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Gedichte

IV. Weib und Daheim.

Reading edition

Altmodisches Lied

Ich bin ein froher Mann, Der laut verkünden kann, Daß ihm die Liebste treu gesinnt, Und sehe wohl das Greinen Der Schlauen, so da meinen: „Man sagt’s von manchem holden Kind.“ Nun hört: Wenn Zweifelsgram Die Kraft zum Werk mir nahm — Wer gleitet still auf meinen Schoß Und spricht von fernen Dingen, Die mir Genesung bringen, Und macht mich leis’ der Ketten los? Und kam ein düstrer Tag Mit schwerem Wetterschlag — Was ist’s, das mir ins Auge fällt? Ein Strauß, ein zarter, neuer, Von Blumen, die mir teuer, Von meiner Liebsten hingestellt. Wenn Hunde mich gehetzt Und mir das Kleid zerfetzt Und Menschenhaß im Hirne nagt — Was schiebt sich leis’ ins Zimmer? Ein Kind wie Sonnenschimmer Und lallt, was sie ihm vorgesagt. Doch ward ein Leid zu schwer, Verhüllt’s kein Schleier mehr, Und muß es ausgesprochen sein, So blickt sie ohne Beben Mit mir dem argen Leben Gerad’ ins wilde Aug’ hinein. Und alles sag’ ich ihr, Und alles sagt sie mir Und teilt mit Lust mein schwerstes Los. Ich sah in manchen Nächten Aus allen Schattenmächten Ihr sanftes Auge, klar und groß. Der Neid zeig’, was er kann; Ich bin der starke Mann, Dem eine Seele treu gesinnt. Ihr Spötter, laßt mir’s gelten, Und wollt ihr Kind mich schelten, So bin ich wohl des Glückes Kind.

Am Hochzeitstage.

Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse. Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint. Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken — Die Hoffnung lacht — und die Erinn’rung weint. So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer. Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt, Wie lang genossne, unvergoltne Liebe Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt. Der Eltern denk ich, der verlassnen, alten. Und während mich dein Zauber hold umgibt, Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung, Wie zärtlich sie mich je und je geliebt. Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen. Leicht schlug mein Herz! — ihr Haupt war sorgenschwer; So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet! Der Sommer prangt — ein Frühling kommt nicht mehr. Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig Und zukunfttrunken in die Welt hinaus. Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße Ins abendrotumkränzte, stille Haus. Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen, Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt — Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe, Und Segen über euer greises Haupt!

Tränen im Glück.

Du weinst? Und uns erblüht ein junges Leben! Mit Leib und Seele bist du mir gegeben; Du bist mein Weib — was wir ersehnten einst, Hat herrlich sich vollendet — und du weinst? Doch sieh! Versenkt mein Blick sich in den deinen, So will es mir im tiefsten Herzen scheinen, Als ob auf deiner feuchten Augen Grund Sich seliges Genüge gäbe kund. O stille nur! Schon hab’ ich dich verstanden. Die bangen Tage deiner Leiden schwanden, Die Tage, da dich Finsternis umfing Und über Dornen deine Straße ging. Mitfühlend kann ich deine Lust verstehen. Du hast des Glückes schönsten Teil ersehen: An treuer Brust in glückbesonnter Zeit Die Tränen lösen um vergangnes Leid.

Was Ortrun sprach.

Gib wie immer deine liebe Hand, Eh’ ich eintret’ in des Schlummers Land. Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen, Mit mir durch des Traumes Garten gehen. Sieh, das ist das Süßeste vom Tag, Daß ich deine Hand noch fassen mag, Wenn des Tages Ängste von mir sinken Und des Schlummers milde Schatten winken. „Meine Zuflucht“, klingt in mir ein Wort, „Meine Zuflucht“, klingt es immerfort. Alle, die dich lieben, die dich hassen, Endlich müssen sie dich mir nun lassen. Deine Hand nur fühl’ ich noch allein; Alles andre mag verloren sein. Ach, in mancher Nacht war mir’s verliehen, Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen. Und in fernen Himmeln noch empfand Ich den leisen Druck der teuren Hand, Wie ein volles, heiliges Umfassen: „Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.“ Soll mir deine Hand erhalten sein, Tret ich gern in jedes Dunkel ein; Muß es doch nach allen Schrecken bringen Einen Traum, in dem die Sterne singen. —

Frauenschönheit.

