← Table of contents
Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band

ELFTER THEIL BUCH DER GÖTTERLACHE (continued 2)

Karl Eugen Neumann translation

»Es ist möglich, Priester, auch in dieser Lehre und Ordnung einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen Fortschritt, einen allmäligen Aufstieg nachzuweisen. {78} Gleichwie etwa, Priester, ein gewandter Rossebändiger, wann er ein schönes edles Ross erhalten hat, eben erst am Gebisse Uebungen ausführen lässt und es dann weiteren Uebungen zuführt, ebenso nun auch, Priester, weist der Vollendete, wann er einen Menschen zur Bändigung erhalten hat, erst also zurecht: ›Willkommen, du Mönch, sei tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibe lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpfe beharrlich weiter, Schritt um Schritt.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch tugendhaft ist, in reiner Zucht richtig gezügelt lauter im Handel und Wandel bleibt, vor geringstem Fehl auf der Hut beharrlich weiterkämpft, Schritt um Schritt, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, die Thore der Sinne lasse dich hüten: hast du mit dem Gesichte eine Form erblickt, so magst du keine Neigung fassen, keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gesicht, wache eifrig über das Gesicht. Hast du mit dem Gehöre einen Ton gehört — hast du mit dem Geruche einen Duft gerochen — hast du mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt — hast du mit dem Getaste eine Tastung getastet — hast du mit dem Gedenken ein Ding erkannt, so magst du keine Neigung fassen, keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gedenken, wache eifrig über das Gedenken.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch die Thore der Sinne behütet hält, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: {79} ›Willkommen, du Mönch, beim Essen wisse Maaß zu halten, gründlich besonnen wolle die Nahrung einnehmen, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können: ‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‘[28] Sobald nun, Priester, der Mönch beim Essen Maaß zu halten weiß, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, der Wachsamkeit weihe dich: bei Tage sollst du gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den ersten Stunden der Nacht gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht magst du auf die rechte Seite wie der Löwe dich hinlegen, einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des Aufstehns gedenkend; sollst in den letzten Stunden der Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich der Wachsamkeit geweiht hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, mit klarem Bewusstsein wolle dich wappnen: klar bewusst beim Kommen und Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des Gewandes und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim Entleeren von Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich mit klarem Bewusstsein gewappnet hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: {80} ›Willkommen, du Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene.‹ Und er sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz. Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erreicht er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. — Die da nun, Priester, kämpfende Mönche sind, {81} mit streitendem Busen die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachten, denen gilt bei mir diese also gegebene Weisung; die aber da als Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu genießen, bei klarem Bewusstsein.«

Nach dieser Rede wandte sich Rechner Moggallāno der Priester also an den Erhabenen:

»Können nun aber des Herrn Gotamo Jünger, von Herrn Gotamo also belehrt, also gewiesen, eben alle die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, oder können es einige nicht?«

»Einige freilich, Priester, meiner Jünger, von mir also belehrt, also gewiesen, können die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, andere können es nicht.«

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass, wo es doch eine Wahnerlöschung giebt, wo ein Weg dahin führt, wo Herr Gotamo als Lenker da ist, dann einige freilich der Jünger des Herrn Gotamo, von Herrn Gotamo also belehrt, also gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen können, und andere es nicht können?«

»Da will ich dir nun, Priester, eben hierüber eine Frage stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Priester: kennst du den Weg, der nach Rājagaham führt?«

»Gewiss, Herr, ich kenne den Weg, der nach Rājagaham führt.«

»Was meinst du wohl, Priester: es käme da ein Mann herbei, {82} der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er schlüge, von dir also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg ein und schritte umgekehrt weiter. Aber ein anderer Mann käme herbei, der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er langte, von dir also belehrt, also gewiesen, unversehrt in Rājagaham an. Was ist nun, Priester, der Anlass, was ist der Grund, dass, wo es doch ein Rājagaham giebt, wo ein Weg dahin führt, wo du als Lenker da bist, gleichwohl der eine Mann, von dir also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg einschlagen und umgekehrt weiterschreiten mochte, und der andere unversehrt {83} nach Rājagaham gelangen?«

