← Table of contents
Gedichte

I. Balladen und erzählende Dichtungen.

Reading edition

Nis Randers.

Krachen und Heulen und berstende Nacht, Dunkel und Flammen in rasender Jagd — Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut: Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich’s der Abgrund. Nis Randers lugt — und ohne Hast Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast; Wir müssen ihn holen.“ Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein: Dich will ich behalten, du bliebst mir allein, Ich will’s, deine Mutter! Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, Mein Uwe, mein Uwe!“ Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: „Und seine Mutter?“ Nun springt er ins Boot, und mit ihm noch sechs: Hohes, hartes Friesengewächs; Schon sausen die Ruder. Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! Nun muß es zerschmettern ...! Nein: es blieb ganz! ... Wie lange? Wie lange? Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer Die menschenfressenden Rosse daher; Sie schnauben und schäumen. Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! Eins auf den Nacken des andern springt Mit stampfenden Hufen! Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! Was da? — Ein Boot, das landwärts hält — Sie sind es! Sie kommen! — — Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ... Still — ruft da nicht einer? — Er schreit’s durch die Hand: „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

Sündflut.

Erk Mannis schaut über Holmös Strand: Verronnen die Flut, aber tot ist das Land. Ein Schlick und ein Schlamm und ein Trümmergraus; Nur eines blieb ganz: das Gotteshaus. Erk Mannis ruft! — Kein lebender Ton! Die See gluckst leise mit glimmerndem Hohn. Da stürmt er die Stufen hinauf zum Turm; Sein ahnendes Grausen läutet Sturm; Die Glocke schreit wie ein jammerndes Kind: Gebt Antwort, gebt Antwort, wo Menschen sind! — Nur Nebelschweigen und Todesruh. Dein Volk ist tot. Nur du lebst, du. Da packt ihn das Grauen; mit tappendem Schritt Steigt er hinab; in die Kirch’ er tritt Und sinkt in die Bank, und vors Gesicht Ballt er die Fäuste und stöhnt und spricht: „Ich dank’ dir mein Leben nicht, o Gott! Dein Segen ist Fluch, deine Rettung Spott. Wo hast du mein Weib? Wo hast du mein Kind? Mein ganzes Volk zerstoben im Wind! Du hast mich vergessen, ich helfe dir nach —“ Ans Messer im Gürtel greift er jach — Da hört er ein Schwirren — er blickt hinauf: Vom Taufstein hob sich ein Schwälbchen auf. Beschwingtes Leben im finstern Raum! Durchs Fenster entflog es wie ein Traum! Er raffte sich auf; er schaute sich um — Da sah er ein Weib, das blickte stumm Der Schwalbe nach und blickte lang — Bis Auge still in Auge sank. Sie schritten schweigend hinaus vor die Tür, Da schwirrten die Schwalben für und für. Sie fanden ein Grabmal aus bröckelndem Stein, Da flitzten die Flinken aus und ein. In eines Kranzes moderndem Rest, Da hegten die Segler ein heimlich Nest; Da fanden die beiden zirpende Brut, Geborgen und froh in des Todes Hut. — Übers Meer, in die Ferne schauten sie weit. Den Ruf des Lebens hörten sie beid’. Heut lebt auf Holmö rank und recht Ein todesmutig, ein froh Geschlecht.

Timm Clasen.

Am Fischerewer träumt ein Licht Und nickt, als ob’s im Traume spricht Mit seinem Widerschein — der blinkt Aus stiller Flut — und blinkt — und winkt — Hoo, Timm Clasen, heut gibt’s einen Fang! Timm Clasen aber sinnt anderm nach. Was glitscht im Mondschein her gemach? Ei, Jan Frerk — der kommt mir in’n Griff! Ein dumpfer Ruf — ein leiser Pfiff — Hoo, Timm Clasen, das gibt einen Fang! Jan Frerk, der küßte Trin Antje’s Mund — Die Krebse sollen dich fressen, du Hund! Und er ruft ihn an und keucht und zischt, Herüber, hinüber fliegt Gall’ und Gischt, Hoo, Timm Clasen, nun gibt’s einen Fang! Timm langt aus — und da kentert das Boot; Jan grapst an den Planken in Todesnot; Timms Ruder krachend niederschlug: Da — der hat für diesmal genug. Hoo, Timm Clasen, das gab einen Fang! — — Timm Clasen, wie wird der Fluß nun still, Und der Mond tut, als ob er reden will. — Timm lichtet den Anker und schwimmt stromab Mit der Ebbe und läßt das Netz hinab — Hoo, Timm Clasen, nun gibt’s einen Fang! Teufel, wie schwer — oha! Er zieht; Er bringt es herauf — und starrt — und sieht — Timm Clasen, wie scheint der Mond heut rot! Da glotzt Jan Frerk; Jan Frerk ist tot — Hoo, Timm Clasen, das gab einen Fang! Und das Netz fiel klatschend! Vom Uferrohr Ein schwarzer Vogel stieg steil empor Und schoß ins Land. Über’n Birkenschlag Starrt mit einem Auge der Tag — Hoo, Timm Clasen, das gibt einen Fang!

Tom Biel.

Das war Tom Biel der Kapitän. Seine Mannschaft die wollte doch mal sehn, Was sie durch Drohung von ihm erreiche, Und ob sie den harten Schädel erweiche. Sie setzten auf hoher See ihm das Messer Glattweg an die Kehle, die braven Erpresser. „Halbe Arbeit und doppelten Lohn!“ Das war die erste Position. Tom bat sie freundlich, weiterzureden. „Ja, hundert Mark Extravergütung für jeden!“ „Un denn?“ fragt Tommy, ohne zu plinken. „Ja, besseres Essen un mehr zu trinken!“ „Un denn?“ fragt Tom und beguckt seine Hosen. „Ja,“ schreien sie da mit wildem Erbosen, „Hier soll nich ümmer bloß einer befehlen! Wir wollen einen Ausschuß wählen, Un der soll das Kommando führen! Wir lassen uns nich mehr terrorisieren!“ „Un denn?“ fragt Tom und fängt eine Motte. „Das is allens“, meint da der Führer der Rotte. „Un wenn Sie das nich bewill’gen, Kaptein, Denn ßtellen wir die Arbeit ein!“ „Un denn?“ fragt Tommy mit Augen wie’n Kind. „Djä, denn versupt wi, so as wi hier sünd!“ Stumm langt Tom Biel in seinen Sakko; Da hat er stets einen starken Tobakko. Eine Brasil, schwarz, saftig und dick, Holt er hervor mit liebendem Blick; Der schneidet er sorglich die Spitze ab, Setzt sie mit einem Zündholz in Trab Und achtet darauf, daß sie brennt bis zum Rand; Denn die Hauptsache ist: gleichmäßiger Brand! Fächelt den Duft sich unter die Nase Und sagt mit dem Gegenteil von Ekstase — — — Ja ja, was sagt er?! — Er sagt nicht viel: „Na, denn versupt wi“, sagt Tom Biel. Er wollte wohl; aber sie wollten nicht. Sie kehrten zurück zu ihrer Pflicht.