In glüh’nden Worten, In Liedern meist Hab’ ich gejubelt, Wie schön du seist. Du sahst im Spiegel Dein Angesicht Und glaubtest lächelnd Dem Schwärmer nicht. Wie sollte der Spiegel, Das kalte Glas, Dir sagen, was ich dir Vom Antlitz las! Ein Schlag des Herzens In deiner Brust, Ein leichter Seufzer, Dir unbewußt, Ein Hauch der Liebe Von deinem Mund Tut deine Schöne Bezaubernd kund. Wie Sonnenschimmer, Wie Windeshauch, So naht der Zauber, So flieht er auch. Und kaum geschwunden, Erfüllt er ganz Dein Antlitz wieder Mit neuem Glanz. Doch nur dem Auge, Das sorgsam wacht Ob deinem Leben Bei Tag und Nacht, Das selbst die Flammen Der Sehnsucht zeigt, Wenn’s tief sich über Dein Antlitz neigt — Nur ihm begegnet Rein und ganz All deine Schönheit In flüchtigem Glanz.

Sonnenblick.

Am grauen Tag, im Winterleid Wir standen am Fenster beide. Im Nebelkleid die Sorge schritt Dahin durch Wald und Weide. Da brach hervor der Sonnenquell, Die Sorge blich und schwand. Da standen wir, und wußten’s nicht, Wie Kinder Hand in Hand.

Genügen.

Wie trüg’ ich wohl ein Fernverlangen, Da hier der Tag in Rosen blüht, Die Sonne mich erweckt mit Prangen Und mir am Abend sanft verglüht? Vom Garten schon in früher Stunde Herüberträgt der Morgenwind Ein Lied aus froher Kinder Munde — Wie singt so hell mein eig’nes Kind! Der Mittagsruf klingt durch die Saaten. Wie Arbeit Stirn und Hände bräunt! Es winkt, vom Werk sich zu beraten, Zum Heimweg mir ein ernster Freund. Wie trüg’ ich wohl ein Fernverlangen, Da du mein Rebenhaus bewohnst Und mir mit liebendem Umfangen Am Abend jede Mühe lohnst? Beseligt von des Tags Geschenken, Genieß ich sein in später Ruh’. Ein letztes, leises Überdenken — Und träumend fällt die Wimper zu. —

Tiefglücklich.

Das ist der Segen dieser trüben Stunden, Die mir ein sorgengrauer Himmel sendet: Die selige Mahnung, daß ich dich gefunden, Zu der mein Blick aus jeder Nacht sich wendet, Der Trost, daß meiner heißen Stirn nicht fehle Die milde Tröstung deiner weichen Wange Und ich im tiefsten Leid von ganzer Seele Doch stets nach dir und nur nach dir verlange.

Freundliche Nähe.

Geliebter Menschen holde Nähe Ist wie der Quelle ferner Sang, Der leis herüberklingt vom Garten Den schönen Sommertag entlang, Ist wie ein frischer Duft vom Walde, Den laue Winde hergeweht Und der von früh bis spät uns labend Und läuternd durch die Seele geht. — Oft hör ich dich im Hause schalten, Geliebtes Weib; durch Tür und Wand Vernehm’ ich fernes Lachen, Singen, Und hör ich rauschen dein Gewand; Mir ist, als fühlt’ ich deine Lippen Wie Tau auf meiner Wange ruhn: Mein Haupt umschwebt ein selig Glänzen, Und Segen ruht auf meinem Tun. —

Blühendes Glück.

Als wir für das Leben uns verbanden, Ganz in Blüte stand der Apfelbaum, Und sein weißer Schimmer floß wie Segen Über uns und dieser Stube Raum. Fast zu reich war dieser Blütensegen; Denn die Früchte kamen schwer und dicht. Um uns hüpft und lacht und lärmt und jubelt Manch ein apfelwangig Angesicht. Schwer hast du der Mutter Last getragen, Und vor Sorgen war ich glücklich kaum; Doch zum Trost an jedem Hochzeitstage Tausendblütig prangt der Apfelbaum. Wohl, ich weiß! Es möchte kindisch scheinen, Daß wir dessen nicht schon längst gewohnt. Blüten hat man leicht am Hochzeitstage, Wenn man sich vermählt im Maienmond. Traun, kein Kunststück! Jeder Narr berechnet Dieses Wunder an den Fingern dir — Und trotz alledem: ein süßes Wunder Ist es immer meinem Weib und mir, Dünkt uns, wenn wir still am Fenster stehen, Wie ein Zauber, wie ein seliger Traum, Daß an jedem Hochzeitstage wieder, Immer wieder blüht der Apfelbaum.

