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Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XXVI.

Reading edition

Als Heideck mit seinem Gefangenen, dem Herrn Camille Pénurot, wieder auf der ‚Gefion‘ anlangte, fand er den Kommandanten trotz der vorgerückten Stunde auf Deck. Er meldete sich bei ihm und bat, Pénurot als Gast zu behandeln.

„Ich war schon in einiger Sorge um Sie,“ sagte der Kapitän, „und nahe daran, die Dampfpinasse nachzuschicken. Haben Sie etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht?“

„Ich denke wohl. Die beiden Halunken, die ich da abgefaßt habe, scheinen nicht zu der Gattung der gewöhnlichen Spione zu gehören. Es sind der Schiffer Brandelaar und der Mann, den ich Ihnen mitgebracht habe.“

„Haben Sie den Schiffer nicht auch in Haft genommen?“

„Ich habe die Absicht, mich der Leute in unserem Interesse zu bedienen und hoffe, daß Admiral Hollway sich in seinem eigenen Netze fangen wird.“

„Ist das nicht ein etwas gewagtes Spiel? Wenn die Kerle den Admiral Hollway verraten haben, so ist ihnen dasselbe doch wohl mit Sicherheit auch uns gegenüber zuzutrauen.“

„Ich rechne auch weniger auf ihre Ehrlichkeit, als auf ihren Eigennutz und ihre Furcht. Um den Engländern Nachrichten über uns zu bringen, müssen sie wieder zu uns kommen, und ich habe sie also in der Hand.“

„Umgekehrt aber trifft dasselbe zu. Ich gestehe, daß ich zu solchen Doppelspionen herzlich wenig Vertrauen habe.“

„Mir geht es selbstverständlich ebenso; aber ich glaube endlich den Weg zu der Zentralstelle für das Spioniersystem der Engländer gefunden zu haben. Ich kann, um der Sache ganz auf den Grund zu kommen, den Beistand der beiden Kundschafter nicht entbehren.“

„Eine Zentralstelle?“

„Ja. Die Handlanger, die ihr Leben riskieren, sind doch immer von untergeordneter Bedeutung, und es gilt vor allem, die höher stehenden Persönlichkeiten zu ermitteln, die sich weislich im Hintergrunde zu halten wissen.“

„Ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“

„Bevor ich nach Antwerpen gehe, wohin mich Herr Pénurot morgen begleiten soll, möchte ich dem Reichskanzler Bericht erstatten. Darf ich bitten, mir morgen früh ein Boot zur Verfügung zu stellen, mit dem ich nach Vlissingen fahren kann?“

„Gewiß, Sie können jedes Boot erhalten, das Sie zu haben wünschen.“

„Dann bitte ich um die Dampfpinasse.“

„Ist es Ihnen vielleicht bekannt, ob der Kanzler noch lange in Vlissingen bleiben wird?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis. Antwerpen wäre freilich in mancher Hinsicht ein besserer Plan; aber er ist nach Vlissingen gegangen, um zu demonstrieren.“

„Um zu demonstrieren?“ wiederholte der Kommandant verwundert.

„Die Engländer erfahren natürlich, daß er sich dort befindet, und seine Anwesenheit in Vlissingen muß sie in dem Glauben bestärken, daß unsere Hauptaktion hier von der Mündung der Schelde aus erfolgen wird.“

„Ist es nicht bewunderungswürdig, daß unser Kanzler im Mittelpunkt aller Operationen steht, obwohl er weder General noch Admiral ist?“

„Wir haben ähnliches doch schon bei Bismarck gesehen. Wenn wir die Geschichte der Kriege von 1864, 66 und 1870/71 verfolgen, so stehen wir unter dem Eindruck, daß Bismarck gleichsam die Seele aller Operationen war, obwohl er seinen militärischen Titel nur als Dekoration trug.“

„Das ist richtig, aber die Verhältnisse lagen doch wesentlich anders. Bismarck war ein geschulter Beamter, Diplomat, Botschafter, ehe er Kanzler wurde. Er hatte selbst den Heerführern gegenüber eine gewaltige Autorität für sich. Unser neuer Reichskanzler entstammt doch aber einer ganz anderen Sphäre.“

„Aber auch er hat die Macht einer starken Persönlichkeit für sich, und diese ist es, die in allen großen Dingen den Ausschlag gibt. Der feine Instinkt des Volkes fühlt, daß der Kaiser die rechte Wahl getroffen hat, und die allgemeine Beliebtheit des Kanzlers gewährt ihm auch den Heerführern gegenüber einen mächtigen Rückhalt. Zudem müssen wir alle ja immer wieder seinen praktischen Verstand und seinen weiten Gesichtskreis bewundern. Ist nicht die Besetzung Antwerpens dafür ein neues Beispiel? Belgien ist sonst von der französischen Armee besetzt, aber der Kanzler hat bei der französischen Regierung durchgesetzt, daß wir Antwerpen halten, weil unsere Flotte in der Schelde liegt. Und ich bin sicher, daß wir es niemals wieder herausgeben werden.“

Der Kommandant schüttelte zweifelnd den Kopf.

