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Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XVI.

Reading edition

So fest auch Heidecks Schlummer gewesen war, der wüste Lärm, der plötzlich durch die dünnen Wände des Zeltes drang, hätte selbst einen Bewußtlosen ins Leben zurückrufen können. Verwirrt und schlafbefangen eilte er hinaus, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß ein wild aussehender, kaffeebrauner Inder mit dem dicken Knüttel, den er in seiner Rechten schwang, einen wuchtigen Schlag gegen den mageren, schwarzgekleideten Herrn führte, den ein ganzer Trupp von Eingeborenen umringte. Der Europäer hatte mit seinem schmalen, bartlosen Gesicht das Aussehen eines Geistlichen, und es mußte Heideck umsomehr in Erstaunen setzen, daß keiner von den russischen Soldaten und Unteroffizieren, die dem Schauspiel zusahen, die Hand zu seinem Schutze rührte. Gewiß war er nicht berufen, hier den Befehlenden zu spielen; aber die Gefahr, in der er da einen völlig wehrlosen Menschen sah, ließ ihn alle Bedenken vergessen. Mit drohendem Zuruf scheuchte er die aufgeregten Inder hinweg und nahm den Arm des Fremden, um ihn in das Zelt zu führen.

Keiner von den russischen Kriegern hinderte ihn daran. Man hatte ihn vorhin in vertrautem Gespräch mit dem Obersten gesehen, und seine Eigenschaft als Freund des Fürsten verschaffte ihm Respekt.

Der vor Schrecken halb ohnmächtige Fremde nahm dankbar das Glas Wein, das Heideck ihm eingegossen hatte, und als er sich einigermaßen erholt hatte, dankte er seinem Retter mit schlichten aber herzlichen Worten. Er stellte sich ihm als Professor Proctor vom Aitchison-College vor und erzählte, daß er ins Lager gekommen sei, um nach einem wahrscheinlich schwer verwundeten Verwandten zu sehen. Plötzlich habe er sich von einer Rotte aufgeregter Inder bedroht gesehen, die ihn seiner Kleidung nach wohl für einen Geistlichen gehalten hätten.

„Auch Sie sind kein Russe, mein Herr. Ihrer Aussprache des Englischen nach halte ich Sie für einen Deutschen.“

Heideck bestätigte die Vermutung und erzählte ihm mit wenig Worten seine eigene Geschichte. Dann aber konnte er nicht umhin, seiner Verwunderung über den Angriff Ausdruck zu geben, dem der Professor ausgesetzt gewesen war.

„Von einem besonderen Haß der Inder gegen die englischen Geistlichen hatte ich während meines bisherigen Aufenthalts im Lande nie etwas bemerkt,“ sagte er, und der Professor erwiderte:

„Vor wenig Tagen noch hätte auch wohl keiner von ihnen etwas zu fürchten gehabt. Bei so traurigen Umwälzungen aber, wie sie sich jetzt vollzogen haben, verwirren sich alle Begriffe. Alle schlummernden Leidenschaften werden entfesselt. Ich wage nicht auszudenken, welche Greuel in dem weiten Indien geschehen werden, nachdem der Zügel gerissen ist, der das Volk lenkte. Und das schlimmste ist, daß wir selbst uns die Schuld daran beizumessen haben.“

„Sie meinen durch die Lässigkeit, mit der man die Verteidigung des Landes vorbereitet hat?“

„Ich meine nicht allein das. Unsere Schuld ist, daß wir eine ewige Wahrheit ignoriert haben, die Wahrheit nämlich, daß alle politischen Fragen nur der äußerliche Ausdruck, gleichsam das Kleid religiöser Fragen sind.“

„Verzeihen Sie, aber der Sinn Ihrer Worte ist mir nicht klar.“

„Betrachten Sie das langsame, stetige Vordringen der Russen in Asien. Alles, was sie unter ihre Herrschaft gebracht haben, alle die ungeheuren Landstrecken Zentralasiens, sind zu ihrem sicheren, unbestrittenen Besitz geworden. Warum? Weil die Russen sich auch die Seelen der Völker zu erwerben und ihren religiösen Anschauungen Rechnung zu tragen wissen. Deshalb gehen Besiegte und Sieger leicht ineinander auf. Wir Engländer dagegen haben nur eine rein politische Herrschaft über Indien geführt. Die Seelen der Völker sind uns fremd und feindlich geblieben.“

