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Gordon, der Held von Khartum

Neuntes Buch. Khartum.

Reading edition

1. Der Mahdi.

Während Gordon sein stilles Jahr in Palästina verlebte, gelangte man daheim zur Erkenntnis, daß der Zustand in den Armenquartieren der reichen »City« ein Schandfleck für England sei. Es war das Jahr, in dem »der bittere Notschrei Londons« in allen Ohren wiederklang. Es wurden Untersuchungen eingeleitet, und die Enthüllungen, die es gab, entsetzten die feine Welt. Wohl war es teilweise ein Sensationsinteresse, es lag ein gewisser Kitzel darin, die sogenannten untersten Schichten aufzuwühlen, aber man fing doch ernstlich an, auf Besserung der Zustände zu drängen. Es wurden Komitees ernannt und Sitzungen gehalten, auch in der Folge mancherlei gethan. Ob das Los der Armen seither ein merklich gebessertes ist, bleibe dahingestellt; dergleichen wird wohl weniger durch Komitees, als durch einzelne Menschen erreicht, denen die Liebe gegeben ist, unter den Elenden zu leben. Es giebt solche, aber ihrer sind wenig. Der Notschrei drang bis ins heilige Land, und Gordon lieh ihm ein williges Ohr; ja er fing an, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob es in Whitechapel und Spitalfields nicht eine ähnliche Arbeit für ihn gebe, wie s. Z. zu Gravesend, ob ein Leben der Samariterliebe im Herzen von London nicht die Lösung für seine Zukunft wäre, die ihn nur um so völliger in Anspruch nehmen würde, als der Jammer in jenen Höhlen der krassesten Armut und Verkommenheit weit über dem steht, was in der kleinen Themsestadt zu finden ist, deren Gassenjungen seine »Prinzen« waren.

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Während Gordon sich in Gedanken mit seinen armen Brüdern und Schwestern in der englischen Hauptstadt beschäftigte und die Aussicht ihm eine liebe wurde, sich dieser »Innern Mission« zu widmen, brachte anderswo ein König ganz andere Pläne zu Papier und versah sich des Träumers in Palästina, als des Mannes, der sie ihm verwirklichen sollte.

Es war der König von Belgien, der in Gordon den Mann erblickte, welcher als Stanleys Nachfolger die Hoffnungen des »freien Kongostaats« ihrem Ziel entgegen führen sollte. Wahrscheinlich hat Stanley selbst auf Gordon hingewiesen; und dieser war zu allem bereit, was dazu dienen konnte, dem Sklavenhandel im Innern von Afrika entgegen zu arbeiten und den umnachteten Weltteil den Einflüssen christlicher Zivilisation zu erschließen. Der Plan war kein geringerer, als vom Kongo aus dem Njamnjamlande und den Gebieten der Rituellen beizukommen und auf diese Weise die verschiedensten Negerstämme zu einem Bund gegen die Sklavenwirtschaft im Sudan zu vereinigen. Es war gegen Ende des Jahres 1883, daß die belgische Aufforderung Gordon erreichte. Schon drei Jahre vorher, als er sein Amt im Sudan niederlegte, hatte er bei Gelegenheit einer Audienz in Brüssel seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, dem König in dieser Sache zu dienen, wenn es sich so fügen sollte, daß man seiner bedürfe. Und als dieser ihn nun an sein Versprechen mit dem Bemerken erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen sei, der unter Gordons Leitung zu den schönsten Hoffnungen am Kongo berechtige, war es die gewohnte Schlagfertigkeit des Mannes, die stehenden Fußes die palästinischen Studien abbrach und die Pläne hinsichtlich der Armen Londons auf eine künftige Zeit verschob. Er wartete nicht einmal ein richtiges Passagierboot ab, sondern verließ Jaffa bei erster bester Gelegenheit mit einem Frachtschiff, das ihn um ein kleines mit samt der Ladung auf den Meeresboden gebettet hätte. Am letzten Abend des Jahres 1883 erreichte er Genua und nahm den Schnellzug durch die Neujahrsnacht nach Brüssel. Es war der Anfang des für ihn so verhängnisvollen Jahres 1884, aber noch ahnte er nicht, daß Khartum sein Ziel war. Er gedachte der Kongo-Arbeit, die seiner harrte, und seine Seele war stille zu Gott.

»Ich war allein in meinem Koupé,« schrieb er den Freunden in Jaffa, »und habe auch an euch alle gedacht!«

Und die Freunde in Jaffa wußten, was er damit sagen wollte. Sie gehörten mit zu der Liste von etlichen hundert ihm Nahestehender, deren er vor Gott gedachte. Wer diese Liste hätte durchsehen können — ein König hier, ein alter Netzstricker dort, die seine Fürbitte brauchten!

Der belgische König war entzückt, einen so trefflichen Bevollmächtigten gewonnen zu haben, und Gordon ging nach England, um sich von den Seinen zu verabschieden. Sein Entlassungsgesuch aus dem englischen Dienst hatte er eingesandt. Noch vor Ende Januar wollte er wieder in Brüssel sein, um von dort die Reise nach dem Kongo anzutreten. Wie ganz anders sollte es kommen!

Daß im Sudan alles drunter und drüber ging, wußte er. Kein Jahr war vergangen, nachdem er seine Statthalterschaft niedergelegt hatte, da kamen Hilferufe genug von Khartum her, welche den guten Pascha zurückverlangten, der allein im stande war, dem geknechteten Volk eine Schutzmauer gegen seine Unterdrücker zu sein. Der Sklavenhandel war neu aufgeblüht und von Ägypten war keine Rettung zu erwarten. Die englische Bevormundung der ägyptischen Frage, die sich kurzer Hand als eine Koupon-Politik bezeichnen läßt, hatte nicht viel Gutes erreicht; und sowohl die englischen als die ägyptischen Minister waren viel zu sehr von dem Arabi-Aufstand in Anspruch genommen, als daß man Zeit gehabt hätte, im Sudan zum Rechten zu sehen. Dort war unter Gordons Nachfolger in der Statthalterschaft, jenem berüchtigten Rauf Pascha, eine böse Zeit angebrochen. Die Erpressung seitens der Beamten war ärger denn je, und als im Mahdi ein angeblicher Befreier sich erhob, war der Zündstoff im Lande in einer Weise angehäuft, daß der Aufruhr wild empor loderte.

Wie es mit der Gelderpressung durch übermäßige Besteuerung aussah, beschrieb der Times-Korrespondent Power, den Gordon in Khartum vorfand, und der einer der drei Engländer war (Gordon und Stewart die beiden andern), die des Landes Märtyrer wurden.

»Wenn die Leute hier ihre Acker bebauen wollen,« lautete der Bericht, »so müssen sie eine Steuer zahlen; und um Wasser aus dem Nil auf ihre Äcker zu leiten, ohne welches das Land nutzlos ist, müssen sie eine zweite Steuer zahlen. Wenn das Korn dann geerntet ist, kommt die dritte Steuer, ehe sie es verkaufen dürfen. Ist die Ernte gut, so wird die Steuer verdoppelt, damit neben der Regierungskasse der Privatbeutel des Pascha nicht zu kurz komme. Lassen die Leute unter diesen Umständen den Ackerbau liegen, dann kriegen sie die Karbatsche aus guter Rhinozeroshaut. Wenn der Bauer für Weib oder Kind ein armseliges Kleidungsstück kauft oder seine Lotterfalle von Haus wetterfest zu machen sich getraut, dann heißt's, er müsse Geld versteckt haben, das noch nicht besteuert sei. Kurz, die Leute müssen zahlen und zahlen und wieder zahlen, ob sie wollen oder nicht, ob sie können oder nicht; und wer nicht arbeitet, wird bis aufs Blut gequält, bis er mithilft, die Beamten zu bereichern. Wer ein Boot auf dem Nil hat, muß achtzig Mark zahlen, wenn er nicht unter ägyptischer Flagge fährt, und die Erlaubnis, die Flagge zu führen, kostet ebenfalls achtzig Mark. Dies ist's, was in erster Linie am Aufruhr schuld ist, nicht der Mahdi; und ich wünsche aus tiefster Seele, daß jeder Ägypter aus dem Land gejagt werde. Die Zustände der Sklavenwirtschaft, so beklagenswert sie sind, sind immerhin noch besser, als solch ein Regiment ägyptischer Blutsauger.«

Zwischen dem Mahdi des Sudan und jenem Schulmeisterkönig des großen Friedens in China ist eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar; der Aufstand war beidemal der eines falschen Propheten, welcher eine himmlische Sendung vorgiebt, um ein im Elend verkommenes Volk für seine Zwecke zu gewinnen. Beiden gelang es in erstaunlicher Weise, mit ihren Horden das Land zu verheeren und Träume einer goldenen Zukunft auszustreuen.

Der Mahdi wollte nichts Geringeres sein, als der Messias der moslemitischen Völker.

Die zum Islam »Bekehrten« sind in Zentral-Afrika nach Millionen zu rechnen, und mit der Lehre Mohammeds hatte sich in jenen Ländern auch die Erwartung verbreitet, daß in der Fülle der Zeit ein Mahdi, d. h. Führer, erscheinen werde, dem es vorbehalten sei, das Werk des Propheten mit Schwerteskraft zu vollenden, um die Gottlosigkeit von der Erde zu vertilgen, das unschuldig vergossene Blut der Imams zu rächen und ein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten.

Es hat zu verschiedenen Zeiten Mahdi gegeben, und der, dem es neuerdings gelang, die Messiashoffnungen seiner Glaubensgenossen zu seinen Gunsten auszubeuten und die unterdrückten Stämme bis zu seinem im Sommer 1885 erfolgten Tode um sich zu scharen, war ein Eingeborner der Provinz Dongola, ein noch nicht vierzigjähriger Mann von hoher geschmeidiger Gestalt, schwarzem Bart und hellbrauner Gesichtsfarbe. Er hieß Mohammed Achmet und war der Sohn eines Schiffszimmermanns Namens Abdallah. Mohammed war der jüngere von mehreren Brüdern und wurde in seiner Jugend gleich diesen zum väterlichen Handwerk angehalten. Eine Abneigung dagegen machte sich jedoch früh bei ihm bemerkbar; er zog sich gern von den Menschen zurück und beschäftigte sich stundenlang mit dem Koran. Als junger Mensch entlief er der Heimat infolge einer Tracht Prügel; ging nach Khartum und schloß sich der »Medressu« oder freien Schule eines Fakir an, der zu Hoghali, einem Dorfe östlich von Khartum, dem Lehrwesen oblag. Diese Schule gehörte zum Grab des Scheik Hoghali, des hochverehrten Schutzheiligen von Khartum; und der Hüter des Schreins, obschon er für die freie Schule aufkommt und die Armen speist, erfreut sich einer schönen Einnahme seitens der andächtigen Wallfahrer. Er giebt vor, ein Abkömmling des ursprünglichen Hoghali und durch diesen Mohammeds selbst zu sein. Hier also ließ Mohammed Achmet sich nieder und befleißigte sich des Studiums der Religion. Nach einiger Zeit begab er sich nach Berber und besuchte die Schule des Scheik Ghubusch, der ebenfalls eines Heiligenschreins wartete. Im Jahr 1870 schloß er sich einem andern Fakir an, dem Scheik Nur el Daim (das ewige Licht). Dieser fand ihn soweit vorgerückt in der Religion, daß er ihn selbst zum Scheik oder Fakir bestellte, worauf der neue Lehrer sich auf die Insel Abba im Weißen Nil zurückzog. Dort lebte er eine Zeit lang in beschaulicher Stille, indem er sich in einer Höhle verbarg und stundenlang den Namen Gottes hersagte, viel fastete und Weihrauch verbrannte. Bald stand er im Geruch absonderlicher Heiligkeit; es sammelten sich Derwische um ihn, er wurde reich und heiratete eine Menge Weiber, die er sich umsichtigerweise unter den Töchtern der angesehensten Scheiks erwählte. Allerdings soll der wahre Moslem mit vier Weibern sich begnügen, und der kluge Heilige that dies auch, indem er, so oft er aufs neue Hochzeit hielt, eine der überzähligen älteren Gattinnen der Ehre seines Harems verlustig erklärte.

Im Frühjahr 1881 schrieb er an alle übrigen Fakire und offenbarte sich ihnen als den vom Propheten verheißenen Mahdi: er habe göttlichen Befehl erhalten, den Islam zu erneuern, derselbe müsse die Religion der Welt werden, ein Gesetz, eine Freiheit müsse die Gläubigen verbinden, und wer nicht gesonnen sei ihn anzuerkennen, sei er Christ, Heide oder Mohammedaner, müsse von der Erde vertilgt werden. Dieses Manifest richtete er u. a. auch an Mohammed Saleh, den gelehrten und einflußreichen Fakir von Dongola, indem er ihn aufforderte, mit seinen Derwischen in Abba zu ihm zu stoßen. Dieser aber benachrichtigte die Regierung von dem Vorhaben Mohammed Achmets und fügte als sein Privaturteil die Anmerkung bei, der Mensch müsse geistig gestört sein. Auch die Ulema von Khartum erklärten sich gegen ihn, ebenso wurde er in Kairo und Konstantinopel verworfen und als falscher Prophet gebrandmarkt. Gleichwohl fand der Mahdi Anhänger genug; ihm schlossen sich alle an, die das ägyptische Regiment haßten, vorab die Sklavenhändler, die wohl wußten, daß sie unter einem Aufruhrregiment ihr Raubwesen nur um so besser würden treiben können. Ja Gordon war der Ansicht, daß Sebehr von Anfang an die Hand mit im Spiel hatte, daß er den Mahdi, wenn er ihn nicht förmlich anstiftete, so doch jedenfalls bestärkte, alles, um durch Aufruhr und Anarchie in den Sudanländern seine Freilassung und Rücksendung zu erzwingen. Jedenfalls gehörte ein Verwandter Sebehrs von Anfang an zu des Mahdi Helfershelfern.

So viel ist sicher, daß der Glaube an die wahre Mission des Mahdi rasch um sich griff. Rauf Pascha konnte das bedenkliche Wachstum seiner Macht kaum unbeachtet lassen und schickte einen Botschafter nach der Insel Abba. »Als ich dieselbe erreichte,« berichtete dieser, »empfing mich Mohammed Achmet inmitten von mehreren Hunderten seiner Getreuen; in der Rechten hielt jeder ein Schwert. Der Mahdi saß auf einem erhöhten Thron, mit dem Stab des Propheten in der Hand. Auf meine Frage, was er beabsichtige, beschrieb er mir seine angebliche Sendung. Ich erwiderte ihm, daß wir alle so gut Muselmänner wären, als er selber. Das bestritt er, weil wir den Christen gestatteten, auf ihre Weise Gottesdienst zu halten, und weil unsere Regierung Steuern erhebe. Ich riet ihm, seine Pläne ruhen zu lassen, denn er könne doch nichts gegen eine Regierung ausrichten, die über Truppen und Schießbedarf und Dampfer verfüge. Darauf entgegnete er: ›Wenn eure Soldaten auf uns schießen, so werden ihre Kugeln uns nicht treffen; und wenn ihr mit euren Dampfern kommt, so werden diese untergehen.‹«

Die Kriegs- und Eroberungszüge des Mahdi während der Jahre 1881-83 zu verfolgen würde zu weit führen. Es genüge zu sagen, daß eine Provinz nach der andern, eine Stadt nach der andern ihm zufiel. Es war die Zeit der Arabi-Wirren in Ägypten; man war dort kaum in der Lage, sich viel um den Mahdi zu kümmern. Die wichtige Stadt Obeid ergab sich ihm im Anfang des Jahres 1883.

