelsstrichen nur in hoher Bergluft gedeiht. In der Morgenfrühe sammelten sich die Priester um des Gastes Gefängnis her und sangen ihre Hymnen — »wahrscheinlich um den bösen Geist zu bannen,« meinte Gordon. In einem späteren Brief heißt es übrigens:

»Die Priester (in Abessinien) versammeln sich morgens um drei Uhr und singen eine Stunde lang in eigentümlich melodischer Weise davidische Psalmen. Es hat für den aus dem Schlaf erwachenden Hörer etwas tief Ergreifendes.«

Am folgenden Tag hatte er eine Unterredung mit Walad und machte ihm den Vorschlag, beim König von Abessinien um Pardon einzukommen. Der »Patient« wies dies energisch von sich und meinte im Gegenteil, die ägyptische Regierung thäte wohl daran, ihm weitere Distrikte (zum Plündern) zu überlassen; auch erklärte er sich bereit, die abessinische Stadt Adowa zu überfallen. Zwar wußte Gordon, daß er den listigen Verbündeten auf diese Weise leicht dem Johannes in die Hände spielen könnte, aber Verrat war nicht seine Sache, und er brachte Walad durch eine beträchtliche Geldsumme fürs nächste zur Ruhe.

»Wie verhaßt mir diese Abessinier sind,« schreibt er, »den Walad mitgerechnet; sie haben auch gar nichts Anziehendes. Ihr Christentum ist ein totes; und was ihre Zivilisation betrifft, so sind sie nicht viel besser als die Stämme am Äquator. Wäre es nicht der europäischen Regierungen wegen, ich kümmerte mich nicht um diesen Johannes. Meine Beduinen von Darfur und hier herum sind andere Leute. Manche der jüngeren Leute haben eine Haltung, die man ordentlich beneiden möchte. Ich könnte nie durch mein Äußeres imponieren, aber diese jungen Ismaels sind lauter Prinzen.«

Den König Johannes nennt er anderswo »einen richtigen Pharisäer«, und sagt von ihm, er führe eine Sprache wie das alte Testament, abends betrinke er sich und am frühen Morgen singe er Psalmen; wenn er in England wäre, ginge er zu den Methodisten und hätte eine Bibel so groß wie ein Handkoffer. Gordon war offenbar froh, den Abessiniern den Rücken kehren zu können und begab sich nach Massaua am Roten Meer, um dort eine Antwort von Ras Barin, dem abessinischen Grenzgeneral, abzuwarten. Er hatte nämlich dem Könige den Vorschlag gemacht, wenigstens Walad el Michaels Truppen Pardon zu gewähren, damit sie sich nach Abessinien flüchten könnten, wenn er sich etwa zu einem Angriff genötigt sehen sollte. Die Antwort aber blieb aus. Johannes lag zu Feld gegen Menelek, den König von Schoa, und so wenig umfangreich das Land ist, wußte niemand genau zu sagen, wo das wäre. Gordon wartete eine Zeit lang und trat dann über Suakim und Berber den Rückweg nach Khartum an. Unterwegs erhielt er einen zweiten Befehl vom Khedive, sich in Kairo einzufinden, um an Finanzberatungen teilzunehmen. Der bloße Gedanke daran war ihm verhaßt; überdies meinte er, nach seinem Nomadenleben im Sudan sei er weniger als je dazu geeignet, an höfischem Leben Gefallen zu finden. Es war Ende Dezember; über sechstausend Kilometer Wüstenritt lagen hinter ihm in diesem Jahr, und leider hatte er unterlassen, die Binde um Brust und Hüfte zu tragen, die beim Kamelreiten der fortwährenden Erschütterung wegen nötig ist. Die schlimmen Folgen zeigten sich nun.

