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Gordon, der Held von Khartum

Neuntes Buch. Khartum. (continued 2)

Reading edition

Und weiter am 26.: »Ich schrieb Ihnen vorgestern, daß wir einen Ausfall auf die Araber machen wollten. Es ist uns gottlob gelungen, das feindliche Lager einzunehmen. Der arabische Befehlshaber ist gefallen (R. I. P.). Unsere Verluste noch unbekannt. Der Sieg hat uns auf drei Seiten, wenigstens in nächster Nähe, Luft verschafft. Übrigens können die Araber ihre Niederlage teilweise den Deserteuren zuschreiben, die im Augenblick des Angriffs in ziemlich großer Anzahl zu uns überliefen. Meine Flotte hat sich glänzend gehalten, worauf meine Freunde von der königl. britischen Marine stolz sein können ... Wir und die hiesigen Truppen haben wenigstens ein Band, das uns zusammenhält; sie wissen, daß sie in die Sklaverei verkauft werden, wenn die Stadt fällt, und wir wissen, daß wir nur durch eine Verleugnung unseres Herrn unser Leben retten könnten. Und ich glaube, uns ist diese Alternative noch verhaßter als den Soldaten jene. So Gott will, wollen wir den Sieg erringen ohne Hilfe von außen. Spione von Kordofan melden, daß der Mahdi mit sechsundzwanzig Kanonen auf Khartum loszieht. Das ist nicht mehr als ich erwartete; ich habe von Anfang an gedacht, daß es hier zur Entscheidung kommen wird. Will's Gott, ist der Erfolg nicht auf seiner Seite; wir haben gethan, was wir konnten, um Khartum wohl zu befestigen. Mißglückt es ihm, dann ist es auch mit ihm zu Ende.«

Daß Gordons tapferer Mut aufrecht blieb, ergiebt sich aus diesen Briefen. Sie zeigen auch, daß er sich entschlossen hatte, seine beiden Gefährten Stewart und Power ziehen zu lassen und allein zurückzubleiben; es hatte dies einen doppelten Grund. Zum ersten war Gordon wohl schon damals zur Gewißheit gelangt, daß es einen harten Kampf ums Leben gelten würde, und er wollte seinen Waffengefährten Gelegenheit geben, dem fast sichern Tod zu entgehen; zum andern aber hoffte er, durch ihre Berichte die saumselige Regierung zum Handeln zu bringen. Denn daß man in London zu einem Entschluß in dieser Richtung gekommen war, davon hatte er damals noch keine Kenntnis. Warum er sich seinen Gefährten nicht anschloß, bedarf keiner weiteren Erklärung. Er blieb zurück in reinster Selbstaufopferung. Daß er sich solchen Edelsinn nicht selbst beimaß, erhöht nur die Größe seines Handelns. Er selbst spricht sich in seiner Weise so darüber aus:

»Was man auch sagen mag über unser hiesiges Aushalten, es ist bares Geschwätz, wir hatten ja keine andere Wahl; und wenn man wissen will, warum ich mich nicht mit Stewart aus dem Staub gemacht habe, so ist die Antwort einfach die, daß die Leute hier nicht so dumm gewesen wären, mich gehen zu lassen, also was hat sich's da mit Großthaten und Selbstaufopferung!«

Dennoch war's ein vollkommenes Opfer in jeder Hinsicht, ja ein Opfer im eigentlichsten Sinn, und Gordon wußte das! Während seines Aufenthaltes in Jerusalem hatte er hinsichtlich der englischen Beamtenwirtschaft in Ägypten geschrieben: »Mir ist, als ob dies Unrecht nur mit Blut zu sühnen wäre.« Und im März schrieb er von Khartum: »Wolle Gott diese Sünde nicht an unserem Volk heimsuchen, möge die Strafe auf mich fallen, geborgen in Christo. Das ist meine Bitte! Und möge Er sich des Volkes hier erbarmen, ihnen Friede schenken.« Übrigens konnte Gordon nur hoffen, daß der Dampfer »Abbas« die kleine Schar sicher durch die feindlichen Linien tragen würde, er weigerte sich daher ihre Abreise anzubefehlen; er setzte ihnen auseinander, daß sie durch ihr Bleiben die Lage von Khartum nicht zu bessern vermöchten, während sie möglicherweise durch ihr Gehen der belagerten Stadt einen großen Dienst erweisen könnten. Beide Genossen entschlossen sich unter der Bedingung zu gehen, daß Gordon ihnen nicht nachsagen würde, sie hätten ihn in der Not verlassen. Es war ein Wettstreit der Großmut. Stewart wollte absolut nicht ohne den direkten Befehl seines Vorgesetzten gehen. »Nein,« sagte dieser, »zwar fürchte ich die Verantwortlichkeit nicht, aber ich will Sie nicht in eine mögliche Gefahr schicken, die ich nicht mit Ihnen teile.« Bei der Abreise von London hatte er den ihn an den Bahnhof begleitenden Freunden gesagt:

»So viel ist sicher, daß wo er in Gefahr sein wird, ich sie teilen werde; und wo ich in Gefahr gerate, wird er nicht weit davon sein.«

Aber alles war so ganz anders gegangen, als man es damals hoffte und erwartete, und die Kampfgenossen trennten sich. Gordon that zu ihrer Sicherheit, was er konnte, indem sein Geschwader ihnen über Berber hinaus das Geleite gab; auch ermahnte er sie, sich in der Mitte des Stromes zu halten und wegen Holzbedarf nur an einsamen Orten zu landen. Am 10. September verließ seine Mannschaft die Stadt und kehrte nach einem Siege über die Rebellen dahin zurück, während der Dampfer »Abbas« Stewart und Power mit noch etwa vierzig anderen stromabwärts trug.

Schon anfangs Oktober gelangte die Unglückspost nach England, daß der »Abbas« im Nil gestrandet und seine Mannschaft dem Feind in die Hände gefallen sei. Man hoffte eine Zeit lang, Stewart sei mit dem Leben davon gekommen, aber nach wenigen Wochen war's auch mit dieser Hoffnung zu Ende. Monate vergingen jedoch, ehe man die Einzelheiten mit Gewißheit erfuhr, und zwar durch den Heizer des Dampfers, der aus der arabischen Gefangenschaft entkam und folgendes berichtete:

Nachdem das Geschwader Berber bombardiert hatte, kehrte die kleine Flotte nach Khartum zurück, und der »Abbas« setzte seine Reise fort, gelangte auch sicher bis über Abu Hamed. Am 18. September aber stieß der Dampfer auf den Grund. Es war in des Scheik Wad Gamrs Land, und man hatte seit einiger Zeit bemerkt, daß die Leute auf beiden Seiten landeinwärts den Hügeln zu liefen. Als es sich ergab, daß der »Abbas« festsaß, wurde ein Rettungsboot mit dem Nötigsten beladen und als Landungsplatz eine nahe Insel in Aussicht genommen; das Boot ging viermal hin und her. Darnach vernagelte Oberst Stewart selbst die Kanonen und ließ sie über Bord werfen; ebenso die Kisten mit Schießbedarf. Die Eingeborenen hatten sich mittlerweile in großer Anzahl auf dem rechten Ufer versammelt und schrieen: »Gebt uns Frieden und Korn!« »Friede,« riefen die Gestrandeten zurück. Soliman Wad Gamr, der Scheik, war in einem kleinen Haus in der Nähe; auch er fand sich am Ufer ein und rief den Schiffbrüchigen zu, sie sollten nur furchtlos herüber kommen, die Soldaten müßten aber ihre Waffen niederlegen, sonst würden seine Leute sich fürchten. Und nachdem Oberst Stewart mit seinen Gefährten beraten hatte, setzte er mit den beiden Konsuln (Power und Herbin) und einigen andern über und betrat das Haus eines blinden Fakirs Namens Etman, um daselbst mit dem Scheik über den Ankauf von Kamelen zu unterhandeln. Er gedachte den Weg nach Dongola durch die Wüste fortzusetzen. Außer Stewart, der einen Revolver trug, hatte niemand Waffen. Und während er und seine Begleiter mit dem Scheik verhandelten, beschäftigten sich die übrigen mit der Landung. Es dauerte nicht lange, da bemerkten diese, daß Soliman aus dem Hause stürzte und seinen Stammesangehörigen, die in einem Haufen beisammen standen, mit einem Wassereimer, den er hin und her schwenkte, ein Zeichen gab. Da warfen sich diese mit ihren Speeren teils auf die Mannschaft am Ufer, teils auf das Haus. Der Heizer versteckte sich mit einigen anderen und wurde später gefangen genommen. Oberst Stewart und seine Gefährten aber wurden unbarmherzig niedergemacht und ihre Leichen in den Fluß geworfen. Dann teilten sich die Mörder in die Beute. Es war selbst nach arabischen Begriffen ein schändlicher Verrat. Stewarts Tagebuch über den bisherigen Verlauf der Belagerung Khartums, das Gordon als einen Schatz bezeichnete, wurde mit allen übrigen Schriftstücken, Briefen u. s. w., die der »Abbas« trug, dem Mahdi ausgeliefert.

Gordons »Tagebücher« beginnen mit dem Tag, an dem er sich von seinen Gefährten trennte. Die vier ersten sind an Stewart gerichtet, die beiden letzten an den befehlenden General des Entsatzheeres. Es sind diese Tagebücher einfach die niedergeschriebenen Gedanken eines Menschen, der niemand mehr hat, gegen den er sich aussprechen kann. Er bespricht darin die Sachlage von allen Seiten, keinen möglichen Einwurf läßt er unbeantwortet; er bringt die militärische Stellung zu Papier und arbeitet die zu verfolgende Taktik aus. Er macht Aufzeichnungen der täglichen Nebendinge, die nicht selten humoristischer Art sind — z. B. seine Gewohnheit, schwarze Überläufer mit den Spiegeln im Palast Bekanntschaft machen zu lassen, damit die Leute sich doch auch einmal selbst zu Gesicht bekämen. Die Tagebücher sind daher umfangreich, obschon sie nur einen Zeitraum von drei Monaten umschließen. Er stellt darin auch das Verfahren der Regierung in ein helles Licht, aber er thut es mit der Ruhe eines Menschen, der sich in einer höheren Hand weiß, als in der der irdischen Machthaber und dem Ausgang, so oder so, ohne viel Aufregung entgegen sieht. Nichts steht deutlicher in diesen Aufzeichnungen, als daß der Schreiber bis zuletzt an dem seltenen Gottvertrauen festhielt, das manche nur als Fatalismus zu belächeln wissen, das er selbst aber treffend dahin kennzeichnet:

»Wenn das Buch unseres Geschickes einmal aufgeschlagen ist, dann ist Ergebung unsere Pflicht, in der Zuversicht, daß uns alles zum besten dienen soll. So lang dieses Buch noch mit Siegeln versiegelt ist, ist es etwas anderes. Und es kann mir niemand nachsagen, daß ich mit diesem Glauben die Hände in den Schoß legte und alles über mich ergehen ließ.«

Es war sein Gottvertrauen und nichts anderes, das ihn dazu befähigte, die Gefährten ziehen zu lassen und allein weiterzukämpfen, und wie er überhaupt immer mehr an alles andere als sich selbst dachte, so erwähnte er dieses Alleinseins mit keinem Wort. Wohl mag er's empfunden haben! Wenn er aber schreibt: »Eine Maus hat jetzt bei Tisch Stewarts Platz eingenommen, sie scheint sich nicht zu fürchten, denn sie holt sich kecklich aus meinem Teller, was ihr gefällt,« so meinen wir, er hätte nicht leicht mit wenig Worten mehr sagen können.

