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Gedichte

VI. Leben, Leid und Tod.

Reading edition

Neujahrsgruß.

Ans Tor des Türmers hab’ ich heut Gepocht mit lautem Rufen: „Komm, führe mich vor Mitternacht Zum Turm hinauf die Stufen! Denn ein Gelüsten treibt mich heut, Mit mächtig hallendem Geläut Die Welt zu meinen Füßen Zu grüßen.“ Und an des Alten Seite stumm Bin ich emporgestiegen. Tief lag die Erde schneeverhüllt, Geruhig und verschwiegen. Die weite Stadt — ein Lichtermeer! Das blinkte hold von unten her Wie goldnes Sterngewimmel Vom Himmel. Und oben hab’ ich tiefen Zugs Den Hauch der Nacht getrunken; Berauscht von tausend Bildern, ist Mein Geist in sich versunken —: Jed’ Licht dort unten schien ihm da Ein Auge, das ins Ferne sah, An Tagen, die vergangen, Zu hangen. Und jeder Blick erspähte bald Aus grauem Nebeldampfe Ein eignes und besondres Bild Vom ewigen Erdenkampfe. Wie manche leise Träne rann, Wie manches feste Herz begann In still erneuten Fluten Zu bluten! ... Hob sich aus fernem Dunkel nicht Hier — dort — ein Totenhügel? Flog nicht ein freundlich Antlitz her Auf traumbewegtem Flügel? O ja, in stiller Neujahrsnacht Der Toten wird zuerst gedacht, Der Lieben, die im Hafen Nun schlafen. Doch mehr als Tod ist Lebensnot — Horch, horch — in mancher Kammer Gellt jäh durch die Erinnerung Ein lauter, wilder Jammer! Ein nie verglommnes Weh entfacht So manchem diese stille Nacht, Dem alles, was er träumte, Zerschäumte. Und ewig Kampf und ewig Streit Mit Leiden und Gefahren, Mit Elend, Krankheit, Lug und Trug Seit tausend, tausend Jahren! Und war’s ein Jahr des Glücks vielleicht, So hat’s uns doch das Haar gebleicht, So ist es doch verronnen — Zerronnen — Wir kämpfen mit der Nagerin, Der Zeit, der nimmermüden — Still! War mir’s doch, als ob zur Lust Von fern Gesänge lüden — Fürwahr: ein leises Kling und Klang ... Zum Mund mit Jubel und Gesang Den Trank voll Glut und Leben Sie heben! ... Ja! Eine Freudensonne glüht Inmitten wilden Krieges: In allen edlen Herzen ist’s Die Zuversicht des Sieges! Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt, Das jeden Höllengeist verdirbt? Wo glänzt die blanke Wehre, Die hehre? Nun Mitternacht! — Da ließ ich weit Die Glocke donnernd schwingen, Und meine Seele schrie hinein Mit Beben und mit Klingen: Sie soll uns Schwert des Lichtes sein, Die reine Siegerin allein In Nacht- und Sturmgetriebe: Die Liebe.

Abend und Morgen.

Dich grüß ich still, o linder Abend; Denn alle Fesseln lösest du, Die mir am Tag die Seele banden: Du endlich wehst mir Frieden zu. Ich fühl ein seliges Genügen, Als wär mein Lebenswerk vollbracht, Ein starkes, ruhiges Entsagen, Als möcht ich sterben über Nacht. Und weiß, ich grüße dich, o Morgen, Mit neuem, siegesfrohem Mut Und trag dir mit der jungen Erde Entgegen meine Liebesglut. Von nie gekannten Lebenskräften In tiefer Seele regt sich’s nun Und ruft mit tausend hellen Stimmen: „Noch ist die Stunde nicht, zu ruhn. Dein selbstzufriedenes Genügen War einer schwachen Stunde Wahn; Sieh hin! Aus Nebeln steigt die Sonne: Ein neuer Weg ist aufgetan!“

Leise Stimmen.

Den Kopf auf deinem Schoß — o Blumenlager! O Pfühl, aus dem geheime Träume blühn! Dein Auge glänzt, ein sehnsuchtdunkler Frager, Wie reife Trauben aus dem Schatten glühn. Nun sinkt die Wimper — wie der weiche Flügel Des Abendfalters, der durch Dämm’rung zieht. Der wilde Tag flog über Tal und Hügel, Und deine Lippe summt ein träumend Lied ... Drückt nicht ein bleiches Antlitz sich ans Fenster? Erinn’rung ist’s, der stille Abendgast. Er schlüpft herein nach Weise der Gespenster Und schmiegt ins Polster sich zu langer Rast. Was mahnt er mich an düst’re Jugendtage, Da mich die Hoffnung an den Spott verriet? Ins große Meer versunken ist die Klage — Im Ofen raunt der Wind ein fernes Lied ... Und Tage kamen, Jahre, da mein Ringen In stummer, bitt’rer Qual vergebens war. Nicht glücken wollt’ es mir, sie zu bezwingen, Die dichtverschlung’ne Obskurantenschar. Die Staatsperücken ließen mich nicht gelten, Weil ich den Puder und die Schminke mied; Vom hohen Thron herab erklang ihr Schelten — Die Grille geigt ein leises Schelmenlied ... Ich kam hindurch! Von Morgenkraft durchschauert, Trag’ ich ein fröhlich blinkend Waffenkleid; Doch überall in Busch und Hecken lauert Mit giftigem Geschoß der Schuft, der Neid. Die feigen Schurken, daß sie Gott verdamme ...! Wie straff empor der Strom der Lampe zieht! Nach oben, nur nach oben strebt die Flamme Und trägt empor ein leises, feines Lied ...

Im Nachtzug.

Es donnerte, polterte, rollte der Zug Durch fröstelnde Winterfrühe; Noch ruhte in Städten und Weilern die Welt Von Lust- und Leidensmühe. Am Fenster stand ich und starrte hinaus, Da war nur Nacht zu schauen, Und tiefer und tiefer trank sich mein Blick Hinein in Dunkel und Grauen. Da sah ich fern aus niederm Gemach Ein zitternd Licht erblühen: Die Arbeit stand taumelnd vom Lager auf Zu neuen, alten Mühen. Und hier ein Licht — und dort ein Licht, Die grüßten von Ferne zu Ferne; In Schloß und Hütte gingen auf Der Mühsal bleiche Sterne. Auf daß die Lust im Sonnenglanz Den muntren Tanz erneue, Entfachen lange vor Tag ihr Licht Die Pflicht, die Sorge, die Treue. Ist noch die Welt ein dumpfer Schlaf, Ihr Traum ein irres Lachen, Es grüßt sich schweigend im Morgengraun Die stille Gemeinde der Wachen.

