III. Junge Liebe.
Reading edition
Gesicht.
(Das Mädchen spricht:)
Die Glut im Ofen Zerfällt mit Knistern — Ich bin bei den Eltern, Unter Geschwistern; An jedem Abend In engem Zimmer Sind wir versammelt Beim Lampenschimmer. Sie alle grollend Und finster schweigend — Ich in Gedanken Zu dir mich neigend. Du bist geächtet In diesen Räumen — Du steter Gast mir In stummen Träumen. Ich bin gefangen In dumpfer Klause; Ich bin verlassen Im Elternhause! Und oft doch will mir’s Die Brust zersprengen, Ans Herz der Eltern Mich hinzudrängen — Ich bin verlassen Unter den Meinen; Ich bin gefangen Und darf nicht weinen. Da — welch ein Klingen Durchflog den Raum? Es fiel wie Amen In meinen Traum! Ein helles Jauchzen Und leises Klagen, Ein wehmutbanges Und süßes Fragen! Von ferne hört ich’s Herüberwehen, Wo durch das Dunkel Die Winde gehen. Kaum, daß ich vernommen Den Hauch der Töne — Da standst du vor mir In aller Schöne, Mit hellen Augen, Mit blühenden Wangen, Als könnt’ ich mit Armen Dich liebend umfangen ... Du wolltest mich grüßen Aus dunkler Weite Und gabst dem Verlangen Ein Lied zum Geleite. Es hat mich gefunden, Da ich getrauert, Es hat mir selig Das Herz durchschauert! Du hast mich wieder Mit Licht umgeben; In meinem Kerker Blüht neues Leben!
Tödlicher Traum.
Heut nacht im Traum kam Liebe mir vom Himmel: Ja Lieb’ von mehr als irdischer Gewalt! Still wuchs empor aus dunklem Traumgewimmel Ein lichtes Weib von seliger Gestalt. Wie groß ihr Auge unter langen Brauen! Wie fest und ruhig schlug ihr heilig Herz! Aus Menschenniedrigkeit sie anzuschauen, Erdrückte mich wie der Verbannung Schmerz. Sie aber — sie — aufs Knie sinkt sie zur Erde Und küßt mit Lippen, feucht und rosenweich, Den Fuß mir — mit verwirrender Geberde — Erbarmung war’s und süße Glut zugleich. Und uns umfloß verschwiegenes Genügen, Und meine Brust war erdenfrei und rein, Und nur noch Liebe ging in gleichen Zügen Durch meine offnen Lippen aus und ein. — — Nun, harter Tag, erbarmungsloser Scherge Der Wirklichkeit, treibst du mit Grinsen ein, Was wir, von deiner Last erdrückte Zwerge, Im Traum geborgt von einem süßern Sein. Mit hämisch gleichem, hartem Schritt der Stunden Entrückst du mir das zartgewobne Bild. Jetzt nur ein Schleier noch — und jetzt entschwunden! Und Sehnsucht irrt im nebelnden Gefild. — Aus Traumbereichen kommt uns keine Kunde. Nur hier im Herzen blieb ein feiner Stich. Ein leiser Strom aus tiefversteckter Wunde — Verblutet die Erinn’rung — oder ich?
Erwartung.
Ob noch kein Strahl der neuen Sonne Ins Herz der bangen Erde traf? Wie lange hältst du schon umfangen Die öde Welt, o tiefer Schlaf! Doch stellt mit jedem düstern Tage Sich glühender das Hoffen ein: Wie herrlich wird nach allem Harren Der erste Tag der Wonne sein! Wann wirst du dich zum Ende neigen, Du meiner Seele grauer Tag? Fern liegt mein Glück; doch ihm entgegen Drängt sich mein Herz mit jedem Schlag. Nur noch in einem Lichtgedanken Ertrag ich dieser Jahre Pein: Wie herrlich wird nach solchem Harren Der erste Tag der Wonne sein!
Walpurgisnacht.
Zu Roß, mein Lieb, mein süßes Lieb, Wir müssen schnell von dannen, Von dannen durch die tiefe Nacht, Durch Feld und Hag und Tannen! Hinweg von unsrer Feinde Herd, Die uns nur Fluch und Hohn beschert Und uns ins Elend bannen. Blick’ auf, mein Lieb, mein süßes Lieb, Walpurgisnacht ist heute! Es schwirren um den starren Berg Gar wundersame Leute. Es drehen sich im Hochzeitstanz Und treiben wilden Mummenschanz Die grauen Hexenbräute. Fürwahr, mein Lieb, mein süßes Lieb, Sie gleichen ganz den Fratzen, Die unser Glück vergifteten Mit Drohn und süßem Schwatzen. Die Augen stieren gläsern kalt; Die Leiber sind verschrumpft und alt; Sie fauchen wie die Katzen. Hinweg, mein Lieb, mein süßes Lieb, Hier kann das Glück nicht weilen. Umfasse du mich ohne Graun Und laß uns fürder eilen! Wir finden unsre Heimat doch, Und läg sie in der Ferne noch Viel hundert, hundert Meilen! — O sieh, mein Lieb, mein süßes Lieb, Zerflattert sind die Sorgen! Da steigt die Sonne rot empor, Die sich so lang verborgen. Was ferne glüht in stiller Pracht Und was so hell in uns erwacht: Das ist der Maienmorgen!