Ja, Gordon war allein, aber die Stadt will er halten, ob Hilfe noch komme.

6. Menschenhilfe.

Es war in der ersten Augustwoche 1884, als Gladstone, dem Drängen des Volkes nachgebend, sich anschickte, eine Entsatz-Expedition ins Werk zu setzen; bisher war standhaft erklärt worden, die Notwendigkeit zu militärischen Operationen liege nicht vor. Das Kriegsministerium that sein Möglichstes, die verlorene Zeit nachzuholen. Am letzten August verließ der erwählte Heerführer, Lord Wolseley, London unter den Zurufen und Glückwünschen einer Menge Volks, die sich am Bahnhof versammelt hatte.

Wolseleys Instruktionen sind beachtenswert. Es gelte, Gordon zu retten, sagte die Regierung, ihrer Politik getreu bleibend, daß der Sudan England nichts angehe. Das Entsatzheer solle sich daher aller und jeder offensiven Operationen enthalten. Der Auftrag erstreckte sich nicht auf die Besatzungen von Kassala und Sennar, noch weniger auf die Bahr el Ghasal oder die Äquator-Provinzen. Die Regierung setzte sogar Zweifel darein, daß es sich als nötig erweisen werde, bis Khartum vorzurücken; jedenfalls sollten die britischen Operationen möglichst beschränkt werden. Einigermaßen in Widerspruch mit dieser Vorschrift folgte die weitere Anordnung, daß, nachdem ein sicherer Rückzug für General Gordon und Oberst Stewart, sowie für die ägyptischen Truppen und Zivilbeamten in Khartum gewonnen sei, General Wolseley Vorkehrungen treffen solle, um dem Sudan, insbesondere aber der Stadt Khartum, eine geordnete Regierung für die Zukunft zu sichern. Bezeichnender Weise erhielt dieser Sudan-Entsatzzug den Namen »Expedition zur Rettung Gordons«.

Der Held in Khartum erfuhr davon auf eigentümliche Weise. Er erzählt in seinem Novembertagebuch, daß eine Post ihn erreicht habe. Die Briefe waren in alte Zeitungen gewickelt, darunter war der »Standard« vom 1. September, und »nicht mit Gold aufzuwiegen,« sagt Gordon, »waren wir doch seit dem 24. Februar ohne alle und jede Nachricht!« Dieses Zeitungsblatt aber beschreibt die Abreise Lord Wolseleys, um Gordon zu befreien. »Nichts dergleichen,« erklärt Gordon, »sondern um die eingeschlossenen Truppen zu entsetzen!« Anderswo spricht er sich so aus:

»Nicht energisch genug kann ich es ablehnen, daß dieser Zug meinetwegen ins Werk gesetzt wird. Es geschieht lediglich, um die Ehre Englands zu retten, um die Besatzungen und andere aus einer Lage zu befreien, in welche die englische Politik in Ägypten sie gebracht hat. Ich unternahm den ersten Zug zum Entsatz, was jetzt kommt, ist der zweite. Was mich betrifft, so könnte ich mich ja jederzeit davon machen, wenn das alles wäre. Überlegt euch aber einmal, was es auf sich hätte, wenn die erste Expedition davon liefe und ihre Dampfer in des Mahdi Hände fallen ließe, wäre das nicht eine böse Vorarbeit für die zweite Expedition, welche Englands Ehre retten will, indem sie die Besatzungen befreit? Beide Expeditionen gelten der Ehre Englands, das liegt auf der Hand. Ich bin gekommen, um die Besatzungen zu retten und es ist mir nicht gelungen. Nun kommt Earle (der mit Wolseley kam); hoffen wir, es gelingt ihm. Zu meiner Befreiung kommt er aber nicht! Mit dem Entsatz der Garnison, das gab von Anfang an jeder zu, stand unsere nationale Ehre auf dem Spiel. Wenn Earle nun das gewünschte Resultat erreicht, so verpflichtet er sich die »nationale Ehre«, die ihn hoffentlich auch belohnen wird; mich geht das nichts an, ich bin höchstens zu tadeln, daß es mir nicht gelungen ist. Jedenfalls bin ich nicht das gerettete Lamm und wills's nicht sein.«

Gordon baute überhaupt nicht auf die Erfolge des Feldzugs, der vier Monate früher hätte unternommen werden sollen. Es ist auch nicht leicht zu erklären, warum man sich im April nicht zu den Maßregeln verstehen konnte, die man im August doch ergriff!

»Die Möglichkeit liegt natürlich auf der Hand,« schrieb Gordon, »daß Khartum der Expedition noch vor der Nase weggeschnappt wird; man wird gerade noch dazu kommen, d. h. zu spät. Vielleicht hält man es dann für nötig, die Stadt zurückzuerobern, aber das wäre ganz nutzlose Mühe und würde auf beiden Seiten nur unnötig viel Blut kosten. Wenn es so weit kommt, dann kann das Entsatzheer nichts besseres thun, als den Schwanz einziehen und ganz still wieder umkehren. Denn wenn Khartum einmal gefallen ist, dann ist die Sonne untergegangen und die Leute werden sich nicht viel um die Planeten (d. h. die andern Garnisonsstädte) kümmern.«

Der Leser weiß, daß, wie Gordon ahnte, Wolseleys Truppen »gerade noch dazu kamen«; man weiß auch, daß sie unverrichteter Dinge umgekehrt sind. Und zwar trifft Offiziere und Mannschaft kein Tadel; manch Tapferer hat sein Leben gelassen, und die Geldopfer berechnen sich nach Millionen. Der Fehler war der, daß es von Anfang an zu spät war.

Von Kairo nach Assiut wurden die Truppen per Bahn befördert und von dort per Nildampfer nach Assuan, wo die Schwierigkeiten der Expedition ihren Anfang nahmen. Ende September trafen die Flußboote von England dort ein, mit welchen man die Mannschaft und den Kriegsbedarf nach Dongola zu verbringen beabsichtigte, und vierhundert kanadische Bootsleute waren ihrer besonderen Tüchtigkeit halber auf Wolseleys Wunsch dazu verschrieben worden. Die Boote durch die Nilschnellen oberhalb Wady Halfa zu bringen, bot fast unübersteigliche Hindernisse und die Beförderung durch die Wüste mit Kamelen nicht minder; und als die Truppen endlich in Dongola angelangt waren, lag schon eine Riesenarbeit hinter ihnen, obgleich sie vom Feinde selbst noch nichts gesehen hatten.

Dongola wurde anfangs November erreicht, und am 14. dieses Monats erhielt Wolseley Nachricht von Gordon vom 4., die ihm abermals zu wissen that, daß keine Zeit zu verlieren sei. Er benachrichtigt den britischen Heerführer, daß in Metammeh fünf Dampfer mit neun Kanonen seiner Befehle harren. Mit andern Worten, sobald er hört, daß der Hilfszug im Anmarsch ist, kommt er selbst seinen angeblichen Rettern zu Hilfe!

»Noch vierzig Tage können wir aushalten,« berichtet er, »darnach wird's schwer sein ... Der Mahdi ist etwa acht Meilen von hier ... Sennar ist ruhig, und man weiß dort, daß Ihr kommt ...«

Wolseley that sein möglichstes, das Vorrücken zu beschleunigen, auch bedurfte es kaum seiner packenden Proklamation, die Truppen anzufeuern. Daß Gordon die Stadt bis zu ihrem Kommen halte, das war Offizieren wie Gemeinen genug. Durch den Mudir von Dongola hörte man ferner aus der belagerten Stadt, daß, als der Bote Khartum verließ, dreißig Barken voll Korn vom Blauen Nil eingebracht worden seien, und daß die Leute all ihre Hoffnung auf Gordon setzten; daß sogar aus des Mahdi Lager Überläufer zu ihm kämen; daß er seinen Bedarf an Schießpulver selbst fabriziere, daß er zwölf Dampfer auf dem Fluß habe, und daß das Volk anfange, sein Regiment dem des Mahdi vorzuziehen. Was letztere Behauptung und die Nachricht von Überläufern aus des Mahdis Lager betrifft, so erklärt Gordon in seinem Tagebuch dies damit, daß es überall an Nahrung gebreche und der Glaube im Umlauf sei, in Khartum leide man nicht Mangel; der Bauch regiere die Welt.

So viel war sicher, daß der Mahdi Obeid verlassen und bei Omderman angesichts der belagerten Stadt seine Stellung genommen hatte. Es war der 21. Oktober, das Neujahr der Moslem, als Gordon das Geschick der Abbas, den Tod Stewarts und Powers erfuhr; es bekümmerte ihn tief. Nach Omderman aber, woher ihm die Nachricht gekommen, telegraphierte er: »Ich lasse dem Mahdi sagen, daß es mir nichts ausmacht und wenn er mir den Untergang von zwanzigtausend Dampfern wie die Abbas, den Tod von zwanzigtausend Offizieren wie Stewart Pascha meldet. Ich hoffe den englischen Entsatzzug bald hier zu sehen, wenn der Mahdi mir aber zu wissen thut, daß die Engländer den Schwierigkeiten erlegen sind, so ist mir auch das einerlei. Ich bin hier wie Eisen!«

Der Mahdi machte einen Angriff auf die Stadt. Gordon begegnete ihm mit seinen Dampfern und achthundert Schwarzen; es kostete einen achtstündigen heißen Kampf, aber es gelang ihm, die Araber zurückzuwerfen und sie durch seine Sprengminen aus ihrer Stellung zu vertreiben. Der geschlagene Mahdi hat hierauf für gut gehalten, sein Angesicht eine Zeit lang zu verbergen und sich in eine Höhle zurückzuziehen. In dieser weissagte er, man werde sich sechzig Tage lang ruhig verhalten, darnach aber werde das Blut in Strömen fließen. Diese »Weissagung« ist so ziemlich auf den Tag in Erfüllung gegangen.