Fernes Licht.

Winkt ein stilles Licht aus weiter Ferne Nächtlich her in meiner Stube Schatten, Wenn des Tages flackernde Bewegung Sich gestillt zu schweigendem Ermatten. Ruhe winkt das Licht aus weiter Ferne. Unser Leben, Tag um Tag genommen, Ist ein töricht Fliehen vor der Ruhe Und ein reuevolles Wiederkommen. Jeden Abend aus der Qual des Strebens Steig ich auf in diesen heiligen Frieden. Vor mir, hinter mir ein dunkles Schweigen, Ich — wie von der Erde längst geschieden. Hier nur fühl’ ich Brust und Arme wieder Froh verlangend sich ins Weite dehnen, Und zurück ins Herz mit starken Fluten Kommt der Jugend heißes, reines Sehnen. Niemand weiß es, wie ich hier gesunde, Wenn durch schwarze, undurchdrung’ne Weiten Sicher auf den feinen, weißen Strahlen Unbeirrte, hohe Träume gleiten. Was ich dann, am Kreuz des Lebens hangend, Schlimmes leide und noch Schlimm’res lerne — Nächtlich her in meiner Seele Schatten Winkt ein stilles Licht aus dunkler Ferne. —

Erscheinung.

Eine düstre Wolke seh ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum. Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur. Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur. Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts. Also sah ich düst’re Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch. Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit seligem Glanz erfüllt. —

An die Zeit.

Du bist als mächt’ge Trösterin befunden Von vielen, welche Leid und Gram beschwert; Denn wer vergessen kann und minder wert Das einst Geliebte halten, mag gesunden. Ich will von dir nicht Heilung meiner Wunden, Die doch wie Gift an Geist und Herzen zehrt; Was ich gerecht bewundert und begehrt, Das gelte teuer mir zu allen Stunden. Du wirkst der edlen, reinen Säfte Stockung; Des Alters Siechtum, schleichendes Verderben Und Tod verbirgst du unter Trostes Schein, Und dem, der kraftlos nachgibt deiner Lockung, Gibst du statt schnellen Tods ein ewig Sterben Und zum Vergessen das Vergessensein. —

Sonett.

Bist du im Recht, und will man dir’s verdrehen, Und gilt es ein geringes — schweige gern! Es ziemt dir wohl, von niedrer Zanksucht fern, Den Streit um eitle Dinge zu verschmähen. Doch gilt’s ein Ideal, das du ersehen Zu deines Lebens wandellosem Stern, Will man Gedanken in den Staub dir zerr’n, Die rein und klar an deinem Himmel stehen, Dann tausche nicht um feigen Frieden ein Dein gutes Recht; dann streite sonder Beben, Stirbst du auch einst verlassen und allein. Denn besser ist’s, in Acht und Bann zu leben, Als stets sein Ohr dem Ruf nach Frieden leihn Und Licht und Recht den Narren preiszugeben.

Mein Freund.

Als ich jüngst im Garten wandelte, Ward mir unverhoffte, tiefe Freude: Aus dem tiefen Dunkel wirrer Zweige Winkten mir zwei Blumen wie zwei Augen. Näher trat ich, durchs Gebüsch mich zwängend — Sieh, im düst’ren Schatten alter Bäume, Fast erdrückt vom wuchernden Holunder, Stand ein armer Strauch der Alpenrose. Zwischen seinen krummen, mag’ren Ästen Spann ihr feucht Gespinst die ewige Nacht; Abgetrennt von Luft und Sommersonne, War er leidend Jahr um Jahr gewachsen; Doch aus Leidensnächten hob er Blüten, Starke, lächelnde, betränte Blüten, Seines Ringens Ende, still empor. Und dem Gärtner rief ich: „Diesem Strauche Gib den besten Platz in meinem Garten. Tu es bald — ich hab es ihm versprochen.“

Waldidyll.

Voll Haß und Unrast lief ich in den Wald: Mein Herz war heiß; die Welt war tot und kalt. Du, Bächlein, bist so wild und kraus wie ich! Komm, schäumender Gesell, und lehre mich: — Du gleitest singend über Blum’ und Moos — Was ist im großen Weltenspiel dein Los? Und sprühend, perlend klang es aus dem Schaum, Ein Lied, die Welle sang es wie im Traum: „Im Schoß der Berge kurze Stunden träumen, Ein froher Sprung vom steilen Hange her — An starren Felsenklippen sich zerschäumen — Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“ Noch lange horcht ich. Klang’s vom Himmel her? „Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“

Im Garten.

Ja, ich weiß, daß hier um Aug’ und Wangen Eine Flut von Duft und Schimmer drängt, Weiß, daß eine Traube schwerer Knospen Fast herab bis auf die Stirn mir hängt — Aber laßt mich doch die Sinne schließen Vor dem Drang, mit dem der Frühling naht, Und mich nur die Offenbarung fühlen, Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat. Denn ich ging durch einen langen Winter, Stand vor einer tief zerstörten Welt; Spöttisch hatt’ ich zwischen Furcht und Hoffen Meine Lebenswage festgestellt. Als mich heut nun diese Sonne weckte, Sprang mein Herz, ach Freunde, sprang mein Herz, Riß mit einem Schrei sich aus der Tiefe, Schluchzen hört ich’s wie vor Lust und Schmerz. Laßt mich, laßt mich nur die Sinne schließen; Dieser Fülle weiß ich sonst nicht Rat. Einen Tag lang will ich’s klingen hören, Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat.

Aus gesegneten Tagen.

