Siebentes Buch. Bei den Basuto.
Reading edition
Im Winter 1881 finden wir Gordon wieder in England. Die Zeitungsschreiber fingen an sich zu wundern, was man wohl als nächstes von ihm hören werde. Das Kriegsministerium hatte auch sein zweites Entlassungsgesuch nicht angenommen. Er hätte am liebsten schon damals einen langgehegten Plan ausgeführt und sich im heiligen Lande eine Zeit der Ruhe gegönnt, aber noch lagen andere Dinge dazwischen. Es war das Jahr der irischen Wirren. Er machte einen Besuch auf der Schwesterinsel und fand, daß die niederen Volksschichten daselbst — aus was für Ursache war ihm gleichgültig — elender und verkommener sind als die Armen irgend eines andern ihm bekannten Landes. Der hoffnungslose Zustand Irlands schnitt ihm ins Herz. Mit seiner gewohnten Freimütigkeit veröffentlichte er seine Ansichten in der Times, die von dem Gedanken ausgingen, daß eine Nation, die s. Z. vierhundert Millionen Mark für die westindischen Neger erübrigen konnte, ein ähnliches für die Irländer zu thun im stande sein dürfte. Seine an sich höchst beachtenswerten Vorschläge waren aber viel zu opferwillig, als daß sie den maßgebenden Kreisen eingeleuchtet hätten. In gewohnter Weise leerte er seinen eigenen Beutel in Irland und mußte sich von einem Bekannten in Dublin zur Rückreise nach London aushelfen lassen.
Um diese Zeit erreichte eine Todesnachricht England, die ihn tief betrübte: am 30. April 1881 war Romulus Gessi im französischen Spital zu Suez nach längerem Leiden gestorben. Der tapfere Italiener war ein Opfer des Landes geworden, für das er mit Gordon sein Leben eingesetzt hatte. Kehren wir für einen Augenblick in die Bahr el Ghasal zurück. Nachdem Gessi dort den Sklavenhändlern den Garaus gemacht hatte, blieb er daselbst als Statthalter. Nun das Greuelwesen unterdrückt war, konnte er das fruchtbare Land einen Garten nennen. Die Schwarzen hielten sich zu ihm und Land und Leute schienen sich von dem Jammer zu erholen. Gordons Nachfolger in Khartum aber, kein anderer als jener berüchtigte Rauf, den Gordon früher wegen Tyrannei zweimal gezüchtigt hatte und in welchem die ägyptische Regierung ihren Ersatzmann zu erblicken schien, als sie Gordon verlor, machte es ihm unmöglich, in seiner Stellung zu verbleiben. Am 25. September 1880 legte er sie nieder, als gerade ein Dampfer die Reise nilabwärts unternahm. Lassen wir ihn das entsetzliche Ende selbst erzählen:
»Zu spät sah ich meine Thorheit ein. Die Grasverstopfungen im Nil hatten sich aufs neue angehäuft, und das Boot war der schweren Arbeit, sich durch den Ssett zu ringen, nicht gewachsen. Die Maschine war eine schwache, nur vierzig Pferdekraft, und durch die Nachlässigkeit des Kapitäns war sowohl der Holzvorrat als die Zahl der Matrosen viel zu gering. Die vorhandene Nahrung war für fünfundzwanzig Tage berechnet, wir waren drei Monate unterwegs; fünfhundertsechzig Seelen waren an Bord, und obgleich wir Tag und Nacht arbeiteten, war an kein Vorwärtskommen zu denken. Die Nahrung ging zu Ende. Meine Soldaten wurden mutlos; weithin nichts als Sümpfe, und Hungersnot in der schrecklichsten Lage war unser Los. Es waren einige Sklavenhändler an Bord, die ich sehr gegen ihren Willen nach Khartum mitnahm; diese verbreiteten die Nachricht, daß ich sechzig Säcke voll Korn versteckt hielte; ich konnte die Soldaten nur heißen, das Schiff durchsuchen und essen was sie fänden. Dann behaupteten die Händler, ich hätte das Korn (vor der Abfahrt) verkauft; Drohungen wurden laut, und von da an ging ich nur mit geladener Pistole umher. Die Hungersnot nahm zu. Zuerst