»Das kann ich, o Gotamo, hierbei thun: Wegweiser bin ich, o Gotamo!«

»Ebenso nun auch, Priester, giebt es zwar eine Wahnerlöschung, führt ein Weg dahin, bin ich als Lenker da, und doch können einige freilich meiner Jünger, von mir also belehrt, also gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, und können andere es nicht. Das kann ich, Priester, hierbei thun: Wegweiser ist, Priester, der Vollendete.«

Auf diese Worte sagte nun Rechner Moggallāno der Priester zum Erhabenen:

»Es giebt da, o Gotamo, Leute, die unwillig, aus Nothdurft, nicht aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, Häuchler, Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene Windbeutel[29], geschäftige Schwätzer und Plauderer, schlechte Hüter der Sinnesthore, ohne Rückhalt beim Mahle, der Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig gegen das Asketenthum, lässig in der Ordenspflicht, anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchend, Einsamkeit als lästige Last fliehend, matte, schwache Herzen, verworrene, unklare Köpfe, unbeständige, zerstreute Geister, Beschränkte und Stumpfe: mit diesen hat Herr Gotamo keine Gemeinschaft. Es giebt aber auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine Gleißner, keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel, keine geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter der Sinnesthore,[30] mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben, dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht, anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend, Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen, einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise und Witzige: {84} mit diesen hat Herr Gotamo Gemeinschaft. — Gleichwie etwa, o Gotamo, unter den Wurzeldüften der schwarze Rosenlauch in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Kernholzdüften der rothe Sandel in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Blumendüften der weiße Jasmin in seiner Art als vorzüglichster gilt, ebenso nun auch ist des Herrn Gotamo Belehrung die beste in heutiger Zeit. — Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn[31]: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar vielfach beleuchtet. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[32]

108.

Elfter Theil

Achte Rede

MEIER MOGGALLĀNO

{85} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Ānando bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen, nicht lange nachdem der Erhabene erloschen war.

Um diese Zeit nun ließ der König von Magadhā, Ajātasattu, der Sohn der Videherin, Rājagaham befestigen, aus Besorgniss vor König Pajjoto.

Und der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, machte sich auf den Almosengang nach Rājagaham. Und es gedachte der ehrwürdige Ānando: ›Allzu früh ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich nun die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters aufsuchte, mich zu Meier Moggallāno dem Priester hinbegäbe?‹ Und der ehrwürdige Ānando suchte die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters auf, begab sich zu Meier Moggallāno dem Priester hin. Da sah Meier Moggallāno der Priester den ehrwürdigen Ānando von ferne herankommen, und als er den ehrwürdigen Ānando gesehn sprach er also zu ihm:

»Es komme Herr Ānando, gegrüßt sei Herr Ānando! Lange schon hat Herr Ānando hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge sich Herr Ānando setzen: dieser Sitz ist bereit.«

Es setzte sich der ehrwürdige Ānando auf den angebotenen Sitz. Meier Moggallāno aber, der Priester, nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite. Zur Seite sitzend wandte sich nun Meier Moggallāno der Priester an den ehrwürdigen Ānando also:

»Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch {86} ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?«

»Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen.«

Kaum jedoch hatte diese Unterredung des ehrwürdigen Ānando mit Meier Moggallāno dem Priester begonnen, da kam Vassakāro der Priester, ein Māgadher Marschall, der zu Rājagaham Rüstungen ausgerichtet, zu Meier Moggallāno des Priesters Wirthschaft heran, dorthin wo der ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Ānando und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend wandte sich nun Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, an den ehrwürdigen Ānando also:

»Zu welchem Gespräche, Herr Ānando, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«

»Da hat mich, Priester, Meier Moggallāno der Priester gefragt: ›Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?‹ Auf diese Frage, Priester, hab’ ich Meier Moggallāno dem Priester geantwortet: {87} ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen.‹ Das war, Priester, das Gespräch zwischen mir und Meier Moggallāno dem Priester, das wir unterbrachen als du ankamst.«

»Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«

»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«

»Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«

»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«

»So aber ohne Zuflucht, Herr Ānando, wie kann da einträchtige Lehre bestehn?«[33]

»Nicht sind wir, Priester, ohne Zuflucht, wir haben sie, Priester, {88} die Zuflucht, die Lehre ist unsere Zuflucht.«

»Einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der wohl ausgelegt werden?«[34]

