V. Kinder und Frohsinn.
Reading edition
Kindheit.
Komm, liebes Weib, und laß die Arbeit ruhn; Mit mir des späten Tags genieße nun. Sieh, wie die Sonne brennt im dunklen Wald. In leuchtend Blut zerfließt der Westen bald. Heb’ unser Kind empor ans milde Licht, Daß sich ein Strahl in seinem Auge bricht. Ein Himmelsglanz die goldnen Locken streift — Sieh, wie’s begehrlich nach dem Lichte greift! Das ist des Kindes Märchenseligkeit: Noch ahnt es nicht, daß ihm ein Ziel zu weit. Die bunte Welt mit ihrem Drang und Schwall Ist ihm ein großes Bild, ein wirrer Schall. Der Tag ist ihm nicht Zeit, er ist ihm Licht, Und unsre Abendwehmut kennt es nicht. Zusammen fließt ihm Leben noch und Tod, Und Abendglanz ist ihm wie Morgenrot.
Der Erbe.
Ich hebe meine Geige Ganz heimlich unters Kinn Und zieh mit leisem Bogen Ganz heimlich drüber hin. Da hebt mein blondes Dirnlein Den Fuß zum Tanzeschritt; Der Braunen lichtes Stimmlein Singt schon die Weise mit. Die Jüngste wiegt ihr Püppchen: „Marie Maruschka-ka“ — Mit großen dunklen Augen Sitzt stumm mein Bube da. Er kennt vor unserm Fenster Den alten Weidenbaum. Wiegt auf dem höchsten Wipfel Im Winde sich sein Traum? Mein Sohn, in meinen Tönen Hörst du der Winde Tanz? Mein Sohn, in meinen Tönen Siehst du der Wolke Glanz? Mein Sohn, ich bin ein König, Willst du mein Erbe sein? Du wirst im Sonnenpurpur Ein Fürst der Ferne sein. Ich hab’ ein Schloß voll Schimmer An einem fernen Meer — Heb ich ans Kinn die Geige, Kommt Gruß und Glück daher.
Glück.
Um einen Trunk bat mich zur Nacht mein Kind, Mein wilder Kamerad in Spiel und Scherzen. Sein Stimmchen bettelte so warm und lind — Und reiche Liebe strömte mir vom Herzen. Es schaute groß und still mich an beim Trinken Und gab verschwiegnen Dank, indem es nahm, Und schien in meinen Anblick zu versinken, Als tränk es mit, was mir vom Herzen kam.
Vater Harlekin.
Warum ich tanz’ vor meinem Sohn und singe Und wie ein Harlekin Grimassen schneide? Daß einst ein heimlich Lachen ihm gelinge, Wenn er verlassen steht im Lebensleide ... Laßt mich nur tanzen und Grimassen schneiden, Daß er sich meiner Liebe noch erlabe, Daß er ein lächelndes Erinnern habe, Wenn ich versunken längst mit meinen Leiden.
Aus einer Nacht.
Und wieder müd’, zerschlagen Kam er am Abend heim, Und wieder schwoll im Herzen Ein alter, böser Keim: Der Keim des Wahnsinns, den er In stummer Seele trug — Ob Wahnsinn noch mit Lachen Einst seine Welt zerschlug? Denn der Gemeinen Frechheit War stärker als sein Mut, Und kälter war die Roheit Als — ach, sein heißes Blut. Und schlauer war die Dummheit Als sein beschwingter Geist, Und stets an allem Ende Stand er allein — verwaist. Er fiel aufs harte Lager, Und war ihm recht zu Sinn, Als flöss’ aus tiefer Wunde Sein Leben ganz dahin. „Laß rinnen und verrinnen! Ich stille nicht das Blut. Kein Hoffen, kein Verzweifeln: So ist mir’s wohl und gut.“ Doch wieder aus dem Dunkel Brach Hoffnung licht hervor — Doch wieder aus der Tiefe Verzweiflung fuhr empor — Er krampfte wild die Hände: Es möchte stille sein! Und weckte selbst sich immer Zu neuer, neuer Pein. Sein Knäblein schlief daneben, Das hat sich laut geregt Und hat im Traum das Händchen Ihm auf die Stirn gelegt. Das war ein Gruß vom Leben! Was klang so sanft und hell? Natur wollt ihn erquicken Aus einem jungen Quell. Auf seine Augen drückt’ er Das Händchen leis und weich, Da quollen schwere Tränen Und quollen warm und reich. Und sah die feinen Finger Mit mild bewegtem Sinn — Und sprach auf dieses Händchen Sein Leid still vor sich hin. Und als das Licht der Kerze Verschmachtet ging zur Ruh, Sah er dem letzten Scheine Mit stiller Hoffnung zu.
Am Abend.
In der Hängematte lag ich, Tief zerfallen mit dem Leben, Leises, lächelndes Verzichten Im zerwühlten, müden Hirn. Ließ die roten Wolken wandern, Ließ die weichen Falter spielen, Ließ vom Baum die Blüten schweben, Und mit keinem ging mein Blick. Da vom Gitter klang ein Lachen; Hinterm Gitter stand mein Knabe Und verbarg sich, mich zu necken, Sprang mit Jauchzen dann hervor. Wie die Seele klang im Lachen! — Und dann kam ein stilles Wunder; Denn die Abendsonne sah ich Aus den jungen Augen glühn: Ach, das war ein seltsam Ringen! Wehmut rang mit junger Freude. Leise schwand der müde Schimmer, Und ein selig Leuchten blieb.