Erst nachdem Arabi mit Hilfe der Engländer nach Ceylon verschifft war, konnte man sich ägyptischerseits gegen den Mahdi wenden. Derselbe hatte verkündigt, daß er mit der Zeit auch berufen sei, Kairo und Konstantinopel zu seiner Sendung zu bekehren. Was die Statthalter im Sudan bisher gegen ihn unternommen hatten, war meist mißglückt und schon im August 1882 hatte Khartum in Belagerungszustand erklärt werden müssen. In diesem Jahr wurde das ägyptische Militär der Provinz unter die Anführerschaft des englischen Obersten Hicks gestellt, der mit noch andern Briten und verschiedenen sonstigen Europäern, darunter auch ein Deutscher, Major von Seckendorff, in des Khedive Dienste trat; denn da der Mahdi an alle wahren Moslemin appellierte, so hielt man es für geraten, ihm mit nichtmohammedanischen Kräften entgegenzutreten. Hicks Pascha war ein tüchtiger Offizier, der in Indien gedient hatte. Nach verschiedenen erfolgreichen Voroperationen verließ Hicks Khartum im September 1883 an der Spitze von zehntausend Mann mit der Absicht, den Mahdi aus Obeid zu vertreiben. Es war der unglücklichste Kriegszug, der je unternommen wurde. Ob und inwieweit Hicks der Unvorsichtigkeit zu beschuldigen war, ist nicht zu sagen, denn die näheren Einzelheiten der furchtbaren Katastrophe werden wohl nie ans Tageslicht treten. Das einzige, was verlautete, waren die Worte eines Zeitungskorrespondenten: »Wir wagen kein Geringes, indem wir unsere Verbindungslinien verlassen und über dreihundert Kilometer weit in ein unbekanntes Land vordringen. Die Brücke hinter uns ist sozusagen abgebrochen. Der Feind zieht sich vor uns zurück und das Land ist ausgeplündert. Wassermangel ist unsere große Sorge; die Kamele halten's nicht aus.« Und Schweigen umhüllte die Unternehmung, bis nach Wochen die Schreckensnachricht in Khartum einlief, daß Hicks Pascha mit seinen Zehntausend bis auf den letzten Mann aufgerieben sei. Der Mahdi hatte sie in eine wasserlose Wüste gelockt. Es soll eine dreitägige Schlacht stattgefunden, Hicks selber, als einer der letzten, seinen Tod gefunden haben. Gordon war der Ansicht, daß die Armee großenteils verdurstet sei. So viel ist sicher, daß nicht ein Europäer entkam und daß die ägyptischen Truppen bis auf wenige Mann aufgerieben wurden; oder wahrscheinlich richtiger — denn es war ägyptisches Militär von der »unbeschreiblichen« Sorte — was von den Truppen überblieb, schloß sich dem Mahdi an. Es war eine Niederlage wie im Teutoburger Wald, und ein Schrei des Entsetzens hallte durch England. Der 1., 2. und 3. November 1883 ist das mutmaßliche Datum der verhängnisvollen Schlacht.

Nach dieser Unglückspost waren noch zwei Engländer im Sudan: der bereits erwähnte Times-Korrespondent Power und Oberst Coëtlogon, der krank in Khartum zurückgeblieben war, als Hicks den unseligen Marsch unternahm. Die Folgen des Sieges für den Mahdi waren kaum zu überschätzen. Darfur war für den Khedive verloren; was an Provinzen oder Stämmen bis jetzt noch loyal war, ging zu den Rebellen über. Ein panischer Schrecken hatte das Land befallen; er machte sich in Kairo geltend, und im fernen England erlitten die ägyptischen Papiere aufs neue eine bedenkliche Baisse.

Ägypten wird nicht in Kairo, sondern in London regiert. Das Kabinet Gladstone hatte sich bis jetzt geweigert, dem Mahdi mit englischer Macht zu begegnen, und als nach Hicks Niederlage der Sudan einem unentwirrbaren Knäuel von Schwierigkeiten glich, erging seitens des britischen Ministeriums der einem Befehl gleichkommende gute Rat nach Kairo, die Sudan-Provinzen fahren zu lassen. Sir Evelyn Baring, der englische Agent in Ägypten, sollte den Khedive dahin beeinflussen, daß eine feste Stellung auf der Suakimlinie vorläufig das Beste wäre. Wenn der Mahdi erst einmal diese Linie überschritten hätte, dann wäre es den Friedensministern an der Themse immerhin noch früh genug gewesen, ihm mit Heeresmacht zu begegnen. Die englischen Interessen in Ägypten freilich mußten sicher gestellt werden; der Kontre-Admiral Hewett im Roten Meer und Baker Pascha zu Land sollten dieselben wahren.

Die Macht des Mahdi wuchs unterdessen lawinenartig, und nicht nur in Ägypten wurde die Meinung laut, daß eine Räumungspolitik nicht das Beste wäre. Daß des Khedive Grenztruppen den fanatischen Horden des falschen Propheten gewachsen sein würden, glaubte niemand; englisches oder türkisches Militär allein konnte sein Vordringen hindern. Aber auf englische Truppen sollte nicht gerechnet werden, und was die Türken beträfe, meinten die Ratgeber, wie sollte man es dem Beherrscher der Gläubigen selbst zumuten, einen heiligen Krieg mit Waffen zu unterdrücken? Denn daß es ein heiliger Krieg sei, das glaubten Tausende; und die Begeisterung in den Sudanländern nahm überhand, nun der längstverheißene Befreier gekommen schien. Die plötzliche Machtentfaltung des Mahdi hatte den Unterdrückten Thür und Thor geöffnet; er sprach von Freiheit und das seufzende Land erhob sich gegen das Joch der verhaßten Ägypter. Gordon hatte dies vorausgesehen. Hatte er nicht vor Jahren gesagt, daß ein beherzter Anführer jederzeit die Sudan-Völker zu einem gewaltigen Aufstand würde vereinigen können? Er hatte damals auch gesagt, daß gewisse Leute schlafen würden, bis es zu spät sei. Es waren nicht nur die Sklavenhändler, sondern vielmehr noch die zahllosen bewaffneten Araberstämme, in denen Gordon das Brandmaterial erblickte. Ein Anführer war erschienen, und allem nach einer, dem es an Mut nicht fehlte.

In England also war beschlossen worden, die Sudan-Provinzen zu räumen; welche Anarchie alsdann daselbst herrschen würde, das fragte man sich vorläufig nicht. Ein lebhafter Depeschen-Wechsel zwischen London und Kairo fand statt. In Ägypten nämlich stieß die Räumungspolitik auf Widerstand. Das Ministerium Cherif erklärte, die Verwaltung des Sudan sei ihnen von der Pforte anvertraut, und die Räumung lasse sich deshalb nicht so ohne weiteres vollziehen. Cherif Pascha fügte seinerseits hinzu: »Wir haben Tausende von getreuen Unterthanen im Sudan, und nichts auf der Welt soll mich dazu bringen, diese Leute dem Mahdi zu überantworten. Ich bin überzeugt, daß ich recht habe; die Zukunft wird zwischen mir und dem Kabinet Gladstone in dieser Sache richten.«

Damit legte das Ministerium Cherif sein Amt nieder und ein neues Kabinet unter Nubar Pascha trat ans Ruder. Als man diesem glückwünschend die Meinung aussprach, daß das neue Ministerium im Hinblick auf die vorhandene Krisis ein von der Klugheit zusammengerufenes zu sein scheine, entgegnete er trocken, dem sei ohne Zweifel so, das Wort Minister werde in Ägypten zur Zeit nur leider von dem lateinischen Wort minus hergeleitet, das weniger als nichts bedeute. So viel war aber sicher, daß, obschon das neue Ministerium bereit war, sich seine Aufgabe von England diktieren zu lassen, damit noch keineswegs Mittel und Wege gefunden waren, die ägyptischen Besatzungen, um die es sich handelte, aus den dem Aufruhr überladenen Sudanländern zurückzuziehen. An Vorschlägen fehlte es nicht, aber der eine war so unausführbar wie der andere.

Zwischen Dongola und Gondokoro standen etwa zwanzigtausend Mann ägyptischer Truppen mit Weib und Kind, und in allen Bezirken gab's Beamte, die das Brot der Regierung aßen und deren Lage täglich kritischer wurde. Unter den verschiedenen Garnisonsplätzen war Khartum selbst der Hauptort, dessen elftausend ägyptische Unterthanen einen Hilferuf nach dem andern ergehen ließen — inständige Bitten, einen Rückzug ins Werk zu setzen. Khartum war damals schon wie eine von allem Verkehr abgeschnittene Insel; jene elftausend Menschen hätten sich unmöglich selbst nach Ägypten durchschlagen können. Das Land umher war dem Mahdi zugefallen, und fürs übrige benutzten die zum Feind sich schlagenden Stämme gern die Gelegenheit, den Ägyptern alle bisherige Unterdrückung mit Zinsen heimzugeben. Daß damit manchem sein verdienter Lohn geworden, unterliegt keinem Zweifel; aber, wie es immer geht, leiden mit einem Schuldigen zehn Unschuldige.

Übrigens war nicht einmal das Nubar-Ministerium bereit, Khartum ohne weiteres fahren zu lassen; man hoffte diese Stadt für den Khedive halten zu können, selbst wenn man das Land dem Mahdi überließe — eine thörichte Hoffnung, welche die Schritte für den Rückzug der Besatzungen so lange verzögerte, bis es zu spät war.

Daß England eine Verantwortung in der Sache hatte, liegt auf der Hand; die Räumungspolitik war britischer guter Rat; und es gab in England Leute genug, die sich für die Besatzungen ereiferten und es für schmählich erklärten, diese im Stich zu lassen. In jenen Tagen sprach Gladstone selbst das Wort aus: »Darin sind wir alle einig, daß Maßregeln getroffen werden müssen, um den sichern Rückzug der Besatzungen zu ermöglichen.« Die einzige Maßregel, zu welcher das britische Kabinet sich bis dahin aber verstehen konnte, war die Grenzverteidigung unter Baker Pascha, ein klägliches Auskunftsmittel angesichts der Sachlage. Denn auch im östlichen Sudan griff der Aufruhr mit Riesenschritten um sich. Die Küstendistrikte des Roten Meeres fielen nacheinander der Rebellion anheim, während die Besatzungen von Suakim, Tokar, Trinkitat und Sinkat täglich in schlimmere Not gerieten. Jede Post brachte bedenklichere Nachrichten. Das englische Volk wurde ungeduldig und erklärte, die britische Ehre stehe auf dem Spiel. Da fiel wie ein Blitzstrahl eines Morgens die Nachricht ins Land — Gordon geht nach Khartum!

2. Der Kriegsheld als Friedensbote.

Noch während Gordon in Jaffa weilte, waren Stimmen in England laut geworden, daß er der Mann sei, der allein im stande wäre, der Lage im Sudan Herr zu werden. Auf Engelrat könne man zwar heutzutage nicht warten, meinte eine dieser Stimmen, allein es wäre wünschenswert, daß die öffentliche Meinung zu Gladstone spreche: »So sende nun hin gen Joppen und laß herrufen einen Gordon, mit dem Zunamen der Chinese; der wird dir sagen, was du thun sollst.« Und als Gordon nach seiner Brüsseler Audienz in der ersten Januarwoche 1884 in England eintraf und es bestimmt schien, daß er nach wenigen Tagen nach dem Kongo abreisen werde, da ging ein Sturm durch die Zeitungen, daß man diesen Mann verlieren könne; er habe sich zwar dem König von Belgien verbindlich gemacht, allein das sei kein Hindernis, König Leopold werde jedenfalls zurücktreten, wenn England seines Sohnes bedürfe. Auf diesen Wink der Presse hin antwortete die Regierung vorläufig damit, daß sie es nicht für nötig fand, Gordon aus dem englischen Dienste zu entlassen, wenn er als Bevollmächtigter des Königs von Belgien an den Kongo gehen sollte; fürs übrige ließ man ihn am 16. Januar nach Brüssel abreisen. Keine zwölf Stunden aber vergingen, da berief man ihn telegraphisch zurück, und frühmorgens am 18. war er wieder in London. Außer den Ministern wußte kein Mensch davon. Nachmittags um 3 Uhr hatte er Audienz, die er selbst folgendermaßen beschrieb:

»Wolseley (der bekannte General) brachte mich ins Ministerium und ließ mich im Vorzimmer warten; dann kam er zurück und sagte: ›Es ist beschlossen, den Sudan zu räumen, und England will für die künftige Regierung der Sudanländer keinerlei Gewähr leisten. Wollen Sie gehen?‹ ›Ja,‹ sagte ich. Da hieß er mich eintreten, und ich sah die Minister. ›Hat Wolseley Ihnen unsere Wünsche mitgeteilt?‹ fragten sie. ›Ja,‹ entgegnete ich, ›England will für die künftige Regierung des Sudans keine Gewähr bieten, und ich soll gehen und das Land räumen.‹ — ›Das ist's,‹ sagten sie; ›wie bald können Sie gehen?‹ — ›Sofort,‹ entgegnete ich und reiste am selben Abend ab.«

Das war eine frohe Stunde am andern Morgen, als es hieß: »Gordon ist nach Khartum abgereist!« Die Zeitungen überboten einander mit Glückwünschen, und wie die Times sagte, war es unmöglich, das Gefühl der Erleichterung zu beschreiben, welches das Land auf und nieder bei der Nachricht erfüllte, daß Gordon es übernommen habe, als Friedensbote nach dem Sudan zu gehen. Mit diesen Worten ist auch die diesem übertragene eigenartige Mission charakterisiert. Die englische Regierung, die keine Truppen senden wollte, um dem Mahdi zu begegnen, war wissentlich oder unwissentlich von dem allgemeinen Glauben angesteckt, daß Gordon an sich ein Heer sei, und so schickte man ihn, um durch seinen persönlichen Einfluß ein Ziel zu erreichen, wozu man sonst Armeen und Millionen braucht. Nicht um einen Krieg zu führen, zog der Held aus, sondern um auf seine Weise den Sudan aus dem Aufruhr zu retten; er sollte den ägyptischen Unterthanen den Rückzug ermöglichen, mit dem Mahdi unterhandeln und das Land sozusagen an die Sudanesen zurückgeben. Es lag etwas so Romantisches in diesem Ausziehen eines für viele, daß das Herz des Volkes davon ergriffen wurde und die Wünsche aller ihn begleiteten. Gordon selbst soll gesagt haben: »Ich soll dem Hund den Schwanz abschneiden, und ich will es thun, es mag kosten was es will.« Einen einzigen Kampfgenossen hatte er, Oberst Stewart, den er sich zum Begleiter ausgebeten hatte, derselbe, der früher schon von Regierungswegen im Sudan gewesen war.