wurden die Lederüberzüge der Betten gegessen und dann das Schuhwerk. Im Fluß fand sich hie und da eine nahrungshaltige Pflanze, aber leider in geringer Menge. Und zuletzt nährten sich die Lebendigen von den Toten. Was mich am Leben erhielt, war zuweilen ein Fisch, den meine Diener mit einem gebogenen Draht fingen. Ein Nugger begleitete uns, und so lange der Besitzer desselben Nahrung hatte, teilte er sie großmütig mit mir. Gern wären wir zurückgekehrt, aber vor uns und hinter uns hatte der Wind die entsetzlichen Massen zusammengetrieben, und weithin war durch heftigen Regen das Land ein See. Das Holz gebrach und wir verbrannten ein Boot. Der Tod lichtete unsere Reihen täglich; zuerst starben die Kinder, dann die Weiber. Der Truppenbefehlshaber schloß sich in seine Kajüte ein und erwartete sein Schicksal. Niemand wollte mehr arbeiten; nur der Kapitän, zwei Heizer, vier Matrosen und der Steuermann unterstützten mich noch. Langsam brachten wir das Schiff vorwärts, aber es war wenig genug, was wir mit ausgehungertem Körper leisten konnten. Soweit das Auge reichte, saß das Boot wie in einer dichten Wiese fest. Überall um uns her lagen die Toten; niemand rührte einen Finger, die Leichen zu entfernen. Die Luft war verpestet und das Wasser auch. Aasvögel waren unsere Gäste. Von den fünfhundertfünfzig Seelen, welche die Reise antraten, waren nach zwei Monaten noch hundert übrig — hundert Skelette, nicht menschliche Körper. Am letzten Tag des Jahres machte ich mein Testament und legte es auf den Tisch in meiner Kajüte. Nach zwei Tagen hörte ich Schüsse, es war ein Signal des Dampfers »Bordeen« von Khartum. Unsere Abreise dorthin war telegraphisch gemeldet worden; aber der Generalgouverneur besann sich lang, bis er uns Hilfe entgegenschickte. Der »Bordeen« hatte eine tüchtige Maschine und schleppte uns bald durch den Ssett. Auf dem uns erlösenden Dampfer fanden wir eine Bande von Sklavenhändlern, die landaufwärts wollten, um aufs neue ihre Menschenjagd zu beginnen: neues Elend, Raub, Mord und Qualen jeder Art erwartete die armen Stämme, die kaum angefangen hatten, aufzuatmen. Um ein bißchen Elfenbein zu erlangen, sollte wieder Blut in Strömen fließen. An einer Station fanden wir eine Herde gestohlener Ochsen und tausend Sklaven. Die Händler, die sich wie Heuschrecken von allen Seiten her einfanden, kauften die Armen und trieben sie vor sich her.«
Gordon wußte nur zu gut, daß menschlich geredet sowohl er als Gessi vergeblich gearbeitet hatte. Auf seinem Weg nach Mauritius kehrte er in Suez ein und besuchte das Grab seines Kampfgenossen.
Gordons nächster Aufenthaltsort nämlich war die Insel Mauritius; er begab sich dahin als Ingenieur-Kommandant. Einer seiner Mitoffiziere war zu dem Posten ausersehen, fand sich aber aus Familienrücksichten bewogen, einen Ersatzmann zu suchen, was nicht gegen die englische Militäreinrichtung verstößt. Jeder andere hätte sich mit der auf diese Weise übernommenen Stelle einer schönen Geldentschädigung erfreut. Gordon machte hiervon eine Ausnahme; ihm genügte es, einem andern einen Gefallen zu erweisen. Die zehn Monate, die er auf der schönen Insel verbrachte, waren äußerlich eine stille und friedliche Zeit für ihn. Berufsmäßig machte er verschiedene Vorlagen zur Beherrschung des indischen Ozeans. Er besuchte die Seyschellen, deren Schönheit ihn so entzückte, daß er schrieb: »Ich habe den Ort gefunden, wo einst der Paradiesgarten war!« Seines Erachtens sind diese Inseln die Überreste eines versunkenen Landes. Im März 1882 wurde er Generalmajor, und im folgenden Monat begab er sich ans Kap.