Weihnachten und Neujahr ging vorüber, da schien es endlich Ernst werden zu wollen. Das englische Heer rückte in zwei Kolonnen, die eine unter Earle, die andere unter Sir Herbert Stewart durch die Bajuda-Wüste vor. Das Ziel Stewarts waren die Gakdul-Brunnen, die auch erreicht wurden; hier wurde eine feste Stellung gewonnen. Am 15. Januar 1885 bewegte sich der Zug weiter nach den Abu Klea-Quellen, etwa hundertundzwanzig Kilometer von Metammeh und Shendi am Nil. Dort kam es zur Schlacht. Hoffnungsvoll waren die Truppen vorgerückt; einzelne Araber, auf die sie unterwegs stießen, rissen des Mahdi Abzeichen von ihren Gewändern und erklärten, sie würden den falschen Propheten nie anerkannt haben, hätten sie gewußt, daß die Engländer kämen. Bei Abu Klea war der Feind zehntausend Mann stark. Die englische Kolonne zählte nicht viel über tausend. Es gab eine heiße Arbeit, aber den Briten blieb der Sieg; doch kostete er schwere Opfer. Sir Herbert Stewart selbst wurde tödlich verwundet; neun andere Offiziere fielen, darunter etliche der tapfersten, die England aufzuweisen hatte, außerdem gab es an Toten fünfundsechzig Gemeine, und fünfundachtzig Verwundete. Über tausend Araber bedeckten das Schlachtfeld. Unter Sir Charles Wilson, dem nach Stewarts Verwundung der Oberbefehl zufiel, erreichte die britische Abteilung den Nil, wo Gordons Dampfer der Befreier mit der frappanten Meldung harrten: »Alles wohl in Khartum; wir können uns noch jahrelang halten! — C. G. G. 29. Dez. 84.« Hart auf die Siegesbotschaft von Abu Klea trug der Telegraph diese Kunde nach England, und alle Welt jubelte, daß die Hilfe doch nicht zu spät gekommen sei, daß der tapfere Held sich gehalten habe, und daß seine eigenen Dampfer in wenigen Tagen die englischen Landsleute ihm zuführen würden. Daß Gordons Meldung darauf abgesehen war, den Feind zu täuschen, daß sie das gerade Gegenteil von dem bedeuteten, was ihr Wortlaut besagte, das mutmaßte man vor übergroßer Freude nicht.

Und doch war es so! Schon am 14. Dezember hatte ein Geheimbote die (ebenfalls für den Feind bestimmte) Nachricht gebracht: »Alles wohl in Khartum.« Aber eben derselbe Bote brachte dem britischen Oberbefehlshaber eine Privatmeldung ganz anderer Art:

»Wir sind auf drei Seiten belagert — bei Omderman, Halfaja und Hoggi Ali droht Angriff. Kampf ununterbrochen Tag und Nacht. Der Feind kann uns nur aushungern. Haltet eure Truppen zusammen, der Feind ist zahlreich. Bringt möglichst viel Truppen. Noch halten wir Omderman und die Verschanzung gegenüber.

Der Mahdi hat Erdwälle in Schußweite von Omderman aufwerfen lassen; er selbst aber bleibt außerhalb der Schußweite.

Vor ungefähr vier Wochen haben des Mahdi Truppen Omderman angegriffen und einen Dampfer außer stand gesetzt. Wir haben dafür eine der feindlichen Kanonen demontiert.

Drei Tage später haben sie uns wieder auf der Südseite angegriffen; wir haben sie zurückgeworfen.

Saleh Bey und Slaten Bey sind gefangen in des Mahdi Lager.

Unsere Truppen hier leiden Mangel. Was noch an Proviant da ist, ist wenig; etwas Korn und Zwieback.

Kommt sobald wie möglich; am besten über Metammeh oder Berber. Rückt auf diesen beiden Linien vor. Versichert euch der Stadt Berber, ehe ihr vorrückt. Hütet euch, den Feind euch im Rücken zu lassen, und wenn ihr Berber habt, dann laßt mich's wissen.

Haltet den Feind möglichst in Unwissenheit über eure Bewegungen.

In Khartum giebt's weder Butter noch Datteln und sehr wenig Fleisch, alle Lebensmittel sehr teuer.«

Das klang anders, als »wir können noch jahrelang aushalten!« Aber diese Meldung wurde nicht nach England telegraphiert; oder, wahrscheinlich richtiger, man hielt für gut, sie in den Regierungsbureaus zurückzuhalten. Wie ein Donnerschlag aus klarem Himmel fiel daher am 5. Februar 1885 die Botschaft ins Land: Khartum ist gefallen!

Sir Charles Wilson war in guter Zuversicht mit zwei von Gordons eigenen Dampfern von Metammeh abgefahren. Er erreichte das Ziel am 28. Januar, zwei Tage zu spät; des Mahdi Geschütze begrüßten ihn bei der Ankunft, er konnte sich nur wieder zurückziehen — am 26. war Khartum gefallen!

7. Getreu bis in den Tod.

Wer vermag es, die letzten drei Monate in ihrem ganzen Ernst sich zu vergegenwärtigen, der nicht selbst als Augenzeuge mit in der eingeschlossenen Stadt war! Das Bild wird sich erst dann völlig entrollen, die Schlußszene von Gordons Leben wird erst dann mit voller Klarheit beleuchtet sein, wenn die Bücher aufgethan werden, in denen aller Menschen Thun verzeichnet steht. Einigermaßen aber sind wir, weil im Besitz seiner Aufzeichnungen, dennoch wie Augenzeugen.

Kehren wir zu der Zeit zurück, da er mit einem Heldensinn und einer Großmut, die ihresgleichen sucht, die Gefährten ziehen ließ, um, wenn möglich, ihr Leben zu retten und allein, der einzige seines Volkes, in der unseligen Stadt zurückzubleiben. Wie oft hatte Gordon es früher ausgesprochen, daß er bereit wäre, sein Leben hinzugeben für seine »armen Schafe«, die Schwarzen im Sudan. Es war nicht bloße Redensart. Er hat es gethan, sofern ein Mensch für andere sich opfern kann. Es liegt ein merkwürdiger Brief von ihm vor, den er an die Freunde in Jaffa richtete, als Khartum ernstlich bedroht war und er nicht wußte, wie bald die Übermacht von außen, oder der Verrat von innen die Stadt dem Feind überliefern würde.

»Es ist eine Lage, in des man seine Hoffnung nur noch auf Gott setzen kann,« schreibt er. »Zwar sollte dies uns genügen, aber wer nicht selbst in der Lage war, kann kaum verstehen was es heißt: ›Wir wissen nicht, was wir thun sollen, unsere Augen sehen nach dir‹ (2 Chron. 20, 12). Der Aufruhr an sich wäre nichts, wenn wir nur ordentliche Truppen hätten, aber die haben wir nicht, und ich muß mich daher ganz auf Gott verlassen. Es klingt sonderbar, so zu schreiben, als ob Er nicht genug wäre! Es ist meine Menschennatur, die so schwach ist, daß der Mangel mich — zwar nicht immer, aber manchmal — bedrückt. Was für veränderliche Geschöpfe sind wir doch und voll Widerspruch; halb Fleisch, halb Geist. Und doch arbeitet Gott an uns und will uns zu Bausteinen machen für seinen Tempel. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich zwischen zwei Seiten hin und herschwanke. ›Ist meine Hand verkürzt?‹ heißt's auf der einen, und ›schlechterdings kein Ausweg aus dieser Lage!‹ auf der andern. Es ist ein fortwährender Kampf. Ich werde Ruhe finden im Grab. Denkt nicht, daß ich Euer vergesse; denn als Hiob für seine Freunde bat, da wandte der Herr sein Gefängnis (Hiob 42, 10). Lassen Sie Ihre Kinder für mich beten, denn bei Menschen ist keine Hilfe. Wie wunderbar ist das Zurichten der Bausteine, und wie ungern lassen wir uns behauen! Aber dennoch habe ich es gewagt, vor Ihn zu treten, und habe es von Ihm begehrt, die Sünden dieser auf mich zu legen, in Christo. Gott mit Euch. Habt Dank für Eure Fürbitte.«

Von allem, was wir über Gordon wissen — und wie reich sind die Zeugnisse — ist dieser Brief wohl das Wunderbarste, etwas, das uns tief ins Herz greift. Wie treu ist der Mann, der sein Leben einsetzt, der mit der ganzen Bürde eines hilflosen Volkes auf seinen Schultern, mit der Bitte vor seinen Herrn tritt, ihre Sünden auf ihn zu legen! Wenn es wahr ist, daß er schließlich durch Verrat fiel, so fehlt nur, daß er hinzugesetzt hätte: sie wissen nicht, was sie thun!

Noch hatte er das Volk auf seiner Seite, das in ihm seine Schutzmauer erblickte; aber der Hunger kam, und der Zweifel that sein Werk, wie aus seinen Worten hervorgeht: »die Leute mußten uns für Lügner halten.« Die Engländer kommen, war lange der Trost; aber sie verzogen und kamen nicht. Und dem Volk sank der Mut.

»Während ihr eßt und trinkt und sicher in euren Betten schlaft,« schreibt er, »wache ich mit meinen Leuten Tag und Nacht, ob es uns gelingen möchte, uns gegen den falschen Propheten zu halten.«

Und wenn selbst seine Leute schliefen, so wachte er. In der Mitte der Stadt hatte er sich einen Turm errichtet, von dem er das Land weithin übersah. Wenn der Tag graute und andere wachen konnten, dann ruhte er. Den Tag über kämpfte er den Kampf mit dem Nahrungsmangel und dem Kleinmut in der Stadt; und wenn die Nacht sich senkte, bestieg er seinen Turm und hielt die Wache, allein unter dem Sternenhimmel mit seinem Gott um den Sieg ringend, die Hilfe erflehend, die versagt schien. Wer kann es ermessen, wie die Heldenseele in mancher langen Nacht im Kampf für »dies Volk« sich erschöpfte und immer wieder zum Anlauf bereit stand, wie oft auch ein neuer Tag heraufstieg und keine Rettung brachte!

Nichts tritt in den Tagebüchern klarer zu Tag, als daß Gordon, so völlig er auch das Ende in eine höhere Hand legte, alles that, was in seiner Macht stand, daß er die ihm anvertraute Stadt Schritt um Schritt verteidigte. Nichts unterließ er, was er thun konnte; sein Auge war überall, und sein heroischer Mut war sozusagen täglich neu. Es war eine Zähigkeit in der Natur dieses Mannes, die um so erstaunlicher ist, als er's nicht genug betonen kann, daß Menschenhilfe kein nütze ist. Bis auf den letzten Blutstropfen ringt er um das Geschick der Stadt, und doch geht sein Glaube von dem Gedanken aus, daß eben dieses Geschick vorherbestimmt ist. Für den einsichtsvollen Leser liegt hier durchaus kein Widerspruch vor. Er erkennt es als seine Pflicht zu ringen, bis das ihm noch verborgene Geschick sich erfüllt. Oder um abermals an sein Wort zu erinnern: »Wenn das Buch der Dinge, die sich ereignen sollen, einmal aufgeschlagen ist, dann ist Ergebung für uns das Richtige; vorher ist es etwas anderes. Und es kann niemand sagen, daß ich bei diesem Glauben die Hände in den Schoß gelegt habe.«

Seine Ergebung in den Willen Gottes, wenn die Ereignisse einmal erfüllt sind, hindert ihn z. B. auch durchaus nicht daran, in seinen Aufzeichnungen der englischen Regierung ihren Anteil an der Schuld recht gründlich unter die Augen zu halten.

