49. Tommy Atkins in Gefangenschaft.
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Um 8 Uhr morgens wieder heraus und fort über das öde Feld von Artois nach Douai! Bald darauf kreuzten wir die Stadt Lille in schneller Windung, fuhren durch die Porte de Roubaix wieder hinaus und folgten in nordöstlicher Richtung der langen, dichtbebauten Straße, die Lille und Roubaix verbindet.
In Roubaix lagen noch 250 Engländer und eine Anzahl Offiziere, die am Nachmittag nach Deutschland transportiert werden sollten. Die Mannschaft war in einem großen Saal untergebracht, vermutlich einem geräumten Restaurant. Möbel waren nicht zu sehen, aber große Bündel Stroh auf dem Boden, besonders an den Wänden. Hier konnten sich die Soldaten ihr Nachtlager herrichten, und sie litten wahrhaftig keine Not. Ein Tommy, der eine ungefährliche Kopfwunde hatte, wurde gerade von einem englischen Arzt, der selbst Gefangener war, behandelt. In einem angrenzenden Zimmer mit Glasdach standen lange Reihen von Tischen und Stühlen, wo die Gefangenen ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Hier photographierte ich ein paar Gruppen, durch die der Leser sich überzeugen kann, daß die Engländer in der Gefangenschaft weder betrübt noch leidend aussehen. Auf dem einen Bild haben sie sogar eine muntere, mollige Französin bei sich, aber ich muß zu ihrer Ehre zugestehen, daß die edle Dame selbst darum gebeten hatte, mit ihren Verbündeten und zufälligen Eßkunden zusammen porträtiert zu werden. Sie war nämlich die Wirtin und überwachte die Verpflegung der Gefangenen.
In der Wirtschaftsküche kochte die Gefangenenkost in großen Kesseln; auch dort war das Personal zum überwiegenden Teil französisch. Wer die Deutschen anklagt, daß sie mit der Verpflegung der Gefangenen knausern, der sollte sich im Restaurant zu Roubaix umsehen. Dort war alles reichlich und gut. Austern, Trüffeln und Plumpudding gab es zwar nicht, aber die Söldner, die zufällig aus Eastend waren, hatten wahrscheinlich lange nicht so gut gegessen wie in Roubaix. Dazu kam, daß die französische Wirtin in Tommy Atkins ziemlich verliebt war und wie eine Adlermutter dafür sorgte, daß er das nötige Essen bekam.
Es geschieht nicht, um meiner Kamera zu schmeicheln, wenn ich behaupte, das eben erwähnte Bild sei eine treffliche Illustration der »Entente cordiale« der Westmächte. Die französische Dame lächelt und strahlt und kann sich keine feinere Einfassung denken als zwischen handfesten englischen Soldaten. Sie sollte an den Sinn des lustigen Liedes denken, das mit den Worten schließt: »I love you my darling, cette phrase vous coutera beaucoup«, und dessen Moral ist: La France pour les Français! Es ist gefährlich, mit Tommy Atkins zu kokettieren. Es läßt ihn ganz kühl, das sieht man auf dem Bild. Er sitzt kalt wie eine Marmorstatue und schenkt seiner Pflegerin keinen andern Gedanken als den: Geh zu, wir werden die Suppe essen, die du kochst! Wann wird sie es satt sein, so undankbar behandelt zu werden? Wird sie damit fortfahren, bis ihr das Letzte genommen ist?
In dem großen Saal lagen nun Tommy Atkins und seine Kameraden und ruhten im Stroh. Sie sahen frisch und munter aus, und viele hatten sympathische, männliche Züge. Als ich vor einer Gruppe stehen blieb und mich mit den Leuten unterhielt, blieben sie ungeniert liegen, antworteten aber sehr höflich und mit der unerschütterlichen Ruhe, die für ihre Rasse charakteristisch ist. Sie gestanden offen zu, daß sie mit der Behandlung, die sie erfuhren, und mit ihrer Kost zufrieden seien. Einer von ihnen fand, man könne es im Kriege gar nicht besser haben. Das einzige, was ihnen nicht gefiele, wäre, daß sie im Saal nicht rauchen dürften. Ein deutscher Offizier, der neben uns stand, erklärte ihnen, der Saal sei feuergefährlich, nicht zum wenigsten wegen des trockenen Strohs, und die Deutschen wünschten nicht, daß ihre englischen Gefangenen hier verbrennten.
In einem großen, gemütlichen Zimmer im ersten Stock wurden drei Offiziere gefangen gehalten, ein Hauptmann und ein Leutnant, beide Engländer, und ein französischer Leutnant. Jeder von ihnen hatte sein gutes, reinliches Bett und im übrigen Tisch und Stühle und andere notwendige Möbel.
Der englische Leutnant war ein feiner und angenehmer junger Mann, der Sohn eines angesehenen Londoner Kaufmanns. Sein Vater stand in Geschäftsverbindung mit Deutschland, und er selbst war, ich glaube, in Hamburg gewesen, um Deutsch zu lernen. Der Krieg hatte alle seine Pläne auf den Kopf gestellt. »Aber wir hatten doch keine andere Wahl und mußten mit!« meinte er.