Sklavenmoral.
Mein Junge, du wirst zu treu und zu gut — Fast möcht ich dich wecken! Ich seh’s mit schwellendem Stolz und ich seh’s Mit wachsendem Schrecken. Dein Auge feuchtet ein keuscher Glanz Wie Tau einer Blüte; Es atmet durch deinen weichen Mund Die träumende Güte. Dir zuckt’s um die Lippen bei fremdem Schmerz, Und du willst ihn lindern — Ein wunderbares, befremdliches Ding Bei der Menschen Kindern. Pass’ auf, sie werden dich früh genug Vor den Karren spannen; Und hast du die Last zu Berge geschleppt, Man hetzt dich von dannen. Weh dir, wenn ein Gott in den Geist dir gelegt Gewalt des Propheten — Sie werden überbrüllen dein Wort Und im Kot dich zertreten. Du wirst sie mit blankem, sausendem Schwert Zum Siege führen — Dann aber wirst du dich krümmen im Staub Vor ihren Türen. Ich seh’s um deine zarte Stirn Wie Dornen und Blut — Und ich reiße dich wild ans hämmernde Herz In aufjubelnder Glut.
An der Wiege.
Wundersames Lächeln Träumend unbewußt Eines zarten Kindes An der Mutterbrust! Sei dafür mit Tränen Still ans Herz gedrückt, Engel, der seit Monden Stammelnd uns beglückt! Nur gedämpfter Schimmer Dir ins Auge fällt: Hinter Ahnungsschleiern Dämmert dir die Welt, Und dem Ohr vorüber Zieht verwehter Klang, Der vom Weltgebrause Fern herüberdrang. Sieh, und doch schon lächelt Hold dein Angesicht, Schon durchströmt die Seele Ein geheimes Licht. — Laß uns nicht verzagen, Wenn das Leid uns drängt, Wenn der Schmerz umklammernd Uns die Brust beengt! Denn durch diese Tale Wandeln wir im Traum: Was uns wirr umflutet, Wir verstehn es kaum; Doch auf anderm Sterne Werden wir’s versteh’n, Wenn dies Kind noch irrend Wird auf Erden gehn. Wie des Kindes Auge Schon der Zukunft lacht, Ob es auch aus tiefen Nächten kaum erwacht, So in dankerfüllter, Ahnungsvoller Ruh Lächle unser Antlitz Jenen Fernen zu.
Wiegenlied.
(Aus der Märchenkomödie „Marienkind“.)
Ruhe nur! Auf tausend Bäumen Wachsen Früchte, die dir munden. Ruhe nur! Noch nicht entsendet Ist der Pfeil, dich zu verwunden. Ruhe nur! Schon springt die Quelle, Deinen Gaumen süß zu netzen. Ruhe nur! Noch nicht gewachsen Ist der Dorn, dich zu verletzen. Ruhe nur! Auf goldner Brücke Tritt vom Heute in das Morgen. Ruhe nur! Noch nicht geboren Ist die Stunde deiner Sorgen.
Nacht und Morgen.
Ich lag auf meinem Bette In später Nacht noch wach. Noch immer schritt der Schatten, Der grause, durchs Gemach, Der mich die Nacht gemartert Mit ewigem Auf und Ab, Ein ruheloser Schemen, Den ausgespien das Grab. Mit aufgerissnen Lidern Hab’ ich gespäht, gewacht — O grauer Wandrer Sorge, Wann endet diese Nacht! Wenn mich mit zartem Schleier Der Traum bedecken will, Stehst plötzlich du am Fuße Des Lagers drohend still, Bohrst mir ins Hirn die stieren, Die grauen Augen dann — Und gleichen Schritts von neuem Hebst du zu wandern an. Erbarmungsloses Pendel, Dein Schlag ist Ewigkeit! Gärt’s nicht im kranken Herzen Wie tiefgeheimer Neid, Wenn draußen durch die Bäume Ein Traumgeflüster weht Und rings der leise Atem Der längst Entschlafnen geht? — Doch sieh, was wächst aus Dämmrung Der Frühe dort hervor? Mein Kindlein richtet langsam Im Bette sich empor Und blickt mit großen Augen Ins erste Morgenlicht, Und frohes Staunen leuchtet Im lieblichen Gesicht — Noch immer blickt durchs Fenster Sein Auge selig fern, Und leis von seinen Lippen Fällt’s wie im Traum: „Ein Stern!“
Unsterblich.