Die Verbindung zwischen der Insel Mauritius und der Kapstadt ist keine sehr rege, aufs nächste Passagierboot hätte er wochenlang warten müssen, das paßte nicht in Gordons Plan, er benutzte deshalb ein kleines Frachtsegelschiff, das zufällig in Mauritius vor Anker lag. Von dieser Reise, die einen vollen Monat in Anspruch nahm, liegt ein hübscher Bericht vor. Der Kapitän, ein Schotte, führte ein Tagebuch, in welchem allerlei Charakteristisches über Gordon seine Stelle fand. So z. B. war Gordon, der sich auf vier Uhr nachmittags angesagt hatte, erst um Mitternacht erschienen; er habe erfahren, sagte er, daß man ihm in der Stadt ein Abschiedsfest zugedacht hatte, er hasse dergleichen, habe daher am Morgen einen heimlichen Ausflug aufs Land unternommen und sei erst bei Nacht und Nebel zurückgekehrt. Am andern Vormittag war der zur Abfahrt sich richtende Schoner nichtsdestoweniger von Gordons Freunden umlagert, die ihn nicht fortließen, ohne ihm Lebewohl zu wünschen, und zwar waren diese »Freunde« keineswegs nur seine Mitoffiziere oder Notabilitäten der Stadt, vielmehr Arme, denen er gewohntermaßen Gutes gethan, und Kinder! Unter den Kleinen, die ihm da ihre Anhänglichkeit bekundeten, war ein Büblein, das Gordon der Schiffsmannschaft als »mein Lieblingsschäfchen« vorführte. Das Bübchen brachte dem berühmten Mann als Abschiedsgabe zwei Flaschen Wein, die Gordon mit dem freundlichsten Lächeln von der Welt annahm, aber nicht selbst trank; er soll selten ein Glas Wein getrunken haben. Kindern und großen Kindern, d. h. Eingebornen, hat er allem nach seine beste Liebe zugewandt. Der Generalgouverneur von Sudan hat sich mehr denn einmal unter seine Schwarzen auf den Boden gesetzt und mit Thränen in den Augen angehört, was sie ihm aus ihrem Leben erzählten. Kein Wunder, hatte er solche Macht über sie! Einer englischen Dame, die er einst in ihrer Kinderstube traf, sagte er: »Sie können wohl nichts im Leben schwer nehmen mit diesen kleinen Geschöpfen um Sie her.« Man fragt unwillkürlich, warum ging dieser Mann allein durchs Leben? Die Gattin des Kapitäns auf jener Reise, die ihren Mann auf seinen Fahrten begleitete, wagte eines Tages die Frage an ihren Gast, warum er sich denn nicht verheiratet habe. Gordon schwieg ein paar Augenblicke, dann sagte er langsam: »Ich habe nie eine kennen gelernt, die aus Liebe zu mir bereit gewesen wäre, die Annehmlichkeiten des heimischen Herdes und vielleicht liebe Verwandte zu verlassen, um mich dahin zu begleiten, wohin die Pflicht mich ruft, vielleicht mit raschem Entschluß ans Ende der Welt, eine, die bereit gewesen wäre, Gefahren und Schwierigkeiten mit mir zu teilen, vielleicht mich zu stärken in Stunden der Not. Solch eine habe ich nie kennen gelernt, und nur eine solche könnte mein Weib sein!«
Darauf ist nichts weiter zu sagen.
Gordon litt sehr an Seekrankheit auf dieser Reise, und wollte mehrmals ans Land gesetzt sein. Der Kapitän schreibt darüber in sein Tagebuch: »Wie viel verschiedene Arten von Mut muß es doch geben!« Ihn wunderte, daß den tapfern Gordon, doch gewiß ein mutvoller Mann sondergleichen, die Seekrankheit so anfocht. Nach überstandenem Jammer war es aber wieder Gordon, welcher aller Herzen auf dem Schiff gewann, der kranken Matrosen wartete (es gab allerlei Krankheit an Bord) ihnen vorlas und Stückchen aus seinem Leben erzählte. Dem Kapitän gestand er eines Tags, tausend Mark sei zur Zeit sein ganzer irdischer Besitz, und diese Summe hatte er dem Schotten angeboten, wenn er den Kurs ändere und ihn ans Land setze. Unter seiner »fahrenden Habe« befand sich eine Kiste, über deren Inhalt der Kapitän und seine Frau vergeblich sich den Kopf zerbrachen: sie war voll Holz »vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen«, wie Gordon gelegentlich versicherte; auf den Seychellen-Inseln wachse nämlich ein merkwürdiger Baum, der sonst auf der ganzen Welt nicht anzutreffen sei, das müsse der Baum des Paradieses sein. Die Stücke Holz, die er mit sich führte, schätzte Gordon darum über alles! Diese zuversichtliche Idee wird seinem »wahren Gottesdienst« keinen Eintrag gethan haben. Die Schiffsmannschaft, die an jener Kiste ungläubig vorüberging, sah Gordon auch mit seiner Bibel auf Deck, oft stundenlang in Gedanken versunken, den Blick wie träumend aufs weite Meer geheftet. In solchen Stunden wird das in ihm gewachsen sein, was ihn zum mutvollen Mann und Helden von Khartum gemacht hat.