Wie Jan Bart die Blockade brach.

Jan Bart fragt den Teufel nach „dehors“; Stracks will er hinein zu Louis Quatorze. Aber die Schranzen im Wartezimmer Sperren den Weg dem Genie, wie immer. Wenn sie dem Tüchtigen freie Bahn Lassen, dann ist’s um sie getan; Das weiß das Pack. Und mit Furcht und Zittern Hält es die Könige hinter Gittern. Jan Bart ist aber gewohnt zu siegen. Na warte, denkt er, euch will ich schon kriegen, Lehnt sich gemächlich gegen die Wand, Schlägt Feuer und setzt seine Pfeife in Brand. Erstarrung. Entsetzen. Schauder und Grauen. Ist’s denkbar? Soll man den Augen trauen? Man hätt’ ihn so gern auf den Trab gebracht; Doch wer ihn gesehen — —, der hat sich bedacht. „Majestät — ein Offizier — der raucht — Im Vorzimmer — wünscht Gehör —“, so haucht Der Offizier vom Dienst und harrt. Spricht der König: „So keck ist nur Jan Bart. Er rauche zu Ende und trete ein.“ Jan aber läßt Pfeife Pfeife sein Und steht alsbald vor dem „Sonnenkönig“. Jan hält sich aber auch nicht für wenig. Und er hat für einen Matrosen gesprochen, Der einen andern im Zweikampf erstochen. Sie wollte nicht dran, die Majestät; Jan Bart hat aber nicht beigedreht. Es galt eines teuren Freundes Leben, Und der König hat endlich nachgegeben Und hat gemeint: „Du forderst viel; Ich gewähre dir, was ich abschlug Tourville!“ Und rühmte mit manchem Wort noch das Werk Des Helden von Newcastle und Dunkerque. Die Zwiesprach währte fast einunddreißig Minuten! (Die Schranzen zählten fleißig.) Und als er nun wieder hervorgekommen, Da hat man ihn gleich in die Mitte genommen. Ei, das hat sich geschwärmt und scharwenzelt! Ei, das hat sich gescharrt und geschwänzelt! Ein Mann, dem der König aus eigenstem Munde Das Wort gegönnt eine halbe Stunde — Da mag man nun sagen, was man kann — Ein solcher Mann, das ist ein Mann! Sie haben umstellt ihn und eingekreist, Sein Genie gerühmt, seinen Heldengeist; Sie haben ihn förmlich eingeschlossen Und ihn mit Narden und Honig begossen. „Monsieur, wie kam’s nur, daß Sie den Schlingen Der Briten bei Dunkerque entgingen! Sie waren doch regelrecht blockiert! Wir sind aufs höchste interessiert!“ „Nichts leichter als das!“ ruft unser Jan Maat, Und eh’ sich’s einer versehen hat, Kriegt links ein Gauch und rechts ein Gauch Eins vor die Brust, eins vorn Bauch; Ein Fußtritt hier, ein Fußtritt da, Knuffpuff, klabautz, Viktoria! Jan Bart steht schon an der Tür und lacht: „Adieu, meine Herren, so hab’ ich’s gemacht!“

Hartnäckige Liebe.

Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. Er rettete damals die beiden Dänen, Ihr wißt wohl — es wollte keiner dran — Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen. Nun war da die Antje Nissen — ei ja, Die mochte dem starken Jan wohl taugen! Schmuck war sie, alles was recht ist — man bloß: Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen. Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange Und sagte Ja und ward seine Braut. Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange. Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los. Aber sie ist ein Stachelrochen. Da — denkt euch — da kommt ihm Hilf’ in der Not! Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen — Er rennt auf die Klippen — das Schiff zerkracht — Eine Planke hat ihn nach England getragen. Sein erster Gedanke war: „Jung, wat’n Glück, Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!“ Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille. Sein Ewer freilich war Grus und Mus. „Na ja,“ denkt Jan, „wat is dor Slimm’s bi! Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.“ Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby. Aber die Welt ist ein Rattenloch. Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. — Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’, Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben — Da hört er plötzlich — ihm schießt’s in die Knie — Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: „Jan Reimers! Jan Reimers!“ Ihm war’s, als rief Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme! Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! Da ruft Antje Nissen: „Du solltest dich schämen! Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst, Du Feigling, du!“ Da mußt’ er sie nehmen.

Ratbod.

Hat Liebeswort und Glaubensglut Bezwungen Ratbods Heidenmut? Der Taufe neigt er schon das Haupt — Ein Friesenheld, der Christum glaubt? Das Kreuz, das er auf Knien ehrt, Das Kreuz ist König Karols Schwert. Der Priester sprach: „Dir wird zuteil Durch Christi Huld des Himmels Heil, Dieweil die trotzigen Magen dein Verzehren wird der Hölle Pein.“ Hei, klirrend auf Herr Ratbod sprang: „So hab’ für Heil und Himmel Dank! So wär ich wohl ein falscher Hund, Verließ ich sie im Höllengrund. Ihr Blut ist mein; ihre Not ist mein, Durch Treue will ich selig sein!“ Und stieß der Klinge lachend Erz Mit starker Hand ins starke Herz.

Herr Dagbrand.

Herr Dagbrand kämpfte harten Strauß Mit Ungemach und Erdengraus. Die Pest verschlang ihm Weib und Kind, Der Krieg ihm Hof und Ingesind. Und wie er ganz sich arm vermeint, Stahl ihm Verrat den liebsten Freund. Da packt Herrn Dagbrand wilde Lust, Das Unheil zwang er Brust an Brust — Und wieder wuchs ihm Gut und Land, Und wieder drückt er Freundeshand, Und wieder trug ihm Reis auf Reis Ein lachend Liebesparadeis. — Herr Dagbrand ritt durch tiefen Wald, Am Schenkel stramm die Faust geballt, Und lachend sprach er still bei sich: „Du Leben du, ich zwinge dich!“ Und ritt und ritt durch schwarzen Wald, Da ward es eigen stille bald. Die Blätter hingen bang und schwer, Kein Rauschen war und Raunen mehr. Des Rosses Huf gab keinen Klang, Das Reh hielt still auf seinem Gang. Und langsam, sieh! aus Sumpf und Moor Wächst still und stumm ein Weib empor. Ein schweigend Bild, ein ragend Bild Wie Felsenturm im Herbstgefild. Ihr Mantel fließt wie Nebeltau, Vom Scheitel hängt ein Schleier grau; Doch hinterm Schleier, dünn wie Rauch, Kein Aug, kein Mund, kein Atemhauch, Kein Merkmal eines Angesichts — Der Schleier deckt ein schaurig Nichts. — Herr Dagbrand wendet scheu sein Roß, Das fand wohl heim nach Dagbrand-Schloß. Sein Wort erstarb wie Abendwehn: „Nun hab ich, Leben, dich gesehn.“

Der fliegende Holländer.

