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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band

Geschichte von England (continued 4)

Wilhelm Beseler translation

Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob’s erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt, nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen.

Jakob landet in Kinsale. Jakob traf am 5. März in Brest ein, ging hier an Bord eines Kriegsschiffs, der St. Michael genannt, und segelte binnen achtundvierzig Stunden ab. Er hatte indessen bis zu seiner Abreise vollauf Zeit einige von den Fehlern zu zeigen, durch die er England und Schottland verloren hatte und durch die er auch Irland zu verlieren im Begriff stand. Avaux schrieb aus dem Hafen von Brest, daß es wohl nicht leicht sein werde, irgend eine wichtige Angelegenheit in Gemeinschaft mit dem König von England durchzuführen. Se. Majestät sei nicht im Stande ein Geheimniß zu bewahren, denn selbst die Matrosen des St. Michael hätten ihn bereits Dinge sagen hören, welche nur für die Ohren seiner vertrautesten Freunde hätten aufgespart werden sollen.57

Die Reise ging glücklich und ohne Störung von statten und am Nachmittag des 12. März landete Jakob im Hafen von Kinsale. Die katholische Bevölkerung empfing ihn mit Äußerungen ungeheuchelter Freude, und die wenigen Protestanten, welche in diesem Theile des Landes geblieben waren, schlossen sich ihnen, vielleicht ebenfalls nicht unaufrichtig, zu seiner Begrüßung an. Denn obgleich ein Feind ihrer Religion, war er doch kein Feind ihrer Nation, und sie durften vernünftigerweise hoffen, daß auch der schlechteste König etwas mehr Achtung vor Gesetz und Eigenthumsrechten zeigen werde als die Merry Boys und Rapparees gezeigt hatten. Der Vikar von Kinsale befand sich auch unter Denen, die ihm ihre Aufwartung machten; er wurde vom Bischof von Chester vorgestellt und nicht unfreundlich aufgenommen.58

Jakob erfuhr, daß seine Sache gut stehe. In den drei südlichen Provinzen des Landes waren die Protestanten entwaffnet und durch den Schrecken so wirksam niedergehalten, daß er von ihrer Seite nichts zu fürchten hatte. Im Norden zeigte sich ein Schein von Widerstand; aber Hamilton war im Anrücken gegen die Mißvergnügten, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß sie leicht überwältigt werden würden. Ein Tag ward in Kinsale darauf verwendet, die Waffen und Munitionsvorräthe in Sicherheit zu bringen; nicht ohne Schwierigkeit verschaffte man sich die zur Beförderung einiger Reisenden nöthige Anzahl Pferde, und am 14. März brach Jakob nach Cork auf.59

Jakob’s Einzug in Cork. Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die Straße, durch welche er in diese Stadt einzog, die geringste Ähnlichkeit gehabt habe mit dem stattlichen Zugange, der den Reisenden des 19. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt. Gegenwärtig nimmt Cork, obwohl noch durch manche häßliche Überbleibsel aus früherer Zeit verunziert, unter den Hafenplätzen des Reichs keine geringe Stelle ein. Der Schiffsverkehr ist mehr als halb so stark als der Schiffsverkehr London’s zur Zeit der Revolution war. Der Ertrag der Zölle übersteigt das ganze Einkommen, welches das gesammte Königreich Irland in den ruhigsten und blühendsten Zeiten den Stuarts lieferte. Die Stadt besitzt breite und schön gebaute Straßen, reizende Gärten, einen korinthischen Porticus, der einem Palladio Ehre machen würde, und ein gothisches Collegium, das würdig wäre in High Street zu Oxford zu stehen. Im Jahre 1689 nahm die Stadt etwa den zehnten Theil der Bodenfläche ein, den sie jetzt bedeckt und war von schlammigen Wassergräben durchschnitten, welche längst überwölbt und bebaut sind. Ein öder Sumpf, in welchem der Jäger, der den Wasservögeln nachstellte, bei jedem Schritte tief in Wasser und Schlamm einsank, bedeckte das Areal, auf dem jetzt stattliche Gebäude und die Paläste großer Handelsgesellschaften stehen. Damals gab es nur eine einzige Straße, in der zwei Wagen einander ausweichen konnten. Von dieser Straße gingen zu beiden Seiten enge Gäßchen aus, schmutziger und übelriechender als selbst Diejenigen sich vorstellen können, die sich ihre Begriffe von Elend nach den ärmlichsten Theilen der Stadtviertel St. Giles und Whitechapel gebildet haben. Eines dieser Gäßchen, das vergleichsweise nicht mit Unrecht Broad Lane genannt wird, ist zehn Fuß breit. Aus diesen Straßen, gegenwärtig Sitzen von Hunger und Krankheit, die man der Hefe der Gesellschaft überlassen hat, strömten die Bürger herbei, um Jakob zu bewillkommnen. Er wurde von Macarthy, der in Munster das Obercommando führte, mit militärischen Ehren empfangen.

Es war dem Könige unmöglich, sofort nach Dublin weiter zu reisen, denn die südlichen Grafschaften waren durch das Gesindel, welches die Priester zu den Waffen gerufen hatten, so vollständig verwüstet, daß die Transportmittel nicht leicht zu beschaffen waren. Pferde waren eine Seltenheit geworden; in einem großen Districte gab es nur zwei Wagen und diese erklärte Avaux für unbrauchbar. Es dauerte mehrere Tage, bis das von Frankreich mitgebrachte Geld, obwohl eben keine so ungeheure Masse, die paar Meilen Wegs, welche Cork von Kinsale trennten, mühsam transportirt werden konnte.60

Während der König und sein Kriegsrath sich bemühten, Wagen und Pferde aufzutreiben, kam Tyrconnel von Dublin an. Seine Berichte lauteten ermuthigend. Den Widerstand Enniskillen’s scheint er für kaum der Beachtung werth gehalten zu haben. Londonderry, sagte er, sei der einzige wichtige Punkt, den die Protestanten im Besitz hätten, und selbst Londonderry werde sich seiner Ansicht nach nur wenige Tage halten können.

Reise Jakob’s von Cork nach Dublin. Endlich war Jakob im Stande sich von Cork nach der Hauptstadt zu begeben. Unterwegs machte der kluge und wachsame Avaux mancherlei Bemerkungen. Zuerst ging die Reise durch wildes Hochland, wo man sich nicht wundern durfte, nur wenige Spuren von Kunst und Industrie zu finden. Von Kilkenny aber bis vor die Thore von Dublin führte der Weg durch eine wellenförmige Ebene mit reicher natürlicher Vegetation. Dieser fruchtbare Distrikt hätte mit Viehheerden, mit Gemüsegärten und mit Kornfeldern bedeckt sein sollen, war aber eine unbebaute und unbevölkerte Wüste. Selbst in den Städten gab es nur wenig Handwerker. Manufacte waren kaum zu sehen, und wo sich solche fanden, waren sie nur zu enormen Preisen zu erlangen.61 Dies Alles kam daher, weil die meisten englischen Einwohner geflüchtet und Kunst, Industrie und Kapital mit ihnen gegangen waren.

Jakob erhielt auf seiner Reise vielfache Beweise von der Bereitwilligkeit des Landvolks, aber es waren Beweise, welche Männern, die an den Höfen Frankreich’s und England’s erzogen waren, sonderbar und unheilverkündend vorkommen mußten. Auf den Feldern sah man wenig Arbeiter; auf der Landstraße aber wimmelte es von mit Skeans, Knütteln und Halbpiken bewaffneten Rapparees, welche herbeiströmten, um den Befreier ihres Stammes zu sehen. Die Straße hatte ungefähr das Aussehen, als ob ein Jahrmarkt auf derselben gehalten würde. Spielleute kamen herbei und musicirten vor ihm in einer Weise, die sich stark von der der französischen Oper unterschied, und die Dorfbewohner führten nach dieser Musik wilde Tänze auf. Lange Friesmäntel, ähnlich denen, welche Spenser hundert Jahre früher als zu Lagerdecken für Rebellen und zu Mänteln für Diebe geeignet beschrieben hatte, waren auf den Weg gebreitet, den die Cavalcade ziehen mußte, und Kränze, in denen Krautstrünke die Stelle der Lorbeern vertraten, wurden der königlichen Hand dargereicht. Die Weiber wollten durchaus Se. Majestät küssen; aber sie müssen wenig Ähnlichkeit mit ihren heutigen Nachkommen gehabt haben, denn diese Aufmerksamkeit war ihm so widerlich, daß er seinem Gefolge befahl, sie in gemessener Entfernung zu halten.62

Am 24. März zog er in Dublin ein. Diese Stadt war damals nach Umfang und Einwohnerzahl die zweite auf den britischen Inseln. Sie bestand aus sechs- bis siebentausend Häusern und hatte wahrscheinlich über dreißigtausend Einwohner.63 An Wohlstand und Schönheit stand jedoch Dublin vielen englischen Städten nach. Von den eleganten und prächtigen Gebäuden, welche gegenwärtig beide Seiten des Liffey zieren, war damals noch kaum eines nur projectirt. Die Universität, ein Gebäude, das ganz anders aussah als das, welches sich jetzt auf der nämlichen Stelle erhebt, lag völlig außerhalb der Stadt.64 Der Flächenraum, den jetzt Leinster House und Charlemont House, Sackville Street und Merrion Square einnehmen, war eine unbebaute Wiese. Die meisten Wohnhäuser waren von Holz und haben längst massiveren Gebäuden Platz gemacht. Das Schloß war 1686 fast unbewohnbar gewesen. Clarendon hatte sich bitter beklagt, daß er keinen Gentleman in Pall Mall kenne, der nicht eine bequemere und freundlichere Wohnung habe, als der Vicekönig von Irland. Keine öffentliche Ceremonie könne unter dem viceköniglichen Dache auf anständige Weise abgehalten werden. Obgleich fortwährend neue Glasscheiben und Ziegel eingesetzt würden, dringe der Regen doch beständig in die Zimmer.65 Tyrconnel hatte, seit er Vicekönig war, ein etwas bequemeres neues Gebäude aufführen lassen. Nach diesem Gebäude wurde der König mit festlichem Gepränge durch den südlichen Theil der Stadt geführt. Man hatte Alles aufgeboten, um dem Stadttheile, durch den er kommen mußte, einen festlichen und glänzenden Anstrich zu geben. Die gewöhnlich mit tiefem Koth bedeckten Straßen waren mit Sand und mit Zweigen und Blumen bestreut. Draperien und Teppiche hingen aus den Fenstern Derer, welche die Mittel zu solchem Luxus besaßen. Die Ärmeren ersetzten die kostbaren Stoffe durch Betttücher und Überzüge. Hier stand ein Trupp Mönche mit einem Kruzifix, dort eine Schaar von vierzig weißgekleideten Mädchen mit Blumensträußern, Stadtpfeifer und Harfner spielten die Melodie des Liedes: „The King shall enjoy his own again.“ Der Vicekönig trug das Staatsschwert vor seinem Gebieter her. Die Richter, die Herolde, der Lord Mayor und die Aldermen erschienen in dem ganzen Pomp ihrer Amtswürde. Zu beiden Seiten waren Soldaten aufgestellt, um die Passage frei zu halten. Eine Reihe von zwanzig Karossen, welche öffentlichen Beamten gehörten, folgte dem Zuge. Vor dem Eingange ins Schloß kam dem Könige die Hostie unter einem von vier Bischöfen seiner Kirche getragenen Baldachin entgegen. Als er derselben ansichtig wurde, kniete er nieder und betete eine Weile. Dann erhob er sich wieder und ward in die Kapelle seines Palastes geführt, einst — so sonderbar ist der Wechsel alles Irdischen — die Reitbahn Heinrich Cromwell’s. Hier wurde zur Feier der Ankunft Sr. Majestät ein Te Deum abgehalten. Am folgenden Morgen hielt er eine Geheimrathssitzung, entband den Oberrichter Keating von jedem ferneren Besuche des Staatsraths, ließ Avaux und den Bischof Cartwright vereidigen und erließ eine Proklamation, welche auf den 7. Mai ein Parlament nach Dublin berief.66

Unzufriedenheit in England. Als die Nachricht von Jakob’s Ankunft in Irland in London eintraf, war die Angst und Bestürzung groß und mit ernster Unzufriedenheit gemischt. Der große Haufe, der den Schwierigkeiten, welche Wilhelm von allen Seiten umgaben, nicht hinreichend Rechnung trug, tadelte laut seine Sorglosigkeit. Allen Schmähungen der Unwissenden und Böswilligen setzte er, seiner Gewohnheit nach, nur eine unerschütterlich ernste Ruhe und das Stillschweigen der tiefsten Verachtung entgegen. Aber Wenige waren von der Natur mit einem so festen Character begabt wie der seinige und noch Wenigere hatten eine so lange und so harte Schule durchgemacht. Die Vorwürfe, welche seine von Jugend auf durch beide Extreme des Geschicks geprüfte Seelenstärke nicht zu erschüttern vermochten, schlugen einem weniger entschlossenen Herzen eine tiefe Wunde.

Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst eine Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, und sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät sich von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging ein Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und befahl, ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der Tasche, schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier nebst einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch den dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in’s Wasser und verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: „Meine Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. — Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. — Möge er in seinen Unternehmungen glücklich sein. — Möge der Himmel ihm seinen Segen geben.“ Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der Leichnam wurde bald gefunden und als der Johann Temple’s erkannt. Er war jung und hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue des Dieners unerträglich machte.67

Parteispaltungen im Dubliner Schlosse. Doch so groß auch die Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde, waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr Hader und Intriguen zerrissen als solche innerhalb der Mauern des Dubliner Schlosses zu finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, welche ihren Ursprung in der Habgier, der Eifersucht und der Böswilligkeit Einzelner hatten, sind kaum der Erwähnung werth. Aber es bestand eine Ursache zu Zwiespalt, welche zu wenig beachtet worden ist und durch die sich Vieles erklären läßt, was in der Geschichte der damaligen Zeiten für räthselhaft gehalten wurde.

Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg, Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III. gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder Braunschweig.

Die Gesinnungen des irischen Jakobiten waren ganz andrer, und man muß es offen gestehen, edlerer Art. Die gestürzte Dynastie galt ihm nichts. Es war ihm nicht, wie dem Cavalier von Cheshire oder Shropshire, von der Wiege an gelehrt worden, treue Anhänglichkeit an jene Dynastie als die erste Pflicht eines Christen und eines Edelmannes zu betrachten. Alle seine Familientraditionen, alle Lehren, die er von seiner Amme und von seinen Priestern empfangen, hatten eine ganz andre Tendenz gehabt. Er war dazu angehalten worden, die fremden Beherrscher seines Vaterlandes mit dem Gefühle zu betrachten, mit dem der Jude Caesar, der Schotte Eduard I., der Castilianer Joseph Bonaparte, der Pole den russischen Autokraten betrachtet. Der hochadelige Milesier bildete sich etwas darauf ein, daß vom 12. bis zum 17. Jahrhundert jede Generation seiner Familie gegen die englische Krone unter Waffen gestanden hatte. Seine ältesten Ahnen hatten gegen Fitzstephen und De Burgh gekämpft, sein Urgroßvater hatte die Soldaten Elisabeth’s in der Schlacht am Blackwater geschlagen. Sein Großvater hatte mit O’Donnel gegen Jakob I. conspirirt. Sein Vater hatte unter Phelim O’Neil gegen Karl I. gefochten. Die Confiscation des Familiengutes war durch eine Acte Karl’s II. bestätigt worden. Kein Puritaner, der von Laud vor die Hohe Commission citirt worden war, der unter Cromwell bei Naseby gekämpft, der kraft der Conventikelacte verfolgt worden war und der sich wegen seiner Betheiligung an dem Ryehousecomplot hatte verbergen müssen, war dem Hause Stuart weniger zugethan als die O’Hara und die Macmahon, von deren Unterstützung das Schicksal dieses Hauses jetzt abzuhängen schien.

Der feststehende Vorsatz dieser Männer war, das fremde Joch abzuschütteln, die sächsische Ansiedelung zu vertilgen, die protestantische Kirche zu zerstören und den Boden seinen früheren Eigenthümern zurückzugeben. Um diese Zwecke zu erreichen, würden sie sich ohne das mindeste Bedenken gegen Jakob erhoben haben, und um diese Zwecke zu erreichen, erhoben sie sich für ihn. Die irischen Jakobiten wünschten daher keineswegs, daß er wieder in Whitehall regieren möchte, denn sie mußten nothwendig einsehen, daß ein Beherrscher von Irland, der zugleich Beherrscher von England war, die Verwaltung des kleinen und ärmeren Königreichs nicht lange würde in directem Widerspruch mit der Gesinnung des größeren und reicheren leiten wollen, und, wenn er auch gewollt hätte, nicht würde leiten können. Ihr eigentlicher Wunsch war, daß beide Kronen völlig getrennt werden und daß ihre Insel, ob unter Jakob oder ohne Jakob kümmerte sie wenig, einen abgesonderten Staat unter dem mächtigen Schutze Frankreich’s bilden möchte.

Während eine Partei im Staatsrathe zu Dublin Jakob als ein bloßes Werkzeug zur Durchführung der Befreiung Irland’s betrachtete, betrachtete eine andre Partei Irland als ein bloßes Werkzeug zur Herbeiführung der Restauration Jakob’s. In den Augen der englischen und schottischen Lords und Gentlemen, die ihn von Brest aus begleitet hatten, war die Insel, auf der sie gegenwärtig weilten, nichts als eine Brücke, auf der sie nach Großbritannien zu gelangen hofften. Sie waren noch ebensosehr Verbannte, als sie es in Saint-Germains gewesen, und sie hielten sogar Saint-Germains für einen viel angenehmeren Verbannungsort als das Dubliner Schloß. Sie sympathisirten nicht mit der eingebornen Bevölkerung der entlegenen und halb barbarischen Region, in die ein sonderbarer Zufall sie geführt. Ja sie waren sogar durch gemeinsame Abkunft wie durch gemeinsame Sprache mit der Colonie verbunden, deren Ausrottung der Hauptzweck der eingebornen Bevölkerung war. Sie hatten in der That, wie die große Masse ihrer Landsleute, die eingebornen Irländer mit höchst ungerechter Verachtung angesehen, weil sie sie als den anderen europäischen Nationen nicht nur an erworbenen Kenntnissen, sondern auch an natürlicher Intelligenz und natürlichem Muth nachstehend, kurz als geborne Gibeoniten betrachteten, gegen die man sich sehr liberal gezeigt, indem man ihnen erlaubt hatte, für ein klügeres und mächtigeres Volk Holz zu hauen und Wasser zu tragen. Diese Politiker meinten auch — und darin hatten sie unzweifelhaft Recht — daß, wenn es der Endzweck ihres Gebieters sei, den englischen Thron wieder zu erlangen, es Wahnsinn von ihm sein würde, sich der Führung der O und der Mac zu überlassen, welche England mit tödtlicher Feindschaft betrachteten. Ein Gesetz, das die irische Krone für unabhängig erklärte, ein Gesetz, das Mitren, Kirchengüter und Zehnten von der protestantischen auf die katholische Kirche übertrug, ein Gesetz, das zehn Millionen Acker Land von den Sachsen auf die Celten übertrug, würde, in Clare und Tipperary ohne Zweifel mit lautem Beifall aufgenommen werden. Aber welchen Eindruck würden diese Gesetze in Westminster, welchen in Oxford gemacht haben? Es wäre eine traurige Politik gewesen, sich Männer wie Clarendon und Beaufort, Ken und Sherlock zu entfremden, um den Beifall der Rapparees vom Allen-Moor zu erlangen.68

So lagen die englischen und irischen Factionen im Rathe zu Dublin in einem Streite, der keine gütliche Beilegung zuließ. Avaux betrachtete inzwischen diesen Streit aus einem ihm ganz eigenthümlichen Gesichtspunkte. Sein Ziel war weder die Emancipation Irland’s, noch die Wiedereinsetzung Jakob’s, sondern die Größe der französischen Monarchie. Auf welchem Wege dieses Ziel am besten erreicht werden konnte, war allerdings ein sehr schwieriges Problem. Ein französischer Staatsmann mußte unzweifelhaft eine Contrerevolution in England wünschen. Eine solche Contrerevolution mußte nothwendig zur Folge haben, daß die Macht, welche Frankreich’s furchtbarster Feind war, sein treuester Bundesgenosse wurde, daß Wilhelm zur Bedeutungslosigkeit herabsank und daß die europäische Coalition, deren Haupt er war, sich auflöste. Aber welche Aussicht war auf eine solche Contrerevolution? Die englischen Verbannten hofften allerdings, wie alle Verbannten, zuversichtlich auf eine baldige Rückkehr in ihr Vaterland. Jakob rühmte sich laut, daß seine Unterthanen jenseit des Kanals, obgleich durch die verführerischen Worte Religion, Freiheit und Eigenthum auf einen Augenblick irre geleitet, ihm im Grunde aufrichtig zugethan seien und sich um ihn schaaren würden, sobald er in ihrer Mitte erschiene. Aber der kluge Gesandte bemühte sich vergebens, einen haltbaren Grund für diese Hoffnungen zu entdecken. Er wußte gewiß, daß sie sich nicht auf eine aus irgend welchem Theile Großbritanniens angelangte Nachricht stützten und er betrachtete sie lediglich als Träume eines schwachen Geistes. Er hielt es für unwahrscheinlich, daß der Usurpator, dessen Talent und Entschlossenheit er während eines zehnjährigen ununterbrochenen Kampfes würdigen gelernt hatte, sich den durch so gewaltige Anstrengungen und durch so gelehrte Combinationen errungenen großen Preis leicht wieder werde entreißen lassen. Es mußte daher erwogen werden, welches Arrangement für Frankreich am vortheilhaftesten sein würde, im Fall es sich als unmöglich herausstellte, Wilhelm aus England zu vertreiben. Und es lag auf der Hand, daß, wenn Wilhelm nicht aus England vertrieben werden konnte, das für Frankreich vortheilhafteste Arrangement das sein mußte, welches man anderthalb Jahre früher, als Jakob keine Aussicht auf einen männlichen Erben hatte, im Sinne gehabt. Irland mußte von der englischen Krone losgetrennt, von den englischen Colonisten gesäubert, wieder mit der römischen Kirche vereinigt, unter den Schutz des Hauses Bourbon gestellt und in allen Beziehungen, den Namen ausgenommen, zu einer französischen Provinz gemacht werden. Im Kriege standen dann seine Hülfsquellen seinem Schutzherrn zur unumschränkten Verfügung; es lieferte seinem Heere Rekruten, bot seiner Flotte schöne Häfen dar, welche alle großen westlichen Kanäle des englischen Handels beherrschten, und die starke nationale und religiöse Antipathie, mit der seine eingeborne Bevölkerung die Bewohner der Nachbarinsel betrachtete, war eine hinreichende Garantie für ihre Treue gegen die Regierung, welche allein sie gegen die Sachsen schützen konnte.

Im Ganzen genommen schien es daher Avaux, daß von den beiden Parteien, in welche der Dubliner Geheimrath gespalten war, die irische Partei diejenige sei, welche zu unterstützen im Interesse Frankreich’s lag. In Folge dessen verband er sich innig mit den Häuptern dieser Partei, erlangte von ihnen die vollständigsten Aufschlüsse über Alles was sie beabsichtigten, und war bald im Stande seiner Regierung zu berichten, daß die Gentry sowohl als das gemeine Volk durchaus nicht abgeneigt seien, französisch zu werden.69

Die Ansichten Louvois’, unstreitig des größten Staatsmannes, den Frankreich seit Richelieu hervorgebracht hatte, scheinen mit denen Avaux’ völlig übereingestimmt zu haben. Das Beste, schrieb Louvois, was König Jakob thun könne, sei, zu vergessen, daß er in Großbritannien regiert habe, und nur daran zu denken, Irland in eine gute Verfassung zu bringen und sich darin festzusetzen. Ob dies das wirkliche Interesse des Hauses Stuart war, darf wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber war es das wirkliche Interesse des Hauses Bourbon.70

Über die schottischen und englischen Verbannten, und besonders über Melfort, ließ sich Avaux beständig mit einer Schärfe aus, die man von einem so einsichtsvollen und erfahrenen Manne kaum hätte erwarten sollen. Melfort befand sich in einer eigenthümlich unglücklichen Lage. Er war ein Renegat, er war ein Todfeind der Freiheiten seines Vaterlandes, er besaß einen schlechten und tyrannischen Character, und doch war er in gewissem Sinne ein Patriot. Die Folge davon war, daß er allgemeiner verabscheut wurde als irgend einer seiner Zeitgenossen. Denn während sein Abfall und seine Willkürherrschaftsmaximen ihn zum Gegenstande des Abscheus für England und Schottland machten, wurde er wegen seiner ängstlichen Sorge für das Ansehen und die Integrität des Reichs auch von den Irländern und Franzosen verabscheut.

Die erste zu entscheidende Frage war, ob Jakob in Dublin bleiben, oder ob er sich an die Spitze seiner Armee in Ulster stellen sollte. Über diese Frage geriethen die irischen und die britischen Factionen hart aneinander. Auf beiden Seiten wurden Gründe von keinem besonderen Gewicht geltend gemacht, denn keine der beiden Parteien wagte es, sich unumwunden darüber auszusprechen. Der eigentliche streitige Punkt war, ob der König in irischen oder in britischen Händen sein sollte. Blieb er in Dublin, so war es ihm kaum möglich, irgend einer Bill, die ihm von dem Parlament, welches er dahin berufen, vorgelegt wurde, seine Zustimmung zu verweigern. Er war dann gezwungen, unschuldige protestantische Gentlemen und Geistliche zu Hunderten zu berauben, vielleicht gar zu verurtheilen, und dadurch mußte er seiner Sache jenseit des St. Georgkanals nicht wieder gut zu machenden Schaden thun. Begab er sich hingegen nach Ulster, so war er nur wenige Segelstunden von Großbritannien entfernt. Sobald Londonderry gefallen war, und man war allgemein der Ansicht, daß es sich nicht lange werde halten können, konnte er sich mit einem Theile seiner Truppen einschiffen und in Schottland landen, wo seine Freunde für zahlreich gehalten wurden. War er aber einmal auf britischem Boden und unter britischen Anhängern, so lag es nicht mehr in der Macht der Engländer, seine Zustimmung zu ihren Beraubungs- und Racheplänen zu erzwingen.