»Ich habe mir das Herz oder die Lungen verrüttelt und habe ein Gefühl in der Brust als ob alles verrenkt wäre ... Wahrlich, obwohl ich lieber hier bin, als sonstwo auf der Welt, es wäre besser tot sein, als dies Leben führen. Ich habe meinem Schreiber mit der Bitte Entsetzen verursacht, mich zu begraben wo ich sterbe und jeden Araber einen Stein auf mein Grab werfen zu lassen, damit ich doch auch ein Denkmal hätte. Es ist sonderbar, so gute Fatalisten die Leute hier sind, eine solche Anspielung ist ihnen doch ein Greuel; sie meinen, es hieße den Tod mit Namen rufen, obschon sie zugeben, daß es vorherbestimmt ist, wann einer sterben soll.«

Gordon begab sich nach Kairo. Mit Dampf und Segel ging's nilabwärts und die Residenz wurde anfangs März erreicht. Der Khedive hatte seinem Oberstatthalter eine Aufforderung zur Hoftafel entgegentelegraphiert, aber der Zug hatte Verspätung, und als Gordon den vizeköniglichen Palast erreichte, fand sich's, daß die Hoheit anderthalb Stunden auf ihren Gast gewartet hatte. Staubig wie er war, mußte Gordon sich zu Tisch setzen, und alle Auszeichnung wurde ihm zu teil. Er wurde aufgefordert, als Präsident der Finanzkommission zu figurieren. Sein Platz bei der Tafel war zur Rechten des Khedive, und sein Quartier war ein Palast, in dem sonst nur fürstliche Gäste untergebracht werden. Aber die Pracht seiner Umgebung und die glänzende Bedienung waren für Gordon verlorene Liebesmüh.

»Meine Leute wissen sich nicht zu helfen vor Verwunderung, und ich auch nicht. Ich wollte, ich wäre wieder glücklich auf meinem Kamel.«

Einem Engländer, der ihn besuchte, erklärte er, er komme sich vor wie eine Fliege in diesem großen Haus. Und seiner Schwester schrieb er, es sei die helle Quälerei; er lege sich um acht Uhr schlafen, das sei noch das beste, denn er gehe abends nicht in Gesellschaft. Ismail hoffte, Gordon werde ihm aus seiner bedrängten Lage helfen. »Ich kenne keinen, zu dem ich größeres Vertrauen hätte,« schrieb der Khedive, allein die Geldangelegenheiten Ägyptens sind in den Händen europäischer Kapitalisten; englische und französische Koupon-Abschneider hatten mitzureden; wie hätte der ehrliche Gordon da mit seinem Rat durchdringen können, der kurz und gut der war, die Zinsen der europäischen Anleihen von 7 auf 4 Prozent herabzusetzen!? Kein Wunder, daß er die ganze Bande von Diplomaten und Juden gegen sich hatte, die in Kairo mitregieren. Nein, Gordon war kein Finanzrat[10] und war froh, wieder seine Wege zu gehen.

»Ich verließ Kairo wie ein gewöhnlicher Sterblicher, ohne Extrazug, und bezahlte mein Billet. Die Sonne, die so glanzvoll aufging, hatte einen ganz bescheidenen Untergang ... Die Last ist groß — ich wünsche, die Zeit der Ruhe wäre da; aber die kommt nicht, bis ich sein Werk vollbracht habe. Hier bin ich — sende mich!«

Die Reise ging über Suez, Aden, Zeila nach Harrar; er wollte den Raouf Pascha, der als grausamer Tyrann dort schaltete, abermals seines Amtes entsetzen; es war derselbe, dem er vier Jahre vorher eine Züchtigung hatte zu teil werden lassen. In Harrar blieb er nur so lang als nötig war, um Ordnung zu schaffen; dann kehrte er nach Zeila zurück, wo er nach »achttägigem fürchterlichem Marsch« am 9. Mai 1878 anlangte. Müde wie er war, ging's alsbald weiter nach Massaua und Berber. Ihn verlangte nach Khartum zurück, wo ein Berg von Arbeit seiner harrte. Das Volk freute sich seiner Rückkehr und treulose Beamte zitterten; nicht weniger als acht seiner hochgestellten Untergebenen entsetzte er ihren Würden. Aber nur zu gut wußte er, daß er mit eingefleischter Veruntreuung im ungleichen Kampf stand, weil Ägypten wie die Türkei im Regierungswesen von oben bis unten durch und durch faul ist; und Menschenkraft, selbst die eines Gordon, reicht da nicht aus, auf die Dauer zu bessern.