Unlängst, als die Größte von den Kleinen, Meinen Hals umschlingend, vor mir stand, Fand sie jene Spur an meiner Schläfe, Wo der Tod hinstrich mit zager Hand. Größer wurden ihre großen Augen. „Vater — schau! Ein graues Härchen! Schau!“ Und nach einem langen Sinnen sprach sie: „Warum werden wohl die Menschen grau?“ „Nach der Sonne Glück, des Regens Trauer, Nach der Tage Glanz, der Nächte Tau Werden gelb die schönen grünen Blätter, Und der Menschen Haare werden grau.“ Lange sah sie gradaus mir ins Antlitz. Plötzlich rief sie: „Väterchen, nicht wahr? Bitte, bitte, wenn es ausgefallen, Ach, dann gibst du’s mir, das liebe Haar! Betteln will ich auch bei Mutter, daß sie Jedes graue Haar mir geben muß. Sammeln will ich sie in meinem Kästchen, Und für jedes kriegt ihr einen Kuß.“ — Tod, du siehst, ich sitze gut im Sattel, Tod, mein guter Freund, ich spotte dein. Jedes Haar, das du gezeichnet, trägt mir Schönheit eines jungen Lebens ein. Sieh, mein Herz hab’ ich mit festen Händen Hier im Grund des Hauses eingepflanzt; Seine Fülle wird noch Blüten treiben, Wenn der Wind mit meinem Staube tanzt.
Sonntagskind.
Wir haben ein heiliges Kind. Am Sonntag, im feinsten Gewande, Das Haar ihm genestelt mit schimmerndem Bande, Entschlüpft es geheim und geschwind. Und schleicht sich ins schönste Gemach, Da kennt es die Blumen und Bilder! Und leise — wie ferne — erhebt sich ein milder Gesang wie von Lerchen vor Tag Und löst sich von Lippen und Brust Nun stärker und süßer und freier —! Dem strahlenden, schöneren Tage zur Feier Erbebt es in klingender Lust. Und einst, so beschlichen wir’s beid’: Da schaut es so groß in die Helle — Und plötzlich nun dreht sich’s im Tanze so schnelle — Und streichelt dann zärtlich sein Kleid. Und wieder zum Fenster gekehrt, Beginnt sie mit neuen Gesängen, Fügt träumende Worte zu ahnenden Klängen, Die sie wohl keiner gelehrt. Du klingendes Seelchen, nur zu Und trinke dir Schönheit vom Leben! Wir hören’s beglückt, daß ein Kind uns gegeben Voll dankender Sehnsucht wie du!
Sonnentage.
„Vater, sieh doch unsre junge Fichte, Wieder säumt sie hell ihr grünes Kleid. Und wie ist sie rank und schlank gewachsen! Welkte sie, mir wär es ewig leid.“ Also rief sie, unter Blumen stehend, Selber schlank und lieblich wie der Baum, Ahnungslos in allertiefster Seele, Daß sie schlank und lieblich wie der Baum. Dir, du weltenweiter Sommerhimmel, Streck’ ich unsichtbare Arme aus: Nimm mit Garbenduft und Wälderklingen Meinen Jubel in dein heilig Haus!
Traumhüter.
Unter meiner Obhut schlummert Mir ein Töchterlein im Zimmer, Kindesunschuld in den Zügen, Auf den Wangen Rosenschimmer. Und vom Buch, darin ich lese, Laß ich oft die Blicke gleiten Nach dem Kindlein, dessen Antlitz Glüht in Traumesseligkeiten. Blühend mag sich einst entfalten Jene Knospe dort im Kissen, Und es wird die Welt ihr schenken Für den Kindertraum — das Wissen. Und die frommen Mädchenaugen Werden groß ins Leben schauen, Und in Zweifel wird sich wenden Manch ein seliges Vertrauen. Wüßt’ ich einen ihr zur Seite, Der mit sorglichem Bemühen Von den jungen Augen wendet Allzu dreisten Lichtes Sprühen! Der den Tag des Welterkennens Bannt, daß er in Gnaden säume Und zu früh nicht blendend dringe In das Reich der Kinderträume!
Das Feuerwerk.
„Vater, nun komm!“ „Wohin denn, Kind?“ „Hin zum Feuerwerk! Komm doch geschwind! Sonst fängt es an und wir kommen zu spät!“ „Hab’ leider nicht Zeit. Aber geht nur, geht.“ Die Wahrheit zu sagen: ich hatte wohl Zeit, Aber nicht Mut zur Fröhlichkeit. ’s war wieder mal einer der grauen Tage, Da man sich fragt: Wozu all’ die Plage? Wozu der ewige Kampf und Streit, Keinem zur Lust, nur sich selber zum Leid? Die Erde gebiert, der Tod schwingt sein Messer, Und vieles wird anders, und nichts wird besser — So saß ich bei trübem Lampenschein, Und Dunkel fraß in mich hinein. — Da schreck’ ich empor; die Tür fliegt auf: Mein Mädel kommt heim in sausendem Lauf. „Vater, Vater, ach hättst du’s geseh’n: Feurige Räder, die sich dreh’n, Und Blumen, woran die Bienen sogen, Und Schmetterlinge wie Regenbogen, Springbrunnen von Feuer, blau und rot Und ein Knallen — ich war vor Schreck halb tot — Aber auf einmal, was gab es da? Tausend Billionen Sterne, oha! Rot und gelb und grün und blau, Die stiegen bis ganz — ich sah es genau! — Die stiegen bis ganz in den Himmel hinein! Ach, hättest du können bei uns sein!“ So sprach’s und hatte die ganze Pracht In seinen Augen mitgebracht. Ich dachte: Mein Kind, was du gesehn, Ich seh es tausendfach so schön. Seh’ goldne Augen wie kreisende Sonnen, Seh’ überströmende Feuerbronnen Und siebenfarbiger Falter Reigen Und Sterne, die in den Himmel steigen.
