Geschichte von England (continued 3)
Wilhelm Beseler translation
Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die Tories freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt wurde; diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, freuten sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für immer bei Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen. Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse, welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht, der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu erfüllen, und Nottingham’s Bill ward nicht wieder erwähnt.
Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden. Es war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine lange und lebhafte Sitzung gehalten.100
Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen dafür gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690 definitiv abgesetzt werden.
So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren. Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht, daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß verweigerten.101
Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides. Diese Debatten wurden auf kurze Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung unterbrochen. Als der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag heranrückte, verwandelte sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß behufs Festsetzung der Wortformel, durch welche unsere Landesherren hinfüro ihren Vertrag mit der Nation schließen sollten. Darüber waren alle Parteien einig, daß es angemessen sei, vom Könige den Eid zu verlangen, daß er in weltlichen Angelegenheiten dem Gesetz gemäß regieren und die Gerechtigkeit mit Milde üben wolle. Über die Ausdrücke des Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten, wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen, diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase. Die andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei, welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es, daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen.
Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende Bill entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. Nach der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen Zusatz zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den Souverain, nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell der Kirche zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden, während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen, so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.102
Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt sein, daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König in seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.103 Leider erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften, aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren, welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat. Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt fortwährend fühlbar machen werden.
Die Krönung. Die Bill, durch welche die Eidformel festgestellt wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. Alle Vorbereitungen waren getroffen, und am 11. April fand die Krönung statt. In einigen Punkten unterschied sie sich von gewöhnlichen Krönungen. Die Vertreter des Volks nahmen in Masse an der Ceremonie Theil und wurden im Schatzkammergebäude glänzend bewirthet. Marie, die jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin, sondern auch regierende Königin war, wurde in allen Punkten gleich einem Könige inaugurirt, mit dem Schwerte gegürtet, auf den Thron gesetzt und ihr die Bibel, die Sporen und der Reichsapfel überreicht. Die weltlichen Großen des Reichs waren mit ihren Frauen und Töchtern zahlreich und glänzend vertreten. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß die Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der Whigprinzipien zu erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen Leidwesen, daß viele Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, eine bedeutende Rolle bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des Königs wurde von Grafton, die der Königin von Somerset getragen. Das scharfe Schwert, das Emblem der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond war Großconstabel für den Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des erblichen Kämpen, der dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf und dreimal zum Kampfe auf Leben und Tod den Verräther herausforderte, der Wilhelm’s und Mariens Recht bestreiten sollte. Unter den Edelfräuleins, welche die prachtvolle Schleppe der Königin trugen, befand sich ihre schöne und liebenswürdige Cousine, Lady Henriette Hyde, deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen den Beschluß gestritten hatte, der den Thron für erledigt erklärte.104 Die Bischöfe waren allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war nicht erschienen; er war durch Campton vertreten. Zur einen Seite Campton’s trug Lloyd, Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben Bekennern des vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den Hostienteller. Zur andren Seite ging Sprat, Bischof von Rochester, unlängst noch Mitglied der Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der jüngste Prälat, predigte mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr als gewohntem Takt und Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag war weder durch Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert. Es soll lebhaft applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu glauben, daß der begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel anflehte, das königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe, mit gehorsamen Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit tapferen Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel der Gemeinen erweckte.105
Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein wenn auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung vom vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen Orten ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen gefüllt. Der Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen hingebracht und am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen losgelassen und die Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die Jakobiten reichen Stoff zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder zu erfinden. Sie beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der Halle bis zum westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten besetzt gewesen sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den feierlichsten Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen Hecke fremder Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie bei jeder öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den zur Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich vorkommen, wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer der fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren Übermuth die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen angereizt hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen, und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.106
Beförderungen. Ehren wurden, wie gewöhnlich, auch bei dieser festlichen Gelegenheit freigebig gespendet. Drei Hosenbandorden, über welche die Krone zur Zeit verfügen konnte, wurden Devonshire, Ormond und Schomberg verliehen. Der Prinz Georg wurde zum Herzog von Cumberland ernannt. Mehrere hochstehende Männer erhielten neue Titel, mit denen wir sie von jetzt an bezeichnen müssen. Danby wurde Earl von Caermarthen, Churchill Earl von Marlborough und Bentinck Earl von Portland. Mordaunt ward zum Earl von Monmouth ernannt, nicht ohne einiges Murren von Seiten alter Exclusionisten, die sich noch immer mit Liebe ihres protestantischen Herzogs erinnerten und welche hofften, sein Urtel werde umgestoßen und seinen Nachkommen die Führung seines Titels gestattet werden. Man wunderte sich, daß der Name Halifax nicht auch auf der Liste der Beförderungen stand. Niemand konnte zweifeln, daß er sehr leicht ein blaues Band oder eine Herzogskrone hätte erlangen können, und obgleich er sich von den meisten seiner Zeitgenossen durch seine Verschmähung unrechtmäßigen Gewinns vortheilhaft auszeichnete, wußte man doch sehr wohl, daß er auf Ehrentitel mit einer Begierde brannte, der er sich selbst schämte und die seines glänzenden Geistes unwürdig war. Allerdings wurde sein Ehrgeiz damals durch Besorgnisse niedergeschlagen. Leuten, die sein Vertrauen besaßen, theilte er seine Befürchtung mit, daß schlimme Zeiten bevorständen. Für des Königs Leben könne man kein Jahr mehr stehen, die Regierung sei unter sich uneinig, die Geistlichkeit und das Heer unzufrieden, das Parlament von Factionen zerrissen; der Bürgerkrieg wüthe bereits in einem Theile des Landes und auswärtiger Krieg sei vor der Thür. In einem solchen Augenblick habe wohl jeder Minister, ob Whig oder Tory, Grund sich zu beunruhigen, aber weder ein Whig noch ein Tory habe so viel zu fürchten als der Trimmer, der nicht unwahrscheinlich die gemeinschaftliche Zielscheibe des Hasses beider Parteien werden würde. Aus diesen Gründen beschloß Halifax, sich jeder Ostentation von Macht und Einfluß zu enthalten, durch ein geflissentliches Zurschautragen von Mäßigung den Neid zu entwaffnen und durch Artigkeiten und Wohlthaten Personen an sich zu ziehen, deren Dankbarkeit ihm im Fall einer Contrerevolution von Nutzen sein konnten. Die nächsten drei Monate, sagte er, würden die Probezeit sein. Halte sich die Regierung den Sommer über, so werde sie wahrscheinlich fest stehen.107
Die Coalition gegen Frankreich. Inzwischen gewannen Fragen der auswärtigen Politik eine immer größere Bedeutung. Das Werk, an welchem Wilhelm viele trübe und angstvolle Jahre hindurch unermüdlich gearbeitet hatte, war endlich vollbracht. Die große Coalition war zu Stande. Es war klar, daß ein verzweifelter Kampf bevorstand. Der Bedrücker Europa’s sollte sich gegen das mit Karl II. von Spanien, mit dem Kaiser Leopold und mit dem deutschen und dem batavischen Bunde alliirten England vertheidigen, ohne wahrscheinlich einen andren Bundesgenossen zu haben als den Sultan, der an der Donau gegen das Haus Österreich Krieg führte.