„Sie glauben wirklich, daß wir Antwerpen so ohne weiteres werden behalten können?“

„Wir müssen und werden Antwerpen haben. Die Niederlande und Belgien mögen bestehen bleiben; denn wir können gerechterweise diese Länder nicht annektieren. Aber die Niederlande und Antwerpen werden zum Schutze ihrer eigenen Interessen zum Deutschen Reich in ein engeres politisches Verhältnis treten. Ihre Regierungen sind auf die Dauer zu schwach, um der revolutionären Bewegungen in ihren Ländern Herr zu werden. Wir steuern ja unaufhaltsam auf die Bildung größerer Staatswesen hin. Die Grausamkeit der Kriege erscheint mir dadurch etwas gemildert, daß der Krieg in seinen Begleiterscheinungen ein Einigungsmittel der Völker ist.“

„Das klingt sehr schwärmerisch, Herr Major,“ sagte der Kapitän verwundert, und dem Gespräch eine andere Wendung gebend fuhr er fort: „Was für Nachrichten denken Sie durch Ihre Mittelspersonen nach Dover gelangen zu lassen?“

„Ich denke den Admiral in der Meinung zu bestärken, daß wir mit der Flotte und zahlreichen Dampfern unserer privaten Schiffahrtsgesellschaften aus der Schelde herauskommen und mit Unterstützung der französischen Flotte eine Armee nach Dover hinüberwerfen wollen.“

„Mich wundert, daß die Engländer so gar keinen Versuch machen, unsere Stellungen zu forcieren. Man ist fast versucht zu glauben, daß die englische Marine ebensowenig kriegstüchtig sei, wie die englische Armee. Wenn unsere Gegner sich stark fühlten, würden sie doch wohl schon längst vor Brest, Cherbourg, Vlissingen, Wilhelmshaven oder Kiel erschienen sein. Helgoland könnte eine Panzerflotte doch eigentlich nicht hindern, in die Elbe einzudringen, es müßte der englischen Flotte vielmehr ein willkommenes Angriffsobjekt sein. Wenn ich über die englische Flotte zu gebieten hätte, führe ich mit den älteren Panzern ‚Albion‘, ‚Glory‘, ‚Canopus‘, ‚Goliath‘, ‚Ocean‘ und ‚Vengeance‘ gegen Helgoland. Die kleine Insel würde diesen sechs Linienschiffen schwerlich lange Stand halten, und die deutsche Nordseeflotte — vorausgesetzt, es wäre eine vorhanden — würde ehrenhalber aus Wilhelmshaven hervorkommen müssen.“

„Daß nichts derartiges geschieht, erklärt sich wohl weniger aus dem englischen Bewußtsein der eigenen Schwäche, als daraus, daß die Engländer niemanden haben, dessen Genie der Situation gewachsen wäre. Gewiß fehlt es ihnen nicht an tüchtigen Admiralen, aber es ist kein Nelson darunter. Auch unser Krieg wäre ja vielleicht unterblieben, wenn der Kaiser nicht in dem neuen Kanzler das Genie entdeckt hätte, dessen unsere Zeit bedarf. Die Kriege gegen Dänemark, Oesterreich und Frankreich wären ohne Bismarcks Initiative schwerlich gekommen. Große Staaten können auch bei der elendesten Regierung und bei den größten Fehlern noch lange bestehen, aber ein Aufschwung, ein wirklicher Fortschritt ist nur durch das Eingreifen einer gewaltigen Persönlichkeit möglich.“

„Ich bin darin nicht ganz Ihrer Meinung, denn meiner Ueberzeugung nach sind es die wirtschaftlichen Verhältnisse, die von Zeit zu Zeit zu großen Umwälzungen drängen. Glauben Sie, daß den Russen beispielsweise die Eroberung Indiens gelungen wäre, wenn die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der eingebornen Bevölkerung besser gewesen wären?“

„Gewiß nicht. Auch ein großer Mann muß den Boden vorbereitet finden, auf dem seine Kraft sich betätigen soll. Und ich meine, daß unser Kanzler eben zur rechten Zeit auf dem Plane erschienen ist.“

Heideck beurlaubte sich von dem Kommandanten und zog sich in seine Kabine zurück, um einen Bericht aufzusetzen und dann die wohlverdiente Ruhe zu suchen.

Als er sich am nächsten Morgen Herrn Camille Pénurot kommen ließ, fand er ihn auffallend verändert. Der stutzerhafte Herr zeigte nicht mehr die niedergeschlagene Miene von gestern, seine dunklen Augen leuchteten wie in heller Zuversicht. Jetzt am Tage sah Heideck, daß sein Gefangener ein recht hübscher Mann von etwa 30 Jahren war, der mehr einem Spanier, als einem Niederländer glich.

Mit höflicher Verbeugung begrüßte er Heideck, und dann, — mit einer gewissen Vertraulichkeit, — fragte er:

„Verzeihen Sie, Herr Major, — wenn ich mich um das deutsche Reich verdient mache, werde ich dann auf eine entsprechende Belohnung rechnen dürfen?“

„Ich sagte Ihnen schon, Herr Pénurot, daß wir bereit sind, mehr zu zahlen, als die Engländer.“

„O, es war nicht das, was ich meinte. Sie dürfen mich nicht mit Maaning Brandelaar und derartigen Leuten auf dieselbe Stufe stellen.“

Heideck lächelte.