Die erste Nachricht von außen, die ihn in Khartum erreichte, war die, daß Walad el Michael in Abessinien eingefallen sei und sich des Ras Bariu bemächtigt habe. Somit waren Gordons Briefe an Johannes jetzt in Walads Hand, was dem Schreiber übrigens kein großer Kummer war. Walad wußte nun, wessen er sich zu versehen hatte, und daß Gordon, obschon er sich von ihm lossagte, bei Johannes um sein Leben eingekommen war.

Die zweite ungleich bedenklichere Nachricht war ein erneuter und verstärkter Aufstand der Sklavenjäger. Soliman hatte sich in die Bahr el Ghasal zurückgezogen, wo die ganze Bande der aus ihren Nestern verjagten Sklavenhändler sich zur letzten verzweifelten Gegenwehr um ihn scharte. Während Gordon den Menschenhandel im Norden im Schach hielt und die Verbindungen der Räuber mit ihren Märkten abschnitt, erhob sich Soliman im Süden, und seine Horden überfluteten die Bahr el Ghasal.

»Ich habe den ganzen Besitz der Sebehrfamilie konfisziert,« schrieb Gordon, als er dies vernommen, »und sende eine Truppenabteilung gegen den Sohn.«

Diese Unterwerfung persönlich zu leiten war ihm schon deshalb nicht möglich, weil durch Anhäufung des Ssett in den Flüssen und Seen die Verbindung der Bahr el Ghasal mit Khartum oft monatelang abgeschnitten ist. Der Generalgouverneur durfte seine Provinz auf eine solche Möglichkeit hin nicht verlassen. Aber außerdem war eine Zeit der Schwierigkeiten angebrochen, der selbst seine Energie oft manchmal erliegen wollte. Die Paschas in Ägypten arbeiteten ihm geradezu entgegen.

»Ich stehe so ziemlich mit ganz Kairo auf dem Kriegsfuß, und Dornen sind mein Teil. Aber diese Arbeit ist mir nun einmal übertragen, ich will sie durchführen, und Gott wird mich von allem Übel erlösen. Wenn man sich von den irdischen Dingen nur immer innerlich frei halten und sie dem göttlichen Walten überlassen könnte, wie viel leichter wäre dann alles! Ich verzweifle nicht, aber wenn ich sehe, daß trotz aller Anstrengung kein wirklicher Fortschritt erreicht wird, dann überfällt mich ein Überdruß und ich wollte ich wäre daheim ... Seit die einsamen Kamelritte hinter mir liegen, habe ich keine erquicklichen Gedanken mehr ... Die fortwährenden Händel sind sehr niederdrückend und täglich möchte ich rufen: Wie lang, Herr, wie lang! Ich habe nie einen ruhigen Tag ... Aber so schwer es auf mir liegt, so ist es doch besser hier arbeiten, als anderwärts ein nutzloses Leben führen.«

Man sieht hieraus und aus ähnlichen Stellen, daß selbst ein Glaubensheld wie Gordon seine Stunden hat, wo er innerlich gebrochen ist und wie David und Hiob und andere Gottesknechte zu Zeiten meint, daß das Böse siegen werde. Auch körperlich hatte er zu leiden.

»Ich war mehrere Tage recht unwohl und so allein in meinem großen einsamen Haus. Und dann schleppte ich mich von einem Zimmer ins andere, weil die Gedanken mir keine Ruhe ließen. Bei all dem habe ich den großen Trost, mich nie vor dem Tod zu fürchten.« Und einige Wochen später: »Gottlob ich bin fast wieder wohl, aber ich war zwei Tage recht elend. Die ganze Stadt ist krank dieses Jahr. Aber so krank ich war (und zwar gleichzeitig mit meiner Dienerschaft — alles lag darnieder), war es mir doch lieb, in meinem großen Haus allein zu sein und niemand zur Last zu fallen ... Ich glaube, mein armer Kopf hat nie mehr nutzlose Arbeit vollbracht als in jenen beiden Nächten. Bittschriften verfolgten mich und wenn ich meinte sie erledigt zu haben, so waren sie von neuem da; es war entsetzlich.« Und hieran knüpft er die nicht leicht zu beantwortende Frage an seine Schwester: »Was möchtest du lieber, nach einem kampflosen Leben die ewige Seligkeit in geringerem Maße erreichen, oder durch ein Heer von Prüfungen hier durch müssen, um die ewige Seligkeit in größerem Umfang zu gewinnen? Merke, die ewige Seligkeit, als eine vollständige, in beiden Fällen! Ich weiß nicht, was ich wählen würde, ich möchte lieber nicht wählen, obschon ich ein abgehärteter Mann bin, denn dies Leben ist eine fürchterliche Schule.«

