XXXIV.
Reading edition
Die Strategie vom grünen Tische aus, durch die dem militärischen Oberkommandierenden die Hände gebunden waren, sollte sich, wie schon in so manchen früheren Feldzügen, auch diesmal für die Engländer als ein verhängnisvoller Fehler erweisen.
Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral, die ihm von London aus erteilte Ordre de bataille — dieselbe, die auch den Deutschen in die Hände gefallen war — empfangen. Mehr als einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren Verhältnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in Händen, wie wenig die von dem Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer überlegenen Klugheit durchdrungenen Würdenträger geneigt waren, sich belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militärischem Gehorsam zu fügen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen Fehlers im voraus hätte übersehen können, würde er als Patriot wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als daß er sich zum ausführenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtümer hergegeben hätte, die dem ihm übermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um die endgiltige Entscheidung dieses für Großbritannien so unglücklich verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefürchtete Beherrscherin der Meere, kämpfte heute um Ehre und Existenz. Eine große verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von dem sich der todwunde britische Löwe nie wieder erholen konnte.
Zu derselben Stunde, in der der ‚König Wilhelm‘ an der Spitze der deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, führte der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der ‚Wittelsbach‘ gehißt hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden trennt, und ging dort zu Anker.
Sein Geschwader bestand aus den der ‚Wittelsbach‘-Klasse angehörigen Linienschiffen ‚Mecklenburg‘, ‚Schwaben‘, ‚Zähringen‘, ‚Wettin‘ und ‚Wittelsbach‘, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den Linienschiffen der Kaiserklasse: ‚Kaiser Wilhelm der Große‘, ‚Barbarossa‘, ‚Karl der Große‘, ‚Wilhelm II.‘ und ‚Friedrich III.‘
Diesen Panzerschiffen gesellten sich die großen Kreuzer ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘, ‚Prinz Heinrich‘, ‚Fürst Bismarck‘, ‚Viktoria Luise‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ zu, sowie die kleinen Kreuzer ‚Berlin‘, ‚Hamburg‘, ‚Bremen‘, ‚Undine‘, ‚Arcona‘, ‚Frauenlob‘, ‚Medusa‘.
Die dem Prinzen zur Verfügung stehende Torpedobootflottille bestand aus den Torpedobooten ‚S 102 bis 107‘, ‚G 108 bis 113‘, ‚S 114 bis 125‘ mit den in der Größe von Torpedobootzerstörern gebauten Divisionsbooten ‚D 10‘, ‚D 9‘, ‚D 7‘ und ‚D 8‘.
Als Aufklärungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer: ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ mit den Torpedobooten ‚S 114 bis 120‘ in See geschickt worden, um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten Befehl erhalten, sich dreißig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf je fünf Seemeilen Abstand zu legen, während die Torpedoboote auf Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie gemeldet, sollten sich diese Aufklärungsschiffe außer Schußweite vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurückziehen und dabei ein solches Kesselfeuer unterhalten, daß möglichst viel und dicker Rauch entwickelt wurde, um den Feind über die Anzahl und die Größe der sich zurückziehenden Schiffe zu täuschen. Nachdem sie den Engländern außer Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und wenn die Verhältnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen Plätze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umständen gemäß zu handeln.
Der Zweck dieses auf die Irreführung des Feindes berechneten Manövers wurde denn auch vollkommen erreicht.
Ein Funkentelegramm meldete dem Prinz-Admiral das Insichtkommen der Engländer, und ein von dem Aufklärungsgeschwader abgeschwenktes Torpedoboot brachte genauere Mitteilungen über Zahl und Formation der feindlichen Schiffe, Mitteilungen, die den in der Ordre de bataille gegebenen Anweisungen durchaus entsprachen und demnach als ein neuer Beweis gelten konnten, daß es bei diesem Schlachtplan bleiben sollte.
Nun war eine sichere Grundlage für die taktischen Operationen der deutschen Flotte gegeben. Es konnte bei dem, was tags zuvor im Kriegsrate beschlossen worden war, sein Bewenden behalten und den Kommandanten der einzelnen Schiffe brauchten daher neue Instruktionen nicht gegeben zu werden.