Jakob beschließt nach Ulster zu gehen. Die Debatten im Staatsrathe waren lang und heiß. Tyrconnel, der eben zum Herzog erhoben worden war, rieth seinem Gebieter in Dublin zu bleiben. Melfort drang in Se. Majestät, daß er nach Ulster gehen solle. Avaux bot seinen ganzen Einfluß zur Unterstützung Tyrconnel’s auf; aber Jakob, dessen persönliche Neigung natürlich für die britische Seite der Frage war, beschloß dem Rathe Melfort’s zu folgen.71 Avaux fühlte sich tief gekränkt. In seinen officiellen Schreiben drückte er mit großer Bitterkeit seine Verachtung des Characters und des Verstandes des Königs aus. Über Tyrconnel, welcher gesagt hatte, er verzweifle an dem Glückssterne Jakob’s und die eigentliche Frage schwebe zwischen dem Könige von Frankreich und dem Prinzen von Oranien, sprach sich der Gesandte in Worten aus, die ein warmes Lob sein sollten, aber vielleicht mit mehr Recht ein Tadel genannt werden dürften. „Wenn er ein Franzose wäre, könnte er keinen größeren Eifer für die Interessen Frankreich’s an den Tag legen.“72 Dagegen wurde Melfort’s Benehmen mit einem Tadel bedacht, der einem Lobspruche sehr ähnlich steht: „Er ist weder ein guter Irländer, noch ein guter Franzos. Alle seine Neigungen concentriren sich auf sein Vaterland.“73

Jakob’s Reise nach Ulster. Da der König nun einmal beschlossen hatte, nach dem Norden zu gehen, so hielt Avaux es nicht für gerathen zurückzubleiben. Die königliche Reisegesellschaft brach auf, Tyrconnel in Dublin zurücklassend, und kam am 13. April in Charlemont an. Es war eine sonderbare Reise. Längs des ganzen Weges war das Land von der betriebsamen Bevölkerung verlassen und durch Räuberbanden verwüstet. „Es ist als wenn man durch die Wüsten Arabiens reiste,“ sagte einer der französischen Offiziere.74 Was die Colonisten nur irgend hatten fortbringen können, befand sich in Londonderry oder Enniskillen. Das Übrige war gestohlen oder vernichtet. Avaux schrieb seinem Hofe, daß er mehrere Meilen weit nach Heu für seine Pferde habe schicken müssen. Kein Landmann wagte es, etwas zum Verkauf zu bringen, aus Furcht daß es ihm unterwegs von einem Herumstreicher abgenommen werden möchte. Einmal mußte der Gesandte die Nacht in einer elenden Schenkstube voll rauchender Soldaten, ein andermal in einem demolirten Hause ohne Fenster oder Läden zum Schutze gegen den Regen zubringen. In Charlemont erlangte man mit großer Mühe und nur durch besondere Gunst einen Sack Hafermehl für die französische Gesandtschaft. Weizenbrot gab es nur auf der Tafel des Königs, der ein wenig Mehl von Dublin mitgenommen und dem Avaux einen Diener geliehen hatte, welcher das Backen verstand. Wer die Ehre hatte, zur königlichen Tafel geladen zu werden, bekam Brot und Wein zugemessen. Jeder Andre, so vornehm er immer sein mochte, aß Haferbrot und trank Wasser oder ein abscheuliches Bier, das aus Hafer, anstatt aus Gerste gebraut und mit einem namenlosen Kraute an Stelle des Hopfens gewürzt war.75 Und die Fama sagte, daß die Gegend zwischen Charlemont und Strabane noch verödeter sein sollte als die Gegend zwischen Dublin und Charlemont. Es war unmöglich, einen großen Vorrath von Proviant mit sich zu führen. Die Wege waren so schlecht und die Pferde so schwach, daß die Baggagewagen alle weit zurückgeblieben waren. Es fehlte daher den Oberoffizieren der Armee an dem Nothwendigsten, und die Mißstimmung, eine natürliche Folge dieser Entbehrungen, wurde noch vermehrt durch die Theilnahmlosigkeit Jakob’s, der es gar nicht zu bemerken schien, daß es seinen Begleitern an dem nöthigen Comfort gebrach.76

Am 14. April reiste der König mit seinem Gefolge weiter nach Omagh. Es war regnerisch und windig, die Pferde vermochten kaum sich dem Sturme entgegen durch den Schmutz zu arbeiten, und der Weg war häufig von Gießbächen durchschnitten, welche fast Flüsse genannt werden konnten. Die Reisenden mußten mehrere Furthen passiren, wo das Wasser den Pferden bis an die Brust ging. Einige von der Gesellschaft waren ganz erschöpft von Hunger und Anstrengung. Das ganze Land ringsumher war eine grauenvolle Wildniß. Auf einer Strecke von vierzig Meilen zählte Avaux nur drei elende Hütten. Sonst war Alles Felsen, Sumpf und Moor. Als die Reisenden endlich Omagh erreichten, fanden sie es in Trümmern. Die Protestanten, welche die Mehrheit der Einwohner bildeten, waren geflohen und hatten kein Bund Stroh, kein Faß Branntwein zurückgelassen. Die Fenster waren zerbrochen, die Kamine zertrümmert, sogar die Schlösser und Riegel waren von den Thüren losgerissen.77

Avaux hatte nicht aufgehört, den König zur Rückkehr nach Dublin aufzufordern; aber seine Vorstellungen waren bisher erfolglos geblieben. Jakob’s Starrsinn war jedoch ein solcher, der mit männlicher Entschlossenheit nichts gemein hatte und über den zwar Vernunftgründe nichts vermochten, der aber durch Launen leicht zu erschüttern war. In Omagh erhielt er am Morgen des 16. April Briefe, die ihn sehr besorgt machten. Er erfuhr, daß ein starkes Corps Protestanten in Strabane unter Waffen stand und daß unweit der Mündung des Foylesees englische Kriegsschiffe gesehen worden waren. Drei Boten wurden in einer Minute an Avaux abgeschickt, um ihn in das verfallene Gemach zu bescheiden, in welchem das königliche Bett aufgeschlagen worden. Hier kündigte Jakob, halb angekleidet und mit der Miene eines Mannes, den ein vernichtender Schlag getroffen, ihm seinen Entschluß an, auf der Stelle nach Dublin zurückzueilen. Avaux vernahm diese Mittheilung mit Erstaunen und billigte den Entschluß des Königs. Melfort schien in völliger Verzweiflung zu sein. Die Reisenden kehrten also um und kamen spät am Abend wieder in Charlemont an. Hier empfing der König Depeschen ganz andren Inhalts wie die, welche ihn vor einigen Stunden erschreckt hatten. Die Protestanten, die sich bei Strabane gesammelt hatten, waren von Hamilton angegriffen worden. Unter einem rechtschaffenen Anführer würden sie wahrscheinlich Stand gehalten haben. Aber Lundy, der sie befehligte, hatte ihnen gesagt, daß Alles verloren sei, hatte ihnen geheißen, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und hatte ihnen selbst das Beispiel zur Flucht gegeben.78 In Folge dessen hatten sie sich in Unordnung nach Londonderry zurückgezogen. Die Correspondenten des Königs erklärten es für eine Unmöglichkeit, daß Londonderry sich halten könne. Se. Majestät brauche nur vor den Thoren zu erscheinen und sie würden augenblicklich geöffnet werden. Dies brachte Jakob wieder auf andere Gedanken, er machte sich Vorwürfe, daß er sich zur Rückkehr nach dem Süden hatte überreden lassen, und er bestellte seine Pferde, obgleich es schon spät Abends war. Die Pferde waren fast gänzlich erschöpft und ausgehungert; trotzdem aber wurden sie gesattelt. Melfort geleitete seinen Gebieter triumphirend ins Lager. Avaux erklärte nach erfolglosen Gegenvorstellungen, daß er entschlossen sei, nach Dublin zurückzukehren. Man darf annehmen, daß die großen Unbequemlichkeiten, die er bisher zu ertragen gehabt, einigen Antheil an diesem Entschlusse hatten, denn Klagen über diese Unbequemlichkeiten füllen einen großen Theil seiner Briefe, und in der That war auch der langjährige Aufenthalt in den Palästen Italiens, in den sauberen Zimmern und Gärten Holland’s und in den prächtigen Pavillons der pariser Vorstädte eine schlechte Vorbereitung auf die verfallenen Hütten von Ulster. Seinem Gebieter aber führte er für seine Weigerung, mit nach dem Norden zu gehen, einen gewichtigeren Grund an. Jakob’s Reise war im Widerspruch mit der einstimmigen Meinung der Irländer unternommen worden und hatte ernste Besorgnisse unter ihnen erweckt, sie fürchteten, daß er sie verlassen wolle, um eine Landung in Schottland zu versuchen, und sie wußten, daß er, war er einmal in Großbritannien gelandet, weder den Willen noch die Macht haben würde das zu thun, was sie am meisten wünschten. Indem sich nun Avaux weigerte, Jakob weiter zu begleiten, gab er ihnen einen Beweis, daß, wer sie auch sonst verrathen möchte, Frankreich ihr steter Freund bleiben werde.79

Während Avaux sich auf dem Rückwege nach Dublin befand, eilte Jakob nach Londonderry. Er fand seine Armee einige Meilen südlich von der Stadt concentrirt. In seinem Gefolge befanden sich die französischen Generäle, welche mit ihm von Brest abgesegelt waren, und zwei von ihnen, Rosen und Maumont, wurden über Richard Hamilton gestellt.80 Rosen war ein geborner Liefländer, der in früher Jugend ein Glückssoldat geworden, der sich zur Auszeichnung emporgekämpft hatte und der, obgleich ihm die den Hof von Versailles characterisirenden körperlichen und geistigen Vorzüge gänzlich abgingen, dennoch daselbst in hoher Gunst stand. Er besaß ein heftiges Temperament und rohe Manieren, und seine Sprache war ein seltsames Gemisch verschiedenartiger französischer und deutscher Dialecte. Selbst Diejenigen, welche die beste Meinung von ihm hegten und behaupteten, seine rauhe Außenseite berge einige gute Eigenschaften, mußten zugestehen, daß sein Äußeres gegen ihn sprach und daß es ihnen nicht angenehm sein würde, wenn sie im Dunklen an einem Waldsaume einer solchen Gestalt begegneten.81 Das Wenige, was man von Maumont weiß, gereicht ihm zur Ehre.

Der Fall Londonderry’s erwartet. Man erwartete im Lager allgemein, daß Londonderry ohne Schwertstreich fallen werde. Rosen prophezeite mit großer Zuversicht, der bloße Anblick der irischen Armee werde die Besatzung zur Übergabe bestimmen. Richard Hamilton aber, der den Character der Colonisten besser kannte, hatte schlimme Ahnungen. Eines wichtigen Bundesgenossen innerhalb der Mauern der Stadt waren die Belagerer gewiß. Der Gouverneur Lundy bekannte sich zwar zum protestantischen Glauben und hatte an der Proklamirung Wilhelm’s und Mariens Theil genommen, aber er stand in geheimer Communication mit den Feinden seiner Kirche und der Souveraine, denen er Treue geschworen. Einige haben vermuthet, daß er ein verkappter Jakobit gewesen sei, und sich die Revolution nur deshalb zum Schein habe gefallen lassen, um desto leichter eine Restauration herbeiführen zu helfen, doch ist es wahrscheinlich, daß sein Verhalten eher der Zaghaftigkeit und Geistesarmuth als dem Eifer für irgend eine öffentliche Sache zuzuschreiben ist. Er scheint den Widerstand für hoffnungslos gehalten zu haben, und in der That mußten die Vertheidigungsmittel Londonderry’s einem militärischen Auge kläglich vorkommen. Die Festungswerke bestanden aus einem mit Gras und Unkraut bewachsenen einfachen Walle; selbst vor den Thoren war kein Graben; die Zugbrücken waren seit langer Zeit vernachlässigt, die Ketten waren verrostet und kaum noch zu gebrauchen; die Brustwehren und Thürme waren nach einem Systeme erbaut, das Schülern Vauban’s wohl ein Lächeln abzwingen konnte, und diese schwachen Vertheidigungswerke waren fast auf jeder Seite von Anhöhen beherrscht. Die Erbauer der Stadt hatten allerdings nie daran gedacht, daß sie eine regelmäßige Belagerung auszuhalten haben würde, und hatten sich damit begnügt, Werke anzulegen, welche hinreichten, die Einwohner gegen einen tumultuarischen Angriff der celtischen Bauern zu schützen. Avaux versicherte Louvois, daß ein einziges französisches Bataillon solche Vertheidigungswerke leicht erstürmen werde. Und selbst wenn der Platz trotz aller dieser Nachtheile im Stande sein sollte, eine Armee zurückzuschlagen, welche von der Kenntniß und Erfahrung von Generälen, die unter Condé und Turenne gedient hatten, geführt würde, so müsse doch der Hunger den Kampf bald beendigen. Die Lebensmittelvorräthe seien gering und die Bevölkerung sei durch eine Menge von Colonisten, welche vor der Wuth der Eingebornen geflohen, um das Sieben- bis Achtfache der gewöhnlichen Zahl vermehrt worden.82

Lundy scheint daher von dem Augenblicke an, wo die irische Armee in Ulster einrückte, jeden Gedanken an einen ernsthaften Widerstand aufgegeben zu haben. Er sprach in einem so verzagten Tone, daß die Bürger und seine eignen Soldaten gegen ihn murrten. Er scheine es, sagten sie, darauf abgesehen zu haben, sie zu entmuthigen. Inzwischen rückte der Feind mit jedem Tage näher heran, und man erfuhr, daß Jakob selbst das Commando seiner Truppen zu übernehmen gedenke.