Unter den äußeren Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war der trostlose Zustand der Finanzen nicht die geringste: das Volk war über und über besteuert, aber mehr als zwei Drittel der Schatzung ging nie ein. Die Steuereinnehmer waren wie die weiland römischen Zöllner, die nebenher ihre eigenen Geschäfte machten. Gebt uns ein Sechstel als »Bakschisch«, sagten sie den Leuten, dann stellen wir euch ein Zeugnis aus, daß ihr nicht mehr zahlen könnt. Als Gordon die Verwaltung antrat, fand er, daß es vorher allgemein üblich war, den Gouverneur zu bestechen, um z.B. eine Stelle zu erhalten, und zwar so, daß ein Bewerber zwölftausend Mark »Bakschisch« für eine Anstellung zahlte, die ihm kaum mehr als ein Drittel dieser Summe an Jahresgehalt eintrug. Natürlich lag der Schluß nahe, daß die Beamten auf ganz andere Einkünfte als ihren Gehalt ihr Augenmerk richteten. Gordons Wachsamkeit legte manchem das Handwerk; das System war aber so eingerissen, daß er sich anfänglich der ihm zukommenden »Bakschisch«-Gelder gar nicht erwehren konnte; er legte sie in die Verwaltungskasse. Aber Ägypten selber betrachtete das abhängige Land nur als eine Geldquelle, und nicht zufrieden mit rechtmäßigen Einkünften, wie z. B. dem Ertrag des Elfenbeins, war es unter den ägyptischen Paschas ganz üblich, ihr eigenes Defizit aus dem Sudan zu decken. Selbst der Khedive telegraphierte seinem Statthalter Gordon, so oft er sich in Geldverlegenheit befand.

»Ich bin hinter den Büchern gewesen,« schreibt dieser, »und habe einen guten Streich geführt. Die Finanzverwaltung von Kairo telegraphierte um eine halbe Million Mark, die der Sudan dorthin schulde. Ich habe die (alten) Abrechnungen nachgesehen und finde, das umgekehrt Kairo dem Sudan hundertachtzigtausend Mark schuldet!«

Er ließ sich nie dran kriegen, von keinem Vizekönig und keinem Minister. Im ersten Jahr seiner Verwaltung fand er ein Defizit von über fünf Millionen Mark in seinen Finanzen, im zweiten Jahr hatte er's auf eine Million heruntergebracht, und mit der Zeit hoffte er der Schulden ganz Herr zu werden und rechtmäßige Überschüsse nach Kairo zu schicken. Er hatte oft Ebbe in der Kasse und dabei die fortwährenden Schwierigkeiten mit dem Sklavenhandel — »wahrlich, man ist hier nicht auf Rosen gebettet!« rief er aus.

Denn bei aller übrigen Not hatte er ein wachsames Auge auf die Sklavenwirtschaft. Im Juli z. B. meldete er:

»Wir haben in diesen zwei Monaten zwölf Sklaventransporte abgefangen; auch ist mir ein Brief von einem Händler in der Bahr el Ghasal in die Hände gefallen, worin dieser seinen Abnehmern schreibt, er habe eine Menge Sklaven bereit, wisse aber nicht, wie sie landabwärts bringen. Er wird sich wundern, die Antwort von mir zu erhalten ... So weit es in meiner Macht steht, soll dieser Handel aufhören.«

Einige Wochen später wurde von seinen Leuten eine Karawane von neunzig Sklaven aufgefangen, die Überbleibsel von einer viermal größeren Anzahl, die über achthundert Kilometer weit durch die Wüste hergeschleppt worden waren; die wenigsten davon waren über sechzehn Jahre alt, die meisten ganz junge Kinder.

