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Ein Volk in Waffen

21. Die Eisenbahn im Kriege.

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26. September. Kurz vor 9 sollte ich auf dem Bahnhof sein und den Zug benutzen, der ein Weimarer Landsturmbataillon nach Charleville beförderte. Aber über Nacht war der Fahrplan geändert worden, der Landsturmzug ging erst später; dagegen stand ein Munitionszug zur Abfahrt nach Sedan bereit, zweiundzwanzig offene, mit Planen bedeckte Wagen und ein paar geschlossene. In dem einen der letzteren nahm ich Platz. Meine Nachbarn waren Bedeckungsmannschaften, zehn oder zwölf Mann Ersatzreserve; sie kamen von Mainz und hatten in diesem Zug acht Tage und acht Nächte zugebracht! Unser Wagen hatte sich aus dem Nordosten Deutschlands hierher verirrt; er trug die Bezeichnung: »Preuß.-Hess. Staatseisenbahnen, Nord-Ost«, und in meinem Abteil hing eine Karte über die Bahnstrecke Berlin-Memel.

Eine menschenfreundliche Seele im Hotel Staar hatte mir geraten, Proviant mitzunehmen, da es mehr als zweifelhaft sei, ob ich unterwegs etwas Eßbares auftreiben könnte. Also wurden mir mit dem übrigen Gepäck vier tüchtige Butterbrote mit Schinken und Käse, drei Eier und zwei Flaschen Mineralwasser ins Kupee gebracht.

Dann ging es hübsch langsam los, aus dem Luxemburger Bahnhof heraus, an einem stehenden Zug vorüber, der mit plaudernden, rauchenden, lachenden Soldaten vollbepackt war, die ausgezeichneter Stimmung zu sein schienen. Die Fahrt ging an gemütlichen Dörfern, Höfen und Wäldern vorüber, an Wiesen mit grasenden Rindern, Feldern mit pflügenden Bauern, an Landstraßen und Chausseen mit langen Baumreihen. In Luxemburg gab's keine zusammengeschossenen Häuser, keine obdachlosen Menschen. Wohl war die Einquartierung deutscher Truppen wenig angenehm, aber die Luxemburger haben alles bei Heller und Pfennig ersetzt bekommen.

Auf den Straßen keine Truppen, keine knarrenden Kolonnen. Wie das kommt, so nahe der Front? Nun, soweit die Eisenbahnen gehen und in Zusammenhang mit dem deutschen Eisenbahnnetz stehen, besorgen sie den ganzen Transport bis zum Beginn der Etappenstraßen, wo es keine Eisenbahnen gibt. Deshalb sieht das Land zu beiden Seiten der Bahn so idyllisch aus, und das einzige, was an den Krieg erinnert, ist der Trubel an den Haltestellen und die Posten, die die Bahn bewachen und oft so dicht stehen, daß der eine den andern sehen kann. Deutsche Eisenbahntruppen besorgen den Betrieb und Landsturm die Bewachung.

Unser Gleis führt über Mamer und Kapellen. Das Gelände ist schwach gewellt, nach allen Seiten breiten sich flache, sonnenbestrahlte Felder. Zwischen zwei Stationen halten wir. Warum? Auf dem Nebengleis kommt ein gewaltiger Zug mit lauter leeren Güterwagen; keine Menschenseele ist darin, man hört, wie leer sie sind; mit hohler Resonanz rasseln sie vorüber; sie haben irgendeiner Armee Verstärkungen gebracht und gehen nun nach Luxemburg zurück, um neue Mannschaften zu holen. —

Sterpenich! Wir sind also in Belgien. Die Landschaft ist die gleiche, auch hier deutsche Wachtposten, auch hier pflügende Bauern auf den Äckern wie in Luxemburg. Nicht einmal die Zollrevision erinnert uns daran, daß wir ein neues Land betreten: der Krieg reißt alle Schranken nieder.

In Arlon halten wir länger. Im Südwesten hört man Kanonendonner; ob er aber von Verdun oder vom Argonner Wald herkommt, können meine Reisekameraden nicht entscheiden; er klingt dumpf, aber deutlich.