Großer Prolog

zum Stiftungsfest der ehrenwerten Gastwirte von Hümpeldorf[1].

Nacht war’s, und in meines Weibchens Kammer Schlich ich mich auf ungewissen Schuh’n. Alsobald erschloß sich auch ihr Mündchen: „Ach, du brauchst so leise nicht zu tun. Stund’ um Stunde lieg’ ich bangend wach, Träume mir Gefahr und Ungemach, Träume Mord und Tod und kann nicht ruhn.“ Aber weiter ließ ich sie nicht kommen; Denn schon hielt ich schmeichelnd ihre Hand; Auf die Fensterschwelle nah dem Bettchen Schwang ich mich so mutig wie gewandt. Breit durchs Fenster lächelte der Mond, Der, so frommer Klarheit ungewohnt, Staunend still in ihrem Auge stand. „Aber rätst du denn, wen ich getroffen?“ Rief ich sicheren Triumphes voll. „Ahnst du wohl, mit wem ich mich — berauschte Unaussprechlich süß und wirbeltoll? Du — denselben, der uns einst vereint, Als du laut gelacht und still geweint Unterm Flieder, der von Trauben schwoll. Ja, den Frühling! Denk’ dir, dieser Bengel! Komm’ ich da bei Bock & Schlump hinein, Sitzt der Strolch mit hocherhob’nem Glase, Schielt mich an durch einen blanken Wein. In der Ecke, weißt du, saß der Freund, Wo das Steinöl Wand und Decke bräunt Und beglüht mit bilderreichem Schein.“ „Hahahaaa!“ „Halt — dieses Lachen küss’ ich!“ „Also im verqualmten Winkel find’t Mein Gemahl den Frühling! Ach wie niedlich! Suchst du ihn nicht auch im Kleiderspind?“ „O gewiß, in Schachteln auch und Truh’n Und in Heringstonnen. Siehst du, nun Sprichst du, was du nicht verstehst, mein Kind. Sieh, mein Lieb: Entweder ist es Frühling Oder nicht! — Erscheint dir klar der Fall? Gut denn. Ist es aber einmal Frühling, Nun, so ist er wahrlich überall! In der Rose und im Rübensaft, In den Sternen und im Stiefelschaft — Wie in deines Lachens Glockenschall. Alles drängt und zwängt er auseinander; Alles kracht und springt von seiner Kraft; Schlösser, Ketten, Riegel oder Bänder Halten kein Verlangen mehr in Haft. Sieh die Ampel — wie sie schwillt und blüht, Eine Rose, sich entfaltend, glüht In erstickter süßer Leidenschaft ...! Gut denn, ich erzähle. Ach, was ist er Für ein lieber Schlingel immer noch! Nicht im mind’sten hat er sich verändert, Seit so lieblich uns der Flieder roch. Auf dem Bänkchen rückt’ er gastlich zu, Zog an seine Seite mich im Nu — Mußt’ ich höflich mich bequemen doch. Wie dir wohlbekannt, bin ich energisch; Aber konnt’ ich anders? Rede du! Frühling ist ja nur ein selig Müssen! Und in solchem Falle noch dazu! Fest umschlungen hielten wir uns bald; Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald Schritten wir fürbaß auf leichtem Schuh. Herr mein Gott, was kann der Kerl vertragen! Na! — ich steh’ doch auch sonst meinen Mann. Und Geschichten weiß er vorzutragen — Daß man’s gar nicht wiedergeben kann. Und ein Lied! — Ach hör’! Das sing ich dir — Arm in Arm am Fenster standen wir Und zum Himmel gröhlten wir’s hinan: „Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot, Lammer-Lammerstroot, Kann mok’n, wat hee will. Kann mok’n, wat hee will. Swig man jümmers jümmers still, Swig man jümmers jümmers still, Swig man jümmers — jümmers — still. — Un doo meuk hee sick en Geigeken, Geigeken perdootz. „Violin, Violin“ seggt dat Geigeken, „Violin, Violin“ seggt dat Geigeken, Un „Vio Violin“, un „Vio Violin“, Un sin Deern, de heet Katrin! Un sin Deern, de heet Katrin, Un sin Deern, de heet Katrin Un sin Deern, de — heet — Ka — trin.“ Köstlich, was? Und also stand der Stromer, Mit gespreizten Beinen stand er da, Gröhlt’ mit feuchten, nektarsüßen Lippen Himmelan die tollsten Carmina. Himmelan, ja. Durch den Fensterraum Schwankte hell ein Zweig vom Sternenbaum, Der auf Türm’ und Dächer niedersah. Nur ein Stück erblickten wir: Vom Drachen — Unterm Drachen ward mir’s heimisch ganz — Bis zum gold’nen Haar der Berenike — Aber deines ist von höh’rem Glanz. Einsam schritt ich an der Himmelsflut, Suchte mir der reinsten Sterne Glut Und umflocht sie meiner Stirn als Kranz. Ach, gesellt den sehnsuchtweiten Sternen, Trieb mich’s lang’ dahin mit stiller Macht. Ja, zur Fahrt in unerschloss’ne Hellen Heb’ ich mich noch einst aus dieser Nacht. Hör’ ich nicht, wie Sporn und Flügel klirrt? Lieg’ ich tief im Schoß der Erde, wird In den Sternen stehn, was ich vollbracht — „Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot ...“ Zweite Stimme sang ich, mußt du wissen; Mich ergriff der Zauber meines Sangs. Bei der „Violine“ immer wieder Dacht’ ich deiner schwermutsvollen Drangs. Im Gelärm des Lebens bist du mein; Du auch bist ein zartes Geigelein, Unerschöpflich reichen, weichen Klangs — „Violin, Violin“, seggt dat Geigeken ...“ Ja, ich fahre fort. Nach sieben Flaschen Tranken wir — ich glaub’: zum drittenmal — Während Frühling wie ein Schweinchen gluckste, „Du und du“ mit läutendem Pokal. Einmal, ach, entfiel mir aller Mut — Aber darnach ward mir wieder gut; Wieder sprang mir auf der Sternensaal. „Un dorbi wohnt hee noch jümmers ...“ Aber stehn in duft’ger Flut der Stunden Blieb im Ohre mir ein Donnerwort, Das aus klarster Höhe hergeklungen: Aus der Lämmerstraße zieh’ ich fort! Mit der Faust zerschmissen und zerkracht Hab’ ich heut, was mich zum Knecht gemacht. Noch ist keine Sehne mir verdorrt. Allzuvielen frechen Staatsphilistern Unterwarf ich mich in halbem Scherz; Manchem Pinsel trug ich fromm die Schleppe; Denn mir ward ein täppisch-dummes Herz. Auch das Nörglerpack, perfid und faul, Schlag’ ich nächstens unversehns aufs Maul Schlank und gut mit einem Werk von Erz. „Kann mokn, wat ick will.“ Auf dem Heimweg durch das Dunkel, Liebchen, Eine Garbe gold’nen Feuers stieg Wirbelsausend mir empor im Kopfe, Und das Klopfen meines Herzens schwieg. Weit aus Fernen her die Stimme flog, Jene Stimme, die mich nie betrog: Kampf und wildes Leid — und Sieg und Sieg! — — — — — — — — — — — — — Holde, warme Regenflut von Küssen ... Liebchen, brach der Sommer schon herein? Solch ein Opfer innersten Entflammens, Göttern kann es nicht bereitet sein.“ — Als im Osten gelb der Morgen stand, Riß ans Herz sie betend meine Hand, Und versöhnt mit Bacchos schlief sie ein. —