Heißen und gerechten Haß im Herzen, Schritt ich achtlos durch den Morgenglanz; Lug und Trug der Schurken auszumerzen, Trieb mich der Gedanken Wirbeltanz. „Ja, zermalmen will ich, will vernichten, Was mir Kraft und Freude stiehlt und Schlaf!“ Und — ich stockte jäh vor einer lichten, Warmen Glut, die meine Augen traf. Einem Garten war ich zugetrieben, Wohl von tausend Rosen überflammt: „Oh, wir leben!“ jauchzten sie, „wir lieben! Oh, wir blühn und schaffen allesamt! Wandeln wollen wir in Duft und Farben Dieses Sommers gnadenreiches Licht!“ In die schwellendste der Rosengarben Neigt ich tief und still mein Angesicht. Und ich fühlte heiligen Erbebens, Wie’s mit Doppelglut mich überkam. Aus den Blumen schlug die Glut des Lebens, Aus der Brust mir quoll die Glut der Scham.

Stiller Besuch.

An einem Tag, da Haus und Halde schwieg, Lag ich auf meinem Ruhebett und schaute Verhalt’nen Atems meinem Söhnlein zu, Das fromm aus Hölzern einen Tempel baute. Am Fenster lag im Abendlicht ein Buch, Versonnen beugte sich mein Weib darüber; Im Käfig saß der Vogel auf dem Stock Und lugte dunklen Aug’s zu ihr hinüber. Da war’s, daß ich gewußt: das Glück ist da ... Ein Atem ist mir übers Herz gegangen ... Die Luft ist hell von einem gold’nen Blick ... Ein duftend Haar liegt weich auf meinen Wangen ... Und flüstern wollt ich: seht, das Glück ist da! Doch hielt gebunden mich ein ahnend Bangen — Das Vöglein sprang von seinem Stock herab — Da war der lichte, leise Gast gegangen.

Ruhe des Herzens.

Wie heimlich glüht ein Bild Aus langer Dämm’rung: Ein Sommerabend war’s Im Heimatdorfe; Noch lag ein Sonnenhauch Auf Dach und Giebeln, Und hell stand schon der Mond In leerer Straße. Der Nachbar sprach ein Wort Von Tau und Regen, Er sprach zu seinem Weib Drin in der Kammer; Er zog das Fenster an, Es klang der Riegel; Ein erstes Sternlein trat Aus lichtem Dunkel. Aus fernen Gärten klang Ein Mädchenlachen; Ein letzter Nachhall dann Und letzte Stille. Und all die Sommerwelt Ging wie ein Atem Geruhig ein und aus Durch meine Lippen. — Nun weiß ich’s, da mein Haar Beginnt zu bleichen: Was damals ich geatmet, war Das Glück.

An einem leisen Bach.

An einem leisen Bach auf grünem Stein Lag abendstill ein Sonnenschein, Wohl größer kaum als eines Menschen Angesicht, Jedoch ein heimlich-wunderbares Licht. Ich kniete still ins Laub, und dieses Leuchten sprach Von einer sanften Frau, die einst des Kranken pflegte, Vom Zweige über ihm die schönste Blüte brach Und lächelnd ihm aufs weiße Kissen legte ... In ferner Frühe war’s, ein Kindheitstag, Da unter Bäumen ich gebettet lag ... Wo bliebst du, holde Frau? Nie fand ich deine Spur. Du warst ein tiefes Glück, drum kamst du einmal nur. Nur einmal — fröstelnd schreck’ ich auf und seh mich um — Mein redend Licht erlosch. Die Welt ist stumm. — Und sehnend sucht’ ich heut den alten Stein — Auf Moos und Welle glomm ein toter Sonnenschein. Nie kehrt der Glanz von gestern mir zurück, Das weiß ich wohl. Er war ein Menschenglück.

Jäher Zweifel.

Wo sich Weidenlaub zum Dache bog Und durch Nacht ein stilles Wasser zog Trieb ich lange schon den müden Kahn, Meiner Sorge schweigend untertan. Meine Ruder taucht’ ich in die Nacht — Ob mir nie ein freundlich Ufer lacht? Plötzlich Laub und Dunkel aufgetan, Und ich schwamm auf lichtbeglänzter Bahn: Aus des Ufers dunklem Wiesengrund Prallte blendend weiß ein Säulenrund; Laut davor in weh’ndem Fackelglanz Schwang bekränzte Jugend sich im Tanz. Lachen schallte, und die Zither klang; Über Blumen wiegte sich Gesang — Dank und Jubel mir im Herzen quoll; An die Ruder griff ich freudevoll — — Da — bevor ich noch den Kahn gewandt, Hielt ein andres Bild mich festgebannt: Spiel und Tanz auch drunten in der Flut, Marmorblinken auch und Rosenglut. Aber drunten in geheimem Glanz Lautlos alles — stumm — ein Schattentanz. Nah dem Glück, das mich empfangen will, Steht mein Herz in bangem Zweifel still. Welches ist das Ziel, das mir ersehn, Und wo wird sich’s seliger ergehn: Droben, wo die helle Zither klingt? Drunten, wo sich stumm der Reigen schlingt?

Eines Tages.

Durch die silberflimmernden Gardinen, Über rote Blumen floß ins Zimmer Immer-immerfort die Sommersonne; Am Piano saß das blonde Mägdlein; Unter seinen rosenzarten Fingern Sprangen flink und hell empor die Töne, Klang das Liedlein „Mit dem Pfeil, dem Bogen“ — Aber was ergriff den Mann im Zimmer Nebenan? Den Blick noch kaum erhob er, Kaum dem Klange neigt er noch das Ohr — Packt ein Schütteln ihn bei beiden Schultern; In die Hände drückt er jäh das Antlitz, Und ihn wirft ein wildes, stummes Weinen. Weckt’ ihm wohl das Lied ein tot’ Erinnern? Eines längst versunk’nen Frühlings Helle? Nein. Des Menschen Herz ist eine Schale, Die die ungeweinten Tränen auffängt, Alle, alle unvergoss’nen Tränen Aufhebt einem unbekannten Tag. Tränen, die dein Aug’ im Jugendlachen, In der Mannheit Stolz, im Rausch des Kampfes Einst zurückwies, sammelt still die Schale, Tränen selbst, um die du nie erfahren, Stumm-geheim vom Leben zubereitet, Sammelt sie auf einen stillen Tag. Ist der unbekannte Tag gekommen, Braucht es nichts als einer Blume Atem, Eines Sonnenstrahls geheimes Klingen Oder eines Liedes Flügelwehn — Über strömt die übervolle Schale, Und dein Leben sinkt, ertrinkt im Schmerz. Von den Armen hob den Kopf er langsam, Starrte über Nahes in die Ferne, Und in feuchter, silberreiner Helle Stieg aus Tränenfluten ihm die Welt.