Nur wer Gordon nicht kannte, mochte sich wundern, wie er so schnell zur Abreise bereit sein konnte; der Leser aber versteht es wohl jetzt, daß dieser Mann allezeit und in allen Lagen reisefertig war. Auf Erden angewachsen war er nirgend und seine persönliche Ausrüstung kümmerte ihn wenig. Es hat ihn an jenem Nachmittag des 18. Januar einer gefragt: »Haben Sie denn auch alles, was Sie brauchen?« Die Antwort lautete: »Ich habe, was ich immer habe, dieser Anzug ist gut genug. Ich gehe wie ich bin.« »Ja, aber haben Sie auch Reisegeld?« »Das hätte ich beinahe vergessen. Der König von Belgien hat mir vierhundert Mark geliehen; die muß er wieder haben, und ohne Geld kann ich natürlich nicht fort.« Als man ihm aber vierzigtausend Mark mitgeben wollte, meinte er, das brauche er nicht, viertausend thäten es auch.

Daß es keine leichte Mission war, die er übernommen, daß Gefahren aller Art vor ihm lagen, wußte niemand besser als Gordon selbst, aber das focht ihn nicht an. Sein letztes Wort auf englischer Erde war ein Telegramm an seinen Freund, jenen Geistlichen, welchen er in Lausanne kennen gelernt hatte:

»Ich gehe nach Khartum; wenn er mit mir geht, ist alles wohl.«

Der Telegraphist hatte er und nicht Er gesetzt; aber der Empfänger dieser Botschaft sagte mit Recht, daß in diesen kurzen Worten Gordons Lebensgeschichte niedergelegt sei. Gordon ging allein und nicht allein; »der Herr der Heerscharen geht mit mir,« schrieb er unterwegs.

Unterwegs, an Bord der Tanjore, zwischen Brindisi und Port Said, brachte er den Zweck seiner Sendung im Licht des ministeriellen Auftrags zu Papier, in welchem Schriftstücke er betonte, daß es seitens des englischen Kabinets ausgemacht sei, für die künftige Regierung des Sudan keinerlei Gewähr zu leisten, daß England es aber unternommen habe, dem Land seine Unabhängigkeit zurückzugeben und ägyptische Unterdrückung nicht länger zu dulden; daß bei dieser Absicht sein Auftrag darin bestehe, einen sicheren Rückzug der Garnisonen und anderer ägyptischen Unterthanen zu bewerkstelligen und daß die Art und Weise dieses Rückzuges von den Umständen abhängen werde. Nachdem er damit seine Mission gekennzeichnet hatte, zeigte er weiter, wie sich dieselbe am besten ausführen lasse. Er schlug vor, daß man das Land den Erben der verschiedenen Sultane übergeben könne, die vor der ägyptischen Eroberung die Sudan-Provinzen beherrschten, und daß es diesen überlassen bleiben müsse, den Mahdi anzuerkennen oder nicht. Ferner machte er darauf aufmerksam, daß die Rückzugskolonnen eines Angriffs seitens des Mahdi wohl gewärtig sein müßten, in welchem Fall er voraussetzte, daß die Regierung es billigen würde, wenn er zu den Waffen griffe.

Es war Gordons Absicht, sich direkt durch den Suezkanal nach Suakim zu begeben und von dort durch die Wüste und über Berber nach Khartum zu gelangen. Er glaubte seiner Sendung als Friedensbote an das unglückliche Land besser genügen zu können, wenn er direkt hinkomme, ohne sich erst mit Ägypten ins Einvernehmen zu setzen. Als er aber in Port Said eintraf, war Sir E. Baring mit noch anderen von Kairo gekommen, um ihn aufzufordern, sich dahin zu begeben. Auch war die Nachricht angelangt, daß die Suakim-Route nun vollständig in den Händen der Rebellen und somit abgeschnitten sei. Er fügte sich den Umständen und hielt sich zwei Tage in Kairo auf. Großer Freundlichkeit seitens des Khedive hatte er sich nicht versehen, denn mit seiner Meinung über dessen Politik hatte er nie und nirgend hinter dem Berg gehalten; trotzdem sprach jener ihm seine volle Befriedigung darüber aus, daß er die Beruhigung des Sudan übernommen habe, und verlieh ihm zu diesem Zweck seine alte Oberstatthalterwürde. Allerdings war dies unter den vorliegenden Umständen mehr Form als Inhalt; des Khedive Firman aber beauftragte ihn nicht nur mit der Räumung des Landes, sondern mit der Reorganisation desselben, wenn es möglich wäre, die Provinzen der Anarchie zu entreißen. Gordon ging also einerseits als englischer Friedensbote nach Khartum, andererseits aber kehrte er in diese Hauptstadt als der Generalgouverneur der Provinz zurück, um sie so lange zu halten, bis man den Sudan sich selbst überlassen könne. Es lag kein Widerspruch in dieser doppelten Sendung, war doch der Zweck beider derselbe. Die englische Regierung billigte die Haltung des Khedive, und Sir E. Baring versicherte Gordon, daß der völlige Beistand beider, der englischen wie der ägyptischen, Behörden zu Kairo ihm gewiß sei.

Ehe Gordon die ägyptische Hauptstadt verließ, empfahl er die Wiederernennung eines Sultans von Darfur als ein Stück richtiger Taktik gegenüber dem Mahdi. Infolge dieses Rates wurde Emir Abdel Schakur, der rechtmäßige Erbe, vom Khedive als Beherrscher der Provinz anerkannt, die seinem Vater vor Jahren entrissen worden war. Der junge in Ägypten aufgewachsene Sultan verließ Kairo unter Gordons Schutz, entpuppte sich unterwegs aber als ein unfähiger Weichling. Am 26. Januar wurde die Reise nach Khartum angetreten. Der Weg sollte über Assuan nach Wady Halfa gehen, von wo aus Gordon durch die nubische Wüste nach Abu Hamed zu ziehen gedachte, um von da aus Khartum mit einem Nilboot zu erreichen.

Ob Gordon aber die bedrängte Stadt je sehen werde, das wurde nicht nur in England, sondern alsbald durch die ganze Welt zur Tagesfrage; der Held auf seinem Ritt durch die Wüste war ein Gegenstand der lebhafteren Teilnahme. Wußte man doch, daß der Feind in allen Richtungen streifte, daß aufrührerische Scheiks mit ihren Stämmen den Friedensboten stündlich überfallen konnten. Es war eine Wüstenstrecke von vierhundert Kilometer, die der furchtlose Gordon mit seinem Geleitsmann Stewart und einem geringen Gefolge von nicht zehn Mann auf raschen Kamelen zu durcheilen gedachte. Khartum war von Kairo aus benachrichtigt worden, daß Gordon in drei Wochen daselbst einzutreffen gedenke. »Es ist erstaunlich,« rief der junge Power, der ihn dort sehnlichst erwartete; »es hat noch nie einer diese Reise unter einem Monat gemacht. Gordon aber mit Schwert und Bibel fährt wie ein Wirbel durchs Land.«

Kein Feind belästigte ihn, der alte Zauber zog vor ihm her, oder wie er es nannte, ihn geleitete die Wolke bei Tag, die Feuersäule bei Nacht, und er war sicher in Feindesland. Eine friedliche Begegnung hatte er auf dem halben Wege, nämlich den letzten Flüchtling von Khartum, dem es gelang Kairo zu erreichen; es war dies ein Deutscher, Namens Bohndorff, der mit Dr. Junker im Njamnjamlande wissenschaftliches Forschungen obgelegen hatte, bis es fast zu spät war zu entkommen. Sie waren alte Bekannte; Gordon hatte mit diesem Deutschen früher schon am Weißen Nil verkehrt. Bohndorff beschrieb die Begegnung: eine Staubwolke am Horizont und ein sich daraus loslösender Reitertrupp, der Anführer voraus, und man erkannte von weitem den ernsten Eifer, der ihn seinem Ziele entgegentrug. Von Bohndorff erfuhr Gordon, wie es in Khartum stehe, daß außer den beiden Engländern Power und Coëtlogon nur ein Europäer noch dort sei, nämlich der österreichische Konsul Hansal, welche Bemerkung übrigens eine Anzahl ansässiger Griechen außer acht ließ. An sechzigtausend Seelen, worunter zahlreiche Flüchtlinge aus der Umgegend, wären in der Stadt — ein Bild der Sorge und Niedergeschlagenheit — doch werde die Ruhe aufrecht erhalten, und Oberst Coëtlogon lasse sich die Befestigung angelegen sein.

Wenn man in England und anderwärts um Gordon sorgte, so war dies nicht ohne Grund, denn die Nachrichten aus dem östlichen Sudan waren nichts weniger als beruhigend. Am 4. Februar erlitt Baker Pascha mit seinen vierthalbtausend Ägyptern und etlichen englischen Offizieren eine gründliche Niederlage bei Trinkitat, als er einen Versuch machte, Tokar und Sinkat zu entsetzen. Er hatte sein Bestes gethan, die erbärmliche Mannschaft, welche ihm zu Gebote stand, einen zusammengeworfenen Haufen ägyptischer Gendarmerie, türkischer Baschi-Bosuks und Schwarzer aus dem Sudan, annähernd kriegstüchtig zu machen; aber gleich beim ersten Zusammenstoß mit des Mahdi Heerführer, Osman Digna, überfiel die Helden eine Todesangst, und sie machten nicht einmal den Versuch Stand zu halten. Die einen schossen ihre Flinten ab und schrieen um Gnade, während die anderen ihre Waffen von sich warfen und in wilder Flucht davon stürzten. An hundert Offiziere, darunter die Mehrzahl der englischen Offiziere, kamen um, und nur ein kleiner Teil der Truppen gelangte nach der Uferstadt Trinkitat zurück, von wo sie ausgezogen waren. Baker selbst kam nur wie durch ein Wunder davon, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, seine flüchtigen Helden zum Stehen zu bringen.

Osman Digna war der Mann, diesen Sieg auszubeuten. Man erwartete, daß er sich auf Suakim werfen werde. Ringsumher hatte er die Stämme gewonnen, und selbst in dieser Hafenstadt brachte der Schrecken viele dazu, sich für den Mahdi zu erklären. Sinkat fiel; die Besatzung hatte sich gehalten, bis der letzte Hund verzehrt war. Man schlachtete die Pferde; noch ein Sack voll Korn war übrig, und der tapfere Kommandant Thewsik Bey hatte erklärt, daß wenn bis zum achten Februar keine Hilfe komme, er den letzten verzweifelten Ausfall machen müsse, um einen besseren Tod zu finden, als das Verhungern innerhalb der Mauern. Er erfuhr nichts von Baker Paschas Niederlage, und nachdem auch sein letzter Hilferuf ungehört verhallt war, vernahm die Welt, daß die Belagerung von Sinkat mit einem todesmutigen Ausfall der Besatzung geendet habe, der ägyptischen Truppen ein weit rühmlicheres Zeugnis ausstellte, als man seither zu hören gewohnt war.

Das war Wasser auf die Mühle der Opposition in England; es gab eine heiße Debatte im Parlament. Gladstone erklärte, man sei deshalb der Besatzung von Sinkat nicht zu Hilfe gekommen, weil man nichts thun wolle, was irgendwie von Folgen für jene anderen Besatzungen sein könne, die Gordon zu retten versuche. Es sei geboten, sich ruhig zu verhalten. Angesichts dieser Erklärung jedoch und unter dem Drucke der öffentlichen Meinung wurde der britische General Graham, zur Zeit in Kairo, damit beauftragt, Tokar zu entsetzen. Noch ehe derselbe aber mit seiner Mannschaft in Trinkitat gelandet war, hatte Tokar sich ergeben, und die Besatzung war zum Feind übergegangen. Der Fall von Kassala wurde als das nächste erwartet, und auch die Ufer-Distrikte um Massaua her schienen dem Mahdi zuzufallen; es blieb nichts übrig, als die Araber unter Osman Digna bei Suakim zu erwarten und von dort zurückzuwerfen.

Osman Digna war ein tüchtiger Soldat; er war Sklavenhändler gewesen und jetzt die rechte Hand des falschen Propheten. Dieser hatte ihn auf dem Sklavenmarkt zu Obeid kennen gelernt und mit großem Scharfblick seine Brauchbarkeit erkannt; er hatte ihn für seine Pläne gewonnen, worauf er ihm den Ost-Sudan übertrug, damit er dort Land und Leute für seine angebliche Mission gewinne. Mit siegreichen Waffen hatte Osman Digna des Propheten Werk seither ausgerichtet; jetzt aber galt es einem englischen General und englischen Linientruppen stand zu halten; er erlitt seine erste Niederlage und wurde ins Innere des Landes zurückgeworfen. Keineswegs aber streckte er die Waffen, und so spann sich ein englischer Separatkrieg im Ost-Sudan hin, während die Räumung des Landes auf friedlichem Weg ins Werk gesetzt werden sollte! Osman Digna bekämpfte man, den Mahdi wollte man nicht bekämpfen, und die Parteien stritten sich im Parlament.

Und Gordon? Er wußte von all dem nichts. In felsenfestem Vertrauen eilte er durch die Wüste, unbesorgt um seine eigene Sicherheit, während man auf Kanzeln und Rednerbühnen seiner gedachte, während viel tausend Herzen ihm ein Engelgeleit in den Gefahren wünschten, die ihn umgaben. Gefahren? Er sah sie nicht! Einem Scheik, der ihm quer kam, sagte er: »Wenn ihr Frieden wollt, ich bringe ihn; sucht ihr Krieg, so bin ich bereit.« Und der verzagenden Khartumer Garnison meldete er telegraphisch seine Nähe mit den Worten: »Ihr seid Männer und nicht Weiber. Seid guten Muts, ich komme.«

3. Gordon im Land.

War schon in England die Befriedigung eine allgemeine gewesen, als Gordon nach Khartum sich auf den Weg machte, so war's noch ein anderes in Ägypten. Eine Begeisterung sondergleichen erfüllte Land und Leute bei seinem Kommen. Man wußte dort ungleich besser, was man an ihm hatte, als daheim in England. Die Thaten seiner früheren Statthalterschaft waren auf aller Lippen; man sprach von ihm als einem Unüberwindlichen, dessen bloße Gegenwart Wunder wirken werde in dem zerrütteten Land. Des Mahdi Kriegsheer werde in nichts zerstieben wie Dunst vor der Sonne, rief das Volk, und des guten Pascha feste Hand werde alle Wunden heilen, die jener geschlagen. »Ich gehe, um die Ehre Ägyptens zu retten,« war Gordons letztes Wort an Nubar; daß er Englands Ehre in seiner Hand trug, wußte er nicht minder. Auf jenem Wüstenritt nach Abu Hamed durchstritt er im Geist die Kämpfe, die es zu liefern geben würde, und hätte er nur verwirklichen können, was sein hoher Sinn und sein unbefangenes Auge als das richtige erkannten, hätte man ihm nur freie Hand gelassen, es ließe sich wohl ein anderes Lied singen von der Heldenzeit in Khartum. Als die glitzernde Sandwüste hinter ihm lag, wußte er, was er zu thun habe, und stand gegürtet zur Schlacht.