Die Verwüstung der Pfalz. Ludwig hatte gegen das Ende des vergangenen Jahres die ungünstige Lage seiner Feinde zu seinem Vortheile benutzt und den ersten Schlag geführt, ehe sie darauf vorbereitet waren, ihn zu pariren. Doch dieser wenn auch schwere Schlag hatte nicht da getroffen, wo er hätte tödtlich werden können. Wären an der batavischen Grenze Feindseligkeiten ausgebrochen, so würde Wilhelm mit seiner Armee wahrscheinlich auf dem Continent zurückgehalten worden sein, und Jakob hätte ungestört in England fortregieren können. Glücklicherweise hatte Ludwig in einer Verblendung, welche viele fromme Protestanten aus voller Überzeugung dem gerechten Urtheile Gottes zuschrieben, den Punkt aus den Augen gelassen, von dem das Geschick der ganzen civilisirten Welt abhing, und hatte auf einer Seite, wo die glänzendsten Erfolge ihm nichts als eine Illumination und ein Tedeum eintragen konnten, einen großen Aufwand von Streitkräften, Schnelligkeit und Energie entfaltet. Eine französische Armee unter den Befehlen des Marschalls Duras war in die Pfalz und einige benachbarte Fürstenthümer eingefallen. Dieser Feldzug aber, konnte, obwohl er vollkommen glücklich ausgefallen war und obwohl die Geschicklichkeit und Energie, mit der er geleitet worden, allgemeine Bewunderung erregt hatten, keinen erheblichen Einfluß auf den Ausgang des herannahenden furchtbaren Kampfes ausüben. Frankreich sollte bald von allen Seiten angegriffen werden, und dann konnte Duras die Provinzen, welche er überfallen und überwältigt, unmöglich lange behaupten. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte im Geiste Louvois’, der in militärischen Angelegenheiten zu Versailles die erste Stimme hatte. Er war ein Mann, der sich durch Eifer für das was ihm im öffentlichen Interesse nöthig erschien, sowie durch Talent und durch Kenntniß alles dessen was sich auf die militärische Verwaltung bezog, auszeichnete, aber er besaß einen harten und grausamen Character. Wenn die Städte der Pfalz nicht zu behaupten waren, so konnten sie zerstört werden. Wenn der Boden der Pfalz den Franzosen keine Hülfsmittel lieferte, so konnte er so verwüstet werden, daß er wenigstens auch den Deutschen keine Hülfsmittel lieferte. Der hartherzige Staatsmann unterbreitete Ludwig seinen Plan, wahrscheinlich mit großer Behutsamkeit und einigen Auslassungen, und Ludwig genehmigte denselben in einer für seinen Ruhm verderblichen Stunde. Duras erhielt Befehl, eine der schönsten Gegenden Deutschland’s in eine Wüste zu verwandeln. Funfzehn Jahre früher hatte Turenne einen Theil dieses herrlichen Landes verwüstet. Aber Turenne’s Verheerungen waren, obgleich sie einen tiefen Schatten auf seinen Ruhm geworfen hatten, ein bloßes Kinderspiel im Vergleich mit den Greueln dieser zweiten Verwüstung. Der französische Oberbefehlshaber kündigte einer halben Million Menschen an, daß er ihnen eine dreitägige Gnadenfrist bewillige und daß sie bis dahin auf ihre Sicherheit bedacht sein müßten. Bald bedeckten sich die Landstraßen und Felder, welche damals tief in Schnee vergraben lagen, mit zahllosen Massen von Männern, Frauen und Kindern, die von ihrem heimathlichen Herde flohen. Viele kamen vor Hunger und Kälte um; aber es blieben genug am Leben, um alle Städte Europa’s mit abgezehrten, schmutzigen Bettlern zu füllen, die einst wohlhabende Pächter und Handelsleute gewesen waren. Inzwischen begann das Zerstörungswerk. Von jedem Marktplatze, jedem Weiler, jeder Pfarrkirche und jedem Landsitze in den dem Untergange geweihten Provinzen loderten die Flammen empor. Die Felder, auf denen Getreide gesäet war, wurden umgepflügt. Die Obstbäume wurden umgehauen. Jede Hoffnung auf eine Ernte wurde auf der fruchtbaren Ebene in der Nähe der Stelle wo einst Frankenthal gestanden, von Grund aus zerstört. Kein Weinstock, kein Mandelbaum war an den Abhängen der sonnigen Hügel mehr zu sehen, welche das nicht mehr vorhandene Heidelberg umgaben. Kein Palast, kein Tempel, kein Kloster, kein Krankenhaus, kein Kunstwerk, kein Grabmal berühmter Verstorbener ward geschont. Das weit und breit berühmte Schloß des Kurfürsten von der Pfalz wurde in einen Schutthaufen verwandelt. Das anstoßende Hospital wurde geplündert. Die Vorräthe, die Medicamente und die Betten, auf denen die Kranken lagen, wurden vernichtet. In Mannheim wurden, selbst die Steine, aus denen die Stadt erbaut war, in den Rhein geworfen. Der prächtige Dom von Speier ging zu Grunde, mit ihm die marmornen Grabmäler von acht Cäsaren. Die Särge wurden aufgebrochen und die Asche in alle Winde verstreut.108 Trier mit seiner herrlichen Brücke, seinem Amphitheater, seinen ehrwürdigen Kirchen, Klöstern und Collegien war zu demselben Schicksale ausersehen. Bevor aber dieses letzte Verbrechen verübt werden konnte, wurde Ludwig durch die Verwünschungen alter Nachbarvölker, durch das Stillschweigen und die Bestürzung seiner Schmeichler und durch die Vorstellungen seine Gemahlin auf bessere Gedanken gebracht. Er war seit mehr als zwei Jahren mit Franziska von Maintenon, der Gouvernante seiner natürlichen Kinder, heimlich vermählt. Es wird schwerlich eine zweite Frau gegeben haben, die bei einem so wenig romanhaften Character eine so romanhafte Laufbahn aufzuweisen hatte. Sie hatte ihre Jugendjahre in Armuth; und Dunkel hingebracht. Ihr erster Gatte hatte sich durch Verfassung burlesker Possen und Gedichte ernährt. Als sie die Aufmerksamkeit ihres Souverains auf sich zog, konnte sie sich nicht mehr der Jugend oder Schönheit rühmen, aber sie besaß in ungewöhnlichem Grade jene dauernderen Reize, welche gesetzte Männer, deren Leidenschaften das Alter gezähmt hat und deren Leben ein Leben voll Mühen und Sorgen ist, an einer Lebensgefährtin am höchsten schätzen. Ihr Character war einer von denen, die man sehr richtig mit dem sanften Grün verglichen hat, auf welchem das durch grelle, Farben und blendende Lichter ermüdete Auge mit Wohlgefallen ruht. Ein treffendes Urtheil, ein unerschöpflicher, doch nie überfluthender Strom verständiger, liebenswürdiger und geistvoller Rede, ein Temperament, dessen heitere Ruhe nicht einen Augenblick getrübt wurde, ein Takt, der den Takt ihres Geschlechts in eben dem Maße übertraf, wie der Takt ihres Geschlechts den des unsrigen übertrifft: dies waren die Eigenschaften, welche die Wittwe eines Possenreißers zuerst zur vertrauten Freundin, dann zur Gattin des mächtigsten aller Könige Europa’s machten. Man sagte damals Ludwig sei nur mit Mühe durch Louvois’ dringende Vorstellungen und Bitten abgehalten worden, sie zur Königin von Frankreich zu erklären. Es ist ausgemacht, daß sie Louvois als ihren Feind betrachtete, und ihr Haß gegen ihn, mit dem sich vielleicht auch bessere Gefühle verbanden, bestimmte sie, sich der unglücklichen Rheinbewohner anzunehmen. Sie appellirte an das Mitgefühl, das, obwohl durch manche verderbliche Einflüsse geschwächt, im Herzen ihres Gemahls noch nicht völlig erloschen war, und an die religiösen Gefühle, welche ihn nur zu oft zur Grausamkeit getrieben hatten, die aber im gegenwärtigen Falle auf Seiten der Humanität waren. Er ließ sich erweichen und Trier ward verschont.109 Er mußte in der That wohl einsehen, daß er einen Fehler begangen hatte. Die Verwüstung der Pfalz hatte, während sie die Macht seiner Feinde nicht erheblich vermindert, ihre Erbitterung noch mehr angefacht und ihnen unerschöpflichen Stoff zu Schmähungen geliefert. Von allen Seiten erscholl das Geschrei nach Rache. Jedes Bedenken, das die eine oder die andre Linie des Hauses Österreich gehegt haben mochte, sich mit Protestanten zu verbünden, war völlig beseitigt. Ludwig beschuldigte den Kaiser und den katholischen König, die Sache der Kirche verrathen, sich mit einem Usurpator, der der erklärte Vorkämpfer des großen Schisma’s war, verbündet und an dem abscheulichen Unrecht Theil genommen zu haben, das einem legitimen Souverain zugefügt worden, der sich keines andren Verbrechens als des Eifers für den wahren Glauben schuldig gemacht habe. Jakob schrieb herzbrechende Briefe nach Wien und Madrid, in denen er sein Unglück schilderte und den Beistand seiner königlichen Brüder, die auch im Glauben seine Brüder seien, gegen die unnatürlichen Kinder und die rebellischen Unterthanen erflehte, die ihn in’s Exil getrieben hätten. Es war jedoch nicht schwer, auf Ludwig’s Vorwürfe wie auf Jakob’s Bitten eine plausible Antwort zu geben. Leopold und Karl erklärten, daß sie sich, selbst zum Zwecke der gerechten Selbstvertheidigung, nicht eher mit Ketzern verbündet hätten, als bis ihr Feind sich zum Zwecke eines ungerechten Angriffs mit Mohamedanern verbündet habe. Und dies sei noch nicht das Schlimmste. Nicht genug, daß der französische König den Moslems gegen die Christen beistehe, behandle er selbst die Christen mit einer Grausamkeit, welche sogar die Moslems empört haben würde. Man müsse seinen ungläubigen Verbündeten die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie an der Donau keine solchen Gewaltthätigkeiten gegen die Gebäude und die Mitglieder der heiligen katholischen Kirche verübt hätten, wie er, der sich den ältesten Sohn dieser Kirche nenne, sie am Rhein verübe. Aus diesen Gründen antworteten die Fürsten, an welche Jakob appellirt hatte, ihm damit, daß sie unter vielen Versicherungen der Bereitwilligkeit und des Mitleids an ihn selbst appellirten. Er sei gewiß zu gerecht, als daß er sie tadeln könnte, daß sie es für ihre erste Pflicht hielten, ihr eignes Volk gegen solche Gewaltthätigkeiten zu schützen, wie sie die Pfalz in eine Wüste verwandelt hätten, oder daß sie den Beistand der Protestanten gegen einen Feind anriefen, der kein Bedenken getragen habe, die Hülfe von Türken anzurufen.110
Kriegserklärung gegen Frankreich. Während des Winters und der ersten Hälfte des Frühjahrs zogen die Frankreich feindlich gesinnten Mächte ihre Streitkräfte zu einer energischen Anstrengung zusammen und standen in fortdauernder Communication mit einander. Als die zu militärischen Operationen geeignete Zeit heranrückte, erschienen in rascher Aufeinanderfolge die feierlichen Berufungen beleidigter Nationen an den Gott der Schlachten. Das Manifest der Deutschen erschien im Februar, das der Generalstaaten im März, das des Hauses Brandenburg im April und das Spanien’s im Mai.111
Bei uns beschloß, sobald die Krönungsfeier vorüber war, das Haus der Gemeinen die Inbetrachtnahme der neuesten Schritte des Königs von Frankreich.112 In der Debatte brach der Haß gegen den mächtigen, rücksichtslosen und herrschsüchtigen Ludwig, der seit zwanzig Jahren der Vasallenschaft in den Herzen der Engländer gohr, mit Heftigkeit hervor. Er wurde der allerchristlichste Türke, der allerchristlichste Verwüster der Christenheit, der allerchristlichste Barbar genannt, der gegen Christen Gewaltthätigkeiten verübt habe, deren seine ungläubigen Verbündeten sich geschämt haben würden.113 Ein vornehmlich aus heftigen Whigs bestehender Ausschuß wurde mit der Abfassung eines Adreßentwurfs beauftragt. Johann Hampden, der glühendste Whig unter ihnen, erhielt den Vorsitz und arbeitete einen Entwurf aus, der zu lang, zu rhetorisch und zu vorwurfsvoll war, als daß er sich für den Mund des Sprechers wie für das Ohr des Königs hätte eignen können. Schmähungen gegen Ludwig würden bei der damaligen Stimmung des Hauses ungerügt hingegangen sein, wären sie nicht von harten Äußerungen über den Character und der Verwaltung Karl’s II. begleitet gewesen, dessen die Tories, trotz aller seiner Fehler, mit liebevoller Zuneigung gedachten. Es fanden sich darin einige sehr deutliche Anspielungen auf Karl’s Verkehr mit dem Hofe von Versailles und auf das fremde Weib, das dieser Hof ihm gesendet habe, um wie eine Schlange an seinem Busen zu liegen. Das Haus war mit gutem Grunde unzufrieden damit. Die Adresse wurde dem Ausschusse zurückgegeben, und nachdem sie kürzer und weniger wortreich und hämisch gefaßt worden, angenommen und überreicht.114 Wilhelm’s Aufmerksamkeit war auf die Nachtheile gelenkt, welche Frankreich ihm und seinem Königreiche zugefügt, und ihm die Versicherung gegeben, daß, sobald er zur Abstellung dieser Nachtheile die Waffen ergriffe, er von seinem Volke kräftig unterstützt werden würde. Er dankte den Gemeinen herzlich. Ehrgeiz, sagte er, werde ihn nie bestimmen, das Schwert zu ziehen; allein er habe keine Wahl, denn Frankreich habe bereits England angegriffen, und es sei nothwendig, das Recht der Selbstvertheidigung auszuüben. Wenige Tage darauf wurde der Krieg erklärt.115
Unter den Gründen zu diesem Schritte, welche die Gemeinen in ihrer Adresse und der König in seinem Manifeste anführten, war der gewichtigste die Einmischung Ludwig’s in die Angelegenheiten Irland’s. In diesem Lande waren seit mehreren Monaten wichtige Ereignisse in rascher Aufeinanderfolge eingetreten. Der Augenblick ist jetzt gekommen, die Geschichte dieser Ereignisse mitzutheilen, eine Geschichte eben so reich an Verbrechen und erschütternden Begebenheiten, wie an Interesse und Belehrung.
Zwölftes Kapitel.
Wilhelm von Oranien.
Inhalt.