Die in diesem Kriegsrat festgesetzte Ordre de bataille lautete in ihren Hauptzügen:
‚Das Geschwader liegt bei Zuid-Beveland vor Anker, kurzstag gehievt, Feuer aufgebänkt, so daß in fünfzehn Minuten Dampf auf sein kann.
Die Linienschiffe ankern in Doppelkiellinie ihren taktischen Nummern nach, Flaggschiff in der Peilung Insel Nordland N.N.O. Beeren Kirche S.S.W. mißweisend.
Die Kreuzer zwischen Nord-Beveland und Zuid-Beveland.
Die Torpedoboote mit ihren Divisionsbooten dahinter.
Auf Signal ‚Anker lichten‘ gehen die Schiffe ihren taktischen Nummern nach Anker auf; die Schlachtschiffe durch das Roompot; die Kreuzer gehen wieder durch den Kanal in die Wester-Schelde und legen sich in Höhe von Vlissingen in Dwarslinie.
Die beiden andern Torpedobootsdivisionen gehen mit dem Geschwader.‘
Genau nach diesen Dispositionen entwickelte sich nun der Gang der Ereignisse.
Auf die Meldung von der Annäherung feindlicher Schiffe kamen vom Flaggschiff des Prinz-Admirals die Signale:
‚Anker lichten! Toppsflaggen hissen! Klar Schiff zum Gefecht! Dem Kielwasser des Admirals folgen! Kreuzerdivision und Torpedoboote Befehle ausführen!‘
Sich dicht unter der Küste von Walcheren haltend, fuhr das deutsche Geschwader mit Volldampf dem Feind entgegen.
Inzwischen hatten die herangekommenen Engländer, nachdem sie ihre Lazarett-, Munitions- und Kohlenschiffe unter dem Schutz der Kreuzer in See gelassen und die befohlene Formation eingenommen hatten, auf sechstausend Meter das Feuer auf Vlissingen und das Fort Frederik Hendrik eröffnet.
So strikte hielt sich der englische kommandierende Admiral an die ihm erteilten Anweisungen, daß er es in schwer begreiflicher Sorglosigkeit unterließ, die Ooster-Schelde durch das zweite Geschwader oder wenigstens durch Aufklärungsschiffe untersuchen zu lassen. Das Einlaufen der aus See zurückgesandten deutschen Schiffe, deren gewaltiger Qualm eine Schätzung ihrer Stärke fast unmöglich gemacht hatte, in die Wester-Schelde war Sir Domvile offenbar als eine hinlängliche Bestätigung für die Annahme erschienen, daß die gesamte deutsche Flotte in diesem Mündungsarm liege.
Dadurch wurde es dem Geschwader des Prinz-Admirals möglich, sich dem Feinde soweit unbemerkt zu nähern, daß es die britische Flotte in der Flanke fassen konnte, als diese die westliche Spitze von Walcheren erreicht hatte.
Auf Signal: ‚Dwarslinie formieren! — Alle Kraft! — Ran an den Feind!‘ dampften die deutschen Schiffe den überraschten Engländern entgegen und eröffneten aus ihren Buggeschützen das Feuer.
Natürlich ließ der englische Admiral sofort das erste Geschwader sich hinter das zweite setzen, machte mit beiden linksum und ging in Doppelkiellinie auf den Gegner zu.
Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete Moment für das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer. Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm entwickelten, um den Feind über ihre Anzahl zu täuschen, näherten sie sich in schneller Fahrt und nötigten den durch den Doppelangriff völlig überrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten hin zu verteilen.
Ein tollkühnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter den obwaltenden Verhältnissen noch immer. Die Engländer schossen gut, und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schuß, und jeder dieser Treffer beschädigte eines der englischen Schiffe so schwer, daß es manövrierunfähig wurde.
Besonders nachteilig für die Engländer war es, daß auch ihre Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene veränderte Formation der Linienschiffe die nötige Deckung verloren hatten. Die deutschen Torpedobootzerstörer versäumten nicht, diese günstige Situation auszunützen und fingen an, sie zu jagen. Ohne daß die Verfolger bei diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas besonders Spannendes und Aufregendes für die Beteiligten hatte, nennenswerte Havarie erlitten hätten, gelang es ihnen, vier englische Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen für das Gefecht vorläufig nicht mehr in Betracht.
