VIII. Kunst und Dichter.
Reading edition
Der Ruf.
Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte Der Schlaf hervor. Schon raunte mir die ersten, leisen Worte Der Traum ins Ohr. Da klang von nahen Zweigen Ein tiefer Freudenschall, Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen. In meinen Traum sang eine Nachtigall. Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume Im Traum, im Traum. Nur fern, o fern, durch mitternächt’ge Bäume Ein lichter Saum. Doch horch: von jenen Röten Ein süß geheimer Hall, Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten! In meinen Traum sang eine Nachtigall. Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme Von je erklang Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme Voll Hoffnung sang. Ein Land des Lichtes träumen Wir armen Seelen all! Ich aber höre Klang aus jenen Räumen: In meinen Traum singt eine Nachtigall.
Wintermärchen.
Auf dem Baum vor meinem Fenster Saß im rauhen Winterhauch Eine Drossel, und ich fragte: „Warum wanderst du nicht auch? Warum bleibst du, wenn die Stürme Brausen über Flur und Feld, Da dir winkt im fernen Süden Eine sonnenschöne Welt?“ Antwort gab sie leisen Tones: „Weil ich nicht wie andre bin, Die mit Zeiten und Geschicken Wechseln ihren leichten Sinn. Die da wandern nach der Sonne Ruhelos von Land zu Land, Haben nie das stille Leuchten In der eignen Brust gekannt. Mir erglüht’s mit ewigem Strahle — Ob auch Nacht auf Erden zieht —, Sing ich unter Flockenschauern Einsam ein erträumtes Lied. Dir auch leuchtet hell das Auge; Deine Wange zwar ist bleich; Doch es schaut dein Blick nach innen In das ewige Sonnenreich. Laß uns hier gemeinsam wohnen, Und ein Lied von Zeit zu Zeit Singen wir von dürrem Aste Jenem Glanz der Ewigkeit.“
Schiller.
In einer großen Stadt, wo ich gewohnt, In einem volk- und häuserreichen Viertel, Sah ich aus meiner Kammer unterm Dach In das Gewirr der Steine oft und lang. Schier unabsehbar lagen vor mir da Kamine, Mauern, Dächer und Mansarden, Ein wirres Auf und Ab und Durcheinander, Ein steinern Meer, im Wellenspiel erstarrt. Und aus den Schlünden dieses Meeres drang Des Alltags Raserei in Lust und Angst: Des Hungers Seufzen und Gebrüll des Rausches, Der Schrei der Gier, der Kindheit Morgenlachen, Der Arbeit Hämmern und des Tanzes Spiel. Und immer, immer, wenn ich Sinn und Seele An diesem Brei von Dunst und Lärm ersättigt, Schlich glücksgewiß und still mein Blick zur Seite, Wo sich ein Wunder groß und ernst erhob. Da, dicht umwühlt von Essen, Erkern, Giebeln, Und ganz doch unberührt von ihrem Schwall, Ein ewig strömender Gesang von Stein, Stieg eines Domes Turm zu Himmelshöhn. In breiten Massen wuchtig aufgeschichtet, Schwang er doch leicht sich auf ins reine Blau. Es überschlug der Blick sich, der ihn maß, Und sank nach innen, schauernden Entzückens; Denn seine herrlich ragende Gewalt Umfloß der Schönheit ruhiges Gewand. Von Zeit zu Zeit erdröhnte dumpf erhallend Der Glocken tiefer Ton — dann drang ein Zittern Bis in der Häuser, in der Herzen Grund, Und wohl durch manche Seele, manches Haus Ging Wunsch und Hoffnung, groß und rein zu sein. Und klang am Feierabend gar ein Lied Vom Turm herab, dann quoll’s wie Rosenwolken Durch allen Gassendunst, ein Duft von Frieden Durchdrang den Lärm, und hoch an rauchgeschwärzten Gemäuern hing ein stiller Abendglanz Wie herbstlich rotes Weinlaub ... Aber auch Wenn er geheimnisvoll und schweigend stand, Wie ewige Gedanken überdenkend, Stieg mancher Blick empor an seinen Zinnen, Empor in eine ahnungsreiche Welt. Ja, auch die nie durch seine Pforte schritten, Die ihn nur ragen sahn aus ferner Gasse — Sie sahn ihn mit Bewunderung, mit Andacht, Ja ja, sie liebten ihn aus dunklem Drang Und wandten gern zu ihm den müden Blick — Denn daß er groß war, das war Trost und Glück. Daß er aus Qual und Qualm und Last und Lärm Erhaben sich und schönheitsmild erhob, Das war Befreiung aus bedrängtem Leid. Daß er aus allen Engen sich entriß, Das war Erlösung. Und die Zweifler selbst, Die Hoffnungslosen schauten milden Blicks Auf diesen Weiser nach dem beßren Land. Schon mehr als hundert Jahre stand der Turm, Und ragen wird er durch Jahrhunderte In ferne Zukunft. Und aus Tür und Fenster In Hütte und Palast wird manch ein Antlitz Sich neigen und dies Mal der Hoffnung suchen, Und manche Seele wird an ihm empor In unsrer Sehnsucht Heimatland entschweben.
Goethe und Tasso[2].
So wird sich wieder denn der Vorhang heben Vor Belriguardos lorbeerstillen Gärten, Wo zarte Fraun Gedankenkränze winden Und alle Schönheit ahndevoll umfangen, Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil er Nicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt, Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht, Und wo in Sonnenglanz und Myrtendüften Torquato Tassos traurige Geschichte Sich zuträgt, der mit traumgeschwellten Segeln Gescheitert einst am starren Fels des Lebens — Um ihn in höchster Not doch zu umklammern. Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hat Ein glücklicherer Genius uns gesungen. Und war er glücklicher? Nahm ihm das Schicksal Nicht nur die äußre Bürde von den Schultern, Daß tiefer er den innren Schmerz empfinde? O glaubt: er hat das eigne Leid gesungen In Tassos Schmerzen! Ach, in süßen Worten Hat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt, Gefrorner Neid mit scharfen Eisesnadeln Sein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allem Ist gottgeborner Seelen tiefster Drang: Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen! Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen: Warum ward unter Seligen ich geboren, Wenn unter Menschen ich mein Leben lang Die Heimat suchen soll? — Allein er suchte Und suchte mit dem treusten Menschenherzen Geruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern. Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt er In Liebe wohnen. Und im Angesichte, Im ungeheuren Rätselangesichte Des Lebens forscht’ er Tag für Tag und Stunde Für Stunde. Und war seelentief beglückt, Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihn Ein heimlich, heilig Wissen überdrang. Da weckte solch ein Licht in seinem Busen Das große Feuer seines Herzens auf, Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sie Ein selig Wissen uns vom harten Leben. Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührte Das Heldenglück des Lebensüberwinders — Das Glück, das einst Ferraras armer Sänger Mit irrem Flügelschlag umsonst gesucht. Und wir, vereint in seinem großen Namen, O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s! Noch fliehen irrend Leben sich und Lied. Des Lebens Helle suchte einst die Kunst Und zagte feigen Blicks vor seinen Nächten — In seines Dunkels Schrecken drang sie vor Und haßte lichtvergeßnen Aug’s die Sonne — Vergessen und verloren hatte sie Das Werk des großen Schöpfers aller Dinge, Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht. Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelnd Die Arme breitet nach des Lebens Fülle — Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt. Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen, Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen, Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtet Zur Seite des Gedankens und der Sitte, Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze: „Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“ Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe, Nein, von des Eifrers zorngesträubtem Munde, Von Pharisäer- und Pedantenlippen Gellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“ Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling; Goldregen hängt herab aus leichten Lüften, Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf, Demselben Schoße beide sie entsprungen. Oh, daß dereinst in einem neuen Frühling Entgegenwüchsen Leben sich und Lied, In Mutterarmen der Natur versöhnt! Wohl käme dann auch Tassos „goldne Zeit“! Am Zeitenstrom hinwandelten sie beide, Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunken Im starken Frieden spät erkannter Liebe. Nicht mehr begehrte eines, was das andre Nicht willig aus verwandtem Trieb gewährt. So führend wie geführt, frohlockten beide Dem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu, Und im Geriesel warmer Sonnenfluten Und im verborgnen Silberklang der Quellen, Im rauschenden Gesang aus Busch und Bäumen Bewegte das Erlösungswort die Welt, Das selige Wort: „Erlaubt ist, was gefällt!“
Hebbel der Nibelungendichter.
Prolog zu einer Nibelungen-Aufführung.
Von Siegfried tönt ein hoher Klang. Ein Siegfried war es, der ihn sang. Von Friedrich Hebbeln heb ich an, Der war ein stolzer Knab und Mann. Den nackten Stecken in der Hand, Zog er allein durchs deutsche Land Und schaut’ nach starken Schmieden aus Und fand die rechten bald heraus Und übt’ in Feuers Licht und Brunst Bei großen Meistern seine Kunst. Er schlug, daß hell die Welt erklang Und Splitter rings und Funke sprang, Und schmiedet’ sich ein funkelnd Schwert, Das macht’ ihn tausend Ritter wert. Er zwang die Riesen Not und Leid, Wusch sich im Blut des Drachen Neid, Gewann das Kleid Unsterblichkeit Und deutsche Kunst, die Sternenmaid. Wie früh sein irdisch Auge brach! Der Tod ihn hinterrücks erstach. Doch ruht auf deutscher Seelen Grund Des werten Helden goldner Fund Und strahlt in Tag und Nacht hinein Mit tiefer Glut und klarem Schein. Der ihn errang, lebt ewig-jung Wie Siegfried lebt, der Nibelung.
Elise Lensing[3].
An einen armen Dichter denk ich heute, Der eines nebligen Novembertags Von Hamburg mit der Post gen Norden fuhr. In Kiel ward Rast gemacht. Die Passagiere, Nach wohl durchrüttelter, durchfrorner Nacht Der nahen Labung froh, entstürzten fröhlich Dem Wagen, riefen nach dem Wirt und heischten Ein gastlich Zimmer und ein dampfend Mahl. Nur Friedrich Hebbel schwieg. Die Barschaft reichte Zu einem warmen Trunke kaum. Gegessen Hatt’ er am Abend und am Morgen nicht; Auch jetzt entschlug er rechnend sich des Mahls. Er hatte seinen Deutschen erst die „Judith“ Geschenkt, darum auch war es ihm versagt, Ein Zimmer zu bezahlen. Unter Knechten, Fuhrleuten, die sich lärmend unterhielten, Saß er im Postkontor und schrieb ein Brieflein. Er schrieb: „Als ich Dich gestern nun verlassen, Als ich im Wagen saß, schloß ich die Augen Und öffnete sie eher nicht, als bis Die Tore Hamburgs wir im Rücken hatten. Nichts sollte mir Dein liebes Bild verdrängen Ich wollt es mit mir nehmen in die Nacht, Und sieh, in Traum und Schlummer dieser Stunden Wie viel hab’ ich an Dich gedacht, Elise.“ Du Liebesmacht des Weibes, sei gesegnet In Ewigkeit. Blickt hin auf die Geschichte Erhabner Geister, die im Kampf bestanden: Wie oft blüht neben ihrem lauten Ruhme Nicht eines edlen Weibes stiller Ruhm. Denn eines Weibes Liebe, merkt es wohl, Ist ganz so stark wie eine Welt voll Haß. „Männer gebären soll das Weib, nicht Männer morden“, So klingt ein mächtig Wort in dieser „Judith“. Ich aber weiß ein Höhres noch dem Weibe: In Not und Nacht uns Männer zu erhalten. So lang der Name Friedrich Hebbel leuchtet — Und strahlen wird er durch Jahrhunderte — So lange werden neben ihm erglänzen Wie stille Flammen, die im Sturm nicht beben, Zwei Namen auch: Elise und Christine. Zweimal war er dem Untergange nah, Und zweimal hat ihn eines Weibes Liebe Uns neu geschenkt. Christine und Elise! Ihr gabt so viel uns, wie der Dichter gab, Ihr gabt uns Hebbeln. Und ihr lebt wie er! Noch freut Christine sich des Sonnenlichts, Die edle Frau, um deren hohe Scheitel Ein jubelnd Volk des Dankes Lorbeer schlingt. Seit vielen Jahren aber schläft Elise Den traumlos tiefen Schlaf. Oh, kämen Träume In diesem Schlaf, gewiß umschwebte sie Das Bild des Helden, den sie so geliebt, Wie einst ihr Bild ihm in die Nacht gefolgt. Allein, wie tief und fest dein Schlummer sei, Unsterblich ist, was wahrhaft einst gelebt: So wacht in treuen Herzen deine Treue. Ja, deine Treue, deine Liebe ist’s, Die zum Gedächtnis dir ein Mal errichtet, Und was des Steines Inschrift immer sei, Vom Feuer deines Herzens wird er klingen Und rufen in die haßerfüllte Welt: Durch Liebe lebt, was groß und köstlich ist!
Der Gekrönte.
Von eines kunstgeweihten Tempels Stufen Stieg er herab: der Sieger im Gesang. Im abendlichen Dunkel dicht gedrängt, In langen Reihen harrte sein die Menge. Wohin er lächelnd schritt, da brandete, Brausend im Anprall die Begeisterung; Der Fackeln Glut umflog die hohe Stirn Ganz wie das düstre Flackerlicht des Ruhms. Und mit ihm ging die Woge ihres Zurufs Und trug ihn wie auf holdbewegter Flut. Erstiegen war der Gipfel — und vergessen War das verschwiegene Elend langer Jahre, Sein nie belohntes Ringen um den Preis, Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn. Des Volkes Gunst erhob ihn über alle Und trug ihn nun gewiß zum sichren Hafen. Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin, Hört’ er Gelächter neben sich — Gelächter ... Hört’ er dergleichen nicht in frühern Tagen? Und einen Mann erblickt’ er bald, bedrängt Von einer Schar von Spöttern. Und sie riefen: „He, Freundchen, schau: so sieht ein Dichter aus! Betracht ihn recht! Allein, wie ist mir denn? Du bist ja auch ein ‚Dichter‘! Wenigstens Glaubst du es selbst! Ja, willst du denn dem Sieger Nicht deinen Gruß entbieten? Nicht die Hand Ihm reichen als — Kollege? Hahahaaa!“ Und lauter scholl das Lachen. Der Geschmähte Sah fern ins Dunkel, bleich bis in die Lippen; Die Seele war noch jung genug zum Schmerz. Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten, Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte Vortrefflich Stimm’ und Antlitz jener Edlen. Das waren ganz dieselben breiten Fratzen, Die in den Morgen seines jungen Glaubens Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren’s, Die ihm das reine, adlerfrohe Herz Mit Geifer überströmt. Der Pöbel war es, Der ungeheure, der nicht Götter hat, Nein Götzen nur, Idole, selbstgemachte, Und der nach vornen nicht kann beten, ohne Mit Eselshufen hinten auszuschlagen. Der Seele Gleichgewicht verlangt es so. Und sah er überall nicht gleiche Züge? Auch hier — und hier? Und solch Gesindel pries ihn Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor — Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen, Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten, Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß; Heimweh nach seines Glaubens Morgenröten, Nach hohen Festen seiner Einsamkeit, Nach jener Jünglingsträne, die nicht fließt, Weil sie des Auges Glut zu rasch verzehrt, Heimweh nach bittrem Jubel, trotziger Lust, Nach reicher Not und königlicher Schmach. Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern, Die er verlassen, die in Staub und Hunger, Verhöhnt, verfolgt, in dunkler Tiefe keuchten, Indessen er auf freier Höhe stand ... Ausstreckt’ er weit die Hand, daß der Verhöhnte Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast. — — Wem hohe Kraft die Schöpferseele füllt — Trägt auch der Menge Gunst ihn bis ans Ende — An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz; Bei den Verschmähten ist sein Heimatland.
Glosse.
Im Fleiß kann dich die Biene meistern, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein; Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern; Die Kunst, o Mensch, hast du allein.
Schiller.
Du rühmst, o Mensch, der Arbeit dich, der harten. Tritt in den sommerlichen Tag hinaus! Ein emsig Völklein wirkt in deinem Garten Von früh bis spät mit ewigem Ein und Aus. Ein Schwarm von nimmermüden Segensgeistern! Im Fleiß kann dich die Biene meistern. Bestaunst du deiner Hände Werk so gerne, Wenn zierlich dir’s und anmutvoll gelang? Geh hin zum stillen Seidenwurm und lerne: Ein Fädchen spinne du so zart, so lang! Es kann, und spinnt dein Finger noch so fein, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein. Jedoch dein Geist: was hat er nicht ersonnen! Strömt Weisheit nicht aus deiner Stimme Schall? Allein — hat er das letzte Ziel gewonnen? Und atmet nicht ein Gott im weiten All? Kannst du das Weltenrätsel je bemeistern? Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern. So bei mir denkend, bin ich trüb gewandelt Durch Nacht und Tag. Und brennende Begier Nach jenem Geiste, der allwissend handelt, Verzehrte meine durstige Seele schier. Da rührte mich sein Hauch — ein Lied ward mein: Die Kunst, o Mensch, hast du allein!
Die Künstler.
Denen, die der Wüste Sand durchschreiten, Denen, die das wilde Meer befahren, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana. Aus den Wellen, aus dem Sand erhebt sie Palmengrüne Küsten und Oasen, Hohe Säulentempel, die der Osten Überspinnt mit wunderbarem Lichte. — Unsrer Wüstenwandrung winkt ein Eden, Unsrer Meerfahrt solch ein selig Eiland. Jene schauen’s, die das Ruder lenken, Die voran dem Wüstenzuge reiten. Schauen’s nicht in seiner wahren Schönheit; Zitternd nur in ferner Luft begegnet Ihrem Blick das Trugbild der Morgana — Und ihr Auge glüht in Seherflammen. Und den wild verzweifelnden Genossen, Die, am Boden schmachtend, sich verfluchen, Künden sie mit schauerndem Erstaunen Alle Wonnen der beglückten Ferne. Seltsam strömt’s von den beredten Lippen, Und in nie gehörten, heiligen Lauten Singen in prophetischer Begeistrung Sie der Menschheit kommende Vollendung. Wer die Seher sind? Wie oft, o Seele, Rafftest du dich auf zu neuer Wandrung, Wenn in seligen Tönen und Gestalten Ihre Hoffnung sprach vom Paradiese! — Denen, die des Lebens Meer befahren, Die des Daseins Wüstensand durchschreiten, Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt, Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.