»Wenn ich nicht dächte, daß alles vorherbestimmt und zwar zum besten bestimmt ist, so könnte ich ganze Oktavbände voll Zorn loslassen, so oft ich auf dieses Thema komme. Ich sehe gar nicht ein, warum ich die Stadt auf halbe Rationen setzen soll, nur um die Belagerung um so viel zu verlängern; wenn ich es thäte, so hätten wir eine Katastrophe noch vor der Zeit, wo eine solche bei ganzen Rationen zu erwarten ist. Ich wäre ja ein Engel (unnötig zu bemerken, daß ich das nicht bin), wenn ich nicht bitterbös auf unsere Regierung zu sprechen wäre. Ich will suchen mich über diese Sudan-Wirtschaft und all diese unentschlossene Politik zu beruhigen; aber wenn mir meine schönen schwarzen Soldaten draufgehen, so möchte ich doch den sehen, der beim Gedanken an unsere Machthaber den hellen Zorn unterdrücken könnte!«

Der gutmütige Ausfall auf seine Schaf-Soldaten thut seiner Gesinnung in diesem Stücke jedenfalls keinen Eintrag. Die Politik der Engländer, sagte er, lasse sich kurz dahin zusammenfassen: sie weigerten sich, den Ägyptern in der Sudan-Frage zu helfen, sie verboten den Ägyptern, sich selbst zu helfen, und sie wollten nichts davon hören, daß andere ihnen helfen. Er bestritt keineswegs das Recht der englischen Regierung nach ihrer Einsicht zu handeln, das aber warf er ihr vor, daß sie selber nicht wußte, was sie wollte, als es an der Zeit war, ja oder nein zu sagen. Hören wir ihn in seinem Oktober-Tagebuch:

»Was der gegenwärtige Hilfszug an Menschenleben und Geldopfern kosten kann, ist nicht zu ermessen und wird vollständig zwecklos sein; die Unschlüssigkeit unserer Regierung ist an allem schuld. Hätte man von Anfang an gesagt: ›Es geht uns nichts an und wir regen keinen Finger, wenn die Besatzungen im Sudan umkommen‹, hätte man nichts gethan um Tokar zu entsetzen, hätte man mir nichts von Entsatz telegraphiert (s. Telegramm vom 5. Mai, Suakim, und vom 29. April, Massaua), statt dessen vielmehr die drei Worte: Hilf dir selber! dann könnte kein Mensch sich beschweren. (Gordon fügt in Parenthese bei, daß, während einerseits Baring im Namen der Regierung telegraphierte, daß britische Truppen zum Entsatz Berbers nicht bewilligt würden, der englische General Graham andererseits Befehl erhielt, den Osman Digna anzugreifen.) Aber die Regierung wollte das nicht sagen, daß sie die Besatzungen im Stich zu lassen gesonnen sei, und darum unterblieb das ›Hilf dir selber‹. Das ist's, was uns die Hände gebunden hat. Hätte ich die Flucht ergriffen, so wäre ich selbst unserer Regierung gegenüber ein Deserteur gewesen; andererseits freilich hat mein Bleiben den gegenwärtigen Hilfszug nötig gemacht. Baring meldete mir klar und deutlich den Befehl, nicht ohne spezielle Erlaubnis der Regierung an den Äquator zu gehen. (Wenn Gordon sich nämlich hatte retten wollen, so wäre das sein Ausweg gewesen.) Ich rechte durchaus nicht darüber mit der Regierung, daß sie den Sudan hat fahren lassen. Es ist ein erbärmliches Land und nicht wert, daß man es halte; aber das sage ich: die Regierung hätte im März den Mut haben sollen zu sagen: ›Hilf dir selber!‹ Damals hätte ich es thun können; jetzt bin ich Ehren halber an dies Volk gebunden, nachdem sechs Monate in unnützem Widerstand hingegangen sind ... Ich sage dies, weil niemand die Geld- und Menschenopfer dieses Hilfszugs mehr beklagt als ich, und niemand kann die Schwierigkeiten besser ermessen als ich; nach allem aber was hinter uns liegt und dank der Unschlüssigkeit unserer Regierung haben wir keine andere Wahl. Es handelt sich für uns jetzt darum, wie wir mit unserer Ehre und mit möglichst geringen Opfern am besten davon kommen. Gebt das Land den Türken, das ist die einzige Lösung der Frage. Hoffentlich denkt niemand, daß ich aus Eigensinn Schwierigkeiten mache; wollte Gott, ich wäre glücklich fort von hier, wo ich seit Februar keine ruhige Stunde gehabt habe! ... Bis vor kurzem waren wir völlig im dunkeln, ob die Regierung die Besatzungen im Stich lassen will oder nicht. Hätte ich meinen Posten verlassen, so hätte man mich als Deserteur darum zur Verantwortung ziehen können, weil ich die Dampfer und Kriegsvorräte in des Mahdi Hand hätte fallen lassen. Denn wenn ich Reißaus nehme, so dauerte es keine fünf Tage und der Mahdi wäre hier ... Ich wiederhole, die englische Regierung wäre, sofern es mich betrifft, aller Verantwortung ledig, hätte man mir nur den Entschluß übermittelt: ›Hilf dir selber, wir lassen die Besatzungen im Stich.‹ Dann hätte ich gewußt, woran ich bin, hätte den Leuten sagen können, daß auf Hilfe nicht zu rechnen ist, und hätte keine sechs Wochen gebraucht, um den Äquator zu erreichen. Und ich hätte das in Ehren thun können; denn sobald es einmal feststand, daß man uns im Stich ließ, mußte mein Hierbleiben darauf hinauslaufen, daß ich mit den Khartumern eingeschlossen würde, was ihre Lage nicht bessern konnte, im Gegenteil den Mahdi nur um so mehr aufbringen mußte.«

Wir geben diese Stellen gern ausführlich, weil die Anklage damit am besten widerlegt ist, die hin und wieder gegen Gordon laut geworden, er habe sich die Folgen seines Bleibens selbst zuzuschreiben.

Weiter sagt er:

»Hätte ich einen Versuch gemacht mich zu retten, so hätten die Leute hier etwa so geurteilt: ›Sie sind zu uns gekommen, und wir vertrauten Ihnen; wären Sie nicht gekommen, so hätte wohl mancher von uns sein Heil in der Flucht versucht, so aber verließen wir uns darauf, was Sie für uns thun würden. Wir haben seit Monaten Entbehrung über Entbehrung gelitten, um die Stadt zu halten. Wären Sie nicht gekommen, so hätten wir uns dem Mahdi ergeben; jetzt aber, nach unserm langen Widerstand, haben wir keine Barmherzigkeit von ihm zu erwarten, und er wird das vergossene Blut bitter an uns rächen. Sie haben unser Geld entlehnt und uns versprochen, es solle uns sicher wieder gegeben werden; wenn Sie uns verlassen, so ist alles verloren. Es ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit, bei uns zu verharren und unser Los zu teilen. Wenn die englische Regierung uns im Stich läßt, so ist das kein Grund, daß Sie uns im Stich lassen, nachdem wir uns all die Zeit her an Sie gehalten haben.‹ ›Und darum,‹ fügt Gordon mit Nachdruck hinzu, ›erkläre ich ein für allemal, daß ich den Sudan nicht verlasse, bis jeder sich hat retten können, der's nötig hat, bis eine Regierung hier aufgerichtet ist, die mich meiner Pflicht entbindet. Und wenn jetzt ein Befehl kommt, der mich gehen heißt, so werde ich nicht gehorchen, sondern bleibe hier und falle mit der Stadt und teile ihre Not.‹«

Er giebt anderswo zu:

»Ich fürchte, ich bin ein allzu selbständiger Offizier, aber so bin ich und kann's nicht ändern. Ich habe nicht einmal Verstecken mit meinen Vorgesetzten gespielt! Wenn ich die Regierung wäre, würde ich so einen, wie ich bin, nie anstellen; denn ich bin unverbesserlich.«

Aber er sagt auch:

»Ich bin mit dem Auftrag abgesandt worden, den Sudan zu räumen, und nicht um Reißaus zu nehmen und die Besatzungen im Stich zu lassen.«

Mit andern Worten, zu einem ehrlosen Auftrag hätte er sich nicht bereit finden lassen, und nachdem er einmal abgesandt war, will er die Hand zu einer Ehrlosigkeit nicht bieten. Sehr richtig macht er auch darauf aufmerksam, daß, wenn die Regierung mit ihrer langen Saumseligkeit recht hatte, es dann auch recht gewesen wäre, dabei zu verharren.

»Das ist mir ein Rätsel,« sagt er, »wenn es jetzt wohl gethan ist, uns zu Hilfe zu kommen: warum war's nicht recht, das früher zu thun? Es ist ganz schön von den Schwierigkeiten der Regierung zu reden, aber das läßt sich nicht leicht wegerklären, daß eine stille Hoffnung im Hintergrund war, ein Zuhilfekommen könnte durch unsern Fall erspart werden! Was mich persönlich angeht, so will ich niemanden Vorwürfe machen; aber es ist mir nicht sehr darum zu thun, mit Verehrung von Leuten zu reden, seien sie wer sie wollen, die sich mit solchen Hintergedanken abgeben können ... Ich weiß in der ganzen Weltgeschichte kein Beispiel von ähnlicher Handlungsweise, wenn ich nicht etwa auf David mit Uria dem Hethiter Bezug nehmen will, und da war eine Eva im Spiel — eine Entschuldigung, die im vorliegenden Fall meines Wissens nicht existiert. Ich wiederhole, ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn man den Besatzungen nicht helfen will, ich verdamme nur die Unschlüssigkeit. Man hatte nicht den Mut ehrlich zu sagen: wir lassen euch im Stich; man verhinderte es, daß ich an den Äquator ging, mit dem stillen Vorsatz, mir nicht zu Hilfe zu kommen, und — soll ich sagen mit der Hoffnung? ... (›März, April u. s. w. sechs Monate! hält er noch immer aus?‹) ja, das ist's, was ich der Regierung vorwerfe.«

Es ist schwer, den Machthaber in London ein gerechteres Zeugnis über ihr Verhalten zum Sudan auszustellen, als Gordon es hier thut, und der Leser hat hoffentlich genug Beweise davon in diesem Buch, daß Gordon nicht aus persönlichen Rücksichten so redet; für sich selbst begehrt er nichts; er will heute sein Leben hingeben, wenn es sein muß, aber schwarz will er nicht weiß nennen und Unehre nicht für Ehre gelten lassen, und er wird nur gegen die bitter, die solches von ihm zu erwarten scheinen. Er ist sich selbst treu geblieben, und das kostete ihn sein Leben. Daß er nie wieder nach England zurückkehren und keinen Heller Entschädigung annehmen werde, spricht er mehr denn einmal in seinen Tagebüchern aus. Er hätte diesen Entschluß ohne Zweifel auch ausgeführt.