Zwei plaudernde Gesellen Im Kahn, im flügelschnellen. Schon stieg aus sanften Wellen Die Nacht, die milde Fei. — Was war’s? — Was huscht von hinnen? Ein Schiff mit schwarzen Linnen — Kein Schiffer saß darinnen — Glitt unserm Boot vorbei. Vom Schiff her kam ein Singen Auf weichen, dunklen Schwingen, Ein längst vertrautes Klingen, Wie fremd die Weise sei. Verklingen und Entschwinden —! Wer sucht, um uns zu finden? — — Auf Wellen floß und Winden Das Schweigen still herbei.

Der gerechte Gevatter.

Ein Pilger schritt durchs Tal bergan, Zu suchen den Gevattersmann, Dem sich ein Herz vertrauen kann, Weil er gerechten Sinns. Im Sonnenglast auf hoher Hald’ Ersah er eine Lichtgestalt, Die sprach: „Dein Suchen endet bald, Ich bin der Herre Gott.“ Doch jener rief: „Ach nein, ach nein, Du kannst mir nicht Gevatter sein. Dem schenkst du Lust und jenem Pein, O, du bist nicht gerecht.“ Durch öden Hohlweg klomm er fort, Da saß ein Mann an düst’rem Ort, Der sprach zu ihm mit leisem Wort: „Nimm mich. Ich bin der Tod.“ Der Sucher sprach: „Du bist gerecht, Den Herren schlägst du wie den Knecht, Kein Stand ist dir zu gut und schlecht, Es gilt, Gevattersmann!“ Und plaudernd schritten sie fürbaß. Der Sucher sprach: „Noch künd’ mir das: Warum versinkt ins Grabgelaß Der spät und jener früh?“ Darauf der Tod: „Ein Lämpchen glüht Für jeden, der dem Staub entblüht; Bald früh, bald spät sein Licht versprüht, Allwie das Öl gereicht.“ Und jener: „Sag’ mir dies zuletzt, Wieviel des Öls mein Lämpchen netzt; Sprich, wann ist mir das Ziel gesetzt?“ Da sprach der andre: „Jetzt.“ „So gib mir zu, des hast du G’walt!“ Des Todes Hand erfaßt ihn kalt: „Du stirbst allhier und alsobald, Wie wär’ ich sonst gerecht?“

Der Grenzlauf.

Es hatten die von Uri und die von Glarus Streit. Sie taten der Grenze willen einander Schmach und Leid. Eins mähte des andern Wiese, eins haschte des andern Kuh. Es schauten die Guten im Lande dem Hader mit Unmut zu. Sie sprachen: „Es laufe von Altdorf, es laufe von Glarus ein Mann; Wo sie einander begegnen, da sei die Grenze fortan. Wenn Tag und Nacht sich gleichen, beim ersten Hahnenschrei, Da sollen die beiden laufen, daß Recht und Friede sei.“ Nun hielten heimlich die Urner den magersten Gockel bereit, Sie ließen ihn fasten und darben und dachten: Wer hungert, der schreit. Es haben derweilen die Glarner den üppigsten Hahn sich erspäht, Sie mästeten ihn und meinten: Wem’s allzuwohl ist, der kräht. Die Urner waren die Schlauen: Im Traum schon krähte der Hahn; Ihr Bote sprang wie die Gemse dahin die steigende Bahn. Schon glühten breiter die Gipfel in flammender Morgenfrüh’, Da gähnte der Glarner Gockel ein faules „Kükerüküh“. Nun schwang der Glarner die Fersen als wie ein fliehendes Wild; Er flog wie ein Adler der Berge hinan über Fels und Gefild. Schon sieht er den andern kommen, da wird er zum schwirrenden Pfeil. Ihm braust’s in den Ohren, es hämmert sein Herz in bebender Eil’. Doch weh, schon hatte der andre des Vorteils gar zu viel! Schon hatte der Urner den Seinen erjagt ein köstlich Ziel. Da bat ihn der Glarner mit Tränen: „Daß Gott dein Herz erbarm’! Gönn’ uns noch diese Weide, mein Land und Volk ist arm.“ Mit Lachen rief der Sieger: „Es werde, wie du sagst, Wenn du mich auf den Schultern hinübertragen magst!“ Da lud der wackre Glarner sich auf den starken Mann Und schritt mit bebenden Knien den grünen Hang hinan. Er klimmt hinan mit Zittern, ihm schwindelt und ihm graust; Er krallt in Gras und Felsen sich fest mit blutender Faust, Er beißt die Lippen blutig, daß er nicht ächzen will, Dann bricht er stumm zusammen und ist auf ewig still. — Es stiegen aus beiden Landen zum Schiedsspruch die Männer herauf. Es hoben mit leuchtenden Augen die Glarner den Toten auf. Es schritten die Sieger von Uri gar langsam und stille hindann; Sie hatten die Wiese gar gerne, sie hätten lieber den Mann.

Die Geister von Aenglistal.