Das südafrikanische Stück seiner Laufbahn ist als ein fruchtloses bezeichnet worden, aber mit Unrecht; es sind nicht immer die äußeren Erfolge, die den Wert einer Sache ausmachen. Der selbständige und selten großmütige Charakter des Mannes tritt nie klarer zu Tag, als in diesen kurzen Monaten seines sogenannten Mißlingens.
Es ist bekannt, daß die Engländer seit einer Reihe von Jahren sich sowohl mit den Boeren als auch mit den Eingebornen von Südafrika überworfen hatten; verschiedene Kriege sind die Folge gewesen. Es war besonders einer derselben, der Gordons Interesse erregte. Schon im Frühjahr 1881 telegraphierte er an den Minister des Kaplandes: »Der ›Chinesen-Gordon‹ bietet seine Dienste auf zwei Jahre an, um Basutoland zu beruhigen,« d. h. den Krieg zu beendigen und die Basuto im Wege der Verwaltung zu friedlichen Verhältnissen zurückzubringen. Dieses Anerbieten blieb vorläufig unbeantwortet. Ein Jahr vorher hatte die Regierung ihm die Befehlshaberschaft der Kaptruppen mit einem Gehalt von dreißigtausend Mark angeboten, welchen Posten er als einen rein militärischen abgelehnt hatte. Im Frühjahr 1882 nun, als die Lage im Basutoland zu einer ernsten sich gestaltet hatte, sprach man ihm telegraphisch den Wunsch aus, sein Anerbieten annehmen zu wollen. Lediglich im Gedanken, daß er Gutes wirken könnte, war er alsbald bereit, sich den Basuto zu widmen, und setzte mit charakteristischer Selbstlosigkeit seinen Gehalt auf etwa die Hälfte der angebotenen Summe herunter, »weil die Verhältnisse des Kaplandes mehr nicht rechtfertigten!« Als er aber nach seiner unerquicklichen Segelschiffreise die Kapstadt betrat, übertrug man ihm gerade jenen Oberbefehlshaberposten über die Kolonialtruppen, den er zwei Jahre vorher von England aus abgelehnt hatte, während er doch gekommen war, sich der Basutofrage anzunehmen. Es scheint, daß ein anderer damit beschäftigt war, die Angelegenheiten der Basuto zu verwalten oder mißzuverwalten, und daß die Regierung den Mut nicht hatte, jenen andern zu entfernen. Gordon ließ sich's in der Hoffnung gefallen, daß die Umstände ihm den Weg bahnen würden. Es dauerte auch nicht lange, so gestaltete sich die Grenzlage zu einer so drohenden, daß man ihn beauftragte, sich durch eigene Anschauung hinsichtlich der Überfälle der Boeren und der Unruhen im Basutoland zu orientieren. Das war im Juni.
Die Basuto sind ein interessanter Zweig der Kafferrasse, und zwar der volkreichste und vorgeschrittenste, letzteres aus dem einfachen Grund, weil das Christentum bei ihnen Eingang gefunden hat. Vor etwa fünfzig Jahren hatte der Stamm einen Oberhäuptling Namens Moschesch, auch »Herr des Berges« genannt, weil er einen Berg mit einer kleinen Festung versehen hatte, die ihm und seinen Getreuen als Zuflucht im Krieg dienen sollte. Die andern Stämme und selbst seine eigenen Häuptlinge verwickelten ihn oft in Kämpfe; er selbst aber, obschon tapfer und furchtlos, war ein friedliebender Mann. Er hatte von Dr. Moffat und anderen Missionaren gehört, die in benachbarten Gegenden und besonders unter den Korannas arbeiteten, welcher Stamm, von Natur ein kriegerischer, sich neuerdings friedlich verhielt. Da schickte er dem Häuptling der Korannas eine Anzahl Ochsen zum Geschenk mit der Bitte, ihm dafür »einen Beter zu senden, der die Basuto in der Religion unterrichten könne, welche die Leute friedlich stimme.