Lied eines Armen.

(Aus dem Volksstück „Hochparterre und Keller“.)

„Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“

Lessing.

Mich drückt das Gold nicht auf der Stirn; Mich drückt’s nicht in der Tasche; Ich fürchte nicht, daß je der Neid Nach meinen Freuden hasche; Kein Schmeichler schleicht an mich heran, Und keinem Pöbel frön’ ich. Der wahre Bettler ist allein Der wahre König. Mit meinem Liebchen thron’ ich oft Auf waldbekränztem Hügel; Dann tragen Kleider wir von Licht Und haben goldne Flügel. Mit Blumen dann zur Königin Das holde Mädchen krön’ ich; Der wahre Bettler wird alsdann Ein wahrer König. Einst flattert auf mein stilles Grab, So denk ich, eine Meise; Hat auch nur, was der Tag beschert, Ein Kleid und ihre Weise. Den toten Bettler kennt sie wohl Und zwitschert silbertönig: „Hier ruht ein seltner Mann; hier ruht Ein wahrer König.“

In Gunst bei der Wetterhexe.

Schwirren, Flimmern mir zu Häupten —? Unter ihren goldnen Fächer Nimmt Fortuna, die Despotin, Lächelnd mich, den armen Schächer? Platz ist unter diesem Segen! Wer da trauert: her geschwind! Jubelnd such’ ich, sehnend such’ ich Ein verhärmtes Menschenkind!

Zuspruch.

Es ist nicht wahr, was dir die Menschen sagen, Daß sich das Glück mit jedem Winde dreht. Wer wird denn viel nach Wind und Wetter fragen? Die Sonne bleibt, wie oft sie untergeht. Ein Sonnenlicht mußt du im Herzen tragen, Das durch Gefahr und Leiden mit dir geht. Ob’s tausendmal versinkt, es kehrt zurück; Der Glanz in deiner Brust — der ist das Glück.

Schranken des Glücks.

Durch die Seelen der guten Menschen Bebt ein Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. — Wohl umfangen auch sie in berauschter, Stammelnder Wonne das Glück der Erde, Und sie vergessen, darein versinkend, Alles Vergangenen düst’re Beschwerde. Sie auch pressen in nächtlicher Kammer Das Geliebte ans schauernde Herz, Sie auch taumeln im Tanz des Lebens Von der Verzweiflung zum trunkenen Scherz. Ja, als lebte mit ihnen im Glücke Alles, was sie lebendig umkreist, Senden im Glück sie dankende Seufzer Zu dem „allgütigen Weltengeist“. Aber sie tragen die stille Mahnung An das ewige Leid in der Brust; Werden doch immer sich des gemeinen Erdenloses die Guten bewußt! Sie mögen allein Nicht glücklich sein. Den eigenen Glücksstern seh’n sie erblinden In einer Nacht von fremdem Leid; In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz — Und zittert in weinender Einsamkeit. — Durch die Seelen der guten Menschen Bebt ein Seufzer geheimen Wehes, Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. —

Vor dem Zuchthause.

Ein düstrer Steinkoloß ragt in die Schatten Der Nacht hinauf. Die grauen Wände starren Gespensterhaft empor, und sie umflattert, Aufzuckend hier und da, ein fahler Schimmer Der Gaslaterne, die im Hofe brennt Und deren Glas von Sturm und Regen klirrt. Auf harten Steinen gellt der Tritt der Wache; Von Eisengittern starren tote Fenster — Ein Zuchthaus. — Ein scheußlich Ungeheuer, brütet es In dumpfer Finsternis und haucht Verdammnis. In später, dunkler Nacht schreit ich vorüber Einsam und stumm. Doch tief geheimes Grauen Durchfröstelt mein Gehirn. — Ein öder Friedhof Ist gegen diese stille Menschenwohnung Ein lächelnd schöner Paradiesesgarten, Ist eine Stätte süßer Lust, verglichen Mit diesem Grabe der Lebendigen. — Wir schreiten leichten Fußes dran vorüber, Behaglich eingehüllt in unsre Mäntel Und in den warmen Frieden unsrer Tugend. Wir wandeln durch den hellen Sommertag Und unterm Sternenglanz der Winternächte — Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten. Wir drehen uns im kerzenhellen Saale Zum lust’gen Schall der Geigen und Trompeten; Wir schlürfen lachend aus kristallnen Bechern Den roten Wein, daß er das Hirn durchglute Mit holden, wundersamen Phantasien — Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten. Wir wärmen uns am stillen Herd des Hauses Und ziehen an die Brust das schöne Haupt Des friedlich-sanften Weibes und der Kinder Vom Jugendsonnenglück umstrahlte Häupter, — Und über unser Antlitz zieht kein Schatten. Wer aber diesem steinernen Gespenst In sturmzerrissner Nacht vorüberschreitet, Dem bohrt sich ein Gedanke tief ins Hirn, Und in das Ohr raunt ihm ein Unsichtbarer: „Sieh diese Stätte schuldbeladnen Elends Und überschlag den Wert der eignen Tugend! Wer fiel von diesen, deren Klageruf An unbarmherzig kalte Mauern gellt — Wer fiel in Schande, weil du mitleidlos An seinem Jammer einst vorübergingst, Als er noch gut war, doch vom Glück verlassen? Wer fiel in Schande, weil du ihn verkannt? Wer fiel in Schande, weil du seiner Jugend In frevlem Leichtsinn eitle Lehren gabst, Die abwärts führten, statt hinauf zum Lichte? Wer fiel in Schande, weil du lässig warst, Zum Guten ihn zu führen, seine Seele Mit reinem Himmelslichte zu erfüllen, Weil du in Faulheit deines eignen Wohlseins Behaglich nur gewartet und sein Herz Dalag, ein toter Acker, nur bedeckt Vom Herbstesnebel eines öden Daseins? O ihr, ihr Glücklich-Tugendsamen, Reinen! Klebt euer Schuh, wenn er zum Tanze hüpft, Nicht fest zuweilen an dem glatten Boden Vom Blute eines Mords? — Dringt nicht zuweilen Durch alle Wohlgerüche eurer Gärten, Durch eurer Kammern liebliches Arom Der scharfe Pesthauch einer eklen Sünde? — — Die ihr das Haupt so frei zum Himmel hebt, Vergeßt mir nicht in eurem guten Herzen, Daß hinter diesen grauen Kerkermauern Ein redlich Teil von eurer Sünde wohnt, Und laßt in eurem Innern widerhallen Den wilden Schmerzensschrei der hier Begrabnen, An deren Fuß die schwere Kette klirrt Und die verdammt sind — auch um eure Schuld!“ —

Das verwandelte Lied.