Es kommt Succurs aus England. Gerade in diesem Augenblicke zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Am 14. April gingen englische Schiffe in der Bai vor Anker. Sie hatten zwei Regimenter an Bord, welche unter den Befehlen eines Obersten, Namens Cunningham, zur Verstärkung der Garnison abgesandt worden waren. Cunningham und mehrere von seinen Offizieren kamen ans Land, um sich mit Lundy zu besprechen. Dieser rieth ihnen davon ab, ihre Mannschaften landen zu lassen, indem die Stadt sich nicht halten könne. Noch mehr Truppen hineinzuwerfen, würde daher schlimmer als nutzlos sein, denn je zahlreicher die Besatzung sei, um so mehr Gefangene würden dem Feinde in die Hände fallen. Die beiden Regimenter könnten nichts besseres thun als nach England zurückzukehren. Er gedenke, sagte er, heimlich auf und davon zu gehen, und die Einwohner müßten dann zusehen, wie sie unter möglichst vortheilhaften Bedingungen kapituliren könnten.

Verrätherei Lundy’s. Er ließ sich die Formalität eines Kriegsraths gefallen, von dem er aber alle diejenigen Offiziere ausschloß, deren Gesinnungen er als von den seinigen abweichend kannte. Einige, die sonst immer zu solchen Berathungen gezogen worden waren und die deshalb jetzt unaufgefordert kamen, wurden aus dem Zimmer gewiesen. Was der Gouverneur sagte, wurde von seinen Creaturen bestätigt. Cunningham und seine Kameraden durften es kaum wagen, ihre Ansicht der eines Mannes entgegenzusetzen, der natürlich viel bessere Lokalkenntniß hatte als sie und dem sie überdies zu gehorchen angewiesen waren. Einer der wackeren Soldaten erhob jedoch Einwürfe. „Bedenken Sie,“ sagte er, „Londonderry aufgeben heißt Irland aufgeben.“ Aber seine Einwendungen wurden mit Verachtung zurückgewiesen.83 Der Kriegsrath ging auseinander, Cunningham kehrte mit seinen Offizieren auf die Schiffe zurück und traf Anstalten zur Abreise. Unterdessen schickte Lundy heimlich einen Boten ins Hauptquartier des Feindes, mit der Versicherung, daß die Stadt auf die erste Aufforderung ohne Kampf übergeben werden würde.

Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen. Sobald aber das was im Kriegsrathe vorgegangen, in der Stadt ruchbar wurde, empörte sich der Geist der Soldaten und Bürger gegen den feigen und treulosen Anführer, der sie verrathen hatte. Viele von seinen eigenen Offizieren erklärten, daß sie sich nicht länger für verpflichtet hielten, ihm zu gehorchen. Drohende Stimmen ließen sich vernehmen, bald daß ihm der Hirnschädel eingeschlagen, bald daß er auf den Wällen der Stadt aufgehängt werden solle. Es wurde eine Deputation an Cunningham abgesandt, um ihn flehentlich zu bitten, das Commando der Stadt zu übernehmen. Er entschuldigte sich jedoch mit dem plausiblen Grunde, daß er Ordre habe, in allen Stücken den Befehlen des Gouverneurs Folge zu leisten.84 Inzwischen ging das Gerücht, daß Einer nach dem Andren von Lundy’s Vertrauten sich aus der Stadt stehle. Am Abend des 17. fand man, daß lange nach Einbruch der Dämmerung die Thore noch offen und die Schlüssel verschwunden waren. Die Offiziere, welche diese Entdeckung machten, nahmen es auf sich, die Parole zu ändern und die Wachen zu verstärken. Die Nacht ging jedoch ohne einen Angriff vorüber.85

Nach einigen angstvollen Stunden brach der Morgen an. Die Irländer mit Jakob an ihrer Spitze, waren jetzt nur noch vier Meilen von der Stadt entfernt. Es wurde nun ein tumultuarischer Kriegsrath der angesehensten Einwohner zusammenberufen. Einige von ihnen sagten dem Gouverneur mit Heftigkeit gerade ins Gesicht, daß er sie verrathen habe. Er habe sie, riefen sie aus, ihrem erbittertsten Feinde verkauft und habe die Truppen nicht eingelassen, die der gute König Wilhelm zu ihrer Vertheidigung gesandt habe. Während der Wortwechsel seinen Höhepunkt erreicht hatte, meldeten die auf den Wällen ausgestellten Schildwachen, daß die Vorhut der feindlichen Armee in Sicht sei. Lundy hatte Befehl gegeben, daß nicht gefeuert werden sollte, aber seine Autorität war zu Ende. Zwei tapfere Soldaten, Major Heinrich Baker und Kapitain Adam Murray, riefen das Volk zu den Waffen. Sie wurden unterstützt durch die Beredtsamkeit eines bejahrten Geistlichen, Georg Walker, Rectors der Gemeinde Donaghmore, der mit vielen seiner Amtsbrüder in Londonderry ein Asyl gesucht hatte. Die ganze Bevölkerung der überfüllten Stadt war von einem Gefühle beseelt. Soldaten, Gentlemen, Freisassen und Handwerker eilten auf die Wälle und bemannten die Geschütze. Jakob, der sich, des Sieges gewiß, dem südlichen Thore bis auf hundert Schritt genähert hatte, wurde mit dem Geschrei: „Keine Übergabe!“ und mit einer Kanonensalve von der nächsten Bastion empfangen. Ein Offizier von seinem Stabe fiel neben ihm todt nieder. Der König und seine Begleiter beeilten sich, aus dem Bereiche der Kanonenkugeln zu kommen. Lundy, der jetzt in der größten Gefahr schwebte, von denen die er verrathen hatte, in Stücken zerrissen zu werden, verbarg sich in einem entlegenen Gemache. Hier blieb er den Tag über, und während der Nacht entkam er unter dem großmüthigen und weisen Beistande Murray’s und Walker’s, als Lastträger verkleidet.86 Noch jetzt wird der Theil des Walles gezeigt, wo er sich herunterließ, und noch lebende Leute rühmen sich die Früchte eines Birnbaumes gekostet zu haben, der ihm das Herabsteigen erleichtert hatte. Sein Name ist noch heutigen Tages den Protestanten im Norden Irland’s ein Greuel und sein Bild wurde lange und wird vielleicht jetzt noch alljährlich mit ähnlichen Zeichen des Abscheus, wie sie in England dem Guy Faux zu Theil werden, aufgehängt und verbrannt.

Ihr Character. Jetzt war Londonderry ohne alle militärische wie bürgerliche Obrigkeit. Niemand in der Stadt hatte das Recht einem Andern zu befehlen, die Vertheidigungsmittel waren schwach, die Vorräthe gering, und ein wüthender Tyrann stand mit einer zahlreichen Armee vor den Thoren. Drinnen aber herrschte ein Geist, der oft in Augenblicken verzweifelter Bedrängniß das gesunkene Glück von Nationen wieder aufgerichtet hat. Obwohl verrathen und verlassen, desorganisirt, von Hülfsmitteln entblößt und von Feinden umringt, war die edle Stadt doch noch immer keine leichte Eroberung. Was auch ein Ingenieur von der Stärke ihrer Mauern halten mochte: hinter diesen Mauern war der intelligenteste, muthigste und hochsinnigste Theil der englischen Bevölkerung von Leinster und Nordulster versammelt. Die Anzahl der waffenfähigen Männer betrug siebentausend Mann, und die ganze Welt hätte nicht siebentausend Männer liefern können, welche besser geeignet gewesen wären, einer furchtbaren Nothwendigkeit mit klarem Urtheil, unerschütterlichem Muthe und trotziger Geduld die Stirn zu bieten. Sie waren sämmtlich Protestanten und der Protestantismus der Mehrzahl hatte eine puritanische Färbung. Sie hatten viel Ähnliches von der nüchternen, entschlossenen und gottesfürchtigen Klasse, aus welcher Cromwell sein unbesiegbares Heer gebildet. Die eigenthümliche Lage aber, in die sie versetzt waren, hatte einige Eigenschaften in ihnen entwickelt, die im Mutterlande vielleicht nicht zur Geltung gekommen sein würden. Die englischen Bewohner Irland’s waren eine aristokratische Kaste, die durch höhere Bildung, durch festes Zusammenhalten, durch rastlose Wachsamkeit und durch kaltblütige Unerschrockenheit in den Stand gesetzt worden war, eine zahlreiche und feindliche Bevölkerung in Unterwürfigkeit zu erhalten. Fast Jeder von ihnen war mehr oder weniger zu militärischen wie zu politischen Functionen herangebildet worden. Fast Jeder war mit dem Gebrauche der Waffen vertraut und gewohnt, an der Justizverwaltung Theil zu nehmen. Zeitgenössische Schriftsteller sagten, daß die Colonisten etwas von dem castilischen Stolze, aber nichts von der castilischen Indolenz hätten, daß sie ein ausgezeichnet reines und correctes Englisch sprächen und daß sie sowohl als Milizen wie als Geschworne hoch über ihres Gleichen im Mutterlande ständen.87 Leute in der Lage der Angelsachsen in Irland haben zu allen Zeiten eigenthümliche Fehler und eigenthümliche Tugenden gehabt, die Fehler und Tugenden von Herren im Gegensatz zu den Fehlern und Tugenden von Sklaven. Das Mitglied eines dominirenden Stammes ist in seinem Verkehr mit dem unterworfenen Stamme zwar selten falsch — denn Falschheit ist das Hülfsmittel des Schwachen — aber gebieterisch, anmaßend und grausam. Gegen seine Brüder aber zeigt er sich im allgemeinen gerecht, gütig und selbst edel. Seine Selbstachtung bestimmt ihn alle seinem Stamme Angehörenden zu achten. Sein Interesse treibt ihn an, ein gutes Einvernehmen mit Denen zu unterhalten, deren prompten, kräftigen und muthigen Beistand er vielleicht einmal zur Erhaltung seines Eigenthums und seines Lebens bedürfen kann. Er ist stets der Wahrheit eingedenk, daß sein persönliches Wohl von dem Übergewicht der Klasse abhängt, der er angehört. Dadurch wird selbst sein Egoismus zum Gemeinsinn, und dieser Gemeinsinn wird durch Sympathie, durch das Verlangen nach Beifall und durch die Furcht vor Entehrung zu wilder Begeisterung aufgestachelt. Denn die einzige Meinung, auf die er Werth legt, ist die Meinung seiner Standesgenossen, und ihrer Ansicht nach ist treue Hingebung für die gemeinsame Sache die heiligste aller Pflichten. Der so constituirte Character hat zwei Seiten. Von der einen Seite angesehen, muß er von jedem Rechtschaffenen und Unbefangenen mit Mißbilligung betrachtet werden. Von der andren Seite gesehen, erzwingt er sich unwiderstehlich Beifall. Der Spartaner erregt unsren Abscheu, wenn er den unglücklichen Heloten schlägt und mit Füßen tritt. Den nämlichen Spartaner können wir nicht ohne Bewunderung betrachten, wenn wir ihn an dem Tage, von dem er wohl weiß, daß es sein letzter sein wird, im Engpaß von Thermopylä ruhig sein Haar ordnen sehen und seine lakonischen Scherze aussprechen hören. Dem oberflächlichen Beobachter mag es sonderbar vorkommen, daß soviel Böses und soviel Gutes beisammen gefunden werden können. In der That aber stehen dieses Gute und dieses Böse, die auf den ersten Anblick fast unvereinbar scheinen, in innigem Zusammenhange und haben einen gemeinsamen Ursprung. Weil der Spartaner gelernt hatte, sich als einem Herrschergeschlechte angehörend zu betrachten und auf jeden Nichtspartaner als auf einen tief unter ihm Stehenden herabzusehen, deshalb hatte er kein Mitgefühl für die elenden Sklaven, welche vor ihm im Staube krochen, und deshalb kam ihm nie, selbst nicht in der höchsten Noth, der Gedanke, sich einem fremden Herrn zu unterwerfen oder vor einem Feinde zu fliehen. Etwas von diesem nämlichen, aus Tyrannei und Heroismus zusammengesetzten Character hat man bei allen den Nationen gefunden, welche über zahlreichere Nationen dominirten. Nirgend aber hat sich im modernen Europa dieser Character so augenfällig gezeigt wie in Irland. Mit welcher Verachtung, mit welcher Abneigung die herrschende Minderzahl in diesem Lande lange Zeit die unterworfene Mehrzahl betrachtete, kann man am besten aus den gehässigen Gesetzen ersehen, welche noch zu einer Zeit, deren sich gegenwärtig Lebende erinnern, das irische Gesetzbuch schändeten. Diese Gesetze wurden endlich abgeschafft, aber der Geist, der sie zu Tage gefördert hatte, überlebte sie und macht sich noch jetzt zuweilen in Excessen Luft, welche dem Gemeinwohl zum größten Nachtheil und der protestantischen Religion zur Unehre gereichen. Dessenungeachtet kann man unmöglich leugnen, daß die englischen Colonisten mit leider zu vielen Fehlern einer herrschenden Kaste alle edelsten Tugenden einer solchen verbanden. Die Fehler haben sich ganz natürlich im schlimmsten Grade zu Zeiten des Gedeihens und der Ruhe gezeigt, wie die Tugenden sich am glänzendsten in Zeiten der Noth und Gefahr bewährt haben, und nie traten diese Tugenden sichtbarer in den Vordergrund als bei den Vertheidigern von Londonderry in dem Augenblicke da ihr Commandant sie im Stich gelassen und das Lager ihres Todfeindes vor den Mauern ihrer Stadt aufgeschlagen war.