Auf die Frontveränderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral rechtsum machen lassen, so daß er mit allen Geschützen einer Seite in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral ließ nun eindoublieren, aber das Manöver wurde für ihn die Ursache eines verhängnisvollen Mißgeschicks. Sei es, daß die Störung der taktischen Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder daß die 1. und 2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manövrieren, jedenfalls gehorchte der Panzer ‚Formidable‘ dem gegebenen Befehl so schwerfällig und ungeschickt, daß er von der ihm zunächst befindlichen ‚Renown‘ mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.
Aber auch die ‚Renown‘, deren Sporn das furchtbare Unglück angerichtet, war bei dem Zusammenstoß, der das mächtige schwimmende Kastell in allen Fugen erschüttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen. Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbuße erlitten.
Daß diese erste große Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manöver eines befreundeten Schiffes herbeigeführt worden war, mochte in manchem der vom Untergang des prächtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele erschütterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem guten Teile wieder aufgewogen würden durch die mit der zunehmenden Größe und Gefechtsstärke dieser riesigen Panzer verbundenen Mängel. Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot früherer Zeiten hätte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie verschwinden können, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerüstete ‚Formidable‘. Wohl hätten ihre Panzerhaut und ihre stählernen Türme einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten können, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Böden noch die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu großen Wassermenge vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das jeden modernen Panzer bei einer größeren Beschädigung unter der Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein Sieb durchlöchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilität eines modernen Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch ein Torpedogeschoß oder die Ramme, derart überschritten werden, daß die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. —
Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000 Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschütze ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzügliche Schießausbildung der deutschen Geschützführer, hinter der die der Engländer zweifellos weit zurückstand. Allerdings erlitten auch die deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien bis jetzt nicht vorgekommen.
Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders günstige Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend, hatten diese die kaum noch bewegungsfähigen Fahrzeuge so lange beschossen, bis sie die Flagge streichen mußten. Aber ehe sie sich dazu entschlossen, leisteten die Engländer heldenmütigen Widerstand, und auch ihre Geschütze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen. So wurde der Kommandoturm des ‚Friedrich Karl‘ von einer Granate durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung einen rühmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder minder erheblichen Beschädigungen, und es war fast ein Wunder zu nennen, daß noch nirgends vitale Teile oder Schiffskörper verletzt worden waren.
Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfähig geworden, war ein längeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit äußerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das Hauptgefecht führte.
Und hier war Hilfe in der Tat nötig gewesen. Denn wenn auch vier feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht doch noch immer bei den Engländern, umsomehr, da einer der deutschen Panzer, die ‚Mecklenburg‘, jetzt hatte ausscheren müssen, nachdem ihre Rudervorrichtung zerschossen war.
Als der englische Admiral die Kreuzer herankommen sah, die in Staffelkiellinie Steuerbord achteraus liefen und somit sämtlich ihre Buggeschütze zum Feuern bringen konnten, erkannte er, daß jetzt der entscheidende Moment sich vorbereite.
Die Geschütze der Kreuzer fügten den Engländern schweren Schaden zu, denn sie hatten sich rasch auf die gleichmäßig geringer werdende Entfernung eingeschossen. Die hohen Deckaufbauten der Linienschiffe boten ihnen vortreffliche Zielobjekte, so daß bei der lang ausgezogenen Schlachtlinie der Engländer fast jeder Schuß ein Treffer war.
Jetzt wurde für Sir Percy Domvile rasches und energisches Handeln ein zwingendes Gebot der Selbsterhaltung. An die nach der erhaltenen Ordre de bataille anzustrebende Wegnahme der deutschen Flotte war den Umständen nach nicht mehr zu denken, und es konnte sich daher für den Admiral nur noch darum handeln, möglichst viele der feindlichen Schiffe zu vernichten. Auf dem britischen Flaggschiff erschien das Signal ‚rechts um‘, und die Kommandanten wußten, daß es gleichbedeutend war mit dem Befehl, die deutschen Panzer zu rammen.