„Es mag etwas Wahres in Ihren Worten sein. Aber Sie werden zugeben müssen, daß die Engländer dafür eine neue Kultur nach Indien gebracht haben. Damit war die Gewißheit geistigen Fortschritts gegeben, und ich meine, daß kein Volk auf die Dauer blind bleiben kann gegenüber der Erscheinung höherer Ideen. Die ganze Weltgeschichte bildet eine fortlaufende Kette von Beweisen für die Richtigkeit dieser Tatsache.“

„Das Wort ‚Kultur‘ hat einen vielseitigen Sinn. Handelt es sich nur darum, zu untersuchen, ob die Regierung und Verwaltung des Landes besser geworden ist, so bedeutet ja die von uns nach Indien gebrachte Kultur unzweifelhaft einen ungeheuren Fortschritt gegenüber den Zuständen früherer Jahrhunderte. Wir haben die Despotie der eingebornen Fürsten gebrochen und haben den unaufhörlichen blutigen Kriegen, die sie untereinander und mit den asiatischen Nachbardespoten führten, ein Ende gemacht. Wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut, Sümpfe und Dschungeln beseitigt, Häfen eingerichtet, dem Meere große Landstrecken entrissen und schützende Kais gebaut. Die erschreckende Sterblichkeitsziffer der Großstädte ist unter der englischen Verwaltung erheblich zurückgegangen. Wir haben Gesetze gegeben, die die persönliche Sicherheit schützen und dem Handel neue Bahnen eröffnen. Aber das Streben unserer Regierung ist ein rein utilitaristisches gewesen, und was den tieferen Strom der Entwicklung betrifft, so ist nirgends ein wichtiger Fortschritt zu erkennen.“

„Und was ist es, was Sie darunter verstehen?“

„Unsere Ansichten in dieser Beziehung gehen vielleicht weit auseinander. Ich sehe in den meisten derartigen Errungenschaften nur eine neue Erscheinungsform jenes Materialismus, der von jeher das schlimmste Hindernis aller wahren Entwickelung gewesen ist.“

„Mir scheint, Mr. Proctor,“ warf Heideck lächelnd ein, „daß Sie hier in Indien Buddhist geworden sind!“

„Vielleicht, mein Herr, und ich würde mich dessen nicht schämen. Schon mancher, der Indien zuerst mit den Augen des Christentums betrachtete, ist hier, — vielleicht ohne es selbst zu wissen, — zum Buddhisten geworden. Griechische Weise haben einst gewünscht, daß man die Könige unter den Philosophen auswähle. Das mag ein unausführbarer Gedanke sein, aber ich glaube nicht, daß ein Herrscher, der die Philosophie verachtet, seine hohe Aufgabe jemals in vollem Maße erfüllen wird. Eine Politik ohne Philosophie ist ebenso wie eine unphilosophische Religion nicht fester gegründet, als jene Häuser dort am Raviflusse, deren Existenz nicht für einen einzigen Tag gesichert ist, weil es dem Strome gelegentlich einfällt, seinen Lauf zu ändern. Eine Regierung, die den religiösen Empfindungen des Volkes nicht Rechnung zu tragen weiß, steht nicht fester da als diese Hütten. Das Schicksal, das sich jetzt an uns Engländern vollzieht, ist der beste Beweis dafür. Wir sind die erste Macht in Asien gewesen, die eine politische Herrschaft nicht auf die Religion des Volkes gegründet hat. Unklug haben wir die gewohnte Einfachheit eines Volkes zerstört, das bis dahin nur geringe Bedürfnisse hatte, weil es sich Jahrtausende hindurch mehr um das Leben nach dem Tode, als um das irdische Dasein gekümmert hatte. Wir haben die schlummernde Leidenschaft dieses Volkes aufgestachelt und durch den Anblick von europäischem Luxus und europäischer Ueberkultur bis dahin ungekannte Wünsche in ihm geweckt. Unser System des öffentlichen Unterrichts ist darauf gerichtet worden, in allen Klassen des indischen Volkes die geringwertige materialistische Volksbildung unserer eigenen Nation zu verbreiten. Unter allen Gouverneuren und Schulinspektoren, die von England hierherkamen, hat sich keiner bemüht, die Oberfläche indischen Volkslebens zu durchdringen und die Seele dieses religiösen und transcendental angelegten Volkes zu ergründen. Welche Gegensätze sind dadurch geschaffen worden! Hier ein heiliger Strom, Priester, Asketen, Jôgins, Fakire, Tempel, Heiligenschreine, geheimnisvolle Lehren, ein vielfältiges Ritual — daneben aber ganz unvermittelt Schulen, darin ein hausbackener englischer Elementar-Unterricht getrieben wird, ein Staatskolleg mit einer Medizinalanstalt und christliche Kirchen der verschiedensten Konfessionen.“

„Wie wäre es aber auch möglich gewesen, moderne wissenschaftliche Bildung mit dem Fanatismus der Inder pädagogisch zu vereinen?“

Ueber das geistvolle Gesicht des Professors glitt ein überlegenes Lächeln.

„Vergleichen Sie bitte die ermüdenden Trivialitäten der englischen Missionsschriften mit den unsterblichen Meisterschriften der indischen Literatur! Dann werden Sie begreifen, daß der Inder, selbst wenn er das Christentum als Moralsystem gutheißt, eine tiefere und umfassendere Begründung dieser Moral verlangt und auch dem Ursprunge der christlichen Lehre nachforscht. Und da findet sich dann gar bald, daß alles Licht, das nach Europa gekommen ist, von Asien ausging. Ex oriente lux.“

„Ich bin zu ungelehrt, um Ihnen da zu widersprechen. Es mag sein, daß selbst das Christentum nicht allein aus dem Judentum, sondern auch aus dem Buddhismus herausgewachsen ist. Es mag auch sein, daß die Lehren unserer heutigen Missionare den Indern zu nüchtern sind. Aber die metaphysischen Bedürfnisse eines Volkes haben mit gesunder Politik und guter Rechtspflege doch wohl wenig zu schaffen. Denken Sie an Rom! Der römische Staat hatte eine vorzügliche Rechtspflege, und eine gewaltige politische Kraft, die ihn viele Jahrhunderte hindurch in seiner weltbeherrschenden Stellung erhielt. Wie aber war es mit der Religion und der Philosophie in Rom bestellt? Eine Staatsreligion gab es überhaupt nicht. Es gab keine priesterliche Hierarchie, keinen strengen theologischen Kodex, sondern nur eine Mythologie und eine Götterverehrung, die wesentlich praktischer Natur war, und eben durch ihren praktischen Sinn oder — wie Sie es nennen würden — durch ihren krassen Materialismus wurden die Römer befähigt, eine nationale Gesellschaft auf einfach menschliche Bedürfnisse und Ansprüche zu gründen. Was aber ihnen gelang, warum sollte es nicht auch jenen Nationen möglich sein, von denen sie in der Weltherrschaft abgelöst wurden? Der Geist der Zeiten ändert sich, aber es ist nur eine regelmäßig wechselnde Wiederkehr derselben Strömungen, so wie die Gestirne in ihrem Kreislauf immer wieder auf ihren Platz zurückkehren.“

„Und wenn der Zeitgeist gleich manchen Gestirnen nicht im Kreise, sondern in einer Spirale ginge? Die britische Weltherrschaft hat wohl schon einen höheren Schwung genommen als die römische. Hätte nicht dieses britische Weltreich, indem es weise Staatskunst mit den tiefen Ideen indischer Philosophie durchtränkte, zu einer großen Reformation des ganzen Menschengeschlechts gelangen können? Es wäre ein herrlicher Gedanke gewesen, aber ich habe hier gelernt, zu erkennen, wie weit man von seiner Verwirklichung entfernt geblieben ist.“

„Gleichwohl denke ich, daß die englische Armee nicht von den Russen geschlagen worden wäre, wenn sie nicht nach den Regeln einer veralteten Taktik gekämpft hätte.“

„O, mein Herr, wenn die indischen Truppen mit ganzer Seele für England gefochten hätten, so hätten wir diese Niederlage nimmermehr erlitten.“

„Als Soldat möchte ich das bestreiten. Die Inder werden einer militärisch geschulten europäischen Armee niemals gewachsen sein. Das Volk entbehrt dazu in viel zu hohem Maße der kriegerischen Eigenschaften.“

„Es ist wahr, das indische Volk ist von Natur sanft und gutherzig. Man mußte es in seinen heiligsten Empfindungen verletzen, um es wild und blutgierig zu machen.“

„Vielleicht beurteilen Sie es doch etwas zu milde. Es steckt noch ein gut Teil Barbarei in dieser Rasse, selbst bis in die höchsten Kreise hinauf. Hat doch, — wie ich Ihnen aus eigener Wahrnehmung berichten kann, — ein indischer Fürst vor Ausbruch des Krieges den Versuch gemacht, durch seine Diener eine englische Dame aus ihrer Wohnung zu rauben und den englischen Residenten, der ihn deshalb zur Rede stellte, durch einen gedungenen Meuchelmörder zu vergiften.“

Der Professor war im höchsten Grade erstaunt.

„Ist es möglich? Konnten sich solche Dinge ereignen? Sollten Sie nicht doch vielleicht durch einen übertreibenden Bericht getäuscht worden sein?“

„Ich habe die Vorgänge selbst aus nächster Nähe beobachtet, und ich kann Ihnen die Namen nennen. Die Dame, gegen die man den schändlichen Anschlag versuchte, ist Mrs. Edith Irwin, die ihrem Gatten, einem Kapitän bei den Lancers, in das Lager von Chanidigot gefolgt war.“

Die Verwunderung des Professors wuchs ersichtlich immer mehr.

„Mrs. Edith Irwin? Ist es möglich? Die Tochter meines alten Freundes, des trefflichen Rektors Graham? Gewiß, sie muß es sein, denn sie war mit einem Kapitän von den Lancers verheiratet.“

„Seit gestern ist sie die Witwe dieses Offiziers. Er fiel in der Schlacht bei Lahore, und sie selbst befindet sich unter den Gefangenen in Anar Kali.“

„Dann muß ich versuchen, sie zu finden; denn sie hat schon um ihres Vaters willen Anspruch auf meinen Beistand. Vorläufig freilich,“ fügte er mit einem etwas wehmütigen Lächeln hinzu, „bin ich selbst ja noch recht sehr des Schutzes bedürftig.“

„Ich glaube, Sie wegen dieser Dame beruhigen zu können. Mein Freund, der russische Oberst Fürst Tschadschawadse, ist eben jetzt nach Anar Kali hinübergeritten, um auf meine Bitte für sie zu sorgen.“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die schlanke Gestalt des Fürsten im Eingang des Zeltes erschien. Seine niedergeschlagene Miene weissagte nichts gutes. Er trat auf Heideck zu und schüttelte ihm die Hand.

„Ich kann Ihnen leider nichts Erfreuliches melden, lieber Kamerad! Ich habe Ihre Schutzbefohlene nicht mehr vorgefunden.“

„Wie? Sie war fort? Und konnten Sie nicht erfahren, wohin sie sich begeben hat?“

„Alles, was ich zu ermitteln vermochte, war, daß sie in Begleitung mehrerer Inder in einem eleganten Wagen davongefahren sei. Eine englische Dame, die den Vorgang beobachtete, hat es mir erzählt.“

Eine furchtbare Ahnung schnürte Heidecks Herz zusammen.

„In Begleitung von Indern? Und ohne daß man weiß, wohin sie geführt wurde? Hat sie denn keine Nachricht für mich oder sonst jemand hinterlassen?“

„Die Dame hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr zu sprechen. Sie hat die Abfahrt nur aus der Ferne gesehen.“

„Aber sie muß doch wahrgenommen haben, ob Mrs. Irwin das Grabmal freiwillig oder gezwungen verließ?“

Der Fürst zuckte die Achseln.

„Ich kann darüber leider nichts sagen. Meine Erkundigung blieb ohne jedes Ergebnis. Weder von den englischen Gefangenen noch von den russischen Wachen konnte mir irgend jemand nähere Auskunft geben.“

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
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