Daß des Mahdi Machtentfaltung auf den Fanatismus des Volks zurückzuführen sei, giebt Gordon nicht zu; er sagt vielmehr, seiner Erfahrung nach gebe es selbst in jenen fanatischen Ländern heutzutage nicht viel reinen Fanatismus mehr. Es handle sich bei den meisten Leuten vielmehr lediglich um den irdischen Besitz; es sei eher eine Art Kommunismus unter der Flagge der Religion. Und Gordons alter Humor macht sich geltend, als er erfährt, daß nicht einmal der Mahdi ein ehrlicher Fanatiker, sondern ein »Humbug« sei. Ein aus dem feindlichen Lager entronnener Grieche erzählte ihm nämlich, daß der Mahdi Pfeffer unter den Fingernägeln habe, damit ihm Thränen zu Gebot stünden, wenn er Audienz gebe. Auch begnüge er sich, wo er gesehen werde, mit ein paar Körnlein Durra, in den verborgenen Räumen seiner Wohnung aber lebe er herrlich und in Freuden und versage sich selbst geistige Getränke nicht.

»Ich muß gestehen,« sagt Gordon, »seit ich das weiß, habe ich allen Geschmack am Mahdi verloren; bis jetzt konnte man sich doch wenigstens damit trösten, daß man es mit einem anständigen Fanatiker zu thun habe, der an seine Sendung glaubt. Wenn einer sich aber mit Pfeffer unter den Fingernägeln abgiebt, so ist's wirklich eine Demütigung, sich ihm ergeben zu sollen! ...«

Da übrigens Thränen doch im allgemeinen als ein Beweis der Aufrichtigkeit gelten, so setzte Gordon hinzu, das Rezept lasse sich vielleicht auch Staatsministern empfehlen.

Unter den Mohammedanern seiner nächsten Umgebung, nämlich seinen Dienstboten, machte er ähnliche Entdeckungen.

»Wenn sie nicht mit Essen beschäftigt sind, dann sind sie am Beten; und wenn sie nicht beten, dann schlafen sie oder sind krank. Man hat wirklich Mühe, sie in den Zwischenpausen zu kriegen; es ist schlechterdings nichts mit ihnen anzufangen, wenn sie auf eine dieser vier Festungen sich zurückziehen, essen, beten, schlafen oder krank sein, und sie wissen es. Man wäre ja ein Bengel, wenn man sie daraus verjagen wollte (was ich übrigens doch manchmal thue). Es gilt einen Befehl abzufertigen, man sieht sich nach seinem Diener um, und der Mensch hält seine Andacht. Ich muß sagen, es ist ein prächtiges Land, um einen Geduld zu lehren! Es ist auch höchst seltsam, aber so oft ich Ursache habe aufgebracht zu sein, was wohl täglich mehrmals vorkommt, ist die ganze Dienerschaft mit ihren Gebetsverrichtungen beschäftigt. Ihre Religion folgt sozusagen der Tonleiter meiner Stimmungen. Sowie ich guter Laune bin, sind sie Heiden.«

Gordons natürliches hitziges Temperament machte sich bis zuletzt geltend; aber seine Zornausbrüche sind von so viel Gutmütigkeit erfüllt, daß ihnen der Stachel genommen ist. Wie er selbst einmal bemerkte, schienen ihn die Leute gerade dann am liebsten zu haben, wenn ihm, wie das Sprichwort sagt, der Gaul durchging. So ereignete es sich zwei Monate vor dem Ende, daß eines Abends spät durch drei Sklaven die Nachricht nach Omderman gebracht wurde, die Araber gedächten am folgenden Morgen einen Angriff zu machen. Es wurde nach Khartum gemeldet, aber der Telegraphist meinte, es wäre auch am andern Morgen noch Zeit, dem Generalgouverneur die Depesche vorzulegen. In der Frühe wurde Gordon durch ein heftiges Schießen bei Omderman geweckt, die Araber hatten in der That einen bedeutenden Angriff gemacht, und Gordons Dampfer mußten erst noch geheizt werden. Es folgten mehrere Stunden, die, wie er sagte, ihn um Jahre älter machten — es war das heißeste Gefecht, das die Belagerten bis dahin ausgehalten hatten. Als Gordon vernahm, daß der Telegraphist eine Hauptschuld trug, dem es oft genug eingeschärft worden war, zu jeder Stunde Gordon nötigenfalls zu wecken, bestrafte ihn dieser mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen, die ihn aber alsbald reuten und ihn veranlaßten, dem Geohrfeigten fünf Thaler zu schenken. Er dürfe ihn totschlagen, erwiderte der Telegraphist, ein schwarzbrauner Jüngling, denn er sei ja sein Vater! Ein andermal handelte es sich darum, einen neugebauten Dampfer zu taufen. Die Leute wollten ihn »Gordon« nennen, was er mit dem Bemerken ablehnte, es sei keine Gefahr vorhanden, daß die Stadt ihn je vergessen werde, habe er doch die meisten von ihnen auf alle mögliche Weise seinen Zorn schon fühlen lassen; sie sollten den Dampfer lieber »Sebehr« heißen!

Daß Gordon durch die ganze schwere Belagerungszeit dem Ausgange ruhig entgegen sah, wissen wir; daß es nicht ohne viel innerliches Leiden abging, spiegelt sich wieder und wieder in den Tagebüchern ab. Merkwürdig ist folgende Stelle:

»Oft, seit wir eingeschlossen sind, haben wir die Frage aufgeworfen, ob es wirklich unmännlich ist, sich zu fürchten, wie die Welt sagt. Ich sage offen, daß ich fortwährend in Furcht schwebe und zwar recht gründlich. Ich fürchte die möglichen Folgen der Gefechte. Todesfurcht ist's nicht, die habe ich gottlob ja längst überwunden; aber ich fürchte Niederlagen und was sie bringen. Man spricht von ruhigen Leuten, die sich durch nichts anfechten lassen — es giebt keine, d. h. es giebt Leute, die es äußerlich nicht zeigen, was sie innerlich fühlen. Daraus folgere ich, daß ein Heerführer nicht in vertrautem Umgang mit seinen Offizieren leben soll, denn sie beobachten ihn mit Luchsaugen und nichts ist ansteckender als Furcht. Mich hat es schon fuchswild gemacht, wenn ich etwa vor Besorgnis nicht essen konnte und dann merkte, daß es meinen Tischgenossen ebenso ging.«

Wenn Gordon auch nicht Furcht im gewöhnlichen Sinn, so doch Besorgnis in reichlichem Maße kannte, so ist's kein Wunder. Er hat es öfters ausgesprochen, daß es eine Art Verhängnis in seinem Leben war, in all seinen Kriegsunternehmungen es mit mehr oder weniger wertlosen Truppen zu thun zu haben. Das Jahr in Khartum setzte auch in dieser Hinsicht seinem Leben die Krone auf; und was die Zivilverwaltung betrifft, so stand es damit nicht besser. Wenn etwas geschehen sollte, so mußte er selbst darnach sehen, und die Last eines jeden Departements lag auf seiner Schulter.

»Einen jeden Befehl, und wo sich's doch um das Interesse der Leute selbst handelt, muß ich zwei-, dreimal wiederholen. Ich kann wahrlich sagen, ich bin des Lebens müde; Tag und Nacht, Nacht und Tag ist's eine fortdauernde Plage.«

Von den Baschi-Bosuks, die ihm ja von jeher ein Dorn im Auge waren, kann er zuletzt nur noch sagen, er werde sie in Watte einwickeln und aufheben; all seine übrigen Ägypter, die Offiziere nicht ausgenommen, ist er bereit, den heranziehenden Engländern zu schenken in der Hoffnung, daß er sie dann nie wieder sehen möchte. Nachdem der »Abbas« seine Gefährten davon getragen hatte, war nicht ein Mensch in der Stadt, auf den er sich verlassen konnte; er nennt es eine peinliche Lage. Der österreichische Konsul Hansal war zwar noch da; als Gordon aber hörte, derselbe beabsichtige sich mit seinen sieben Frauenspersonen zum Mahdi zu schlagen, hatte er nur die eine Antwort: »Ich hoffe, er wird es thun!«

Noch am 3. Dezember entwirft Gordon ein Programm, wie zu helfen sei, und wenn auch von zweifelhafter Moral, so wäre es doch für die Engländer der kürzeste Weg aus der Patsche:

»Die britische Entsatz-Expedition kommt, um britische Unterthanen aus der Not zu retten, lediglich aus diesem Grunde; man findet, daß einer dieser Unterthanen hier Befehlshaber ist; man rettet ihn, und ehe er sich retten läßt, setzt er, an der Genehmigung des Khedive nicht zweifelnd, Sebehr als seinen Nachfolger ein, dem es zufällig verstattet worden war, sich als Privatmann in Familienangelegenheiten nach Khartum zu begeben. Wer kann da der britischen Regierung einen Vorwurf machen — kein Mensch. Sie hat den Sebehr nicht eingesetzt, und des Thewfik Regierung geht sie nichts an; man ist nur gekommen, um die eigenen Unterthanen zu retten, und Gordon ist der Mann, der die Ernennung Sebehrs zu verantworten hat! Nicht einmal Thewfik hat eine Verantwortung in der Sache, denn Gordon hat es auf seine eigene Verantwortung hin gethan! Ist das nicht ein prächtiger Plan? Denn erstens reinigt er die britische Regierung von aller Schuld, zweitens legt er mir die Schuld auf, und in dem Wetter, das über mich ergehen wird, werde ich so gründlich übergossen werden, daß man — ich will nicht schimpfen, noch die Monate zählen — sagen wir, daß man den bisherigen Verzug dabei ganz übersehen wird. Ja man wird am Ende gar die Regierung noch tadeln, einem solchen Subjekt von britischem Unterthan überhaupt zu Hilfe gekommen zu sein. Das Ministerium kann sich dann ins Fäustchen lachen, und die Fabel bleibt aufrecht erhalten, daß der Sudan oder Ägypten uns nichts angeht. Der Gegenpartei wird's der reine Verdruß sein, wenn die Regierung auf eine so anständige Weise aus ihrer Patsche kommt, während die Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels und alle Tugendhelden in Europa die Schalen ihres Zorns über mich ausgießen. Und ich entgehe auf diese Weise allen Ehren und Belohnungen, denn man wird höhern Orts nur zu gern die Gelegenheit ergreifen und sagen: ›Nach solch niederträchtiger Handlungsweise kann man den Mann ja nimmer anstellen,‹ als ob sie nicht wüßten, daß er »Belohnungen« so wie so nicht annähme! Es kann mir überhaupt gleichgültig sein, was über mich gesagt wird, denn da ich nicht wieder nach England zurückkehren will, so kann viel in die Zeitungen geschrieben werden, was ich nicht sehe. Es ist in jeder Hinsicht ein vorzügliches Programm!«

Und weiter meint er, er wisse wohl, was über ihn gesagt werden würde, jedenfalls einen wisse er, der ausrufen werde:

»Mein lieber Gordon, wie kann man so handeln — wären Sie doch lieber gestorben, ehe Sie sich so weit vom Pfad der Rechtlichkeit verirrten!«

»Vergnügte Weihnachten!« setzte er trocken hinzu.

