45. Im Schützengraben.
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In der letzten Oktobernacht war es unmöglich, die Besatzungen der Schützengräben bei dem Dorfe Monchy-au-Bois, nicht weit von Bapaume, in der üblichen Weise zu wechseln. Bloß ein Mann oder ein paar konnten auf einmal zu den Gräben kriechen. Wenn der Mond nicht scheint oder die Gegend in Nebel gehüllt ist, können die Soldaten truppweise vorgehen; heute nacht aber waren sie der Gefahr ausgesetzt wie am Tage und mußten die größte Vorsicht beobachten.
Auch dem kaltblütigsten Soldaten muß es seltsam vorkommen, wenn er auf Fußspitzen und Ellenbogen durchs Gras kriechen soll, zumal da er noch das Gewehr zu schleppen hat. Er muß zuweilen haltmachen, teils weil er müde wird, teils um nach dem Graben auszuschauen und zu lauschen. Dann kriecht er wieder ein Stück vorwärts und lauscht wieder. Alles ist still, aber jeden Augenblick kann ein Schuß knallen, können die Kugeln pfeifen. Schließlich liegt der Schützengraben vor ihm wie eine dunkle Linie. Wird er hinkommen, ohne von den Franzosen entdeckt zu werden? Er drückt sich immer näher an den Boden heran und bewegt sich immer vorsichtiger und langsamer. Jetzt fehlen noch 20 Meter — jetzt nur noch 10. Der Graben liegt scharf gezeichnet vor ihm, noch ein Katzensprung trennt ihn davon. Und doch ist der Abstand ungeheuer, denn hier ist die Gefahr am größten! Auf den Graben selbst halten die französischen Wachtposten und Patrouillen vor allem ihre Aufmerksamkeit gerichtet. Diese zwei Meter tief und einen Meter breit ins Feld gegrabene Furche ist voll von bewaffneten, wachenden Männern — aber kein Laut ist zu hören, kein lebendes Wesen, kein Schein eines vorsichtig abgeblendeten Feuers zu sehen. Kein Duft einer Zigarette, wohl aber andere Gerüche, die Menschen anzeigen. Endlich hat der Soldat bloß noch einen Meter. Es ist still auf der französischen Seite — lautlos wie eine Katze schlüpft er über den Rand und ist gerettet. Nun kann einer seiner Kameraden seinen Platz verlassen und unter denselben Vorsichtsmaßregeln in die unterirdischen Höhlen hinter den Schützengräben zurückkriechen, wo er seine warme Suppe erhält und dann schlafen, schlafen, schlafen kann wie ein Toter!
Der Abgelöste hat 48 schwere Stunden hinter sich. Nachts oder bei Nebel müssen er und seine Kameraden sich wachhalten, denn dann ist die Gefahr eines Überfalls am größten. Der eine oder der andere kann wohl eine Weile schlummern, aber mancher Wachtposten darf überhaupt nicht schlafen, wenn ihm das Leben lieb ist. Tagsüber kann die Mehrzahl in ihren Höhlen schlafen, aber auch da sind immer Wachen ausgestellt.
In die dem Feind zugekehrte Wand des Grabens sind schalenförmige Aushöhlungen oder Nischen eingegraben, die gegen das Feuer Schutz gewähren. Es kann aber vorkommen, daß eine Granate in die andere Wand einschlägt, und dann sind die Soldaten verloren. Deshalb gräbt man auch hier und da Grotten, ja geradezu unterirdische Zimmer, die zuweilen so luxuriös eingerichtet sind, daß sie Vorhänge vor dem Eingang haben. An den Wänden der Kammern ist Stroh für Schlafplätze aufgeschichtet, und nicht selten wird der kleine Zeltstreifen, den jeder Soldat bei sich hat, als Decke benutzt. Ist der Abstand zwischen den Schützengräben, wie hier, nur achtzig Meter, so darf, selbst in den unterirdischen Höhlen, kein Licht angezündet werden, noch weniger Feuer, weshalb die Luft recht kalt und feucht wird. Beträgt aber der Abstand drei- oder vierhundert Meter, dann darf Licht brennen.
Die Soldaten haben Proviant bei sich, aber es kann vorkommen, daß sie durch heftiges Feuer von aller Verbindung abgeschnitten werden und dann einen oder mehrere Tage hungern müssen. Aber auch dieses Unglück nehmen sie mit gutem Humor hin.
Bei Regen werden die Schützengräben entsetzlich. In Belgien sah ich das schon. Das Regenwasser sammelte sich in ihnen an; halb angefüllt mit graugelbem Wasser und Lehmschlamm, ähnelten sie Abzugsgräben neben einem Acker. General von Winckler erzählte, seine Leute hätten 24 Stunden bis ans Knie im Wasser gestanden, ohne zu klagen und ohne krank zu werden. Wenn sie zurückkehrten, schildern sie ihren Kameraden ihre Erlebnisse mit unverwüstlichem Humor. Man sollte meinen, die Leute würden mißmutig, wenn sie 24 Stunden lang im Wasser liegen. Aber bei den deutschen Soldaten kommen verdrießliche Mienen nicht vor. Um der Überschwemmung abzuhelfen, ließ der General Ablaufgräben graben, durch die das Regenwasser nach Zisternen geleitet wurde.