Seite
Zustand Irland’s zur Zeit der Revolution 5
Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken 5
Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken 7
Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren 7
Panischer Schrecken unter den Engländern 8
Geschichte der Stadt Kenmare 9
Enniskillen 12
Londonderry 13
Schließung der Thore von Londonderry 14
Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificiren 16
Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel 17
Die Temple werden zu Rathe gezogen 19
Richard Hamilton wird auf Temple’s Wort nach Irland gesandt 19
Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich 20
Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen 21
Verwüstung des Landes 22
Die Protestanten im Süden unfähig Widerstand zu leisten 26
Enniskillen und Londonderry halten sich 27
Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster 27
Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen 28
Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird 29
Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob’s 30
Der Graf von Avaux 31
Jakob landet in Kinsale 32
Jakob’s Einzug in Cork 33
Reise Jakob’s von Cork nach Dublin 34
Unzufriedenheit in England 36
Parteispaltungen im Dubliner Schlosse 36
Jakob beschließt nach Ulster zu gehen 40
Jakob’s Reise nach Ulster 41
Der Fall Londonderry’s erwartet 43
Es kommt Succurs aus England 44
Verrätherei Lundy’s 45
Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen 45
Ihr Character 46
Londonderry belagert 50
Die Belagerung in eine Blokade verwandelt 52
Seegefecht in der Bantry-Bai 52
Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin 53
Es wird eine Toleranzacte erlassen 57
Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten 57
Prägung schlechten Geldes 61
Die große Verurtheilungsacte 62
Jakob prorogirt sein Parlament 65
Verfolgung der Protestanten in Irland 65
Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England 67
Thaten der Enniskillener 69
Noth in Londonderry 70
Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee 70
Grausamkeit Rosen’s 71
Die Hungersnoth in Londonderry steigt aufs Höchste 73
Angriff auf den Sperrbaum 74
Die Belagerung von Londonderry aufgehoben 76
Operationen gegen die Enniskillener 79
Schlacht bei Newton-Butler 80
Bestürzung der Irländer 81
Zustand Irland’s zur Zeit der Revolution. Wilhelm hatte zu gleicher Zeit mit dem Titel eines Königs von England auch den eines Königs von Irland angenommen. Denn alle unsere Juristen betrachteten damals Irland als eine bloße Colonie, zwar wichtiger als Massachusetts, Virginien oder Jamaika, aber, wie diese, abhängig vom Mutterlande und verpflichtet, den Souverain anzuerkennen, den das Mutterland auf den Thron berufen hatte.1
Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken. Thatsächlich aber hatte die Revolution Irland von der Oberherrschaft der englischen Colonie emancipirt gefunden. Schon im Jahre 1686 hatte Jakob beschlossen, diese Insel zu einem Waffenplatze, der Großbritannien Respect einflößen könnte, und zu einem Asyle zu machen, wo die Mitglieder seiner Kirche eine Zuflucht finden könnten, wenn in Großbritannien sich ein Unglück ereignete. Zu dem Ende hatte er Alles aufgeboten, um das Verhältniß zwischen den Eroberern und der eingebornen Bevölkerung umzukehren. Die Ausführung seines Planes hatte er, trotz der Gegenvorstellungen seiner englischen Rathgeber, dem Vicekönig Tyrconnel übertragen. Im Herbst des Jahres 1688 war der Prozeß vollendet. Die höchsten Ämter bei der Staatsverwaltung, der Armee und den Gerichtshöfen waren fast ohne Ausnahme mit Papisten besetzt. Ein Rabulist, Namens Alexander Fitton, der einer Fälschung überführt, wegen schlechter Aufführung vom Hause der Lords zu Westminster mit einer Geldstrafe belegt worden war und viele Jahre im Gefängniß zugebracht hatte, dem es eben so sehr an juristischen Kenntnissen fehlte wie an gesundem Verstande und Scharfsinn, welche den Mangel an juristischen Kenntnissen zuweilen ersetzt haben, war Lordkanzler. Sein einziges Verdienst bestand darin, daß er vom protestantischen Glauben abgefallen war, und dieses Verdienst wurde für hinreichend erachtet, um selbst den Flecken seiner sächsischen Abstammung zu verwischen. Er zeigte sich bald des Vertrauens seiner Gönner würdig. Er erklärte auf der Richterbank, daß es unter vierzigtausend Ketzern nicht einen gebe, der nicht ein Schurke sei. Oftmals, nachdem er einen Rechtsfall angehört, bei dem die Interessen seiner Kirche im Spiele waren, verschob er seinen Ausspruch, um, wie er selbst eingestand, seinen Seelsorger, einen spanischen Priester, der wahrscheinlich im Escobar wohl belesen war, zu Rathe zu ziehen.2 Thomas Nugent, ein Katholik, der sich im Gerichtssaale durch nichts als durch seinen irischen Accent und durch seine Schnitzer ausgezeichnet hatte, war Oberrichter der King’s Bench.3 Stephan Rice, ein Katholik, dessen Talente und Gelehrsamkeit selbst von den Feinden seiner Nation und Religion nicht bestritten wurden, dessen wohlbekannte Hostilität gegen die Ansiedlungsacte aber im Herzen aller Derjenigen, welche kraft dieser Acte Grundeigenthum besaßen, die ernstesten Besorgnisse erweckte, war erster Baron der Schatzkammer.4 Richard Nagle, ein scharfsinniger und wohlbelesener Jurist, der in einem Jesuitencollegium erzogen war und der die Vorurtheile besaß, die man von seiner Erziehung erwarten konnte, war Generalfiskal.5
Keating, ein höchst ehrenwerther Protestant war noch Oberrichter der Common Pleas; aber zwei römisch-katholische Richter standen ihm zur Seite. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der eine von diesen Richtern, Daly, ein verständiger, gemäßigter und rechtschaffner Mann war. Aber die Klagsachen, welche vor die Schranken der Common Pleas kamen, waren nicht von großem Belang. Selbst die King’s Bench war damals fast verödet. Dagegen war das Schatzkammergericht mit Geschäften überhäuft, denn es war der einzige Gerichtshof in Dublin, von dem nicht nach England appellirt werden konnte, und folglich der einzige Gerichtshof, an welchem die Engländer ohne Hoffnung auf Abhülfe unterdrückt und ausgeplündert werden konnten. Rice sollte erklärt haben, daß sie von ihm genau das haben sollten, was das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewähre, aber auch nicht mehr. Was aber seiner Ansicht nach das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewährte, das konnten sie leicht aus einer Äußerung schließen, die er, bevor er Richter wurde, häufig im Munde führte. „Ich werde,“ pflegte er zu sagen, „mit Sechsen durch die Ansiedlungsacte fahren.“ Jetzt brachte er seine Drohung tagtäglich zur Ausführung. Alle Protestanten klagten, daß es gleichgültig sei, was für Beweise sie ihm vorlegten, daß die schamlosesten Lügen, die ehrlosesten Zeugenaussagen seines Schutzes gewiß sein könnten, wenn er sonst ihren Ansprüchen nicht gerecht werden wolle. Zu seinem Gerichtshofe drängten sich seine Landsleute in Masse mit Gesuchen um Vertreibung und Eigenthumsverletzung. Vor seinem Gerichtshofe griff die Regierung mit einem Male die Freibriefe alter irischen Städte und Landgemeinden an, und er fand ohne Mühe Vorwände, um alle diese Freibriefe für verwirkt zu erklären. Die Municipalcorporationen, etwa hundert an Zahl, waren als Bollwerke des reformirten Glaubens und des englischen Interesses eingeführt worden, und sie wurden daher von den irischen Katholiken mit einem Widerwillen betrachtet, den man nicht für unnatürlich oder unvernünftig halten kann. Wären diese Corporationen auf eine verständige und unparteiische Weise umgestaltet worden, so hätte die Unregelmäßigkeit des Verfahrens, durch welches ein so wünschenwerthes Resultat erzielt worden war, verziehen werden können. Aber es zeigte sich bald, daß ein exclusives System nur beseitigt worden war, um einem andren Platz zu machen. Die Burgflecken wurden der unumschränkten Autorität der Krone unterstellt. Städte, in denen fast jeder Hausvater ein englischer Protestant war, erhielten katholische Obrigkeiten. Viele von den neuen Aldermen hatten die Städte, zu deren Behörden sie ernannt werden, noch nie gesehen. Zu gleicher Zeit wurden die Sheriffs, denen die Vollziehung der richterlichen Befehle und die Ernennung der Juries zukam, fast immer aus der Kaste gewählt, welche bis vor ganz Kurzem von jedem öffentlichen Amte ausgeschlossen gewesen war. Man versicherte, daß einige von diesen wichtigen Beamten wegen Diebstahls in der Hand gebrandmarkt gewesen seien. Andere hatten im Dienste von Protestanten gestanden, und die Protestanten setzten mit bitterer Geringschätzung hinzu, daß die Grafschaft, der solche Beamte zu Theil würden, von Glück sagen könne, denn ein Diener, der das Geschirr eines englischen Gentleman gereinigt und sein Pferd geputzt habe, könne im Vergleich zu Vielen von der eingebornen Aristokratie, die ihr Leben mit Aufliegen und Marodiren hingebracht, für ein civilisirtes Geschöpf gelten. Solchen Sheriffs würde kein Colonist, selbst wenn er das unerhörte Glück gehabt hätte, einen ihm günstigen Ausspruch zu erlangen, eine Execution anzuvertrauen gewagt haben.6
Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken. So war die Civilgewalt in Zeit von wenigen Monaten von der sächsischen auf die celtische Bevölkerung übertragen worden. Die Übertragung der Militärgewalt war nicht minder vollständig gewesen. Die Armee, welche unter Ormond’s Befehlen das Hauptbollwerk des englischen Übergewichts gewesen war, existirte nicht mehr. Ganze Regimenter waren aufgelöst und neu organisirt worden. Sechstausend ihres Brodes beraubte protestantische Veteranen brüteten in ihrer Zurückgezogenheit über das ihnen zugefügte Unrecht, oder waren über den Kanal gegangen und hatten sich dem Banner Wilhelm’s angeschlossen. Ihre Stellen wurden durch Männer besetzt, welche, nachdem sie lange unterdrückt worden, sich plötzlich aus Sklaven in Herren verwandelt sahen und es nun nicht erwarten konnten, die schwere Schuld der Unbilden und Kränkungen mit Wucherzinsen zurückzuzahlen. Man sagte, die neuen Soldaten seien nie an einem Engländer vorübergegangen, ohne ihn zu verwünschen und ihm ein Schimpfwort anzuhängen. Sie waren der Schrecken jedes protestantischen Gastwirths, denn von dem Augenblicke an wo sie unter sein Dach kamen, aßen und tranken sie Alles weg, ohne zu bezahlen, und verscheuchten durch ihr rohes Bramarbasiren anständigere Gäste von seiner Thür.7
Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren. So war der Zustand Irland’s, als der Prinz von Oranien bei Torbay landete. Von diesem Augenblicke an, brachte jedes in Dublin anlangende Packetboot Nachrichten mit, welche die gegenseitige Furcht und Abneigung der feindlichen Stämme nur vermehren konnten. Sowohl der Colonist, der, nachdem er lange die Macht besessen und gemißbraucht, jetzt für einen Augenblick die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet hatte, als auch der Eingeborne, der, nachdem er den bitteren Kelch der Knechtschaft bis zur Hefe geleert, endlich auf einen Augenblick die Macht besessen und gemißbraucht hatte, erkannten Beide, daß eine wichtige Krisis, eine Krisis wie die von 1641, bevorstehe. Die Mehrheit erwartete mit Ungeduld, in Tyrconnel einen Phelim O’Neil wieder erstehen zu sehen; die Minderheit erblickte in Wilhelm einen zweiten Oliver.
Auf welcher Seite der erste Schlag erfolgte, dies war eine Frage, über welche Wilhelmiten und Jakobiten nachher mit viel Schärfe debattirten. Doch keine Frage konnte gleichgültiger sein. Die Geschichte muß beiden Parteien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die keine von beiden der andren jemals zugestanden, und muß zugeben, daß beide triftige Beschwerden und heftige Provocationen zu ihrer Rechtfertigung anführen konnten. Beide waren durch ein Geschick, für welches keine von beiden verantwortlich war, in eine Lage versetzt worden, daß sie einander, da die menschliche Natur nun einmal so und nicht anders geschaffen ist, nothwendig als Feinde betrachten mußten. Drei Jahre lang hatte die Regierung, die sie hätte versöhnen können, systematisch Alles aufgeboten, ihre Feindschaft zu einer rasenden Wuth zu entflammen. Es war jetzt unmöglich, in Irland eine gerechte und wohlthätige Regierung herzustellen, eine Regierung, die keinen Racen- oder Sectenunterschied kannte, eine Regierung, welche die den neuen Grundeigenthümern durch das Gesetz gewährleisteten Rechte streng respectirte, zu gleicher Zeit aber durch eine vernünftige Liberalität das Mißgeschick der vorigen Gentry linderte. Eine solche Regierung hätte Jakob zur Zeit seiner Macht einsetzen können. Aber die günstige Gelegenheit war vorbei, ein gütlicher Vergleich war nicht mehr möglich, die beiden erbitterten Kasten waren gleichermaßen von der Nothwendigkeit überzeugt, daß sie entweder unterdrücken, oder unterdrückt werden müßten, und daß nur in Sieg, Rache und Herrschaft ihr Heil zu finden sei. Nur darin stimmten sie überein, daß sie jeden Vermittler, der es versuchen wollte, sie mit einander zu versöhnen, zurückwiesen.