»Es fällt mir schwer, die Händler nicht nach Verdienst zu züchtigen (ihm selbst waren ja die Hände über ein gewisses Maß hinaus gebunden); aber ich darf nicht vergessen, daß Gott es zuläßt, und ich muß nach dem Gesetz handeln. Ich thue mein Bestes, und fürs übrige ist Er Generalgouverneur.«

In der Bahr el Ghasal waren, wie bereits gemeldet, die Sklavenjäger in erneutem Aufstand, und zwar abermals infolge eines geheimen Aufruhrs Sebehrs, jener Geißel Zentral-Afrikas, von welchem der ganze Greuel ausging. Der schwarze Pascha hoffte seiner Gefangenschaft in Kairo dadurch ledig zu werden, daß man ihn als den einen Mann, der die Bahr el Ghasal zu beschwichtigen vermöchte, nach dem Sitz des von ihm selbst hervorgerufenen Aufruhrs schicken würde. Sein Sohn Soliman war sein Stellvertreter. Und daß er so rechnete, war keineswegs weit vom Ziel geschossen; Gordon erlebte es in den nächsten Monaten, daß rücksichtlich des Sudaner Budgets Nubar Pascha ihm von Kairo aus den Vorschlag machte, ihm den Sebehr als eine Art Finanzbeirat zu schicken. Derselbe hoffte den Sudan so zur Blüte zu bringen, daß Ägypten in kurzer Zeit auf eine halbe Million Mark Einkünfte von dorther werde rechnen können. Gordon meldete zurück: ja, eine halbe Million aus Sklaventransporten, er begehre solcher Hilfe nicht.

Der Umfang des Aufstandes war anfänglich weder in Kairo noch in Khartum bekannt; später stellte es sich heraus, daß die Hauptsklavenhändler die Provinzen des Sudan von vornherein unter sich verlost hatten und sich mit der Hoffnung trugen, ihre Fahnen auf den Mauern Kairos wehen zu lassen. Keineswegs ein unmöglicher Traum! Auch als jener Aufstand unterdrückt war, erklärte es Gordon als seine Meinung, daß irgend ein entschlossener Anführer den Sudan gegen Ägypten aufwiegeln könne, wie das ja auch durch den Mahdi seither geschehen ist. Es sind nicht nur die Sklavenjäger, die das Brandmaterial in jenen unglücklichen Ländereien ausmachen, obschon diese an sich zu jener Zeit mächtig genug waren, um Ägypten in Atem zu erhalten, ein weiterer Zündstoff ist in den arabischen Stämmen vorhanden, die vor Hunderten von Jahren übers Rote Meer herüberkamen und sich im Innern von Afrika festsetzten. Diese Araber sind kriegstüchtige Leute, stolz auf ihre Abkunft und nach moslemischen Begriffen von sittlicher Lebensart. Diese sind es hauptsächlich, die sich dem Mahdi anschlossen, um die verhaßten Ägypter zu vertreiben, und sie waren es, die in jenem Aufstand Solimans Horden verdoppelten und verdreifachten. Fürs übrige stehen sie den Negern näher als den Ägyptern; sie selbst aber treiben Sklavenhandel, und Solimans Banditen waren zum Teil Angehörige dieser Stämme. »Unser ist das Land,« war der Schlachtruf jener Araber, »wir brauchen keinen Effendina (Khedive) hier!« »Wären Sebehr und seine Leute nicht so verruchte Sklavenjäger,« schrieb Gordon, »und hätten sie sich nicht solch furchtbare Grausamkeiten zu schulden kommen lassen, es wäre für den Sudan vielleicht besser gewesen, die Aufrührer hätten ihren Zweck erreicht. Und — fügte er fernsichtig bei, — wenn England und Frankreich sich nicht besser vorsehen und für eine gerechte Verwaltung sorgen, so ist ein Sichlosreißen des Sudan von Ägypten nur noch eine Frage der Zeit.«

Gordon verlor keinen Augenblick, den Aufruhr zu dämpfen, und da er nicht selbst den Rebellen entgegenziehen konnte, so entsandte er Gessi, seine rechte Hand, einen tüchtigen Soldaten, der uns schon vom Äquator her bekannt ist und den Gordon bei dieser Gelegenheit folgendermaßen beschreibt:

»Romulus Gessi, Italiener, neunundvierzig Jahre alt; kurz, von gedrungener Gestalt; ein kaltblütiger, entschlossener Mann, und in praktischen Dingen ein geborenes Genie.«