An manchen Stellen wird die Verbindung mit den Schützengräben durch Laufgräben erleichtert, die von einem geeigneten, im Gelände verborgenen Punkt im Zickzack dorthin führen und den Mannschaftswechsel in hohem Maße erleichtern.
Die Schützengräben verlaufen nicht in geraden Linien, wenn nicht etwa, wie südlich von Antwerpen, das Land völlig eben ist. Sonst richten sie sich nach den Formen des Bodens. Im allgemeinen werden sie so angelegt, daß sie nach dem Feinde zu freie Aussicht haben und Überrumpelungsversuche erschweren. Ein Schützengraben hat daher gewöhnlich eine sehr unregelmäßige Form, er gleicht einer Kurve mit Ausbuchtungen nach vorn und hinten. Oft zerfällt er auch in mehrere kleine Sektionen. Den Zwischenraum zwischen den verschiedenen Teilen füllen Stacheldrahtnetze und andere Hindernisse aus. Oft ist ein Schützengraben dem Artilleriefeuer besonders ausgesetzt; wenn er in einer stark gewellten Linie verläuft, können einzelne Strecken den Bahnen der feindlichen Geschosse parallel liegen und von dem Artilleriefeuer buchstäblich reingefegt werden. Um sich dagegen zu schützen, graben die Soldaten sogenannte Traversen, ganz kurze Zweiggräben, die sich von dem großen Schützengraben im rechten Winkel abzweigen. Zu diesen Schutzgängen nehmen die Soldaten ihre Zuflucht, wenn das Feuer auf den Hauptgraben eingestellt ist.
Wenn man wie bei Monchy-au-Bois auf Grund des allgemeinen strategischen Plans lange Zeit stillgelegen hat — hier seit dem 6. Oktober —, so hat man Zeit und Gelegenheit, an den Schützengräben, Traversen und den unterirdischen Höhlen Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen.
Auf der dem Feinde zugewandten Seite der deutschen Schützengräben bei Monchy-au-Bois laufen breite Gürtel von Stacheldrahtnetzen und tiefe Wolfsgruben mit spitzen Pfählen auf dem Grund. Solche Verteidigungswerke, die bloß an einigen Stellen von offenen Passagen unterbrochen werden, lassen sich nur im Dunkel der Nacht oder bei Nebel errichten, aber auch unter günstigen Verhältnissen ist die Arbeit mit Lebensgefahr verbunden, nicht zum wenigsten wegen der Patrouillen, die des Nachts umherstreifen und sich natürlich gerade auf dem schmalen Streifen zwischen den deutschen und den französischen Schützengräben bewegen. Ihre Aufgabe ist, sich über die Verteidigungswerke der Feinde zu orientieren. Erst wenn die Patrouillen erfolgreiche nächtliche Streifzüge unternommen haben, läßt sich ein Angriff wagen. Bei Monchy sollen die Franzosen mehr Angriffe gemacht haben als die Deutschen, und die Massen von Leichen, die zwischen den Schützengräben lagen und einen unerträglichen Geruch verbreiteten, waren daher zum größten Teil Franzosen. Oft geschieht es, daß sich Patrouillen beider Parteien begegnen, dann entsteht sofort ein Kampf auf Leben und Tod, bis die eine Partei zurückgeht. Den Verwundeten helfen ihre Kameraden, sich in den Schützengraben zu retten, aber die Toten bleiben liegen und verpesten die Luft, denn niemand kann sich ihnen ohne Lebensgefahr nähern. Solche kleine Scharmützel fanden bei Monchy jede Nacht statt.
An einer Stelle, nahe von Monchy, sollen Franzosen und Deutsche in einem und demselben Graben liegen. Eine französische Patrouille hatte sich im Dunkel der Nacht verirrt und zu einem zufällig leeren Teil eines deutschen Schützengrabens ihre Zuflucht genommen. Als sie ihren Irrtum bemerkte, errichtete sie in dem Graben selbst nach beiden Seiten Erdwälle, und von diesen Wällen aus hatten sich die Gegner in einem Abstand von wenigen Schritten beschossen. Ich weiß nicht, wie es den Franzosen zuletzt ergangen ist; wahrscheinlich waren sie verloren. Ihre Stellung war absolut unhaltbar, und bestenfalls mußten sie sich gefangen geben, wenn der Proviant ausblieb.
Natürlich sind die Verhältnisse in den Schützengräben sehr verschieden. Liegen sie weit voneinander entfernt, so sind die Verbindungen leichter und das Leben ist in ihnen erträglicher, nicht zum wenigsten deshalb, weil man sie leichter reinhalten kann. Bei Monchy-au-Bois sollten die Zustände in diesen unterirdischen Wohnungen unbeschreiblich sein. Um so mehr ist der frohe, frische Mut, die Bereitwilligkeit und die Opferwilligkeit der Soldaten zu bewundern. Wenn sich einer über Kälte oder Verpflegung unter der Erde beklagen wollte, würde er von seinen Kameraden ausgelacht und gescholten werden, aber ich hörte nicht, daß sich solch ein Fall ereignet hätte.
In einem Dorf in der Nähe hatte Prinz Eitel Friedrich sein Quartier. Man erzählte, er wohne in einem ziemlich zusammengeschossenen Bauerngut und lebe nachts auf dem Felde, immer dem Feuer ausgesetzt. Alle priesen seinen Mut, seine Energie und seine hervorragenden Eigenschaften als Mensch und Soldat.