Liebesschauer
Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe. Du liegst mir im Arme Mit glühenden Wangen, Geschlossenen Auges, Die schwellenden Lippen Wie träumend erschlossen Vor lechzender Sehnsucht Nach brennenden Küssen. Und immer, immer Mit neuen Flammen Durchjagt’s mir die Seele, Und immer, immer Die zitternden Lippen Von neuem press’ ich Auf Mund dir und Wangen, Als müßt’ ich dir rauben Den süßen Atem, Als müßt’ ich ersticken Dein warmes Leben, Als müßt’ ich dich küssen Unersättlich, Bis tot an die Schulter Dein Haupt mir sänke, Vor Glück entseelt. — Tot ... entseelt ... Und wenn er erschiene Am andern Tage, Der bleiche Allmächt’ge, Der tags und nächtens Die Erde durchschreitet Und aus den atmenden, Blühenden Leibern Unstillbaren Durstes Das Leben saugt — Und er nähme mir dich! Und würfe zum Staub Deinen blühenden Leib! — — Dann käme ein andrer Als du mir ins Zimmer, Mit kalten, feuchten, Knöchernen Fingern Die Hand mir reichend Zu ewiger Freundschaft, Ein seltsamer Fremdling! Zur Seite mir wär’ er Bei Nacht und am Tage, Bald irre Klagen Ins Ohr mir raunend Vom Glück der Liebe — Bald gellend und lachend Ins Ohr mir schreiend Verrückte Geschichten Vom Glück der Liebe! — Das wäre der Wahnsinn. Vorahnend schaut ihn, Entrückt, meine Seele, Und schon in der Ahnung Packt er mein Innres, Als wollt’ er mir Nerven Und Adern zerreißen — — — — — — — — Du aber fürchte Dich nicht, Geliebte, Weil wild meine Augen Starren ins Leere; Schon sink ich dir wieder Ans pochende Herz. Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe! —
Auf dem Morgengange.
Laß uns verweilen, du Liebste mein, Schau in den tiefen Wald hinein! Spärlich nur durch die Tannen dicht Irrt hernieder das Sonnenlicht; Nur einen kleinen, stillen Raum Hüllt es in einen goldnen Traum. Vier der Stämme ragen empor, Die sich allein das Licht erkor; Aber sie flimmern in hellem Glast Wie ein lichter Zauberpalast. Durch die Kronen huscht mit Geflimmer Flink und behende der Morgenschimmer, Fliegt und zittert hinauf, hinab, Bis er alles mit Gold umgab. Zwischen den Stämmen in der Schwebe Hängt der Spinne silbern Gewebe; Käfer im Goldrock, flink und munter, Hasten die Stämme hinauf, hinunter, Und ihr Schwirren und Summen leis Einziger Laut im weiten Kreis! — Also fiel auch in unsre Brust Golden das Licht der Liebeslust, Und inmitten der düstern Welt, Die uns mit Sturm und Frost umstellt, Fanden wir strahlende Einsamkeit, Frieden und tiefe Seligkeit. Eine stille Sommerpracht, Uns im Herzen die Liebe lacht. Sonne trank nun allen Schmerz. Ahnend zittern durch unser Herz, Wie das Licht um die hohen Bäume, Einsame Wünsche, schweigende Träume! —
Beglückender Einklang.
Es lag im leisen Abendtraume Vor uns die jugendschöne Welt; Wir wandelten in tiefem Schweigen Noch immer fort durch Wald und Feld. Verfallen warst du ganz dem Zauber Der Schönheit, die uns mild umfing; Es schien, du hättest mein vergessen, Weil nur an ihr dein Auge hing. Du warst so hold in deinem Traume, In deiner Kindesseligkeit — Mir ward im Anschaun deiner Schöne Das Herz von heiligem Drange weit; Mit Flammenküssen ganz bedecken Wollt’ ich dein sinnend Angesicht: Doch fromm beschied ich mich im Herzen Und störte deine Andacht nicht. Denn ein Gedanke, tief beglückend, Stieg mir empor aus froher Brust: Auch du erglühst vor allem Schönen Und Herrlichen in reiner Lust; So ist mein Ahnen und mein Hoffen, Mein Träumen länger nicht verwaist: Auch dich erhebt aus Erdenschatten Der Schönheit göttlich hoher Geist.