Mit meinem Lieb durchstrich ich deutschen Wald, Und froher Rausch aus grünem Licht und Duft, Aus Windes-Orgelklang und Bergesluft Ergriff die freudeoffenen Herzen bald. O Kuß in eines Walds geheimstem Grund! Fern oben über Wipfeln rauscht die Welt Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund, Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken! Der Lippen Duft wie junges Tannengrün, Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht, Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt! O sternendunkler Abgrund, ende nicht, Und laß uns ewig deine Dämmrung trinken — — Doch ach — ein Eichhorn, tückisch, schadenfroh, Zerbricht ein Reis — und bricht den Zauberbann. Sie huscht davon — ein Strahl im nächtigen Tann! — Und steht — und neigt das Haupt — ein Kuckuck ruft Fern, märchenfern im Lande Irgendwo. Und wir, mit Küssen, zählen: Eins — und zwei — Und drei — und vier — schon schweigt er? Weiter, Schuft! Und er gehorcht! Nun fünf — und sechs — und sieben — Und schüttet uns von Leben und von Lieben Die Herzen voll so ohne Maß und Ziel, Daß sie mich von sich stößt und ächzt: „Nun wird’s zu viel!“ Zuviel, zuviel der Lust! Das Herz tut weh Von so viel Kraft und Glück, und könnt’ ich schrei’n Wie — Still! Da fällt ein fremder Klang herein — Von fern ertönt ein Horn — o je, o je! Genießen müssen wir — da gibt es kein Entflieh’n — Die Weise „Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n“. Nicht übel blies der gute, ferne Mann; Doch wenn man nun einmal ein Lied nicht leiden kann — Und seltsam: meinem Lieb ging’s ebenso: Es war ein traurig Lied und stimmt’ uns herzlich froh. Gefühlvoll blies er sehr vom Abschiedsbangen — Wir näselten und dudelten’s ihm nach Wie zwei der Zucht zu früh entlaufne Rangen. Und lachten, lachten — — und verstummten jach. Denn uns entgegen kam am Stock gegangen Ein Mensch — war’s noch ein Mensch? War’s noch ein Gehn? Zu jedem Schritt mußt’ er die Kraft erst sammeln; Ein Tasten war sein Gang, ein banges Stammeln — Nie hab’ ich solch ein arm Gesicht gesehn! Und jeder Zug darin ein zuckend Mühn: „Nur diesen Sommer säh ich gern verblühn!“ Und aus den Augen — ach, aus diesen Augen, Die sich mit langem Blick ins Hirn mir saugen, Sprach mehr zu mir als Leiden, mehr als Leid: Schrie bettelnd jener herzgrundtiefe Neid: „Warum gebt ihr mir nichts von eurem Leben! Ihr seid doch überreich und könntet gern mir geben, Und drückt euch stumm vorbei —“ Als wir vorübergehen, Berührt sein Stab den Saum von ihrem Kleide. Wir schritten weiter, ohn’ uns anzusehen. Von selbst und heimlich flocht sich Hand in Hand, Und ferngewandten Auges sahn wir beide Mit großem Blick ins dunkle Schicksalsland. Willkommne Rast am birkenkühlen Hang — Und wieder hallte herüber des Hornes Klang Und klagte: „Ob ich dich einst wiederseh?“ — Da ward uns beiden ums Herz zum Weinen weh. Es war ein Lied — mocht’s viel, mocht’s wenig taugen — Ein Lied war’s mit zwei sterbenden Menschenaugen. —

Sorge.