Auf seinem Wege nilaufwärts stieß dieser tapfere Soldat auf reichliche Beweise, daß die ägyptischen Beamten eigenen Gewinnes halber mit den Händlern unter einer Decke steckten. Nicht nur begegneten ihm bei jeder Wendung mit Menschenware beladene Boote, sondern sogar Dampfer, die unter der Flagge der Regierung dem Sklaventransport Vorschub leisteten. Auf einem der Boote fand er an dreihundert Schwarze und unter diesen einige Lastträger, die als freie Menschen mit Ladungen von Elfenbein und Getreide nach Lado gekommen waren. Ibrahim Fansi aber, der dortige Statthalter, bemächtigte sich ihrer und verschiffte sie auf seine Rechnung in die Sklaverei. Zum Glück begegneten sie einem handfesten Befreier. Gessi war auf dem Wege nach den Äquatorialdistrikten, um auf den verschiedenen Stationen seine Streitmacht zu vervollständigen. Auf dem Rückwege landete er seine Mannschaft in Gaba Schambil, aber erst mit Anfang September konnte er durch das überschwemmte Land westwärts ziehen und infolge der Regenzeit mußte er wochenlang in Rumbehk am Bahr el Rohl bleiben. Dort erreichte ihn die Nachricht, daß der Sohn Sebehrs sich zum Herrn der Bahr el Ghasal aufgeworfen habe, daß er in Dem Idris die ägyptische Besatzung überfallen und vernichtet habe, wodurch ein beträchtlicher Vorrat von Kriegsbedarf in seine Hände gefallen sei. Die Häuptlinge der Araber in der Umgegend wandten sich ihm auf diesen Erfolg hin massenweise zu, und solche, die es nicht thaten, metzelte er nieder. Weiber und Kinder erlagen entweder seiner Grausamkeit oder wurden in die Sklaverei geschickt. Rings umher hatte er die Leute ihrer Kornvorräte beraubt, so daß sie zu Hunderten Hungers starben.

Soliman hatte sechstausend Mann, und es verlautete, er beabsichtige einen Überfall auf Rumbehk; Gessi hatte nur dreihundert reguläre Truppen mit zwei Feldstücken und etwa siebenhundert schlechtbewaffnete Irreguläre. Er erwartete noch bis dreihundert Mann Verstärkung und machte sich alsbald daran, Rumbehk zu befestigen. Seine von Gordon erwartete Hilfe blieb aber aus, weil sein Schreiben an den Generalgouverneur fünf Monate lang nach Khartum unterwegs war! Hilfe von den benachbarten Bezirksstatthaltern erhielt er nicht. An Beamten scheint die Provinz keinen Mangel gelitten zu haben. In Dem Idris hatte sich eine »fabelhafte Anzahl« derselben die Langeweile mit Tricktrackspielen vertrieben, während Jussuf Bey, der Bezirksgouverneur, ein ruchloses Leben führte, worin seine Untergebenen, sämtlich seine Neffen und Vettern, ihn nach Kräften unterstützten. Ägyptische Wirtschaft! Am 17. November verließ Gessi seine feste Stellung, und das war der Anfang eines Kriegs- und Siegesmarsches, das Ergebnis einer Energie, wie sie nur aus Gordons Schule hervorgehen konnte. Unaufhaltsam durch das Land der Ströme vorwärtsdringend und auf Flößen übersetzend — einmal inmitten von Krokodilen — verschanzte er sich in dem am gleichnamigen Fluß gelegenen Dorfe Wau. Dort kamen ihm die Eingebornen Hilfe suchend von allen Seiten entgegen. Über zehntausend Menschen hatte Soliman aus den Dörfern der Bahr el Ghasal geraubt. Ein Araberhäuptling schloß sich ihm mit siebenhundert Bewaffneten an und nun warf er sich auf Dem Idris, welche Stadt er befestigte, eines Überfalls von Soliman gewärtig.

