X. Sprüche und Spruchartiges.
Reading edition
Kopf hoch!
Freuden, die sich dir heute verschließen, Morgen wirst du sie doppelt genießen. Lächelnd einst blickst du auf heute zurück; Alles wird einst Erinnrungsglück.
Glaub’s!
Ich sag’s mit Ernst: Bleib froh gesinnt! Werd ganz ein Mann und bleib ein Kind! Nimm klein nicht groß, nimm leicht nicht schwer! Es hilft zu nichts; es drückt nur mehr.
In ein Kinderalbum
zum Besten kranker Kinder.
Mein Kind, gelangst du einst zu Rang und Ruhm und Macht — Ein Mann und Vater sagt dir dieses mit Bedacht: Erwächst aus deinem Tun nur einem Kranken Heil, So sei dir dieser Ruhm um keinen Lorbeer feil.
Freundliches Schicksal.
Mensch, schließ der Auster gleich dich ein und laß kein Loch, Es hilft dir alles nichts; gefressen wirst du doch. Bleib aber eingedenk: der Lose schönstes ist, Wenn dich wie jenes Tier ein Mensch vor Liebe frißt.
Zur Seelendiät.
Wenn Verleumder kleinlich dich begeifern, Wurmt’s dich auch, du sollst dich nicht ereifern. Frage dich — das wird dir Ruhe schenken —: Wie werd’ ich nach Jahren drüber denken?
Triumph!
O Menschheit von heute, nun hast du Flügel! Zur schwebenden Schwinge machst du das Erz. Dein Leben rast ohne Zaum und Zügel; Nur eins schläft langsam ein: dein Herz.
Zweierlei Begeisterung.
Begeistrung nur beginnt ein großes Werk, Und nur Begeistrung führt’s zum guten Ende. Sie wirft den ersten Blitzstrahl in den Geist; Sie führt ans Ziel die nimmermüden Hände.
Durchhalten.
Ein erster Sturm, ein rasches Wagen Gelingt wohl auch dem wilden Blut. Stark sein heißt schlagen und ertragen. Nur langer Mut ist Heldenmut.
Schützensprüche.
I.
Sich’re Hand und klares Auge, Ob das nur dem Schützen tauge? Nein, es frommt in jedem Stand Klares Aug’ und sich’re Hand.
II.
Was die Welt erfüllt, das sauge Durstig ein mit weitem Auge; Was dir dient in Meer und Land, Ohne Zittern pack’s die Hand.
III.
Daß dein Werk dem Ganzen tauge, Stärk’ die Hand und schärf’ das Auge; Wer mit Ruh’ eräugt sein Ziel, Lenkt die Kugel wie den Kiel.
IV.
Freund, halte die Brust nicht allzu keck Den Pfeilen der Feinde offen; Denn hast du das Herz auf dem rechten Fleck, So wird es sicher getroffen.
V.
Mit schlechten Schützen treibe nicht Scherz Und merke, mein Freund, dir eines: Ihr Bolzen trifft ein großes Herz Weit leichter als ein kleines.
Passionsgeschichte.
„Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Und sieh, ein Licht ist dort entglommen, Das überstrahlt das Erdenrund, Und seine Macht ist allen kund. Und heute wie zu Christi Zeiten Nasrümpfen alle Dumm-Gescheiten, Des alten Wahnes unbenommen: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“
Ewig dasselbe.
Die großen Geister werden recht erkannt Erst, wenn sie tot. Die kommenden Geschlechter Empfinden dann mit hochgequollner Brust, Daß sie verständnisvoller und gerechter. „Wie konnte man nur jenen großen Alten Die lauteste Bewundrung vorenthalten! Wie klein sind gegen diese Koryphäen Der ‚Jetztzeit‘ Epigonen und Pygmäen!“ So schwatzen sie und treiben’s unverdrossen Nach altem Stil mit ihren Zeitgenossen.
Anwartschaft des Ruhms.
Ein Schwätzer schmähte jüngst ein Werk von Künstlerhand. Der Pöbel fiel ihm bei. Ein andrer Künstler fand Dies Werk und sah’s mit Lust und rief gar, als er dann Den Mob gehört, voll Schmerz: „Beneidenswerter Mann.“
Gefahrvolles Schwanken.
Laß die entschiedene Kraft nicht wechseln in dir mit der Schwachheit, Oder du weckst dir gewiß Fluch nur, Verachtung und Hohn. Wenig Stärke genügt, der Schwächlinge Haß zu entfesseln; Ihn zu bezwingen, verlangt Tatkraft, die nimmer sich beugt.
Schwerstes Unglück.
Kein Dornenkranz, den uns das Schicksal flocht, Bohrt so ins Hirn sich wie der Reue Zahn, Wenn wir ein großes Werk zu tun vermocht Und tun gesollt — und feige nicht getan.
Spruch.
Wie manchen hat ein Zufall nur gestürzt! Er schleicht verfemt, verachtet durch das Leben — Du fluch ihm nicht; daß du gestrauchelt, sei Dir Grund genug, Gefallnen zu vergeben.
Hic Rhodus.
Sucht ihr der Freiheit schlimmste Feinde? Betrachtet die übergroße Gemeinde, Welcher die Knechtheit sitzt im Bauch, Die lieber atmet in Qualm und Rauch, Als hinauszuwandern auf muntern Füßen, Selber das Morgenrot zu grüßen. Wie jeder von Freiheitsreden schwitzt! Aber vom Recht, das er längst besitzt, Macht so ein widerwärtiger Gauch Aus lauter Faulheit keinen Gebrauch.
Erkennen und Lehren.