Er brauchte nicht weit vorzudringen, um Beweise zu finden, daß ägyptische Beamtenwirtschaft des Mahdi Handlangerin war; diesen hielt er übrigens für weniger stark als die Sage ging. So fand er die Eisenbahnarbeiter zu Assuan in größter Armut, weil ihre Löhnung seit Monaten im Rückstand blieb; der Hunger hatte da dem Propheten Glauben verschafft, und Gordon telegraphierte alsbald an Sir E. Baring, er solle den Leuten ohne weiteren Verzug ihr Geld schicken. Ebenso entdeckte er, daß der Aufstand zwischen Suakim und Kassala lediglich der Habsucht zweier Paschas zuzuschreiben war. Diese waren mit den Scheiks des Hadendoa-Stammes eins geworden, ihnen für Truppentransporte sieben Thaler für jedes Kamel zu geben; als die Hadendoas aber etwa zehntausend Mann durch die Wüste befördert hatten, erhielten sie je einen Thaler, während die übrigen sechs ganz ohne Zweifel im Privatbeutel der Pascha stecken blieben. Da erhob sich der Stamm, schloß sich Osman Digna an, und das Resultat war Bakers Niederlage.

Als erste Abschlagszahlung in der Räumungspolitik hatte Gordon schon von Korosko aus an Nubar Pascha telegraphiert:

»Eine Anzahl Weiber und Kinder sind nach Ägypten auf dem Weg; suchen Sie einen menschenfreundlichen Mann, daß er sich ihrer annehme.«

Und nachdem er in Abu Hamed an die englische Regierung berichtet und darauf hingewiesen hatte, daß es so unpraktisch wie unrecht wäre, den Sudan sich selbst zu überlassen, ehe man von geordneten Verhältnissen daselbst reden könne, bestieg er ein Nilboot und erreichte Berber am 11. Februar.

Hier erließ er seine Proklamationen. Den Einwohnern der Stadt Berber sagte er, daß er gekommen sei, Frieden zu bringen, ja Freiheit von aller Unterdrückung, daß er bereit sei ihnen zu helfen, Ruhe und Ordnung herzustellen, und daß er ihnen zeigen wolle, wie das Land sich künftighin selber regieren könne. Alle vorenthaltenen Rechte sollten ihnen wieder werden; er habe nur den einen Wunsch, Gerechtigkeit walten zu lassen und Blutvergießen zu verhindern. Alle rückständigen Steuern bis zum Ende des Jahres 1883 seien gestrichen und alle Steuern des laufenden Jahres auf die Hälfte reduziert. Der Sudan gehörte nicht fremden Erpressern, sondern von jetzt ab den Kindern des Landes. Der beste Beweis, daß man ihm glaubte, liegt wohl darin, daß etliche hundert Leute sich um Ämter bei ihm meldeten; von großer Freude erfüllt illuminierten sie ihm zu Ehren ihre Stadt. Der englischen Regierung, die ihn gewarnt hatte, sich ja nicht in unnötige Gefahr zu begeben, konnte er hierauf erwidern, es habe keine Not, die Leute wären im Gegenteil froh und dankbar, von einer Oberherrschaft befreit zu werden, die ihnen nur Elend gebracht habe. Er hielt sich nur wenige Tage in Berber auf, aber es genügte, um seinen alten Einfluß geltend zu machen und ihm das volle Vertrauen der Stadt zu sichern. Und nun gar die Weiterreise nach Khartum! In englischen Zeitungen war die Besorgnis oben auf, wie sich Gordon durch die aufrührerischen Stämme durchschlagen werde; der Weg durch die Wüste sei nichts gewesen gegen die weit größere Gefahr der Nilreise, lägen doch die schwarzbraunen Feinde im Hinterhalt an beiden Ufern des Flusses, ihre Speere seien lang und ihre Hinterlist groß. Nichts dergleichen! Sie bildeten Spalier am Fluß hin für den Befreier des Landes, der sich auch gar nicht scheute, unter ihnen umher zu gehen. Sie kannten ihn alle. Und je weiter er vordrang, um so größer die Begeisterung; das Volk empfing seinen Retter mit Frohlocken, gleich einem Schutzengel, der eine Weile entschwunden war und nun zurückkommt aus der unbekannten Welt des Friedens, nach der man sich sehnt.

Auch in Khartum wußte man, wessen man sich zu ihm zu versehen habe. Sein Manifest war ihm vorausgeeilt. Es lautete folgendermaßen:

»Vernehmet, daß ich gekommen bin, das Land aus der Not zu befreien, in die es geraten ist, Ruhe herzustellen und Blutvergießen der Moslems zu verhindern, den Einwohnern einen geordneten Wohlstand zu sichern, Weib und Kind ihnen zu schützen und all der Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu steuern, die an diesem Aufruhr schuld sind.

»Ich habe aus diesem Grund alle rückständigen Steuern vergangener Jahre erlassen und habe die Steuern des laufenden Jahres, sowie alle unter Rauf Pascha eingeführte Besteuerung auf die Hälfte herabgesetzt. Ich will euch vor Ungerechtigkeit schützen, damit der Ackerbau und Handel erblühe und Wohlstand gedeihe. Ich gebe euch das Recht zurück, die Sklaven, die in eurem Dienste sind, zu behalten, und weder die Regierung noch sonst jemand wird es euch künftighin wehren. Haltet Frieden; gebt euch nicht dem Verderben hin und bleibt fern von des Teufels Weg. Benachrichtigt alle Einwohner von der guten Kunde, auf daß sie den Weg der Gerechtigkeit betreten und vom Bösen sich abwenden.

»Wer mich sehen will, der komme und fürchte nichts.

Gordon

Generalgouverneur des Sudan.«

In Khartum herrschte nur Freude, in England aber gab's böses Blut, als diese Proklamation bekannt wurde. Was, der will den Leuten im Sudan erlauben ihre Sklaven zu behalten, anstatt ihnen von der Freiheit der christlichen Zivilisation zu sagen, die alle frei macht! Der Sturm, der bei dieser Erklärung in gewissen Kreisen losbrach, lieferte den ersten Beweis davon, daß England seinen Gordon noch nicht kannte. Unbegreiflicher Mensch dieser Gordon, glaubt der, mit schlechten Mitteln könne man Gutes thun? England, das in aller Welt sich als den Befreier von Sklavenketten rühme, sei durch solche Haltung geschändet. Die wenigsten Leute hatten die kühle Überlegung, Gordons Urteil zu verstehen.

»Was für tolles Zeug!« rief er aus, als ihm die Nachricht von dem Entsetzen kam, das sein Manifest in England hervorgerufen. »Ist es nicht offenkundig erklärt worden, daß der Sudan geräumt werde und die Sudanesen sich selbst überlassen bleiben sollten? Wenn das Volk aber hier seinen Willen hat, so hält es Sklaven. Was hätte es genutzt, die Leute an den kraftlosen Vertrag von 1877 zu erinnern, wenn man sie sich selbst überlassen will? Und ist nicht der eine Zweck meiner Sendung der, die Garnisonen und andere ägyptische Flüchtlinge womöglich ohne Blutvergießen aus dem Land zu bringen? Was ich den Leuten über die Sklaven gesagt habe, war nicht mehr und nicht weniger als eine Plattheit!«

Und anderswo erinnert er seine Ankläger daran, daß er während der Jahre seiner Kämpfe mit den Sklavenjägern nicht einen Finger geregt habe, die Sklaven im Hausstand, d. h. die leibeigenen Dienstboten, zu befreien, während er doch mehr wie einmal sein Leben einsetzte, der Sklavenjagd das Genick zu brechen. Gordon hat immer dafür gehalten, daß es ein Unrecht an den Leuten wäre, ihnen zwangsweise und ohne Vergütung die hergebrachten Dienstsklaven zu nehmen, und es war ein zu klar denkender Kopf, um sich über die Zukunft des Landes, das er räumen sollte, auch nur einen Augenblick einer Täuschung hinzugeben. Die harmlose Ansicht, daß der sich selbst überlassene Sudanese keine Sklaven halten werde, konnte ihn nicht beeinflussen, und nur ein Fanatiker hätte nach Khartum gehen können und sagen: »Hier bin ich und bringe euch im Namen zweier Nationen eure Unabhängigkeit zurück. Das Land sei künftighin euch überlassen, lebt darin nach eurem herkömmlichen Brauch. Haltet Frieden miteinander und Gott schenke euch Gedeihen, aber daß ihr euch nicht untersteht, eure Dienstboten als Sklaven zu betrachten« — wenn doch der altherkömmliche Brauch den dienenden Stand leibeigen macht! Der bemittelte Sudanese hält Sklaven wie die Juden und Römer im Altertum. Gordon wußte das; vielleicht dachte er auch daran, daß Paulus dem Philemon seinen entlaufenen Sklaven zurückschickte. Hoffentlich denkt niemand, man wolle hiermit der Sklaverei das Wort reden; es soll nur der sentimentale Eifer damit ins Licht gestellt werden, der sich berufen fand, Gordon unbesehen zu verdammen.

Am 18. Februar erreichte er Khartum. Als er durch die Straßen ging, drängten sich die Leute zu Hunderten um ihn; alle wollten ihm die Hand küssen. Einige freudetolle Weiber gingen so weit, ihm die Füße küssen zu wollen, und zweimal lag der Generalgouverneur am Boden, ehe er sich's versah. Er hatte nur wenige Worte gesprochen, aber es waren Worte voll goldener Hoffnung: »Ich bin ohne Soldaten, aber mit Gott zu euch gekommen, um der Not dieses Landes zu steuern,« sagte er. »Ich will nicht mit Waffen, sondern durch Gerechtigkeit hier kämpfen. Die Zeit der Baschi-Bosuks ist vorüber.«

Das war ein Jubel! Kein Wunder, daß Power schon nach wenig Tagen schreiben konnte: »Gordon hat aller Herzen gewonnen. Er ist Diktator hier; der Mahdi gilt nichts mehr. Es ist erstaunlich, den Einfluß dieses einen Mannes über Tausende zu sehen. Mütter bringen ihm ihre kranken Kinder, daß er sie anrühre.« Wo er sich blicken ließ, rief das Volk: Sultan! Vater! Retter! und wer etwas zu klagen hatte, dem lieh er sein Ohr. Noch ehe die Sonne unterging, die seinen Einzug beleuchtete, ließ er alle Rechnungsbücher der ägyptischen Regierung, alle Peitschen und Marterwerkzeuge auf dem freien Platz vor seinem Palast aufhäufen und anzünden; es war das Autodafé der Unterdrückung, lachend und weinend tanzten die Leute um dasselbe her. Er besuchte das Gefängnis und ließ alle Ketten fallen; Hunderte schmachteten da, Männer, Weiber und Kinder, Schuldige und Unschuldige — er gab ihnen allen die Freiheit. Ein alter Scheik wurde aus einem Tragbett vor ihn gebracht; der Ex-Statthalter Hussein Pascha Cherif hatte den Ärmsten bastonnieren lassen, bis seine Füße nur noch unförmliche Massen blutenden Fleisches waren. Gordon sagte nicht viel, aber er telegraphierte alsbald nach Kairo und forderte, daß jenem Hussein tausend Mark von seinem Gehalt abgezogen würden, die dem Opfer seiner Grausamkeit zu gut kommen sollten. Dann ließ er das Gefängnis anzünden, und weit in die Nacht hinein verkündeten die Flammen, daß es mit solcher Tyrannei auf immer vorbei sei.

So that der weise Mann was er konnte, um die Mithilfe des Volkes für die große Arbeit zu gewinnen, die er übernommen hatte. Er öffnete die Thore der Stadt und erklärte den Markt frei, der bisher nur durch »Bakschisch« den Händlern offen stand. Und gleich vom ersten Tag an sahen die Leute die ihnen von früher in angenehmer Erinnerung stehende Brieflade wieder, welche an der Hauptthüre des Regierungspalastes zu dem Zweck angebracht war, daß jeder, auch der geringste, mit dem Oberstatthalter verkehren könne, so er es begehre. Als nach einiger Zeit Oberst Coëtlogon Khartum verließ, um seinen Weg nach Ägypten und England zurückzufinden, gab Gordon ihm die Versicherung mit, daß die Zurückbleibenden in der Stadt so sicher wären wie ein Spaziergänger im Kensington Park. Was den jungen Power betrifft, so hat sich dieser so für Gordon begeistert, daß er sich für Khartum entschied, so lang Gordon bleibe. »Er vollbringt Wunder hier,« meldete er der Times.

Militärische Änderungen anlangend, so hatte Gordon bestimmt, daß die eingeborenen Truppen in Khartum verbleiben, während die weiße Mannschaft nach Fort Omderman auf der anderen Seite des Weißen Nils sich zurückziehen sollte, wo sie mit ihren Familien und den andern auf »Reisegelegenheit« wartenden Ägyptern bleiben würden, bis man sie nilabwärts schaffen könnte. Einen Neger, der sich unter Bazaine in Mexiko das Kreuz der Ehrenlegion erworben hatte, ernannte er zum Truppenbefehlshaber, was allgemeine Befriedigung hervorrief. Seinen Geleitsmann, den Oberst Stewart, ließ er den Weißen Nil hinauf dampfen, damit er rekognosziere und Gordons Proklamation auch dort bekannt mache. Auf der ersten Strecke, etwa sieben Stunden weit, schien das Land ruhig; dann erreichte er ein aufrührerisches Dorf, wo die Leute übrigens froh waren zu hören, daß er Frieden bringe. Es lagen etwa fünfhundert Mann bewaffnete Rebellen in demselben. In einem Dorf weiterhin fand sich ein Scheik, der kurz zuvor vom Mahdi zum Bezirksstatthalter ernannt worden war, damit er die Gegend für den Propheten gewinne. Andere Scheiks, mit denen Stewart verkehrte, erklärten ihm, daß ihnen nichts übrig bleibe, als sich dem Mahdi anzuschließen, wenn ihnen nicht von einer tüchtigen Regierung Schutz würde. Ganz Gordons Ansicht, die er bis zuletzt festhielt; den Sudan sich selbst überlassen, ehe der Mahdi aufs Haupt geschlagen ist, heißt nichts anders, als die Leute zwingen, ihn anzuerkennen.