Willkommen, stiller Mond, im Schlafgemach! Gieß deine Lichtflut neben mich aufs Kissen Und laß in deine Strahlen mich die bleichen Gedanken meines Grames flechten! Wohl, Du bist gewohnt, der Liebe sanfte Klagen, Der Wonne Hauch als Opfer zu empfangen, Und Glück, das in verschwiegner Nacht erblüht, Vor dem verwandten Zauber deines Lichtes Erschließt es seufzend seinen Kelch. Doch ich — Mit der gemeinsten Sorge nah ich dir, Und deine Freundschaft, dein Vertraun erfleh’ ich In wacher Einsamkeit der stummen Nacht. Ja, küsse dieses Weib! Sieh, wie erlöst Ihr edles Haupt ins Kissen hingesunken! Ist sie nicht schön? Die Arme ausgebreitet, Die Lippen warm erschlossen — hingegeben Der Wonne ganz, vom Tag erlöst zu sein. Befreit von niedrer Sorge und nun ganz Ein Engel! Ja, verweil’ mit deinem Lichte Auf dieser Stirn, versenk’ ihr Träumen ganz In deine Silberflut! Ein hoher Geist Träumt hinter dieser Stirn von lichten Tagen. Doch ihn erdrückt des Tages harte Last, Und er erstickt im Staube. „Nahrung — Brot!“ In diesem Schrei stirbt unser Leben hin. Vergebens hehl ich ihr die grasse Not; Verstellung schmilzt so bald im Strahl der Liebe! Im Strahl der Liebe? Will er nicht erblassen? In Hungers Knechtschaft ringen sie und ich Mit Arm und Geist, und atemlos geschäftig Gehn wir am Tag einander stumm vorbei. Kaum noch gekannt lebt einer mit dem andern, Des Glücks nicht achtend ob der größern Not, Durch Leid entfremdet nicht, allein durch Sorge. „Fürs nackte Leben heisch ich eure Kraft,“ So schreit uns Armut an, „und nicht fürs Lieben. Was brauchen Bettler denn das Festgewand Der Liebe, um ihr Leben dreinzuhüllen! Das ist mein Fluch, das ist mein rastlos Mühn: Die Seelen so mit Sorge zu umklammern, Daß sie einander nie gehören können Und müd und stumpf der Liebe sich entwöhnen!“ Siehst du, o Mond, auf deiner weiten Bahn Noch irgendwo im reichen Erdengarten Aus dunkler Nacht so duftige Rosen blühn Wie diese Kinder? Du umschmeichelst selbst Der zarten Glieder weiche Lieblichkeit Mit sanfter Welle. Sieh, ein Händchen hascht Im Traum nach Früchten, die der Traum gereift! Die Lippen lallen Worte eines Spiels — Ein helles Lachen jetzt — und ganz im Schlaf, Im festen, ruhigen, zufriednen Schlaf! Sie atmen noch im Ganzen der Natur; Ihr Leben Traum, und selbst ihr Traum noch Leben. Ein Engel hütet sie: sie pflücken Blumen Am Abgrund unsres Elends ... O verdammt Sei diese ewige Qual und giftige Pein! Willkommen, Schmerz! Zerreiße du mein Inn’res Und laß mein Blut dahin in Strömen fließen, So will ich sterben und die Erde segnen! Laß mich auf deinem Schlachtfeld sterben, Erde; Allein erstick mich nicht durch deinen Schlamm, Durch deinen eklen Kot! Ist’s denn erlaubt — O Narrenspiel der Welt! — ist’s denn erlaubt, Daß diesen wunderbaren Bau des Hirns In tausend Windungen nur ein Gedanke Durchkreist, daß eine einz’ge Mahnung nur In diesem Herzen klopft und pocht und daß Sich dieses Lebens reicher Quell erschöpft Nur um das Eine: daß wir fressen können? O Schmerz, ein Sohn des Himmels bist du sonst; Erlosch’ne Geister schürst du wieder an Zu hellen Bränden; aus verdorrten Herzen Lockst du in heißen Wellen rotes Blut; Die Stirn des schwachen Menschen schmückst du herrlich Mit Götterglanz; den Weg durch Meer und Wüste Führt ihn fortan des Trotzes Feuersäule. Doch diese Sorg’ ums Brot — o pfui — sie ist Ein widerwärtiges, gemeines Weib, Das unverschämt im Haus die Herrin spielt, Auf off’nem Markt sich in den Arm uns hängt, Vor Edlen uns erröten macht, zugleich Vor Schurken uns erniedrigt. Heilig ist Kein Winkel ihr in unserm ganzen Innern; Sie höhnt mit schmutz’gem Lachen unsre Andacht Und speit auf unsern Stolz. Ja selbst, wenn Krankheit, Wenn Tod uns und Verrat zu Boden schlugen, So hockt sie triumphierend an den Herd Und sucht mit frechem Grinsen unsern Blick, Wenn er ins Leere starrt ... Du schwindest, Mond; O fliehe nicht; denn bin ich einsam, raunt Der Tod aus meinen Kissen ... Nein, ans Fenster! Ich will dich sehen, bis du ganz versinkst. Laß mich mit dir durchwandeln diese Nacht! Laß durch den Nebel, der mein Haupt umwogt, Die Ströme deines weißen Lichtes rinnen — Vielleicht ertastet doch mein müder Geist Nach aller Qual den Weg zur Morgensonne! —

Um eine Hoffnung ärmer.

Betratst du je ein Haus Mit hoffendem Verlangen Und bist von dannen drauf Gesenkten Blicks gegangen, Um eine Hoffnung ärmer? Wie anders schien die Welt Auf deinem ersten Gange, Als da du kehrst zurück Mit sorgenbleicher Wange, Um eine Hoffnung ärmer! Wie bohren sich ins Hirn Die heißen Sonnenstrahlen! Wie bebt das kranke Herz In wilden Fieberqualen, Um eine Hoffnung ärmer! Zerreißend dringt ins Ohr Der Straßen Lärmgewühle — Ach, daß du könntest ruhn, Das Haupt auf weichem Pfühle — Um eine Hoffnung ärmer! Ach, daß das schwere Herz Der Tränen sich entlüde! Geduld! Noch kurzen Weg! — Wie wandelst du so müde, Um eine Hoffnung ärmer! Da endlich winkt das Heim ... Wohin sollst du dich wenden? Aus allen Winkeln raunt’s Und von den düstern Wänden: „Um eine Hoffnung ärmer!“

Müde.

Ich zog auf fernen Wanderungen An manchem stillen Ort vorbei, Wo mich’s mit Allgewalt durchdrungen, Wie selig dort die Ruhe sei. Mit hohen Wipfeln sah ich ragen Den Föhrenwald am Felsenhang; Wie leiser Gruß aus fernen Tagen Der Wind durch seine Kronen klang. Ein Wasser ging in seinem Grunde — Es weilte still mein Bild darin — Von Stein zu Stein, von Stund’ zu Stunde Mit ewig gleichem Sang dahin. Und rings zersprengte Felsenmauern In altbemooster Einsamkeit — Auf einem Felsblock sah ich kauern Ergraut und stumm die tote Zeit. Ich zog auf fernen Wanderungen An manchem stillen Ort vorbei, Wo mir die Sehnsucht vorgesungen, Wie selig dort die Ruhe sei. O wie bescheiden wir uns stille Mit jedem jungen Traum zuletzt! Mich hat des Schicksals harter Wille Durch Angst und Not und Qual gehetzt. Nach aller Sorgen Gift und Kummer, Nach dieses Lebens Schein und Trug — Zur letzten Rast, zum langen Schlummer Ist jeder Winkel gut genug. Auf lautem Markt, im Tagesscheine Geht mir’s verlangend durch den Sinn: Ich legte mich auf diese Steine, Wie gern! zur letzten Ruhe hin.

Johannisnacht.