Als die Geliebte sang.
Und einmal ward es Abend wieder; Wir schritten spät am Wald entlang; Du sangest mir die leisen Lieder, Die ehmals deine Mutter sang, Die du in fernen, schönen Tagen Der Liebereichen abgelauscht, Als noch an wunderbunten Sagen Des Kindes Sinn sich fromm berauscht. Ich sehe dich, die großen Augen Zur Mutter liebevoll gewandt, Den Ton von ihren Lippen saugen, Der zaubrisch deine Seele bannt. Dann traf ein tödliches Verhängnis Dein reines Glück — die Nacht war lang — Du aber trugst durch die Bedrängnis Im Herzen treu den milden Klang. So schön hatt’ ich dich nie gefunden, Seit ich in dir mein Glück umfing, Als da an deiner Kindheit Stunden In Träumen deine Seele hing, Da du des Herzens tiefste Töne Der Mutter andachtsvoll geweiht Und dich zum Lohn mit Morgenschöne Umströmte die vergangne Zeit.
Leuchtender Tag.
Liebchen!! — Huschte sie durchs Zimmer? Ja, ihr Haar blieb mir im Sinn. Wie ein Quell im Frühlingsflimmer Floß es reich und hell dahin. Ist mir’s doch, ich säh es quellen Fort und fort in goldnem Tanz, Flinke, immerrege Wellen Unter einem stillen Glanz ... Was ich heut nun denke: immer Bringt es Lust mir und Gewinn. Wie ein Quell im Frühlingsflimmer Fließt es reich und hell dahin.
Tändelei.
Bitte bitte! soll ich sagen, Um ein Küßchen zu erlangen? Meinen Stolz willst du versuchen, Allerlistigste der Schlangen! Schnippisch trotzt das rote Mündchen, Das so oft zum Kuß bereit war. Meinst: mein Recht, dich abzuküssen, Wär’ durchaus nicht unbestreitbar. Nur durch fromme Unterwerfung Würd’ ich wert so hohen Lohnes — So versicherst du „entsklavten“, Frauenrechtsbewußten Tones. Und du glaubst, ich würde bitten? Meine heilige Manneswürde, Denkst du, würde ruhig tragen Solcher feigen Knechtschaft Bürde? Mann bin ich und dein Gebieter, Und der Macht geziemt kein Bitten; Doch ein Recht zum Raube hat sie; Noch ist ihr’s nicht abgestritten! Und — schon hab ich meine Beute! — Nun? Dein Trotzen, sag, wo blieb’s denn? — Und sie haucht: „Ach, die geraubten Küsse geb’ ich dir am liebsten!“
Lieb und Traum.
Rings umschattet uns schweigendes Waldesgrün; Atmende Dämmrung hebt sich sacht zu den Wipfeln; Nur durch die Lichtung glänzt und glitzert Des Stromes rinnender Spiegel. Da faßt du mich lächelnd bei beiden Händen Und fragst mich, halb scherzend, halb zürnend: Garstiger Schweiger, was träumst du? — Was ich träume, fragst du mich, Mädchen? Hörtest du nicht den leise flötenden, Lieblich lockenden Ton der fernen Nachtigall? Sanft zuerst wie ein Hauch, dann schwellend und endlich verklingend; Und der Ton, wie er sanft erschwoll und zitternd verklang, Nahm mich hinweg in sinnendes Träumen. — Still war alles. — Da kam ein Wehen von den Wipfeln der Bäume, Und silbern blitzte des Stroms erzitternder Spiegel. Doch balde, bald versank das silberne Raunen Und ließ mich drüben allein am Ufer der Träume. Da traf mich dein Wort wie der Heimat Stimme — Da schau ich nun dir in dein liebliches Antlitz, Blick in dein helles, Unschuld lächelndes Auge — Sieh, und das war mein Traum: Oh, daß dies Glück nicht verhallte wie Nachtigallsang, Nicht dahinstürbe wie Wellengeflüster!
Abend.
Lehnst an meine Schulter du Sanft dein Haupt mit Schweigen, Spiel ich dir ein altes Lied Auf der alten Geigen. Und die Seele, mild gerührt Ob dem süßen Klingen, Fliegt zum hellen Abendrot Auf der Hoffnung Schwingen. Und im Auge dir und mir Glänzt die stille Frage: Bleiben Lieb’ und Seligkeit Bei uns alle Tage? Wenn die Rosen sind verblüht, Wenn die Saiten sprangen, Wird ob unserm Haupte dann So der Himmel prangen? — Stumm noch lauschst du meinem Lied, Ob ich schon geendet; In die Weite traumeshell Ist dein Blick gewendet.
Beredtes Verstummen.
Ich hatte schweres Unrecht dir getan, Mit rauhen Worten tief dein Herz verletzt Und deinem flehend sanften Widerspruch In Blindheit mich verschlossen bis zuletzt. Da schwiegst du ganz und sahst mit feuchtem Blick So gut und liebevoll mich an wie je, Als dächtest du: „Dir dank ich alles Glück, Wohl überwind ich einst auch dieses Weh.“ Da fiel’s wie Schuppen von den Augen mir; Die Glut des Zornes wich der Glut der Scham, Die jäh wie Feuersflut vom Himmel mich Vor deiner stillen Größe überkam.
Liebesglaube.
(Die Geliebte spricht:)
Ach, mit gepreßtem Herzen War ich aufs Lager gesunken; Ich hatte heimlich-verschwiegen Des Argwohns Gift getrunken. Ich wähnte das Glück verloren; In bangen Zweifelstunden Hatt’ ich in seinen Augen Die Liebe nicht gefunden. Doch heut in früher Stunde Weckte mich leises Ahnen; Es pochte in meinem Herzen Ein starkes Frühlingsmahnen. Da fand ich die Morgensonne In meiner Kammer zu Gaste; Es sang mit lautem Schalle Ein Vogel vom Lindenaste. Mich überfloß berauschend Der goldne Strahlenregen; Aus meinen Kissen lacht’ ich Dem Morgenglanz entgegen: Er kann der frommen Treue, Der Liebe nicht vergessen! Er kann das Herz nicht töten, Das er im Glück besessen — —! Und ich entschlief. Entschweben Sah ich den bleichen Kummer. Mit Blumenträumen bedeckte Mich leise der Morgenschlummer. —
Versöhnung.
Kennst du die Tage schaurig-öd’, Da Todesschauer dich umweht, Wenn nach der grauen Wolken Zug Dein seherhaftes Auge späht? Die Bäume friert es bis ins Mark; Erschauernd sträubt sich ihr Geäst; Ein düstrer Geist hält jeden Hauch Der Lust im Grund der Erde fest. Da siehst du in dem Wolkenheer, Das endlos zieht am Himmelszelt, Die Last der Schmerzen, die sich schwer Dahinwälzt über diese Welt. Und in dem Winde, der sie treibt, Der durch die Wälder heult und gellt, Vernimmst du bebend einen Klang: „Ich bin der Angstschrei dieser Welt!“ Dann lehnst du in der Dämmrung wohl Am stillen Fenster, starrst hinaus Mit irrem Blick ins Graun der Welt Und in des eignen Lebens Graus. Wenn’s dann im Dunkel dich umweht Wie eines Mundes warmer Hauch Und dich ein weicher Arm umfängt Nach altem, süß-gewohntem Brauch Und eine Stimme flüsternd spricht, So schön, wie’s nur in Träumen klingt: „Ich will verzeihen!“ und ein Kuß Dich wie ein Gotteshauch durchdringt —: Dann rüttelt dich ein jäher Schmerz, Wie wenn dein zuckend Herz zerreißt, Ein Wirbelsturm der Lust durchrast Frohlockend, jauchzend deinen Geist. Die Nacht brach an. Die Wolken flohn. Die Pracht der Sterne kam zurück — Du aber pressest immer noch Ans Herz dein unbegreiflich Glück!
Bitte.
Du sollst nicht wähnen, daß mein Denken Sich frei im reinen Lichte wiegt, Daß über jegliche Versuchung In mir ein starker Wille siegt. Ich bin zu dir, o Kind, gekommen, Um dir ins süße Angesicht Mit treuen Worten zu bekennen, Was mir an hohem Wert gebricht. Und wenn ich alles dir bekenne, Dann bebe nicht mehr stumm zurück, Als träfe dich in meiner Liebe Ein ewig unverdientes Glück. Vielmehr, wenn still aus meinen Augen Ein Tropfen rinnt auf deine Hand, So denke, daß in deinen Armen Ein irrend Herz den Frieden fand.
Süßer Wahn.
Und kommst du an mein Sterbebett, Geliebter mein, Dein Kommen ist wie früh am Tag Der Morgenschein. Da sinkt die Nacht, die lastend mir Das Hirn zerquält, In der die Stunden ich so oft, So bang gezählt, Da schwere, heiße Träume nur Das Dunkel wob Und nur der Sorge Seufzer mir Den Busen hob. — Nun lächelst du in heiliger Lieb’ — O sieh mich an! Ein Glaube kinderfromm und schön Erhebt mich dann. Mir ist, als ob des Todes Macht Vor dir zerbricht — Leg deine Hand mir still aufs Herz, Dann sterb ich nicht. —