Am Vorabend der Hochzeit.
1. Meiner Ältesten.
(Mel.: „Ihr treuen Geliebten“ aus „Figaros Hochzeit“.)
Es wuchs eine Myrte auf steinigem Grund; Bald schmiegt sie sich duftend zum krönenden Rund. Es wob sich ein Schleier aus Tränen und Licht; Bald rahmt er liebkosend ein selig Gesicht. So wandelt dahin denn erheiterten Blicks In Schleiern der Schönheit, auf Myrten des Glücks. Sei leicht wie der Schleier euch Sorgen und Mühn; Und Hoffnung erquick euch mit ewigem Grün.
2. Meiner Jüngsten.
(Die Schwestern sprechen.)
Wir bringen Kranz und Schleier; Ein treuer Mahner spricht Zu Ernst und Lust der Feier: Zerreißt den Schleier nicht! Der Schleier ist der Schimmer, Der auf den Höhen liegt; Der Schleier ist der Flimmer, Der sich auf Ähren wiegt. Er ist die milde Feuchte, Die Blumen übertaut; Auch ist er das Geleuchte, In dem der Himmel blaut. Er ist der Hauch, der labend Von Meer und Strömen winkt, Und ist das Rot am Abend, In dem die Sonne sinkt. Er ist auf Vogels Schwinge Das flüchtige Farbenspiel; Er ist der Duft der Dinge, Ist nichts — und ist so viel! Nehmt Myrte denn und Schleier Ein treuer Mahner spricht Zu Eurer höchsten Feier: Zerreißt den Schleier nicht!
Lütt Jan.
Jan Boje wünscht sich lange schon Ein Schiff — ach Gott, wie lange schon! Ein Schiff so groß — ein Schiff — hurra: Von hier bis nach Amerika. Die höchsten Tannen sind zu klein, Die Masten müßten Türme sein, Die stießen — hei, was ist dabei? Klingling das Himmelsdach entzwei. Die Wolken wären Segel gut, Die knallen wild im Wind vor Wut, Jan Boje hängt am Klüverbaum Und strampelt nackt im Wellenschaum. Jan baumelt an der Reeling, Jan! Und schaukelt, was er schaukeln kann. Wenn’s an die Planken plitscht und platscht, Der blanke Steert ins Wasser klatscht. Wie greift er da die Fische flink; Ein Butt bei jedem Wellenblink! Die dörrt auf Deck der Sonnenschein, Und Jantje beißt vergnügt hinein. Jan Boje segelt immerfort, Spuckt über Back- und Steuerbord Und kommt zurück trotz Schabernack, Das ganze Schiff voll Kautabak. Wer aber ist Jan Boje, he? Der Teufelsmaat und Held zur See? Jan Boje ist ein Fischerjung’, Ein Knirps, ein Kerl, ein frischer Jung’. Grad liegt er auf dem Bauch im Sand Und lenkt ein schwimmend Brett am Band, Und ob die Woge kommt und geht, Ob sich sein Brett im Wirbel dreht —: Sein starrer Blick ins Ferne steht. Da schwillt’s heran im Sonnengleiß Von tausend Segeln breit und weiß; Da hebt sich manch ein Riesenbug Wie düstrer Spuk und Augentrug ... Das wandert ewig übers Meer. Wann kommt Jan Bojes Schiff daher?
Ein Freudentag.
Jaja, ich hab’ mir ’ne Pfeife gekauft, Eine Tabakspfeife von Ton! Ja, Weibchen, ja: der Sparsamkeit Und aller Vernunft zum Hohn! Haha, ich hab’ mir ’ne Pfeife gekauft, Eine stattliche Pfeife von Ton, Wie sie Mynheer van Holland raucht, Der reiche Zuckerbaron! Ja lache nur, Weib, du hast ganz recht: Ich rauch’ überhaupt keine Pfeif’; Doch weil ich so überglücklich war, So mußt ich sie kaufen: begreif! Daß unser Junge nun wieder gesund, Das machte mich wunderfroh. Und bin ich vergnügt, so kauf’ ich was, Ganz einerlei was und wo. Und bin ich vergnügt, so verschwend ich was, Leichtsinnig, wie ich nun bin. So bin ich geboren, so sterb ich einst, So leb’ ich inzwischen dahin. Und siehst du: so hab’ ich die Pfeife gekauft; Ist sie nicht schön und lang? Ich gab, bei Gott! eine Mark dafür, Ein Markstück rund und blank. Die Pfeif’ in der Hand, so schlendert’ ich hin Und sang und summte beglückt. Die Spießer glotzten und stießen sich an Und grinsten: „Der ist verrückt.“ Und wenn du, mein Liebchen, dasselbe meinst, Ich stell’ es dir gänzlich frei. Ich hab’ meine Pfeife von feinstem Ton; Da, Junge, schmeiß sie entzwei!
Erwartung der Weihnacht.