»Es ist, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, den Mönchen ein Regelmaaß angegeben, die reine Zucht dargestellt worden. Nun kommen wir alle halben Monat, soviel unser, bis auf drei herab, im Umkreise je eines Dorfes wohnen, ebenda zusammen; und sind wir zusammengekommen, so fordern wir den, an dem die Reihe ist, auf. Der hält den Vortrag: und hat ein Mönch gefehlt, hat er sich vergangen, so wird er von uns der Lehre gemäß, der Weisung gemäß behandelt. Nicht aber, heißt es, behandeln uns die Brüder: {89} die Lehre behandelt uns.«

»Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid?«

»Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind.«

»Auf meine Frage ‚Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid‘, hast du geantwortet {90} ‚Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind‘: einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der nun ausgelegt werden?«

»Es sind, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, zehn huldreiche Eigenschaften angegeben worden; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan: was für zehn Eigenschaften? Da ist, Priester, ein Mönch tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Viel hat er gehört, ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre[35]; und was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat es von Grund aus verstanden. Zufrieden ist er mit Mantel und Schaale, Obdach und Arzenei für den Fall einer Krankheit. Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite. Er mag auf manigfaltige Weise Machtentfaltung an sich erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein, und so weiter, sogar bis zu {91} den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt zu haben. Mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er beide Arten der Töne hören, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.[36] Der anderen Wesen, der anderen Personen Herz kann er im Herzen schauen und erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.[37] An manche verschiedene frühere Daseinsform erinnert er sich: als wie an ein Leben, {92} dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen; ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sieht er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‹: so sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.[38] Er hat den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. — Das sind, Priester, zehn huldreiche Eigenschaften, die Er, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte angegeben hat; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan.«

Nach dieser Rede wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, an Upanando den Feldherrn und sagte:

{93} »Was meinst du wohl, Feldherr: ob da nun diese Würdigen den werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist?«

»Will’s meinen, dass diese Würdigen den werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist: denn so diese Würdigen einen solchen nicht werthhielten, hochschätzten, achteten und ehrten, wen doch sollten sie dann werthhalten, hochschätzen, achten und ehren und ihm also zugethan sein?«

Und nun wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, also an den ehrwürdigen Ānando:

»Wo hat wohl Herr Ānando gegenwärtig seinen Aufenthalt?«

»Im Bambusparke, Priester, hab’ ich gegenwärtig meinen Aufenthalt.«

»Und kann einem auch, Herr Ānando, der Bambuspark schon gefallen, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag?«

»Will’s meinen, Priester, dass einem der Bambuspark schon gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das eueren Feldhütern und Hirten eignet.«

»Will’s meinen, Herr Ānando, dass einem der Bambuspark schon gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das euch Schauung liebenden und Schauung übenden eignet: denn Schauung ja liebt ihr und Schauung übt ihr. — Eines Tages, Herr Ānando, weilte Er, der Herr Gotamo, dort bei Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Und ich begab mich, Herr Ānando, nach dem Großen Walde, zur Halle der Einsiedelei, dorthin wo ich den Herrn Gotamo antraf. Da führte nun Er, der Herr Gotamo, auf mancherlei Weise Gespräche über die Schauung: {94} denn Schauung ja liebte Er, der Herr Gotamo, und Schauung übte Er, und eben alle Schauung pflegte Er, der Herr Gotamo, zu preisen.«

»Nicht hat, Priester, Er, der Erhabene, alle Schauung gepriesen, und nicht hat Er, der Erhabene, alle Schauung verwiesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, nicht gepriesen? Da hat einer, Priester, sein Gemüth von Wunschbegier umspinnen, von Wunschbegier umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Wunschbegier entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Wunschbegier zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von Gehässigkeit umspinnen, von Gehässigkeit umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Gehässigkeit zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von matter Müde umspinnen, von matter Müde umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen matten Müde entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die matte Müde zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von stolzem Unmuth umspinnen, von stolzem Unmuth umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen stolzen Unmuth entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den stolzen Unmuth zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von sorgendem Zweifel umspinnen, von sorgendem Zweifel umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen sorgenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den sorgenden Zweifel zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Solche Schauung hat, Priester, {95} Er, der Erhabene, nicht gepriesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen? Da weilt, Priester, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe weilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen.«

»Verweisliche Schauung hat also, Herr Ānando, Er, der Herr Gotamo, verwiesen, preisliche gepriesen. — Wohlan denn, Herr Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen[39]: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, Priester, belieben mag.«

Und Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, durch des ehrwürdigen Ānando Rede erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf und entfernte sich. Da wandte sich denn Meier Moggallāno der Priester, bald nachdem Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, gegangen, also an den ehrwürdigen Ānando:

»Was wir aber Herrn Ānando gefragt hatten, das hat uns Herr Ānando nicht zu Ende erklärt.«

»Haben wir denn, Priester, dir nicht gesagt: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: {96} auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen‹.«[40]

109.