« Evangelische Missionare aus Paris, die nicht lange vorher in Südafrika angekommen waren und einen Wirkungskreis suchten, hörten davon und besetzten das neue Arbeitsfeld. Moschesch empfing sie mit Freuden und bestimmte selbst den Platz für ihre erste Station, am Fuß seines Festungsberges. Moschesch lebte bis 1870. Vor seinem Scheiden glaubte er Anzeichen einer besseren Zukunft für sein Land und Volk zu erblicken. Eins seiner letzten Worte an die Missionare war: »Lasset mich zu meinem Vater gehen, ich bin schon ganz bereit dazu!« Sein letzter Wille lautete: »Laßt die Missionare nicht müde werden, mein Volk zu unterrichten, besonders aber meine Söhne.«[14]
Schon vorher hatten sich die Basuto im Pitso (jährliche Volksversammlung) mit Begeisterung für »unsere Mutter die Königin von England erklärt.« Man kann es nur bedauern, daß die britische Kolonialpolitik dieses Volk gegen seinen Willen von der Kapstadt aus regiert haben will. Sie hatten sich freiwillig der englischen Regierung unterstellt unter Vorbehalt ihrer Rechte. Sie entrichteten eine Kraalsteuer und waren es zufrieden, daß britische Beamten im Land weilten. Indem aber ihr Wohlstand wuchs und ihre Zahl zunahm, verdoppelte und verdreifachte sich die Steuer; anstatt nun den Ertrag derselben zum Besten des Landes zu verwenden, bereicherte derselbe vertragswidrig den Säckel der Kapregierung. Aber das allein war's nicht, was die Basuto aufbrachte. Bekanntlich sind vor etwa zwanzig Jahren ergiebige Diamantenfelder in Südafrika entdeckt worden. Die Basuto strömten herzu, um als Taglöhner in den Gruben zu arbeiten; statt in Geld bestand ihre Löhnung aber in Flinten und Schießbedarf, ohne Zweifel ausgediente Militärwaffen, welche die Eigentümer der Felder billig gekauft hatten. Die Kapregierung wußte um diese Waffenverbreitung, ja sie hatte dieselbe genehmigt. Auf diese Weise erlangten die Basuto beträchtlichen Kriegsbedarf. Nach zehn oder zwölf Jahren entdeckte die Kapregierung das Mißliche dieser Sache und erließ ein Entwaffnungsgesetz, die Basuto sollten die Waffen ausliefern, welche sie durch ihrer Hände Arbeit und mit dem Vorwissen der Regierung redlich erworben hatten! Es war eine Ungerechtigkeit sondergleichen, und die Basuto verweigerten den Gehorsam. So verwickelte sich die Kapregierung in einen Krieg, an dem sie allein die Schuld trug und in welchem sie einen Vorteil fürs nächste nicht erringen konnte. Das war die Sachlage, als sie Gordon berief, der wie überall so auch hier mit seinem gerechten Sinn alsbald auf den Grund sah. Er verfaßte einen Bericht, in welchem er es unumwunden als seine Meinung erklärte, daß die Basuto weniger zu tadeln wären als die Kapregierung; diese habe vor allen Dingen ihr Unrecht gut zu machen und dann erst könne sie die Basuto zum Frieden mahnen; übrigens liege der Hauptfehler darin, daß man die Basuto gegen ihren Willen der unmittelbaren Regierung Englands entzogen und sie der mittelbaren der Kapregierung unterstellt habe. Er schlug vor, diesen Fehler dadurch gut zu machen, daß man die Basuto-Häuptlinge zusammenberufe und die Bedingungen ihrer Unterwerfung unter die Kapregierung mit ihnen berate. Außerdem riet er dringend, die loyale Gesinnung der Basuto dadurch zu ehren, daß man ihnen das Bewußtsein der unmittelbaren Verbindung mit England zu erhalten suche, indem man einen Bevollmächtigten der britischen Krone in Basutoland wohnen lasse. Man gab ihm keine Antwort.