Noch eine Nacht — und aus den Lüften Herniederströmt das goldne Licht Der wundersamen Weihnachtsfreude, Verklärend jedes Angesicht. Und wieder klingt die alte Kunde: Wie einst die Lieb’ geboren ward, Die unbegrenzte Menschenliebe In einem Kindlein hold und zart. Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld. Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier Des warmen Heimes kleine Welt. Dahinter strahlt’s und lacht’s und flimmert’s Und ist der süßen Rätsel voll, Durch alle Räume weht der Odem Der Freude, die da kommen soll. Und draußen nicken Bäum’ und Büsche So leis’ in winterklarer Luft: Die Kunde kommt, daß neues Leben Sich wieder regt in tiefer Gruft. Es knarrt die Eiche vor dem Fenster, Sie träumt von langer Zeiten Lauf; Da steigt wohl auch ein froh’ Erinnern In ihre Krone still hinauf. O weilt, ihr jugendschönen Stunden, Verweile du, der Hoffnung Glück! Vermöcht’ ich’s nur: mit allen Kräften Der Seele hielt’ ich dich zurück. Ihr süßen Träume des Erwartens, Der Wunder und Gesichte voll, Noch schöner seid ihr als der Jubel, Die Freude, die da kommen soll.
Heiliger Morgen.
Von den Tannen träufelt Märchenduft; Leise Weihnachtsglocken sind erklungen — Blinkend fährt mein Hammer durch die Luft; Denn ein Spielzeug zimmr’ ich meinem Jungen. Graue Wolken kämpfen fernen Kampf; Blau darüber strahlt ein harter Himmel. Durch die Nüstern stößt den weißen Dampf Vor der Tür des Nachbars breiter Schimmel. Kommt Herr Doktor Schlapprian daher, Zigaretten- und Absinthvertilger! Voll erhabnen Hohnes lächelt er, Hirn- und lendenlahmer Abwärtspilger. Spöttisch grüßend schlendert er dahin Und — verachtet mich, den blöden Gimpel, Der gefügig spannt den dumpfen Sinn In die Enge, ein „Familiensimpel“. — Rote Sonne überm Schneegefild: Und das weite Feld ein Sterngewimmel! Und ins Auge spann ich euer Bild, Wundererde — unerforschter Himmel. Und den frischen, kalten, klaren Tag Saug’ ich ein mit gierig starken Lungen — Pfeifend trifft mein Hammer Schlag um Schlag, Und ein Spielzeug zimmr’ ich meinem Jungen.
Weihnachtsspaziergang.
Täglich fast aus meines Dorfes Frieden, Wo ich zwischen Feld und Büschen wohne, Wo ich sieben Nachtigallen höre, Wo mich Fink und Amsel lang schon kennen Und mich keck beäugen, wenn ich nahe, Wo die Welt im Sommer eine Laube Und ein silberweißer Dom im Winter, Wo vom Schreibtisch ich den Habicht schweben Sehe durch des Himmels große Stille — Täglich fast aus meines Dorfes Frieden, Wo ich Ruhe, Traum und Klarheit atme, Lenk’ ich meinen Schritt zur nahen Weltstadt, Um zu fühlen, was ich sonst vergäße, Daß die Welt nicht Klarheit, Traum und Frieden, Nicht ein heimlich Wohnen zwischen Hecken, Ach, kein Spiel mit Fink und Drossel ist. In das weite, wilde Meer der Menschen Tauch’ ich unter dann und laß mich treiben. Ja, sie sind wie windverstörte Wellen; Eine will die and’re überrennen, Und am letzten Strand zerschäumen alle. Wie sie jagen, stoßen, knirschen — wie sie Not und Habsucht durcheinander wirbelt! Nur geradeaus den Blick gerichtet, Drängen sie und trappeln sie und traben, Sehen nicht das stille Leben fluten, Sehn nicht, wie es stumm zu beiden Seiten Fließt und fließt ins große Meer der Stille, Ewig ungelebt und ungenossen. Ach, sie leben nicht — nur, um zu leben! Vorwärts, vorwärts nur den Blick gerichtet, Treibt es sie die schattenlose Straße Fort, hinweg vom Schoß der großen Mutter. Und versunken in des wilden Meeres Tote Tiefen ist die alte Kunde, Daß ein Glück sich dehnt in leichten Lüften, Friede wandert zwischen Halm und Hecken, Daß ein off’nes, frohes Menschenauge Wie ein See des Paradieses glänzt. Einmal nur im Jahre find’ ich’s anders! Brach herein der Weihnacht heilige Frühe, Nehm ich Hut und Stock und wand’re fröhlich In die große Stadt. So tat ich heute. Drängen, Treiben seh’ ich heut wie immer, Seh’ ein wogend Meer wie alle Tage; Aber auf den Fluten dieses Meeres Ruht wie Sonnenschein ein einzig Lächeln. Und — o frommes Wunder ohnegleichen, Selbst der Kaufherr, dessen Furcht und Hoffnung Sonst um Indiens Silberminen kreisen, Heimgefunden hat er in den Frieden Einer höheren und stiller’n Welt. Lächeln seh’ ich in entspannten Mienen Und wo Lächeln nicht, doch einen Glauben An das Lächeln. Starre Blicke seh’ ich Wohl wie sonst, allein sie starren glänzend In ein Licht, das sie allein erschauen. Welches Glaubens sie und welches Sinnes, Einmal wieder haben sie’s vernommen, Einmal glauben sie die frohe Botschaft, Daß ein Glück mag kommen aus den Lüften, Daß ein Friede wohnt in grünen Tannen, Daß ein liebend Wang’-an-Wange-Schmiegen Alle Not beschämt und alles Prangen, Daß ein off’nes, frohes Menschenauge Wie ein See des Paradieses glänzt. Von versunk’nen Städten singt die Sage, Deren Glocken aus der Tiefe klingen. Geh’ ich weihnachts durch den Schwall der Straßen, Dringt durch allen Lärm ein stetes Klingen: Leise aus verlor’nen Gründen hör’ ich Läuten die versunk’ne Stadt des Glücks.