Im Aenglistal war Sonn’ und Freud’: Bei Spiel und Arbeit lachten die Leut’; Wenn der Sämann ging, wenn die Sichel klang, Aus Schollen und Schwaden strömte Gesang. O liebe Geister von Aenglistal! Das macht’: es hausten in Busch und Baum, Am Sagenbrunnen, im Höhlenraum, Auf Birkenhügeln, am Wiesenrain Von Morgenahnen bis Mondenschein Die holden Geister von Aenglistal. Sie neckten die Mägde mit streichelndem Halm Und pfiffen und geigten Liedel und Psalm; Sie streuten den Knechten Blüten ins Mahl Und sangen dazu den frömmsten Choral, Die lustigen Geister vom Aenglistal. Die Rößlein gingen mit tanzendem Schritt; Die Pflugschar lachte, wenn sie schnitt; Die Sense sauste mit singendem Klang; Ein Leuchten und Jauchzen das Tal entlang! O gute Geister vom Aenglistal! Dreimal am Tage milchte die Kuh; Drei Ernten reiften im Jahre zu. Die Zweige brachen von goldner Frucht; Die Scheunen sprengte des Kornes Wucht. Das machten die Geister von Aenglistal. Einst war ein Herr von Aenglistal, Dem deuchten die Ernten viel zu schmal. „Ihr faules Gesinde! Ihr albernen Gäuch! Das Kichern und Johlen vertreib ich euch!“ O weh, ihr Geister von Aenglistal! Die Geisterchen sangen im Abendtraum — Da blinkt ein lauerndes Rohr im Baum — Ein Schuß! Da schwirrten sie alle fort, Wer weiß, wie weit und an welchen Ort! Ach, liebe Geister von Aenglistal! — Ein nachtumhangener Felsensaal, Ein Meer von Stein ist Aenglistal, Wo nur der Sturz der Felsen schallt; Sein letztes Lied ist längst verhallt. Wo seid ihr, Geister von Aenglistal?

Hans Holbein und der Lord.

Kam einst zu Meister Holbein zu London in der Stadt Ein stolzer Lord und pochte: „Ich bin des Wartens satt! Was habt ihr unterm Pinsel? Gar Seltnes muß geschehn, Weil ihr euch eingeschlossen. Macht auf! Ich will es sehn.“ Der Meister aber hatte vom Könige Befehl, Geheim ein Werk zu schaffen, das jedem er verhehl’. „Ihr müßt die Neugier zähmen,“ sprach Meister Hans zum Lord Und gab, ihn zu beschwicht’gen, noch manches gute Wort. Dem aber ward vor Lordschaft die Leber heiß und kalt. Er tobt’ und wollt’ erzwingen den Eingang mit Gewalt. Da packte Zorn den Künstler; er nahm den Lord beim Schopf Und warf ihn stracks die Treppe hinunter über Kopf. Wehklagend, drohend, fluchend, mit gut verbundnem Kopf, Den Maler zu verpetzen, zum König eilt der Tropf. Allein noch etwas schneller war Meister Hans zur Stell’, Zu melden, wie ihn reizte der adlige Gesell. Als er sie beid’ vernommen, da sprach der König kurz Zum Edelmann: „Er soll dir genugtun für den Sturz; Abbitte soll er leisten; verwiesen sei ihm auch, Daß er vom Hausrecht machte so gründlichen Gebrauch.“ Die Buße aber dünkte dem Edlen gar gering Für das, was sich ein Künstler, ein frecher, unterfing. „Je nun“, sprach er, „dem Burschen geht’s hier am Ort nicht schlecht: Ich aber, ich verschaffe mir selbst noch bessres Recht!“ Aufsprang im Zorn der König: „Läßt dich mein Spruch nicht ruhn, So höre: mit mir selber hast du’s fortan zu tun! Und was du, ihn zu kränken, dem Meister tust und sagst, Das tust du mir, dem König! — Bedenk es, eh du’s wagst! Denn wisse: leichter Mühe — kaum braucht es eines Worts! — Mach ich aus sieben Bauern im Husch mir sieben Lords; Doch einen einz’gen Holbein aus einem ganzen Heer Von eitlen Lords zu machen, das glückt mir nimmermehr!“

Gerechtigkeit.

„Siehst du dort, o Janos, den Gehenkten nicht, Wo die Schatten ziehen um das Hochgericht?“ „Seh’ ihn wohl. Fahr hin dort! Sehn wir, wer es sei! Gibt’s ein Abenteuer, bin ich auch dabei!“ Sprachen so zwei Bauern, die zur Nachtzeit spät Heimwärts fuhren von dem Markt zu Keczkemét. Und zum Galgenhügel rollten sie geschwind, Wo ein Frischgehenkter schaukelte im Wind. Wie sie ihn betasten nun an Kopf und Arm — Istem teremtete! — ist der Kerl noch warm. Hören, wie sein Herz noch leis’ im Takte hüpft — Ist nur ein Zigeuner, den man aufgeknüpft, Nur ein Hund von „More“, nur ein Dieb — gleichviel! Die Justiz zu narren, ist ein löblich Spiel. Also wird durchschnitten schnell der böse Strang, Weggeschnappt dem Teufel der erhoffte Fang. Schleppen ihn zum Wagen, werfen ihn hinein; Weiter geht’s im Trabe bei der Sterne Schein. Hei, da winkt die Czarda! Holla Wirt, heraus! ’s gibt zu später Stund’ noch einen lust’gen Schmaus! Und beim guten Glase — manchem guten Glas! — Hundertmal erzählen müssen sie den Spaß. — Doch im Wagen draußen war vom Hauch der Nacht Längst zu neuem Leben einer schon erwacht. „Ei, ein gutes Wäglein und der Rößlein zwei! Dünkt mich, daß das Glück mir heute günstig sei. Gab zurück mir’s Leben dummer Bauersmann, Will ich schnell ihm zeigen, daß ich’s brauchen kann.“ In die weite Pusta jagt er keck hinaus. — Mit dem Wirt die Bauern schwanken aus dem Haus. Finden ihren Wagen, ihre Pferde nicht. Da von edlem Zorne leuchtet ihr Gesicht. „Wirt, aus deinem Stalle schnell der Rößlein zwei! An den Haaren schleppen wir den Hund herbei.“ Und die guten Bauern hatten Bauernglück, Brachten den Gehenkten alsobald zurück. Ritten immer weiter bis zum Hochgericht, Drauf mit erstem Strahle schien das Morgenlicht. Henkten dort den Sünder ohne Schimpf und Spaß, Bis er’s Atemholen aus dem Grund vergaß. — Sind dann heimgefahren, haben viel gelacht, Haben selbst gefunden, daß sie’s gut gemacht. „Sag dir, teurer Janos: gilt’s Gerechtigkeit, Bauer macht es besser als die Obrigkeit.“

Quintus Sertorius.

Motto:

Die Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch mit diesem hochherzigsten, genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie keine Ausnahme gemacht.

Th. Mommsen. Röm. Gesch. Bd. III.