Ein neues Trinklied.

Ich hatt’ ein Tönnlein Freud’ im Haus, Da kamen Gesellen in Haufen. Ich kriegt’ ein Oxhoft Leid ins Haus, Das durft’ ich selber saufen. Da hat sich hell mir aufgetan Die Zecherregel feine: Mit Freunden teil’ ich meine Lust; Mein Leid trink ich alleine. Da sinkt mein Auge tief hinab In kühle Dämmerungen, Und leise spricht der Sinn der Welt In wunderbaren Zungen. Und steigt das trunkenvolle Herz Aus Bechers Grund zum Lichte, Dann sind ihm Mensch und Fels und Hain Umleuchtete Gesichte. So trank ich denn in mancher Nacht Von manchen herben Weinen Und stand nach jedem Bacchanal Nur fester auf den Beinen. Und wenn das stumme Fest gewährt Bis an die frühe Sonne, Dann war das dunkle Weh verweht Vor einer klaren Wonne. Auch hab’ ich ja in weiter Welt So viele Trinkgesellen. Ich hör’ sie wohl und seh’ sie wohl In ihren stillen Zellen. Durchs Dunkel fand ich ihren Blick, Wenn unterm Abendsterne Ich leise sprach: Ich bring’ es euch, Ihr Brüder in der Ferne. Nur ein — ein lieblicher Kumpan Sitzt lebend mir zur Seite Und heischt den schlimmst’ und schwersten Wein Und zecht mit mir im Streite. Von seinem Durst und seiner Treu Ach, Wunder wollt’ ich künden — Doch singt ein rechter Ritter nichts Von seiner Dame Sünden.