Panischer Schrecken unter den Engländern. Seit einigen Wochen waren Excesse, Insulten, schlimme Gerüchte und panische Schrecken, die natürlichen Vorläufer des herannahenden furchtbaren Zusammenstoßes, an der Tagesordnung. Durch die ganze Insel verbreitete sich das Gerücht, daß am 9. December eine allgemeine Niedermetzelung der Engländer stattfinden solle. Tyrconnel ließ die vornehmsten Protestanten Dublin’s in’s Schloß kommen und rief in seiner gewohnten kräftigen Redeweise die ganze Rache des Himmels auf sich herab, wenn jenes Gerücht nicht eine verfluchte, niederträchtige Lüge wäre. Aus Wuth darüber, daß seine Flüche nicht die erwartete Wirkung hervorriefen, soll er seinen Hut und seine Perrücke vom Kopfe gerissen und ins Feuer geworfen haben.8 Aber man kannte den lügenhaften Dick Talbot so genau, daß seine Verwünschungen und Gestikulationen die Besorgniß, die sie vermindern wollten, nur noch vermehrten. Seit Clarendon’s Zurückberufung hatte fortwährend eine starke Auswanderung ängstlicher und friedliebender Leute aus den irischen Häfen nach England stattgefunden. Diese Auswanderung nahm jetzt zu. Es war nicht leicht, auf einem gutgebauten und bequemen Schiffe einen Platz zu erlangen. Aber viele Leute, deren Muth das Übermaß der Furcht bis zur Kühnheit steigerte, wollten sich lieber Wind und Wellen als den erbitterten Iren anvertrauen und setzten sich daher allen Gefahren einer Seereise über den St. Georgskanal und die Küste von Wales entlang in offenen Fahrzeugen und mitten im Winter aus. Die zurückbleibenden Engländer begannen sich in fast jeder Grafschaft eng aneinander anzuschließen. Jedes große Landhaus wurde eine Festung. Jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte, wurde durch ein Schießloch oder durch ein verrammeltes Fenster angerufen und wenn er ohne Parole und Erklärungen einzudringen versuchte, ward ihm eine Blunderbüchse vorgehalten. In der gefürchteten Nacht des 9. Decembers gab es von der Riesen-Chaussee bis zur Bantry-Bay kaum ein protestantisches Landhaus, in welchem vom frühen Untergang bis zum späten Aufgang der Sonne nicht bewaffnete Männer gewacht und Lichter gebrannt hätten.9
Geschichte der Stadt Kenmare. Über die damaligen Vorgänge in einem Districte ist ein ausführlicher Bericht auf uns gekommen, nach dem man sich ein Bild von dem allgemeinen Zustande des Königreichs machen kann. Der südwestliche Theil von Kerry ist jetzt als die schönste Gegend der britischen Inseln bekannt. Die Berge, die Schluchten, die sich weit ins Meer hinaus erstreckenden Vorgebirge, die Felsen, auf denen Adler horsten, die Bäche, welche von den Gebirgspässen herniederrauschen, die Seen, von dichten Wäldern umsäumt, in denen das Hochwild Schutz findet, ziehen jeden Sommer Schaaren von Touristen herbei, welche des Treibens und der Vergnügungen der großen Städte überdrüssig sind. Die Schönheiten dieses Landes werden zwar nur zu häufig durch Nebel und Regen verschleiert, welche der Westwind von dem unermeßlichen Ocean herbeiführt. An den seltenen Tagen aber wo die Sonne in ihrem vollen Glanze strahlt, zeigt die Landschaft eine Frische und eine Wärme des Colorits, die man in unseren Breitengraden selten findet. Die Myrthe liebt den Boden, der Erdbeerbaum gedeiht hier besser als selbst an den sonnigen Gestaden Calabrien’s.10 Die Wiesen haben eine saftigere Färbung als anderwärts, die Hügel erglühen in prächtigerem Purpur, die Blätter der Stechpalme und des Epheus zeigen einen höheren Glanz, und Beeren von feurigerem Roth schimmern durch Laub von schönerem Grün. Aber während der größeren Hälfte des 17. Jahrhunderts war dieses Paradies der civilisirten Welt noch so wenig bekannt wie Spitzbergen oder Grönland. Wenn es ja einmal erwähnt wurde, sprach man davon als von einer traurigen Wüste, einem Chaos von Sümpfen, Dickichten und Abgründen, wo die Wölfe noch hausten und wo einige halbnackte Wilde, die kein Wort Englisch sprachen, sich unterirdische Baue in den Schlamm gruben und von Wurzeln und saurer Milch lebten.11
Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und erleuchtete Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine Niederlassung zu gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf eine ihres Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte damals, daß er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als zehntausend Pfund Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er gründete und die nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der Spitze dieser Bucht am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der Reisende jetzt verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney zu betrachten. Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, weit entfernt von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der rothen Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem Bereiche der Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty’s Ansiedelung bis nach dem nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage durch eine wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. Es wurden zweiundvierzig Häuser gebaut und die Bevölkerung belief sich auf hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende. Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und grünem. Petty wußte wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre Bäder und Tempel mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den Marmorbrüchen Lakonien’s und Afrika’s gebrochen wurden, und er scheint die Hoffnung genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft in Kerry vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square und für das Chor der St Paulskirche liefern könnten.12
Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik Tyrconnel’s selbst in diesem entlegenen Winkel Irland’s fühlbar zu machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg. Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich beschlossen die auf’s Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus, welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte. Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft, bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen. Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß. Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben; sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft. Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet, denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.13
Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten, wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.14 Die wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.
Enniskillen. Enniskillen, obwohl die Hauptstadt der Grafschaft Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war auf einer Insel des Flusses erbaut, welcher die unter dem gemeinschaftlichen Namen des Ernesees bekannten zwei schönen Wasserbecken mit einander verbindet. Der Strom und beide Seen waren auf allen Seiten von natürlichen Wäldern umgeben. Enniskillen bestand aus etwa achtzig Wohnhäusern, in deren Mitte sich ein altes Schloß erhob. Die Einwohner waren fast ohne Ausnahme Protestanten und stolz darauf, daß ihre Stadt während der furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, der protestantischen Sache treu geblieben. Anfangs December erhielten sie von Dublin die Anzeige, daß zwei Compagnien papistischer Infanterie demnächst bei ihnen ins Quartier gelegt werden würden. Die kleine Gemeinde war in der größten Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß ein Predigermönch sich bemüht hatte, die irische Bevölkerung der Umgegend wider die Ketzer aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, die Truppen nicht einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die Vertheidigungsmittel waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund Pulver, nicht zwanzig brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der Festung aufgetrieben werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden Schreiben ausgesandt, welche die protestantische Gentry der Nachbarschaft aufforderten, zur Unterstützung herbeizueilen, und dem Aufrufe ward mit hochherziger Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen wenigen Stunden hatten sich zweihundert Bewaffnete zu Fuß und hundertfunfzig Reiter versammelt. Tyrconnel’s Soldaten waren schon im Anzuge. Sie führten einen beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, welche unter das Landvolk vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das königliche Banner mit Jubel und schlossen sich in großer Anzahl dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu erwarten, kamen die Bürger mit ihren Verbündeten muthig heraus und stellten sich den Eindringenden entgegen. Die Offiziere Jakob’s hatten keinen Widerstand erwartet, und sie waren daher nicht wenig erstaunt, als sie eine Colonne Fußvolk, von einem starken Corps berittener Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich anrücken sahen. Die Bauern liefen entsetzt davon und die Soldaten traten den Rückzug so eilig an, daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst in Cavan, dreißig Meilen davon, machten sie wieder Halt.15
Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen, bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden. Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu haben, wurde ins Gefängniß geworfen.16
Londonderry. Die andre Hauptfeste des Protestantismus war eine Stadt von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre früher, während der durch den letzten Kampf der Häuser O’Neil und O’Donnel gegen die Autorität Jakob’s I. verursachten Unruhen war die ehemalige Stadt Derry von einem der eingebornen Häuptlinge überfallen, die Bewohner niedergemetzelt und die Häuser in Asche gelegt worden. Die Insurgenten wurden bald überwältigt und bestraft, die Regierung beschloß, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen, der Lordmayor, die Aldermen und der Gemeinderath von London wurden zur Betheiligung an dem Werke aufgefordert und König Jakob I. überwies ihnen in ihrer corporativen Eigenschaft den von den Trümmern des alten Derry bedeckten Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend englischen Ackern umliegenden Landes.17
Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und stattlichen Schlösser England’s gewöhnt sind, einen wohlthuenden Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder Schwäne besucht wurde.18 Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale, eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug. Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt, welche die reichen Gilden London’s der Colonie zum Geschenk gemacht hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde erkennen.19
Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von 1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.20 Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt mehr und mehr. Zur Zeit der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an den Quai fahren. Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. Die Netze sollen zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von Fischen wieder ins Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich gefangenen Lachse wurde auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.21
Schließung der Thore von Londonderry. Die Bevölkerung von Londonderry theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688 unter den in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es war bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und anonyme Briefe von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als den zur Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther der Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht ein, daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen Irland’s, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein Vertrauen haben.22 Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an der Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu laden.23 Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich sahen die Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer des Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur eine Fähre unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, und vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim’s Regiment über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den Mayor und die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und Quartier für die Soldaten Seiner Majestät.
Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube, bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten: „Bringt eine große Kanone hierher!“ Da endlich hielten sie es für gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen. Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: „Eine gute Predigt, Mylord, eine sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie anzuhören.“24
Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung Londonderry’s bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden kamen Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur Stadt, und Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um einen Angriff zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die Verantwortlichkeit für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, zog sich mit seinen Truppen nach Coleraine zurück.
Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren. Man hätte glauben können, daß der Widerstand Enniskillen’s und Londonderry’s Tyrconnel zu einem verzweifelten Schritte treiben werde. Und in der That wurde sein wildes und herrschsüchtiges Temperament auch anfangs durch die Nachricht in eine an Wahnsinn grenzende Wuth versetzt. Nachdem er aber seine Wuth, wie gewöhnlich, an seiner Perrücke ausgelassen, wurde er etwas ruhiger. Es waren ihm eben Nachrichten von sehr abkühlender Natur zugekommen. Der Prinz von Oranien marschirte unaufgehalten gegen London; fast jede Grafschaft und jede große Stadt hatte sich für ihn erklärt. Jakob, von seinen geschicktesten Heerführern und seinen nächsten Verwandten verlassen, hatte Commissarien abgeschickt, die mit den Eingedrungenen unterhandeln sollten, und hatte Ausschreiben zur Einberufung eines Parlaments erlassen. So lange das Ergebniß der in England schwebenden Unterhandlungen ungewiß war, durfte der Vicekönig es nicht wagen, an den widerspenstigen Protestanten Irland’s blutige Rache zu nehmen. Er hielt es daher für gerathen, vorläufig eine Nachsicht und Mäßigung zu heucheln, die seinem Character durchaus fremd waren. William Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt, die englische Bevölkerung von Ulster zu beschwichtigen. Mountjoy, ein tapferer Soldat, ein ausgezeichneter Gelehrter, ein eifriger Protestant und dabei doch ein eifriger Tory, war eines von den wenigen Mitgliedern der Staatskirche, die in Irland noch ein Amt bekleideten. Er war Feldzeugmeister dieses Königreichs und Oberst eines Regiments, in welchem das englische Element noch ungewöhnlich stark vertreten war. In Dublin war er die Seele eines kleinen Kreises gelehrter und geistreicher Männer, die sich unter seinem Vorsitz zu einer Königlichen Societät vereinigt hatten, einer Nachbildung im Kleinen der Londoner Königlichen Societät. In Ulster, mit dem er in besonders enger Verbindung stand, genoß sein Name bei den Colonisten eines hohen Ansehens.25 Er eilte mit seinem Regiment nach Londonderry und wurde mit offenen Armen empfangen, denn man wußte, daß er zwar ein entschiedener Anhänger der erblichen Monarchie, aber nicht minder ein treuer Freund des reformirten Glaubens war. Die Bürger gestatteten ihm bereitwillig, eine ausschließlich aus Protestanten bestehende kleine Garnison, unter dem Commando seines Oberstleutnants Robert Lundy, der den Titel eines Gouverneurs annahm, in der Stadt zurückzulassen.26
Die Nachricht von Mountjoy’s Besuch in Ulster war den Vertheidigern von Enniskillen höchst angenehm. Einige von dieser Stadt abgeordnete Gentlemen machten ihm ihre Aufwartung, um seine Unterstützung zu erbitten, wurden aber durch den Empfang, der ihnen zu Theil ward, enttäuscht. „Ich kann Euch nur den Rath geben,“ sagte er, „daß Ihr Euch der Autorität des Königs unterwerfet.“ — „Wie, Mylord?“ versetzte einer der Abgeordneten, „sollen wir uns geduldig abschlachten lassen?“ — „Der König,“ sagte Mountjoy, „wird Euch beschützen.“ — „Wenn Alles was uns zu Ohren kommt wahr ist, wird es Sr. Majestät schwer genug werden, sich selbst zu schützen.“ So endete die Conferenz ohne befriedigendes Resultat. Enniskillen behielt seine trotzige Haltung bei und Mountjoy kehrte nach Dublin zurück.27
Unterdessen hatte es sich in der That klar herausgestellt, daß Jakob nicht einmal sich selbst schützen konnte. Man erfuhr in Irland, daß er geflohen, daß er angehalten worden, daß er wieder geflohen und daß der Prinz von Oranien im Triumph zu Westminster angelangt war, die Verwaltung des Reichs übernommen und eine Convention einberufen hatte.
Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel. Die Lords und Gentlemen, auf deren Ansuchen der Prinz die Regierung übernommen hatte, waren ernstlich in ihn gedrungen, den Zustand Irland’s sofort in Erwägung zu ziehen, und er hatte ihnen darauf die Versicherung gegeben, daß er sein Möglichstes thun werde, um die protestantische Religion und das englische Interesse in diesem Lande aufrecht zu erhalten. Seine Feinde beschuldigten ihn nachmals der völligen Nichtbeachtung dieses Versprechens, ja sie behaupteten sogar, er habe Irland absichtlich immer tiefer und tiefer in den Abgrund des Verderbens versinken lassen. Halifax, sagten sie, habe mit grausamem und perfidem Scharfsinn das Mittel ausgedacht, der Convention eine Art von Zwangsjacke anzulegen, und der Streich sei nur zu gut gelungen. Der Beschluß, welcher Wilhelm auf den Thron berief, würde nicht so leicht durchgegangen sein, wäre der Staat nicht von so großen Gefahren bedroht gewesen, und nur in Folge seiner eignen schmachvollen Unthätigkeit hätten diese Gefahren einen solchen Grad erreicht.28 Da diese Anschuldigung durch keine Beweise unterstützt wird, sind Diejenigen, die sie wiederholen, wenigstens verpflichtet nachzuweisen, daß Wilhelm ein offenbar besserer Weg zu Gebote stand als der, welchen er einschlug, und das dürfte ihnen schwer werden. Ja, hätte er wenige Wochen nach seiner Ankunft in London eine große Armee nach Irland schicken können, so würde sich dieses Königreich vielleicht nach einem kurzen Kampfe, oder selbst ohne allen Kampf seiner Autorität unterworfen haben, und eine lange Reihe von Verbrechen und Drangsalen hätte abgewendet werden können. Aber die factiösen Redner und Pamphletisten, die ihn so unüberlegt tadelten, daß er keine solche Armee absendete, würden in nicht geringe Verlegenheit gekommen sein, wenn sie die nöthigen Truppen, Schiffe und Gelder hätten beschaffen sollen. Die englische Armee hatte ihm vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden, ein Theil derselben war ihm noch immer abgeneigt, und das Ganze war im höchsten Grade desorganisirt. Von der Armee, die er aus Holland mitgebracht, war nicht ein Regiment entbehrlich. Er hatte den Schatz leer und den Gold der Flotte in Rückstand gefunden. Es stand nicht in seiner Macht, irgend einen Theil der Staatseinkünfte zu verpfänden. Wer ihm Geld lieh, lieh es ihm auf keine andre Sicherheit als auf sein bloßes Wort. Nur die patriotische Freigebigkeit der londoner Kaufleute hatte ihn in den Stand gesetzt, bis zum Zusammentritt der Convention die laufenden Regierungsausgaben zu bestreiten. Es ist also gewiß ungerecht, ihn zu tadeln, daß er unter solchen Umständen nicht auf der Stelle eine Flotte ausrüstete, welche hinreichte, ein Königreich zu erobern.
Da er einsah, daß es, so lange die englische Regierung nicht befestigt war, nicht in seiner Macht stehen würde, mit bewaffneter Hand wirksam in die Angelegenheiten Irlands einzugreifen, beschloß er einen Versuch mit Unterhandlungen zu machen. Diejenigen, welche nach dem Ausgange urtheilten, behaupteten er habe bei dieser Gelegenheit nicht seinen gewohnten Scharfblick gezeigt. Sie sagten er hätte wissen sollen, daß es ungereimt sei, von Tyrconnel Unterwerfung zu erwarten. Dies war jedoch damals nicht die Ansicht gutunterrichteter Männer, deren Interesse hinreichende Gewähr für ihre Aufrichtigkeit bot. Eine zahlreiche Versammlung von Cavalieren und Gentlemen, welche in Irland Güter besaßen, wurde während des Interregnums im Hause des Herzogs von Ormond am St. James Square gehalten. Sie riethen dem Prinzen zu versuchen, ob der Vicekönig nicht zu einer ehrenvollen und vortheilhaften Kapitulation bewogen werden könnte. 29 Man hat in der That starken Grund zu glauben, daß Tyrconnel wirklich schwankte. Denn so heftig auch seine Leidenschaften waren, vergaß er darüber doch nie sein Interesse und er konnte wohl in Zweifel sein, ob es nicht in seinem Interesse liege, sich bei vorgerücktem Alter und abnehmender Gesundheit mit völliger Straflosigkeit für alle früheren Vergehen und mit hohem Range und großem Vermögen lieber von den Geschäften zurückzuziehen, als Leben und Eigenthum den Zufällen eines Kriegs gegen die ganze Macht England’s preiszugeben. Es ist notorisch, daß er sich bereit zeigte nachzugeben. Er setzte sich in Communication mit dem Prinzen von Oranien und zog zum Schein Mountjoy und Andere zu Rathe, die sich zwar von ihrer Unterthanenpflicht gegen Jakob noch nicht losgesagt hatten, aber entschiedene Anhänger der Landeskirche und des Staatsverbandes mit England waren.
Die Temple werden zu Rathe gezogen. Auf einer Seite, von welcher Wilhelm den einsichtsvollsten Rath zu erwarten berechtigt war, glaubte man fest an die Aufrichtigkeit der Versicherungen Tyrconnel’s. Kein andrer britischer Staatsmann genoß damals in ganz Europa eines so hohen Rufes wie Sir Wilhelm Temple. Seine diplomatische Gewandtheit hatte zwanzig Jahre früher den Fortschritt der französischen Macht gehemmt. Er war ein treuer und nützlicher Freund der Vereinigten Provinzen und des Hauses Nassau gewesen, stand seit langer Zeit auf dem vertrautesten Freundschaftsfuße mit dem Prinzen von Oranien und hatte die Vermählung zu Stande gebracht, der England seine kürzliche Befreiung verdankte. Mit den Angelegenheiten Irland’s galt Temple für besonders vertraut. Seine Familie hatte dort ansehnliche Besitzungen, und er selbst hatte mehrere Jahre daselbst zugebracht; er hatte die Grafschaft Carlow im Parlament vertreten und ein großer Theil seiner Einkünfte floß ihm aus einem einträglichen irischen Amte zu. Die höchste Stufe der Macht, des Ranges und des Reichthums würden ihm erreichbar gewesen sein, wenn er eingewilligt hätte, seine Zurückgezogenheit aufzugeben und der neuen Regierung seine Unterstützung und das Gewicht seines Namens zu leihen. Aber Macht, Rang und Reichthum hatten für seinen epikuräischen Character bei weitem weniger Reiz als Behaglichkeit und Ruhe. Er wies die lockendsten Anträge zurück und beschäftigte sich nach wie vor in ländlicher Abgeschiedenheit mit seinen Büchern, Tulpen und Ananas. Nach einigem Zaudern willigte er indessen ein, seinen ältesten Sohn Johann in Wilhelm’s Dienste treten zu lassen. Während der Erledigung des Thrones war Johann Temple in wichtigen Geschäften verwendet worden und in Angelegenheiten, welche Irland betrafen, hatte seine Meinung, von der man füglich annehmen konnte, daß sie mit der seines Vaters übereinstimmte, großes Gewicht. Dieser junge Staatsmann schmeichelte sich, einen Agenten gefunden zu haben, der vortrefflich geeignet schien, die Unterhandlung mit Tyrconnel zu einem guten Ende zu führen.
Richard Hamilton wird auf Temple’s Wort nach Irland gesandt. Dieser Agent gehörte einer angesehenen Familie an, die von einem schottischen Adelsgeschlecht abstammte, aber schon seit langer Zeit in Irland ansässig war und sich zum römischkatholischen Glauben bekannte. Unter der heiteren Schaar, die sich während der unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahre des zügellosen Jubilirens in Whitehall tummelte, hatten die Hamilton eine hervorragende Rolle gespielt. Die schönen langen Locken, die strahlende Jugendfrische und die schmachtenden blauen Augen der liebenswürdigen Elisabeth entzücken uns noch heute auf dem Bilde Lely’s. Sie hatte den Ruhm, keine geringe Eroberung zu machen. Ihrer üppigen Schönheit und ihrem schelmischen Geiste war es vorbehalten, den Widerwillen des kaltherzigen und spottsüchtigen Grammont gegen das unauflösliche Band zu besiegen. Einer ihrer Brüder, Anton, schrieb die Chronik jener glänzenden und leichtfertigen Gesellschaft, zu deren glänzendsten und leichtfertigsten Mitgliedern er gehört hatte. Er verdient das seltene Lob, als Nichtfranzos ein Werk geschrieben zu haben, das dem Geiste wie dem Style nach eines der vorzüglichsten französischen Bücher genannt werden muß. Ein andrer Bruder, Namens Richard, hatte sich in fremden Diensten einige militärische Erfahrung erworben. Sein Geist und seine Artigkeit hatten ihn selbst in dem glänzenden Cirkel von Versailles ausgezeichnet. Man munkelte, daß er es gewagt habe, den Blick zu einer hochgestellten Dame, der natürlichen Tochter des großen Königs, der Gemahlin eines legitimen Prinzen des Hauses Bourbon zu erheben und daß es geschienen, als ob die Aufmerksamkeiten ihres vermessenen Anbeters ihr nicht mißfallen hätten.30 Der Verwegene war nachher in sein Vaterland zurückgekehrt, war zum Brigadegeneral in der irischen Armee ernannt und in dem irischen Geheimrath vereidigt worden. Als man die holländische Invasion erwartete, kam er mit den Truppen, welche Tyrconnel zur Verstärkung der königlichen Armee schickte, über den St. Georgskanal. Nach Jakob’s Flucht unterwarfen sich diese Truppen dem Prinzen von Oranien. Jetzt schloß Richard Hamilton nicht nur ebenfalls Frieden mit der herrschenden Gewalt, sondern sprach auch die zuversichtliche Überzeugung aus, daß, wenn man ihn nach Dublin senden wolle, er die daselbst angeknüpften Unterhandlungen glücklich würde zu Ende führen können. Sollte ihm dies nicht gelingen, so versprach er auf sein Ehrenwort, in drei Wochen nach London zurückzukehren. Man wußte, daß er in Irland großen Einfluß hatte, seine Ehrenhaftigkeit war nie angezweifelt worden und er genoß die hohe Achtung der Familie Temple. Johann Temple erklärte, daß er für Richard Hamilton stehen könne wie für sich selbst. Diese Bürgschaft wurde für genügend erachtet und Hamilton ging nach Irland ab, nachdem er seine englischen Freunde versichert hatte, daß er Tyrconnel bald zur Vernunft bringen werde. Die Anerbietungen, die er den Katholiken und dem Vicekönig persönlich zu machen autorisirt war, waren höchst liberal.31
Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich. Es ist nicht unmöglich, daß Hamilton sich wirklich vorgenommen hatte, sein Versprechen zu erfüllen. Bei seiner Ankunft in Dublin aber sah er wohl, daß er eine Aufgabe übernommen hatte, der er nicht gewachsen war. Tyrconnel’s Unschlüssigkeit, mochte sie nun wahr oder erheuchelt gewesen sein, war zu Ende. Er war zu der Überzeugung gelangt, daß ihm keine Wahl mehr blieb. Mit leichter Mühe hatte er die unwissenden und empfänglichen Irländer zur Wuth aufgestachelt. Zu beruhigen vermochte er sie nicht wieder. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Vicekönig correspondire mit den Engländern, und dieses Gerücht hatte die Nation in Flammen gesetzt. Das gemeine Volk sagte: wenn er es wagen sollte, sie für Geld und Ehrenstellen zu verkaufen, würden sie das Schloß verbrennen und ihn darin, und würden sich unter Frankreichs Schutz stellen.32 Er sah sich genöthigt, die gleichviel ob wahre oder falsche Erklärung abzugeben, daß er nie daran gedacht, sich zu unterwerfen, und nur um Zeit zu gewinnen zum Schein Unterhandlungen angeknüpft habe. Ehe er sich jedoch offen gegen die englischen Ansiedler und gegen England selbst erklärte, was einen Krieg auf Tod und Leben zur Folge haben mußte, wünschte er sich Mountjoy’s zu entledigen, der bislang der Sache Jakob’s treu gewesen war, der aber, wie man sehr gut wußte, niemals eingewilligt haben würde, an der Beraubung und Unterdrückung der Colonisten Theil zu nehmen. Heuchlerische Versicherungen von Freundschaft und friedlichen Absichten wurden nicht gespart. Es sei eine heilige Pflicht, sagte Tyrconnel, das drohende Unheil abzuwenden. König Jakob selbst würde, wenn er den ganzen Sachverhalt kannte, nicht wünschen, daß seine irischen Freunde sich in diesem Augenblicke in ein Unternehmen einließen, das für sie verderblich werden müsse und ihm nichts nützen könne. Er würde ihnen daher erlauben, ja ihnen sogar befehlen, sich der Nothwendigkeit zu unterwerfen und ihre Kräfte für bessere Zeiten aufzusparen. Wenn sich ein loyaler, geschickter und wohl unterrichteter Mann von Gewicht nach Saint-Germains begebe und Sr. Majestät den Stand der Dinge auseinandersetze, so würde der König leicht zu überzeugen sein. Wolle nicht Mountjoy diese so ehrenvolle und wichtige Mission übernehmen? Mountjoy zauderte und gab zu verstehen, daß man Jemanden schicken sollte, von dem sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erwarten lasse, daß er dem Könige angenehm sein werde. Tyrconnel aber erklärte fluchend und tobend, daß Irland in den Abgrund der Hölle versinken würde, wenn man König Jakob nicht wohl beriethe, und er bestand darauf, daß Mountjoy als Repräsentant der loyalen Mitglieder der Staatskirche nach Saint-Germains gehen und daß der erste Baron der Schatzkammer, Rice, ein in der königlichen Gunst sehr hoch stehender Katholik, ihn begleiten solle. Mountjoy gab nach und die beiden Gesandten reisten zusammen, aber mit ganz verschiedenen Instructionen versehen, ab. Rice war beauftragt, Jakob zu sagen, daß Mountjoy im Herzen ein Verräther und nur deshalb nach Frankreich geschickt worden sei, damit den Protestanten Irland’s ein Lieblingsführer entzogen würde. Ferner sollte Rice den König versichern, daß er mit Ungeduld in Irland erwartet werde und daß er, wenn er sich daselbst mit einer französischen Heeresmacht zeigen wolle, seine gesunkene Größe bald wiederherstellen könne.33 Außerdem war der erste Baron noch mit anderen Instructionen versehen, die wahrscheinlich selbst vor dem Hofe von Saint-Germains geheimgehalten wurden. Für den Fall, daß Jakob nicht geneigt sein sollte, sich an die Spitze der eingebornen Bevölkerung Irland’s zu stellen, war Rice angewiesen, um eine Privataudienz bei Ludwig nachzusuchen und ihm den Vorschlag zu machen, Irland in eine französische Provinz zu verwandeln.34
Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen. Sobald die beiden Gesandten abgereist waren, begann Tyrconnel sich auf den unvermeidlich gewordenen Kampf vorzubereiten, und der treulose Hamilton unterstützte ihn dabei auf das Kräftigste. Die irische Nation wurde zu den Waffen gerufen und sie leistete dem Aufrufe mit merkwürdiger Bereitwilligkeit und Begeisterung Folge. In die Flagge, welche auf dem Schlosse von Dublin wehte, waren die Worte gestickt: „Now or never: now and for ever,“ (jetzt oder nimmer: jetzt und für immer) und diese Worte fanden durch das ganze Land ein Echo.35 Nie hat Europa in der neueren Zeit eine solche Erhebung eines ganzen Volks gesehen. Die Gewohnheiten des celtischen Bauern waren von der Art, daß er kein Opfer brachte, wenn er sein Kartoffelfeld mit dem Lager vertauschte. Er liebte Aufregung und Abenteuer, und scheute die Arbeit viel mehr als Gefahren. Seine nationalen und religiösen Gefühle waren seit drei Jahren durch die beständige Anwendung von Reizmitteln aufgestachelt worden. Auf jeder Messe und jedem Jahrmarkte hatte er gehört, daß bald eine gute Zeit kommen werde, daß die Tyrannen, welche sächsisch sprächen und in Häusern mit Schieferdächern wohnten, vertrieben werden und daß das Land dann wieder seinen eigenen Kindern gehören würde. Um die Torffeuer von hunderttausend Hütten waren allnächtlich rohe Balladen gesungen worden, welche die Befreiung des unterdrückten Volks verkündeten. Die Priester, welche größtentheils den alten Familien angehörten, die die Ansiedelungsacte zu Grunde gerichtet hatte, welche aber von der eingebornen Bevölkerung noch immer verehrt wurden, hatten von tausend Altären herab jedem Katholiken ans Herz gelegt, seine Anhänglichkeit an die wahre Religion durch Anschaffung von Waffen für den Tag zu beweisen, an welchem es nöthig werden dürfte, zum Heile ihrer Sache das Glück der Schlachten zu versuchen. Die Armee, welche unter Ormond nur aus acht Regimentern bestanden hatte, wurde jetzt auf achtundvierzig Regimenter gebracht, und die Reihen waren bald übervoll. Es war unmöglich, in kurzer Zeit nur ein Zehntel der benöthigten Anzahl guter Offiziere zu finden. Patente wurden mit verschwenderischer Freigebigkeit müßigen Aufliegern verliehen, welche Anspruch darauf machten, von guten irischen Familien abzustammen. Doch selbst auf diese Weise konnte der Bedarf an Hauptleuten und Leutnants nicht beschafft werden und viele Compagnien wurden von Schuhflickern, Schneidern und Lakaien befehligt.36
Verwüstung des Landes. Die Löhnung der Soldaten war sehr gering. Der Gemeine hatte nur drei Pence den Tag. Davon bekam er nie mehr als die Hälfte baar ausgezahlt, und selbst diese Hälfte war oft in Rückstand. Aber ein viel verlockenderer Köter als dieser karge Lohn war die Aussicht auf unbegrenzte Zügellosigkeit. Wenn die Regierung ihm weniger gab als für seine Lebensbedürfnisse ausreichte, so nahm sie es dagegen nicht zu genau mit den Mitteln, durch welche er dem Mangel abzuhelfen suchte. Obwohl vier Fünftel der Bevölkerung Irland’s Celten und Katholiken waren, so kamen doch vier Fünftel des irischen Eigenthums auf die protestantischen Engländer. Die Kornspeicher, die Keller, und vor Allem die Viehheerden der Minderheit wurden der Mehrheit preisgegeben. Denn die Bewaffnung war jetzt allgemein. Niemand wagte es mehr, ohne eine Waffe, sei es eine Pike, ein langes Messer, skean genannt, oder wenigstens einen zugespitzten und im Feuer gehärteten Eschenholzstock, in der Messe zu erscheinen. Selbst die Frauen wurden von ihren Seelsorgern ermahnt, Skeans bei sich zu führen. Alle Schmiede, Zimmerleute und Schwertfeger waren fortwährend mit der Anfertigung von Gewehren und Klingen beschäftigt. Es war kaum möglich ein Pferd beschlagen zu lassen. Weigerte sich ein protestantischer Handwerker, an der Verfertigung von Kriegsgeräth Theil zu nehmen, das gegen seine Nation und Religion gebraucht werden sollte, so wurde er ins Gefängniß geworfen. Es läßt sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Ende Februar mindestens hunderttausend Irländer unter den Waffen standen. Nahe an funfzigtausend davon waren Soldaten; die übrigen waren Banditen; deren Gewaltthätigkeit und Zügellosigkeit die Regierung zum Schein mißbilligte, sich aber nicht bemühte, denselben Einhalt zu thun. Die Protestanten wurden nicht allein nicht beschützt, sondern sie durften sich nicht einmal selbst schützen. Es war beschlossen, daß sie inmitten einer bewaffneten und feindseligen Bevölkerung unbewaffnet bleiben sollten. Ein Tag wurde festgesetzt, an welchem sie alle ihre Schwerter und Feuergewehre in die Pfarrkirchen bringen sollten, und zu gleicher Zeit angekündigt, daß jedes protestantische Haus, in welchem nach diesem Tage eine Waffe gefunden würde, der Plünderung durch die Soldaten preisgegeben werden sollte. Man beklagte sich bitter über diese Maßregel, da der erste beste Schurke, der eine Lanzenspitze oder ein altes Pulverfaß in einem Winkel eines Hauses verberge, vollständigen Ruin über den Eigenthümer desselben bringen könne.37
Der Oberrichter Keating, selbst Protestant und fast der einzige Protestant, der noch ein hohes Amt in Irland bekleidete, stritt muthig für die Sache der Gerechtigkeit und Ordnung wider die vereinte Macht der Regierung und des Pöbels. Bei den Frühjahrsassisen zu Wicklow schilderte er vom Richterstuhle herab in energischen Ausdrücken die traurige Lage des Landes. Ganze Grafschaften, sagte er, würden durch ein Gesindel verwüstet, das den Geiern und Raben gleiche, welche dem Marsche einer Armee folgen. Die meisten dieser Elenden seien gar keine Soldaten und handelten unter keiner dem Gesetze bekannten Autorität. Dennoch sei es nur zu offenbar, daß sie durch einige hohe Befehlshaber ermuthigt und protegirt würden. Wie könne sonst in geringer Entfernung von der Hauptstadt ein offner Markt für geraubtes Gut gehalten werden? Die Geschichten, welche Reisende von den Hottentotten am Kap der guten Hoffnung erzählten, sehe man in Leinster verwirklicht. Nichts sei gewöhnlicher, als daß ein rechtlicher Mann sich des Abends reich an Schaf- und Rinderheerden, die er durch den Fleiß und die Thätigkeit eines langen Lebens erworben, niederlege und am andren Morgen als Bettler erwache. Keating bemühte sich indessen mit nur geringem Erfolge, inmitten jener entsetzlichen Anarchie das Ansehen des Gesetzes aufrecht zu erhalten. Priester und Heerführer traten auf, um den Oberrichter einzuschüchtern und die Räuber in Schutz zu nehmen. Ein solcher Schurke kam straflos davon, weil kein Kläger gegen ihn aufzutreten wagte. Ein Andrer erklärte, daß er sich auf den Befehl seines Seelsorgers und nach dem Beispiele vieler höher stehender Leute, die er hier im Gerichtssaal sehe, bewaffnet habe. Nur zwei von den Merry Boys (lustigen Burschen), wie man sie nannte, wurden überführt; die schlimmsten Verbrecher kamen ohne Strafe davon, und der Oberrichter sagte entrüstet zu den Geschwornen, daß die Schuld an dem Ruin des Landes vor ihrer Thür liege.38
Wenn solche Gesetzlosigkeit in Wicklow herrschte, so kann man sich leicht vorstellen, wie es in uncultivirteren und vom Sitze der Regierung weiter entfernten Districten zugegangen sein muß. Keating war der einzige richterliche Beamte, der sich kräftig bemühte, dem Gesetze Ansehen zu verschaffen. In der That, der Oberrichter des höchsten Criminalgerichtshofes im Königreiche, Nugent, erklärte auf der Richterbank zu Cork, daß ohne Gewaltthätigkeit und Beraubung die Absichten der Regierung nicht durchgeführt werden könnten, und daß unter solchen Umständen Räubereien als ein nothwendiges Übel geduldet werden müßten.39
Die Zerstörung von Eigenthum, welche binnen wenigen Wochen stattfand, wäre unglaublich, würde sie nicht durch einander fern stehende und ganz verschiedenen Interessen ergebene Zeugen bestätigt. Die Schilderungen von Protestanten, welche während jener Schreckensherrschaft mit Lebensgefahr nach England entkamen, und die von Gesandten, Commissarien und Heerführern Ludwig’s stimmen genau, mitunter sogar wörtlich überein. Alle erklärten einstimmig, daß es vieler Jahre bedürfen werde, um die Verwüstungen wieder gut zu machen, welche das bewaffnete Landvolk in einigen Wochen angerichtet habe.40 Mehrere von der sächsischen Aristokratie besaßen glänzend möblirte Schlösser mit Schränken, die von Silbergeschirr strotzten. All’ dieser Reichthum verschwand. In einem Hause, welches für dreitausend Pfund Sterling Silberzeug enthalten hatte, blieb nicht ein einziger Löffel.41 Der Hauptreichthum Irland’s aber bestand in Vieh. Zahllose Schaf- und Rinderheerden bedeckten diesen ungeheuren, durch die Feuchtigkeit des Atlantischen Oceans befruchteten Wiesenteppich. Mehr als ein Gentleman besaß zwanzigtausend Stück Schafe und viertausend Rinder. Die Freibeuter, welche jetzt das Land überzogen, gehörten einer Klasse an, welche gewohnt war, von Kartoffeln und saurer Milch zu leben, und die das Fleisch jederzeit als einen nur den Reichen zu Gebote stehenden Luxus betrachtet hatten. Diese Leute schwelgten anfangs im Genusse von Rind- und Hammelfleisch, wie die rohen Horden, die sich vor Alters aus den Wäldern des Nordens über Italien ergossen, im Genusse der kostbarsten Weine schwelgten. Die Protestanten schilderten mit Abscheu und Ekel die unglaubliche Gefräßigkeit ihrer befreiten Sklaven. Die geschlachteten Thiere wurden halb roh und halb zu Kohle verbrannt, bald noch blutend, bald schon im Zustande der Verwesung, in Stücke zerrissen und ohne Salz, Brot oder Gemüse verschlungen. Diejenigen, welche gekochtes Fleisch vorzogen, machten, da es ihnen oft an Kesseln fehlte, mit gutem Erfolge den Versuch, einen ganzen Ochsen in seiner eignen Haut zu kochen. Es existirt noch eine alberne Tragikomödie, welche in diesem und dem darauffolgenden Jahre auf einem kleinen Theater zum Ergötzen des englischen Pöbels aufgeführt wurde. Ein Haufen halbnackter Wilder erschien, ein celtisches Lied brüllend und um einen Ochsen herumtanzend, auf der Bühne. Hierauf begannen sie von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden und das blutende Fleisch auf die Kohlen zu werfen. Die Barbarei und Scheußlichkeit der Freßgelage der „Rapparees“ war in der That so arg, daß die Dramatiker in Grub Street sie kaum zu karrikiren vermochten. Mit dem Eintritt der Fastenzeit hörten die Plünderer im Allgemeinen auf zu schwelgen, aber sie fuhren fort zu zerstören. Ein Bauer war im Stande eine Kuh zu tödten, bloß um ein Paar Schuhe zu bekommen. Oft wurde eine ganze Heerde Schafe oder fünfzig bis sechzig Stück Rinder geschlachtet, die Thiere abgezogen, die Vließe und Häute mitgenommen und die Cadaver liegen gelassen, um die Luft zu verpesten. Der französische Gesandte berichtete seinem Gebieter, daß in Zeit von sechs Wochen funfzigtausend Stück Hornvieh auf diese Art getödtet worden seien und nun im ganzen Lande unter freiem Himmel verfaulten. Die Zahl der in dem nämlichen Zeitraum geschlachteten Schafe soll sich auf drei- bis viermalhunderttausend Stück belaufen haben.42
Jede Schätzung, die man jetzt von dem Werthe des Eigenthums machen kann, das während jenes furchtbaren Racenkampfes zerstört wurde, muß nothwendig sehr ungenau sein. Indessen fehlt es uns nicht gänzlich an Material zu einer solchen Schätzung. Die Quäker waren weder eine sehr zahlreiche noch eine sehr wohlhabende Klasse. Wir dürfen schwerlich annehmen, daß sie mehr als ein Fünfzigstel der protestantischen Bevölkerung Irland’s bildeten oder daß sie mehr als ein Fünfzigstel des protestantischen Vermögens in Irland besaßen. Überdies wurden sie unzweifelhaft schonender behandelt als irgend eine andre protestantische Secte. Jakob war stets für sie eingenommen gewesen, sie gestehen selbst, daß Tyrconnel sein Möglichstes that, um sie zu schützen, und sie scheinen selbst vor den Augen der Rapparees Gnade gefunden zu haben.43 Und doch schlugen die Quäker ihre pekuniären Verluste auf hunderttausend Pfund Sterling an.44
Die Protestanten in Süden unfähig Widerstand zu leisten. In Leinster, Munster und Connaught war es den englischen Ansiedlern ihrer geringen und zersplitterten Anzahl wegen rein unmöglich, dem furchtbaren Andrange der eingebornen Bevölkerung einen erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen. Charleville, Mallow und Sligo fielen in die Gewalt der Eingebornen. Bandon, wo die Protestanten eine ansehnlichere Streitmacht zusammengezogen hatten, wurde durch den Generalleutnant Macarthy, einen Officier, der aus einer der vornehmsten celtischen Familien abstammte und unter einem angenommenen Namen lange in der französischen Armee gedient hatte, zur Übergabe gezwungen.45 Die Bewohner von Kenmare hielten sich in ihrer kleinen Festung, bis sie von dreitausend regulären Soldaten angegriffen wurden und bis sie erfuhren, daß mehrere Kanonen herbeigeschafft würden, um den Erdwall zu zerstören, der das Haus des Agenten umgab. Da endlich wurde eine Capitulation abgeschlossen, und den Colonisten gestattet, sich auf einem mit Lebensmitteln und Wasser spärlich versehenen kleinen Fahrzeuge einzuschiffen. Sie hatten keinen erfahrenen Schiffer an Bord; doch nach einer vierzehntägigen Seereise, während der sie wie die Neger auf einem Sklavenschiffe zusammengepfercht waren und vor Hunger und Durst fast umkamen, erreichten sie wohlbehalten den Hafen von Bristol.46 Wenn solcher Art das Schicksal der Städte war, so lag es auf der Hand, daß die Landsitze, welche die protestantischen Gutsbesitzer unlängst in den drei südlichen Provinzen befestigt hatten, sich nicht länger zu halten vermochten. Viele Familien unterwarfen sich, lieferten ihre Waffen ab und schätzten sich glücklich, daß sie mit dem Leben davon kamen. Viele beherzte und tapfere Gentlemen und Freisassen aber waren entschlossen lieber umzukommen, als sich zu ergeben. Sie packten das leicht transportable werthvolle Eigenthum zusammen, verbrannten das was sie nicht mitnehmen konnten und brachen wohl bewaffnet und beritten nach den Orten in Ulster auf, welche die Besten ihres Stammes und ihres Glaubens waren. Die Elite der protestantischen Bevölkerung von Munster und Connaught fand in Enniskillen ein Asyl. Die Tapferen und Entschlossenen von Leinster schlugen den Weg nach Londonderry ein.47
Enniskillen und Londonderry halten sich. Der Muth Enniskillen’s und Londonderry’s stieg angesichts der Gefahr immer höher und höher. An beiden Orten wurden die Nachrichten von dem was die Convention zu Westminster gethan, mit unbeschreiblicher Freude aufgenommen. Wilhelm und Marie wurden in Enniskillen mit einmüthigem Enthusiasmus und mit demjenigen Pomp proklamirt, den die kleine Stadt erschwingen konnte.48 Lundy, der in Londonderry commandirte, durfte es nicht wagen, der allgemeinen Gesinnung der Bürger und seiner eigenen Soldaten entgegenzutreten. Er kündigte daher seinen Beitritt zu der neuen Regierung an und unterschrieb eine Erklärung, durch die er sich verpflichtete, treu zu dieser Regierung zu stehen, widrigenfalls er als ein Feigling und Verräther betrachtet sein wollte. Ein Schiff aus England brachte bald ein Patent von Wilhelm und Marien, das ihn in seinem Posten bestätigte.49
Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster. Die Protestanten von Ulster zur Unterwerfung zu zwingen, bevor Unterstützung aus England eintreffen konnte, war jetzt Tyrconnel’s Hauptzweck. Eine starke Truppenmacht wurde unter dem Commando Richard Hamilton’s nach dem Norden dirigirt. Dieser Mann hatte alle Verpflichtungen, welche einem Gentleman und Soldaten am heiligsten sind, mit Füßen getreten, war gegen seine Freunde, die Temple, meineidig geworden, hatte sein militärisches Ehrenwort gebrochen, und schämte sich jetzt nicht als General gegen eine Regierung ins Feld zu ziehen, der er sich als Gefangener zu stellen verpflichtet war. Sein Marsch hinterließ in dem Aussehen des Landes Spuren, welche auch dem sorglosesten Auge viele Jahre hindurch nicht unbemerkt bleiben konnten. Seine Armee war von einem Gesindel begleitet, das Keating sehr richtig mit den unsauberen Raubvögeln verglichen hatte, die sich jederzeit da sammeln, wo es stark nach Aas riecht. Der General erklärte, daß es sein aufrichtiger Wille sei, alle Protestanten, welche ruhig zu Hause blieben, vor Verderben und Gewaltthätigkeiten zu behüten, und gewährte ihnen mit größter Bereitwilligkeit von ihm eigenhändig unterschriebene Schutzbriefe. Aber diese Schutzbriefe erwiesen sich als nutzlos und er mußte eingestehen, daß er zwar seine Soldaten im Zaume halten könne, aber unter dem Pöbeltroß, der seiner Armee folgte, keine Ordnung zu halten vermöge. Das Land hinter ihm war eine Wüste, und bald war auch das Land vor ihm in gleichem Maße verödet. Denn bei der Nachricht von seiner Annäherung verbrannten die Colonisten ihre bewegliche Habe, rissen ihre Häuser nieder und zogen sich nach dem Norden zurück. Einige von ihnen versuchten es, bei Dromore Stand zu halten, aber sie wurden durchbrochen und auseinandergesprengt. Nun wurde die Flucht wild und tumultuarisch. Die Fliehenden brachen die Brücken ab und verbrannten die Fähren. Ganze Städte, die Sitze der protestantischen Bevölkerung, wurden zerstört, und kein einziger Bewohner blieb darin. Die Einwohner von Omagh zerstörten ihre Häuser so vollständig, daß kein Dach übrig blieb, das den Feind gegen Wind und Regen hätte schützen können. Die Bewohner von Cavan zogen sämmtlich nach Enniskillen. Es war ein regnerischer, stürmischer Tag und die Wege waren grundlos. Einen herzerschütternden Anblick gewährten die weinenden und ausgehungerten Frauen und Kinder, welche mitten unter den bewaffneten Männern bis an die Knie im Kothe waten mußten. Ganz Lisburn floh nach Antrim, und als der Feind heranrückte, strömte ganz Lisburn und Antrim zusammen nach Londonderry. Dreißigtausend Protestanten beider Geschlechter und jeden Alters waren hinter den Bollwerken der Zufluchtsstadt zusammengedrängt. Hier endlich, am Rande des Oceans, bis in das letzte Asyl gehetzt und zu einer Verzweiflung aufgestachelt, in der der Mensch sich umbringen läßt, sich aber so leicht nicht unterwirft, machte die herrschende Race Front, um dem andringenden Feinde die Spitze zu bieten.50
Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen. Inzwischen waren Mountjoy und Rice in Frankreich angelangt. Mountjoy wurde sogleich festgenommen und in die Bastille geworfen. Jakob beschloß, der von Rice überbrachten Einladung nachzukommen, und bat Ludwig um ein französisches Hülfsheer. Dieser aber, obwohl er in allen Dingen, welche die persönliche Würde und Bequemlichkeit seiner königlichen Gäste betrafen, eine fast romantische Aufmerksamkeit und eine an Verschwendung grenzende Freigebigkeit bewies, hatte keine Lust, ein starkes Truppencorps nach Irland zu schicken. Er sah, daß Frankreich auf dem Continent einen langwierigen Krieg gegen eine mächtige Coalition zu bestehen haben werde, der ungeheure Ausgaben verursachen mußte, und so groß auch die Hülfsquellen des Landes waren, sah er doch ein, wie wichtig es war, nichts zu vergeuden. Er betrachtete die unglücklichen Verbannten, denen er eine so fürstliche Aufnahme hatte zu Theil werden lassen, mit aufrichtigem Mitleid und gutem Willen; doch bei allem Mitleid und gutem Willen konnte es seinem Scharfblicke nicht lange verborgen bleiben, daß sein Bruder von England der einfältigste und verderbteste Mensch von der Welt war. Jakob’s Thorheit, seine Unfähigkeit, die Charactere der Menschen und die Zeichen der Zeit zu erkennen, sein Starrsinn, der sich gerade in solchen Fällen, wo die Klugheit zum Nachgeben rieth, am unbeugsamsten zeigte, und sein Schwanken, das immer am kläglichsten bei solchen Gelegenheiten hervortrat, welche Festigkeit erheischten, hatten seine Vertreibung aus England zur Folge gehabt und konnten auch über Frankreich großes Unheil bringen, wenn man seine Rathschläge blindlings befolgte. Als ein von Rebellen vertriebener legitimer Souverain, als ein von Ketzern verfolgter Bekenner des wahren Glaubens und als ein naher Verwandter des Hauses Bourbon, der um einen Platz am Herde dieses Hauses gebeten, hatte er Anspruch auf Gastfreundschaft, liebevolle Behandlung und Achtung. Es gehörte sich, daß ihm ein stattlicher Palast und ein großer Forst angewiesen wurde, daß die Haustruppen ihm die höchsten militärischen Ehren bezeigten und daß alle Hunde des Großjägermeisters und alle Falken des Großfalconiers zu seiner Verfügung standen. Wenn aber ein Fürst, der, an der Spitze einer großen Flotte und eines großen Landheeres, ein Reich verloren hatte, ohne einen Schlag zu thun, Pläne zu See- und Landfeldzügen vorschlug, wenn ein Fürst, der durch seine völlige Unkenntniß des Characters seiner eigenen Landsleute, seiner eigenen Soldaten, seiner eigenen Diener und seiner eigenen Kinder zu Grunde gegangen war, sich beikommen ließ, für den Eifer und die Treue des irischen Volks stehen zu wollen, dessen Sprache er nicht verstand und dessen Land er noch nie betreten, so mußten seine Vorschläge nothwendig mit Vorsicht aufgenommen werden. Dies waren die Ansichten Ludwig’s und er wurde darin durch seinen Kriegsminister Louvois bestärkt, der aus privaten wie aus öffentlichen Gründen nicht wünschte, daß Jakob von einer starken Truppenmacht begleitet werde. Louvois haßte Lauzun und Lauzun war ein Günstling in Saint-Germain. Er trug den Hosenbandorden, ein Ehrenzeichen, das sehr selten Fremden, welche nicht souveraine Fürsten waren, verliehen worden ist. Man glaubte sogar am französischen Hofe, daß er, um ihn vor den anderen Rittern des höchsten aller europäischen Orden auszuzeichnen, mit dem nämlichen Georg decorirt worden sei, den Karl I. auf dem Schaffot den Händen Juxon’s übergeben hatte.51 Es war ihm außerdem Hoffnung gemacht worden, daß er, wenn französische Truppen nach Irland geschickt wurden, dieselben commandiren solle, und diese ehrgeizige Hoffnung wollte Louvois vereiteln.52
Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird. Eine Armee wurde daher vor der Hand verweigert, sonst aber Alles bewilligt. Die in Brest liegende Flotte erhielt Befehl sich zum Absegeln bereit zu machen, Waffen für zehntausend Mann und große Massen von Munition wurden an Bord geschafft. Etwa vierhundert Kapitäns, Leutnants, Cadetten und Kanoniere wurden für den wichtigen Dienst, die neuauszuhebenden irischen Truppen zu organisiren und einzuüben, ausgewählt. Den Oberbefehl erhielt ein alter Kriegsveteran, der Graf von Rosen. Unter ihm standen Maumont mit dem Range eines Generalleutnants, und ein Brigadier Namens Pusignan. Eine halbe Million Kronen in Gold, eine Summe die ungefähr hundertzwölftausend Pfund Sterling entsprach, wurde nach Brest gesandt.53 Für Jakob’s persönliche Bequemlichkeit war mit einer Ängstlichkeit gesorgt, welche der einer liebenden Mutter glich, die ihren Sohn zu seinem ersten Feldzuge ausstattet. Das Ameublement für die Kajüte, das Lagergeräth, die Zelte, die Betten und das Tafelgeschirr, Alles war luxuriös und kostbar. Nichts was dem Verbannten angenehm oder nützlich sein konnte, war zu kostspielig für die Freigebigkeit oder zu geringfügig für die Aufmerksamkeit seines artigen und splendiden Wirthes. Am 15. Februar machte Jakob seinen Abschiedsbesuch in Versailles. Er wurde mit allen Beweisen von Achtung und Zuvorkommenheit in den Gebäuden und Anlagen herumgeführt. Die Wasserwerke waren ihm zu Ehren im Gange. Es war gerade die Carnevalszeit, und nie hatten der große Palast und die prächtigen Gärten einen heiterern Anblick gewährt. Am Abend erschienen die beiden Könige nach einer langen und ernsten Privatconferenz in einem glänzenden Cirkel von Herren und Damen. „Ich hoffe,“ sagte Ludwig in seiner edelsten und liebenswürdigsten Weise, „daß wir scheiden, um uns in diesem Leben nie wieder zu begegnen. Dies ist der beste Wunsch, den ich für Sie hegen kann. Sollte jedoch ein böses Geschick Sie zur Rückkehr zwingen, so sein Sie versichert, daß Sie mich bis zum letzten Augenblicke so finden werden, wie Sie mich bisher gefunden haben.“ Am 17. stattete Ludwig in Saint-Germains seinen Gegenbesuch ab. Im Augenblicke der letzten Umarmung sagte er mit seinem freundlichsten Lächeln: „Wir haben noch etwas vergessen: einen Brustharnisch für Sie. Sie sollen den meinigen haben.“ Der Brustharnisch wurde herbeigebracht und gab den Schöngeistern des Hofes Gelegenheit zu geistreichen Anspielungen auf die von Vulcan verfertigte Rüstung, welche einst Achilles seinem schwächeren Freunde lieh. Jakob reiste nach Brest ab und seine durch Krankheit und Kummer niedergedrückte Gemahlin schloß sich mit ihrem Kinde ein um zu weinen und zu beten.54
Mehrere von Jakob’s eigenen Unterthanen begleiteten ihn oder folgten ihm schleunigst nach; die Vornehmsten darunter waren sein Sohn Berwick, Cartwright, Bischof von Chester, Powis, Dower und Melfort. Keiner von dem ganzen Gefolge war dem großbritannischen Volke so verhaßt als Melfort. Er war ein Apostat, Viele hielten ihn für einen nicht aufrichtigen Apostaten, und die anmaßende, willkürliche und drohende Sprache seiner Staatsschriften war selbst den Jakobiten zuwider. Daher war er ein Liebling seines Gebieters, denn in Jakob’s Augen waren Unpopularität, Starrsinn und Unversöhnlichkeit die gewichtigsten Empfehlungen für einen Staatsmann.
Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob’s. Welcher Franzos den König von England in der Eigenschaft eines Gesandten begleiten sollte, war ein Gegenstand ernster Berathung zu Versailles gewesen. Barillon konnte ohne auffallende Geringschätzung nicht übergangen werden. Aber seine Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor Allem die Leichtgläubigkeit, mit der er auf Sunderland’s Versicherungen gehört, hatten auf Ludwig einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in Irland zu thun war, war keine Arbeit für einen Tändler oder Gimpel. Der Geschäftsträger Frankreich’s in diesem Lande mußte mehr als den gewöhnlichen Functionen eines Gesandten gewachsen sein. Er war berechtigt und verpflichtet, in allen Zweigen der politischen und militärischen Verwaltung des Reichs, in welchem er den mächtigsten und freigebigsten Bundesgenossen vertreten sollte, gute Rathschläge zu geben. Barillon wurde daher übergangen. Er stellte sich als ob er seine Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch seine politische Laufbahn große Calamitäten über das Haus Stuart wie über das Haus Bourbon gebracht hatte, so war sie doch keineswegs ohne Gewinn für ihn selbst gewesen. Er sagte er sei alt und korpulent, er beneide jüngere Männer nicht um die Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, er wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod, der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte, der Scham und dem Ärger zu.55
Der Graf von Avaux. Der Graf von Avaux, dessen Scharfblick alle Pläne Wilhelm’s durchschaut und der vergebens zu einer Politik gerathen hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben würde, war der Mann, auf den Ludwig’s Wahl fiel. In Bezug auf Talent und Befähigung wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, welche sein Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war ungemein anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein Gemüth sanft und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren die eines Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe erzogen worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in protestantischen Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die Kunst erlernt hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche der Zufall ihn führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, fruchtbar an Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen Seiten eines Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei von Schwächen. Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die Qual seines Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so bedauernswerthen als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner Geschicklichkeit, Erfahrung und ausgezeichneten Bildung stieg er doch zuweilen unter dem Einflusse seines geheimen Grames auf das Niveau von Molière’s Jourdain herab und ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, welche eben so komisch waren wie die, in der der ehrliche Tuchhändler zum Mamamuschi gemacht wird.56 Es möchte noch sein, wenn dies das Schlimmste gewesen wäre. Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß Avaux von dem Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so wenig einen Begriff hatte wie ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl vertrat bei ihm die Stelle der Religion und Moral: eine abergläubische und unduldsame Ergebenheit für die Krone, der er diente. Dieses Gefühl durchdringt alle seine Depeschen und leuchtet aus allen seinen Gedanken und Worten hervor. Nichts was dem Interesse der französischen Monarchie förderlich sein konnte, schien ihm ein Verbrechen. Er hielt es in der That für ausgemacht, daß nicht nur die Franzosen, sondern alle Menschen dem Hause Bourbon eine natürliche Unterthanentreue schuldeten und daß Jeder, der Anstand nehme, das Glück und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses aufzuopfern, ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag bezeichnete er stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft hatten, als den gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland schrieb, tritt das nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein noch scharfsichtigerer Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den unter dem Volke herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und Mißbilligung sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle Rücksichten der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in seinen Plänen das Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen gänzlich außer Acht ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so haarsträubende Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber empört waren. Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur begreiflich zu machen. Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem cynischen Lächeln an und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche ihm den Text lasen wirklich solche Thoren waren, für die sie sich ausgaben, oder ob sie sich nur so stellten.