In hellem Glanze über Spanien stand Sertorius’ Stern. So leuchtete die Freiheit! Das war ein Kämpfer für des Volkes Recht, Das frecher Adel in den Staub getreten: Der blut’ge Sulla hielt in Rom das Szepter, Und Weihrauch streuten ihm die Oligarchen. Sertorius? War’s der Tapfre nicht, der Große, Der in drei Kriegen sich bedeckt mit Narben, Der in der Brust ein Herz voll Güte trug, An Heldenmut und Edelsinn ein Ritter? Derselbe war’s — und ins Exil trieb ihn Des Tigers Machtgebot. Nach Afrika Trug ihn sein flieh’nder Fuß; vor Tingis trieb Er in die Flucht die römischen Kohorten; Durch Cottas Kriegsgeschwader schlug er sich Mit eines Löwen Kühnheit, und als Gast Empfing ihn jubelnd Lusitanien. Alsbald gehorchte seinem Wink ein Heer Von Söhnen jenes Lands und von Verbannten. Ein winzig Heer! Zu einem großen schuf’s Der Haß der Emigranten gegen Rom, Der Lusitanier freiheitglühnder Sinn Und seines Feldherrn wunderbare Größe. Den „neuen Hannibal“! so nannten ihn Die Krieger, und er war’s, nicht darum nur, Weil er dem Krieg ein Auge schon geopfert. Jedweder Sieg ward ihm zu größerm Sieg, Und Siege schuf er sich aus Niederlagen. Das Hochland Tarracons war ihm bekannt Wie Baetica’s ergrünende Gelände — Bekannt war ihm des Unglücks bittrer Kelch Wie des Triumphes süßer Taumelbecher — Und groß erfand ihn jeder neue Tag. Wie bald verstummte Romas blöder Spott, Mit dem beworfen sie den Demokraten Samt seinem Heer! Metellus war entsandt, Den Aufruhr zu ersticken; aber schnöde Verließ der Ruhm die römischen Standarten. Im blutigen Guerillakrieg zermürbte Sertorius seinen Feind, ihn oft umstellend, Aus einem Netz ihn in das andre lockend, Bis Überdruß und knirschende Verzweiflung Die Krieger Roms ergriff, und bis der Mangel Die Reihen lichtete mehr als das Schwert. Indessen schlug des Aufruhrs Flamme wild Von einer Stadt zur andern. Immer drohnder Erschwoll die Brandung. Die Gemeinden Spaniens Zujubelten begeistert dem Befreier, Zu dem Diana selbst, des Krieges Göttin, In jeder Nacht die weiße Hindin sandte, Um ihm ein Siegsorakel zu verkünden. Mit Blitzesschnelle durch das Römerreich Die Kunde flog von Sullas Tod! Der Asche Entglommen neue Brände. In Italien Zog gegen Rom das Heer der Demokraten; Doch ihre Kraft zerschellte an den Mauern Der Stadt. Mit des geschlagnen Heeres Kerne Erschien, um sich Sertorius zu verbünden, Auf Spaniens heißem Boden jetzt — Perpenna. Zwei Führern folgte dann das Doppelheer, Zwei Männern, gleich an Rang, doch nicht an Ruhm, Gleich an Gewalt — in Worten, nicht im Geist. So, als am Fuß der Pyrenäen nun Der glückliche Pompejus stand, ein neuer Und drohenderer Feind der Insurgenten, Erscholl es aus Perpenna’s eignem Heer Mit lautem Ruf: „Nur einer soll fortan Uns Führer sein! In einem Geiste ruht Die sichre Kraft des zielbewußten Tuns! Drum — weil nur einem Stern wir folgen können, So führe uns der glänzendste fortan Den Weg: Sertorius!“ Da mit glühender Schneide Fuhr durch Perpennas Herz der Dolch des Neides — Und schweigend wich er seinem Nebenbuhler. Pompejus zog heran. Ihm stellt’ entgegen Perpenna sich am untern Lauf des Ebro, Den Übergang den römischen Kohorten Zu wehren. Doch mit stürmischer Gewalt Erzwang das Römerheer sich seinen Weg, Und machtlos wich Perpenna. Auch geschlagen Ward bei Valentia ein zweites Heer Der Insurgenten, das Herennius führte. Zeit war’s, daß wieder mit des Blitzes Strahl Des Helden Geist die Macht des Feinds zerschlage. Vom obern Lauf des Ebro kam Sertorius, Und sieh, um Lauro rollten auf dem Plan Des Kampfes Würfel, bis Pompejus’ Heer, Vom schlimmen Feind umstellt, mit Mühe nur Dem Untergang entrann, und bis der Römer Ohnmächtgen Arms zum Himmel lodern sah Die blutgen Flammen, die die Stadt verzehrten, Ein grauser Opferbrand des Überwinders! Und wieder dann am Sucro unterlag Der Sendling Roms dem Gegner. Da vom Süden, Sich dem Genossen zu verbünden, rückte Heran mit starker Macht Metellus. Nieder Rannt’ er mit wildem Ungestüm die Streitmacht Des neidischen Perpenna; nahe schon War er dem Freund — allein Pompejus kargte Mit seinem künftgen Ruhm; mit keinem Zweiten Wollt’ er des Sieges goldnen Lorbeer teilen! Allein, in blinder Eile bot die Schlacht er Dem Gegner an, und dieser ließ frohlockend Den Gimpel in die goldne Falle gehen, Die selbstgestellte, seiner Eitelkeit. Am Turiafluß gab jener Eitelkeit Das siegende Genie die blut’ge Lehre; Denn fast zerschlagen ward das Römerheer. So häufte Sieg auf Sieg der Einzige, Indes Perpenna schmachvoll wiederum Geschlagen worden durch Metellus’ Schwert, Indes im Süden auch vernichtet ward Ein Heer der Insurgenten und sein Führer, Der tapfre Hirtulejus, sterbend fiel. Gefunden hatten sich Metellus und Pompejus, um vereint fortan zu kämpfen. Da faßte feiges, klägliches Verzagen Die Emigranten, und in alle Winde Zerstreute sich Sertorius’ Heer. Verlassen Nun stand er da; von wenigen Getreuen Begleitet nur, entwich er dem Verderben Und warf sich, ungebrochen, unbezwungen, In Clunias mauerndunkle Felsenveste. Der Winter kam. Durch seine düstern Wolken Rang sich des Feldherrn mächt’ger Sonnengeist Mit neuem Licht hindurch. In wilder Sturmnacht Entwich er Clunias sicherm Schutz, das wachsam Der Feind besetzt hielt, und als wieder dann In ihrem Laufe sich die Sonne wandte, Stand er an eines neuen Heeres Spitze, Zum Kampf bereit, zum Sieg — zum Untergange. Rom sandte neue Legionen. Wieder Verfolgte der verschlagne Feind die Römer Mit den verhaßten, widerwärt’gen Schrecken Des kleinen Kriegs. Und als, gezwungen dann Zur großen, offnen Schlacht, am Calagurris Sertorius der gedoppelten Gewalt Der beiden Heere gegenüberstand — Warf er Pompejus und Metellus nieder. Da klang ein Schrei der Wut und der Verzweiflung Durch Rom. Acht Jahre währte schon der Krieg, Der schmachtvoll-blut’ge, und kein Ende war Noch zu ersehn. Die Blüte seiner Jugend Gab Rom dahin; in jedem Jahr verschlang Das Schlachtfeld einen heil’gen Lenz. Versiegt War selbst des Goldes Quell dem reichen Rom. Verödet war schon längst das blühnde Spanien Durch Schwert und Feuer. Nur voll Mißmut folgte, Mit trotzig-düsterm Widerwillen nur Das Römerheer noch den entehrten Fahnen. Ganz Rom erscholl von Angst- und Klagerufen Ob tausendfachen Unglücks. „Unsre Meere“, So hieß es, „tragen nur noch der Flibustier Verwegne Räuberscharen, und seit langem Wagt schon kein friedlich Fahrzeug mehr, den Weg Vom sichern Port ins offne Meer zu nehmen. Italiens Sklaven rotten sich zusammen Mit finstrer Wut, und an der untern Donau Erhebt sich drohend Makedoniens Volk. Loht nur der Westen auf in hellen Flammen? Reicht nicht Sertorius schon die Freundeshand Dem ränkevollen Mithridat nach Osten, Dem Punier gleich, der in Philippos einst Im Osten uns den zweiten Feind erweckte? Weh uns, wenn solch ein Bund das Römerreich Umklammert hält! Die Pyrenäen bald, Die Alpen wird Sertorius überschreiten Und rütteln an den Pforten dieser Stadt — Ein neuer Hannibal steht vor den Toren!