Elfter Theil

Neunte Rede

VOLLMOND – I –

{97} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.

Um diese Zeit nun hatte der Erhabene — es war ein Feiertag, im halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht — inmitten der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen.

Da stand nun einer der Mönche auf, schlug den Mantel um die eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig vor dem Erhabenen und sprach also:

»Darf ich, o Herr, den Erhabenen über irgend etwas befragen, wenn mir der Erhabene der Frage Beantwortung gewähren will?«

»Wohlan denn, o Mönch, setze dich auf deinen Platz und frage nach Belieben.«

Und jener Mönch setzte sich auf seinen Platz und sprach also zum Erhabenen:

»Sind das, o Herr, die fünf Stücke des Anhangens, als da ist ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am Bewusstsein?«

»Das sind, Mönch, die fünf Stücke des Anhangens.«

»Gut, o Herr!« sagte da jener Mönch, erfreut und befriedigt durch des Erhabenen Rede, und stellte nun eine fernere Frage:

»Und diese fünf Stücke des Anhangens, o Herr, wo wurzeln die?«

»Diese fünf Stücke des Anhangens, Mönch, wurzeln im Willen.«

{98} »Ist nun, o Herr, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer den fünf Stücken des Anhangens?«

»Nicht ist, Mönch, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer den fünf Stücken des Anhangens: was da, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei Anhangen.«

»Und kann, o Herr, bei den fünf Stücken des Anhangens eine Verschiedenheit des Willensreizes bestehn?«

»Kann sein, Mönch«, sagte der Erhabene. »Da hat einer, Mönch, den Wunsch: ›So sei meine künftige Form, so sei mein künftiges Gefühl, so sei meine künftige Wahrnehmung, so sei meine künftige Unterscheidung, so sei mein künftiges Bewusstsein.‹ So kann, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens eine Verschiedenheit des Willensreizes bestehn.«

»Inwiefern aber, o Herr, kommt den Stücken die Bezeichnung Stücke zu?«

»Was es auch, Mönch, an Form giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Form; was es auch an Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist ein Stück Gefühl; was es auch an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Wahrnehmung; was es auch an Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Unterscheidung; was es auch an Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist ein Stück Bewusstsein. Insofern, Mönch, kommt den Stücken die Bezeichnung Stücke zu.«

»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Form erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, {99} was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann?«

»Die vier Hauptstoffe, Mönch, sind der Anlass, die vier Hauptstoffe sind der Grund, dass ein Stück Form erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, Bild und Begriff ist, Mönch, der Anlass, Bild und Begriff ist der Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann.«

»Wie aber kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen?«

»Da hat einer, Mönch, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und betrachtet die Form als sich selbst, oder sich selbst als formähnlich, oder in sich selbst die Form, oder in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich selbst, oder sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich selbst diese, oder in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen.«

»Und wie kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen?«

»Da hat einer, Mönch, als erfahrener heiliger Jünger das Heilige gemerkt, {100} ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst als formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst, noch sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese, noch in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen.«

»Was ist nun, o Herr, bei der Form Labsal, was Elend, und was Ueberwindung? Was ist beim Gefühl, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim Bewusstsein Labsal, was Elend, und was Ueberwindung?«

»Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes der Form gemäß geht, ist bei der Form Labsal; was als Form vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist bei der Form Elend; was bei der Form Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist bei der Form Ueberwindung. Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes dem Gefühle, {101} der Wahrnehmung, den Unterscheidungen, dem Bewusstsein gemäß geht, ist dabei Labsal; was als Gefühl, als Wahrnehmung, als Unterscheidung, als Bewusstsein vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist dabei Elend; was beim Gefühle, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim Bewusstsein Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist dabei Ueberwindung.«

»Wie aber können, o Herr, einen Wissenden, wie einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit Dünkelanwandlungen nicht ankommen?«