Zu der Erkenntnis Höh’n klimmst du aus finsterem Tale Freudig-sicheren Schritts; droben ja winkt dir das Licht! Aber willst du von sonnigen Höhen die Gabe des Lichtes Tragen ins finstere Tal, fehlt dir im Dunkel der Pfad.
Guter Rat.
Heut, da die Ohnmacht sich brüstet und Meinungen jeder zu Markt trägt, Die er vom Baume gerupft, eh die Vernunft sie gereift, Sei dir ein Weggenoß im tollen Gedränge der Zweifel; Aber im Frieden für dich pflanze der Zukunft die Tat.
Einem Neunmalweisen.
Ein Stümpchen Licht, mein Freund, strahlt hell genug, Ein Fleckchen Rost auf edlem Stahl zu finden; Doch einer Sonne Glanz nur kann dem Trug, Dem Graun der Nacht die bange Welt entwinden.
Moderne Gesellschaftsstützen.
„Dem Ernst gehört die heutige Zeit Dem praktischen Verrichten! Heut’ ziemt’s dem wahren Manne nicht, Zu träumen und zu dichten!“ So spreizt sich in der Gegenwart Staatsmann, Soldat und Krämer Und dünkelt sich, an männlichem Ernst Shakespeare und Schiller beschäm’ er.
Frommer Eifer.
„Vermißt du dich, mit Gott zu rechten Und seinen Ratschluß anzufechten?!“ So fauchen zornerbebend die Pfaffen Und lassen vor dir die Hölle klaffen, Wenn du rechtest mit ihren Verdrehungskünsten, Mit ihren pfiffigen Hirngespinsten, Wenn du, weil du nach Gott verlangst, Für einen Popanz dich bedankst.
Zeitbild.
Einem andersgläubigen Prinzen Wird sie sich demnächst vermählen; Darum abtun ihren Glauben Wird sie und den seinen wählen. Einst die religiöse Hebung Schnöder Untertanenseelen Wird mit gottgewisser Salbung Sie der Geistlichkeit empfehlen.
Kollegialität.
Wer kennte die Herren Kollegen nicht, Die unsere Leistungen benagen, Wenn wir, die ihnen „so gut bekannt“, Ein Neues, Unerhörtes wagen! Das sind die Kritiker, die stets Die „größeren Alten“ zu Markte tragen — Hätte Christus mit ihnen die Schule besucht, Sie hätten ihn mit ans Kreuz geschlagen.
Auf einen Typus.
Der schnöde Knirps! An den größten Mann Drängt er sich brüderlich-frech heran, Weil er ihn hie und da verstand. Ja, wenn einst Gott am Zeitenrand Uns löst das Rätsel dieser Welt, Ruft er: „So hab’ ich’s mir vorgestellt! Du hast mir das Wort vom Munde genommen; Ich konnte nur nicht auf den Ausdruck kommen.“
Tatsache!
Und es ist so, was ihr auch zu sagen beliebt; Ich beweis’ es, bis jeder Zweifel zerstiebt, Und ich schwör’ es euch zu mit tausend Eiden, Und Naturhistoriker mögen’s entscheiden; Wahr ist es und bleibt’s: daß es Flöhe gibt, Die den Adler um seinen Flug beneiden.
Fortschritt.
Ein Hündlein lief vorm Wagen her, Machte dem Pferd die Arbeit schwer. Das wackre Tier nicht stehen blieb Und vor sich her den Köter trieb. „Die Hundeseelen“, so dacht ich heiter, „Sie bellen; aber sie müssen weiter.“
Geburtstagsverse.
Einem Fünfzigjährigen.
Die, eigner Stärke bar, auf fremde Schwächen lauern, Sie möchten gar zu gern das Leben dir versauern. Allein des Lebens Mahl, wofern es sonst geraten Und man noch Zähne hat, schmeckt auch als Sauerbraten.
Desgleichen.
Dem Dichter, wenn ihm schon das Haar ergreist, Die Muse immer höh’re Gunst erweist. Er blüht und reift — sein Alter ist nur Schein — Und wächst voll Lust in Gottes Schoß hinein.
Einem Sechzigjährigen.
Das Schönste hat man dir gesagt, gewünscht — Und doch bleibt mir noch eins zu wünschen — leider! Bewahre dich in Sieg, Triumph und Glück Ein guter Gott vor dem Geschmeiß der Neider!
Einem Fünfundsiebzigjährigen.
Der braucht mit nichten zu zagen, — Was auch die Zeit entrafft — Dem stark das Herz geschlagen; Du lebst noch fernen Tagen Nach Mayers Erhaltung der Kraft. Dein Werk ist still-lebendig — Mag Schnee darüber weh’n — Die Kraft sitzt ihm inwendig, Die wacht und wirkt beständig. Im Frühling wird man’s seh’n.
Marie v. Ebner-Eschenbach.
(Zum 80. Geburtstage.)
Wer wurde nicht fromm, wenn du erschienst? Melde mich auch zum Mariendienst Und wollte, meines Mundes Hauch Würd’ lauter Myrrhen und Weihrauch. Zwar wehrst du dem Dank mit schlichtem Mut; Aber unseren Herzen tut er gut.
Petrus Rosegger.
(Zu seinem 70. Geburtstage.)
Der Peter saß mit frommem Sinn, Flickte sein Netz und sang dazwischen. Sprach Jesus: „Leg die Nadel hin, Von nun an sollst du Menschen fischen“.
Mozart.
(1906.)
Über Rosenwolken ein geflügelt Schreiten, Gott im Auge, Blumen in der Hand; Dann ein jähes, großes Flügelweiten In das ewige, das dunkle Land.