Zuflucht.

Nach wilder, hetzender Gedankenfahrt Kehr’ abends ich zurück in deine Arme, Die Augen müd’ vom heißen Tageslicht, Die Seele voll von ungestilltem Harme. Und wieder fuhr ich früh am Morgen aus; Die Hoffnung wehte stark und frisch vom Lande — Und wieder bring ich kaum mich selbst zurück, Und wieder liegt mein Boot zerschellt am Strande. Mir logen um die Wette Meer und Wind; Mir log ein Stern — ein leuchtender Gedanke! — Um mich zu retten aus der Zweifel Wut, Umkrallt’ ich meinen Trotz — die letzte Planke. Und nur bei dir kein Zweifel! Denn gewiß: Du wünschtest mich zurück mit Angst und Sehnen; Und lieg’ ich einmal still und bleich am Strand, Gewiß: du netzest mich mit reichen Tränen. Nur hier ein Port, ein Hort, ein Ankergrund, Ein Licht, das ruft! Durch Schlamm- und Schaumgestiebe! Bei Menschenkindern suche Bessres nicht Als eines starken Weibes ganze Liebe.

Verstoßen.

So komme das harte Leben, So komme der kalte Tod; Wir wollen uns treulich lieben In allen Tagen der Not. Mich haben sie geächtet, Weil meine Zunge zu keck Die heuchelnde Gemeinheit Vertrieben aus ihrem Versteck. Du aber in deiner Liebe Hast dennoch nicht gewankt; Das haben sie dir, du Treue, Mit Haß und Fluch gedankt. So laß uns einsam wandern, Geruhig Hand in Hand; In unsern Herzen tragen Wir das gelobte Land.

Angelika.

Von der raschen Lebenswelle, Die mein Herz durchfloß, Die in sel’ger Stundenschnelle Brausend dich umschloß, Von der Liebe Schönheitsrausche Taumelnd übermannt, Hab’ ich oft im Liebestausche „Engel“ dich genannt. — Schweigend Platz an unserm Tische Längst die Sorge nahm; Deiner Wangen holde Frische Tilgt ein früher Gram. Seh’s mit nagender Beschwerde, Seh’s mit stiller Qual, Wie du jenen Gast am Herde Nährst mit deinem Mahl. Hielt ich gern ein Leid verborgen, Nimmst du’s dennoch wahr; Denn die Sprache stummer Sorgen Ist dir offenbar. Was uns einst so fest umschlungen, Hält uns noch geeint: Tränen, die ich still bezwungen, Hast du still geweint. — Oft umspinnen lichte Träume Die Gedanken mir, Durch des Hauses traute Räume Folgt mein Auge dir: Eine Hülle seh ich fallen Wie ein irdisch Kleid, Einen Schimmer dich umwallen Wie aus künft’ger Zeit. Und in solcher Liebesstunde Ernst verschwiegnem Glück Kehrt mir immerdar zum Munde Jenes Wort zurück. Denn der Liebe sonder Klage Rührende Gewalt Wandelt mehr mit jedem Tage Dich zur Lichtgestalt.

Kameraden.

Manchmal aus aller Wirrnis und Plage Hebst du den Blick, Schweigend zu forschen, wie ich sie trage: Sorgen und Mühen — unser Geschick. Manchmal am dunklen, schleichenden Tage Sucht dich mein Blick, Sucht dich mit stummer, mit bebender Frage: Wie noch erträgt sie’s, unser Geschick? Dann an milderen, lichteren Tagen Mag es geschehn, Daß unsre Augen sich finden im Fragen Und ihr zitterndes Leuchten verstehn, Daß sie sich bannen — und stiller dann leuchten, Stille. — Und fern, Fern aus den Nächten, die ewig uns däuchten, Wächst ein milder, ein ewiger Stern!

Natur und Liebe.

Fordre nicht, daß ich mit Worten sage, Was mich quält und peinigt jeden Tag! Müde bin ich, daß ich keine Worte Auch von deinen Lippen hören mag. Menschen haben mir so viel mit Weisheit Und mit leerem Troste zugesetzt, Daß vor ihrer wortbehenden Liebe Wahrlich sich mein scheues Ohr entsetzt. Laß du mich in deine weichen Hände Stumm vergraben Stirn und Wangen nur; Dann empfind ich schauernd deine Liebe Wie den leisen Odem der Natur. Hin zu dir zieht mich dieselbe Lockung Ewigen Friedens, der ich oft gelauscht, Die aus Quellen flüstert und aus Blumen Und von hohen, heiligen Bäumen rauscht.

Gedenke!

Was streichelst du so sorglich mir die Stirn Und küssest sie, wenn ich im Arm dich halte? Ich ahn’ es wohl: verscheuchen möchtest du So gern die eine, tiefgegrabne Falte. Umsonst, mein Kind; sie grub ein schneidend Weh, Das mir das Herz versehrt in jungen Jahren, Und nimmer schwinden wollte sie seither, Was ich auch Liebes je durch dich erfahren. Ach, nur aus deinen Augen kamen mir Die Sonnenblicke, die mich je getroffen — Allein sie kamen! Und das war genug, Nach jedem Schiffbruch wieder neu zu hoffen. So zürne nun der treuen Falte nicht, Will von der ernsten Stirn sie nimmer weichen! Daß deiner Lieb’ und Langmut ich bedarf, Sei dieser Schatten dir ein stilles Zeichen.

Reue.

Über meiner Brust gelegen Hat die Nacht ein dunkler Gram, Den mir auch des schnellsten Traumes Flügel nicht von hinnen nahm. Ob die schwingenfrohe Seele Bis zum letzten Sterne kam — Über meiner Brust gelegen Hat die Nacht ein dunkler Gram. Und wie gut es Erd’ und Himmel Mir heut nacht im Traum gemeint, Immer auf verborgnem Grunde Hat ein leiser Quell geweint. Wie nun kam der späte Morgen, Stand am Himmel noch die Not, Über wilde Wolkenmauern Schrie ein böses Morgenrot. — Dann auf den geschloss’nen Lidern Fühlt’ ich warmen, duftigen Tau — Und in ihre weichen Arme Zog mich die geliebte Frau. Lächelte mich an beglückend, Eh’ ich nur ein Wort gesagt; Denn sie weiß, die Milde, Feine, Daß ich selber mich verklagt, Und sie will aus tiefer Liebe Schonen meinen stolzen Sinn — Heut bedeck’ ich dich mit Rosen, Herrliche, du Königin!

Liebeszeichen.

So lieb ich dich, so liebst du mich, Daß selbst bei frohem Spiel und Scherz In heilig ernsten Schauern oft Geheim erzittert unser Herz, Daß uns inmitten lauter Lust Ein schweigendes Erinnern rührt An jene Treue, die uns einst Durch alle Not und Qual geführt — So mag’s geschehn, daß Blick in Blick Mit seligem Lächeln sich ergießt Und eine Träne doch zugleich Verstohlen auf die Wange fließt.

Nächtliche Wanderung.

Ich schreite einsam durch den Wald, Die Nacht webt schwarz um düstre Tannen; Vor meinem Geist steht Weh und Lust Der langen Jahre, die verrannen. Hat mehr des Leides, mehr der Lust Mich angefaßt im Weltgetriebe? — Ob allem, was verweht, vergeht, Stand ewig leuchtend deine Liebe. Auch heute, da durch Nacht und Graun Mein müder Fuß zum Ziele schreitet, Sagt mir das Herz, daß mich dein Geist In dieser Einsamkeit begleitet.

Liebesrausch und selige Klarheit.

Wenn wir uns tief erglüht umfangen, Wenn sich in langem Kuß ergießt Der volle Strom des warmen Lebens, Der pochend unser Herz durchfließt, Da tauchen unter die Gedanken, Von wilder Leidenschaft umschäumt; Die Welt, die laute Welt — vergessen! Wir selbst — versunken und verträumt! — — Doch sinken der Gefühle Fluten Zu leis bewegtem Wellenschlag, Dann leuchtet auf in unsrer Seele Ein stiller, morgenklarer Tag. Was wir geweint, was wir gejubelt Am Winter- oder Sommertag, Das klingt in solcher Feierstunde In unsern Herzen leise nach. Und erst, wenn so zu reinster Klarheit Der Liebe Stern sich frei erhebt, Dann fühlen wir, wie eine Seele Untrennbar in der andern lebt, Wie unser Denken und Empfinden, Ob auch der Wonne Glut verraucht, Durch jeden Tausch von Lust und Leiden In der Verjüngung Bronnen taucht.