»Was es auch, Mönch, für eine Form sei, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch für ein Gefühl, was es auch für eine Wahrnehmung, was es auch für eine Unterscheidung, was es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles Gefühl, alle Wahrnehmung, {102} alle Unterscheidung, alles Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ So können, Mönch, einen Wissenden, so einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit Dünkelanwandlungen nicht ankommen.«

Da stieg nun einem der Mönche folgender Gedanke im Geiste auf: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹ Und der Erhabene, den Gedanken jenes Mönches im Geiste geistig gewahrend, wandte sich an die Mönche:

»Es mag wohl sein, ihr Mönche, dass da irgend ein eitler Mensch aus Unwissen, in Unwissenheit gerathen, vom Durst im Geiste überwältigt, die Weisung des Meisters überbieten zu müssen vermeine: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹, fragt er. Unterwiesen seid ihr, Mönche, von mir bei solchen und ähnlichen Fragen. Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Form unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Gefühl, die Wahrnehmung, {103} die Unterscheidung, das Bewusstsein unvergänglich oder vergänglich?«

»Vergänglich, o Herr!«

»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«

»Weh’, o Herr!«

»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Darum also, ihr Mönche: was es auch für eine Form sei, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch für ein Gefühl, was es auch für eine Wahrnehmung, was es auch für eine Unterscheidung, was es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles Gefühl, alle Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ In solchem Anblick, ihr Mönche, wird der erfahrene heilige Jünger der Form überdrüssig und wird des Gefühles überdrüssig und wird der Wahrnehmung überdrüssig und wird der Unterscheidungen überdrüssig und wird des Bewusstseins überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab. Abgewandt löst er sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

Während aber diese Darlegung stattgefunden, hatte sich bei etwa sechzig Mönchen das Herz ohne Hangen vom Wahne abgelöst.[41]

110.

Elfter Theil

Zehnte Rede

VOLLMOND – II –

{104} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.

Um diese Zeit nun hatte der Erhabene — es war ein Feiertag, im halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht — inmitten der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen. Und der Erhabene blickte über die lautlose, stille Schaar der Mönche hin und wandte sich also an sie:

»Kann wohl, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen schlechten Menschen erkennen: ›Das ist ein schlechter Mensch‹?«

»Wohl nicht, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Unmöglich ist es, ihr Mönche, es kann nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen schlechten Menschen erkenne: ›Das ist ein schlechter Mensch.‹ Kann aber, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einen guten Menschen erkennen: ›Das ist ein guter Mensch‹?«

»Wohl nicht, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Auch das ist, ihr Mönche, unmöglich, es kann nicht sein, dass ein schlechter Mensch einen guten Menschen erkenne: ›Das ist ein guter Mensch.‹ Ein schlechter Mensch, ihr Mönche, folgt einer schlechten Weise nach, hat zu schlechten Menschen Neigung, denkt mit schlechten Menschen, beräth sich mit schlechten Menschen, bespricht sich mit schlechten Menschen, verkehrt mit schlechten Menschen, liebt die Ansichten schlechter Menschen, giebt die Gabe schlechter Menschen.

»Wie aber folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einer schlechten Weise nach? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch kein Zutrauen, er ist schaamlos und unbescheiden, er weiß wenig, es kümmert ihn wenig, trübe sieht er, und er versteht nichts. Also folgt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch einer schlechten Weise nach.

»{105} Wie aber hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu schlechten Menschen Neigung? Da hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch jene Asketen und Priester, die da ohne Zutrauen, schaamlos und unbescheiden sind, die wenig wissen, die wenig kümmert, die trübe sehn und nichts verstehn, die hat er zu Freunden, hat sie zu Genossen. Also hat, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu schlechten Menschen Neigung.

»Wie aber denkt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen? Da denkt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu eigener Beschwer, und er denkt zu fremder Beschwer, und er denkt zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, denkt ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber beräth sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen? Da beräth sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu eigener Beschwer, und er beräth sich zu fremder Beschwer, und er beräth sich zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, beräth sich ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber bespricht sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen? Da spricht, ihr Mönche, ein schlechter Mensch Lügen, er verleumdet, führt barsche Rede, treibt geschwätzige Rede. Also, ihr Mönche, bespricht sich ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber verkehrt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen? Da bringt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch Lebendiges um, er nimmt Nichtgegebenes, er begeht Ausschweifung. Also, ihr Mönche, verkehrt ein schlechter Mensch mit schlechten Menschen.