Der Mahdi saß zur Zeit noch in Obeid, etwa dreihundert Kilometer von Khartum entfernt. Dort hingen ihm die Araberstämme an, deren jeder sechs- bis achttausend Berittene ins Feld bringen konnte. Seine Macht war zwar allem nach überschätzt worden, aber Gordon verlor keine Zeit, es der englischen Regierung nahe zu legen, daß sein Einfluß, oder vielmehr die Furcht vor ihm, das Land regiere, und daß es dringend geboten sei, ihm entgegenzutreten; eine geringe Abteilung indischer Truppen nach Wady Halfa zu beordern, würde vorläufig genügen. Man nahm seinen Rat nicht an!

Gordons Friedensbotschaft war nun allerdings von bester Wirkung gewesen, allein diese Wirkung erstreckte sich nicht weit über Khartum hinaus, und selbst in dieser Stadt wurde ein Nachlassen der guten Stimmung fühlbar, wie aus einer Proklamation hervorgeht, die Gordon schon Ende Februar erließ, worin er strengere Maßregeln ankündigte und solchen, die im geheimen die Rebellen begünstigten, anzeigte, daß er ein Auge auf sie habe. Viele Stämme um Khartum her, und wiederum zwischen dieser Stadt und Berber und Dongola, waren aufrührerisch und mehr oder weniger eine wachsende Quelle der Sorge für ihn; während die Bevölkerung zwischen Suakim und Kassala teils in offenem Aufruhr war, teils den Lauf der Dinge abwartete, um an den Sieger sich zu halten. Es war ihm klar, daß Khartum selber früher oder später keine andere Wahl haben würde. Khartum würde sich halten, so lange er dort sei, was aber, wenn er die Besatzungen zurückgezogen und das Land geräumt habe? Er würde die Anarchie zurücklassen und nichts würde dem Volk übrig bleiben, als den Mahdi anzuerkennen. Er betonte es in seinen Depeschen immer schärfer, daß England die Verpflichtung obliege, dem Volk die Möglichkeit einer Regierung an die Hand zu geben, die sich werde behaupten können; es müsse dies ein Mann sein, der dem falschen Propheten gewachsen sei, einer der Einfluß im Land habe, der die persönliche Macht besäße, sich als Herrscher geltend zu machen, der das Volk zusammenhalten würde, selbst wenn er es durch Furcht regiere. Es galt zwischen zwei Übeln zu wählen, und der Mahdi war für das Land von zwei Machthabern weitaus der schlimmere. In der Art und Weise, wie das Volk ihm selber zugefallen war, hatte Gordon erkannt, daß es sich nach einem kraftvollen Herrscher sehne und einem solchen sich mit Freuden ergeben würde; er sah sich vergebens nach einem solchen um, unter den Scheiks und kleinen Sultanen war keiner, der Manns genug gewesen wäre, sich nur einen Tag zu halten. Er blickte weiter und sah nur einen, der im stande wäre in die Bresche zu treten, und Gordon schlug ihn vor — es war sein Todfeind Sebehr Rachama.

4. Im Stich gelassen.

Wenn eine Bombe aus blauem Himmel in die englische Welt gefallen wäre, es hätte kein größeres Erstaunen verursacht, als die über Kairo in London eingelaufene Nachricht, daß Gordon als beste Lösung der Frage, wie der Sudan zu Ruhe und Ordnung zurückzubringen sei, der britischen Regierung vorgeschlagen habe, den alten Sklavenhändler Sebehr ins Land zu setzen, damit er es gegen den Mahdi halte. Gordons Rat, dessen Ausführung er bis zuletzt für den richtigen, weil einzig möglichen Ausweg hielt, ging dahin, daß England dem schwarzen Pascha einen moralischen Halt gewähren sollte — wie es beim Amir von Afghanistan geschieht — und dazu auf zwei Jahre einen jährlichen Beitrag von zwei Millionen Mark. Zwar könne man den Türken das Land überlassen, aber diese müßten dann noch ganz anders unterstützt werden, abgesehen davon, daß man damit wieder eine Fremdherrschaft aufrichte. Sebehr sei der eine Mann aus den Sudanländern selbst, der dem Mahdi gewachsen sei; dieser könne dann immerhin als »Papst« sich geltend machen, wenn jener als Sultan die weltliche Herrschaft in fester Hand halte. Die Sudanesen würden ihn als ihren Landsmann mit Freuden anerkennen und seiner Überlegenheit sich fügen, wodurch eine einigermaßen ordnungsmäßige Regierung möglich werde, während sonst alles in Anarchie versinke. Was die Sklavenjagd betreffe, so sei sie einst schlimm genug unter dem schwarzen Pascha gewesen, sie würde aber zehnmal schlimmer werden unter dem Mahdi; Sebehr sei also auch in diesem Stück das geringere Übel von zweien. Fürs übrige wollte Gordon den Sebehr teilweise durch Vertrauen gewonnen haben. Sebehr sollte die ihm zugedachte Würde unter der Bedingung annehmen, daß er als Beherrscher des Sudans kein Sklavenjäger sein werde, und Gordon wollte es selbst übernehmen, daß diese Bedingung darum jenem nicht allzuviel freie Wahl ließe, weil er, Gordon, die eigentlichen Jagdreviere am Äquator seine eigene Sorge hätte sein lassen, indem er dort im Auftrag des Königs von Belgien den Kongostaat weiter ausgestaltet und die hilflosen Negerstämme um sich gesammelt hätte. Es war die alte Politik Gordons, wo anderes fehlschlug, durch seine Feinde selbst das gesteckte Ziel zu erreichen; diese Politik mag den wenigsten Leuten einleuchten, man kann aber nur daran erinnern, daß es in Gordons Leben an Belegen nicht fehlt, wie gerade diese Taktik zu glänzenden Erfolgen geführt hat. Gordon war der letzte, der Sebehrs früheres Leben guthieß, und besser als sonst jemand kannte er die Geschichte verübter Greuel, die dieser zu verantworten hatte, ja, die er durch den Tod seines Sohnes und seine eigene zehnjährige Gefangenschaft hatte büßen müssen; dies aber hinderte ihn nicht, die politische Tüchtigkeit des Mannes anzuerkennen, und da seine Energie, seine Umsicht und sein Organisationsvermögen jetzt zu Besserem zu gebrauchen waren als zu Aufwiegelungen und Sklavenrazzien, so riet er, diese Eigenschaften zum Besten des Landes zu verwenden. Daß Sebehr ihn als seinen Züchtiger haßte und unter Umständen mit eigener Hand erstochen hätte, das kümmerte ihn keinen Augenblick, ja er ging so weit, den Vorschlag zu machen, er und Sebehr miteinander wollten die gewünschte Ordnung im Sudan aufrichten und miteinander würde es ihnen gelingen. Nur ein Mann wie Gordon konnte auf solche Pläne geraten, und hätte man ihm freie Hand gelassen, er hätte sie sicherlich ausgeführt! Daß die überklugen Diplomaten, die seinen Antrag im Kabinettsrat mit der Lupe der Staatswissenschaft untersuchten, sich nicht mit ihm einigen konnten, ist begreiflich; man kann sie auch aus Gründen der Theorie nicht tadeln, man kann aber darauf hinweisen, daß ihre Klugheit in der Folge zu Schanden geworden ist. Freilich hätte auch Gordon eine Täuschung erleben können, wenn man ihm Sebehr bewilligt haben würde, aber selbst dann hätten die Resultate kaum so sein können, wie sie jetzt geworden sind. Welche Ströme Blutes sind nicht geflossen, seit die staatsmännische Vorsicht ihr Verdikt gesprochen hat, und wie sehr ist der Sudan zur Zeit ein Chaos der Anarchie und Sklavenräuberei!

Der schwarze Pascha war hiernach der Punkt, wo die Meinungen auseinandergingen, und von da ab entwickelte sich die Haltung der englischen Politik, welche Gordon im Stich ließ.

Wie wenig Gordon bei seinen Ratschlägen der Blindheit beschuldigt werden kann, geht aus seinem Hinweis hervor, daß die von ihm befürwortete Ernennung Sebehrs zum Beherrscher des Sudan die reinste Ironie des Schicksals wäre. Hatte doch Sebehr von jeher gegen die ägyptische Regierung agiert und Aufstände angezettelt, um seine Rücksendung zu erzwingen.

In Gordons Tagebüchern vom September und Oktober heißt es:

»Hätte man uns den Sebehr Pascha geschickt, als ich es beantragte, so wäre Berber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gefallen, und man stünde jetzt mit einer Regierung im Sudan dem Mahdi gegenüber. Man hielt für gut, es wegen seiner Vorgeschichte als Sklavenhändler zu verweigern. Angenommen, der Grund sei ein triftiger, so ist er in solange trotzdem ein ganz thörichter, als wir keine Schritte thun, den Sklavenhandel künftighin in diesen Ländern zu hindern. Es kommt einfach darauf hinaus: Ich schicke den A. nicht hin, weil er das und das thun könnte, aber ich lasse den B. dort, der ebenfalls so handelt.«

»Ich bin nicht dafür, den Sudan zu halten, es ist ein ganz nutzloses Land, das wir nicht verwalten könnten, und die Ägypter nach den neuesten Ereignissen noch weniger. Ich suche nur den Weg, wie man sich mit Ehren und mit möglichst geringen Unkosten daraus zurückziehen kann (wir dürfen nicht vergessen, daß wir an all diesem Wirrsal schuld sind) ... es ist für mich lediglich die Frage, sich mit Anstand zurückzuziehen. Sebehr würde die Schaggyeh (einen Beduinen-Stamm) und die Khartumer beruhigen und er würde mit dem Mahdi ins reine kommen. Dann könnten wir das Land verlassen ... Soviel ist sicher, daß ihr nur mit Hilfe Sebehrs (oder der Türken) vor dem November 85 auf Rückzug rechnen könnt!! Die Türken wären unter den jetzigen Umständen die beste, wenn auch kostspieligste Lösung. Die könnten den Sudan halten; gebt ihnen vierzig Millionen. Nach den Türken ist Sebehr mit zehn Millionen das Beste; er würde den Sudan eine Zeit lang halten. In beiden Fällen giebt's hier Sklavenhandel. Aber Ägypten wäre gesichert und ihr könntet bis Januar 85 hier fertig sein. Ist euch keiner dieser Auswege recht, dann seid darauf gefaßt, daß es hier noch gerade genug Plackerei geben und euer Feldzug schließlich ein völlig zweck- und glanzloser sein wird.«

Hat je ein Prophet den Ausgang eines Unternehmens bestimmter vorhergesagt?

Unterm 8. November heißt es in dem Tagebuch weiter:

»Es liegt auf der Hand, daß wenn Sebehr mit euch käme und in quasi unabhängiger Stellung zum Regenten ernannt würde ... ihm die Leute massenhaft zufielen, die den Mahdi und seine Derwische herzlich satt haben, sich aber an ihn halten müssen, weil ihr das Land räumen wollt; sogar unsere Anhänger werfen wir dem Mahdi in die Arme. Sebehrs Einsetzung würde euch auch die Arbeit in der Sennar-Gegend sparen ... Mit den Booten, die ihr habt, hätte er die Nil-Verbindung bald hergestellt. Und was den Sklavenhandel betrifft, so ist der Mahdi zehnmal schlimmer als Sebehr, auf den man durch Hilfsgelder einwirken könnte, daß er in Schranken bliebe. Sebehr wäre für uns eine Art Vermittelung zwischen dem Davonlaufen und der fortwährenden Gegenwart von Truppen im Land. Der Mahdi wäre nie im stand, das Volk gegen Sebehr aufzuhetzen. Nur weil man den Leuten keinen Mittelpunkt bietet, müssen sie sich an jenen halten. Hätte man den Sebehr kommen lassen, der Mahdi hätte lange nicht so viel Anhang; und wäre er hier gewesen, so wäre Berber nicht gefallen.«

Wir haben vorgegriffen, doch ist aus diesen Mitteilungen ersichtlich, daß Gordons Vorschlag keine plötzliche Eingebung, keine Unüberlegtheit war; es war vielmehr ein Gedanke, der durch jede neue Erfahrung bei ihm sich vertiefte. Es folgt hier eine frühere Depesche an Sir E. Baring, den Vertreter Englands in Kairo, die in gedrängten Sätzen Gordons Ansicht in der Sebehrfrage klar und eingehend darlegt.

Khartum, den 8. März 1884.

»Die Ernennung Sebehrs ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit des Rückzugs der ägyptischen Angestellten von Khartum, sowie der Besatzungen von Sennar und Kassala.

Ich sehe keine andere Möglichkeit, dies ins Werk zu setzen, als eben durch ihn, der als ein Eingeborner dieses Landes ein Mittelpunkt für die Bessergesinnten werden wird, die sich um so eher ihm anschließen werden, weil sie wissen, daß er sich hier in seiner Heimat niederlassen wird.

Ich bin nicht der Ansicht, daß die Thatsache, dem Sebehr auf zwei Jahre Hilfsgelder zu bewilligen, mit der Räumungspolitik unverträglich wäre.

Was das Halten von Sklaven betrifft, so könnten wir es auch dann nicht unterdrücken, wenn wir selbst im Sudan blieben. Ich habe immer gesagt, daß der Vertrag vom Jahre 1877 unausführbar ist, also würde Sebehrs Ernennung in dieser Hinsicht durchaus keinen Unterschied machen.

Mit der Sklavenjagd hätte es nach Räumung der Bahr el Ghasal und der Äquator-Provinzen von selbst ein Ende.

Sollte Sebehr nach Ablauf von zwei Jahren und nachdem er Hilfsgelder eingesteckt hat, sich jener Gegenden zu bemächtigen suchen, so könnten wir leicht von Suakim her einen Druck auf ihn ausüben, welcher Ort nach wie vor in unserer Hand bliebe.

Ich halte dafür, daß Sebehr mit dem Sudan selbst und mit der Befestigung seiner Stellung zu viel zu thun haben wird, als daß ihm Zeit bliebe, sich um jene Gegenden zu kümmern.

Was die Sicherheit Ägyptens betrifft, so war Sebehr lange genug in Kairo, um unsere Macht kennen gelernt zu haben; er würde es sich nicht leicht beikommen lassen, etwas gegen Ägypten zu unternehmen. Ich glaube im Gegenteil, daß er Handelsvorteile in einem Bündnis suchen würde, denn er ist ein geborener Krämer.

Das Zurückziehen der Besatzungen anlangend, so habe ich bis jetzt nur das erreicht, daß die Invaliden, die Witwen und Kinder der in Kordofan Gebliebenen flußabwärts geschickt werden.

Nach heutigem Bericht ist Sennar ruhig.

Auch Kassala wird sich infolge von Grahams Sieg ohne Mühe halten, aber die Verbindung ist abgeschnitten, sowie auch die Verbindung mit Sennar.