Freudiges Erwachen.

Wie still du liegst im Sarg! Ein heiliger Odem Umzittert deinen hingestreckten Leib. Ein Engel starb in dir; ich aber breche Zusammen, schmerzenstumm. Du warst mein Weib! — Da preßt ein Mund sich warm auf meine Lippen, Und ich erwache: — Lächelnd stehst du da, Mit roten Wangen, so lebendig blühend, So jugendschön, wie ich nur je dich sah. So bist du nur im Traum mir tot erschienen? Ich presse dich ans Herz im Tagesschein, Noch voll des Jammers, daß ich dich verloren, Und voll Entzücken, weil du mein noch, mein! — Ich fühl’s mit Beben, fühl’s mit tiefen Schauern Wie Ruf des Himmels durch die Seele gehn: Ich soll in Jubel dich und Ängsten lieben, Als könntest morgen du von hinnen gehn.

Apologie.

Wohl werden manche meine Lieder schelten, Weil oft sie in des Friedens weichen Tönen Der Liebe Glück mit hohem Preise krönen; Doch laß ich’s meine Muse nicht entgelten. Oh, möchte ihre Huld mir Lieder schenken, Die dich, mein Lieb, für alle Zeiten preisen; Wohl acht ich’s wert, in gotterfüllten Weisen Solch eines Weibes jubelnd zu gedenken. Einst mag sich wohl zu meinen Liedern wenden Ein krankes Herz, das diese Welt verachtet, Weil Menschen es mit Grimm und Gram umnachtet Und ihm sein Glück zerstört mit rohen Händen. Mir ahnt, wie manch ein Herz, das so gelitten, Sich neu im Glauben an die Menschheit weite, Wenn ich ihm künde, daß an meiner Seite Ein Engel durch dies Erdental geschritten.

Meiner Muse.

Dein geworden sind die Lieder Alle, die ich einst ersonnen, Die als Jubel, die als Seufzer Von der Lippe mir geronnen. Oft ertönt in meinem Hause Leis ein wohlbekanntes Klingen, Und von deinem Munde hör ich Meines Frühlings Lieder singen. Du mein Weib und meine Muse, Täglich schenkst du neue Lieder Und erweckst, ein zartes Echo, Alte, längst verklungne wieder. Und solange du mir lächelst Mit den Augen sternenhelle, Weicht der Dichtkunst süße Gnade Nicht von meines Hauses Schwelle.

Ewiges Glück.

Langsam durchschnitt ein Schiff die schwarzen Fluten. Weit dehnte sich das Meer, unnennbar groß, Und über ihm im bleichen Mondenstrahle Stand schimmernd eine Möve, regungslos. So schwebten unsre Seelen still im Lichte. Du saßest an des Schiffes Bord gelehnt; Ich stand vor dir, und Auge sank in Auge, Und unser war, was wir so lang ersehnt. Kein Laut entheiligte das süße Schweigen; Voll war das Herz, und Worte waren weit. Das Glück war unermeßlich; aus den Fluten Und in den Herzen klang’s: Unendlichkeit! — Gedenken muß ich jener fernen Stunde, Da wieder vor uns wogt das blaue Meer. Hell glänzt der Tag — die Woge rollt zum Strande; Sie rauscht und sprüht — sonst Stille ringsumher. Wir ruhn am Ufer, traumversunken beide. In jener klugen Welt, der wir entflohn, Da reden sie vom Glück der reinen Liebe Nur noch mit Lachen und mit kaltem Hohn. Wo gierendes Gewinnen und Genießen Die Menschen eint und voneinander reißt, Da raunten sie mir in das Ohr, daß Liebe Ein Trug und Rausch für kurze Stunden heißt. Ins Meer blick ich hinaus: Noch immer haucht es Ins Herz mir Schauer der Unendlichkeit. In deinem Auge such ich deine Treue, Und ruhig lächelt’s: „Für die Ewigkeit!“

Notes in this chapter

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