»Wie aber liebt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch die Ansichten schlechter Menschen? Da bekennt sich, ihr Mönche, ein schlechter Mensch zu dieser Ansicht: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden — es ist alles eitel; {106} es giebt keine Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Mönche, liebt ein schlechter Mensch die Ansichten schlechter Menschen.

»Wie aber giebt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch die Gabe schlechter Menschen? Da theilt, ihr Mönche, ein schlechter Mensch Gaben aus ohne zu würdigen, nicht eigenhändig, unbedacht, wirft sie weg, er glaubt an kein hülfreiches Wirken. Also, ihr Mönche, giebt ein schlechter Mensch die Gabe schlechter Menschen.

»So ein schlechter Mensch nun, ihr Mönche, der also einer schlechten Weise nachgefolgt, also schlechten Menschen zugeneigt war, also mit schlechten Menschen gedacht, also mit schlechten Menschen sich berathen, also mit schlechten Menschen sich besprochen, also mit schlechten Menschen verkehrt, also die Ansichten schlechter Menschen geliebt, also die Gabe schlechter Menschen gegeben hatte, wird bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, zur Fährte schlechter Menschen hingerathen. Was ist aber, ihr Mönche, die Fährte schlechter Menschen? Hölle oder Thierheit.

»Kann wohl, ihr Mönche, ein guter Mensch einen guten Menschen erkennen: ›Das ist ein guter Mensch‹?«

»Freilich, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Es mag schon sein, ihr Mönche, dass ein guter Mensch einen guten Menschen erkenne: ›Das ist ein guter Mensch.‹ Kann aber, ihr Mönche, {107} ein guter Mensch einen schlechten Menschen erkennen: ›Das ist ein schlechter Mensch‹?«

»Freilich, o Herr!«

»Recht so, ihr Mönche. Auch das, ihr Mönche, mag schon sein, dass ein guter Mensch einen schlechten Menschen erkenne: ›Das ist ein schlechter Mensch.‹ Ein guter Mensch, ihr Mönche, folgt einer guten Weise nach, hat zu guten Menschen Neigung, denkt mit guten Menschen, beräth sich mit guten Menschen, bespricht sich mit guten Menschen, verkehrt mit guten Menschen, liebt die Ansichten guter Menschen, giebt die Gabe guter Menschen.

»Wie aber folgt, ihr Mönche, ein guter Mensch einer guten Weise nach? Da hat, ihr Mönche, ein guter Mensch Zutrauen, er ist schaamhaft, bescheiden, er weiß viel, tapfer harrt er aus, klar bewusst, witzig erfahren. Also folgt, ihr Mönche, ein guter Mensch einer guten Weise nach.

»Wie aber hat, ihr Mönche, ein guter Mensch zu guten Menschen Neigung? Da hat, ihr Mönche, ein guter Mensch jene Asketen und Priester, die da Zutrauen hegen, schaamhaft, bescheiden sind, die viel wissen, tapfer ausharren, klar bewusst, witzig erfahren, die hat er zu Freunden, hat sie zu Genossen. Also hat, ihr Mönche, ein guter Mensch zu guten Menschen Neigung.

»Wie aber denkt, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten Menschen? Da denkt, ihr Mönche, ein guter Mensch weder zu eigener Beschwer, noch denkt er zu fremder Beschwer, noch denkt er zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, denkt ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber beräth sich, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten Menschen? Da beräth sich, ihr Mönche, ein guter Mensch weder zu eigener Beschwer, noch beräth er sich zu fremder Beschwer, noch beräth er sich zu beider Beschwer. Also, ihr Mönche, beräth sich ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber bespricht sich, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten Menschen? {108} Da hält sich, ihr Mönche, ein guter Mensch vom Lügen zurück, vom Verleumden zurück, er führt keine barsche Rede, treibt keine geschwätzige Rede. Also, ihr Mönche, bespricht sich ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber verkehrt, ihr Mönche, ein guter Mensch mit guten Menschen? Da hält sich, ihr Mönche, ein guter Mensch von Todtschlag zurück, von Diebstahl zurück, von Ausschweifung zurück. Also, ihr Mönche, verkehrt ein guter Mensch mit guten Menschen.