Weihnachtsepistel.
Weihnacht kommt heran, das Fest der Kleinen, Da die Großen wie die Kindlein werden, Arme Hirten, Könige und Weise Mit den Öchslein um die Krippe stehen Und ein Kind in tiefster Demut ehren. Ja, die Großen werden wie die Kleinen. Halbe Stunden lang sitz ich geduldig, Ein Stück „Nachwuchs“ auf dem Arm, auf jedem Knie noch eins, und eines steht dazwischen. Wie man sieht: ein Fünftes fände schwerlich Platz noch: höchstens auf den Schultern könnten Zwei noch sitzen. Los geht das Verhör nun! „Hast du heut den Weihnachtsmann gesprochen? Hat er wohl noch solche große Puppe, Solche, weißt du wohl, die schlafen kann Und die Arm’ und Beine biegen kann? Und die richtig schreit?“ — „Ja, das ist wichtig!“ „Und ein Fläschchen auch dazu mit Lutscher? Und ’nen Puppenwagen? Und ’ne Küche —“ „Ja, und sonst noch was? Ja freilich hat er All dergleichen, aber nur für Kinder, Die nicht eigensinnig sind, wie etwa Hier mein kleines Dirnchen (in Gedanken Und in Klammer: „und wie ihr Herr Vater!“) „Dedda doosche Taffeetanne haben Un Terwine un Papoffelschüssel —“ „Kriegst du, selbstverständlich.“ „Und ich wünsch mir Nur ’ne große, ganz ganz große Trommel!“ „Ja, das möcht’st du wohl! Um mir die Nerven Ganz kaput zu trommeln! Nicht vielleicht auch Noch ein Glasklavier mit Blechtrompete? Aber hört! wenn ihr hübsch artig seid Und die Mutter mir nicht noch vor Weihnacht In vier Stücke reißt, dann kriegt ihr jeder Ganz gewiß von mir ein nagelneues Langes, breites, dickes, wunderschönes Abgebranntes Zündholz —“. „Hahahaaaaa!“ Allgerechter! Diese Kehlen! Schrecklich Dankbar ist dies Publikum für „Witze“! Springen, Lachen, Johlen, Schreien, Strampeln — Dein gedenk ich, großer Hagenbeck! „Und was wünschest du dir denn, Papachen?“ „Ja — das muß ich reiflich überlegen; Denn die Sache ist mir doch zu wichtig. — Halt! ich hab’s! Schon wieder hab ich einen Handschuh irgendwo verloren. Schenkt mir Einen linken Handschuh!“ „Ja, was kostet Denn ein Handschuh?“ „Hunderttausend Taler!“ Neuer Sturm. Am Boden selbstverständlich Endet dieses bürgerliche Schauspiel. Wie ein Festungswall werd’ ich „genommen“, Tapfern Fußes jubelnd überschritten, Wie ein Schneemann werd ich erst gerollt und Dann geknetet. Ja, du liebe Weihnacht, Ja, ich sehe deutlich schon das Ende. Immer weicher wird man, immer milder, Schließlich kriegt der Kerl sie doch, die Trommel, Und ich lasse gütigst auf mir trommeln. Sonst — ich muß es grad heraus bekennen — Ist zur Demut mein Talent im Grunde Außerordentlich gering, und draußen Mach ich mich nicht gerne klein mit Kleinen. Unsre großen, freien, stolzen Vorfahr’n Kannten den Begriff nicht und das Wort nicht. Erst mit andren Schätzen aus dem Osten Kam die Demut auch in deutsches Land. Demut kriecht am Boden, und so ist sie Immer nah bei Staub, Gewürm und Schmutze; Aber hohen Blicks geht Stolz einher, Achtlos tritt er Wurm und Staub mit Füßen. Nein, die schönste biblische Geschichte War und bleibt mir immer die vom Jakob, Der den Engel frisch beim Kragen packte: „Jetzo segne mich entweder — oder —“ Seine ganze Schwindelei vergeb’ ich Ihm für diese echte Menschentat. Ja, ach ja: zur kleingesinnten Demut Fehlt mir die Begabung. Nur zu Zeiten — Wenn die Weihnacht nahekommt — verkriech’ ich Tief und stumm mich in mein Innerstes. Auf der Heimkehr von der Arbeit such’ ich Stille, kaum betret’ne Wege dann, Wo die Sonne, müde schon und rot, In umnebelten Gebüschen hängt, Selten nur ein Vöglein sich davonhebt Stummen Fluges durch die träge Luft, Daß vom kaum gebognen Zweig der Schnee Lautlos fällt auf Schnee. Auf fernem Wege — Irgendwo — und kaum noch zu vernehmen, Unter schweren Rädern kreischt der Schnee; Über einer schwarzen Kate flimmert Hoch und hell mein Stern von Bethlehem. Dann geschieht’s. Zwei weiche, warme Hände Kommen leis von hinten und verschließen Mir die Augen. Süß erschauernd steh ich, Regungslos gebannt, doch nicht erschrocken. Dann mich leise wendend, in die Augen, Große dunkle, feuchte Augen blick’ ich Eines unergründlich schönen Weibes. Weich in ihre Arme zieht sie mich, Und mit warmem Hauch an meiner Wange Flüstert sie mir zu in Heimlichkeit: „Mach’s in diesem Jahre und in allen So wie ich.“ — Gespannt in allen Fibern, Hör ich, wie in leisen, starken Strömen Neue Kraft die Adern mir erfüllt; Zitternd steh ich, dem Kristallgefäß gleich, Das mit rotem Feuerwein gefüllt wird. — Bis vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt Stummen Fluges durch die träge Luft Und vom kaum gebognen Zweig der Schnee Lautlos fällt auf Schnee. Mit leisem Frösteln Fühl ich, daß sie längst gelöst die Arme, Daß ich längst allein am Wege stehe. Aufgerafft dann, mit gestrafften Sehnen Schreit ich weiter, immer gradaus blickend; Gradaus blickend tret ich in die Türe, Hut und Mantel leg ich ab; die Kinder Klammern jubelnd sich an mich, und endlich Schüttelt ungeduldig mich das Ältste! „Vater! Vater! Was für Augen machst du!“ Und das Nächste ruft mit Händepatschen: „Und was hast du heut für rote Backen!“ Dieses also ist mein Fest der Demut. Schnurrig werdet ihr die Weisheit finden, Die das Weib mir zugeraunt am Wege, Schnurrig, daß ich mich vor diesem Weibe Ohne Stolz in tiefster Andacht neige. Rätselvoll zum mindesten erscheint euch Jenes kurze Trostwort der Sibylle. Aber ich verstehe sie vollkommen; Auf der Heide schon in früher Kindheit Lernt’ ich ihre Sprüche still begreifen. Denn dies Weib mit dicken, braunen Zöpfen, Jungen Brüsten und erglühten Wangen, Meine Ur-Ur-Urgroßmutter ist es, Die Natur. Saht ihr sie nicht im Sturmtanz Jüngst sich drehen, daß die Röcke flogen? Wirbelnd fegte sie mit ihrem Röckchen Welkes, Mürbes, Morsches und Verdorbnes Und Gestorbenes zum Land hinaus. — Jetzo sind wir in den stillen Tagen, Da sie schlummert oder unter Büschen Tief verborgen träumt und träumend sinnt, Sinnend schafft und in sich selbst versinkt. Tief hinunter taucht sie in sich selbst, Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen. Doch nur wen’ge Tage gönnt sie sich Andachtsvoller Ruhe: Wenn in diesen Dunklen Tagen sich die Sonne wendet, Neu beginnt sie schon den Werdekampf. In Myriaden dunkler Kammern schlägt sie Zarte, reizende Gewebe auf, In Myriaden dunkler, trauter Kammern Webt sie grüne Blätter, bunte Blumen. Klatscht sie in die Hände, springen lachend Überall und überall die Knospen, Und ans weiße Frühlingslicht hervor Quellen samtne Blätter, seidne Blüten. Recht im Licht mit weiblichem Behagen Spreitet sie ihr leuchtendes Gewand. Aus den Ställen lockt sie Rind und Schäflein, Und in Waldesnacht und Bergesgründen Weckt sie leise, süße Hirtenflöten. Auch mit Donnern bricht sie wild herein, Zornesblitze sprüht ihr dunkles Auge, Wenn zu träge schleicht das Blut der Welt Und sich staut in kläglicher Ermattung. Aber in Myriaden dunkler Kammern Kocht an heißer Glut sie Wundersäfte, Starke, süß und bittre Lebenstränke, Backt sie Brot an Millionen Herden, Singt dazu aus starker, süßer Kehle. Dann die Schürze fest gefaßt an beiden Zipfeln, springt sie jauchzend durch das Land. Aus der Schürze langt sie Birn’ und Apfel, Wirft sie Bub und Dirnlein an den Kopf, Während über Stirn und Ohr ihr nicken Goldene und funkelrote Trauben. Hat sie alles lächelnd hingegeben, Dreht sie tanzend, jauchzend sich im Sturme, Kreischend, wie nur Weiber kreischen können: Welkes, Morsches und Verdorbnes fegt sie Und Gestorbenes zum Land hinaus. Bis sie müde hinsinkt unter Büschen, Schlummernd liegt mit einem Kinderantlitz, Harmlos, ahnungslos, wie Kindlein sind. Wen’ge stille Tage. Und erwacht dann, Träumt sie starren Auges, träumend sinnt sie Sinnend schafft sie, in sich selbst versinkend. Tief hinunter taucht sie in sich selbst, Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen. Zärtlich ist sie sehr in diesen Tagen; Geht am stillen Weg ein Freund vorüber, Ein verzagter, kampfesmüder Wicht, Schlingt sie hinterrücks um ihn die Arme, Flüstert warm ins Ohr ihm: „So wie ich Mach’s in diesem Jahre und in allen.“ Also laßt uns klein mit Kleinen werden, Alle Süße der Beschränkung kosten, Alle großen Wünsche still begraben, Allen Zorn und Haß und allen Streit. Schlummern laßt uns, harmlos, ahnungslos Wen’ge stille Tage. Wunderbarlich Lockt des Herdes Flamme, liebe Freunde, Wenn ihr Flackerschein auf rote Wangen Süßer Kinder fällt und aus den Augen Eines anmutvollen Weibes glüht. Ach, im Sessel tief zurückgelehnt, Seht im Christbaum ihr den Engel schweben Mit der Himmelsbotschaft: „Frieden, Frieden!“ Laßt uns an den süßen Frieden glauben; Aber schlummert nicht zu lang. Es kommen Tage, da dem Engel auf der Lippe Jäh der Psalm zerreißt und von den Höhen, Aus den Tälern die Trompete schreit. — — — Weihnacht kommt, das milde Fest der Kerzen. In die stillen Flammen will ich schauen, Tief mich in ihr reines Licht versenken Und mit Kraft und hoher Hoffnung bitten: „Liebe Brüder, werdet nicht wie Kindlein!“
Mihi est propositum ...
Deckt mir überreich den Tisch Für die lieben Gäste; Aber aus dem Keller holt Mir das Allerbeste! Daß sie lächelnd sich gestehn, Wenn sie heimwärts schweben: Edlen Wein hat er geschenkt Und ihn gern gegeben. Wonnig lacht mir deutscher Wein, Wonniger das Leuchten, Wenn der Zecher Augen sich In Entzückung feuchten. Ist ihr stammelnd Zeugnis doch Feinste Frucht der Reben: Edlen Wein hat er geschenkt Und ihn gern gegeben. Unser Dichten, unser Tun Richten Pharisäer. Rückt indessen um den Tisch Näher nur und näher. Will nun mit erhöhter Kraft Nach dem Ruhme streben: Edlen Wein hat er geschenkt Und ihn gern gegeben. Mag euch nun der Menschenfeind „Tafelfreunde“ schelten, Oh, ich weiß: ihr werdet einst, Was ich gab, vergelten! Klagend wird’s an meiner Gruft Euer Herz durchbeben: Edlen Wein hat er geschenkt Und ihn gern gegeben. Und in meiner sichern Truh’ Werd’ ich leise lachen, Weil Freund Hein es nicht geglückt, Ganz mich tot zu machen. Wird ein Tropfen meines Bluts Doch im Sprüchlein leben: Edlen Wein hat er geschenkt Und ihn gern gegeben!
Der freche Sekt.
In meinem Stübchen an der Wand Hängt ein Goethe von Meisterhand. Sein großer Blick durchsonnt das Zimmer Wie Erdenlust und olympischer Schimmer. Nun war mal ein rechter Jubeltag; Ich und mein Schatz wir hielten Gelag, Schenkten den schäumenden Wirbelwein Eins dem andern mit Singen ein, Kehrten oberst zu unterst die Stuben — Führten uns auf wie närrische Buben. Kam die dritte Flasche dran — Plautz! den Stöpsel halte, wer kann, Und ein dicker Strahl Champagnerwein Dem Goethe — pscht! — ins Gesicht hinein! — Wir schwiegen beide und fühlten beklommen: Hat er uns das wohl übelgenommen? — Da lacht er mit seinen zwei Sonnen darein: Und ihr wollt Goethekenner sein?!
Lob der Sparsamkeit.
(Eigene Melodie.)
Es meint der Filz, sobald er hört Von Kneip- und Bummelei, Im Tugendbusen jach empört, Daß dies Verschwendung sei. Er rechnet aus, wieviel es bringt, Wenn er sein Lebtag Wasser schlingt. Vivallera. Einseitig wie ja die Moral Bei solchen Menschen ist, Was wir ersparen beim Pokal, Zu schätzen sie vergißt. Es spart der Mensch, solang er kneipt Und möglichst lange sitzen bleibt. Vivallera. Was spart er nicht beim Bier allein An Knödeln und an Brot; Denn wo ein Brauhaus steht, ich mein, Da ist kein Backhaus not, Auch wird er keine Schuh zergehn, Solang sie unterm Biertisch stehn. Vivallera. Schont er daheim das Sofa nicht Und andres Mobiliar? Und spart er Feurung nicht und Licht? Was macht das nicht im Jahr! Was hab ich nicht auf solche Art An Streichelhölzern schon gespart! Vivallera. Es schont, solang er sitzt beim Bier, Dem Trank, so herb und kühl, Der Tönekünstler sein Klavier, Der Dichter sein Gefühl, Der Bilderhauer seinen Lehm Und das Modell noch außerdem. Vivallera. Der Lehrer schont das Bakelrohr, Der Richter schont das Recht, Es schont der Sänger den Tenor, Je mehr er qualmt und zecht. Ja manch ein Landesvater schont Sogar das Volk, worauf er thront. Vivallera. Und überleg ich’s mir einmal, So geht mir’s völlig ein: Ich muß ein Mann von Kapital Und schon ein Krösus sein. Schläfriger Wirt, sei aufgeweckt Und pump mir eine Flasche Sekt! Vivallera.