Leuchtkäfer schwammen in der schweren Nacht; Auf bleichem Rasen schliefen die Syringen; Nur der Jasmin blieb wach und horchte still Mit mondverklärten Augen einem Klingen. Aus blauen Schatten sang die Nachtigall, Ein Jauchzen war’s und jugendwildes Weinen. Sie sang das Lied der jungen Sinnenkraft, Das Lied, in dem sich Tod und Leben einen. Und rückgesunk’nen Blicks, geschloss’nen Auges, Fühlt’ ich der Erde Schuld und Angst verwehn, Und alle, alle hab’ ich sie verstanden, Die frommen Sünden, die wir rein begehn. In bangen Schauern hab’ ich sie verstanden, Die süßen Sünden trunk’ner Lässigkeit, Die einst mit grassem Blick vor uns erstehen Als spätes, als erbarmungsloses Leid.

Trügender Strahl.

Freundlicher Gefährte später Stunden, Kleiner Vogel, warum singst du nun? Nacht und Schlaf hat längst die Welt umwunden. Ließ die späte Lampe dich nicht ruhn? Durch des Käfigs Hüllen wohl verirrte Sich ein Strahl, der dir ins Auge drang, Und dein helles Stimmlein klang und schwirrte — Armer Freund! Der Morgen säumt noch lang. Auch mein Mut erhob im Traum die Schwingen — Aber Nacht umhüllt’ mich schwer und dicht. Und mein Herz begann von selbst zu klingen —! Welchem Licht es sang — ich weiß es nicht.

Der Einsame.

Ein schwarzer Ballen klatscht mit wildem Schlage An meine Scheiben — und fällt schwer herab. Ich öffne rasch das Fenster —: eine Drossel, Vom Falk gejagt, stieß das Genick sich ab. Im Schnabel Blut, so liegt sie zuckend, schauernd, Das Auge wach in heller Todesangst — Du armer Schelm, ich fühl’s wie mein Verschulden, Daß du dem bittern Tod entgegenbangst. Bei deinen Qualen zuckt in meinem Herzen Ein alter, heimatloser Menschenschmerz. Wie kann ich’s deiner bangen Seele sagen: „Dies Haus von Stein umschließt ein gastlich Herz?“

Nach dem Gewitter.

Grell entfuhr der Blitz den umwölkten Höhen, Und der Donner Wut übertönte, lange Dumpf verhallend noch, den in schwarzen Strömen Rauschenden Regen. Nun ist alles stumm. — Nur wenn hin und wieder Über Blum’ und Blatt ein geheimer Schauer Huscht, fällt erdenwärts, wie in Träumen leise, Tropfen auf Tropfen. — Unheil traf dein Herz, und am heitern Tage Trat das Unglück wild in dein junges Leben. Schlag traf schnell auf Schlag, und des Lebens Traum ist Eilig zerstoben. Öde ruht dein Herz. — Durch den müden Leib nur Hin und wieder fliegt ein erinnernd Beben, Und vom Auge rinnt, dem geschlossnen, leise Tropfen auf Tropfen. —

Leben und Tod.

Heut mittag war’s; der Regen floß Vom Himmel schwarz und dicht. Ich saß an einem Sterbebett Mit nassem Angesicht. Wir waren allein im stillen Gemach, Mein bester Freund und ich. Ich jung und frischen Lebens voll, Er jung — und todessiech. Ich sprach ihm Trost und Hoffnung ein; Da ward ihm die Wange rot; Da sprach noch grasser aus seinem Blick Der nahe, schreckliche Tod. Wir fühlten beide in stiller Brust Des Scheidens bittres Muß, Und unsre Lippen trafen sich Im ersten und letzten Kuß. — Nun sank der Tag — der Freund ist tot. Du ruhst in meinem Arm, Du schönes, königliches Weib, So jung und liebewarm. Du küssest heiß denselben Mund, Den ich dem Sterbenden bot: So nahe wohnt das Leid der Lust, So nah das Leben dem Tod. Auf meinen Lippen fanden sich Die beiden an einem Tag — Was hemmt so jäh mir in der Brust Des Herzens schnellen Schlag? ... Ich seh ein Bett ... ein Totenbett! ... Daraufgestreckt ein Weib, Mich selbst davor, und wilde Angst Durchrüttelt meinen Leib; Ich kenne die kleine, blasse Hand Und presse sie wild ans Herz ... Und ich erwach aus meinem Traum; Denn du schriest auf vor Schmerz. —

Aus umnachteten Stunden.

Du liegst so lächelnd schön Auf deinem weißen Bette, Als ob ein süßer Traum Dich fest umsponnen hätte. Wie schlummerst du so tief Mit schweigendem Behagen! — Sie haben mir ins Haus Viel duftige Blumen getragen. Die schwellenden Düfte wehn Betäubend durch die Räume; Es kreisen durch mein Haupt Die wilden Liebesträume. Mit reicher Blumenpracht Will ich dich leise schmücken; Wenn du’s erwachend siehst, Wie wird es dich beglücken! Die goldne Primel ins Haar, Daß wie ein Stern sie gleiße, Die dunkle Nelkenglut Auf deiner Schultern Weiße. Um deine knospende Brust Die kaum erblühten Rosen, In deine weiße Hand Die Lilien, die makellosen. O komm! Erwach’, erwach’, Daß ich dich heiß umfange! — Huscht nicht ein warmes Rot Über die zarte Wange? Die schwellenden Düfte wehn Betäubend durch die Räume; Es kreisen durch mein Haupt Die wilden Liebesträume. O komm! Erwachst du nicht Von meines Herzens Pochen? Hat meine Sehnsucht nicht Im Traum zu dir gesprochen? Ich küsse in taumelnder Lust Dein Antlitz, das süße, bleiche — Dein Lager ist ein Sarg, Und du bist eine Leiche. —

Am Grabe eines Freundes.

I.

Auf deinen Sarg fällt manche Träne nieder, Und weher Klageruf zerreißt die Luft. Ich starre trocknen Auges in die Gruft; Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider. Ich steh betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder, Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ... Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder. Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen: „Die Besten müssen früh von hinnen gehen!“ Dann wird zu dir mich die Erinnrung tragen; An deiner Gruft werd ich im Geiste stehen, Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.

II.

„Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Den müden Geist zu dichterischem Flug, Und schon seit langem streb’ ich ernst genug, Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.“ So schriebst du einst nach qualerfülltem Ringen, Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug, Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen. Begnüge dich! Du trägst nach heißem Ringen Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen Die große Poesie der Herzensreinheit. Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.

An den frischen Gräbern.

Die alten Gräber ruhen Verborgen unterm Laub; Vieljährige Tannen düstern Über dem alten Staub. Kaum weht um diese Stätten Wohl noch ein Klageton, Wo das Vergessen schweigend Sitzt auf ewigem Thron. Im kalten Winterwehen Hebt dorthin sich mein Fuß, Wo noch um die Kreuze flattert Ein junger Blumengruß. Die frische Gräberstätte! Ein weites, kahles Feld! Ein irrender Strahl der Sonne Den gelben Sand erhellt. Hier haucht die Luft noch Jammer, Hier schleicht noch verlassene Not, Und alles ist blutendes Wehe Und alles ist herber Tod. Ein reiches Blumenprangen Verschüttet schier den Pfad; Da liegen volle Rosen, Die schon ein Fuß zertrat. Wie hatt’ ich ganz vergessen Das Sterben, das Vergehn Und Lachen nur und Leben In liebenden Augen gesehn — In schmeichelnden Sommerlüften, Wenn golden die Sonne loht, In heulenden Winterstürmen: Wie üppig blühst du, Tod!

Rhapsodie.

Fortuna, quem nimium fovet, sapientem faciat.

Als ich geboren ward, Rauschte der Sturm im Wald. Auf nachtumschatteten Schwingen Flog er durch nebelumgraute Weiten, Trug er den Tod ins blühende Land. Durch Tore und Gassen Trieb er die Wolken erstickenden Staubs Und warf an die Fenster Dürre Blätter und tote Blumen. — — — — — — — — Als ich, geliebtes Weib, Einst mit fiebernder Glut dir Preßte die zarte Hand, Als ich dich bebend gefragt: „Liebst du mich denn?“ Als du ans Herz mir sankst, Zitternd und heimlich bejahend: Sieh! da troff unendlicher Regen Aus grauer, wolkenumschleierter Höhe, Und wir standen in herbstdurchschauerter Nacht. — — — — — — — — — — — — — — Wenn ich sterbe dereinst, Mög es herrlich prangender Frühling sein! Mit hellstrahlendem Glanz Grüße durchs Fenster mich singend und klingend, Grüße mich jubelnd der letzte Tag! Neidlos sterben im Frühling, Wenn sich der andern Leben erneut: Gebt mir, Götter, die Kraft selbstvergessender Liebe! So nur trüg’ ich die Schuld ab, Die sich mir aufgewälzt, Als des Glückes ich friedlich genossen, Während viel andre gewandelt Einsam den Pfad der Dornen. Nimmer zürne dereinst, Von hinnen scheidend, meine Seele, Daß der Tag, der vielen zur Wonne glänzt, Mir die welkende Wange bleicht Und auf mein Antlitz Ewige Schatten des Todes legt.

Mahnung.

Eine Sense hängt im Baum. Hat der Mäher sie vergessen? Oder wessen ist sie — wessen? — — Sah man heut den Gärtner? — Kaum. Kirsche blüht und Apfelbaum. Aber alle Blüten schauen, All auf mich mit stillem Grauen — Jemand schleicht am Gartensaum. Durch den lenzerhellten Raum Ohne Zwitschern, ohne Singen Schlüpft die Amsel; ihre Schwingen Heben sich vom Boden kaum. Unser Leben Schlaf und Traum — Soll ich nun so bald erwachen? Sonne scheint und will nicht lachen. Eine Sense hängt im Baum.

Das eine Ziel.

Ich war ein Kind und bat die Schickung: „O mach’ mich groß und stark und frei! Zerreiß, die mir die Seele schnüren, Der Kindheit Bande reiß entzwei!“ Ich war ein Jüngling und ich flehte: „O Schicksal, schmiede mich zum Mann, Daß ich das Glück mit stärkrem Arme Ergreifen und umschlingen kann!“ Ich war ein Mann und bat in Schmerzen: „O gib der Weisheit Ruhe mir! Laß mild des Abends Sonne scheinen Und schweigen meiner Wünsche Gier!“ Da stand der Tod an meiner Pforte. „Wer“, rief ich bleich, „wer rief denn dich?“ Er sprach: „Du rufst seit langen Tagen, Seit Kindheitstagen rufst du mich.“

Friedhof in Hannover.

Zwei Liebende, zu kurz vereint auf Erden, Schloß diese Gruft mit schweren Quadern ein. „Niemals soll dieses Grab geöffnet werden“ — Ihr letzter Wille schrieb es auf den Stein. Ein Reislein klomm aus schmalem Spalt nach oben Und ward ein Reis, ein Baum, ein Riese gar; Der Deckel sprang, und weit zurückgeschoben Liegt der granitne Block schon manches Jahr. Das Reislein schickten sie aus düstrer Zelle, Und ihre Sehnsucht hob des Steins Gewicht. Allmächtig überschritt die Felsenschwelle Des Menschenstaubes Heimweh nach dem Licht.

Dem Andenken meines Vaters.

Was oft in Tagen, die in Nacht versanken, Mit gleicher Glut in unsern Herzen brannte, Was dann im Tausch verschwiegener Gedanken Ein froh-beredter Blick dem andern nannte, Aus diesen Blättern sollt’ es dich umwehn Mit der Erinnrung traumbeglänztem Flügel — Nun wird’s allein durch meine Seele gehn Als Geistergruß von einem stillen Hügel.

Allein im Dunkel.

Her durch Wände und geschloßne Türen Schwebt ein Spiel von leisen, weichen Händen, Oft so zart — ich weiß nicht: ist’s des Weltalls Tönend Schweigen, oder ist es Klingen? Ist es Klingen? Klang es nicht wie längst verwehtes Leben? Ja, es rief wie erste Kindertage, War wie alter Ahnen leises Rufen, Die noch wachen in vergeßnen Gräbern, In vergeßnen Gräbern. Meinen Enkel einst umhaucht mein Leben Wie ein fernes Spiel von leisen Händen — Hörbar kaum, wie Traum von einem Klange, Wird es klingen durch verschloßne Türen — Durch verschloßne Türen. —

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