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Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XXXI.

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Der letzte fahrplanmäßige Zug nach Antwerpen war längst abgegangen, als Heideck auf dem Bahnhof ankam. Aber es bedurfte nur einer kurzen Verhandlung mit dem Eisenbahnlinien-Kommissar, um den Wunsch des Majors, ihm eine Lokomotive zur Verfügung zu stellen, sofort zu erfüllen. Als er den Heizerstand bestiegen hatte, legte der Stationsvorsteher salutierend die Hand an die Mütze und gab dem Lokomotivführer das Zeichen zur Abfahrt. Wie ein schneidender, körperlicher Schmerz fuhr es für einen Moment durch Heidecks Brust, als die Maschine sich stampfend in Bewegung setzte. Was er bei dieser Abreise für immer hinter sich ließ, war das Glück seines Lebens. Eine dumpfe, lähmende Traurigkeit lag auf seinem Herzen. Er erschien sich selber wie ein seelenloser Mechanismus, der gleich dieser keuchenden, rastlos vorwärts strebenden Lokomotive in blindem Gehorsam einem fremden Willen untertan war. War doch all sein Handeln jetzt nicht mehr durch eigene Entschließungen bestimmt, sondern durch ein unerbittliches, höheres Gesetz — durch das eherne Gesetz der Pflicht. Er hatte keine persönliche Freiheit und keine persönliche Verantwortlichkeit mehr. Sein Weg war ihm so klar und scharf vorgezeichnet, wie ihn die eisernen Schienengeleise auch diesem Dampfwagen vorschrieben. Mit fest zusammengepreßten Lippen blickte er unverwandt vor sich hinaus. Was hinter ihm lag, mußte ja für immer für ihn abgetan sein. Nur ein gebieterisches ‚Vorwärts‘ durfte fortan noch seine Losung sein. — — —

Um sechs Uhr morgens stand er vor dem königlichen Schlosse an der Place de Meir, wo der Prinz-Admiral sein Quartier aufgeschlagen hatte. König Leopold hatte ihm das Schloß als Wohnung angeboten.

Trotz der frühen Stunde wurde Heideck sofort in das Arbeitskabinett des Prinzen geführt.

„Königliche Hoheit,“ sagte Heideck, „ich bringe eine Meldung von größter Wichtigkeit. Diese Ordre der englischen Admiralität ist in meine Hände gefallen.“

Der Prinz wies ihm einen Platz neben seinem Schreibtisch an.

„Lesen Sie mir bitte die Ordre vor, Herr Major!“

Heideck verlas das bedeutungsvolle Schriftstück:

‚Den Lords der Admiralität erscheint es wünschenswert, die deutsche Flotte als die schwächere zuerst anzugreifen. Dieser Angriff auf die deutsche Flotte muß ausgeführt werden, bevor die russische im stande ist, ihr im Hafen von Kiel zu Hilfe zu kommen. Daher ist am 15. Juli ein gleichzeitiger Angriff auf die beiden Stellungen der deutschen Flotte zu richten.‘

„Am 15. Juli?“ wiederholte der Prinz, der sich in großer Erregung erhoben hatte. „Und heute haben wir den elften! Wie sind Sie in den Besitz dieser Ordre gekommen, Herr Major? Welche Beweise haben Sie für die Echtheit dieses Schriftstückes?“

„Ich habe die triftigsten Gründe, Königliche Hoheit, es für echt zu halten. Königliche Hoheit wollen sich überzeugen, daß diese Ordre auf dem blauen Stempelpapier der englischen Admiralität geschrieben ist.“

„Sehr wohl, Herr Major! — Aber das würde eine Fälschung doch nicht ausschließen. Wie kamen Sie in den Besitz des Papiers?“

„Königliche Hoheit wollen mir gnädigst eine Erklärung darüber erlassen.“

„Dann lesen Sie weiter!“

Heideck folgte diesem Befehl:

‚Am genannten Tage hat die Flotte von Kopenhagen den Kieler Hafen anzugreifen. Zwei Linienschiffe legen sich vor die Festung Friedrichsort und das Fort Falkenstein auf der westlichen Seite, zwei andere Linienschiffe vor die Festungswerke bei Labö und Möltenort auf der östlichen Seite der Kieler Förde und unterhalten ein so intensives Feuer auf die Festungswerke, daß die übrige Flotte hinter ihnen und in ihrem Schutze in den Hafen einfahren kann.

Im Kieler Hafen liegen etwa hundert Transportschiffe und einige ältere Panzerschiffe und Kreuzer, die dem Angriff unserer Flotte keinen ernstlichen Widerstand entgegensetzen können. Alle diese Schiffe müssen mit äußerster Schnelligkeit und Wucht angegriffen werden. Es ist das Hauptaugenmerk darauf zu richten, daß ein Linienschiff sogleich bis zum Eingang des Kaiser-Wilhelm-Kanals vordringt, um den deutschen Schiffen den Rückzug durch diesen Kanal abzuschneiden. Sämtliche im Hafen liegenden deutschen Schiffe sind zu zerstören. Der Angriff ist dadurch einzuleiten, daß einige Kreuzer der übrigen Flotte voran in die Kieler Förde einlaufen, ohne Rücksicht darauf, daß sie durch Seeminen in die Luft gesprengt werden könnten. Diese Fahrzeuge sind eventuell zu opfern, um die Einfahrt frei zu machen.

Zum Angriff auf die deutsche Flotte in der Schelde, der ebenfalls am 15. Juli erfolgen muß, hat Vizeadmiral Domvile aus den Kanalgeschwadern und der Kreuzerflotte eine Flotte von zwei Divisionen zu bilden.

Die erste Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Bulwark‘ (Flaggschiff des Vizeadmirals Domvile), ‚Albemarle‘, ‚Duncan‘, ‚Montagu‘, ‚Formidable‘, ‚Renown‘, ‚Irresistible‘ und ‚Hannibal‘. Ferner aus den Kreuzern ‚Bacchante‘ (Kontreadmiral Walker), ‚Gladiator‘, ‚Najad‘, ‚Hermione‘, ‚Minerva‘, ‚Rainbow‘, ‚Pegasus‘, ‚Pandora‘, ‚Aboukir‘, ‚Vindictive‘ und ‚Diana‘.

Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Dragon‘, ‚Griffon‘, ‚Panther‘, ‚Locust‘, ‚Boxer‘, ‚Mallard‘, ‚Coquette‘, ‚Cygnet‘ und ‚Zephyr‘.

Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff werden der Division zugeteilt.

Die zweite Division ist zu bilden aus den Linienschiffen: ‚Majestic‘ (Vizeadmiral Lord Beresford), ‚Magnificent‘ (Kontreadmiral Lambton), ‚Cornwallis‘, ‚Exmouth‘, ‚Russell‘, ‚Mars‘, ‚Prince George‘, ‚Victorious‘ und ‚Caesar‘.

Ferner aus den Kreuzern: ‚St. George‘ (Kommodore Winsloe), ‚Sutley‘, ‚Niobe‘, ‚Brillant‘, ‚Doris‘, ‚Furious‘, ‚Pactolus‘, ‚Prometheus‘, ‚Juno‘, ‚Pyramus‘ und ‚Pioneer‘.

Ferner aus den Torpedobootzerstörern: ‚Myrmidon‘, ‚Chamois‘, ‚Flying Fish‘, ‚Kangaroo‘, ‚Desperate‘, ‚Fawn‘, ‚Ardent‘, ‚Ariel‘ und ‚Albatroß‘.

Ferner aus zwei Torpedobootflottillen.

Zwei Munitionsschiffe, zwei Kohlenschiffe und ein Lazarettschiff sind der Division zuzuteilen.

Ein Geschwader unter dem Kommodore Prinz Louis von Battenberg (Flaggschiff: ‚Implacable‘) bleibt in Reserve, um die etwaige Annäherung einer französischen Flotte zu beobachten. Für den Fall, daß eine solche sich zeigt, hat die erste Division sich mit diesem Reservegeschwader unter dem Oberbefehl des Vizeadmirals Domvile zu vereinigen und die französische Flotte mit aller Energie anzugreifen, während es der zweiten Division überlassen bleibt, den Kampf mit der deutschen Flotte aufzunehmen. Die für den Angriff der ganzen Flotte gegebenen Befehle gelten alsdann allein für die zweite Division. Seiner Majestät Regierung erwartet, daß die Division im stande sein wird, auch ohne Hilfe der ersten Division den Feind zu besiegen. Sobald die Aufklärungsschiffe der zweiten Division die deutschen Wachtschiffe aus der Mündung der Westerschelde vertrieben haben, hat die linke Flügelgruppe der Schlachtschiffe das Feuer auf Vlissingen, die rechte auf die Landbefestigungen des südlichen Ufers zu eröffnen. Doch halten sich die Flügel nicht auf, sondern dampfen mit der übrigen Flotte weiter, und die ganze Division dringt bis gegen Antwerpen oder so weit vor, bis sie die deutsche Schlachtflotte trifft. Diese Flotte ist mit äußerster Energie anzugreifen.

Die näheren Bestimmungen über die Art des Angriffs bleiben dem Vizeadmiral Domvile überlassen.

Sollte sich wider Erwarten die deutsche Schlachtflotte beim Beginn des Angriffs in der Scheldemündung zu einem Vorgehen ihrerseits entschließen, so muß der kommandierende Admiral den Umständen gemäß nach eigenem Ermessen handeln, wobei in erster Linie zu berücksichtigen ist, daß mehr daran liegt, möglichst viele deutsche Schiffe wegzunehmen, als sie zu zerstören, um die genommenen Schiffe für den weiteren Verlauf des Krieges im eigenen Dienst zu verwenden.‘

Schweigend war der Prinz-Admiral dieser Vorlesung gefolgt. Deutlich spiegelte sich auf seinem Antlitz die Erregung wieder, in die das Gehörte ihn versetzt hatte.

„Eine starke innere Wahrscheinlichkeit spricht für die Echtheit dieser Ordre,“ sagte er nachdenklich, „aber ich möchte dafür doch noch andere und zuverlässigere Beweise haben; denn die Möglichkeit einer absichtlichen Irreführung ist nicht ausgeschlossen. Woher stammt dieses Schriftstück, Herr Major?“

„Königliche Hoheit haben bereits meine untertänigste Meldung darüber erhalten, daß ich den Schiffer Brandelaar, den ich als englischen Spion verhaftet hatte, bewogen habe, fortan in unserem Interesse tätig zu sein. Brandelaars Boot hat diese Ordre gebracht.“

„Wo ist dieser Mann?“

„Sein Boot liegt im Hafen von Vlissingen.“

„Und auf welche Weise will Brandelaar in den Besitz dieses Schriftstückes gelangt sein?“

„Nicht Brandelaar selbst hat mir die Ordre übergeben, sondern eine Dame, eine Engländerin, die mit ihm von Dover herübergekommen ist. Meine Ehre legt mir Schweigen auf. Ich darf den Namen dieser Dame nicht nennen, aber ich hege die feste Ueberzeugung und glaube, mich dafür verbürgen zu können, daß das Schriftstück im Bureau des Admirals Hollway wortgetreu nach dem Original kopiert worden ist.“

„Man wird wohl bald Mittel und Wege finden, sich darüber zu vergewissern, ob die britische Flotte Vorbereitungen zur Ausführung dieser Ordre trifft. Jedenfalls wäre dann endlich der Zeitpunkt zu energischem Handeln gekommen. Seine Majestät hat ein ähnliches Vorgehen der britischen Flotte vorausgesehen, und wir haben nunmehr den Plan des allerhöchsten Kriegsherrn auszuführen. — Ich danke Ihnen, Herr Major!“

Heideck verneigte sich und wandte sich zum Gehen. Er fühlte, daß es mit seinen Kräften beinahe zu Ende sei, und bewahrte nur noch mit Mühe seine straffe, militärische Haltung.

Als er schon auf der Schwelle stand, kehrte der Prinz sich ihm noch einmal zu:

„Ich glaube Ihnen eine Ehre damit zu erweisen, Herr Major, wenn ich Ihnen Gelegenheit gebe, dem großen Ehrentage unserer jungen Flotte in meiner unmittelbaren Umgebung als Augenzeuge beizuwohnen. Melden Sie sich am Morgen des 15. Juli bei mir an Bord meines Flaggschiffes. Für die Besetzung Ihres jetzigen Postens werde ich Sorge tragen.“

„Königliche Hoheit sind sehr gnädig!“

„Sie haben Anspruch auf meinen Dank. Auf Wiedersehen also, Herr Major!“

Ohne eine Minute zu verlieren, berief der Prinz den diensttuenden Adjutanten und erteilte ihm den Befehl, sofort mehrere Kopieen des englischen Flottenplanes anfertigen zu lassen.

Eine dieser Kopieen war für den kommandierenden Admiral der französischen Flotte in Cherbourg bestimmt, und dem Feldjäger, der das Papier überbringen sollte, gab der Prinz ein eigenhändiges Schreiben mit, worin er den Admiral dringend ersuchte, alles daran zu setzen, um mit einer möglichst starken Schlachtflotte am 15. früh vor Vlissingen erscheinen zu können und der deutschen Flotte in ihrem Kampf gegen die überlegene englische Flotte zu Hilfe zu kommen.

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
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