Aber dieses Manöver, durch welches Sir Domvile der durch den zweiseitigen Angriff veranlaßten drohenden Gefahr allein begegnen konnte, traf den Prinz-Admiral nicht unvorbereitet. Schon in dem gestern abgehaltenen Kriegsrate war damit gerechnet worden, und jeder Kommandant hatte seine Instruktion hinsichtlich der in diesem Falle zu beobachtenden Taktik erhalten. Es war dafür ein besonderes Signal vereinbart worden, und sobald man die Schwenkung der englischen Panzer bemerkte, flog es an der Signalleine des Admiralschiffes in die Höhe. Sofort nahm jedes der deutschen Linienschiffe die ihm nach dem Schlachtplan vorgeschriebene Position ein. Das Geschwader teilte sich in zwei Hälften, von denen die erste Division, hinter das Flaggschiff einschwenkend, mit diesem zusammen ‚links um!‘ machte, während die andere Division, auch links um machend, sich hinter das linke Flügelschiff setzte.
Dies ihm gänzlich unbekannte Manöver kam dem englischen Admiral völlig unerwartet. Seine Absicht war durch das rasche und geschickte Ausweichen der deutschen Schiffe vollständig vereitelt, der geplante Vernichtungsstoß versagte, und seine eigenen Panzer hatten nun, während sie in Dwarslinie weiterfuhren, von rechts und links ein furchtbares Feuer auszuhalten, das namentlich den beiden Flügelschiffen verhängnisvoll wurde. Mit einem Hagel schwerer und leichter Geschosse überschüttet und überdies von wohlgezielten Torpedos getroffen, waren sie innerhalb weniger Minuten gefechtsunfähig geworden, und das eine von ihnen, die ‚Victorious‘, das Schicksal der unglücklichen ‚Formidable‘ teilend, versank mit ihrer über 700 Mann starken Besatzung in den Fluten.
Aber auch die junge deutsche Flotte hatte in diesem Entscheidungskampfe ihre Feuertaufe empfangen.
Alles, was die moderne Kriegstechnik an Vernichtungsmitteln kennt, wurde von jedem der beiden Gegner aufgeboten, um dem anderen den Sieg zu entreißen. Zu den Granaten der schweren Geschütze gesellten sich die Geschosse der leichteren Armierung und der in den Gefechtsmarsen postierten Maschinengewehre, so daß es im eigentlichsten Sinne des Wortes ein ‚Geschoßregen‘ war, der beim Passieren auf die in Rauch und Dampf gehüllten Schiffe niederging.
Hermann Heideck hatte in Indien die Schrecken des Landkrieges in ihren mancherlei Gestalten so gründlich kennen gelernt, daß er seine Nerven vollkommen gestählt glaubte gegen den grauenhaften Anblick von Tod und Verwüstung. Die Szenen aber, die sich während dieses Kampfes rings um ihn her auf dem verhältnismäßig engen Raum des prächtigen Flaggschiffes abspielten, ließen in ihrer Furchtbarkeit alles hinter sich zurück, was er bisher erlebt hatte. Heideck war voller Bewunderung über den Heldenmut und die todverachtende Disziplin der Offiziere und Mannschaften, von denen keiner auch nur einen Fuß breit von dem ihm zugewiesenen Posten wich.
Da er bei dem jetzt auf seinem Höhepunkt angelangten Drama nur die Rolle eines untätigen Zuschauers spielte, konnte er sich frei in allen Teilen des Admiralschiffes bewegen. Und wohin er auch kam, überall bot sich seinem Auge dasselbe Schauspiel grauenhafter Zerstörung und heldenmütiger Pflichterfüllung.
Der Aufenthalt in den Geschütztürmen und Kasematten war für die Bedienungsmannschaften zu einer geradezu höllischen Pein geworden. Es herrschte in den niederen, eisengepanzerten Räumen eine Gluthitze, die selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lärm und die übermenschliche Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute gewirkt zu haben, daß sie überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgültigkeit, die durch das Gräßliche der Situation nicht mehr erschüttert werden konnte.
Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte und riß mit ihren umherfliegenden Sprengstücken fast die ganze Bedienungsmannschaft nieder. Glücklich die, welche dabei sofort den Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet am Boden krümmten, waren entsetzlicher Natur. Die glühendheißen Eisenstücke, die den Unglücklichen das Fleisch zerrissen und die Knochen zerschmetterten, fügten ihnen auch gleichzeitig schreckliche Brandwunden zu. Heideck würde es für eine Tat der Menschlichkeit gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschuß die Leiden dieses oder jenes Unglücklichen hätte enden dürfen, dem Haut und Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen blutigen Massen verwandelt waren.
Aber die unverletzt Gebliebenen erfüllten nach wenigen Augenblicken der Betäubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Präzision wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich für den Augenblick niemand kümmern konnte, standen sie in dem warmen Menschenblute, das den Boden schlüpfrig machte, und bedienten das nur unerheblich beschädigte Geschütz ruhig weiter.
Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war, kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heißen Gange entgegen. Es war ein schlanker, hübscher Jüngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer Stirnwunde lief ihm das Blut über Auge und Wange. Er mußte mit beiden Händen an der Wand eine Stütze suchen, während er in übermenschlicher Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwärts zu tragen, denn er war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß er aufrecht bleiben müsse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lächeln zu verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fühlte er sich in diesem Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es süß und ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmütiger Wille war doch stärker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Körper. Bei dem Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen, brach er plötzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck den Befehl des Admirals zu übermitteln und ihn zu bitten, den Befehl weiterzugeben. Dann verließen ihn seine Sinne.
In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich seit Beginn der Schlacht stets rücksichtslos allen Gefahren ausgesetzt hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergönnt gewesen, auf den ausdrücklichen Befehl des Prinzen längere Zeit in dem oberen Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der fürstliche Admiral die Schlacht leitete, und die zielbewußte, überlegene Ruhe des höchsten Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Engländer mit der unerschütterlichen Zuversicht eines für die deutsche Flotte glücklichen Ausganges erfüllt.
Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn mit rein menschlichen Gefühlen und Empfindungen an das Leben noch geknüpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und Trachten ausschließlich erfüllt war von der Sorge um den Sieg der vaterländischen Waffen. Alle persönlichen Schicksale waren seinem Erinnern vollständig entrückt, als lägen sie um Jahrzehnte hinter ihm. Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, daß er sich nicht einmal der tollkühnen Unerschrockenheit bewußt wurde, mit der er es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. —
Majestätisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Türmen und Geschützluken sprühend, hatte die ‚Wittelsbach‘ bisher ihren Weg gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem Körper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung für das herrliche Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.
‚Du machst fürwahr dem großen Namen Ehre, den man dir gegeben‘, dachte er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem er den Prinz-Admiral wußte. Aber er fand ihn nicht mehr, denn plötzlich legte sich’s wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefühlt, keinen Schmerz. Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos sank sie wieder herab. Es war ihm, als würde er von einer unsichtbaren Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen plötzlich aus dem schwarzen Nebel auf — dann wurde es vollends Nacht um ihn her — tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses Schweigen.
Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.
Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot näherte sich in schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die ‚Wittelsbach‘ getroffen. Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befürchten stand, war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen Flaggschiffes aus unmöglich geworden.
Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, ließ sich der Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des Linienschiffes ‚Zähringen‘ bringen, auf dem alsbald seine Flagge emporstieg.
Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein für die deutsche Flotte überraschend günstiger gewesen. Ihre Verluste waren beträchtlich geringer als die des an Zahl weit überlegenen Feindes, und ihre Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstüchtigem und manövrierfähigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der deutschen Flotte aber konnte bei der Stärke der noch verfügbaren gegnerischen Kräfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das geschickte Manöver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorstoß der Engländer vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefügt hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Möglichkeit geboten, die Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglück an seine Flagge zu fesseln.
Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major Heideck an Bord der ‚Wittelsbach‘ gewesen war. Ueberall war das Blut in Strömen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mörderischen Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lücken, die der Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr auszufüllen waren. Ein paar glückliche Torpedoschüsse der Engländer — und keine Genialität der obersten Leitung, kein Heldenmut der Kommandanten, Offiziere und Mannschaften hätte noch einen für die deutschen Waffen ungünstigen Ausgang abzuwenden vermocht.
