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Ein Volk in Waffen

30. Feldgottesdienst.

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Sonntagmorgen in Vouziers (4. Oktober). Schon früh um 5 weckte mich ein Franziskanerbruder, den ich im dortigen Lazarett des Professors Zinser kennen gelernt hatte. Ich kleidete mich schnell an und in Begleitung eines katholischen Soldaten, der von Behr bediente, wanderten wir nach dem Altenheim, in dessen Kapelle der Geburtstag des heiligen Franziskus mit Messe und Gesang gefeiert werden sollte. Es war noch nicht Tag, der Mond schien nicht, die Nacht herrschte noch auf der Erde, ein feuchter Nebel schwebte über Vouziers, und das Steinpflaster der Straßen war naß. Hier und da brannte ein elektrisches Licht, einsam gegen die Dunkelheit kämpfend. Ab und zu hörte man eilige Schritte; es waren die Mönche, die zur Messe eilten, und vor einem Haus mit irgendeiner militärischen Bestimmung ging eine Nachtwache auf und ab, sonst war die Straße lautlos still.

Am Ziel angelangt, treten wir in einen kleinen Garten ein, an den der Säulengang des Heims angrenzt, und sind bald darauf in der Kapelle. Diese ist schon mit Zuhörern gefüllt. Da sitzen Elisabethschwestern aus Essen in ihren weißen Schleiern und Vincentiusschwestern aus Hildesheim in ihren schwarzen Schleiern, die Franziskanermönche haben ihre Plätze eingenommen, und auf den Emporen sitzen mehrere Soldaten. Ihnen schließe ich mich an.

Die Heiligenbilder am Altar werden von hohen Lichtern erleuchtet, die eben angezündet werden; aber die beiden Kandelaber werden noch nicht benutzt. Es ist draußen noch so dunkel, daß die gemalten Fenster nicht zur Geltung kommen, da sie nur von innen beleuchtet werden. Man erkennt kaum die Züge der Jungfrau Maria und der heiligen Helena.

Ein Bruder in weißem, goldgesticktem Ornat, umgeben von vier ebenso prächtig gekleideten dienenden Brüdern, tritt an den Altar heran. Sie tragen an langen, feinen Ketten Weihrauchkessel, auf deren glühende Kohlen einer von ihnen ein wohlriechendes Pulver streut, und leichte, blaue Wolken steigen bis zu meinem Platz auf dem Chor empor.

Nun beginnt das lateinische Altargebet. Ein Priester singt, und die Versammelten antworten mit dem immer wiederkehrenden Refrain: »Per omnia saecula saeculorum. Amen.« »Oremus« erklingt es vom Altar, und aus der Versammlung »Per omnia saecula saeculorum. Amen.«

Dann folgt die Predigt. Der Redner knüpft seine Betrachtungen an das Leben des heiligen Franziskus. Von der ganzen Erde steigen heute Gebete zu ihm auf. Die Versammelten können sein Andenken nicht besser feiern als dadurch, daß sie ihre Pflichten im Dienst der Menschenliebe erfüllen und die Qualen der Verwundeten lindern.

Die Chorfenster bekommen Farbe. Es tagt draußen. Die Gemeinde singt ein deutsches Lied zu Ehren des heiligen Franziskus. Ein Bruder tritt an den Altar heran und klingelt ein paarmal mit einem kleinen Glöckchen. Ich kann meine Augen nicht von diesen Brüdern und Schwestern abwenden, die von den Schlachtfeldern und Lazaretten gekommen sind, und deren Gedanken sich nun so friedlich um den Namen des großen Heiligen sammeln. Wie sind sie davon ergriffen, wie andächtig machen sie das Zeichen des Kreuzes. Auf einem stimmungsvollen Gemälde im Chor gegenüber schaut der Gekreuzigte von der Höhe seines Leidens auf die knienden Gestalten herab. »Per omnia saecula saeculorum.« — »Dominus vobiscum.« — »Gratias agimus Domino, Deo nostro.« — »Unus est Deus, unus est Dominus.« Und das Glöckchen läutet wieder, und der Weihrauchkessel schwingt in seinen Ketten, und es ist, als träten die Jungfrau und die heilige Helena aus den Wolken um den Altar hervor und kämen uns allen näher!

Die dienenden Brüder grüßen sich, indem sie sich gegenseitig die Hände auf Schultern und Haupt legen. Das Abendmahl wird an die Gemeinde ausgeteilt, und wieder erklingt der stete Refrain »Per omnia saecula saeculorum«. Und man denkt an all die Tapferen, die draußen in den Schützengräben sterben, und an die Blüte männlicher Jugend zweier edlen Nationen, die dem Granatfeuer geopfert wird. Vielleicht waren die Gedanken der Nonnen und Mönche stärker ergriffen von den unruhigen Ereignissen, die jetzt die Welt erschütterten, als von dem Frieden, der den Namen des heiligen Franziskus umschwebte. Sie gedachten all der Soldaten, die in ihrem Beisein gestorben sind. Es ist schwer, zu sterben, wenn man jung und stark ist und das ganze Leben noch vor sich hat! Aber ewige Ehre verdienen die Männer, die sich fürs Vaterland opfern, und ihr Andenken soll lebendig bleiben »per omnia saecula saeculorum«.

Illustration from Ein Volk in Waffen

Mörser. (Vgl. Seite 103.)

Illustration from Ein Volk in Waffen

Unterirdische Hütten zur Deckung der Ersatztruppen. (Vgl. Seite 104.)

Nun werden die Kandelaber auf dem Altartisch angezündet, aber draußen hat jetzt der Tag gesiegt, und das Gesicht der heiligen Helena erstrahlt hell und rein vor aller Augen. Ihre Lippen umspielt ein Lächeln voller Milde und Güte und sie, die Freundin der Wehrlosen und Leidenden, scheint mit Freude so viel würdige Schwestern und Brüder um sich zu sehen, die ihre besten Kräfte den verwundeten und sterbenden Soldaten weihen.

Der Gottesdienst war zu Ende, und mein Franziskanerbruder führte mich in den Säulengang, wo die Schwestern Kaffee mit feinem Weizenbrot und Marmelade boten. Hier verbrachten wir bis zum Abschied eine angenehme Stunde.

½10 Uhr fand der protestantische Feldgottesdienst statt. Das Gotteshaus war eine Straßenecke unter freiem Himmel, ein sichrerer Platz als das offene Feld vor der Stadt, wo eine große Menschenmasse immer ein dankbares Ziel für die Bomben der französischen Flieger abgäbe. Einige hundert Soldaten und etwa fünfzig Offiziere waren zur Stelle. Ein Oktett der Regimentsmusik blies einen Choral — wir kannten ihn nur zu gut: »Ein' feste Burg ist unser Gott« — und die Kriegsleute stimmten mit starken, frischen Stimmen ein.

Dann trat auf der untersten Stufe einer Steintreppe der junge Pastor Marguth aus Hessen hervor. Er trug einen schwarzen Rock und um den Arm eine weißviolette Binde wie alle Geistlichen der Feldarmee. Er sprach im Anschluß an den Römerbrief über die Kraft des Evangeliums, und kam damit auf die welthistorischen Ereignisse, die aller Gedanken erfüllten. Er sprach von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes, das in solchen Zeiten einen Herrscher hat, der in Wahrheit ein Führer ist. Der Kaiser habe alles getan, um den Krieg zu vermeiden; er habe den Frieden gewollt, aber da er zum Krieg gezwungen worden sei, habe er auch gewußt, wo sein Platz sei, und was das Volk von ihm verlangen konnte. Und im Vertrauen auf dieses Volk habe er nicht gezaudert, für Deutschlands Existenz und Zukunft loszuschlagen.

Pastor Marguth sprach vom Pflichtgefühl des Volkes als der vornehmsten Bedingung des Siegs. Das Volk wisse, was es zu tun habe, wenn die Pflicht es ruft. »Wir müssen Gott danken für seine Gnade, daß er uns jetzt in der Stunde unserer Heimsuchung in unserer schwersten aber auch größten Zeit so einig und stark gemacht hat.« Und zuletzt sprach er von der Ausdauer der Soldaten und von ihrer Entschlossenheit, sich erst mit dem letzten Mann und dem letzten Pferd zu ergeben.

Es war eine einfache Beredsamkeit ohne Redeblüten, ohne Phrasen; der Geistliche sprach freimütig mit froher Zuversicht und unerschütterlicher Siegesgewißheit, und die deutschen Worte weckten ein klingendes Echo an den französischen Häusern. »Vater unser, der du bist im Himmel ... Der Herr segne euch und behüte euch ...« Schließlich wurde wieder ein Choral gesungen, mit so brausender Kraft, als sei es am Tag vor dem siegreichen Einzug durch das Brandenburger Tor. Hier standen nun diese breitschultrigen, kraftvollen und jugendfrischen Germanen, und unter den Helmen flammten Augenpaare, die vielleicht morgen in den Schützengräben erlöschen sollten! Es überlief mich kalt, als ich den Choralgesang erschallen hörte und dachte, diese Männer verstehen die Kunst, zu sterben! Aber ihr Volk wird nie sterben, und es ist schade um die Mächte, die sich zu ihrem eigenen Untergang vereinigt haben. Wieviel Blut muß noch fließen, bis sie einsehen, daß ihr Ziel, Deutschlands Vernichtung, unerreichbar ist!

Die Feldprediger sind ein Geschlecht für sich. Immer froh, munter, aufopfernd und freimütig. Sie sind die Seelsorger der Soldaten, den Lebenden predigend, die Sterbenden tröstend und erquickend. Die Konfession spielt keine Rolle mehr. Protestantische und katholische Priester verkehren wie Brüder. Alle haben einen Gott, und alle haben ein Ziel: die Wohlfahrt des Vaterlandes. Oft sieht man Priester zu Pferde dahergesprengt kommen, das Kreuz um den Hals, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, die weißviolette Binde am linken Arm des Feldrocks. Nicht selten sind sie mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Dann haben sie wohl mitten im Granatfeuer von der Auferstehung und dem Leben gesprochen oder mit unerschütterlicher Ruhe gepredigt, während feindliche Flieger über ihnen schwebten. Ja, vielleicht sind sie Sonnabend nachts in Kälte und Regen zwischen Büschen und Gras hindurchgekrochen, um an die Schützengräben zu gelangen und ihren Bewohnern am Sonntag Gottes Wort zu verkünden.

Am Abend desselben Tages wurde in der Kirche zu Cernay Gottesdienst abgehalten. Man hatte an Licht sparen müssen, und auf dem Altar brannten nur ein paar Talgkerzen. Aber es war Vollmond und klares Wetter, und der Mondschein sickerte durch die Fenster herein und erleuchtete das Schiff und die Säulen und die wetterharten Männer, die aus ihren Schützengräben oder von ihren Troßwagen gekommen waren. Von Zeit zu Zeit schlugen französische Granaten in die Stadt ein, und es donnerte und krachte von Explosionen und einstürzenden Häusern. Aber der Priester ließ sich nicht stören. Er schien den Krieg draußen nicht zu merken, sondern sprach, ohne mit der Stimme zu zittern, vom Frieden in Gott und von den Pflichten gegen das Vaterland. Die Soldaten hörten mit unerschütterlicher Ruhe zu, und als der Choralgesang schließlich verklang und die Lichter ausgelöscht wurden, zerstreute sich die Schar in den Gassen, die eigentümlich erleuchtet waren vom Mondschein und vom Feuer der brennenden Häuser. —

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