Der Sohn Sebehrs aber hatte sich überraschen lassen; bei dem überschwemmten Lande wähnte er Gessi noch in weiter Ferne und war selbst im Begriff, in seine Höhle zu Schekka zurückzukehren. Als ihm aber die Nachricht von der Nähe des Feindes kam, sammelte er rasch seine Streitkräfte, über zehntausend Mann, und warf sich auf Dem Idris. So sicher war er seiner Sache, daß er schon die Stricke in Bereitschaft hielt, um Gessi und seine Handvoll Leute zu binden. Viermal kam es zum Angriff, und viermal wurde er zurückgeschlagen, das erstemal am 27. Dezember, wobei er tausend Tote und fünf Standarten zurückließ. Aus Mangel an Munition konnte Gessi den zurückgeworfenen Feind nicht verfolgen. Dieser machte vierzehn Tage später einen neuen Angriff und wurde abermals zurückgeschlagen. Soliman und seine Häuptlinge hatten sich vorher im Kriegsrat mit einem Eidschwur auf den Koran zu Sieg oder Tod verbündet. Durch Überläufer wußte Gessi davon und verband sich seinerseits mit seinen Leuten, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. So wenig Kriegsbedarf hatte Gessi, daß er nach dem ersten Angriff die Kugeln des Feindes sammeln und wieder gießen lassen mußte. Er sah aber, daß den schwarzen Soldaten der Sklavenhändler der Mut gebrach, daß die Araber mit gezückten Schwertern hinter ihnen standen und den Zagenden den Garaus machten. Am folgenden Morgen kam es zum dritten Angriff und sieben Stunden lang wütete der Kampf. Endlich wichen die Horden Solimans. Dieser war in verzweifelter Wut von seinem Pferd gesprungen und weigerte sich zu fliehen; wenn der Tod ihn nicht finde, wolle er ihn suchen, schrie er, aber seine Leute schleppten ihn mit Gewalt davon. Abermals nach vierzehn Tagen, in der Nacht des 28. Januar 1879, stürmte der Feind heran. Eine von Solimans Bomben setzte ein Strohdach in Brand, und das Lager stand in Flammen. Gessi war dadurch gezwungen, den Kampf im offenen Feld zu wagen, aber nach drei Stunden hatte er die Sklavenhändler in die Flucht geschlagen.

Im März erhielt er Zufuhr von Pulver und Blei und konnte es wagen, den Feind in seiner Verschanzung anzugreifen. Solimans Lager bestand aus einem Verhau von Baumstämmen, im Zentrum war eine feste Verschanzung, die sechs- bis achttausend Mann deckte, und darum her standen statt der Zelte Reisighütten. Eine Rakete der Angreifenden fiel ins Lager, und im Augenblick brannte alles lichterloh. Die Rebellen suchten mit verzweifelten Anstrengungen des Feuers Herr zu werden, aber bald stand auch die äußere Einpfählung in Flammen, und den Banditen blieb keine Wahl als einen Ausfall zu machen. Sie wurden auf ihr brennendes Lager zurückgeworfen und retteten sich zuletzt in wilder Flucht. Ihr Verlust war ein beträchtlicher. Die Nacht senkte sich auf Gessis müde Schar, die seit dreizehn Stunden der Nahrung ermangelte. Am andern Morgen bemächtigten sie sich des halbverbrannten Lagers; verkohlte Leichen bedeckten die Stätte und weithin lagen die auf der Flucht Umgekommenen. Mangel an Schießbedarf verhinderte Gessi abermals, seinen Sieg auszubeuten. Der Statthalter von Schekka, als der nächste, der Zufuhr hätte verschaffen können, ließ ihn im Stich, und als die Pocken in Dem Idris ausbrachen, war seine Lage in der That eine traurige.

Während der tapfere Italiener den Sohn Sebehrs auf diese Weise im Schach hielt, war Gordon, wie wir gesehen haben, an der Arbeit in Khartum. Der Anfang 1879 brachte ihm nicht weniger als drei Einladungen nach Kairo; er umging sie mit der Antwort, daß der Zeitpunkt ein kritischer und eine Folgeleistung für ihn mit der Niederlegung seines Amtes gleichbedeutend sei. Während er täglich seine wirkliche Rückberufung erwartete, erhielt er die Nachricht vom Fall seines Gegners, des Nubar Pascha selbst. Gordon hatte dem Gessi deshalb keine Verstärkung schicken können, weil Nubar ihm das Militär verweigert hatte. Es war bei dieser Gelegenheit, daß dieser ihm statt eines dringend nötigen Regiments Soldaten den Sebehr anbot! Gordons Sorge um Gessi nahm täglich zu, und wiederholt telegraphierte er dem Khedive um Genehmigung eines Zuges seinerseits nach Kordofan und Darfur. Mitte März machte er sich dann nach Schekka auf den Weg.