Sobald der erste Ausbruch der durch Lundy’s Treulosigkeit erregten Wuth sich gelegt hatte, ergriffen Die, welche er verrathen, mit einer der berühmtesten Senate würdigen Kaltblütigkeit und Umsicht Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Vertheidigung der Stadt. Es wurden zwei Gouverneurs, Baker und Walker, erwählt. Baker übernahm das militärische Kommando, und Walker’s specielles Geschäft bestand in der Erhaltung der inneren Ruhe und in der Vertheilung der Bedürfnisse aus den Magazinen.88 Die kampffähigen Einwohner wurden in acht Regimenter eingetheilt und Obersten, Hauptleute und Subalternoffiziere ernannt. In wenigen Stunden kannte Jedermann seinen Posten und war bereit, sich beim ersten Trommelschlage auf denselben zu begeben. Das Verfahren, durch welches Cromwell in der vorhergehenden Generation unter seinen Soldaten eine so glühende und beharrliche Begeisterung erhalten hatte, wurde auch hier wieder mit nicht minder vollständigem Erfolge angewendet. Ein großer Theil des Tages ward mit Predigen und Beten hingebracht. Achtzehn Geistliche der Landeskirche und sieben bis acht nonconformistische Priester befanden sich in der Stadt. Sie alle strengten sich mit unermüdlichem Eifer an, den Muth des Volks zu heben und zu erhalten. Unter ihnen selbst herrschte für diese Zeit vollkommene Einigkeit. Aller Streit über Kirchenregiment, Stellungen und Ceremonien war vergessen. Der Bischof hatte sich, als er gesehen, daß seine Sermone über den passiven Gehorsam selbst von den Episkopalen bespöttelt wurden, zuerst nach Raphoe und dann nach England begeben, wo er jetzt in einer londoner Kapelle predigte.89 Auf der andren Seite war ein schottischer Fanatiker, Namens Hewson, der die Presbyterianer ermahnt hatte, nicht mit Leuten, die sich weigerten den Covenant zu unterschreiben, gemeinschaftliche Sache zu machen, dem wohlverdienten Abscheu und Hohn der gesammten Protestanten verfallen.90 Die Kathedrale gewährte einen eigenthümlichen Anblick. Auf der Höhe des breiten Thurmes, der jetzt durch einen von andrer Bauart ersetzt ist, waren Kanonen aufgefahren, unter den Bogengängen war Munition aufgehäuft und im Chore wurde jeden Morgen die Liturgie der anglikanischen Kirche verlesen. Am Nachmittag versammelten sich die Dissenters zu einem einfacheren Gottesdienst.91

Jakob hatte vierundzwanzig Stunden gewartet, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß Lundy seine Versprechungen erfüllen werde, und diese vierundzwanzig Stunden hatten hingereicht, um die Anstalten zur Vertheidigung Londonderry’s zu vollenden. Am Abend des 19. April erschien ein Trompeter am südlichen Thore und fragte, ob die vom Gouverneur eingegangenen Verpflichtungen erfüllt werden würden. Die Antwort lautete, daß die Männer, welche diese Mauern bewachten, mit den Verpflichtungen des Gouverneurs nichts zu thun hätten und entschlossen wären, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen.

Am folgenden Tage wurde ein Bote höheren Ranges gesandt: Claudius Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt. Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. „Die Männer von Londonderry,“ antwortete Murray, „haben nichts gethan, was der Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien hinaus zu geleiten.“92

Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß die Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort’s Rath nichts mehr wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan als Dritter im Commando.

Londonderry belagert. Die Operationen begannen nun ernstlich. Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, und bald brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke stürzten ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang schien die Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines Bombardements gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine und durch den Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten Trümmerhaufen entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr und Greueln brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung hervor. Der Muth des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, daß seine Anführer es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu ergreifen. Am 21. April wurde unter Murray’s Commando ein Ausfall gemacht. Die Irländer hielten ihrerseits entschlossen Stand und es kam zu einem heftigen und blutigen Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines Reitertrupps nach der Stelle, wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel traf ihn am Kopfe und streckte ihn todt nieder. Die Belagerer verloren außerdem noch mehrere andere Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, bevor es gelang, die Colonisten in die Stadt zurückzuwerfen. Murray entkam mit knapper Noth. Sein Pferd war ihm unter dem Leibe getödtet worden und er war von Feinden umringt, aber er vertheidigte sich noch so lange gegen dieselben, bis einige von seinen Freunden, mit dem greisen Walker an der Spitze, aus dem Thore heraus stürzten und ihn befreiten.93

Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine Belagerung gesehen.94 Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, aber er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um vier Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton’s Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten, wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem Militärposten zum andren.95

Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret’s, übernahm es, die Eidgenossen zum Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden. Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran, wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.96

Die Belagerung in eine Blokade verwandelt. Es blieb nun nichts weiter übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß die Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte sich sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle Maßregeln getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Alle zur Stadt führenden Landwege wurden auf das Sorgfältigste bewacht. Auf der Südseite am linken Ufer des Foyle lagerten die Reiter, welche Lord Galmoy aus dem Barrowthale begleitet hatten. Ihr Anführer war von allen irischen Offizieren derjenige, den die Protestanten am meisten fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte seine Mannschaft mit seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt disciplinirt, und man erzählte sich haarsträubende Geschichten von seiner Grausamkeit und Perfidie. Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der Infanterie Buttler’s und O’Neils, Lord Slane’s und Lord Gormanstown’s, den Leuten aus Westmeath unter Nugent, den Leuten aus Kildare unter Eustace und den Leuten aus Kerry unter Cavanagh.97 Der Fluß war mit Forts und Batterien besäumt, welche kein Schiff ohne große Gefahr passiren konnte. Nach einiger Zeit beschloß man, zur noch größeren Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile unterhalb der Stadt eine Barrikade quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu dem Ende wurden mehrere mit Steinen beladene Böte versenkt und eine Reihe Pfähle in den Grund des Flusses eingerammt. Starke Fichtenstämme, fest an einander gebunden, bildeten einen über eine Viertelmeile langen Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen an beiden Ufern wohl befestigt war.98 Ein großer Steinblock, an welchem das Tau am linken Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später fortgeschafft, um behauen und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die Idee wurde jedoch wieder aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch jetzt nicht weit von ihrem ursprünglichen Platze unter den Bäumen, welche ein reizendes Landhaus, Boom Hall genannt, beschatten. Dicht daneben befindet sich der Brunnen, aus dem die Belagerer tranken, und ein Stück weiter hin ist der Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen beerdigten und wo noch in unseren Tagen der Spaten des Gärtners in geringer Tiefe unter dem Rasen und den Blumen auf zahlreiche Schädel und Gebeine gestoßen ist.

Seegefecht in der Bantry-Bai. Während diese Ereignisse im Norden stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner Wiederankunft daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die französische Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in der Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. Herbert, der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern abgegangen war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland abzuschneiden, erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der Absicht, eine Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die feindliche Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen Feuer, das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er es für rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen sich tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden Aufforderung Jakob’s, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück.

Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu Westminster beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob ließ, nicht minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum singen. Aber diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, denn seine Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit und Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.99

Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin. Den Tag darauf, nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde.

Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs Protestanten.100 Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O’Neils und O’Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen, daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.101 Oberst Heinrich Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern Jakob’s. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth, auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische Nation zu schleudern gewohnt war.102

Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind, Barebone’s Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß. Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang, Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen, hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann und Philosoph.

Die Parlamente Irland’s hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal. Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King’s Inns führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.103

Er sprach hierauf den Eingebornen Irland’s seinen Dank dafür aus, daß sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von Frankreich verpflichtet sei.104

Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.105

Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den gewünschten Erfolg.106 Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult. Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen, mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello’s brüllten und die Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: „Gute Nachrichten! Londonderry ist genommen!“ Das ganze Haus erhob sich, alle Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu Daly’s Erscheinen wurde unter dem Rufe: „Keine Unterwürfigkeit! keine Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!“ wieder aufgehoben. Wenige Stunden später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden, weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen. Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben würden.107

Es wird eine Toleranzacte erlassen. Jakob bestimmte sie zur Beschließung einer Acte, welche ihm und ihnen zur größten Ehre gereicht haben würde, hätte man nicht zahlreiche Beweise dafür, daß sie nur ein todter Buchstabe sein sollte. Es war dies eine Acte, welche allen christlichen Secten volle Gewissensfreiheit gewährte. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Proklamation erlassen, welche in hochtrabenden Worten dem englischen Volke ankündigte, daß sein rechtmäßiger König jetzt augenfällig die Verleumder widerlegt habe, welche ihn beschuldigt hätten, nur um eines einzelnen Zweckes willen Eifer für die Glaubensfreiheit erheuchelt zu haben. Wenn er im Herzen zur Verfolgung geneigt wäre, würde er dann nicht die irischen Protestanten verfolgt haben? Es fehle ihm weder an Macht noch an Herausforderungen dazu. Dennoch habe er sowohl in Dublin, wo die Mitglieder seiner Kirche in der Majorität seien, wie auch in Westminster, wo sie in der Minorität gewesen, fest an den Grundsätzen gehalten, die er in seiner viel geschmähten Indulgenzerklärung ausgesprochen habe.108 Zu seinem Unglück brachte der nämliche Wind, der seine schönen Reden nach England trug, zu gleicher Zeit auch den Beweis hinüber, daß seine Erklärungen nicht aufrichtig waren. Ein einzelnes, eines Turgot oder Franklin würdiges Gesetz nahm sich gar zu lächerlich aus inmitten einer Menge von Gesetzen, die einem Gardiner oder Alva Schande gemacht haben würden.

Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten. Ein nothwendiger Vorläufer zu dem großen Beraubungs- und Mordwerke, das die Gesetzgeber von Dublin beabsichtigten, war eine Acte, welche die Autorität annullirte, die das englische Parlament als höchste Legislatur wie als höchster Appellhof bisher über Irland ausgeübt hatte.109 Diese Acte wurde rasch angenommen und ihr folgten in schneller Aufeinanderfolge Confiscationen und Proscriptionen in gigantischem Maßstabe. Das persönliche Vermögen der Abwesenden,110 welche über siebzehn Jahr alt waren, wurde dem Könige zugeschrieben. Wenn man sich in solcher Weise an Laieneigenthum vergriff, so stand nicht zu erwarten, daß die Dotationen, welche im Widerspruch mit jedem gesunden Prinzip an die Kirche der Minorität verschwendet worden waren, geschont werden würden. Diese Dotationen ohne Nachtheil für bestehende Interessen zu verringern, würde eine Reform gewesen sein, die eines guten Fürsten und eines guten Parlaments würdig gewesen wäre. Aber eine solche Reform genügte den rachsüchtigen Bigotten nicht, welche in King’s Inns saßen. Durch eine summarische Acte wurde der größte Theil der Zehnten von der protestantischen auf die katholische Geistlichkeit übertragen, und die bisherigen Inhaber ohne einen Farthing Entschädigung dem Hungertode preis gegeben.111 Ferner wurde eine Bill, welche die Ansiedlungsacte aufhob und viele tausend Quadratmeilen Landes von sächsischen auf celtische Grundeigenthümer übertrug, eingebracht und durch Acclamation angenommen.112

Über eine solche Gesetzgebung kann man nicht streng genug urtheilen; aber für die Gesetzgeber lassen sich Entschuldigungen anführen, welche der Geschichtschreiber zu erwähnen verpflichtet ist. Sie handelten unbarmherzig, ungerecht und unklug; aber es wäre ungereimt, wollte man Erbarmen, Gerechtigkeit oder Weisheit von einer Klasse von Menschen erwarten, welche erst durch jahrelange Unterdrückung erniedrigt und dann durch die Freude über ihre plötzliche Erlösung der Besinnung beraubt und mit unwiderstehlicher Macht bewaffnet worden war. Die Vertreter der irischen Nation waren, mit wenigen Ausnahmen, roh und unwissend. Sie hatten in einem Zustande beständiger Gereiztheit gelebt, mit aristokratischen Gefühlen hatten sie eine knechtische Stellung eingenommen, mit dem höchsten Geburtsstolze waren sie tagtäglich Beleidigungen ausgesetzt gewesen, die den Zorn des geringsten Plebejers gereizt haben würden. Angesichts der Felder und Schlösser, die sie als ihr Eigenthum betrachteten, hatten sie froh sein müssen, wenn ein Bauer sie einlud, seine Milch- und Kartoffelmahlzeit zu theilen. Die heftigen Regungen von Haß und Habsucht, welche die Lage des eingebornen Gentleman fast nothwendig hervorrufen mußte, erschienen ihm in dem glänzenden Gewande des Patriotismus und der Frömmigkeit. Denn seine Feinde waren die Feinde seiner Nation, und die nämliche Tyrannei, welche ihn seines Erbes beraubt, hatte auch seine Kirche des großen Reichthums beraubt, den die Frömmigkeit einer früheren Zeit ihr gespendet. Welchen Gebrauch der Gewalt konnte man von einem ungebildeten und unerfahrenen Manne erwarten, der von heftigen Wünschen und Rachegelüsten erfüllt war, welche er irrig für heilige Pflichten ansah? Und was konnte man von einer Versammlung von einigen Hundert solcher Leute anders erwarten, als daß die Leidenschaften, welche jeder Einzelne so lange im Stillen genährt hatte, durch den Einfluß der Sympathie plötzlich zu einer furchtbaren Kraftäußerung heranreifen würden?

Jakob hatte mit seinem Parlamente wenig mehr gemein als den Haß gegen die protestantische Religion. Er war ein Engländer. Der Aberglaube hatte nicht alles Nationalgefühl in seinem Herzen völlig erstickt und das Übelwollen, womit seine celtischen Anhänger den Volksstamm betrachteten, dem er entsprossen war, mußte ihm nothwendig mißfallen. Der Gesichtskreis seines Verstandes war klein. Da er jedoch in England regiert hatte und fortwährend dem Tage entgegensah, wo er wieder in England regieren würde, war es unmöglich, daß er den Horizont seiner Politik nicht mehr erweiterte als Diejenigen, welche nichts Andres als nur Irland im Auge hatten. Die wenigen irischen Protestanten, die ihm noch anhingen, und die britischen Edelleute, protestantische sowohl als katholische, die ihn ins Exil begleitet hatten, baten ihn dringend, die Heftigkeit des raubgierigen und rachsüchtigen Parlaments zu zügeln, das er zusammenberufen hatte. Ganz besonders drangen sie in ihn, daß er die Aufhebung der Ansiedlungsacte nicht zugeben solle. Mit welcher Sicherheit, fragten sie, könne Jemand sein Geld anlegen oder seinen Kindern einen Vermögensantheil zuschreiben, wenn er sich nicht auf bestimmte Gesetze und auf einen jahrelangen ununterbrochenen Besitz verlassen könne? Die militärischen Abenteurer, unter welche Cromwell den Grund und Boden vertheilt, könnten vielleicht als Unrechthandelnde betrachtet werden. Aber ein wie großer Theil ihrer Güter sei durch rechtsgültigen Kauf in andere Hände übergegangen! Wieviel Geld hätten die Grundbesitzer auf Hypothek, auf gesetzmäßige, gerichtlich vidimirte Verschreibung geliehen! Wie viele Kapitalisten seien im Vertrauen auf gesetzliche Bestimmungen und königliche Versprechungen von England herübergekommen und hätten ohne die mindeste Besorgniß wegen des Rechtstitels in Ulster und Leinster Land gekauft! Welche Summen hätten diese Kapitalisten während eines Vierteljahrhunderts auf Bauten, Drainirungen, Einhegungen und Anpflanzungen verwendet! Die Bedingungen des von Karl II. sanctionirten Compromisses möchten allerdings wohl nicht in jeder Beziehung gerecht sein; aber sollte eine Ungerechtigkeit durch eine noch monströsere Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden? Und welchen Eindruck würde voraussichtlich in England der Wehschrei von Tausenden unschuldiger englischer Familien hervorrufen, die ein englischer König zu Grunde gerichtet? Die Klagen einer solchen Masse von Duldern könnten die Restauration, der jeder loyale Unterthan mit Sehnsucht entgegensehe, verzögern, ja ganz verhindern, und selbst wenn Se. Majestät trotz dieser Klagen glücklich wieder eingesetzt werden sollte, würde er doch bis ans Ende seines Lebens die nachtheiligen Folgen der Ungerechtigkeit verspüren, zu deren Ausübung ihn schlimme Rathgeber jetzt drängten. Er würde finden, daß er durch den Versuch eine Klasse von Unzufriedenen zu beschwichtigen, eine andre geschaffen habe. Wenn er in Dublin dem Geschrei nach Aufhebung der Ansiedlungsacte nachgäbe, würde er sicherlich von dem Augenblicke an, wo er nach Westminster zurückkehre, mit einem eben so lauten und beharrlichen Geschrei nach Widerrufung dieser Aufhebung bestürmt werden. Er müsse doch wohl einsehen, daß kein auch noch so loyales englisches Parlament solche Gesetze fortbestehen lassen könne, wie sie jetzt vom irischen Parlament erlassen würden. Sei er entschlossen, die Partei Irland’s gegen die allgemeine Stimme England’s zu ergreifen? Wenn dies wäre, so könnte er sich nur auf eine abermalige Verbannung und Entsetzung gefaßt machen. Oder wolle er, wenn er das größere Königreich wieder habe, die Geschenke zurücknehmen, durch die er sich in seiner Noth die Hilfe des kleineren erkauft habe? Die bloße Vermuthung, daß er den Gedanken an eine solche unfürstliche und unmännliche Perfidie hegen könne, müsse schon als eine Beleidigung gegen ihn erscheinen. Allein was würde ihm Andres übrig bleiben? Und sei es nicht besser für ihn, er verweigere jetzt unbillige Zugeständnisse, als daß er diese Zugeständnisse nachher in einer Weise widerrufe, die ihm Vorwürfe zuziehen würden, welche einem edlen Character unerträglich sein müßten? Seine Lage sei allerdings kritisch; aber in diesem, wie in anderen Fällen, werde es sich zeigen, daß der Pfad der Gerechtigkeit auch der Pfad der Weisheit sei.113

Obgleich sich Jakob in seiner Rede bei Eröffnung der Session gegen die Ansiedlungsacte erklärt hatte, sah er doch ein, daß diese Argumente unwiderleglich waren. Er hatte mehrere Conferenzen mit den leitenden Mitgliedern des Hauses der Gemeinen und empfahl dringend Mäßigung. Aber seine Vorstellungen stachelten die Leidenschaften, die er beschwichtigen wollte, nur noch mehr auf. Viele Mitglieder der eingebornen Gentry führten eine laute und heftige Sprache. Es sei unverschämt, sagten sie, von Rechten der Käufer zu sprechen. Wie könne Recht aus Unrecht hervorgehen? Leute, welche unrechtmäßig erworbenes Eigenthum kaufen könnten, müßten auch die Folgen ihrer Thorheit und Habsucht tragen. Es lag klar am Tage, daß das Unterhaus völlig unlenksam war. Vier Jahre früher hatte Jakob sich geweigert, dem dienstwilligsten Parlamente, das jemals in England getagt, das geringste Zugeständniß zu machen, und man hätte erwarten sollen, daß die Hartnäckigkeit, an der es ihm nie gefehlt, wenn sie ein Laster war, ihm auch jetzt nicht fehlen würde, wo sie eine Tugend gewesen wäre. Eine kurze Zeit lang schien er wirklich entschlossen, gerecht zu handeln. Er sprach sogar davon, das Parlament aufzulösen. Auf der andren Seite erklärten die Häupter der alten celtischen Familien ganz öffentlich, daß sie, wenn er ihnen ihr Erbe nicht zurückgebe, nicht für das seinige fechten würden. Seine eigenen Soldaten schmähten ihn in den Straßen von Dublin. Endlich beschloß er, sich, nicht mit Königsmantel und Krone, sondern in der Kleidung, in welcher er früher den Berathungen zu Westminster beizuwohnen pflegte, selbst ins Haus der Peers zu begeben und persönlich die Lords zu ersuchen, die Heftigkeit der Gemeinen zu zügeln. Aber als er eben zu diesem Zwecke in seinen Wagen steigen wollte, wurde er von Avaux zurückgehalten. Avaux nahm sich so eifrig wie nur irgend ein Irländer der Bills an, deren Einbringung die Gemeinen betrieben. Es war ihm genug, daß diese Bills Aussicht darauf eröffneten, die Feindschaft zwischen England und Irland unversöhnlich zu machen. Seine Vorstellungen bewogen Jakob, sich der offenen Opposition gegen die Aufhebung der Ansiedlungsacte zu enthalten. Indessen nährte der unglückliche Fürst doch noch immer eine schwache Hoffnung, daß das Gesetz, dessen Annahme die Gemeinen so eifrig wünschten, von den Peers verworfen oder wenigstens modificirt werden würde. Lord Granard, einer von den wenigen protestantischen Edelleuten, welche in diesem Parlamente saßen, verwendete sich energisch zu Gunsten des öffentlichen Vertrauens und der vernünftigen Politik. Der König ließ ihm seinen Dank dafür aussprechen. „Wir Protestanten,“ sagte Granard zu Powis, der im Auftrage des Königs zu ihm kam, „sind gering an Zahl. Wir können wenig thun. Se. Majestät sollte seinen Einfluß bei den Katholiken aufbieten.“ — „Se. Majestät“, entgegnete Powis mit einem Schwure, „wagt nicht zu sagen was er denkt.“ Wenige Tage darauf begegnete Jakob Lord Granard, als dieser eben nach dem Parlamentshause ritt. „Wohin wollen Sie, Mylord?“ fragte der König. „Sire“, antwortete Granard, „ich will meinen Protest gegen die Aufhebung der Ansiedlungsacte einreichen.“ — „Sie haben Recht,“ versetzte der König, „aber ich bin in die Hände von Leuten gefallen, die mir das und noch vieles Andre aufzwingen werden.“114

Jakob fügte sich dem Willen der Gemeinen; aber der ungünstige Eindruck, den sein kurzer und schwacher Widerstand auf sie gemacht, war durch seine Unterwerfung nicht zu verwischen. Sie betrachteten ihn mit großem Mißtrauen, sie waren überzeugt, daß er im Herzen ein Engländer sei und es verging kein Tag ohne ein Anzeichen von dieser Gesinnung. Sie beeilten sich nicht, ihm eine Geldunterstützung zu bewilligen. Eine Partei unter ihnen beabsichtigte eine Adresse, die ihn dringend auffordern sollte, Melfort als einen Feind ihrer Nation zu entlassen. Eine andre Partei entwarf eine Bill zur Absetzung aller protestantischen Bischöfe, selbst der vier, welche damals gerade im Parlamente saßen. Nicht ohne Mühe gelang es Avaux und Tyrconnel, deren Einfluß im Unterhause den des Königs bei weitem überwog, den Eifer der Majorität zu dämpfen.115