Zuweilen fährt der Zug mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, aber bald bereut er das und fährt wieder langsam, als ob die Last von Toten, die er in Form von Geschossen mit sich führt, die Erschütterung nicht vertrüge. Der Bahnkörper liegt nun hoch, und wir fahren auf einer Brücke über eine Landstraße. Unten steht ein Soldat mit einem Gewehr und sieht zum Zug hinauf.

Da plötzlich ein Dorf, zusammengeschossen und eingeäschert, nur noch aus kahlen Mauern bestehend, die zwischen Bäumen hervorlugen. Eine Allee ist zum Teil umgehauen, auch die Bäume am Rande eines Gehölzes in der Nähe der Bahn sind gefällt. Wohl um die Bewachung zu erleichtern und Attentaten vorzubeugen? Nein; weiterhin sind die Stämme aufgestapelt, ein Güterzug wartet auf sie; sie sollen als Bahnschwellen dienen.

»Langsam fahren!« steht an scharfen Kurven auf großen Schildern; die deutschen Lokomotivführer fühlen sich noch nicht so heimisch. Doch ist der Verkehr nicht besonders lebhaft; man begegnet nur wenigen Zügen auf dieser zweispurigen Bahn.

Lavaux — Cousteumont — Hamipre, kleine Stationen; die Soldaten sitzen in guter Ruh, rauchen Zigarren und lesen die neuesten Zeitungen. Longlier-Neufchateau, eine größere Station; vom Kupeefenster aus werden einige zerstörte Häuser sichtbar. Bei Libramont geraten wir dicht neben einen gewaltigen Truppenzug, der wie wir Sedan zum Ziel hat. Der ganze Zug ist laubgeschmückt, als ging es zu einem Sommerfest. Draußen zwischen den Wagenfenstern liest man mit Kreide geschriebene Sprüchlein, die von der guten Laune der Passagiere zeugen, z. B. »Auf zum Mittagessen nach Paris; steht schon bereit«, und andere derartige Scherze. Unter fröhlichem Singen und Lachen rollt der Zug seinem unbekannten Schicksal zu.

Nach einstündigem Aufenthalt kommt die Reihe wieder an uns, und wir fahren über Felder, auf denen duftende Hafergarben wie Soldaten in Reih' und Glied stehen. Eine Brücke ist zu Beginn der Invasion gesprengt worden, offenbar um den Bahnverkehr zu stören, der unter ihrem Bogen hindurchführt. Nun sind Eisenbahnbautruppen damit beschäftigt, sie wieder herzustellen. Sonst sieht man von der Bahn aus in Belgisch-Luxemburg nicht viel von den Wirkungen des Kriegs.

Von Libramont aus geht die Fahrt endlich nach Südwesten. Auf einer kleinen Station halten wir wiederum unmittelbar neben einem Truppenzug und gleiten langsam an ihm vorüber. Im Wagen dritter Klasse haben die Soldaten Tornister, Gewehre, Waffenröcke und Patronentaschen aufgehängt, alles in malerischer, kriegerischer Unordnung. Einige Leute liegen auf den Bänken und schlafen, andere sitzen, die Beine übereinandergeschlagen, rauchen, lesen, plaudern oder betrachten das Leben draußen. In den Kupees erster und zweiter Klasse fahren Offiziere und Unteroffiziere. Es ist Kavallerie; den Schluß des Zuges bilden die Güterwagen mit den Pferden, in jedem Wagen sechs, je drei und drei mit den Köpfen gegeneinander; von der mittleren Wagenöffnung mit den Schiebetüren sind sie durch Balken getrennt, die an kurzen Ketten hängen; an den Balken sind ihre Halfter festgemacht. Zwischen den Balken, also in der Mitte des Wagens, steht auf Böcken ein Tisch mit zwei Bänken. Hier sitzen ein paar Leute, die gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt sind.