Am Tag, da er dies schreibt, berichtet er von drei Schlachten, während die Stadt fortwährend beschossen wird; und abends nach sieben fingen die Araber noch einmal an, weil die Zinkenisten in der Stadt das ›Salaam Effendina‹ (das ägyptische ›Heil unserm Fürsten, Heil!‹) aufspielten. Am 5. Dezember beschließt er einen Ausfall, um dem Fort Omderman zu Hilfe zu kommen, das in bedrohter Lage war.

»Ich habe nun fast alle Hoffnung aufgegeben, die Stadt zu retten,« sagte er, »dieser Ausfall ist ein letzter Versuch, um die Verbindung mit Fort Omderman wieder herzustellen.« Am folgenden Tage schrieb er: »Ich habe den Gedanken aufgegeben, eine Landung bei Omderman zu bewerkstelligen, wir haben keine Möglichkeit es zu thun.« Am 7. Dezember: »Heute der zweihundertundsiebzigste Tag unseres Eingeschlossenseins. Die Araber haben von ihren Kanonen bei Guba acht Bomben abgeschossen, eine fiel in der Nähe des Palastes, richtete aber keinen Schaden an.«

Daß Gordon am zweihundertundsiebzigsten Tag seiner hoffnungslosen Verteidigung der Stadt nicht leichten Herzens sein konnte, bedarf gewiß nicht des Nachweises; dennoch kann er seine Belagerungsnotizen an jenem Tag mit dem Satz unterbrechen:

»Mein Truthahn hat eines seiner Weiber umgebracht, Grund unbekannt; wahrscheinlich geheime Korrespondenz mit dem Mahdi, oder sonst eine Haremstreulosigkeit.«

Es war Gordons Art und Weise, einen unliebsamen Gegenstand mit einem Gewaltsprung zu verlassen, als ob er einen Scherz machen müßte, um der Sorge Herr zu werden. Gold aber wird durchs Feuer bewährt; auch Gordon mußte hindurch. Was mag er innerlich gelitten haben im Blick auf die ihn umgebende Not einerseits, in Gedanken an seine Landsleute und ihr Verhalten andererseits! »Der Allmächtige hilft mir durch!« schreibt Gordon. Hätte dies tapfere Herz nur gewußt, wie England, ja, wie die ganze weite Welt in jenen Tagen um ihn sorgte — aber es war ihm versagt. Er stand im Feuer in großer Einsamkeit, der Allmächtige allein war bei ihm.

Die Belagerung stand nun im zehnten Monat, und nicht nur sah man der Erschöpfung der Lebensmittel entgegen, sondern, was fast noch schlimmer war, auch der Schießbedarf ging auf die Neige. Zwar wurde unter Gordons Aufsicht Pulver bereitet und sein Arsenal lieferte täglich mehrere tausend Patronen — der Verbrauch aber war zu groß. Am 11. Dezember bringt sein Tagebuch die Notiz:

»Ich habe der ganzen Besatzung Extralöhnung für einen Monat gegeben, nachdem sie bereits solche für drei Monate erhalten hat; ja ich würde nicht zögern, ihnen zwei Millionen Mark zu bewilligen, wenn ich dächte, es hielte die Stadt.«

Das sind inhaltsschwere Worte, nur noch mit Geld oder Geldversprechungen war seine Mannschaft bei der Fahne zu halten!

Am 14. Dezember schließen die Tagebücher folgendermaßen — es ist Gordons letzte Botschaft an seine Landsleute:

»Die Araber haben heute früh zwei Bomben auf den Palast abgefeuert. Vorrat: 546 Ardeb Durra und 83525 Oke Zwieback! Halb elf Uhr — die Dampfer sind bei Omderman mit den Arabern im Gefecht, und ich sitze auf Kohlen. Halb zwölf Uhr — die Dampfer sind zurück; den Bordeen traf eine Bombe in die Batterie; nur ein Mann der Unsrigen verwundet. Morgen soll der Bordeen mit diesem Tagebuch abgehen. Hätte ich zweihundert Mann vom Entsatzzug zu befehligen, mehr sind nicht nötig, so würde ich gerade unterhalb Halfaja die Araber angreifen und dann nach Khartum vorrücken. Ich würde mich dann mit dem Nord-Fort in Verbindung setzen und weiteres Handeln von den Umständen bestimmen lassen. Das merkt euch, wenn der Entsatz, und ich verlange nicht mehr als zweihundert Mann, nicht in zehn Tagen hier ist, kann die Stadt fallen; und ich habe gethan, was ich konnte, für die Ehre unseres Landes. Lebt wohl.

C. G. Gordon.«

Er hat die Stadt nicht zehn, sondern noch dreimal zehn Tage gehalten; aber was nach dem 14. Dezember geschehen, wird schwerlich je in völlig authentischer Weise bekannt werden. Ohne Zweifel hat er bis zum letzten Tag seine Notizen niedergeschrieben, aber sein siebentes Tagebuch ist entweder in die Hand des Mahdi geraten oder in der allgemeinen Zerstörung zu Grunde gegangen.

Gordon wußte wohl, daß die Besatzung zum äußersten gebracht war. Allerlei Anzettelungen in der Stadt und geheime Unterhandlungen mit dem Mahdi nahmen überhand. Es ist bemerkenswert, daß Gordon, selbst eine redliche Seele wie wenige, sein Leben lang immer wieder die Erfahrung machen mußte, daß andere ihn im Stich ließen oder gar mit Treubruch ihm begegneten. Es bringt ihn zu dem Geständnis, daß der Mensch von Natur ein trügerisches Geschöpf sei. Psalm 116, 11 lautet in der englischen Übersetzung: ›Ich sprach in meiner Eile (Übereilung): alle Menschen sind Lügner‹; das hätte der Psalmist auch mit Bedacht sagen können, schrieb Gordon im September 1884. Ob die Stadt durch direkten Verrat fiel, wie man in der ersten Zeit nach der Katastrophe allgemein annahm, ist nicht klar erwiesen, so viel nur ist gewiß, daß die ausgehungerte Besatzung zur Übergabe bereit war, daß Gordon also allein stand in der großen Not. Der Mahdi war durch Überläufer aufs genaueste von allem unterrichtet, und es war seine Absicht, die Stadt zuletzt ohne Schwertstreich durch Hunger zu bezwingen.

Gordons Tagebuch unterm 14. Dezember enthielt die letzte bestimmte Nachricht über Khartum. Die Lage der Stadt war schon damals eine äußerst kritische, »sie kann in zehn Tagen fallen,« schrieb er. Den noch vorhandenen Mundvorrat giebt er an jenem Tage auf 83525 Oke Zwieback und 546 Ardeb Durra an. Nach seinen fast wöchentlichen Angaben der Vorräte läßt sich berechnen, daß bei Einschränkung der Durra-Rationen die Verabreichung des Zwiebacks an die Truppen bis zum 14. Dezember nicht geschmälert worden war, und daß der an diesem Tag erwähnte Vorrat allein durch den Bedarf der Truppen in etwa achtzehn Tagen erschöpft sein würde. Aber schon am 22. November hatte Gordon den Armen der Stadt 9600 Pfund Zwieback verabreichen müssen. Er bemerkte dabei: »Ich bin entschlossen, daß wenn die Stadt fällt, der Mahdi blitzwenig hier zu essen finden soll.« Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß es von da ab nötig war, den ärmeren Einwohnern Rationen zu bewilligen, und selbst bei größter Sparsamkeit mußte der Vorrat mit dem 1. Januar 1885 so ziemlich auf der Neige sein.

Man versetze sich in die Lage der von allen Seiten eingeschlossenen Stadt an jenem 14. Dezember, dem 277sten Tag ihrer Not! Es war fast auf die Stunde zu berechnen, wie lang die letzten ärmlichen Nahrungsmittel noch ausreichen konnten, schon jetzt ist Hunger die tägliche Losung, Entkräftung der Mannschaft und drohender Verrat sein Gefolge. Keine Nachricht vom Entsatzheer, wie ängstlich man desselben auch harrt, und täglich schwächer wird die Hoffnung, daß es rechtzeitig eintreffe, täglich geringer wird der Mut der Mannschaft und täglich giebt's Überläufer zum Feind.

In all dieser Not, wie ein Fels in der Brandung, steht ein Mann, äußerlich wohl auch geschwächt, aber innerlich mit stets wachsendem Mut, mit seinem alten Gottvertrauen, seinem kindlichen Glauben, die eine Zuversicht des erliegenden Volks — ein Mann voll unbesiegbarer Widerstandskraft, allezeit wachsam, allezeit erfinderisch, voll Hingabe seiner selbst, voll Mitleid für ›dies Volk‹. »Ich halte aus,« kann er sagen, »aber die Haare sind mir grau geworden vor übergroßer Sorge und Anstrengung.« Wie nah ist die Hilfe — er weiß es nicht. Bis fast zuletzt konnte er sich retten — er thut es nicht. Er steht auf seinem Posten, getreu bis in den Tod.

Etwa am 6. Januar erließ Gordon eine Verkündigung, in welcher er es den Einwohnern freistellte, zum Mahdi zu gehen. Dieser Erlaubnis wurde massenhaft Folge geleistet. Der hochherzige Gordon schrieb selbst an den Mahdi und forderte ihn auf, diesen armen Moslem Schutz und Nahrung zu gewähren, wie er selbst es seit neun Monaten gethan habe. Es ist berechnet worden, daß von den im September gezählten 34000 Einwohnern nur etwa 14000 zurückblieben. Den sinkenden Mut der Besatzung suchte Gordon durch tägliche Ansprachen zu beleben, er verwies immer wieder auf den nahenden Entsatzzug, er lobte seine Truppen, daß sie bisher ausgehalten, und selbst diese armen Menschen mußten sich an seinem eigenen unerschütterlichen Entschluß aufrichten, die Stadt nicht zu übergeben.

Am 13. Januar fiel Fort Omderman, ein schwerer Schlag für die eingeschlossene Besatzung, die ihres Außenwerks auf der Westseite des Weißen Nils damit verlustig ging; auch konnten die Araber durch Errichten von Batterien den Weißen Nil jetzt gänzlich für Gordons Dampfer schließen, während ihre eigene Position durch die gewonnene Flußverbindung zwischen dem Dorf und Lager Omderman ungleich verstärkt war. Am 18. Januar, nachdem die feindlichen Außenwerke bist fast an die Stadt vorgeschoben waren, machten die Belagerten einen Ausfall und ein verzweifelter Kampf fand statt. Von der Besatzung fielen etwa zweihundert, und obgleich des Mahdi Verluste beträchtlich gewesen sein sollen, so ist doch nicht ersichtlich, daß ein Vorteil für die Belagerten errungen wurde. Nach der Rückkehr der Besatzung in die Stadt hielt Gordon eine Anrede an die erschöpfte Mannschaft. Er lobte ihren tapfern Widerstand und redete ihnen eindringlich zu, den Mut nicht fallen zu lassen, Hilfe sei nahe, die Engländer könnten täglich kommen und dann sei alles gut! Wie erschöpft mag er selbst gewesen sein, der große Held, von dem gesagt wurde, daß er um diese Zeit nie mehr schlief!