Die Mißhelligkeiten zogen sich hin, aber Gordons wärmste Teilnahme war auf Seite der »feindlichen« Eingebornen, wie aus folgender Depesche ersichtlich ist:
»Es ist mir unmöglich, gegen Stämme zu kämpfen, gegen die meines Erachtens ungerecht verfahren wird. Der Sekretär für die Angelegenheiten der Eingebornen hat das Unrecht zugestanden, aber ein solches Zugeständnis allein genügt meinem Gewissen nicht.«
Es kann hiernach nicht wunder nehmen, daß Gordon nach wenigen Monaten seine Stelle niederlegte. Ehe er jedoch vollständig mit der Kapregierung brach, wurde er aufgefordert, als Privatmann nach Basutoland zu gehen und mit dem Häuptling Masupha zu verhandeln. Er nahm die Sendung an und ging allein und unbewaffnet. Daß er unversehrt zurückkam, ist ein Wunder; denn während Gordon als Friedensbote bei den Basuto verweilte, benutzte ein Kapminister die Gelegenheit, einen andern Häuptling gegen Masupha aufzuhetzen. Es ist lediglich Gordons persönlichem Einfluß zuzuschreiben, mit dem er stets das volle Vertrauen der Eingebornen zu gewinnen wußte, daß er aus dieser Lage unversehrt hervorging. Masupha sah, daß sein Gast an diesem Verrat keinen Anteil hatte, und ließ es ihn nur mit verdoppelter Hochachtung entgelten. Wenn solche Dinge in Südafrika seitens der Regierung vorfallen, dann kann man sich nur mit Gordon auf Seite der Eingebornen schlagen. Daß er daraufhin seinen Abschied einsandte und bei seiner Abreise nach England die Kapstadt links liegen ließ, ist nicht mehr, als von ihm zu erwarten war.
Als Beweis, wie wichtig es ihm erschien, die Basuto auf freundschaftlichem Wege bei ihrer Loyalität zu erhalten, bot er sich selbst an und war willens, sich zwei Jahre lang um den geringen Gehalt von sechstausend Mark bei dem Häuptling Masupha niederzulassen. Es war ein Opfer der Uneigennützigkeit, dessen man jedoch entbehren zu können glaubte. Zum Schluß noch seine Abschiedsrede an die Basuto, die ihn durchaus als den gebornen Beherrscher von Eingebornen, ja als einen Hirten der schwarzen Herde kennzeichnet:
»Als ein Freund der Basuto bin ich hier; ich habe mich als ihr Freund erwiesen, denn als man mich als Feind schicken wollte, um sie zu bekämpfen, weigerte ich mich zu kommen. Nun ich aber hier bin, möchte ich den Basuto Gutes thun. Die Basuto sind zum Rechten geneigt. Ich frage den Häuptling und sein Volk: Wie kann Basutoland für die Basuto erhalten bleiben? Und ich sage, daß die (britische) Regierung es wohl meint mit dem Land. Die Königin wünscht nicht, daß die Kolonie den Basuto ihr Land nehme; aber sowohl die Kolonie, als die Königin fürchten, daß die Basuto von den Boeren aufgegessen werden, wenn sie sich von ihnen zurückzieht. Ich mag die Boeren gut leiden, sie sind tapfer und wollen unabhängig sein; als sie kämpften, war es für ihre Freiheit. England hätte sie schlagen können, aber es wäre unrecht gewesen. Was aber glauben die Basuto, daß den Boeren lieber ist — die Basuto oder ihr Land? Ihr Land meine ich wohl. Wenn nun die Kolonie dieses Land sich selbst überließe, so hätten die Basuto bald Not mit den Boeren und es gäbe Krieg. Ich blicke zehn Jahre voraus und sehe boerische Anpflanzungen hier: das gefällt mir nicht, es gefällt der Kolonie nicht, und der Königin nicht, und dem Basuto gar nicht. Deshalb sage ich zu den Basuto: haltet euch an die Regierung. Sagen die Basuto: Wir sind stark und können uns wehren und brauchen niemand über uns, und wollen keine Steuern zahlen, so antworte ich: mir persönlich ist es einerlei, ob sie Steuern zahlen oder nicht. Ich kann sie nicht dazu zwingen. Aber mein Herz ist betrübt, wenn ich an die Basuto denke. Ich sehe die Boeren hier, wie sie das Land an sich reißen. Ich versetze mich in Masuphas Lage und frage mich: was ist das Beste für mein Land und mein Volk. Ich weiß wohl, daß es in Basutoland Leute giebt mit zwei Zungen. Ich aber denke, daß einer mit einer Zunge die Wahrheit spricht. Ich glaube, daß Gott euch zu Christen gemacht hat. Ihr seid Schafe unseres Herrn Jesu und Er hat euch lieb. Wenn die Boeren euch aus eurem Lande verdrängen, so ist es mir kein Verlust und kann uns allen gleichgültig sein, sobald wir einmal begraben sind. Darin aber wünsche ich, daß die Basuto mir folgen. Habt alle nur eine Zunge. Ich kann mich nicht schwarz machen; ich kann den Masupha und sein Volk nicht zwingen zu thun, was mir gut scheint, ich überlasse es dem Herrn Jesus, der alles recht macht. Das ist's, was ich euch sagen wollte: thut, was euch gut dünkt, aber überlegt es wohl, und bittet Jesus um Rat.«