Den Zweck seines die Unterstützung Gessis bezweckenden Unternehmens beschreibt Gordon folgendermaßen:

»Erstens galt es, die Anhänger des Sohnes Sebehrs in Kordofan zu verhindern, den Sklavenhändlern Hilfe zuzuführen; zweitens, dem Feind den Rückzug abzuschneiden und Sebehrs Horden zu verhindern, in Darfur einzufallen und sich daselbst mit dem angeblichen Sultan zu vereinigen, der im Hügelland noch sein aufrührerisches Wesen trieb; und drittens, Gessi moralischen Beistand zu gewähren sowie ihm den nötigen Kriegsbedarf zukommen zu lassen.«

In größter Eile drang Gordon vorwärts nach Schekka. Durch Gluthitze bei Tag und empfindliche Kälte bei Nacht, über sandige Strecken und verdorrtes Gras trug sein Kamel ihn durch die wasserlose Wüste. Der Weg ging über Obeid, wo die Leute »sauer sahen, weil er Handel und Gewerbe durch Unterdrückung der Sklavenjagd beeinträchtigte.« Da und dort faßte er unterwegs Sklavenkarawanen ab, konnte die Händler aber nur durchpeitschen und ihnen die verbotene Ware abnehmen.

Persönlich hatte er »keinen sehnlicheren Wunsch, als sie zu erschießen,« — es war lediglich das Gesetz,[11] das ihn daran verhinderte.

Auf einem nächtlichen Ritt in jener Zeit aber sah er einen Ausweg, den Greuel besser als bisher zu unterdrücken.

»Von gestern abend halb sieben bis halb vier diesen Morgen habe ich auf meinem Kamel gesessen. Und auf diesem langen Ritt zeigte sich mir eine Möglichkeit den Sklavenhandel zu vernichten, dadurch nämlich: 1) wer im Lande Darfur wohnt, muß eine Aufenthaltskarte haben; 2) niemand darf das Land betreten oder es verlassen ohne Paß für sich und sein Gefolge. Auf diese Weise kann niemand im Land verweilen, ohne seine Erwerbsquelle nachzuweisen, und niemand kann ohne Kenntnisnahme der Regierung darin umherreisen. Ein Zuwiderhandeln dieser Verordnung wird mit Gefängnis oder durch Beschlagnahme des Besitzes der Schuldigen bestraft.«

Er berichtete dies der Schwester als einen guten Nachtgedanken, den er aber nicht seinem eigenen klugen Kopf zuschrieb, denn es steht in Klammern daneben: »So aber jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott, der da giebt einfältiglich jedermann, und rückt es niemand auf.« Allerdings sieht er nur zu bald ein, daß sein Nachtgedanke zwar theoretisch gut, aber praktisch unausführbar ist; denn wer sollte der Paßanwendung Nachdruck verleihen? Am 8. April erreichte er Schekka, »diese Sündenhöhle.« »Das Entsetzen der Sklavenhändler« — es waren ihrer mehrere hundert beisammen — »war groß«.

Am Tage vorher hatte ihn die Nachricht von Gessis Erfolgen erreicht, dem um diese Zeit auch die ersehnte Verstärkung geworden war. Während Gordon in Schekka dem Greuel den Boden sozusagen unter den Füßen wegzog, errang Gessi in der Bahr el Ghasal neue Siege. Die armen Schwarzen wußten sich nicht zu fassen vor Glück! Ein Dorf ums andere wurde ihnen zurückerobert, und ihre grausamen Unterdrücker fanden die verdiente Strafe. Mehr als zehntausend jener Unglücklichen schenkte er ihre Heimat wieder. Einmal brachten seine Späher ihm acht Sklavenjäger ins Lager und mit ihnen achtundzwanzig zusammengekoppelte Kinder. Er ließ die Schurken sofort erschießen. Ein paar Tage später hängte er eine ganze Reihe derselben im Wald auf. Kein Tag verging, daß nicht ein Negerhäuptling kam und sich ihm mit Dankesthränen zu Füßen warf; jetzt endlich konnten sie's glauben, daß es eine Regierung gebe, der es obliege, sie zu schützen.

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