Die Zustände innerhalb Khartums waren verzweifelte; alle Esel, Hunde, Katzen, Ratten waren aufgezehrt, eine kleine Quantität Gummi wurde täglich an die Truppen verabreicht, und aus der zerriebenen Holzfaser einer Palmenart wurde Brot bereitet. Gordon berief die namhaftesten Einwohner mehrmals zum Kriegsrat und ordnete an, daß die Stadt aufs gründlichste nach Nahrung durchsucht wurde; das Ergebnis war aber ein geringes, nur vier Ardeb Durra in der ganzen Stadt, und diese wurden für die Truppen beschlagnahmt.

Mittlerweile gelangte die Nachricht von der Niederlage der Kerntruppen des Mahdi bei Abu Klea ins feindliche Lager und rief Bestürzung und Zorn unter den Arabern hervor; auch ist gesagt worden, daß bei dieser Gelegenheit Unzufriedenheit mit des Mahdi Regiment laut geworden sei. Die Rebellen verlangten stürmisch einen Angriff auf die Stadt. Das war am 20. Januar. Am 22. folgte die weitere Nachricht, daß die von Abu Klea vordringenden Engländer den Nil bei Metammeh erreicht hätten (wo Gordons Dampfer auf sie warteten), man schloß hieraus, daß dieser Ort in ihren Händen sei, daß somit nichts am Vorrücken sie hindere, und dies bestimmte den Mahdi zu einem sofortigen Angriff, ehe die englische Hilfe Khartum erreichen könne. In Khartum selbst war ein unklares Gerücht von der Schlacht bei Abu Klea und der Ankunft der Engländer bei Metammeh laut geworden. Wie nah war die Erlösung, der Lohn für alle Treue, die ruhmvolle Rechtfertigung des ausharrenden Heldenmuts!

Es sollte anders kommen. Gordons schwarze Truppen standen unter dem Befehl von Farragh Pascha, einem freigelassenen Sklaven, der seine Erhebung Gordon verdankte, und dieser ist's, den die Anklage traf, die Stadt durch Verrat dem Mahdi überliefert zu haben. Wohl möglich, daß es sich so verhält, nachgewiesen ist es nicht; nur so viel ist gewiß, daß der Mahdi mit ihm unterhandelte, ihm Bedingungen zur Übergabe machte. Es ist bekannt geworden, daß Gordon am 23. einen stürmischen Auftritt mit Farragh Pascha hatte; ein den Fall Khartums überlebender Augenzeuge erklärte als die Ursache desselben, daß Gordon ein Fort am Weißen Nil, das unter Farraghs Befehl stand, ungenügend besetzt gefunden habe. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Farragh bei dieser Gelegenheit einen Vorschlag fallen ließ, die Stadt zu übergeben. Gordon soll ihm mit einer Ohrfeige geantwortet und Farragh den Palast in hohem Zorn verlassen haben.

Am folgenden Tag berief Gordon abermals einen Kriegsrat. Höchst wahrscheinlich kamen Farraghs Vorschläge bei dieser Gelegenheit zur Sprache, und die Meinung, daß die Stadt nicht länger zu halten sei, scheint die Oberhand gewonnen zu haben. Gordon aber erklärte, er werde sie halten. Am 25. war Gordon leicht erkrankt, es war ein Sonntag, er zeigte sich nicht öffentlich, doch hatte er verschiedene Unterredungen mit namhaften Leuten der Stadt. Er war sich offenbar über das nahe Ende klar. Es ist gesagt worden, daß er gegen Abend an Bord der »Ismailia« nach der Insel Tuti übergefahren sei, um eine Mißhelligkeit der dortigen Besatzung beizulegen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er im letzten Augenblick an Bord seines Dampfers entkommen sei. Der Umstand aber, daß beide Dampfer den Siegern in die Hände fielen, ja daß die Ismailia vom Mahdi zu seinem Einzug in Khartum benutzt wurde, sowie die genaue, von verschiedenen Zeugen bekräftigte Nachricht von Gordons Tod machte es unmöglich, jenem Gerücht lange Glauben zu schenken, ganz abgesehen davon, daß Gordon nicht der Mann war, sich im letzten Augenblick zu retten. »Mit Gottes Hilfe gedenke ich nicht lebend in ihre Hand zu fallen, somit bleibt nur der Tod,« hatte er einige Wochen zuvor in sein Tagebuch geschrieben. Wenn er an jenem Abend nach Tuti überfuhr, dann kehrte er zu einer späten Stunde in seinen Palast nach Khartum zurück.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Januar verließen viele ausgehungerte Soldaten ihre Posten auf den Wällen, um Nahrung in der Stadt zu suchen, während andere vom langen Fasten zu schwach waren, für sie einzutreten. Es wurde dies in der Stadt bekannt, und eine Anzahl der erschreckten Einwohner bewaffnete sich und ihre Sklaven, um auf den Wällen Dienst zu thun. Dies war nichts ungewöhnliches, nur daß in dieser Nacht mehr Freiwillige als zuvor sich einfanden. So nahte der verhängnisvolle 26. Vor Tagesgrauen geschah der feindliche Überfall. Das Bourré-Thor am äußersten Ostende der Verteidigungslinie am Blauen Nil und das Mesalamieh-Thor auf der Westseite gegen den Weißen Nil waren die Hauptpunkte des Angriffs. An jenem Posten hielt die Besatzung stand, am Mesalamieh-Thor hingegen gelang es den Arabern in die Festungswerke einzudringen. Ob Verrat in dieser Stunde im Werk war, ist nur zu mutmaßen, sicher ist, daß es der ausgehungerten Mannschaft an aller Widerstandskraft gebrach. Die Feinde füllten den Graben mit Stroh- und Reisigbündeln u. s. w. und erstiegen den Wall.

Oberst Kitchener vom Entsatzzug, ein durch langen Aufenthalt im Sudan mit den Arabern und der arabischen Sprache wohlvertrauter Offizier, dessen Zusammenstellung der spärlichen Berichte obiges entnommen ist, hält dafür, daß Khartum infolge des plötzlichen Angriffs fiel, als die hungernde Besatzung zu erschöpft war, um sich hinreichend zur Wehre setzen zu können.

Nachdem die Araber in die Stadt eingedrungen waren, stürmten sie tobend und mordend durch die Straßen, jeden niedermachend, der ihnen in den Weg kam, was den Schrecken der Überfallenen nur erhöhte und den letzten Versuch Widerstand zu leisten lahmte. Als der Morgen gespensterbleich am fernen Horizont graute, stand die mordende Horde in nächster Nähe des Palastes. Jetzt waren sie siegesgewiß. Das gellende Geschrei, mit welchem die Streiter des Halbmonds dies bekundeten, weckte Gordon aus dem kurzen Schlaf, den die frühe Morgenstunde ihm gebracht hatte. Seit Monaten hatte er sich keine Nachtruhe gegönnt, er der Wächter und Hüter der ihm anvertrauten Stadt. Welch ein Weckruf! er wird ihm nicht unerwartet gekommen sein. Er erhob sich, zum letztenmal nahm er eine Waffe zur Hand, er wußte, daß er sie bald niederlegen werde, der lange Kampf war zu Ende. Gordon verließ den Regierungspalast mit etlichen seiner Leute und machte den Versuch, das Arsenal im katholischen Missionshaus zu erreichen; diesen Ort hatte er längst für den letzten Kampf ausersehen und hergerichtet.

Mit großer Ruhe und den Seinen etwas voraus nahte Gordon der kleinen Kirche. Das kurze Zwielicht der Wüste wich dem aufdämmernden Tag, über den hohen Palmen am Blauen Nil erglühte der Osthimmel im Morgenrot. Noch hingen die Schatten der verhängnisvollen Nacht über der verlorenen Stadt. Verworrenes Geschrei erscholl auf allen Seiten von erbarmungslosen Siegern und hilflos Besiegten. Das Schwert des Islam war aus der Scheide. Auf dem freien Platz zwischen dem Regierungspalast und der kleinen Missionskirche stand Gordon mit seiner Schar, als eine Bande von Arabern aus der nächsten Straße hereinstürzte. Einen kurzen Augenblick standen beide einander gegenüber, dann krachte ein Musketenfeuer, der aufgehende Tag erzitterte, und Gordon fiel zum Tod getroffen.

Die Wüste breitete ihr Schweigen über seine sterbliche Hülle, nichts weiter hat verlautet. Des Mahdi Horden plünderten und mordeten in der Stadt, das Blut der Besiegten floß in Strömen, und als der entsetzlichen Arbeit Einhalt geschah, und die Stadt aus hundert Wunden blutend, den Blick wieder erhob, war ihr Held, ihr Märtyrer, ja selbst sein Leichnam, ihr entrückt.

Die denkwürdige Belagerung von Khartum währte 317 Tage; nie war einer erliegenden Besatzung die Hilfe so nahe, und kein Kriegsheld ging je in einen schönern Tod.

8. Die Krone der Ehren.

Gordon wußte, daß er in den Tod ging, er schrieb verschiedene Abschiedsbriefe, die ihre Bestimmung erreichten; es sind die Worte eines, der das dunkle Thal schon vor sich sieht. Seiner Schwester schrieb er:

»Gott der Herr regiert, und da Er zu Seiner Ehre und unserem Besten regiert, so geschehe Sein Wille. Ich hin ganz zufrieden und kann mit Lawrence[16] sagen, ich habe versucht, meine Pflicht zu thun .... Wenn Gott es einem Menschen geschenkt hat, viel im Umgang mit Ihm zu leben, so kann der Tod für einen solchen nichts Schmerzliches sein; ja, was ist der Tod für den gläubigen Christen!«

Es steht wohl auf jeder Seite der Lebensgeschichte dieses Mannes geschrieben, daß er seinem Gott vertraute — in seltener Weise vertraute. Sollte es Leser geben, die fragen, was hat ein Mann wie Gordon nun vor anderen voraus, hat er nicht in schmählicher Weise, von Freunden verlassen, von Feindeshand fallen müssen, und der Gott, dem er vertraute, hat ihm nicht geholfen? so giebt Gordon selbst die Antwort darauf in den tiefrührenden Worten an seine Schwester:

»Du darfst nicht vergessen, daß unser Herr niemand versprochen hat, ihn das Glück und den Frieden in diesem Leben finden zu lassen. Er hat uns im Gegenteil Trübsal verheißen. Wenn es also ein übles Ende nimmt nach dem Fleisch, so ist Er dennoch treu. Was Er thut, geschieht in Liebe, und Sein Erbarmen ist über mir. Mein Teil ist Ergebung in Seinen Willen, wie dunkel derselbe auch sei.«

Einem fernerstehenden Freund schrieb er:

»Alles vorbei. Ich erwarte die Katastrophe innerhalb zehn Tagen. Es wäre nicht so gegangen, hätten unsere Leute besser dafür gesorgt, mir Nachricht zukommen zu lassen. Lebt alle wohl. — C. G. Gordon.«

Dem Sir Charles Wilson, der ihm mit einem Teil der Entsatz-Mannschaft die erste Hilfe bringen sollte, schrieb er, er hoffe, daß nach Gottes Willen die Engländer rechtzeitig kommen könnten, um ihn und andere zu retten, aber er fürchte, sie würden zu spät kommen; er wisse, daß Verrat im Anschlag sei, und er könne es nicht hindern. Noch jetzt stünde es in seiner Macht sich zu flüchten, aber das wolle er nicht; er werde auf seinem Posten bleiben und nicht zuletzt noch davonlaufen. Gefangen nehmen lassen werde er sich nicht; also bleibe der Tod.