“ Ein neuer Hannibal! Ein treffender Vergleich von vorbedeutungsvoller Tiefe! Dem großen Sohn Karthagos glich der Edle Nur allzu sehr! Darum auch sah er längst Mit unbeirrtem Blick der Dinge Ziel: Vor seiner Seele stand sein Untergang. Vor diesem Geiste hielt kein Schmeichelwahn, Kein eitles Hoffen stand, und diesen Augen Verbarg die Zukunft kein umdüstert Bild. Wer hemmte noch den feigen Unbestand Ausreißender Soldaten, die berechnend Zur rechten Zeit der Übermacht sich beugten Und die wie Lämmer in die sichre Hürde Sich flüchteten, bevor das Wetter kam! Wer durfte Treue fordern und Gefolgschaft Von den Gemeinden, die sich fromm ergaben, Da Rom mit Mutterarmen sie empfing Als reuevolle Kinder und hingegen Dieselbe Mutter doch ob den Verstockten Im Rachezorn die blutge Geißel schwang? Die besten Kämpfer mit den besten Führern, Sie waren längst dahin — und wer vermochte Der Überlebenden erhabne Weisheit Samt ihrer eitlen Hoffart zu ermessen? Jetzt war die Zeit gekommen für den Neid, Die giftge Lästerzunge frech zu rühren, Sich groß — in der Erbärmlichkeit zu zeigen; Denn untreu ward dem Genius — der Erfolg. Mit ersten Schlägen kam das Unglück. Endlich Ergab sich’s nun, was man zuvor schon lange Sich still gesagt: das Große dieses „Helden“ War nicht sein Geist, es war sein plumpes Glück! Und da es von ihm wich, ergab er sich Fluchwürd’gem Müßiggang, bei Festgelagen Vergeudend Zeit und Geld. War’s noch verlockend, Mit diesem dumm und blind sich ins Verderben Zu stürzen? — oder winkte jenseits nicht Mit schmeichelnderem Glanz das hohe Blutgeld, Das Rom auf des Verhaßten Kopf gesetzt? — Da atmeten die Schurken auf! Genommen War ja von ihrer Brust der Bann der Größe, Die zwingend-allgewaltig sich bezeugte Und Stillesein gebot! — Perpenna’s Auge Hielt lauernd unter den Genossen Umschau Mit giftig-argem Späherblick — im Dunkeln Wob sich das Netz umgarnender Verschwörung. — Im Lager lag Sertorius’ Heer zu Osca. Gekommen war Perpenna’s Tag. Mit tückisch Erlogner Botschaft eines frohen Siegs, Den jüngst ein Teil des Insurgentenheeres Erstritten habe, trat er zu dem Feldherrn Ins Zelt. Und dann zum fröhlichen Gelag, Das er zur Feier solch erlesnen Tages Zu geben denke, lud er freundlich ihn. Der Abend kam. In Strömen floß der Wein Beim Gastmahl. Von berauschenden Aromen Erzitterte die Luft im hohen Zelt. Hesperiens Blumen, seine goldnen Früchte Bekränzten leuchtend-schön das Fest. Wie Flammen Erglomm der Rebe Blut in goldnen Schalen. Doch — wie die Becher — überfloß die Lippe Der Gäste bald von schamlos-wüster Rede — Wann litt Sertorius je so niedern Brauch? Ein wilder Geist durchfuhr geheim die Seelen Und zuckte in den Mienen. Sieh, vom Polster Sich halb aufrichtend, griff nach seiner Schale Der freche Mark Anton, und so zum Feldherrn Gewendet, rief er laut: „Ein Sieg! Nun wahrlich, Ein kostbar-seltnes Ding für unser einen! Wer hörte wohl dies Wort seit langen Monden? Ein Sieg! Ich wußt’ es wohl, daß dich, o Feldherr, Die weiße Hirschkuh nicht verlassen werde. Zwar hat ein andrer jetzt das Schwert geführt Als du und den willkommnen Sieg errungen. Gleichviel! Du bist am Ende doch der Sieger; Diana hilft dir durch den Arm der Freunde — Sieh, diesen Becher bring’ ich deinem Glück! — Du schweigst? Durchfröstelt denn auch dich der Zweifel An dieses Glücks Bestand? Mir freilich schien es Seit langem schon, als hört ich Raben krächzen Ob unserm Haupt; ein Richtbeil sah ich blinken; Und abgeschnittne Demokratenköpfe Auf hohen Stangen winkten mir im Traume. Was tut’s? Wir machen noch ein lustig Ende! Und wenn’s dem Glück nicht gelten soll, so fließe Den Unterird’schen dieser volle Becher! ...“ Erriet Sertorius nicht des Frechen Absicht, Den Streit zu wecken? Wohl erriet er sie! Voll bittern Unmuts warf er schweigend sich Zurück ins Polster. Klirrend da zu Boden Fällt eine Schale. Von Perpennas Händen Ward sie geschleudert zum verruchten Zeichen. Sieh! jählings schnellt von seinem Ruhebett Der schnöde Mark Anton empor, und wütend Bohrt er in seines Feldherrn edlen Leib Mit wildem Stoß den mörderischen Stahl. Aufspringt der schwer Getroffne. Doch bezwungen Von ihren Armen, bricht er stumm zusammen, Und ganz den unbeschützten Leib durchlöchert Von seiner Feinde gottverfluchten Dolchen, Verröchelt er am Boden ... Banges Grausen Durchschauerte das Heer am frühen Morgen, Als es des Helden Tod vernahm, und wandeln Durch seine Reihen sah es seinen Schatten Mit Rächermienen. „In die Schlacht mit uns Zieht nun sein Geist nicht mehr!“ so flog es bebend Von Mund zu Mund, und auch des Kühnsten Wange Erblich vorm Hauch geheimer Todesahnung. — Den Feldherrnstab mit blutbefleckten Händen Ergriff Perpenna. Planlos zum Gefechte Führt’ er Pompejus alsobald entgegen Die zuchtentwöhnten, mutverlassnen Haufen. In wildem Schrecken vor dem Römerschwerte Zerstob der Aufruhrscharen letzter Rest. Gefangen ward Perpenna. — Da ein Kästchen Mit allen Briefen des Gemordeten, Die angesehne Römer insgeheim An ihn gerichtet, legte unterwürfig In seines Siegers Hände der Gefangne. Den Flammen übergab Pompejus schweigend Die Blätter — und dem Henker den Verräter. Ein Wink! — und vor des Mörders Füße rollte Sein blutig Haupt. — — Am Boden kriechend, zuckend Erstorben war des Aufruhrs letzte Flamme; Gesunken war der goldne Stern im Westen, Und Spanien lag zu seines Siegers Füßen.