Prägung schlechten Geldes. Es ist bemerkenswerth, daß der König, während er das Vertrauen und die Zuneigung der irischen Gemeinen dadurch verlor, daß er auf der einen Seite die Institution des Eigenthums schwach gegen sie vertheidigte, auf einer andren Seite diese Institution mit einer Rücksichtslosigkeit angriff, welche womöglich noch stärker war als die ihrige. Er sah bald, daß kein Geld in seinen Schatz floß. Die Ursache war augenfällig genug. Mit dem Handel war es vorbei. Das bewegliche Kapital war in großen Massen aus der Insel weggezogen worden; von dem festen Kapital war viel zerstört, und das übrige lag todt da. Tausende von den Protestanten, welche den betriebsamsten und intelligentesten Theil der Bevölkerung bildeten, waren nach England ausgewandert. Tausend Andere hatten sich in die Städte geflüchtet, die sich noch für Wilhelm und Marien tapfer hielten. Von den in der Blüthe des Lebens stehenden katholischen Landleuten war die Mehrzahl in die Armee eingetreten oder hatte sich Plündererhorden angeschlossen. Die Armuth des Schatzes war die nothwendige Folge der Armuth des Landes; dem öffentlichen Wohlstande konnte nur durch Wiederherstellung des Privatwohlstandes aufgeholfen werden, und der Privatwohlstand konnte nur durch Jahre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden. Jakob war einfältig genug zu glauben, daß es ein rascheres und wirksameres Mittel gebe. Er glaubte sich ganz einfach dadurch mit einem Male aus seinen finanziellen Verlegenheiten reißen zu können, daß er einen Farthing einen Schilling nannte. Das Recht, Geld zu schlagen, war unstreitig eine Perle der Prärogative, und seiner Ansicht nach schloß das Recht, Geld zu schlagen, auch das Recht in sich, die Münzen zu verschlechtern. Töpfe, Pfannen, Thürhämmer, Kanonen, welche seit langer Zeit unbrauchbar waren, wurden in die Münze geschickt, und in Kurzem waren Massen geringhaltigen Geldes im Nominalwerthe von einer Million Pfund Sterling, die aber in Wirklichkeit nicht den sechsten Theil dieser Summe werth waren, in Circulation gesetzt. Ein königliches Edict erklärte diese Münzen als gesetzliches Zahlungsmittel bei allen Vorkommnissen. Eine Hypothek von tausend Pfund wurde durch einen Sack voll Rechenpfennige, die aus alten Kesseln verfertigt waren, abgelöst. Den Gläubigern, die sich beim Kanzleigerichtshofe beschwerten, sagte Fitton, sie sollten ihr Geld nehmen und stillschweigen. Von allen Klassen aber hatten die Kleinhändler von Dublin, welche größtentheils Protestanten waren, die schwersten Verluste. Zuerst erhöhten sie natürlich ihre Preise; aber die Magistratsbehörde der Stadt begegnete dieser ketzerischen Machination durch Ausgabe eines die Preise regulirenden Tarifs. Jeder, der der jetzt dominirenden Kaste angehörte, konnte in einen Laden gehen, ein drei Pence werthes Geldstück auf den Ladentisch legen und dafür Waaren im Werthe von einer halben Guinee mitnehmen. Von gesetzlicher Abhilfe war keine Rede. Die Leidenden schätzten sich sogar glücklich, wenn sie durch Aufopferung ihres Geschäftsvermögens Sicherheit für ihre Glieder und ihr Leben erkaufen konnten. Es gab keinen Bäckerladen in der Stadt, der nicht beständig von zwanzig bis dreißig Soldaten belagert gewesen wäre. Einige Personen, die das schlechte Geld nicht nehmen wollten, wurden von Soldaten festgenommen und vor den Generalprofoß geführt, der sie mit Flüchen und Verwünschungen überhäufte, sie in dunkle Zellen einsperren ließ und durch die Drohung, sie an ihren eigenen Thüren aufhängen zu wollen, ihren Widerstand bald besiegte. Von allen Plagen der damaligen Zeit machte keine einen tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die Gemüther der Protestanten Dublin’s als die Plage des Kupfergeldes.116 Den Erinnerungen an die Bestürzung und Noth, welche Jakob’s Münzen verursacht hatten, muß zum Theil der beharrliche Widerstand zugeschrieben werden, den fünfunddreißig Jahre später zahlreiche, dem Hause Hannover treuergebene Klassen in der Angelegenheit des Wood’schen Patents der Regierung Georg’s I. entgegensetzten.

Es kann nicht bestritten werden, daß Jakob, indem er so aus eigner Machtvollkommenheit die Bedingungen aller Contracte im ganzen Königreiche umstürzte, sich eine Befugniß anmaßte, welche nur der gesammten Legislatur zukam. Dennoch remonstrirten die Gemeinen nicht dagegen. Es gab keine Befugniß, mochte sie auch noch so verfassungswidrig sein, die sie ihm nicht zuzugestehen bereit waren, so lange er sie zur Mißhandlung und Ausplünderung der englischen Bevölkerung anwendete. Dagegen respectirten sie keine auch noch so alte, noch so gesetzliche und noch so heilsame Prärogative, wenn sie besorgten, daß er sich derselben bedienen könnte, um die verabscheute Race zu beschützen. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihm die mit Widerstreben ertheilte Genehmigung eines empörenden Gesetzes, eines Gesetzes, das in der Geschichte der civilisirten Länder seines Gleichen nicht hat, der großen Verurtheilungsacte (Bill of attainder) erpreßt hatten.

Die große Verurtheilungsacte. Es wurde eine Liste zusammengestellt, welche zwischen zwei- und dreitausend Namen enthielt. An der Spitze standen die Hälfte der Peers von Irland. Dann kamen Baronets, Ritter, Geistliche, Squires, Kaufleute, Landwirthe, Handwerker, Frauen und Kinder. Eine Untersuchung fand nicht statt. Jedes Mitglied, das sich eines Gläubigers, eines Nebenbuhlers, eines Privatfeindes entledigen wollte, gab dem Sekretär den Namen an, und er wurde in der Regel ohne Discussion in die Liste eingetragen. Die einzige Debatte, von der eine Nachricht auf uns gekommen ist, bezog sich auf den Earl von Strafford. Er hatte Freunde im Hause, die es wagten, etwas zu seinen Gunsten anzuführen. Doch wenige Worte aus dem Munde Simon Luttrell’s entschieden die Sache. „Ich habe,“ sagte er, „den König einige harte Äußerungen über diesen Lord thun hören.“ Dies wurde für genügend erachtet, und der Name Strafford nimmt in der langen Liste der Proscribirten die fünfte Stelle ein.117

Es wurden bestimmte Tage festgesetzt, bis zu welchen Diejenigen, deren Namen auf der Liste standen, sich einer Justiz stellen mußten, wie sie damals gegen die englischen Protestanten in Dublin ausgeübt wurde. Befand sich die proscribirte Person in Irland, so mußte sie sich am 10. August stellen. War sie seit dem 5. November 1688 von Irland abwesend, so mußte sie sich am 1. September stellen. Hatte sie Irland vor dem 5. November 1688 verlassen, so mußte sie sich am 1. October stellen. Erschien sie an dem festgesetzten Tage nicht, so sollte sie ohne Prozeß aufgehängt, geschleift und geviertheilt und ihr Vermögen confiscirt werden. Es konnte einem Proscribirten physisch unmöglich sein, sich bis zu der durch die Acte festgesetzten Zeit zu stellen. Er konnte bettlägerig sein, er konnte sich in Westindien aufhalten oder er konnte im Gefängniß sitzen. Solche Fälle waren in der That notorisch vorhanden. Unter den verurtheilten Lords befand sich auch Mountjoy. Er war durch Tyrconnel’s Niederträchtigkeit bewogen worden, vertrauensvoll nach Saint-Germains zu gehen, war in die Bastille geworfen worden, wo er noch saß, und das irische Parlament schämte sich nicht zu verfügen, daß, wenn er nicht binnen wenigen Wochen aus seiner Zelle entkommen und sich in Dublin stellen könne, er hingerichtet werden solle.118

Da man nicht einmal vorgab, daß die Schuld der so Geächteten untersucht worden sei, da nicht ein Einziger unter ihnen zu seiner Vertheidigung angehört worden war, und da es ausgemacht war, daß es Vielen physisch unmöglich sein würde, rechtzeitig zu erscheinen, so lag es auf der Hand, daß nur eine umfassende Ausübung des königlichen Begnadigungsrechts die Verübung von so haarsträubenden Ungerechtigkeiten verhüten konnte, die selbst in der traurigen Geschichte der irländischen Wirren ohne Beispiel dastehen. Daher beschlossen die Gemeinen, daß das königliche Begnadigungsrecht beschränkt werden solle. Es wurden verschiedene Formalitäten ersonnen, welche die Erlangung von Begnadigungen erschweren und kostspielig machen sollten, und schließlich wurde verordnet, daß jede Begnadigung, die Se. Majestät nach dem letzten November 1689 irgend einer der vielen Hundert ohne Prozeß zum Tode verurtheilten Personen zu Theil werden ließe, durchaus ungültig und wirkungslos sein sollte. Sir Richard Nagle erschien im Ornate vor den Lords und überreichte die Bill mit einer der Gelegenheit würdigen Rede. „Viele von den hier Proscribirten,“ sagte er, „sind durch uns genügende Beweise als Verräther überführt. In Betreff der Anderen haben wir den allgemeinen Ruf, in dem sie stehen, für maßgebend erachtet.“119 Die Liste war mit so rücksichtsloser Barbarei zusammengestellt, daß selbst fanatische Royalisten, die zu der nämlichen Zeit ihr Vermögen, ihre Freiheit und ihr Leben für Jakob auf’s Spiel setzten, nicht sicher vor der Proscription waren. Der gelehrteste Mann, dessen die jakobitische Partei sich rühmen konnte, war Heinrich Dodwell, Camdenianischer Professor an der Universität Oxford. In der Vertheidigung der erblichen Monarchie scheute er kein Opfer und keine Gefahr. Mit Bezug auf ihn sprach Wilhelm die denkwürdigen Worte aus: „Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu werden, und ich habe mir vorgenommen, sein Vorhaben zu vereiteln.“ Aber Jakob war gegen Freunde grausamer als Wilhelm gegen Feinde. Dodwell war Protestant und besaß etwas Grundeigenthum in Connaught; diese Verbrechen waren hinreichend, um ihn in die lange Liste Derer aufzunehmen, welche zum Galgen und zum Viertheilen verurtheilt waren.120

Daß Jakob seine Zustimmung zu einer Bill geben werde, die ihm das Begnadigungsrecht entzog, hielten viele Leute für unmöglich. Er war vier Jahre früher lieber mit dem loyalsten Parlamente zerfallen, als daß er eine Prärogative aufgegeben hätte, die ihm nicht einmal gehörte. Es ließ sich daher wohl erwarten, daß er jetzt Alles daran setzen würde, um eine Prärogative zu behalten, die seine Vorgänger seit dem Bestehen der Monarchie zu allen Zeiten besessen hatten und die von den Whigs niemals bestritten worden war. Die strenge Miene und die erhobene Stimme, womit er die Torygentlemen zurechtgewiesen, die ihn in der Sprache der tiefsten Ehrerbietung und der innigsten Zuneigung beschworen, sich der Beobachtung der Gesetze nicht zu entziehen, würden jetzt an ihrem Platze gewesen sein. Er hätte wohl sehen können, daß der rechte Weg der weiseste war. Hätte er bei dieser hochwichtigen Gelegenheit den Muth gehabt, zu erklären, daß er unschuldiges Blut nicht vergießen und selbst bezüglich der Schuldigen sich des Rechts nicht entäußern wolle, die Verurtheilungen durch Gnade zu mildern, so würde er in England mehr Herzen gewonnen haben, als er in Irland verloren hätte. Aber sein Unstern wollte jederzeit, daß er widerstand, wo er hätte nachgeben sollen, und daß er nachgab, wo er hätte widerstehen sollen. Das abscheulichste aller Gesetze erhielt seine Sanction, und seine Schuld wird nur sehr wenig dadurch gemildert, daß er diese Sanction mit einigem Widerstreben gab.

Damit nichts fehlen möchte, um dieses große Verbrechen vollkommen zu machen, war man sorgfältig darauf bedacht zu verhüten, daß die verurtheilten Personen ihre Verurtheilung früher als nach Ablauf der in der Acte festgesetzten Gnadenfrist erfuhren. Die Liste der Namen wurde nicht veröffentlicht, sondern in Fitton’s Cabinet sorgfältig verschlossen gehalten. Einige Protestanten, die es noch mit Jakob hielten, aber gern wissen wollten, ob einer ihrer Freunde oder Verwandten proscribirt war, gaben sich alle mögliche Mühe, um Einsicht in die Liste zu erlangen; aber Bitten, Vorstellungen und selbst Bestechungen waren erfolglos. Nicht ein einziges Exemplar kam ins Publikum, bis es für die Tausende, welche ohne Prozeß verurtheilt waren, zu spät war, Begnadigung zu erlangen.121

Jakob prorogirt sein Parlament. Gegen Ende des Monats Juli prorogirte Jakob die beiden Häuser. Sie waren aber zehn Wochen versammelt gewesen, und während dieses Zeitraums hatten sie auf das Vollständigste bewiesen, daß, so groß auch die Übel gewesen sind, welche das Übergewicht der Protestanten in Irland hervorgerufen, die durch das Übergewicht der Papisten erzeugten Übel noch größer gewesen sein würden. Daß die Colonisten, als sie den Sieg errungen hatten, ihn gröblich mißbrauchten und daß ihre Gesetzgebung viele Jahre lang ungerecht und tyrannisch war, ist sehr wahr. Aber nicht minder wahr ist es, daß sie das entsetzliche Beispiel, das ihr besiegter Feind während des kurzen Zeitraums gab, wo er im Besitz der Macht war, nie ganz erreichten.