Bertrix! Wieder eine Stunde Aufenthalt. Ein leerer Zug aus Sedan verursacht die Verzögerung. Durch das Fenster fängt man unfreiwillig kleine Brocken von der Unterhaltung der Soldaten auf. »Hast du gehört, daß die Belgier in der Nähe von Arlon eine geheime Funkenstation haben sollen, der man noch nicht auf die Spur gekommen ist?« — »Auf alle Fälle war das eine Glanzleistung von Weddigen.« — »Aber die Verluste zu Land sind viel größer als die zur See. Der Untergang eines Unterseebootes bedeutet zwanzig Mann, ein Sturm zu Land aber zehn- oder hundertmal mehr.« — »Ist es wahr, daß Reims erobert ist?« — »Der rechte Flügel scheint ein gutes Stück zurückgegangen zu sein.« — Alle Gerüchte gedeihen üppig an den Bahnstationen.

Der Stationsvorsteher kommt in mein Abteil, um mir Gesellschaft zu leisten. Er erzählt mir, daß die Steinbrücke, über die wir vorher gefahren sind, am 19. August von den Belgiern gesprengt worden sei, als hier heiß gekämpft wurde. »Wir Eisenbahner,« fügt er hinzu, »wir müssen hier sitzen und dürfen den Kanonendonner nur aus der Ferne anhören. Ins Feuer, wie die andern, dürfen wir nicht.« — »Aber Ihre Arbeit ist doch ebenso wichtig; wie stände es mit dem Feuer an der Front, mit der Verpflegung und den Ersatztruppen, wenn Sie nicht den Eisenbahnbetrieb in Ordnung hielten!« — »Gewiß, aber es ist eine fürchterliche Geduldprobe.«

Endlich kommt der erwartete Zug heran. »Haben Sie keine neuen Zeitungen?« rufen Wachtposten und Eisenbahnarbeiter, als wir langsam vorüberfahren. »Ich habe schon alle weggegeben, die ich hatte«, antworte ich. Aber ich finde noch eine Nummer der Trierischen Zeitung, und am nächsten Ort, wo mehrere Soldaten beieinander stehen, werfe ich sie hinaus. Wie eifrig die Leute die Neuigkeiten verschlingen; einer liest vor, die andern hören zu.

Hier begegnen wir einem lustigen Zug: einige Wagen sind als Reparaturwerkstätten eingerichtet. Da stehen Hobelbänke und Schleifsteine, da liegen Sägen, Meißel, Äxte und Hämmer herum. Andere Wagen sind gestopft voll von Zweirädern, Schubkarren, Spaten, Spießen, Äxten und Hacken und andern Werkzeugen, die man bei Pionierarbeiten, Barrikaden und Schützengräben braucht. Hinter einem langen Tunnel öffnet sich eine herrliche Landschaft, stärker gewellt als die bisherige; unter uns kreuzen sich mehrere große Landstraßen. An der nächsten senkt sich der Bahnkörper jäh herab. Unten ist eine Wachtstube, in der mehrere Landstürmer nach der Arbeit ausruhen und die Stunde abwarten, wo ihre Kameraden abgelöst werden sollen. Eine Schar graugekleideter Arbeiter geht, den Spaten auf der Schulter, die Strecke entlang. An einer kleinen Haltestelle stehen etwa vierzig graue und blaue Soldaten um ihre Gewehre herum. Es nimmt auch nie ein Ende mit den Soldaten! Welche Massen werden nicht allein an den Eisenbahnlinien verbraucht.

Die Sonne geht unter. Hinter einem neuen Tunnel öffnet sich im Tal unter uns die Aussicht auf den gewundenen Flußlauf der Semois. Neue Scharen zurückkehrender Arbeiter. »Noch zwanzig Kilometer bis zur französischen Grenze«, erklärt der eine; ein anderer zeigt in der Nähe eines zerstörten Dorfes auf eine Anhöhe, wo mehrere Massengräber zu liegen scheinen. Die Dämmerung schreitet weiter und geht in Nacht über. Schade, daß man die Aussicht auf dieses herrliche Land verliert. Die Bahn wendet sich in vielen Kurven, bald steigend, bald fallend. Beim Ansteigen geht es hoffnungslos langsam, der Zug quält sich, und das Holz der Wagen seufzt unter der Schwere seiner Last.