Und so starb der Held. Die heiße Schlacht war verloren er aber war dennoch ein Sieger, einer von denen, die gekrönt werden nach dem Kampf. Daß die unverwelkliche Krone ihm wurde, wer könnte daran zweifeln! Aber auch eine irdische Krone der Ehren ist ihm behalten, wie wenigen seines Geschlechts, in der Bewunderung, ja, in der Liebe von Tausenden, die um ihn trauern wie um einen nahestehenden Freund. Nicht nur England, die weite Welt erkannte den Verlust. Wie mit leuchtenden Buchstaben stand es auf einmal vor aller Augen, dieser Mann war ein Held in unserm Jahrhundert, wie sonst nur Sage und Sang aus längst vergangenen Zeiten uns von Helden berichten, und er ist tot! Die Kunde traf England ins Herz. Wer an jenem 5. Februar, der die Nachricht brachte — den »schwarzen Donnerstag« hat man ihn seither genannt — durch die Straßen von London ging, der konnte auf allen Gesichtern lesen, daß Trauer auf das Land gefallen war. Seit der indischen Meuterei hat nichts das Land in ähnlicher Weise erschüttert, wie der Fall von Khartum. Es war, als handelte es sich für jeden um einen persönlichen Verlust. Hoch und nieder, reich und arm hatten nur die eine Klage: Gordon ist tot! Kein König ist je so betrauert worden. England wußte es jetzt, was es an ihm verlor, und viele Tausende schlugen dabei an ihre Brust. Was einer seiner Landsleute aussprach, als es sich um ein Gordon-Denkmal handelte, war die Stimmung des Volkes seinen Führern gegenüber:

Ein Denkmal unserm Gordon — gut! So lang im Nil sich spiegelt Nacht und Tag, Der in Khartum sich färbte rot mit Blut, Sei nicht vergessen, wie der Held erlag. Ja, richtet ihm ein Denkmal auf, Und wenn in Marmorstein sein Ruhm erblüht, Schreibt auch als Denkschrift das Bekenntnis drauf: »Aus Dankbarkeit das Volk, das ihn verriet!«

Nur erwähnt sei die Thatsache, daß am Abend des Tages, der ganz England mit Trauer erfüllte, einer am andern Morgen erschienenen Zeitungsnotiz zufolge Gladstone die komische Oper mit seiner Anwesenheit beehrte! Wie zu erwarten stand, hielt dieser Minister dem gefallenen Helden Englands einen glänzenden Nachruf im Parlament; als er aber mit einem namhaften Beitrag dem projektierten Denkmal beitreten wollte, da lehnten sich Stimmen aus allen Volksklassen in der Tagespresse dagegen auf. Was das Denkmal für eine Gestalt annehmen solle, ob die eines Spitals in Port Said, oder in England — im Gedanken an Gordons »Prinzen« — die eines Rettungshauses für verwahrloste Knaben, darüber ist viel verhandelt worden. Ein Ehrendenkmal von Stein ist äußerst bezeichnender Weise erst lang nachher zu stand gekommen. Gordon braucht keines. Am 10. Mai 1886 wurde eine Anstalt unter dem Namen »The ›Gordon‹ Boys Home« eröffnet, in welcher verwahrloste Jungen im allgemeinen, wenn auch nicht ohne Ausnahme für den Soldatenstand erzogen werden. Schon im Herbst 1885 wurde ein Anfang dazu gemacht, die nötigen Mittel flossen aber nur spärlich. Wäre eine ungenannte Dame nicht mit der schönen Summe von hunderttausend Mark zu Hilfe gekommen, welche Gabe sie bei der Eröffnung verdoppelt hat, die Anstalt wäre vielleicht noch heute nicht eröffnet! Wie Gordons Bruder, Sir Henry Gordon, übrigens treffend bemerkt hat, bestehen in England bereits gegen fünfhundert derartige Rettungshäuser, und es hätte dem bescheidenen und praktischen Sinn Gordons mehr entsprochen, die Zinsen des eingegangenen Kapitals in unmittelbarer Weise für arme Kinder zu verwenden, wenn man sie in bereits bestehenden Anstalten untergebracht, oder sonst für ihr Fortkommen gesorgt hätte, wie Gordon selbst in Gravesend gethan, als eine neue Anstalt zu errichten, deren bloße Gründung die gezeichneten Mittel verschlingen mußte. — Vom englischen Parlament sind auf Wunsch der Königin Viktoria vierhunderttausend Mark bewilligt worden, die Gordons verwitweten Schwestern und Schwägerinnen, nach deren Tod aber seinen zahlreichen Nichten und Neffen zu gut kommen sollen. Für diese Bestimmung diente sein vor der Abreise nach Khartum verfaßtes Testament als Richtschnur. Nicht als ob er viel zu hinterlassen gehabt hätte, nur den Wert seines Offizierspatents, etwa zwölftausend Mark. Er konnte ja nie Geld in der Hand behalten, so lang es Hilfsbedürftige gab, und wenn er gerade bei Kasse war, so war eine ›milde Gabe‹ von zwei oder mehr tausend Mark nichts ungewöhnliches bei ihm.

Die Lebensgeschichte eines solchen Mannes ist ein Saatkorn im Acker der Zeit; es wird aufgehen und Frucht bringen, und von Gordon gilt das Wort: er redet noch, wiewohl er gestorben ist. Die Schönheit eines solchen Lebens wird von allen anerkannt, selbst von denen, die am wenigsten die Kraft besitzen, das darin gegebene Vorbild nachzuahmen. Viele aber werden sich daran aufrichten und suchen, an ihrem Teil etwas von der Kraft zu gewinnen, die Gordon stark machte. Im Kampf stehen wir alle. Helden im großen Sinn können nicht alle sein; aber die Selbstaufopferung, die Demut, die kerngesunde Aufrichtigkeit des Mannes können auch andere erreichen. Das Wunderbare bei Gordon war, daß der natürliche Mannesmut seines Wesens mit der christlichen Demut eins wurde und ihn zum idealen Menschen gestaltete. Es ist ein Beweis, daß das Christentum die natürliche Eigenart des Menschen nicht vernichtet, sondern sie veredelt und zu ihrer schönsten Blüte bringt. Und bei Gordon hat sich dies so völlig bewährt, daß ihm nicht leicht ein ebenbürtiger Charakter an die Seite zu stellen ist. Wir blicken auf und nieder in der Geschichte der Völker, wo finden wir einen, in dem jede Gestalt der Selbstsucht so völlig unterdrückt war, der in all seinem Denken und Thun nur um andere sorgte? wo einen, der es sich so ernstlich angelegen sein ließ, sein Leben nach dem Willen Gottes in der Nachfolge Christi zu gestalten? wo einen, der den seltenen Mut in solchem Maße besaß, sich um Menschenurteil nicht zu kümmern, wo es mit der Stimme des Gewissens oder dem Wort der Schrift im Widerspruch steht? Reichtum, Ehre, die Würde hoher Stellung, alles galt ihm nichts, oder doch nur so viel als er glaubte, dadurch Gelegenheit zu finden, Gutes zu vollbringen. Von dem Verlangen, sich einen guten Namen zu machen, das sonst auch vortrefflichen Menschen selbst dann noch anhängt, wenn gröbere Gebrechen überwunden sind, war er völlig frei. Sein einziger Ehrgeiz, wenn man es so nennen kann, war der Wunsch, seinem Gott zu dienen und seinen Mitmenschen Gutes zu thun. Und wie viel ließe sich von seinen anderen Eigenschaften sagen, seinem unerschöpflichen Humor, seinem frischen Sinn, seiner unendlichen Thatkraft, seinen Mut, seiner Tapferkeit, seiner Menschenfreundlichkeit, seiner hochherzigen Treue! Ja, es ließe sich das ganze Register menschlicher Tugenden aufzählen, und man hätte nur wenige Gebrechen seines Wesens dagegen zu stellen, obschon er selbst der erste war, sich mit Paulus unter den Sündern den vornehmsten zu nennen.

Es war nicht möglich, die Lebensgeschichte dieses Mannes zu schreiben, ohne hervorzuheben, welch rückhaltlose Bewunderung er verdient. Gordon selbst sagte einmal, und gewiß mit voller Aufrichtigkeit: Lieber tot sein, als gelobt werden! Die edelsten Handlungen seines Lebens hat er so angesehen, als ob sie sich von selbst verstünden; sie waren auch nichts anderes, als die natürliche Frucht seines vom Christentum durchdrungenen Wesens, und in diesem Sinn allerdings selbstverständlich. Es ist gesagt worden, daß Gordon ein idealer Mensch gewesen sei, der nicht recht ins neunzehnte Jahrhundert paßte; wenn dem so wäre, dann müßte man das Jahrhundert bedauern und die Menschen, die darin leben. So viel ist sicher, Gordon war einer von den wenigen, die den Mut haben, ihr Ideal in allen Dingen, in jeder Lage zur Geltung zu bringen, d. h. so zu leben, wie er es mit seinem innersten und besten Wesen als gut erkannte. Gäbe es doch viele Idealisten in diesem Sinn!

Es gehört mit zu den Rätseln des Lebens, warum Menschen wie Gordon oft in der Fülle ihrer Kraft abgerufen werden. Er war fast auf den Tag zweiundfünfzig Jahre alt; wie viel hätte er noch hier thun können beides zur Ehre Gottes und zum Besten seiner Mitmenschen! Aber, wie Staupitz einst zu Luther sagte, es braucht der Herr auch in der andern Welt tüchtige Leute, und wenn Er hier Arbeit für solche hat, nicht minder dort. Der Himmel ist nicht nur ein Land der Harfen und Kronen und des Ruhens von allem Jammer der Zeitlichkeit; wohl das, aber er ist auch ein Land des völligeren Gottdienens, wo es, um mit den Worten des Gleichnisses zu reden, Städte zu verwalten giebt, was diese nun sein mögen. Und als Gordon aus dem Kampf seines Lebens in die Wohnungen des Friedens einging, wird er wohl die Stimme seines Herrn vernommen haben, die zu ihm sagte:

»Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen. Gehe ein zu deines Herrn Freude.«

Illustration from Gordon, der Held von Khartum: ein Lebensbild

Fußnoten:

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