Sibirien.

Wassili Petukoff, was pocht so dreist An deine Tür? Ein Abgesandter ist’s Der Polizei, der liebreich sorgenden. Hast du nicht einen Gast bei dir geduldet, Der liberalen Sinns verdächtig war — Genug, genug, Wassili! Draußen harrt Der Tarantas schon, der dich schnell entführt. Du scheinst dem Staat gefährlich, und „der Staat“ Gibt dir, auf „unbestimmte Dauer“ nur, Im heil’gen Rußland einen sichren Wohnplatz. Wie? — Was? — Gericht verlangst du? Unverschämter, Glaubst du, der Gouverneur und der Minister Und der Isprawnik — alle miteinander Von Gottes Gnaden! — wüßten nicht von selber, Was rechtens ist? Frag Wölfe, ob ihr Opfer Nach einem Richterspruche sie zerreißen Und nicht nach Gier und Laune! Rüste dich! In Ohnmacht sinkt dein schönes, junges Weib; Die erste Hoffnung eines jungen Glückes Keimt unter ihrem Herzen — rüste dich! Nimm Abschied — tu’s für lange, guter Freund! Dein künft’ger Wohnort liegt ein wenig weit, Und weit ist auch der Zar, der dir nicht hilft, Und hoch der Himmel auch, der dir nicht hilft. Versieh mit einem guten Pelze dich; Denn lange Monde geht durch Sturm und Schnee Die Fahrt ins unermessne Feld des Todes. Zum Teufel, schnell! Man hat nicht Zeit. Zerreiß Dein Glück — ei was! Zerreiß dein Leben gleich! Du bist von Hunderttausenden nur einer. — Ein wilder Kuß in krampfender Umarmung — Ein Schrei, nachgellend — ein erstarrter Blick — Der Wagen rast davon. — „Leb’ wohl, Maria!“ — — — — — — — — — — — — — — — — Ein hübscher Weg ist’s von Iwangorod Bis Werchojansk. Er geht durch Sonnenbrand Und Staub, durch Frost und Staub, durch Wind und Staub, Wenn nicht der Schnee in grausenvollen Stürmen Verschüttet Wege, Dörfer, Städte, Menschen. Bei Jekatrinenburg sagt man Europa Ein dankbar Lebewohl, — der nasse Blick Umirrt den Grenzstein, bis er fern verschwimmt. — Und rastlos weiter geht’s, bis endlich, endlich Du dorthin kommst, wo einsam durch der Tundras In Ewigkeit vereiste Moore knirschend Die Jana die vereisten Fluten drängt. Dort Werchojansk. Dort endlich darfst du bleiben, Armer Wassili! Nun versuch dein Glück! Warst du daheim nicht Arzt? — Es tut mir leid: Den Kranken helfen, ist dir streng verboten. Du schlichest dich gar leicht ins Herz der Kranken Und streutest aus den Samen der Empörung. Allein du bist gebildet — also lehre! Es tut mir leid: Du darfst nicht unterrichten. Das wär’ dir eben recht: den Geist der Schüler Durch deines Geistes Gifte zu entzünden! Jedoch Musik wirst du noch lehren dürfen — Es tut mir leid, mein Freund; doch die Regierung Hat ein verteufelt schlechtes Ruhekissen. Sie, die dich quälen, die dein Herz zerfleischen, Sie schlafen den verfluchten Schlaf des Mörders Und würden aufgeschreckt von deinen Tönen. Was also bleibt dir? Bau den Acker! Freilich, Hier ist kein Acker. So verdinge dich Als Tagelöhner — doch wer wird dich nehmen? Gewißlich niemand. Jeden Tag gehörst du, Gehörst jedwede Stunde und Minute Den Schergen, die dich peinigen. Von Strolchen, Die ehedem des Kerkers Eisen trugen, Wirst du bewacht. Gemeinheit ist ihr Atem. Sie fangen deine Briefe auf; sie lesen, Was dir dein Weib, was dir Maria schrieb Im namenlosen, heiligen Schmerz der Liebe. Du aber liest es nicht, wenn’s deinen Wächtern Nicht so beliebt. O heiße du den Hunger Mit Inbrunst doch willkommen, der dich tötet — Doch nein, nicht so! Die Bestien, die dich martern, Sind Christen ja und lassen zwar dich hungern, Doch nicht verhungern! — — — — — — — — — — — — — — — — — — Schau, was wälzt sich dort Die Straße her von Tomsk mit schwerem Schritt? Aus Wolken Staubes blitzen die Gewehre — Kommandoruf ertönt — ein langer Zug Von groben, grauen, buntbeflickten Mänteln — Gefangne sind es, Männer, Weiber, Kinder, „Gemeine“ und „Politische“, bestimmt, Im fernen Osten langsam zu verderben. Mit manchem Manne teilen Weib und Kind Die Schrecken der Verbannung, so bezeugend, Daß Liebe größer ist als Erdenelend. Wirr fällt das Haar von halbgeschornen Scheiteln; In allen Mienen Hunger und Ermattung, Verhaltne Wut und stumpfe Höllenangst, Und oft — o Grauenbild! — von bleichem Munde Ein grimmer Scherz und ein verzweifelt Lachen. In einem Dorfe macht man Halt. Und gurgelnd, Wie heisres Grollen bald und bald wie Stöhnen Aus rauhen Kehlen tönt der „Bettlersang“. Da fließt aus jedem Haus und jeder Hütte Die Gabe reichlich; selbst die Armut bringt Mit magern Händen ihr erdarbtes Brot. — Und wieder hallt Kommando. „Bildet Reihen!