Geschichte von England (continued 5)
Wilhelm Beseler translation
Die englischen Flüchtlinge fanden in England herzliche Theilnahme und freigebige Unterstützung. Viele wurden in den Häusern von Freunden oder Verwandten aufgenommen; viele Andere aber verdankten die Mittel zu ihrem Unterhalt der Freigebigkeit von Fremden. Unter Denen, die sich an diesem Werke der Barmherzigkeit betheiligten, trug Niemand in reicherem Maße und mit weniger Ostentation dazu bei als die Königin. Das Haus der Gemeinen stellte dem Könige funfzehntausend Pfund zur Unterstützung derjenigen Flüchtlinge zur Verfügung, die derselben am dringendsten bedurften, und ersuchte ihn, den zum Militärdienste Befähigten Offizierspatente in der Armee zu geben.127 Auch wurde eine Acte erlassen, welche bepfründete Geistliche, die aus Irland entflohen waren, zur Anstellung in England befähigt erklärte.128 Doch die Theilnahme, welche die Nation diesen unglücklichen Gästen schenkte, war lau im Vergleich zu der Theilnahme, welche derjenige Theil der sächsischen Colonie erweckte, der in Ulster noch immer einen verzweifelten Kampf gegen eine erdrückende Übermacht unterhielt. Über diesen Gegenstand ließ sich auf unsrer Insel kaum eine einzige abweichende Stimme vernehmen. Whigs und Tories, ja selbst diejenigen Jakobiten, in denen der Jakobitismus noch nicht alles patriotische Gefühl erstickt hatte, priesen den Ruhm von Enniskillen und Londonderry. Das ganze Haus der Gemeinen war eines Sinnes. „Es ist jetzt nicht Zeit, die Kosten zu berechnen,“ sagte der wackere Birch, der sich noch sehr wohl der Art der Kriegführung Olivers gegen die Irländer erinnerte. „Sollen wir diese braven Leute in Londonderry im Stich lassen? Wird nicht die ganze Welt Schimpf und Schande über uns rufen, wenn wir sie dem Untergange preis geben? Man hat die Einfahrt in den Fluß versperrt! Warum haben wir den Sperrbaum nicht längst zertrümmert? Sollen unsere Brüder fast angesichts England’s, wenige Stunden Wegs von unseren Küsten umkommen?“129 Howe, der Heftigste der einen Partei, erklärte, daß die Herzen des Volks für Irland schlügen. Seymour, das Haupt der andren Partei, erklärte, daß, obwohl er an der Einsetzung der neuen Regierung nicht Theil genommen, er sie von Herzen gern in Allem, was zur Erhaltung Irland’s für nöthig erachtet werden möchte, unterstützen werde.130 Die Gemeinen ernannten einen Ausschuß, der die Ursache der Verzögerungen und Fehlgriffe untersuchen sollte, welche den englischen Bewohnern von Ulster fast zum Verderben gereicht hätten. Die Offiziere, deren Verrätherei oder Feigheit das Publikum die Calamitäten Londonderry’s zuschrieb, wurden gefänglich eingezogen. Lundy wurde in den Tower, Cunningham in das Gate House geschickt. Die öffentliche Aufregung wurde einigermaßen beschwichtigt durch die Ankündigung, daß noch vor Ablauf des Sommers eine Armee von hinreichender Stärke, um das englische Übergewicht wiederherzustellen, über den St. Georgskanal geschickt und daß Schomberg das Commando erhalten sollte. Vor der Hand wurde ein Armeecorps, das man zum Entsatz von Londonderry für genügend hielt, unter Kirke’s Commando von Liverpool abgesandt. Die finstre Hartnäckigkeit, mit der dieser Mann, trotz königlicher Bitten, an seinem Glauben festgehalten, und der Antheil, den er an der Revolution genommen, hatten ihm vielleicht Anspruch auf eine Amnestie für frühere Verbrechen verschafft. Aber es ist schwer zu begreifen, warum die Regierung zu einem Posten von höchster Wichtigkeit einen Offizier wählte, der allgemein und mit Recht verhaßt war, der nie ein eminentes Feldherrntalent gezeigt und der, in Afrika sowohl wie in England, unter seinen Soldaten erwiesenermaßen eine nicht nur die Humanität empörende, sondern auch mit der Disciplin unverträgliche Zügellosigkeit geduldet hatte.
Thaten der Enniskillener. Am 16. Mai wurden Kirke’s Truppen eingeschifft, und am 20. gingen sie unter Segel; aber widrige Winde verzögerten die Überfahrt und zwangen das Geschwader, lange vor der Insel Man liegen zu bleiben. Unterdessen vertheidigten sich die Protestanten von Ulster mit unerschütterlichem Muthe gegen eine große Übermacht. Die Enniskillener hatten nicht aufgehört, einen energischen Parteikrieg gegen die eingeborne Bevölkerung zu führen. Anfangs Mai marschirten sie einem starken Truppencorps aus Connaught entgegen, das in Donegal eingefallen war. Die Irländer wurden bald geschlagen und flohen mit einem Verlust von hundertzwanzig Todten und sechzig Gefangenen nach Sligo. Zwei kleine Geschütze und mehrere Pferde fielen den Siegern in die Hände. Durch diesen Sieg ermuthigt, fielen die Enniskillener bald darauf in die Grafschaft Cavan ein, trieben funfzehnhundert Mann von Jakob’s Truppen vor sich her, nahmen und zerstörten das Schloß Ballincarrig, das für das festeste in diesem Theile des Königreichs galt, und nahmen die Piken und Gewehre der Besatzung mit sich. Der nächste Einfall erfolgte in Meath. Hier wurden dreitausend Rinder und zweitausend Schafe mit fortgeführt und auf der kleinen Insel des Ernesees in Sicherheit gebracht. Diese kühnen Thaten verbreiteten Schrecken bis vor die Thore Dublin’s. Der Oberst Hugo Sutherland erhielt Befehl, mit einem Regiment Dragonern und zwei Regimentern Infanterie gegen Enniskillen zu marschiren. Er nahm Waffen für das eingeborne Landvolk mit und Viele schlossen sich seiner Fahne an. Die Enniskillener marschirten ihm entgegen. Er nahm jedoch keine Schlacht an, sondern zog sich zurück und ließ seine Vorräthe unter der Obhut eines Detachements von dreihundert Soldaten in Belturbet. Die Protestanten griffen Belturbet kräftig an, besetzten ein hochgelegenes Haus, das die Stadt beherrschte, und eröffneten von hier aus ein so wirksames Feuer, daß nach Verlauf von zwei Stunden die Besatzung sich ergab. Siebenhundert Flinten, eine bedeutende Quantität Schießpulver, eine Menge Pferde, viele Säcke Zwieback und viele Fässer Mehl wurden erbeutet und nach Enniskillen geschickt. Die Böte, welche diese werthvolle Beute brachten, wurden freudig bewillkommnet. Die Besorgniß vor einer Hungersnoth war dadurch beseitigt. Während die eingeborne Bevölkerung in vielen Grafschaften, wahrscheinlich in der Erwartung, daß sich das Maraudiren als eine unerschöpfliche Hilfsquelle erweisen werde, die Bodencultur völlig vernachlässigte, hatten die Colonisten, treu dem vorsorgenden und betriebsamen Character ihres Stammes, mitten im Kriege nicht versäumt, den Boden in der Umgebung ihrer Besten sorgfältig zu bebauen. Die Ernte war jetzt nicht mehr fern und bis zur Ernte reichten die dem Feinde abgenommenen Lebensmittel vollkommen aus.131
Noth in Londonderry. Doch inmitten des Sieges und des Überflusses wurden die Enniskillener von ängstlicher Besorgniß um Londonderry gequält. Sie waren mit den Vertheidigern dieser Stadt nicht allein durch religiöse und nationale Sympathie, sondern auch durch ein gemeinsames Interesse verbunden. Denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn Londonderry fiel, die ganze irische Armee augenblicklich mit unwiderstehlicher Macht gegen den Ernesee vorrücken würde. Doch was konnte man thun? Einige tapfere Männer waren dafür, einen verzweifelten Versuch zum Entsatz der belagerten Stadt zu machen; aber die Übermacht war zu groß. Es wurden indessen Detachements abgesandt, welche die Nachhut des Belagerungsheeres beunruhigten, die Zufuhren abschnitten und einmal die Pferde von drei ganzen Reitertrupps wegnahmen.132 Die Postenkette aber, welche Londonderry auf der Landseite einschloß, war noch nicht durchbrochen, und auch der Fluß war noch immer versperrt und sorgfältig bewacht. In der Stadt war die Noth auf’s höchste gestiegen. Schon am 8. Juni war fast kein andres Fleisch mehr zu haben als Pferdefleisch und selbst davon war der Vorrath nur gering. Dem Mangel mußte mit Talg abgeholfen werden, und auch dieser wurde mit karger Hand vertheilt.
Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee. Am 15. Juni zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden. Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen, schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung, daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz der Stadt aus England angelangt sei.133
Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen unthätig vor Anker lag.
Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel, welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft. Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.134
Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem Kriegsschauplatze abgegangen.135
Grausamkeit Rosen’s. Am 19. Juni kam er im Hauptquartier des Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren; aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben, das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder, von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt. Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt, das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann, Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben. Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam. Rosen’s Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen. Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens, daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren, um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen, der auf der Bastion errichtet worden war.136
Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England’s noch kein Beispiel aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß, wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde. Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.137 Der französische Gesandte und der französische General waren einander in der That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an den elegantesten Höfen Europa’s in hohem Rufe gestanden, und dem militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.
Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry erfuhren bald, daß die Armee Jakob’s wegen des Falles von Enniskillen in so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von neuem.138
Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf’s Höchste. So war inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde, mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste. Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten. Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte, für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war der allgemeine Ruf: „Keine Übergabe!“ Und es fehlte nicht an Stimmen, welche leise hinzusetzten: „Zuerst die Pferde und die Häute, dann die Gefangenen, dann Einer den Andren!“ Es wurde später halb scherzweise, aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.139
Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker’s Hände. Es war ein Brief von Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage ausreichten.140
Angriff auf den Sperrbaum. Gerade in diesem Augenblicke erhielt Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen können.141
Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß. Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas, Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen. Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde, sollte die beiden Kauffahrer begleiten.
Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr, denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern; aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte, geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war, durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen. Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers zu schützen, und dann ging es an’s Ausladen. Zuerst wurden Fässer, welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an’s Ufer gerollt. Dann kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken, mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen 31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf Strabane zurückzog.142
Die Belagerung von Londonderry aufgehoben. So endete diese große Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln. Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen Avaux’ geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.143 Die Angriffs- wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden; aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit überlegen war.144
Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte eine Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das Commando zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch, denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen, wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten getrunken.
Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist den Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe von Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der Spitze dieser Säule steht die Statue Walker’s, wie er zur Zeit der letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel, die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion Schutz gewährten.145 Der Kamm der Festungswerke bildet einen angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt, und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den Namen Roaring Meg (brüllende Margarethe). Die Kathedrale ist mit Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle befindet sich eine riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche in die Stadt geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die französischen Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von der Garnison erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon sind längst in Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das Werk der schönsten Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die Thore geschlossen und der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben wurde, sind bis auf unsre Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, Festmahle und Predigten gefeiert worden. Lundy ist in effigie hingerichtet und das Schwert, das der Sage nach das Schwert Maumont’s sein soll, bei feierlichen Gelegenheiten im Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es einen Walkerclub und einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der protestantischen Anführer sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt und verschönert worden. Es ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten, welche aus diesen Zeichen von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung, welche dem edleren und reineren Theile der menschlichen Natur angehört und welche die Stärke der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das nicht stolz ist auf die großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas vollbringen, was würdig wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in Andenken gehalten zu werden. Doch kann der Moralist oder der Staatsmann unmöglich mit ungetrübtem Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche Londonderry das Gedächtniß seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren betrachten, die es seinen Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich mit dem Ruhme seiner tapferen Kämpfer auch deren Animositäten fortgeerbt. Die Fehler, welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten und Secten findet, haben sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten unverhohlen gezeigt, und selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit, welche von seinen Kanzeln herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte des Zornes und des herausfordernden Trotzes gemischt.
Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten Schlage.
Operationen gegen die Enniskillener. Drei Wochen vor dieser Zeit hatte der Herzog von Berwick über eine Abtheilung der Enniskillener einen Vortheil errungen und, nach ihrem eignen Eingeständniß, mehr als funfzig von ihnen getödtet oder gefangen genommen. Sie hofften auf einige Unterstützung von Kirke, an den sie eine Deputation abgesandt hatten, und beharrten noch immer auf der Zurückweisung aller vom Feinde angebotenen Bedingungen. Es wurde daher in Dublin beschlossen, sie von mehreren Seiten zu gleicher Zeit anzugreifen, Macarthy, der für seine in Munster geleisteten Dienste mit dem Titel eines Viscount von Mountcashel belohnt worden war, marschirte von Osten her mit drei Regimentern Infanterie, zwei Regimentern Dragoner und einigen Reitertrupps gegen den Ernesee. Ein andres starkes Truppencorps, das unweit der Mündung des Flusses Drowes lagerte, sollte gleichzeitig vom Westen her vorrücken, und der Herzog von Berwick sollte mit soviel Reitern und Dragonern, als das Belagerungsheer von Londonderry entbehren konnte, von der Nordseite kommen. Die Enniskillener waren über den ganzen Plan, der zu ihrem Verderben angelegt worden, nicht vollständig unterrichtet; aber sie wußten, daß Macarthy mit einer größeren Streitmacht, als sie je in’s Feld stellen konnten, unterwegs war. Ihre Angst wurde einigermaßen gemildert durch die Zurückkunft der Deputation, die sie an Kirke abgeschickt hatten. Kirke konnte keine Soldaten entbehren, aber er sandte ihnen etwas Waffen und Munition nebst einigen erfahrenen Offizieren, unter denen der Oberst Wolseley und der Oberstleutnant Berry die vornehmsten waren. Diese Offiziere sollten zur See um die Küste von Donegal herum und den Ernesee heraufkommen. Am Sonntag, den 29. Juli erfuhr man, daß ihr Boot sich der Insel Enniskillen nähere. Die ganze männliche und weibliche Bevölkerung kam an’s Ufer, um sie zu bewillkommnen. Nur mit Mühe erreichten sie das Schloß durch die sich um sie drängenden Menschenmassen, welche Gott dafür dankten, daß das theure alte England die Engländer nicht ganz vergessen hatte, die im Herzen von Irland seine Sache gegen eine große Übermacht aufrecht erhielten.
Wolseley scheint für seinen Posten in jeder Hinsicht wohlbefähigt gewesen zu sein. Er war ein unerschütterlicher Protestant, hatte sich unter den Leuten von Yorkshire ausgezeichnet, welche für den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament aufgestanden waren, und hatte, wenn anders dies auf Wahrheit beruht, seinen Eifer für die Freiheit und den reinen Glauben dadurch bethätigt, daß er den Mayor von Scarborough, der eine Rede zu Gunsten des Königs Jakob gehalten, auf den Marktplatz führen und hier in einem Betttuche tüchtig prellen ließ.146 Dieser heftige Haß gegen den Papismus war in den Augen der Enniskillener die erste aller Qualificationen für das Commando, und Wolseley hatte deren noch andere und gewichtigere. Obgleich er eine regelmäßige militärische Ausbildung genossen hatte, scheint er doch vorzugsweise zur Führung irregulärer Truppen befähigt gewesen zu sein. Kaum hatte er das Obercommando übernommen, so erhielt er die Nachricht, daß Mountcashel das Schloß Crum belagert habe. Crum war die Grenzfeste der Protestanten von Fermanagh. Die Trümmer der alten Festungswerke gehören jetzt zu den Zierden eines schönen Parks, der auf einem den Ernesee beherrschenden waldigen Vorgebirge angelegt ist. Wolseley beschloß, den belagerten Platz zu entsetzen. Er schickte Berry mit soviel Truppen als augenblicklich aufbrechen konnten, voraus und versprach, baldigst mit einem stärkeren Corps nachzufolgen.
Schlacht bei Newton Butler. Nachdem Berry einige Meilen weit marschirt war, stieß er auf dreizehn Compagnieen von Macarthy’s Dragonern unter dem Commando Anton Hamilton’s, des Glänzendsten und Gebildetsten von allen seines Namens, aber als Soldat viel weniger glücklich denn als Hofmann, als Liebesheld und als Schriftsteller. Hamilton’s Dragoner ergriffen beim ersten Feuer die Flucht; er wurde schwer verwundet, und sein Nachfolger im Commando wurde todtgeschossen. Macarthy eilte Hamilton sofort zu Hülfe und zu gleicher Zeit kam Wolseley zur Unterstützung Berry’s an. Die beiden feindlichen Armeen standen einander nun gegenüber. Macarthy hatte ungefähr fünftausend Mann und mehrere Geschütze. Die Enniskillener zählten nicht dreitausend Mann, und sie waren so eilig ausgerückt, daß sie nur auf einen Tag Lebensmittel mitgenommen hatten. Es war daher durchaus nothwendig, daß sie entweder sofort losschlugen oder sich zurückzogen. Wolseley beschloß, die Meinung seiner Leute darüber zu hören, und dieser Entschluß, der unter gewöhnlichen Verhältnissen eines Generals höchst unwürdig gewesen wäre, war vollkommen gerechtfertigt durch die eigenthümliche Zusammensetzung und Stimmung der kleinen Armee, welche aus Gentlemen und Freisassen bestand, die nicht um Sold, sondern für ihr Grundeigenthum, ihre Frauen, ihre Kinder und ihren Gott kämpften. Die Mannschaften wurden unter’s Gewehr gerufen und ihnen die Frage vorgelegt: „Vorrücken oder Zurückgehen?“ Die Antwort war der einstimmige Ruf: „Vorrücken!“ Hierauf gab Wolseley das Feldgeschrei: „Kein Papismus“, das mit lautem Beifall begrüßt wurde, und traf dann sofort seine Anstalten zum Angriff. Als er vorrückte, begann der Feind zu seinem großen Erstaunen sich zurückzuziehen. Die Enniskillener wollten ihn mit aller Hast verfolgen, aber ihr Anführer, der eine Schlinge vermuthete, zügelte ihren Eifer und verbot ihnen auf das Bestimmteste, ihre Reihen aufzulösen. So zog sich die eine Armee in guter Ordnung durch das Städtchen Newton Butler zurück und die andre folgte in eben so guter Ordnung. Ungefähr eine Meile jenseit dieser Stadt machten die Irländer Front und Halt. Ihre Stellung war gut gewählt. Sie waren auf einer Anhöhe aufgestellt, an deren Fuße sich ein tiefer Sumpf befand. Eine schmale gepflasterte Hochstraße war der einzige Weg, auf dem die Reiterei der Enniskillener vorgehen konnte, denn zur Rechten und Linken waren Sumpflachen und Torfgruben, welche den Pferden keinen festen Grund darboten. Macarthy postirte seine Kanonen so, daß ihr Feuer diesen Weg bestrich.
Wolseley commandirte seine Infanterie zum Angriff. Sie arbeitete sich durch den Sumpf, gewann wieder festen Boden und warf sich auf die Geschütze. Hier entspann sich nun ein kurzer und verzweifelter Kampf. Die irischen Kanoniere hielten tapfer bei ihren Feldstücken aus, bis sie sämmtlich niedergehauen waren. Jetzt kamen die Enniskillener Reiter, welche nicht mehr Gefahr liefen, durch das Feuer der Artillerie niedergemäht zu werden, rasch den Dammweg herauf. Die irischen Dragoner, welche schon am Morgen Reißaus genommen hatten, wurden abermals von einem panischen Schrecken ergriffen und galoppirten, ohne einen Schlag gethan zu haben, vom Schlachtfelde. Die schwere Reiterei folgte ihrem Beispiele. Das Entsetzen der Fliehenden war so groß, daß viele von ihnen ihre Pferde so lange spornten, bis sie stürzten und dann die Flucht zu Fuß fortsetzten, nachdem sie Carabiner, Säbel und selbst Waffenröcke als beim Laufen hinderlich weggeworfen hatten. Als die Infanterie sich so verlassen sah, warf sie ebenfalls Piken und Gewehre fort und suchte ihr Heil in der Flucht. Die Sieger gaben sich nun der blutdürstigen Wildheit hin, welche gewöhnlich die Bürgerkriege Irland’s befleckt hat. Das Gemetzel war fürchterlich. Nahe an funfzehnhundert der Besiegten wurden niedergemacht. Etwa fünfhundert Andere schlugen, da sie die Gegend nicht kannten, einen Weg ein, der nach dem Ernesee führte. Der See war vor ihnen, der Feind im Rücken; sie sprangen in’s Wasser und ertranken. Macarthy, von seinen Truppen verlassen, stürzte sich mitten unter die Verfolger und war nahe daran, den Tod zu finden, den er suchte. Er war an mehreren Stellen verwundet und zu Boden geschlagen; noch einen Augenblick, und ein Flintenkolben würde ihm das Lebenslicht ausgeblasen haben, wäre er nicht erkannt und gerettet worden. Die Colonisten hatten nur zwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Sie machten vierhundert Gefangene und erbeuteten sieben Kanonen, vierzehn Fässer Schießpulver, sowie sämmtliche Trommeln und Fahnen des besiegten Feindes.147
Bestürzung der Irländer. Die Schlacht bei Newton Butler wurde an demselben Nachmittage gewonnen, an welchem die durch den Foyle geworfene Barrikade durchbrochen wurde. In Strabane traf die Nachricht die auf dem Rückzuge von Londonderry begriffene celtische Armee. Der Schrecken und die Verwirrung waren groß; die Zelte wurden abgebrochen, ganze Wagenladungen Kriegsvorräthe wurden in den Mourne geworfen, und die entsetzten Irländer flohen unter Zurücklassung vieler Kranker und Verwundeter, die sie der Gnade der siegreichen Protestanten preisgaben, nach Omagh und von da weiter nach Charlemont. Sarsfield, welcher in Sligo commandirte, sah sich gezwungen, diese Stadt aufzugeben, welche alsbald von einer Abtheilung Kirke’scher Truppen besetzt wurde.148 Dublin war in großer Bestürzung. Jakob ließ Äußerungen fallen, welche seine Absicht verriethen, nach dem Continent zu fliehen. Schlimme Nachrichten stürmten in der That rasch hintereinander auf ihn ein. Fast zu der nämlichen Zeit, als er erfuhr, daß eine seiner Armeen die Belagerung von Londonderry aufgehoben hatte und daß eine andre bei Newton Butler geschlagen worden war, empfing er kaum minder entmuthigende Botschaften aus Schottland.
Es wird jetzt nöthig, den Gang der Ereignisse zu erzählen, denen Schottland seine politische und religiöse Freiheit, seinen Aufschwung und seine Civilisation verdankt.