»Wie aber liebt, ihr Mönche, ein guter Mensch die Ansichten guter Menschen? Da bekennt sich, ihr Mönche, ein guter Mensch zu dieser Ansicht: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es[42]; die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Mönche, liebt ein guter Mensch die Ansichten guter Menschen.

»Wie aber giebt, ihr Mönche, ein guter Mensch die Gabe guter Menschen? Da theilt, ihr Mönche, ein guter Mensch Gaben aus indem er würdigt, mit eigener Hand, mit Bedacht, in lauterer Absicht, er glaubt an hülfreiches Wirken. Also, ihr Mönche, giebt ein guter Mensch die Gabe guter Menschen.

»So ein guter Mensch nun, ihr Mönche, der also einer guten Weise nachgefolgt, also guten Menschen zugeneigt war, also mit guten Menschen gedacht, also mit guten Menschen sich berathen, also mit guten Menschen sich besprochen, also mit guten Menschen verkehrt, also die Ansichten guter Menschen geliebt, also die Gabe guter Menschen gegeben hatte, {109} wird bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, zur Fährte guter Menschen hingerathen. Was ist aber, ihr Mönche, die Fährte guter Menschen? Göttermacht oder Menschenmacht.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.[43]

Notes in this chapter

Note 1 · »Willst du beschieden sein rechter Nothdurft?« — »Ja.« — »Das ist Brunnen und Brot und ein Rock: das ist rechte leibliche Nothdurft.« ECKHARNote 2 · ανθρωποι κενεης οιησιος εμπλεοι ασκοι: TIMONIS PHLIASII Sillus 14.Note 3 · Die Pforten der Sinne verschlossen haben, sagt ECKHART, p. 624; auch hat er nach den fünf Sinnen das Denken als sechsten Sinn richtig erkannNote 4 · Cf. Lieder der Mönche Seite 306 Anm. 1. — S̀ukasaptati 52: Prajñāvisphāritākṣāṇāṃ vidravanti vipattayaḥ hastodyatapradīpānām andhakāra ivNote 5 · Ein ganz erstaunliches, bis in die feineren Einzelheiten deutlich erkennbares Spiegelbild dieser Rede stellt PLATONS Menon dar; sogar findetNote 6 · Lies mit dem Texte dhammasāmaggiyā.Note 7 · Im Text ist hier eine Wiederholung von Frage und Antwort interpoliert.Note 8 · Ebenso ECKHART ‚hören und behalten‘; fünfmal auf einer Seite, 290.Note 9 · Ein Gleiches berichtet der Doctor seraphicus vom Professor paupertatis, Vita, cap. V. vorletzter Absatz.Note 10 · Και γαρ και τουτο μν μεγα της ασκησεως του Αντωνιου, ὡτι χαρισμα διακρισεως πνευματων εχων, επεγινωσκεν αυτων τα κινηματα· και προς ὁ τις αυNote 11 · Vergl. MAKARIOS, Homil. XXXIII fin. & XIV § 6 i. f.: ουτε ... ὁραται τοις σαρκικοις οφθαλμοις, τοις δε πνευματικοις φαινεται, τῳ οφθαλμῳ τηςNote 12 · Νυν δ’ εμοι μεν ὡρα ποι ιεναι: von PLATON, ebenso gern wie bei uns, am Ende gewisser Dialoge idiomatisch gebraucht, bei Menon, Theaitetos, PNote 13 · Der Topus vom himmlischen Gehör, S. 88, ist auf Chāndogyopaniṣat V, 1, 4 gegründet: Yo ha vai sampadaṃ veda, saṃ hāsmai kāmāḥ padyante daivāNote 14 · Das Axiom eso ’ham asmi ›Das bin ich‹ kann auf Bṛhadāraṇyakopaniṣat I, 4, 1 so ’ham asmi etc. Bezug haben; n’etam mama ›Das gehört mir nichtNote 15 · Cf. Manus II, 147 f; opapātiko: utpādayati yasmiṃ saḥ. Vergl. bes. noch Vasiṣṭhas II, 5.Note 16 · Zum ādiśrautam von der Saat und Ernte cf. die Rede nebst Anm. 176. Bekanntlich in die synoptischen Evangelien aufgenommen; bei uns am schöns
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings