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Ein Volk in Waffen

27. Leben an der Front.

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Am 1. Oktober machte ich in Gesellschaft des prächtigen Chefs einer Feldfliegerabteilung, Hauptmann H. von Chamier-Glisczinski, einen Ausflug an die Front. Er holte mich in seinem Auto ab, und in wahnsinniger Fahrt ging es nach Somme Py im Südwesten. Vorher hielten wir jedoch eine Weile bei einer Flugstation, wo der Hauptmann dienstlich zu tun hatte. Während wir dort standen, kam eine Taube in herrlichem Gleitflug herabgeschwebt. Sie kam in größter Eile, wie es schien, und ihre hellen, leichten Flügel hoben sich scharf von dem hellblauen Himmel ab. Sie kam gerade auf uns zu, und man hatte das Gefühl, einen Schritt beiseite treten zu müssen, um nicht von der einen Flügelspitze getroffen zu werden. Als sie dem Erdboden nahe war, schien sie wieder aufsteigen zu wollen. Aber diese Bewegung geschah nur, um den Stoß bei der Landung zu mildern, dann rollte sie ein Stück und hielt auf der Wiese.

Der Flieger und sein Kamerad begleiteten uns auf der weiteren Fahrt. Und wieder entrollte sich vor uns das Bild des bunten Soldatenlebens unmittelbar hinter der Front, wie ich es so oft schon gesehen hatte. Es war heute nicht so schwer, vorwärtszukommen, denn jetzt am Tage hielten sich die meisten Truppen still und versteckt. Hier und da brannten kleine Feuer im Schatten der Bäume; man kochte und trank seinen Kaffee, rauchte seine Pfeife und sonnte sich auf umgestürzten Getreidegarben. Die Proviantwagen mit ihren weißen und gelben Plandächern waren oft mit Laub bedeckt, um den französischen Fliegern nicht allzusehr in die Augen zu stechen. In Somme Py war wenig zu sehen. Fast das ganze Dorf war niedergebrannt und zerstört; nur rauchgeschwärzte, nackte Mauern standen da. Unsere Fahrt ging weiter, und nun sahen wir die gutversteckten Feldküchen, die Sanitätskompagnien mit ihren Wagen, Ärzten und Krankenträgern, sowie die sogenannte Gefechtsbagage, d. h. alles, was die in den Schützenlinien liegenden Soldaten an Munition, Werkzeugen, Kleidern, Proviant und anderm brauchen.

Da, wo links von der Straße vier Feldhaubitzen aufgestellt waren, ließ Hauptmann Chamier halten und das Auto im Schatten eines Baumes unterstellen, denn von hier aus war es nicht ratsam, weiterzufahren, da das Automobil die Aufmerksamkeit der französischen Beobachter auf sich ziehen konnte. Wir stiegen daher aus und machten eine kleine Runde um die Batterie, die eben bei der Arbeit war. Die Haubitzen wurden gerade für die nächste Salve geladen, und ich benutzte die Gelegenheit, ein Bild davon zu skizzieren. Die Batterie war gut maskiert und mit kleinen Wällen von Erdschollen, Steinen und Sandsäcken eingefaßt; jede Kanone außerdem mit einer Schutzplatte versehen, die wenigstens für Schrapnells und Gewehrkugeln undurchdringlich sein muß. Das Feuer war auf das 4050 Meter entfernte Dorf Souain gerichtet; es war schon so gut wie zusammengeschossen, und was noch übrig war, stand in Flammen. Von dem Beobachtungsstand aus, auf den wir uns später begaben, konnte man mit scharfen Fernrohren die Wirkung der Granaten beobachten. Wenn ein Haus getroffen ist, steigt eine dunkle Säule von Gasen, Staub und Erde auf, und bald verraten Flammen und Rauch, daß die Granaten das Haus oder mehrere angezündet haben. Wer an diese Dinge nicht gewöhnt ist, betrachtet sie unwillkürlich mit einem gewissen Respekt. Vermutlich steigt der Respekt sogar mit der Gewohnheit. Die Offiziere scheinen vollkommen gleichgültig, aber das ist, glaube ich, meist nur Selbstbeherrschung; der Führer darf der Mannschaft seine Gefühle nicht verraten, er muß vollkommen ruhig sein oder scheinen. Aber es muß auch die stärksten Nerven angreifen, lange im Feuer zu liegen. Diese Batterie hier war achtzehn Tage auf demselben Platz, ohne von französischen Fliegern entdeckt worden zu sein.

Die Granate ist mit Pikrin gefüllt, einem Sprengstoff, der noch viel stärker ist als Dynamit. Beim Auftreffen explodiert die Ladung und verursacht eine furchtbare Verwüstung. Der Geschoßzylinder zerspringt dabei in messerscharfe Scherben und verursacht böse, schwer zu heilende Wunden. Der Zünder des Schrapnells wird dagegen auf Zeit eingestellt, so daß er z. B. neunzehn Sekunden nach Abfeuerung des Schusses, je nach der Entfernung, das Geschoß zur Explosion bringt. Auch sein Zylinder ist mit Pikrin gefüllt und dazu noch mit etwa vierhundert kleinen, runden Bleikugeln, die in einem schweifförmigen Strahl oder in einem Kegel sich über das Ziel verstreuen.

Von der Batterie aus wanderten wir zu Fuß durch die Allee und hielten uns getrennt und im Schatten der Bäume. Einen sicheren Schutz bot die Allee nicht, denn sie war hier und da unterbrochen. Wir gingen fünfhundert Meter südlich bis zu dem Beobachtungsstand, von dem aus das Feuer telephonisch geleitet wurde und die vorderste französische Front beobachtet werden konnte. Der Platz hieß Ferme- —. Das erste, was ich sah, war etwas Baumähnliches, das sich über das umgebende Gebüsch erhob. Es war ein Mast von der Stärke und Höhe einer Telegraphenstange; eine Stiege führte hinauf zu einer kleinen Plattform und dem Sitz für einen Beobachter, der nebst seinem Fernrohr unter Laubzweigen verborgen war.

Am Ziel angelangt, wurden wir von nicht weniger als drei Obersten empfangen, von denen jedoch zwei nur zufällige Gäste waren, und von einigen Offizieren. Einer der Obersten namens Fischer, Brigadekommandeur der Feldartillerie, ein heiterer, gemütlicher Herr, hatte gleich mir Asien bereist.

Die Offiziere wohnten hier Tag und Nacht und hatten sich unter der Erde häuslich eingerichtet, da der Platz von dem französischen Feuer bestrichen wurde. Eine Treppe führte in eine Grottenwohnung von zwei kleinen, dunklen Zimmern hinab, die von einer Petroleumlampe erleuchtet und von einem kleinen, eisernen Kamin erwärmt wurden, der jetzt munter brannte. Auf einem Wandtisch lagen Toilettesachen, Fernrohre, Karten, Instrumente und Revolver in lustiger Unordnung. Im Schlafzimmer waren die Betten auf dem Erdboden dicht nebeneinander ausgebreitet. Man darf nicht allzu empfindliche Nerven haben, wenn man dort unten schlafen soll. Aber doch war es wenigstens ein Zufluchtsort, wenn der Platz starkem Feuer ausgesetzt war; gegen Granaten sei er zwar nicht ganz geschützt, sagte man mir, wohl aber gegen Schrapnells. Auch ihre Mahlzeiten nahmen die Offiziere gewöhnlich hier ein, um in Ruhe essen zu können.

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