Wieder ein Tunnel in Sicht; an seinem Eingang eine kleine Hütte, in der einige Landstürmer sich eben ihr Abendbrot bereiten. Der Zug fährt so langsam, daß wir einige Worte mit ihnen wechseln können. Dann geht's hübsch sachte in die dunkle Öffnung hinein. Die Lokomotive stöhnt und keucht aus Leibeskräften, der Tunnel füllt sich mit Rauch, und man schließt die Fenster. Es geht immer langsamer. Nun kann die Maschine es nicht mehr schaffen, da stehen wir!

Einer meiner Reisekameraden holt in der Finsternis eine kleine Lampe hervor, die die Stimmung erhöht. Der Rauch wird kompakter und dringt in das Kupee herein; wenn das noch lange dauert, ersticken wir alle. Ich öffne einen Augenblick das Fenster und sehe hinaus — nur Nacht und Rauch, aber durch den Rauch sieht man die Funken, die von der Lokomotive sprühen, die neue Kraft zu sammeln scheint. Unser Zug ist mit Munition beladen, und sollte sie gerade hier im Tunnel in die Luft fliegen, dann bekommen die Eisenbahntruppen in den nächsten Tagen viel zu tun!

Die Lokomotive prustet wieder und fängt an, sich zu bewegen. Vorn wird ein Licht sichtbar, vermutlich die Mündung des Tunnels. Nein, nur eine Laterne, deren Schein vom Rauch gedämpft wird. Eine Weile später wieder ein Licht, als ob es endlich tagen wollte; es ist aber nur der Feuerschein der Maschine. Hört denn dieser ewige Tunnel niemals auf? Mehr als eine halbe Stunde sind wir darin. Da wird es endlich heller, und wir atmen wieder frische Luft. Aber vom Tag ist nicht mehr viel übrig; die Dämmerung verwischt die Umrisse der Landschaft, und über der Erde schwebt der Halbmond gelb und spöttisch.

Gegen 8 Uhr ist der Mond weiß geworden und sitzt in den Baumwipfeln. Die Nacht ist hell und kalt. Wie leicht wäre es für Franktireurs, aus den Schlupfwinkeln des Waldes heraus ihre Kugeln in die schwach erleuchteten Fenster des Zugs zu senden. Aber kein Schuß erschallt, es ist lautlos still draußen, nichts erinnert an den Krieg, man ist wie im tiefsten Frieden.

Um Mitternacht verschlief ich den Rest unserer Fahrt. Um 3 Uhr morgens weckte mich einer meiner Nachbarn: wir waren in Sedan. Achtzehn Stunden waren wir unterwegs gewesen. Der Chef der Kommandantur, Major von Plato, war bereits um diese frühe Morgenstunde auf den Beinen, heiter und guter Dinge, hieß mich herzlich willkommen und stellte mir ein Zimmer im Bahnhof zur Verfügung. Bevor ich aber meine neue Wohnung in Besitz nahm, mußte ich mit dem Major und ein paar andern Offizieren, die ebenso munter und lebhaft waren wie er, Tee trinken. Das zeitige Frühstück lieferte die Kriegsverpflegungsanstalt, in der sechzehn freiwillige Helferinnen bis zu viertausend Verwundete an einem Tag beköstigt hatten. In einer Küche brodelten beständig gewaltige Kessel mit kräftiger Suppe. Neben der Station hatte man gleich nach der Besitznahme in zwei Tagen einen Holzschuppen gebaut, in dem die Truppen, Verwundete und Unverwundete durcheinander, ihre Mahlzeiten an langen Tischen einnehmen konnten. Auch jetzt waren viele Plätze besetzt, und draußen stand ein ganzer Trupp Landwehr zweiten Aufgebots und wartete auf den Morgenkaffee mit Brötchen. Jeder sollte auch seine Portion Brot und Fleisch auf die Fahrt an die Front mitnehmen. Alle waren heiter und guter Dinge, und niemand konnte vermuten, daß diese Männer binnen kurzem vor dem Feind stehen würden, um zu siegen oder zu sterben. Im Durchschnitt hatten täglich fünftausend Mann Sedan auf dem Wege zur Front passiert. Fleisch und Gemüse für ihren Unterhalt liefert das besetzte Land, der Bürgermeister muß es herbeischaffen — das ist so Kriegsgesetz, und man sieht daher leicht ein, wie vorteilhaft es für eine Armee ist, in Feindesland zu kämpfen. Das besetzte Land muß ja nicht nur seine eigene Armee, sondern auch die des Gegners ernähren. Solange es Getreide gab, wurde auch das eingefordert, aber Ende September mußte für den Brotbedarf der Soldaten Mehl aus Deutschland beschafft werden. In der Kaffeeküche brodelte ein Dutzend große Kessel, und eine alte Französin rumorte zwischen ihnen unterhaltungs- und lachlustig. —