Da plötzlich, von Süd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte war, den Sieg sofort zu Gunsten der Engländer entscheiden mußte.
Minuten höchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem Augenblick der erlösenden Gewißheit an Bord der deutschen Schiffe durchlebte. Um so beglückender aber wirkte nun die Erkenntnis, daß man es nicht mit neuen Streitkräften des Feindes, sondern mit dem in schnellster Fahrt herankommenden französischen Geschwader des Admirals Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung bringen sollte.
Nun war mit einem Schlage das Bild so völlig zu Ungunsten der Engländer verwandelt, daß ein Sieg der britischen Flotte zur Unmöglichkeit geworden war. Das Eingreifen des noch völlig intakten, aus zehn Linienschiffen, zehn großen und einer entsprechenden Anzahl kleiner Kreuzer bestehenden französischen Geschwaders in den Kampf mußte notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeiführen. Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die französische Flotte erkannt und sich Gewißheit über die Stärke des Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als die Ordre zum schleunigen Rückzug. Der englische Admiral gab die Schlacht endgültig verloren und hielt es für seine Pflicht, von den ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten ließ. Ehe die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.
Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem Rückzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden Feinde zu halten.
Der kommandierende französische Admiral war an Bord des Flaggschiffes ‚Zähringen‘ gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl des Prinz-Admirals zu stellen und über die weiteren gemeinsamen Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverständnis herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, daß dieser Sieg sofort bis aufs äußerste ausgenutzt werden mußte, wenn er ein wirklich entscheidender sein sollte.
In tiefer Bewegung schloß der Prinz den Admiral Courthille in seine Arme und dankte ihm für sein Erscheinen in der entscheidenden Stunde. Der französische Admiral aber entschuldigte sich wegen seines späten Eingreifens in die Schlacht. „Ich mußte die Nacht abwarten und weit in See gehen mit südwestlichem Kurs, bevor ich den nördlichen Kurs nehmen konnte, um unter dem Schutze der Nacht ungesehen von dem uns blockierenden englischen Geschwader des Prinzen Battenberg den Durchbruch bewerkstelligen zu können.“
Inzwischen waren die hinter dem Feinde hergesandten Aufklärungsschiffe mit der Meldung zurückgekommen, daß die englische Flotte ihren Kurs geändert hätte und auf die Themse zuzuhalten schiene. Ein weiteres Verfolgen des Feindes war nicht möglich gewesen, da der englische Admiral einige Schiffe detachiert hatte, denen die nachfolgenden deutschen Kreuzer nicht gewachsen waren.
Es waren Vorbereitungen getroffen worden, die Verwundeten und Toten an Bord der durch ein Signal dazu bestimmten Schiffe zu geben, was sich auch bei der nun ruhiger gewordenen See mit nicht allzugroßen Schwierigkeiten bewerkstelligen ließ. Jetzt, wo der furchtbare Kampf ausgetobt hatte, kamen die Besatzungsmannschaften erst zum vollen Bewußtsein der durchlebten Schrecknisse. Die Bergung der Verwundeten zeigte, welche grausamen Opfer die Schlacht gefordert hatte. Es war eine schwere und traurige Aufgabe, die manches starke Seemannsherz in Schmerz und Mitleid erbeben ließ. Die Gefallenen waren durch die Sprenggeschosse, die ihnen den Tod gebracht hatten, zumeist entsetzlich zugerichtet, und auch die Verletzungen der Verwundeten, denen die an Bord befindlichen Aerzte im Getümmel der Schlacht nur notdürftig die erste Hilfe hatten angedeihen lassen können, waren fast durchweg so schwerer Art, daß der Transport nur langsam vor sich gehen konnte.
Nachdem die deutschen Schiffe durch Signale gemeldet hatten, daß sie wieder gefechtsfähig wären, erhielten die anderen, welche die Toten und Verwundeten an Bord hatten, sowie die nicht mehr gefechtsfähigen deutschen und die genommenen englischen Schiffe den Befehl nach Antwerpen zu gehen. Das vereinigte deutsch-französische Geschwader aber setzte sich unter dem Oberbefehl des Prinz-Admirals, den Kurs auf die Themsemündung nehmend, in Bewegung.