Es wird unmöglich sein, der Straße nach Kassala und Sennar Herr zu werden oder die ägyptischen Truppen von hier weg zu befördern, wenn Sebehr nicht kommt. Sein Kommen würde die ganze Sachlage ändern.

Die Äquator-Provinzen und die Bahr el Ghasal sind soweit sicher, aber ich kann die dortigen Besatzungen nicht zurückziehen, ehe der Nil steigt, was in zwei Monaten zu erwarten ist.

Dongola und Berber sind ruhig, aber ich fürchte, daß der Weg zwischen Berber und Khartum nicht lange mehr offen sein wird, denn auf der ganzen Strecke treiben des Mahdi Anhänger ihr Wesen.

Am Blauen Nil ist eine Besatzung von tausend Mann von den Rebellen eingeschlossen, doch fehlt es ihnen nicht an Proviant; ehe der Nil steigt, kann ich ihnen nicht zu Hilfe kommen.

Auch Darfur, soweit ich Nachricht habe, ist ruhig; der neueingesetzte Sultan läßt sich hoffentlich angelegen sein, Anhang unter den Stämmen zu gewinnen.

Es ist ganz unmöglich, einen andern Mann als Sebehr mit Erfolg hier einsetzen zu wollen. Kein anderer hat soviel Einfluß wie er. Hussein Pascha Khalifa könnte nur mit Dongola und Berber fertig werden.

Wird Sebehr nicht hierher geschickt, dann fehlt alle Aussicht, die Besatzung zu retten; das fällt schwer ins Gewicht zu seinen Gunsten.

Auch ist es unmöglich, das Land zwischen Sebehr und anderen Häuptlingen zu teilen; keiner der andern könnte sich auch nur einen Tag gegen die Helfershelfer des Mahdi halten; auch Hussein Pascha Khalifa würde fallen.

Die Häuptlinge weigern sich, gemeinsame Sache zu machen; Loyale und Rebellen stehen einander gegenüber.

Es ist durchaus nicht zu fürchten, daß Sebehr sich je mit dem Mahdi unter eine Decke stecken werde. Sebehr wird hier weit größere Macht besitzen als der Mahdi und wird sich nicht scheuen, ihm dies begreiflich zu machen.

Der Mahdi ist mit dem Papst zu vergleichen, Sebehr aber würde Sultan sein; da ist keine Gefahr, daß die zwei sich einigen.

Sebehr ist dem Mahdi fünfzigmal gewachsen. Er ist auch aus guter Familie (ein direkter Abkömmling der Abassiden), genießt Ansehen und würde die Sultanwürde gut bekleiden; der Mahdi ist von all dem das Gegenteil und ein Fanatiker dazu.

Ich zweifle gar nicht, daß Sebehr, dem die Stämme verhaßt sind, die Aufruhrsaat gesäet hat und zwar in der Hoffnung, daß man ihn dann hier nötig haben würde, um Ordnung zu schaffen.

Es ist die Ironie des Schicksals, die ihm seinen Wunsch erfüllt, wenn er hierher geschickt wird.«

Gordon predigte mit dieser klaren Auseinandersetzung tauben Ohren, die Minister im fernen England und außer Zusammenhang mit Land und Leuten, erklärten Sebehrs Ernennung für eine Unmöglichkeit; die öffentliche Meinung würde sich dagegen auflehnen, hieß es. Und als Berber von den Rebellen bedroht wurde, zog man sich auf den Standpunkt der Friedenspolitik zurück und verweigerte eine Truppensendung.

Schon im März 1884 war die Lage Khartums eine bedenkliche geworden. Etliche Kilometer nördlich von der Stadt befindet sich das kleine Halfaja, woselbst eine Truppenabteilung von achthundert Mann, welche Gordon mit Waffen versehen hatte, von viertausend Rebellen eingeschlossen war. Der Ort liegt am Fluß, aber neuerdings war auch die Schiffahrt abgeschnitten. Die Besatzung hielt mutig aus und Gordon beschloß, ihr zu Hilfe zu kommen. Die Rebellen wurden täglich kühner und waren der Stadt selbst schon so nahe gerückt, daß ihre Kugeln den Palast erreichten. Es schien, als ob man sich auf die Verteidigung Khartums beschränken müsse, allein der Versuch, jene Getreuen zu entsetzen, sollte gemacht werden. Gordon hatte drei Dampfer kriegstüchtig gemacht und mit Geschütz versehen; mit diesen und zwölftausend Mann zog er aus. Nach zwei Tagen hatte er mit Verlust von zwei Mann die Belagerten entsetzt, und mit der Besatzung von Halfaja, ihren Kamelen und Pferden und einem beträchtlichen Vorrat von Kriegsbedarf kehrte er nach Khartum zurück. Der Jubel in der Stadt soll keine Grenzen gekannt haben, aber nur zu bald stand der öffentlichen Freude die Unglückspost gegenüber, daß Schendi den Rebellen erlegen und Berber bedroht sei. Die Khartumer selbst erlebten auf ihren Sieg eine böse Niederlage. Denn als die Rebellen fortfuhren, sich in der Nähe der Stadt zu postieren und den Palast zu beschießen, beschloß Gordon einen zweiten Ausfall, den er den ägyptischen Truppen unter ihren eigenen Offizieren übertrug. Er selbst beobachtete die Bewegungen vom Dach des Palastes aus. Die feindliche Linie erstreckte sich mehrere Kilometer weit am Blauen Nil hin. Die Ägypter drangen stetig vor und der Feind zog sich hinter die Dünen zurück, die, teilweise mit Bäumen und Strauchwerk bewachsen, eine natürliche Schutzwehr bilden. Es schien, als ob die Rebellen den Kampf weigern wollten, und die andern rückten ihnen nach, ihre Anführer voraus, bis diese wie von einem plötzlichen Schrecken ergriffen unversehens kehrt machten und auf ihre eigene Mannschaft eindrangen. Es entstand Unordnung; in die gebrochenen Reihen stürzten sich die berittenen Rebellen und die Flucht der Ägypter war die Folge. Ein Rebell durchrannte mit seinem Speere sieben Flüchtlinge in sieben Minunten. Das fürchterlichste Gemetzel zog sich bis in die Nähe von Khartum. Es war in jeder Hinsicht eine schimpfliche Niederlage. Die überbleibende Mannschaft aber war laut in der Anklage gegen ihre beiden Anführer, welche den ganzen Reißaus ins Werk gesetzt hatten. Es wurden sogar Beweise beigebracht, daß einer derselben einen Kanonier zu Boden schlug, der sein Geschütz gegen den Feind richten wollte. Sieben Stunden nach dem Gefecht lagen noch Verwundete umher; zum Glück waren es nur zwanzig, denn die Araber machten den Verwundeten den Garaus wo sie konnten. Oberst Stewart holte sie heim mit einem der Dampfer und brachte sie ins Lazaret. Weithin lagen die Erschlagenen, zweihundert an der Zahl, während der Feind nur vier Mann eingebüßt hatte.

Den beiden Anführern wurde übrigens ihr Lohn zu teil; die Leute brandmarkten sie einstimmig als Verräter, welche absichtlich gegen ihre Mannschaft kehrt gemacht hatten, um für den Feind eine Öffnung zu gewinnen. Beide Pascha, Said und Hassan, wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. In Hassans Wohnung fand sich ein beträchtlicher Waffenvorrat vor, und es ergab sich überdies, daß beide den Truppen ihre Löhnung vorenthalten und selbst eingesteckt hatten. Sie hatten es offenbar darauf abgesehen, früher oder später zum Feinde überzugehen. Die Stimmung Khartums litt übrigens nicht durch diese Niederlage. Die Bevölkerung war voll guter Zuversicht zu ihrem Statthalter und es fehlte nicht an handgreiflichen Beweisen der Opferwilligkeit. Ein wohlhabender Araber bot Gordon ein unverzinsliches Darlehen von siebentausend Thaler an, ein anderer war erbötig, zweihundert Mann auf eigene Kosten zu bewaffnen. Die Stadt war bereit, sich an Gordon zu halten, der sie seinerseits nicht im Stich lassen würde. Die Rebellen schickten täglich ihre Grüße über die Mauern und schienen es besonders auf den Regierungspalast abgesehen zu haben, der nach kurzer Zeit mit Kugeln gespickt war. Den Statthalter selbst, der viele Stunden auf seinem Dach verbrachte, traf keine; sie fielen zu seiner Rechten, sie fielen zu seiner Linken, er selbst schien gefeit wie früher.

Dem falschen Propheten hatte Gordon anbieten lassen, er wolle ihn zum Sultan von Kordofan ernennen, wenn er zu unterhandeln bereit sei. »Ich bin der Mahdi,« lautete die großartige Antwort. Drei bewaffnete Derwische erschienen eines Tages vor Khartum und begehrten Audienz. Sie wurden vor Gordon gebracht. Ihr Auftrag war, die Feierkleider zurückzubringen, die dieser dem Mahdi als Friedensgeschenk übersandt hatte. Darauf produzierte sie ein Derwischgewand, das Gordon anlegen sollte, um sich damit als Muselman und Anhänger des Propheten Mohammed Achmet, des Mahdi, zu bekennen. Es läßt sich denken, daß jener mit nicht allzuviel Zeremonie für die zugedachte Ehre sich bedankt hat. Von Stund an war es klar, daß von einer Räumung des Landes keine Rede sein konnte, wenn nicht der Mahdi wie einst Pharao mit Gewalt, im gegenwärtigen Falle mit Waffengewalt, belehrt wurde, daß er diese Leute müsse ziehen lassen. Auf britische Truppen aber war nicht zu rechnen und Gordon sah, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als selbst zu handeln; auch war er rasch entschlossen und erließ an alle ägyptischen Truppen, welche durch die Wüste nordwärts zogen, den telegraphischen Befehl zurückzukehren.

Es läßt sich hier passender Weise Gordons Ansicht über den Abfall vom Glauben einschalten. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß der Mahdi nicht alle Europäer in diesem Stück so fest fand wie unsern Helden. Als Obeid in die Hände des falschen Propheten fiel, soll nur einer der dortigen römischen Missionspriester Treue gehalten haben, alle andern mitsamt den Nonnen trieb die Angst dem Mohammedanismus in die Arme. Die letzteren gingen sogar noch weiter, und traten mit dortigen Griechen in ein nominelles Ehebündnis, um sich vor Gewalt zu schützen. Da wird der Papst einen schönen Lärm schlagen, meinte Gordon, das ist ja eine Union der katholischen Kirchen. Es ist übrigens nicht dieser Scherz, worauf wir hinweisen wollten, sondern auf folgende Stelle in seinem Septembertagebuch:

»Was die an den Mahdi und an verschiedene Araber-Häuptlinge geschriebenen Briefe anlangt, so gebe ich zu, daß sie scharf waren, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Europäer aus Furcht vor dem Tod seinem Glauben abschwört; es war nicht so vor alters, und sollte auch heute nicht so leicht von statten gehen, wie das Vertauschen eines Rockes mit einem andern. Wenn der christliche Glaube auf Einbildung beruht, dann werft ihn immerhin ab; aber es ist niedrig und ehrlos das zu thun, um sein Leben zu retten, wenn man ihn für den wahren Glauben hält. Was kann stärker sein als diese Worte: ›Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater!‹ Die alten Märtyrer betrachteten solche als ihre Feinde, die sie davon abzuhalten suchten, ihren Glauben frei zu bekennen. Und was für Männer hatten wir in England zur Zeit der Glaubensverfolgungen, als die Reformation sich Bahn brach, und damals galt es nicht um das, um was es hier gilt; es handelte sich dort nur um die Messe, während es sich hier um unsern Herrn und sein Leiden handelt.... In politischer wie moralischer Hinsicht ist es besser für uns, nichts mit den abtrünnigen Europäern im arabischen Feldlager zu thun zu haben. Verrat führt nie zu gutem Ende, und mag es uns gehen wie es will, so ist es besser wir fallen mit reinen Händen ..... Mit Ehren zu erliegen, ist besser als ein Sieg mit Unehren, und auch die Ulema in der Stadt sind dieser Meinung. Sie wollen nichts mit Verrat zu thun haben.«

Wo im obigen Punkte stehen, hatte Gordon angemerkt, wenn die Tagebücher je gedruckt würden, sei es vielleicht gut, die ganze Stelle zu unterdrücken, denn kein Mensch habe das Recht, einen andern zu richten.

Es mag eine schwere Zeit inneren Kampfes für Gordon gewesen sein, als es ihm aus den englischen Depeschen immer klarer wurde, daß man ihm nicht nur die Hilfe Sebehrs verweigerte, sondern überhaupt gesonnen war, ihn sich selbst zu überlassen — Krieg sollte vermieden werden; und das Schlimmste war noch, daß die Hälfte der abgesandten Depeschen ihn gar nicht erreichte. Es fehlte nicht an dringenden Vorstellungen seinerseits, und wochenlang schien Schweigen die Antwort zu sein. Wohl war er mit dem Gedanken ausgezogen, daß er als ein Friedensapostel kraft seines persönlichen Einflusses die ihm übertragene Mission erfüllen solle. Daß seine Regierung ihm aber gegebenen Falls unter die Arme greifen, daß sie ihn mindestens nicht im Stich lassen würde, das sollte keiner Vorversprechungen bedurft haben! Gordon hatte wieder und wieder erklärt, daß es ganz unmöglich wäre, die ägyptische Besatzung von Khartum zurückzuziehen, ohne die Stadt dem Mahdi zu überantworten und, was noch schlimmer wäre, die ägyptischen Besatzungen von Kassala, Sennar, Berber, Dongola und weiterhin in der Bahr el Ghasal ihrem Schicksal zu überlassen; dies aber erschien ihm als eine Feigheit, zu der er die Hand nicht bieten wollte. Was den Aufstand an sich betrifft, so war Gordon der Ansicht, daß es zu jener Zeit noch nicht tausend Mann englischer Truppen bedurft hätte, um gründlich aufzuräumen. Und als es klar war, daß englisches Militär zu diesem Zweck nicht vorhanden sei, kam er um die Erlaubnis ein, an die Türken zu appellieren; auch dies wurde ihm verweigert. Es war um diese Zeit, im März, daß der verlassene Held in einer eigentümlichen Depesche der englischen Regierung wie den ägyptischen Behörden seinen Dank für alle bisherige Beihilfe aussprach und die Erklärung beifügte, die betreffenden Machthaber hätten alles gethan, was von ihnen zu erwarten sei. Gordons englischer Biograph, Hake, macht darauf aufmerksam, daß diese Worte, so satirisch sie auf den ersten Blick erscheinen, auch nicht die Spur von Hohn enthalten, daß sich vielmehr die einfache und männliche Haltung des Mannes darin auspräge, von Stund an die Verantwortung der Lage auf seine Schultern zu nehmen als einer, der sich gezwungen sieht, der Übermacht der Umstände nach bestem Ermessen in eigener Kraft entgegen zu treten. In der Freiheit des Handelns aber lag die eine Hoffnung, die Tausende zu retten, deren Ankerpunkt er war. Es liegt etwas unendlich Rührendes darin, daß Gordon sich, abgesehen von seinem Pflichtgefühl überhaupt, für die ägyptischen Besatzungen aufopferte, für Menschen, die er im besten Fall immer nur als »Schafe« kennen gelernt hatte und von denen er nie viel Gutes sagen konnte. Diese Thatsache ist nicht der geringste Edelstein in der Krone des unvergleichlichen Mannes. Ein schönes Streiflicht hiezu giebt uns sein Tagebuch unterm 27. Oktober:

»Nicht weil ich dieses Volk hochachte, befürworte ich es, ihnen zu helfen, sondern weil sie ein so kraftloses, selbstsüchtiges Geschlecht sind, und weil dies die Frage unserer Pflicht ihnen gegenüber nicht beeinflussen kann. Die Erlösung der Menschen hätte nicht stattgefunden, käme unser Verdienst dabei in Betracht.« Und anderswo: »es ist ja gerade, weil wir so unwert sind, daß der Herr uns erlöst hat.«

Selbst im eigenen Lager war Gordon vor Verrat nicht sicher, und die Wohlgesinnten waren ein verzagtes Volk. Hake vergleicht ihn treffend mit dem kühnen Schiffsführer, der mit fester Hand ans Steuer tritt, um, so es möglich ist, die ihm anvertrauten Seelen in der Sturmnot zu retten. Ein Segel am Horizont war in Sicht gewesen, ja die eigene englische Flagge, aber trotz seiner Notsignale beharrte der ferne Segler auf seiner Bahn. Man hatte ihm nur zurücksignalisiert: »Ihr habt Boote und könnt euch davonmachen; laßt das Schiff sinken, es ist doch nicht zu retten.« Nicht so der Tapfere; trug sein Schiff doch kostbare Dinge, Schätze, die er nicht gering achtete, als da sind die Ehre des Mannes und die des Volkes, dem er angehört, und Gerechtigkeit, ja Erbarmung gegen die Hilflosen, die an ihn sich halten. Ist sein Schiff anderen nicht so viel wert, daß sie es retten, so will er thun was er kann, und lieber mit versinken, als ehrlos davongehen. Er ruft sein Schiffsvolk zusammen und sagt ihnen: »Selbst ist der Mann!« Er heißt sie die nutzlose Notflagge einziehen und zeigt ihnen, wie das lecke Schiff noch flott zu halten ist. Er beseelt sie mit einem Heldenmut und die Verzagenden legen Hand an, seiner Führung vertrauend. Wohl hätten sie Rettungsboote, sagt er ihnen, aber nicht für alle, und wer die eigene Haut retten wolle, der könne es immerhin versuchen. Die Sturmflut steigt, Wellen türmen sich auf Wellen, und zwischen den Wogen gähnt das Grab. Das ferne Segel, die ihm teure Flagge verschwindet am Horizont. Wohl kostet es ihn bitteren Schmerz, doch wächst der Mut ihm mit der Not. Noch ist es Tag, er will thun, was er kann als Schiffsherr und Steuermann; und kommt die Nacht, so ist Gott über ihm und ist auch dann noch da, wenn kein Polarstern mehr leuchtet.

Und Gordon blieb in Khartum, als englische Saumseligkeit sich zurückzog. Wer will es ihm verargen, daß die Haltung der Regierung, auf die er sich verlassen hatte, ihn mit Entrüstung erfüllte? Mit nackten Worten meldete er derselben, daß, möchten sie thun, was sie verantworten könnten, er nie und nimmer eine Besatzung verlassen werde, die an ihn sich klammere, daß er allen und jeden Versuch machen werde sie zu retten, ob solche Versuche auf den Leisten der Diplomatie paßten oder nicht. Die Khartumer hätten ihm ihr Geld geliehen, er hätte sie veranlaßt ihr Getreide billig zu verkaufen, er könne sein Schicksal von dem ihren nicht trennen.

»Soweit ich die Lage beurteilen kann,« telegraphierte er am 5. Mai an Sir E. Baring, der für ihn die englische Regierung vertrat, »ist sie einfach die: Sie erklären es als Ihre Absicht, weder Khartum noch Berber mit Truppen zu Hilfe zu kommen, und Sie verweigern mir Sebehr. Ich betrachte mich unter diesen Umständen frei, zu handeln wie die Lage gebietet. So lange es möglich ist, werde ich hier feststehen, und wenn ich den Aufruhr unterdrücken kann, werde ich es thun. Vermag ich es nicht, dann ziehe ich mich an den Äquator zurück und überlasse Ihnen den unauslöschlichen Schimpf, die Besatzungen von Sennar, Kassala, Berber und Dongola im Stich gelassen zu haben, mit der Gewißheit obendrein, daß Sie den Mahdi früher oder später doch noch werden vernichten müssen — und dann unter größeren Schwierigkeiten als jetzt — wenn Sie anders Ägypten nicht auch fahren lassen wollen.«

Dieses Telegramm war sozusagen Gordons letzter Hilferuf an die englischen Minister; er verhallte ungehört. Die Stimme des Volkes zwar erhob sich und wollte den Helden nicht verlassen sehen. Auch im Parlament kam die Sache wieder und wieder zur Sprache. Lord Granville erklärte, daß wenn Gordon sich verlassen fühle, es nur deshalb sein könne, weil die englischen Telegramme ihn nicht erreichten; und Gladstone gab die keiner Auslegung bedürfende Erklärung ab, daß es Gordon jederzeit frei stünde, seinen Auftrag niederzulegen und nach England zurückzukehren! Die öffentliche Meinung in jenen Tagen glich einer wogenden See; Gordons Telegramm konnte nichts anderes als Teilnahme hervorrufen. In einer Versammlung englischer Bürger wurde einstimmig erklärt: »Wir verwerfen die Politik, die im Begriff ist, Gordon im Stich zu lassen, als eine unwürdige und das Land entehrende.« Und sowohl in dieser Versammlung als anderwärts wurde darauf hingewiesen, daß Gordons eigenartige Mission selbst den Ministern gegenüber von der Voraussetzung nicht zu trennen wäre, daß er nach seiner Einsicht handeln müsse, und daß man ihm, als er die Sendung übernahm, zu verstehen gegeben hätte, Unterstützung würde ihm nötigenfalls werden. Es seien leere Versprechungen gewesen; er habe um Geldmittel telegraphiert, man habe sie ihm verweigert; er habe nachgewiesen, daß Sebehr die beste Lösung der Frage sei, man sei ihm entgegengetreten; er habe um Truppen nachgesucht, man habe ihn benachrichtigt: er dürfe nicht darauf rechnen.

Selbst Privatpersonen erklärten sich bereit, für die Regierung in die Bresche zu treten. Eine wohlhabende Dame bot in der Times hunderttausend Mark an, in der Hoffnung, daß durch freiwillige Beiträge eine genügende Summe zusammenkommen würde; anderthalb Millionen Mark wurden gezeichnet, eine Schar Freiwilliger sollte ausziehen, um England die Schande zu ersparen, den Helden und seine beiden opferwilligen Gefährten umkommen zu lassen, es wurde nicht genehmigt. Der Horizont wurde täglich dunkler. Dringende Mahnrufe ergingen an die Regierung von dem belagerten Berber; man könne nicht helfen, hieß es. Hilfe thue dort in sechzehn Stunden not, und ein Zuzug brauche ebenso viele Wochen. Daher unterblieb er. Das letzte, was man von Berber hörte, war die Botschaft, daß Hussein Khalifa die Stadt nur noch mit der Hoffnung halte, daß englischer Entsatz auf dem Wege sei; und als sich die Hoffnung als eine leere erwies, hieß es auch dort: Wir sind verlassen, wenn Gott uns nicht hilft. Von Kairo war Nachricht nach London gekommen, daß in Berber ein panischer Schrecken den Rebellen in die Hände arbeite, und wenn die telegraphische Verbindung nach Khartum noch einmal benutzt werden solle, dann sei keine Zeit zu verlieren.

Und Berber fiel, unter Greuelszenen, wie sie den Sudan-Krieg kennzeichnen. Es war das Vorspiel für Khartum. Es war die Brandglocke. Noch wäre es Zeit gewesen, um dort zu löschen, allein man schlief ruhig weiter, ob nicht ein Regenguß vom Himmel, oder sonst was zu Hilfe käme und eigene Anstrengung ersparte. Und Schweigen fiel auf die verlassene Stadt. Depeschen blieben aus, man wußte nicht mehr wie es dort ging. Fünf Monate lang keine Nachricht oder doch nur unzuverlässige Gerüchte. Doch das wußte, wer es wissen wollte — sein vergangenes Leben bürgte dafür — daß Gordon die Pflicht für sein Volk wie ein Held erfüllte. Hatten die Seinen ihn verlassen, so war Gott mit ihm, und er wagte den Kampf.

5. Mannhaft auf dem Posten.

Gordon verlor keine Zeit, die Verteidigung Khartums ins Werk zu setzen. Seine erste Sorge war der Proviant. Es ergab sich, daß die Stadt eine fünfmonatliche Belagerung würde aushalten können. Den Armen wurde eine tägliche Ration bewilligt. Der leeren Kasse half er durch Papiergeld auf, und es beweist das Vertrauen der Leute, daß ihnen sein Wort für Zahlung galt. Auf diese Weise hielt er sein unzuverlässiges Militär zusammen und verhinderte wenigstens um jene Zeit das Desertieren. Um die Stadt her legte er Sprengminen, und in Erwartung der unbeschuhten Füße etwaiger Sturmläufer war der Boden weithin mit Glasscherben und zu ähnlichen Zwecken angefertigten Stachelnüssen bestreut, nämlich mit eisernen Nüssen, die, wie sie auch fallen, eine oder mehrere ihrer Spitzen nach oben kehren. Zwischen den Minen waren Drahtangeln angebracht, um den anlaufenden Feind zu Fall zu bringen. Gordon war entschlossen, sich und die Stadt so teuer als möglich zu verkaufen. An Schießbedarf fehlte es glücklicherweise nicht. Auch ließ die Gesundheit der Stadt nichts zu wünschen übrig, und der Nil war im Steigen; letzteres war ein Hauptfaktor in Gordons Berechnung, welcher sich bei dem Angriff auf die Rebellen hauptsächlich auf seine Dampfer verließ.

Keine Woche verging, ehe er die Scharte der Dünen-Niederlage auswetzte, und zwar eben durch einen der Dampfer, der mit einer Kruppkanone unter den Rebellen aufräumte. Es war Gordons Genie, das aus gewöhnlichen Nilbooten Kriegsschiffe schuf, die ihrem Zweck vollkommen genügten. Manchen heißen Arbeitstag verwandte er selbst darauf, diese Schiffe mit Eisenplatten und mehrfach übereinandergelegten Holzdielen zu panzern und zum Spießrutenlaufen zwischen den von den Rebellen besetzten Ufern kugelfest zu machen. Seine Dampfer begleiteten sechs Barken, auf denen er zwanzig Fuß hohe Türme errichtete, die seine Schützen trugen. Die Flotte muß einen seltsamen Anblick gewährt haben, Gordon war aber offenbar stolz auf ihre Tüchtigkeit.

Saati Bey war Flottenführer. Fast täglich wagte das kleine Geschwader den Ausfall aus der blockierten Stadt und kehrte öfters mit Beute — Vieh und Getreide — zurück, was nicht mit Geld aufzuwiegen war. Überhaupt konnte Gordon nur auf die Schiffe rechnen, wie aus seiner nicht ohne bitteren Humor abgefaßten Notiz hervorgeht:

»Unsere Dampfer halten sich prächtig; das ist ein Vorteil zu Wasser, daß die Mannschaft nicht davonlaufen kann, sondern wohl oder übel stand halten muß!«

Es fehlte auch nicht an kleinen Gefechten, wodurch wenigstens das erreicht wurde, daß man sich die Rebellen auf Armslänge vom Leibe hielt; einen Angriff auf die Stadt selbst wagten dieselben nicht mehr, nachdem sie mit den Sprengminen Bekanntschaft gemacht hatten. Als Berber gefallen war, schlossen sich an den Mahdi auch die Schaggyeh-Beduinen an, die das Land nordwärts von Khartum inne hatten. Damit war die Isolierung der Stadt eine vollständige.

Die Spannung in England nahm mit den Sommermonaten zu. Bei dem Ausbleiben aller glaubwürdigen Nachrichten malte man sich die Lage der Stadt noch schlimmer aus, als sie damals in Wirklichkeit war; man sah sie dem hohläugigen Hunger einerseits, den fanatischen Horden des Mahdi andererseits in die Arme fallen, man sah den heroischen Gordon mit seinen tapferen Gefährten, wie sie, von aller Welt verlassen, den sinkenden Mut von Tausenden aufrecht erhielten, obschon ihnen selbst kein Hoffnungsstern leuchtete. Und als endlich verlautete, der Regierung habe das Gewissen geschlagen und Entsatzungstruppen würden abgehen, da hielt mancher dafür, wie es sich ja leider auch als wahr erwiesen hat, daß das Ministerium der Verspätungsmaßregeln auch hier wieder mit dem guten Willen hinterdrein kommen werde.

Am 29. September, nach fünfmonatelangem Schweigen brachte die Times Nachrichten von Khartum. Die Aufzeichnungen Powers[15] waren am Abend vorher angelangt, und das englische Volk las mit klopfendem Herzen, wie es den drei Söhnen Englands in der belagerten Nilstadt erging; hatte man doch die Hoffnung aufgegeben, je wieder Beruhigendes von ihnen zu vernehmen. Die hier folgenden Notizen zeigen mit der Kürze von Depeschen, wie Gordon, Stewart und Power zwischen dem ersten Mai und letzten Juli mannhaft auf ihrem Posten standen und Khartum bis dahin gehalten hatten.

»1. Mai. — Der befehlende Offizier der Sappeurs legte eine Sprengmine mit achtundsiebzig Pfund Pulver, trat aber unglücklicherweise selbst darauf und wurde mit sechs seiner Leute zerschmettert.

»3. Mai. — Ein Mann berichtet von einer englischen Armee in Berber.

»6. Mai. — Energischer Angriff seitens der Araber auf die Befestigungen am Blauen Nil; die Minen, die wir bei Buri legten, brachten ihnen große Verluste.

»7. Mai. — Starker Angriff von einem gegenüberliegenden Dorf; neun Minen explodierten und wir hörten nachher, daß es die Rebellen einhundertundfünfzehn Tote kostete. Die Araber schossen ununterbrochen. Oberst Stewart vertrieb sie mit zwei prächtigen Salven aus einem vor dem Palast aufgestellten Kruppschen Zwanzigpfünder aus ihrer wichtigsten Stellung. Während der Nacht brachen sie Schießscharten in die Mauern, aber am 9. verjagten wir sie, nachdem sie das Dorf drei Tage innegehabt hatten.

»25. Mai. — Oberst Stewart, durch eine feindliche Kugel verwundet, während er eine Mitrailleuse vor dem Palast leitete, ist jetzt wieder hergestellt.

»26. Mai. — Bei einem Manöver auf dem Weißen Nil schoß Saati Bey eine Bombe in ein arabisches Pulvermagazin. Gewaltige Explosion, an sechzig Bomben platzten.

»Während der Monate Mai und Juni tägliche Dampferexpeditionen unter Saati Bey. Unsere Verluste unerheblich. Viel Vieh eingebracht.

»25. Juni. — Cuzzi, der englische Konsul von Berber, der bei den Rebellen ist, brachte unsern Linien Bericht vom Fall Berbers. Er ist auf dem Weg nach Kordofan.

»30. Juni. — Saati Bey hat den Rebellen vierzig Ardeb Korn abgejagt, und zweihundert Araber sind dabei gefallen.

»10. Juli. — Saati Bey machte einen Angriff auf Gatareeb, nachdem er Kalkala und drei andere Dörfer in Brand gesteckt hatte; er und drei seiner Offiziere fielen. Saatis Verlust ist keine Kleinigkeit.

»29. Juli. — Wir haben die Rebellen aus Buri am Blauen Nil verjagt; es hat sie viel Tote gekostet, uns ziemlich Munition und achtzig Gewehre eingetragen. Die Dampfer rückten bis El-Efan vor, säuberten dreizehn Schanzen und zerschmetterten zwei Kanonen. Die ganze Belagerung bisher hat uns keine siebenhundert Mann gekostet.

»31. Juli. — Mit dem heutigen schließt der fünfte Monat der Belagerung. Gestern schickte ich über Kassala einen übersichtlichen Bericht über unsere Lage und die hauptsächlichsten Ereignisse seit dem 25. März. Bis 23. April ging wöchentlich mehrmals Nachricht ab; nach diesem Datum war's unmöglich Botschaft nach Berber zu bringen. Wir sind jetzt seit fünf Monaten eng belagert, die arabischen Geschosse erreichen den Palast von allen Seiten.

»Seit 17. März ist kein Tag ohne Beschießung vergangen, trotzdem berechnen sich unsere Toten von Anfang an höchstens auf siebenhundert. Verwundungen, die im ganzen leicht sind, gab's viele. Seit die Stadt eingeschlossen ist, läßt General Gordon den Armen Zwieback und Korn verabreichen, und bis jetzt hat niemand ernstlich Not gelitten. Aber Teuerung herrscht, und die Lebensmittel sind enorm im Preis gestiegen; Fleisch, wenn man's überhaupt kriegen kann, kostet acht oder neun Schilling per Ober. Die Klassen, die sich nicht unterstützen lassen können, leiden am meisten.

»Mit der Nachricht, die uns vorgestern erreichte, ist unsere letzte Hoffnung dahin, daß unsere Regierung uns zu Hilfe kommen werde. Wir haben noch Mundvorrat auf zwei Monate, und dann bleibt uns nicht übrig als zu fallen. Mit den Truppen, die uns zu Gebot stehen, und den vielen Weibern und Kindern ist es ganz unmöglich daran zu denken, sich durch die Araber durchzuschlagen. Wir haben nicht genug Dampfer, um alle fortzuschaffen, und nur mit Hilfe der Dampfer können wir den Rebellen begegnen.

»Ein berittener Araber genügt, um zweihundert von unserer Mannschaft in die Flucht zu schlagen. Als Saati Bey fiel, hatten ihrer acht mit Speeren zweihundert der unsern angegriffen, deren jeder sein Gewehr trug. Die Kerle nahmen sofort Reißaus und kümmerten sich nicht darum, daß Saati und sein Vakil erschlagen wurde. Ein schwarzer Offizier hieb drei jener Araber zusammen, und die anderen fünf genügten, die ganze Truppe der unsern davonzujagen. Ein Berittener, der dazu kam, sprengte durch die flüchtige Schar und schlug sieben zu Boden. Oberst Stewart, der keine Waffen trug, kam wie durch ein Wunder davon; die Araber hatten ihn nicht gesehen. Was kann man mit solchen Truppen anfangen? Die Neger sind die einzigen, auf die wir uns verlassen können.

»Der Ausfall der schwarzen Mannschaft unter Mehemet Ali Pascha am 28. dieses war glänzend; die Araber müssen schwere Verluste gehabt haben. General Gordon hat es den Soldaten verboten, die Köpfe der erschlagenen Rebellen einzubringen, die Zahl läßt sich daher nur mutmaßen. Wir eroberten bei dieser Gelegenheit sechzehn Bomben, ziemlich viel Kartätschen und Patronen, eine schöne Anzahl Gewehre, an zweihundert Lanzen, sechzig Schwerter und einige Pferde. Wir hatten vier Tote und etliche Leichtverwundete. Dieser Sieg hat uns die Rebellen eine Zeit lang vom Hals geschafft, die unsere Linien bei Buri am Blauen Nil unablässig, selbst nachts, beschossen.

»Den folgenden Tag, am 29. dieses, rückte unser Geschwader, d. h. fünf Kriegsdampfer und vier mit Türmchen und Geschütz versehene Barken, nach Giraffa am Blauen Nil vor. Ich ging mit. Wir säuberten dreizehn kleine Forts, stießen aber bei Giraffa auf zwei beträchtlichere Verschanzungen — Erdwälle mit starken Palissaden aus Palmstämmen. Die eine trug zwei Kanonen. Wir beschossen diese Verschanzungen acht Stunden lang, bis wir die beiden Kanonen mit unserem Kruppschen Zwanzigpfünder endlich zum Schweigen brachten. Die Gewehre der Araber knatterten unaufhörlich; unsere Panzerboote aber können einen Kugelregen aushalten, und so hatten wir nur drei Tote bei zwölf oder dreizehn Verwundeten. Gegen Abend verjagten wir die Rebellen, die ziemlich zahlreich waren.

»In etwa drei Tagen beabsichtigt General Gordon zwei Dampfer gegen Sennar zu schicken. Wir hoffen, daß sie den Dampfer »Mehemet Ali« wieder kapern, den die Rebellen dem Saleh Bey neulich abjagten. General Gordon ist wohl auf, und Oberst Stewarts Wunde ist wieder heil. Auch ich bin wohl und guter Dinge.«

Man atmete auf in England bei dieser Nachricht und war stolz auf die drei Tapferen, die sich so rühmlich hielten. Und ob der Freude vergaß man im ersten Augenblick, wie lange die Botschaft unterwegs war! »Wir haben noch Mundvorrat auf zwei Monate und dann bleibt uns nichts übrig, als zu fallen,« so schrieb man am 31. Juli in Khartum, und am 29. September wiederhallten diese Worte in England. Noch ein Tag fehlte an der gesteckten Frist. Wie stand es jetzt um Khartum?

Am 30. Juli schrieb Gordon an Sir E. Baring:

»Besten Dank für Ihre guten Wünsche. Der Nil ist jetzt hoch, und wir hoffen, in wenigen Tagen offene Route nach Sennar zu haben. Unsere Verluste bis jetzt sind nicht ernstlicher Art. Stewart war leicht verwundet, ist aber wieder hergestellt. Seien Sie überzeugt, daß wir diese Gefechte nicht suchen, aber wir haben keine andere Wahl, denn der Rückzug wäre nur dann möglich, wenn wir die Zivilbeamten und ihre Familien im Stich ließen, wogegen die allgemeine Stimmung der Truppen sich auflehnt. Ich habe keinen Rat zu geben. Wenn wir Sennar entsetzen und den Blauen Nil säubern können, wären wir stark genug, Berber zurückzuerobern, d. h. wenn Dongola sich halten kann. Nicht ein Pfund von Ihren Hilfsgeldern ist hier angelangt; es ist dem Feind in Berber in die Hände gefallen. Und ich mißgönne es den Arabern nicht, denn es ist doch nur ein Teil von dem, was die ägyptischen Pascha dem Land erpreßt haben. Es sollten vier Millionen Mark nach Kassala geschickt werden; man muß diesen Besatzungen wenigstens mit Geld zu Hilfe kommen. Khartum kostet zehntausend Mark per Tag. Wenn der Weg nach Berber frei wird, werde ich Stewart mit dem Tagebuch hinschicken, d. h. wenn er einwilligt. Das dürfen Sie glauben, wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses erbärmliche Scharmützeln einzustellen, so würde ich sie ergreifen, denn mir ist der ganze Krieg verhaßt. Die Leute sind dagegen, daß ich die Stadt verlasse, aus Furcht, daß alles noch schlimmer würde, wenn mir etwas zustieße; so sitze ich immer auf Sohlen, wenn die Mannschaft draußen ist. Wenn ich irgend jemand hier ans Ruder stellen könnte, so würde ich es thun, aber es ist niemand da; alle tüchtigen Kräfte zogen mit Hicks aus und sind geblieben. Als Beweis, wie gut die Araber schießen, hat der eine Dampfer neunhundertundsiebzig und der andere achthundertundsechzig Verletzungen im Rumpf. Seit unserer Niederlage am 16. März haben wir nur etwa dreißig Tote und fünfzig oder sechzig Verwundete gehabt, was sehr wenig ist. Wir haben wohl eine halbe Million Patronen verschossen. Die Leute halten sich im ganzen gut ... Es mag taktlos klingen, aber wenn wir je davon kommen, so geben Sie dem Stewart einen Orden, aber nur mir nicht. Ersparen Sie mir die Unannehmlichkeit es abzulehnen, aber ich hasse solches Zeug. Wenn wir davonkommen, so ist es lediglich durch Gebetserhörung und nicht aus eigener Kraft; fürs übrige ist's dann eine Genugthuung, hier gewesen zu sein, so trostlos es manchmal ist. Stewarts Tagebuch ist sehr ausführlich. Ich will nur hoffen, daß es Sie erreicht, wenn ich's schicken kann. Landminen werden künftig unsere beste Verteidigung sein; wir haben die Außenwerke damit bedeckt, bis jetzt haben sie allen Angriff abgehalten und tüchtig aufgeräumt ... Wir haben einen Khartum-Orden von drei Graden — Silber mit Vergoldung, Silber und Zinn — eingeführt, eine Granate mit der Umschrift »die Belagerung von Khartum«. Sogar Frauen und Schulkinder haben ihn schon erhalten; ich bin daher sehr populär bei den schwarzen Damen. Wir haben Papiergeld im Wert von einer halben Million Mark in Umlauf gesetzt, und von Kaufleuten habe ich eine Million geliehen, beides auf Ihren Kredit hin! Auch habe ich einhundertundsechzigtausend Mark Papiergeld nach Sennar geschickt. Was die Steuern betrifft, so zahlt man uns nur in Blei, woraus Sie abnehmen mögen, daß Sie eine schöne Rechnung hier zusammenkriegen. Die Truppen und die Leute im ganzen sind gutes Muts ... Ich glaube, daß eine schreckliche Hungersnot durchs ganze Land das Finale sein wird. Ein Spion brachte gestern die Nachricht, die ›Königin von England‹ sei in Korosko — vielleicht ist es ein Schiff. Sieben Mann, ich mitgerechnet, sind die ganze Verstärkung, deren der Sudan seit der Hicks-Niederlage sich rühmen kann! während wir euch sechshundert Mann Militär und zweitausend Mann Zivil zugeschickt haben — wir lachen manchmal darüber. Ich werde Khartum nicht verlassen, ehe ich jemand an meine Stelle setzen kann. Wenn die Europäer, die hier sind, suchen wollen, den Äquator zu erreichen, so will ich ihnen mit den Dampfern dazu behilflich sein; aber nach all dem, was hinter uns liegt, kann ich die Leute nicht im Stich lassen. — Ich habe Ihnen ja gesagt, daß der Weg über Wady Halfa am rechten Nilufer hin der beste wäre; hätte Berber sich gehalten, so wäre es eine Vergnügungsfahrt. Eine andere Möglichkeit wäre, von Senheit nach Kassala und von da nach Abu Haraz am Blauen Nil; jedenfalls sicher bis Kassala, aber ich fürchte, es ist zu spät. Wir müssen uns selber durchhelfen, so gut wir können. Wenn Gott uns seinen Segen dazu giebt, so wird uns der Sieg; wenn es nicht sein Wille ist, so ist es auch recht ...

»Warum benutzen Sie die Geheimschrift? Ist ganz unnötig, die Araber haben ja keine Dolmetscher. Sie sagen, es sei Ihr Ziel, den Sudan zu räumen; gut, aber die Araber haben auch ein Wort dreinzureden, ehe sie die Ägypter ziehen lassen. Es wird alles zum besten dienen. Ich wiederhole zum Schluß, wir verteidigen uns so lang wir können, und ich lasse Khartum nicht im Stich. Noch hoffe ich, wenn ich auch bis jetzt kein Wie sehe, daß Gott uns einen Ausweg zeigen wird.«

In einer Nachschrift heißt es:

»Sie fragen in Ihrem Telegramm vom 5. Mai: warum ich darauf bestehe, hier zu bleiben, wenn doch England sich zurückziehe? Antwort: ich bleibe hier, weil die Araber uns eingeschlossen haben und niemand durchlassen. Überdies würden mich die Leute festhalten, wenn ich ihnen nicht vorher zu einer Regierung verhälfe oder sie mitnähme, was nicht möglich ist. Niemand verließe das Land lieber als ich, wenn es sein könnte.«

Im Laufe des August schreibt er an einen Offizier der königlichen Marine zu Massaua:

».... Eine ganze Reihe kleiner Gefechte mit den Arabern, die wir gottlob zurückgeschlagen haben. Der Weg nach Sennar ist jetzt offen, und wir haben im Augenblick nichts von den Arabern zu befürchten. Wir beabsichtigen morgen einen Angriff und wollen einen Ausfall auf Berber machen; Stewart und die beiden Konsuln (der Engländer Power und der Franzose Herbin) wollen den Versuch wagen, nach Dongola zu entkommen. Wir würden Berber zerstören und wieder auf unser Piratennest zurückfallen ... Ich denke, wir halten Khartum in alle Ewigkeit, wir sind dem Mahdi gewachsen. Hat er Reiterei, so haben wir Dampfer. Wir sind sehr bös auf euch zu sprechen, denn seit dem 29. März hat kein Sterbenswort von der Außenwelt uns erreicht. Ich habe schon zweitausendachthundert Mark für einen Spion hingelegt, und ihr habt dem armen Teufel zwanzig Thaler gegeben (wenigstens behauptet er das), um von Massaua nach Khartum zurückzugelangen. Ich habe ihm vierhundert Mark draufgelegt ... Wir haben wieder Mundvorrat auf fünf Monate und hoffen noch mehr wegzufangen ... Unser Vaterland spielt keine sehr edle Rolle, weder Ägypten noch dem Sudan gegenüber. Ich wollte, ich hätte ein paar von euren Artilleristen hier, denn unsere Kanonade ist erbärmlich. Meine Empfehlung an die Offiziere.«

Notes in this chapter

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