“ Und weiter schleift auf längst zerfetzten Schuhen, Auf wunden Füßen sich der Trupp dahin. — Oft bricht ein Kühner wohl aus diesen Reihen Und flieht der Freiheit zu. Doch fährt ihm bald Die Kugel des Soldaten in den Leib — So besser ihm! Er ist erlöst und frei! Doch still — wer schreitet dort zuletzt im Zug? Was willst du, armes, unglücksel’ges Weib, So jung und schön und so erbarmenswürdig? Suchst du Wassili Petukoff, den Gatten? O weit noch ist er, weit! Du siehst nicht aus, Als ob du je ihn wiedersähst, Maria! Und — o laß sehn! — was birgst du so besorgt, So angstvoll zärtlich dort im Tuch? — Ein Kindlein, Dein Kindlein und Wassilis. Sieh, es weint Und öffnet durstig dir die trocknen Lippen. Wie drängt dir’s wohl im Herzen nach dem Gatten, Der Liebe Frucht an seine Brust zu legen Und unter hellem Jubel, hellen Tränen In seine Nacht ihm dieses Licht zu bringen! — Vorüber ist der Zug. Aus Wolken Staubes Zum letzten Male blitzt ein Flintenlauf. — — — — — — — — — — — — — — — — Nach je drei Tagen hält man im Etappen- Gefängnis Rast. O hochwillkommne Ruhe Nach Hunger, Frost und Staub, nach Schmerz und Qual! Nur schade, daß der Andrang gar so groß ist Zu diesen Häusern! Wohl achthundert könnte Man darin bergen; fast zweitausend leben Zur Zeit darin. Nicht Platz ist auf den Pritschen — Und also lagert man im Kot der Dielen Zur Nachtzeit, ohne Hülle, ohne Pfühl. Schmutz überall! Vom Schmutz die Wände starren, Der Boden und die Decke und die Kleider Der Menschen und sie selbst. Tritt nicht herein, Der du gewohnt, in freier Luft zu atmen. Ein fieberschwangrer Pestgestank benimmt dir Den Atem, ein mephitisch gift’ger Brodem. Ein sinnverworrnes und -verwirrendes Geschrei, Geheul, Gezänk erfüllt den Raum, Und Männer, Weiber, Kinder durcheinander Erstöhnen, weinen, seufzen, lachen, fluchen. Und noch ist des Lebend’gen nicht genug In diesem Stall! Von Ungeziefer wimmelt Jedweder Fetzen der Gefangenen. Der trefflichste Erbarmer ist der Tod; Er hat ein Herz, der Kerl, und sucht sich täglich Die Schmerzenvollsten aus und würgt sie sanft, Wenn sie im Fieber von der Heimat träumen. Hier rast in Phantasie’n ein Fieberkranker, Und dort — Entsetzen! — schlug in jenem Winkel Der Wahnsinn nicht ein gellend Lachen auf? Man trennt hier nicht die Irren und Gesunden. Wozu denn auch? Wer will denn unterscheiden, Ob das, was höllisch glimmt in diesen Augen, Sei Wahnsinn oder Wut? Ob dieses Antlitz In Frohsinn oder Stumpfsinn grinst?! — Und mitten In allem diesem Jammer du, Maria! O sag’, warum dein Blick so starr geworden, Seit ich zuletzt dich sah? — Ein Blitz, ein Feuer Huscht dir ins Auge oft — wer weiß, woher? Und irrt ins Ferne hin — wer weiß, wohin? Wo ist dein Kind, dein lieblich Kind, Maria? Ja, komm heran — ganz nah heran — ganz nah, Und sag’ es mir ins Ohr mit leisem Weinen — Erfroren? Auf dem Weg erfroren? Wie? Dir an der Brust erfroren? O verzeihe, Ich frage schon nicht mehr — sei still — und weine. — — Ich will indessen in den Winkel kriechen, Das Ohr am Boden, will ich schweigend horchen, Ob ich nicht Donner höre aus den Tiefen, Und ob nicht Feuer bricht aus tausend Schlünden, Und ob nicht die Posaune gellt und klingt, Bis ihr Metall zerbirst vom Hauch der Rache! — — — — — — — — — — — — — — — — Und manchen Tag noch schleppte weiter mit Dem Trupp der Deportierten sich Maria. Sie, die sie welken, schwinden sahn im Elend, Die ihren Geist gemach verglimmen sahn, Vergaßen ihres eignen Grams und weinten. Nur ein Gedanke lebt ihr noch im Hirn: „In Werkholensk werd’ ich Wassili sehn.“ Er war fortan ihr Leben, der Gedanke, Ein dünner Faden nur; doch Tag für Tag Spann ihn die Sehnsucht weiter. Da geschah’s, Daß eines Tags sie hörte: „Wie? Wassili In Werkholensk, dem Dorfe bei Irkutsk? Du irrst Maria: nicht in Werkholensk, In Werchojansk lebt Petukoff!“ Und starren, Verlornen Blickes stammelte Maria: „Und ist — wie weit — wie weit — bis Werchojansk?“ „Sechshundert Meilen noch! Auf Renntierschlitten Kommt man dahin auf endlos öder Fahrt!“ Seit diesem Tage war Maria stumm, Ihr Geist erloschen und ihr Auge tot. Doch eines Tags, als wieder im Gefängnis Man Rast hielt, schnellte jählings sie empor, Und vorgebeugten Haupts, die Hände krallend Ins Holz der Wände, schien sie mit den Blicken Ein Etwas zu verschlingen. Dann entriß Sich ihrer todeswunden Brust ein Schrei, So wilden Jubels und Triumphes voll, Daß alles rings erstarrte. Rückgesunken, Lag sie am Boden dann, entseelt — erlöst! — Man kam und fand, was ihren Geist erleuchtet Zum letztenmal. Gekratzt ins Holz der Wände, War eine Schrift zu lesen, klar und deutlich. Und flüsternd las man: „Lebe wohl, Maria!“

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings