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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band

Geschichte von England (continued 2)

Wilhelm Beseler translation

Der Hof in Kensington. Es zeigte sich bald, daß Hampton Court zu weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich einige Wochen daselbst.67 Endlich aber entschied er sich für Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten, neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.68 Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet; damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen Gesellschaft sein.

Wilhelm’s ausländische Günstlinge. Es war wohl bekannt, daß der König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte, in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht, im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche Treue selten.69 Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe, Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse, welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof, der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein, daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.

Allgemeine schlechte Verwaltung. Und dies war nicht der einzige Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis — was für einen wußten sie selbst nicht recht — von Genie und Thatkraft geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und unter ihnen hatten zu Karl’s Zeiten die Courtisanen, zu Jakob’s Zeiten die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell der Schiedsrichter Europa’s gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das Seewesen Frankreich’s und Holland’s kannten, nur ein mitleidiges Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl’s und Jakob’s entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch erst unter Wilhelm’s Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles, was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde, wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich geworden war. Es lag weder in Wilhelm’s Macht noch in seinem Character, in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England’s gegen den furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte, seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen, und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war. Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus. Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden Fehlschlag legte das Volk nicht den Regenten, deren schlechte Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern dem Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar wurden.

Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver’s Tode fehlte. Aber die augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten Fürsten ging.70

Uneinigkeit unter den Staatsdienern. Einige der größten Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, auf die er sich als Neuling in den Details der englischen Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine tief eingewurzelte Feindschaft.71 Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob’s hatten beide Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.72 In Folge dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum Handeln vorüber.

Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen. Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um’s Leben gebracht und gegen das Leben Karl’s II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen Partei Bradshaw’s und Ireton’s, in den Wirthshäusern der City noch immer beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. „Jeder Whig,“ sagte der Torysekretär, „ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.“ — „Jeder Tory,“ sagte der Whigsekretär, „ist ein Feind des Rechtstitels Eurer Majestät.“73

Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und Zänkereien.74 Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum Balladendichten.75 Delamere war finster und empfindlich, streng in seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er, der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und dies erkannte Wilhelm sehr bald.76

Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause, in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth, sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.

Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe, daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden, wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen, das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?77

Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden. Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr, daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht. Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten, sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung, die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.

Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Ein Departement gab es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen. Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius, welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm’s und unversöhnlicher Feind Ludwig’s kehrte er nach Hause zurück.78

Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius’ politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle großen Pläne Wilhelm’s scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft, die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig’s XIV. demüthigte.79

Religionsstreitigkeiten. Die auswärtige Politik England’s, von Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet, war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen.

Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England’s eine nicht minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen bekannt. Kurz nach Wilhelm’s Thronbesteigung begannen sie die Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein gebräuchlich.80

Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten, erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die Freudenfeuer.

Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze, herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an. Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen, und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.

Die Hochkirchenpartei. In Zeit von wenigen Stunden begann der Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt. Sr. Majestät — so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler anglikanischer Geistlichen — würde ein vortrefflicher Regent gewesen sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben, goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29. Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne, durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt, sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen, habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten. Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein. Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet werden.

Die Niederkirchenpartei. Zwischen den Nonconformisten und den strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage, die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden. Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle Gefängnisse England’s mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht, wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright’s und Parker’s sei viel weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop’s und Lobb’s. Gleichwohl würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop’s und Lobb’s verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld Cartwright’s und Parker’s verantwortlich machen wolle.

Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale emporzuschnellen.

Wilhelm’s Pläne bezüglich der Kirchenverfassung. Das Oberhaupt der Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier, und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten. Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war, in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten, ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten kam er zu spät, für den dritten zu früh.

Burnet, Bischof von Salisbury. Wenige Tage nach seiner Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden. Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet’s Name der großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit, welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen. Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht nachzulassen scheint.

Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich überall: Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der Convention fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im Geheimen Rathe einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu ordiniren und einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der Mauern seines Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, daß er sich noch immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden erachte. Burnet betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, als einen Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf dieses unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. Er würde an geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm’s nicht Folge leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen, mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange; im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche, ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte, das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder herauszugeben.81

Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht worden. Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten. „Ich hoffe,“ sagte sie, „daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben werden.“ Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet’s Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren und zu confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen Winkel, wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte, seine Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das schlechteste Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese Pflichten zu erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte er sich lieber der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung einer Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte, getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen, ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen „Königin Anna’s Schenkung“ bekannte Unterstützung zu verschaffen.82 Wenn er durch seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen, bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last gelegt werden kann.83

Nottingham’s Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung. Als er seinen Sitz im Hause der Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit der Berathung kirchlicher Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als treuer Anhänger der Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die Sache der Dissenters zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche nahm mit Bezug auf die religiösen Parteien eine so wichtige und gebietende Stellung ein als Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang, Reichthum und amtliche Würde verleihen, verband er den noch höheren Einfluß der wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit und der Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit seiner Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen Ansichten über Fragen, welche die Interessen des Christenthums berührten, ein besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen Herrscherpaares genoß er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. Shrewsbury war sicherlich ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, denn er hatte eine Religion verloren, und es war nicht deutlich zu erkennen, ob er eine andre gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des Skepticismus, Deismus und Atheismus beschuldigt worden. Danby’s Anhänglichkeit an das Episkopat und die Liturgie war mehr politischer als religiöser Natur. Nottingham aber war ein Sohn, den die Landeskirche mit Stolz den Ihrigen nannte. In Folge dessen konnten Vorschläge, die, wenn sie von seinen Collegen ausgegangen wären, unfehlbar einen panischen Schrecken unter der Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, wenn er sie machte, eine günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten und Kapiteln finden. Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich mit gutem Grunde nach seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem gewissen Punkte, nicht abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er war entschieden für eine Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, wie man es damals nannte, das heißt er wünschte einige Abänderungen in dem anglikanischen Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch die Bedenken der gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte wollte er nicht aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte fand, war, daß sie nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen lasse, durch die sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter einschlichen. In der That war er gerade deshalb geneigt, in einige Abänderungen in der Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich von der Testacte zu trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die Staatskirche nur ein klein wenig erweitert werde, würden sehr viele Leute, welche bis dahin zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich hereindrängen. Diejenigen, welche dann noch draußen blieben, würden nicht zahlreich oder mächtig genug sein, um ein weiteres Zugeständniß erzwingen zu können, und würden sich gern mit einer bloßen Toleranz abfinden lassen.84

Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu lassen.

Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill hatte keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das Königreich von Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die Protestanten allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden, war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die Regierung war damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem regelmäßigen Gange forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der eine den öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der andre einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der Staatskirche traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich von beiden Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten nicht Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham, damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.85

Die Toleranzbill. Die Toleranzbill ging in beiden Häusern nach kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange Zeit als die große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist seitdem umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur dem Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche vielleicht mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des Gesetzes kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, noch immer mit Achtung genannt.

Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England’s beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation bezeuge.

Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien als den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus aber hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt, der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen sollten, schwere Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit dem humanen Geiste unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe angewiesen, diese Acte in umfassender Ausdehnung und zur wirksamen Unterdrückung des Dissents wie zur Aufmunterung der Angeber zu handhaben. Diese strengen Gesetze waren nicht aufgehoben, sondern nur, mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, gemildert. Es war vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, ehe er seine Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger Namensunterschrift seinen Glauben an die Artikel der englischen Staatskirche, mit wenigen Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die Punkte, zu denen seine Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die Kirche die Befugniß habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem Homilienbuche aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie der Ordination nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. Erklärte er sich für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu versichern, daß die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. Wenn ihm aber seine Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den neununddreißig Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen Artikeln zu unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen den Strafen auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und ihrer Rache ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen und zu Grunde zu richten.

Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, und zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und der Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker aber weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, daß fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, etwas einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth’s gegen die Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten: eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke, hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären solle.

Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen Dissenters in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung verehren durften. Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre Versammlungen bei verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, welche es für strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht die Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches Eindringen.

Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke.

Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun, daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht. Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald zusammenstürzen, und er würde mit all’ seinen mathematischen Kenntnissen als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles denken muß, wovon d’Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith’s oder Jeremias Bentham’s keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom Zeitalter Johann’s bis zum Zeitalter Victoria’s die Verhandlungen unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist allerdings so groß, daß er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein Fehler zum Guten. Daß wir bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu langsam gegangen sind, muß zugegeben werden. Obwohl aber in anderen Ländern gelegentlich ein rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag, so würde es doch nicht leicht sein, ein andres Land zu nennen, in welchem so wenig Rückschritt stattgefunden hätte.

Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes sehr nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die Nation zur Zeit der Revolution gespalten war, nicht genau bekannt wäre, würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben. Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt, den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist, die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen. Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn, der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben.

Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann, überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der Staatswissenschaft auf das Geschicktste ausgearbeitetes Gesetz vielleicht nicht geleistet haben würde. Daß die obenangeführten Bestimmungen lästig, kindisch, einander widersprechend und mit der wahren Theorie der Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich nicht leugnen. Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann, ist, daß sie eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge Vorurtheile zu verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne eine einzige Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen einzigen Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten der bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, fleißigen und gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den eigentlichen Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, um unter den Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der Panther eine Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe mögen einigen oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, Staatsmänner aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend erklären.

Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten, daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe, Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde. Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?

Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf Hunderttausende erstreckte.

Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson hätte ausarbeiten können.

Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen. Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu lassen.86

Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären. Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte, ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London’s erklärten ihre Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.87

Die Comprehensionsbill. Die Geschichte der Comprehensionsbill bildet einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche, welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.88

Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende Erklärung gesetzt: „Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das Regiment der Staatskirche England’s, wie sie gesetzlich bestehen, als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.“ Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten gleiche Begünstigung.

Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: „Empfange die Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England auszuüben.“ Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder Vikariats im Königreiche befähigt.

Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu empfangen, es sitzend empfangen dürften.

Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen anzuempfehlen.

Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.89 Im Ausschusse aber zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab, welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete, der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile, wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre, gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte, nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King’s College zerbrochen werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen? Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen, einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde, weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir, indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen, zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen und glänzenden Götzendienst Rom’s überzugehen?

Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob’s I. die große Partei, welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen, das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht, daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung, welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung billigten, sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt hätten.90

Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete, ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen. Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.

Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung. Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen Sachsen’s erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen, endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16. Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein, daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung, diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich, daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde.

Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City. Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein, oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre, oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da gelassen zu werden wünschte wo er war.91

In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.

Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen, welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage von hoher Wichtigkeit.

Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide. Die seitherigen Huldigungs- und Suprematseide enthielten einige Ausdrücke, welche den Whigs stets mißfallen hatten, und wieder andere, welche Tories, die der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren, für unanwendbar auf Fürsten hielten, welche das erbliche Recht nicht besaßen. Die Convention hatte daher, als der Thron noch erledigt war, die Huldigungs- und Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute unsrem Souverain unsre Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die Convention in ein Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider Häuser vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand. Die eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis war in eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als nothwendig erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, welche die alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von wem die neuen Eide geleistet werden sollten.

Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause aus. Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1. August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten, dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören. Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche entgegensehen.

Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament überhaupt befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei Strafe der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische Macht, sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der Apostel an seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der Mensch nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament kritzeln und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren könnten den Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der physischen Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung festgesetzt habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- und Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung festgesetzt, nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil werden lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig von den Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die Namen der Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni nennen, aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne im Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin’s sitzen, Euer Gnaden genannt werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz der Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk wunderbarerweise an’s Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten worden sei und daß daher die Handlung Salomo’s kein Präcedenzfall sei, der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof abzusetzen.92

Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus der Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England’s ihrer Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von 1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker, welche eine Vertheidigung Elisabeth’s auffinden sollten, die nicht auch eine Vertheidigung Wilhelm’s war. Einige Zeloten gaben allerdings den eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen, zwischen denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied war, und gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu rechtfertigen seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand beunruhigen, denn wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch gewesen sei, so sei sie doch wieder katholisch geworden, als die von Elisabeth abgesetzten Bischöfe aufgehört hätten zu leben.93 Die Tories waren indessen nicht allgemein geneigt zuzugeben, daß die Religionsgesellschaft, an der sie mit Liebe hingen, aus einem ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden sei. Sie faßten daher tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten die Frage als eine Frage der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen viel von dem Danke, den die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von dem Muthe und der Treue, womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum jüngsten Diakonus, neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem in allen hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden gewesen war, der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem schwarzen Freitage, an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den Segenswünschen und dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge durch das Wasserthor des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die Geistlichkeit, trotz aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan habe, was sie ihrer Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die Freiheit und die Religion England’s gerettet. Müsse man nicht Nachsicht gegen sie üben, wenn sie sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie ihrer festen Überzeugung nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was ist für Gefahr dabei, sagte man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? Kein Mensch wird so albern sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten solle, gegen die Regierung zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. Sie stehen unter dem Gesetze wie andere Leute. Machen sie sich des Verraths schuldig, so hänge man sie auf. Machen sie sich der Empörung schuldig, so lege man ihnen Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. Unterlassen sie bei ihrem öffentlichen Gottesdienste für den König Wilhelm, für die Königin Marie und für das unter diesen allerreligiösesten Souverainen versammelte Parlament zu beten, so bringe man die Strafbestimmungen der Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das noch nicht, so ermächtige man Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen die Eide zu verlangen, und werden die Eide verweigert, so möge Absetzung erfolgen. Auf diese Weise kann jeder eidverweigernde Bischof oder Pfarrer, der zwar gesetzlich nicht zu überführen ist, doch aber in dem Verdachte steht, gegen die bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, zu schreiben und zu sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum aber darauf bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu vertreiben, der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein Wort ausspricht und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus vollem Herzen um einen Segen für die von der Vorsehung über ihn gesetzten Regenten fleht, der aber einen Eid nicht leisten will, durch welchen er dem Volke das Recht zuzugestehen glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß Alles was nothwendig ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des Fürsten preisgeben, dem sie Treue zu schwören sich weigern. Ist er geneigt, sich ihre Scrupel gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer Vorurtheile, als unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft betrachten, wer hat ein Recht, sich darüber zu beklagen?

Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre vom passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher Tyrannei schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel’s, Sidney’s und jedes muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben, sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten, auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster, Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte, der den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat Niemand ein Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu schwören, soll Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche denen eines hohen Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei überflüssig, von einem Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er bestraft werden könne, wenn er die Gesetze übertrete. Warum wendet man das nämliche Argument nicht auch zu Gunsten der Laien an? Und warum trägt der Geistliche Bedenken, die Eide zu leisten, wenn es sein ernster Wille ist, die Gesetze zu beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor, Wilhelm und Marien als König und Königin zu bezeichnen, dies an der heiligsten Stätte und bei Ausübung des feierlichsten aller religiösen Gebräuche zu thun. Das Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine besondere Vorsehung über dem erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind besiegen und daß sein Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden möge, diejenigen Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine Ehre und sein Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein Gewissen ihm gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen, daß er ein treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle?

Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave Frankreich’s und Rom’s sein will, das größte Interesse hat. In einem solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken, sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten, bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.94

So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte, daß es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen. Der Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum ersten Male verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu verfügen, um zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom Throne herab zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch, daß sie einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu modificiren, daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich würden.95 Man wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen willfahrte, Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse derselben zu lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid leisteten. Sein Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft das Lob der Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen Unterthanen Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk seiner eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger Klugheit als Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war, so war Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,96 den er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können, daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte. Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten: das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war daß die Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden.

Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben, eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen. Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden, beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs, welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden. Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.97 Im Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand, daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser Gelegenheit abwesend waren.98

Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte über die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, daß dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die Liturgie und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen vorzuschlagen. Über diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast Alle eines Sinnes. Sie waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. Warum, fragten sie, sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit dieser Revision beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur englischen Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, würden Laien über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu entscheiden haben. Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders als durch die Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen abgeändert werden. Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien Laien, und die Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien. Sei es nicht widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in einer Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in letzter Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste des Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer besonderen Kaste, und dieser Kaste allein, eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit in geistlichen Dingen verliehen sei, daß Männer wie Selden, wie Hale, wie Boyle, weniger competent seien, über eine Collecte oder einen Glaubensartikel ein Urtheil abzugeben, als der jüngste und einfältigste Kaplan, der in einem abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und Beilkespielen hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische Macht, sei es eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in Dingen, welche menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie sicherlich ein eben so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die anglikanische Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein menschlichen Ursprungs seien, erkenne das Parlament an, indem es die Revision und Verbesserung derselben einer Commission übertrage. Wie könne man da behaupten, daß in einer solchen Commission der Laienstand, der eine so große Mehrheit der Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der Hauptzweck aller kirchlichen Einrichtungen sei und dessen unschuldige Neigungen bei Feststellung der öffentlichen Religionshandlungen sorgfältig zu Rathe gezogen werden müßten, nicht einen einzigen Vertreter zu haben brauche? Die Präcedenzfälle sprächen direct gegen diese gehässige Unterscheidung. Zu wiederholten Malen, seit das Licht der Reformation über England aufgegangen, seien durch ein Gesetz Commissionen ermächtigt worden, die Kirchengesetze zu revidiren, und bei jeder solchen Gelegenheit seien einige von den Commissaren Laien gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne man gegen den vorgeschlagenen Modus noch besondere Einwendungen machen, denn der Zweck der Maßregel sei die Verhöhnung der Dissenters, und es sei daher äußerst wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf deren Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das Schiedsrichteramt zu übertragen.

Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor, daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.99

Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. Hier würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden sein, wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt worden wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen auf den Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. Diejenigen Mitglieder, welche Nottingham’s Plane wohlwollten, sahen, daß sie in der Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, auf den Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke wurde ein Antrag gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem herkömmlichen Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine Convocation einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der Rath einer Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um Abänderungen in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In Folge des unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs während der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es diesmal keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem Könige rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, und daß das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden solle, bis der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und rechtmäßige Organ seine Meinung auszusprechen.

Notes in this chapter

Note 1 · Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von Holland House datirt. 68. Narcissus Luttrell’s Diary; Evelyn’s Diary, Feb. 25. 1689/90.Note 2 · De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile seines True Born Englishman folgendermaßen: Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen ANote 3 · Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten. Nachdem er in einem Schreiben vom 1.Note 4 · Burnet II. 4.; Reresby’s Memoirs. 72. Reresby’s Memoirs; Burnet MS. Harl. 6584. 73. Burnet II. 3, 4, 15. 74. Burnet II. 5. 75. Woher nimmt eNote 5 · Négociations de M. le Comte d’Avaux, 4. Mars 1683; Torcy’s Memoirs. 79. Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm und Heinsius ist holländiNote 6 · Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm’s gedruckten Buche vorkommen,Note 7 · Burnet II. 8.; Birch’s Life of Tillotson; Life of Kettlewell, part III. section 62. 82. Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum schrieb,Note 8 · Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham damals nicht abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber Oldmixon’s Behauptung, Note 9 · Commons’ Journals, May 17. 1689 87. Sense of the subscribed articles by the Ministers of London, 1690; Calamy’s Historical Additions to BaxtNote 10 · Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger Dokumente selbst von unse
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