Das Zimmer, das mir nun zugeteilt wurde, war ursprünglich für Major Plato und seinen Adjutanten bestimmt; sie sollten sich abwechselnd darin ausruhen. Aber bisher hatten sie es noch nicht benutzen können, da sie Tag und Nacht durcharbeiteten und zwischendurch oft in den Kleidern in der Bahnhofswirtschaft schliefen, die als Kommandanturbureau diente. Im Wartesaal III. Klasse war das Quartier der Stationswache. Die Leute lagen auf dem Boden und machten sich gerade für die Arbeit des neuen Tages bereit.

Unsere Runde führte uns auch in die Wartesäle und Magazine, die als Lazarett eingerichtet waren. In einem lagen nur schwerverwundete Franzosen, die von Schwestern des Roten Kreuzes und Ärzten gepflegt wurden. Ein anderer Saal war den Deutschen überlassen, die bald den Transport nach Osten ertragen konnten. Auch hier bekam ich einen lebhaften Eindruck davon, wie wichtig es ist, so schnell als möglich die Krankensäle, die zur Verfügung stehen, zu räumen. Eben war die Mitteilung eingegangen, daß ein Zug mit Verwundeten auf dem Weg nach Sedan sei, und daß fünfhundert Krankenwagen von der Front angefordert würden — was auf heftige Kämpfe und blutige Ereignisse schließen ließ. Als der gemeldete Zug ankam, entstand auf dem Bahnsteig Leben und Bewegung. Die Schwestern und ihre freiwilligen Träger eilten von Wagen zu Wagen mit Eimern und Kannen voll rauchenden Kaffees und großen, runden Körben voll Brot; Sanitätssoldaten standen mit ihren Bahren bereit, um die Schwerverwundeten zu den Autobussen und damit in das Städtische Lazarett zu schaffen. Alles geht wie geschmiert, es ist Lust und Leben in diesem Liebeswerk. Wieviel auch kommen, so reicht das Essen doch immer zu, die Bahren und Betten gehen nicht aus, und die hilfreichen Hände werden nie müde. Den verwundeten Franzosen wird dieselbe freundliche Behandlung zuteil wie den Deutschen, vielleicht eine noch freundlichere, denn fast alle haben ein Gefühl von Mitleid gegenüber denen, die in Feindeshand gefallen sind und außer ihren eigenen Wunden noch fühlen müssen, wie ihr Vaterland blutet. Die Station Sedan ist wie ein summender Bienenkorb. Hier kommen Züge mit frischen Truppen herein, und dort halten Transporte von Gefangenen und Verwundeten. Zwar liegt die Nacht kalt und sternenhell auf der Stadt, aber für die, die im Dienst der Krankenpflege auf der Station arbeiten, gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und es ist mir ein Rätsel, wie sie dieses Leben aushalten. Die Kraft, die sie aufrecht erhält und vor Müdigkeit bewahrt, ist die Liebe zum Vaterland, das seinen größten und schicksalsschwersten Kampf ausficht.

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