„Wollen Sie mir denn gefälligst sagen, Herr Pénurot, auf welchen Platz ich Sie stellen soll?“

„Ich bin willens, von nun an der Sache der Alliierten alle meine Kräfte zu widmen.“

„Angenommen! Aber welcher Art sind denn die Wünsche, die Sie hinsichtlich einer Belohnung hegen?“

„Ich möchte Sie um Ihre Verwendung bitten, Herr Major, daß ich einen Orden erhalte.“

Heideck konnte sein Erstaunen über diese sonderbare Bitte nicht verbergen.

„Solche Auszeichnungen werden bei uns in der Regel nur für Handlungen der Tapferkeit oder für Verdienste gegeben, die durch klingenden Lohn nicht entsprechend vergolten werden könnten.“

„Auch zu dem, was ich tun will, bedarf es der Tapferkeit.“

„Sie sollen mir doch nur helfen, die Spione in Antwerpen aufzuspüren.“

„Aber es sind gefährliche Leute, deren Feindschaft ich mir zuziehe — Leute, deren Werkzeuge zu allem fähig sein würden.“

„Seien Sie versichert, Herr Pénurot, daß Ihre Belohnung den geleisteten Diensten entsprechen wird. Sie wissen doch wohl, daß ich selbst keine Orden zu verleihen habe, und überdies verstehe ich nicht recht, was Ihnen gerade an einer Dekoration gelegen sein kann.“

„Sie schätzen meine Gesinnung zu niedrig, Herr Major! Aber damit Sie mich verstehen, will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich liebe eine Dame aus sehr guter Familie, und ihre Angehörigen würden sich entgegenkommender gegen mich zeigen, wenn ich einen Orden hätte.“

„Sie sind also mit Ihren Herzenswünschen vermutlich sehr hoch hinaufgestiegen?“

„Wie man es nehmen will. Ich befinde mich hinsichtlich meiner Herkunft in jener peinlichen Lage, die das Erbteil aller aus einem freien Liebesbunde hervorgegangenen Kinder ist. Meine Mutter war eine spanische Tänzerin, mein Vater aber ist der reiche Herr Amelungen. Er liebt mich und sorgt für mich. Auch das Geschäft in Breskens hat er für mich gekauft. Aber seine Frau, eine Engländerin, ist mir wenig freundlich gesinnt.“

„Ich verstehe Sie jetzt noch weniger wie zuvor! Denn wenn Sie über so reiche Hilfsquellen verfügen, weshalb, in aller Welt, lassen Sie sich dann auf derartige gefährliche Unternehmungen ein?“

„Herr Amelungen wünschte es, Herr Major.“

„In Herrn Amelungen also hätten wir den eigentlichen Schuldigen zu erblicken?“

„Um Gottes willen, Herr Major, Sie werden mein Vertrauen doch nicht mißbrauchen? Ich wäre trostlos, wenn ich durch meine Aeußerungen das Unglück des Herrn Amelungen verursachte.“

„Machen Sie sich keine unnötigen Sorgen. Herrn Amelungen wird ebensowenig etwas geschehen, wie Ihnen, wenn Sie ihn bestimmen können, die Partei zu wechseln und fortan zu uns statt zu den Engländern zu halten.“

Pénurot senkte den Kopf und schwieg.

„Wie ist es denn mit dem Herrn van Spranekhuizen in Rotterdam?“ fuhr Heideck fort. „Auch er ist natürlich mit im Bunde?“

„Er ist der Schwager meines Vaters. Seine Frau ist eine geborene Amelungen.“

„Und was hat eigentlich diese beiden Herren, die doch, wie ich höre, reiche Kaufleute sind, dazu bewogen, für England Spionage zu treiben?“

„O, Herr Major, das ist doch nicht so wunderbar! Frankreich hat Belgien besetzt, Deutschland die Niederlande. Darüber herrscht im Lande natürlich große Erbitterung.“

„Mag sein. Aber wohlhabende Kaufleute pflegen sich trotzdem nicht aus bloßem Patriotismus in Gefahr für Leib und Leben zu stürzen. Das tun in der Regel nur solche Leute, die nicht viel zu verlieren haben.“

„Ich sagte Ihnen bereits, daß meines Vaters Frau eine Engländerin ist. Ihr zuliebe tut er vieles, wozu ihn sonst gewiß nichts veranlassen würde. —“

Heideck erhielt die Meldung, daß die Dampfpinasse bereit sei, und er forderte Pénurot auf, mit ihm das Fahrzeug zu besteigen. Im Hafen von Vlissingen verabschiedete er sich für eine Weile von ihm, mit der Weisung, ihn in einer Stunde auf seinem Bureau aufzusuchen, dessen Lage er ihm genau bezeichnete. Er hegte keine Besorgnis, daß Pénurot die Flucht ergreifen würde. Dieses Herrn war er unbedingt sicher.

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
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