Verfolgung der Protestanten in Irland. In der That, während Jakob sich laut rühmte, ein Gesetz erlassen zu haben, das allen Religionsgesellschaften völlige Gewissensfreiheit gewährte, wüthete in allen Provinzen, die seine Autorität anerkannten, eine eben so grausame Verfolgung wie die im Languedoc. Diejenigen, welche eine Entschuldigung für ihn zu finden wünschten, sagten, daß fast alle Protestanten, die sich noch in Munster, Connaught und Leinster aufhielten, seine Feinde seien und daß er sie nicht als Schismatiker, sondern als Rebellen von Gesinnung, denen es nur an einer Gelegenheit fehlte, Rebellen der That zu werden, der Unterdrückung und Beraubung preis gebe, und dieser Entschuldigung hätte man einiges Gewicht zugestehen können, wenn er sich ernstlich bemüht hätte, die wenigen Colonisten zu beschützen, welche zwar dem reformirten Glauben treu anhingen, aber doch noch immer an den Lehren vom Nichtwiderstande und von dem unveräußerlichen Erbrechte festhielten. Aber selbst diese ergebenen Royalisten sollten erfahren, daß ihre Ketzerei in seinen Augen ein Verbrechen war, das durch keine Dienste und durch keine Opfer gesühnt werden konnte. Einige Cavaliere, Mitglieder der anglikanischen Kirche, die ihn in Irland willkommen geheißen und in seinem Parlamente gesessen hatten, stellten ihm vor, daß, wenn die Verordnung, welche jedem Protestanten den Besitz irgend einer Waffe verbot, streng durchgeführt werden sollte, ihre Landhäuser den Rapparees preisgegeben sein würden, und erlangten von ihm die Erlaubniß, soviel Waffen behalten zu dürften, als sie für einige Diener brauchten. Allein Avaux machte Gegenvorstellungen. Die Erlaubniß, sagte er, werde gröblich gemißbraucht, man dürfe diesen protestantischen Lords nicht trauen, sie verwandelten ihre Häuser in Festungen, und Se. Majestät werde bald Ursache haben, seine Güte zu bereuen. Diese Vorstellungen gewannen die Oberhand und es wurden katholische Truppen in den verdächtigen Wohnungen einquartiert.122

Noch härter war das Loos derjenigen protestantischen Geistlichen, welche mit verzweifelter Treue der Sache des Gesalbten des Herrn anhingen. Von allen anglikanischen Geistlichen scheint Cartwright derjenige gewesen zu sein, der sich der Gewogenheit Jakob’s im bedeutendsten Maße erfreute. Ob Cartwright lange hätte ein Günstling bleiben können, ohne Apostat zu werden, steht zu bezweifeln. Er starb wenige Wochen nach seiner Ankunft in Irland, und von diesem Augenblicke an besaß seine Kirche keinen Verfechter ihrer Sache mehr. Indessen fuhren einige von ihren Prälaten und Priestern noch fort diejenigen Lehren zu predigen, die sie in den Tagen der Ausschließungsbill gepredigt hatten. Aber sie verrichteten ihre Functionen mit Gefahr ihres Lebens oder ihrer Glieder. Jeder, der einen Priesterrock trug, war eine Zielscheibe für die Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten der Soldaten und Rapparees. In der Provinz wurde sein Haus geplündert, und er konnte von Glück sagen, wenn es ihm nicht über dem Kopfe angezündet wurde. In den Straßen von Dublin wurde er mit dem Rufe verfolgt: „Da geht so ein Teufel von Ketzer!“ Bald wurde er zu Boden geschlagen, bald mit Stockprügeln regalirt.123 Die Vorsteher der Universität zu Dublin, welche in der anglikanischen Lehre vom passiven Gehorsam erzogen waren, hatten Jakob bei seiner ersten Ankunft im Schlosse begrüßt und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er sie im Genusse ihres Eigenthums und ihrer Vorrechte schützen werde. Sie wurden jetzt, ohne Prozeß, ohne Anklage, aus ihrem Hause geworfen. Die Communiongeräthe der Kapelle, die Bücher der Bibliothek, ja selbst die Stühle und Betten der Collegiaten wurden weggenommen. Ein Theil des Gebäudes wurde in ein Magazin, ein andrer in eine Kaserne, ein dritter in ein Gefängniß verwandelt. Simon Luttrell, welcher Gouverneur der Hauptstadt war, wurde mit großer Mühe und nur durch mächtige Fürsprache bewogen, die vertriebenen Fellows und Studenten ungehindert abziehen zu lassen. Er gestattete ihnen endlich in Freiheit zu bleiben unter der Bedingung, daß bei Todesstrafe nicht drei von ihnen sich versammelten.124 Kein protestantischer Geistlicher wurde härter betroffen als Doctor Wilhelm King, Dechant zu St. Patrick. Er hatte sich seit langer Zeit durch die glühende Begeisterung ausgezeichnet, mit der er die Pflicht des passiven Gehorsams selbst gegen die schlechtesten Regenten eingeschärft. Zu einer späteren Zeit, als er eine Vertheidigung der Revolution geschrieben und von der neuen Regierung eine Mitra angenommen hatte, erinnerte man ihn daran, daß er die göttliche Rache auf die Usurpatoren herabgerufen und erklärt hatte, lieber hundert Mal den Tod erleiden zu wollen, ehe er der Sache des erblichen Rechts untreu würde. Er hatte gesagt, daß die wahre Religion wohl oft durch Verfolgung gekräftigt worden sei, aber nie durch Rebellion gekräftigt werden könne, daß der Tag, an welchem ein ganzer Karren voll von Geistlichen der Kirche von England für die Lehre vom Nichtwiderstande zum Galgen ginge, ein glorreicher Tag für diese Kirche sein würde, und daß es sein höchster Ehrgeiz sei, zu einer solchen Gesellschaft zu gehören.125 Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er, als er dies sagte, auch dachte wie er sprach. Aber wenn auch seine Grundsätze vielleicht gegen die Strenge und die Versprechungen Wilhelm’s Stand gehalten haben würden, gegen Jakob’s Undankbarkeit waren sie nicht probefest. Die menschliche Natur machte endlich ihre Rechte geltend. Nachdem King von der Regierung, deren fester Anhänger er war, zu wiederholten Malen ins Gefängniß geworfen, nachdem er in seiner eignen Kirche von den Soldaten insultirt und bedroht, nachdem ihm untersagt worden, auf seinem Kirchhofe zu begraben und auf seiner Kanzel zu predigen, nachdem er einem auf der Straße gegen ihn abgefeuerten Flintenschusse kaum mit dem Leben entronnen war, fing er an, die whiggistische Regierungstheorie für weniger unvernünftig und unchristlich zu halten, als sie ihm früher vorgekommen war, und er überredete sich, daß die unterdrückte Kirche mit Fug und Recht die Befreiung annehmen dürfe, wenn es Gott gefiele, ihr solche, gleichviel durch welche Mittel, zu senden.

Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England. Es zeigte sich bald, daß Jakob wohlgethan haben würde, wenn er auf diejenigen Rathgeber gehört hätte, die ihm gesagt hatten, die Maßregeln, durch welche er sich in einem seiner drei Königreiche beliebt zu machen versuchte, würden ihn in den anderen verhaßt machen. Es war in mancher Hinsicht ein Glück für England, daß er, nachdem er aufgehört hatte, daselbst zu regieren, noch über ein Jahr in Irland regierte. Auf die Revolution war ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten gefolgt. Hätte diese Reaction ihren ungestörten Fortgang genommen, so würde sie vielleicht angehalten haben, bis er wieder König war; aber sie wurde durch ihn selbst gewaltsam unterbrochen. Er wollte sein Volk nichts vergessen und nichts hoffen lassen; während es sich bemühte, Entschuldigungen für seine vergangenen Fehler aufzufinden, und sich einzureden suchte, daß er nicht wieder in diese Fehler verfallen werde, zwang er den Leuten gegen ihren Willen die Überzeugung auf, daß er unverbesserlich sei, daß die härtesten Strafen des Mißgeschicks ihn nichts gelehrt, und daß, wenn sie schwach genug sein sollten, ihn zurückzurufen, sie ihn bald wieder würden absetzen müssen. Umsonst schrieben die Jakobiten Pamphlets über die Grausamkeit, mit der er von seinen nächsten Blutsverwandten behandelt worden sei, über den herrschsüchtigen Character und die schroffen Manieren Wilhelm’s, über die den Holländern zu Theil gewordenen Begünstigungen, über die drückenden Abgaben, über die Suspension der Habeas-Corpusacte und über die Gefahren, welche der Kirche von Seiten der Feindschaft der Puritaner und der Latitudinarier drohten. Jakob widerlegte diese Pamphlete viel wirksamer als die gewandtesten und beredtesten whiggistischen Schriftsteller zusammengenommen es vermocht haben würden. Jede Woche kam die Nachricht, daß er eine neue Acte zur Beraubung oder Ermordung der Protestanten erlassen hatte. Jeder Colonist, dem es gelang, von Leinster über das Meer nach Holyhead oder Bristol zu entkommen, brachte entsetzliche Berichte mit von der Tyrannei, unter der seine Glaubensbrüder seufzten. Welchen Eindruck diese Berichte auf die Protestanten unsrer Insel machten, kann man leicht aus der Thatsache schließen, daß sie den Unwillen Ronquillo’s, eines Spaniers und bigotten Mitgliedes der römischen Kirche, erregten. Er schrieb seinem Hofe, daß, obwohl die englischen Gesetze gegen den Papismus streng erscheinen möchten, sie doch durch die Besonnenheit und Humanität der Regierung so sehr gemildert würden, daß sie ruhigen Leuten nicht lästig fielen, und er versicherte dem heiligen Stuhle, daß die Leiden eines Katholiken in London nichts seien im Vergleich zu den Leiden eines Protestanten in Irland.126

Notes in this chapter

Note 1 · Siehe Saint-Simon’s Erzählung der List, durch welche Avaux sich in Stockholm für einen Ritter des Heiligen-Geistordens auszugeben versuchte.Note 2 · Dieser Brief befindet sich in den Archiven des französischen Ministeriums des Auswärtigen, fehlt aber in dem sehr seltenen Bande, der in DowNote 3 · Avaux vom 15.(25.) März 1689.Note 4 · Avaux, 25. März (4. April) 1689. 62. A full and true Account of the Landing and Reception of the late King James; Ireland’s Lamentation; LigNote 5 · Clarendon’s Diary; Reresby’s Memoirs; Narcissus Luttrell’s Diary. Ich habe mich in Bezug auf Temple’s letzte Worte an die Angabe Luttrell’s Note 6 · Ein interessanter Brief vom Bischof Maloney an den Bischof Tyrrel, den man im Anhange zu King’s State of the Protestants findet, bringt vielNote 7 · Siehe die Depeschen Avaux’ vom April 1689; Light to the Blind. 72. Avaux, 6.(16.) April 1689. 73. Avaux, 8.(18.) Mai 1689.Note 8 · Pusignan an Avaux, 30. März (9. April) 1689. 75. Dieser traurige Bericht über das irische Bier ist einer Depesche entlehnt, welche DesgrignyNote 9 · Avaux, 4.(14.) April 1689. Unter den Manuscripten im britischen Museum befindet sich ein interessanter Bericht über die VertheidigungsmittelNote 10 · Commons’ Journals, Aug. 12. 1689.Note 11 · Den besten Bericht über diese Vorgänge findet man in den Verhandlungen des Hauses der Gemeinen vom 12. August 1689. Siehe auch die ErzählungNote 12 · Siehe The Character of the Protestants of Ireland, 1689, und The Interest of England in the Preservation of Ireland, 1689. Erstere FlugschriNote 13 · Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689. Unter den Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle Meinung, Maumont sei von MurNote 14 · Über die Disciplin der Galmoy’schen Reiter siehe Avaux’ Brief an Louvois vom 10.(20.) September. Entsetzliche Geschichten von der GrausamkeiNote 15 · Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London Gazette vom 9. Mai; Life of James, II. 370; Burchet’s Naval Transactions; Commons’ JournaNote 16 · King, III. 12; Memoirs of Ireland from the Restoration, 1716. Listen beider Häuser findet man im Anhang zu King. 101. Beweise für Plowden’s Note 17 · Life of James, II. 361—363. Es wird dort gesagt, die Proklamation sei ohne Vorwissen Jakob’s erlassen worden, er habe sie aber nachher gebilNote 18 · Light to the Blind; An Act declaring that the Parliament of England cannot bind Ireland against Writs of Error and Appeals, gedruckt in LondNote 19 · King, III. 11; Brief Memoirs by Haynes, Assay Master of the Mint, unter den Lansdownmanuscripten im britischen Museum, Nr. 801. Ich habe mehNote 20 · King III. 12. 118. An Act for the Attainder of divers Rebels and for preserving the Interest of loyal Subjects, London 1690. 119. King III. Note 21 · Avaux, 27. Juli (6. August) 1689. 123. King’s State of the Protestants in Ireland, III. 19. 124. King’s State of the Protestants in Ireland,
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