XXIX.
Reading edition
Nach der mit Heideck getroffenen Verabredung sollte Brandelaar bei seiner Rückkehr von Dover in Vlissingen anlegen, und der Major hatte die Wachtschiffe in der Mündung der Westerschelde angewiesen, die Smack unbehelligt und ohne Aufenthalt passieren zu lassen. Aber er wartete von Tag zu Tag vergeblich auf den Schiffer. Das Wetter konnte nicht an der Verzögerung schuld sein; denn für einen Mann von Brandelaars Wagemut war es gewiß nicht zu schlecht gewesen. Fast während der ganzen Zeit hatte ein mäßiger Nordwind geweht, so daß ein geschickter Schiffer die Fahrt von Dover nach Vlissingen recht wohl in einem Tage hätte zurücklegen können.
Es mußten also andere Ursachen sein, die den Mann noch immer drüben zurückhielten. Und Heideck fing schon an zu fürchten, daß entweder seine oft bewährte Menschenkenntnis ihn diesmal doch im Stiche gelassen habe, oder daß Brandelaar in England das Opfer irgend einer Unvorsichtigkeit geworden sei.
Für heute — es war eine volle Woche seit der Abfahrt des Schiffers vergangen — hoffte er am allerwenigsten auf seine Wiederkehr. Denn der Nordwind hatte sich gegen Abend fast bis zum Sturm gesteigert und rüttelte ungeberdig an den Fenstern des Hotelzimmers, in dem Heideck noch um Mitternacht am Schreibtisch saß.
Ein leises Klopfen veranlaßte ihn von seiner Arbeit aufzusehen. Wer konnte noch in dieser späten Stunde zu ihm kommen? Eine Ordonnanz aus seinem Tag und Nacht geöffneten Bureau war es sicherlich nicht, denn Soldatenfinger pflegen kräftiger zu klopfen.
Auf sein ‚Herein‘ öffnete sich zögernd die Tür, und Heideck sah in dem matt erleuchteten Korridor eine schlanke Gestalt in langem Wachstuchmantel mit großem Schifferhute, dessen Krempe tief in die Stirne gedrückt war.
Von einer tollen Vermutung durchzuckt, sprang Heideck auf. Noch in demselben Augenblick aber riß der vermeintliche Jüngling den Hut herab und breitete mit einem Jubelschrei die Arme aus:
„Mein teurer — mein geliebter Freund!“
„Edith!“
In diesem Augenblick verstummten in Heidecks Innern alle andern Gedanken und Gefühle vor der übermächtigen Freude des Wiedersehens. Er stürzte auf Edith zu und riß sie an seine Brust. Lange sprachen beide kein Wort. Aber sie wurden nicht müde, sich zu küssen und einander lachend wie übermütige Kinder in die Augen zu sehen.
Dann endlich, sich langsam aus seinen Armen befreiend, sagte Edith:
„Du zürnst mir also nicht, daß ich trotz deines Verbots gekommen bin? Du wirst mich nicht wieder von dir weisen?“
Ihre Stimme drang ihm ins Ohr wie süße, schmeichelnde Musik. Wo wäre der Mann gewesen, der dieser bestrickenden Stimme hätte widerstehen können?
„Ich möchte dir wohl zürnen, mein Lieb, aber ich kann nicht — bei Gott, ich kann es nicht!“
Und wieder begegneten sich ihre Lippen in einem langen, glühenden Kusse.
„Ich hätte nicht länger leben können ohne dich,“ flüsterte das junge Weib. „Ich mußte dich wiedersehen, oder ich wäre an meiner Sehnsucht gestorben.“
„Du Süße, Einzige! — Aber diese Verkleidung? — Und wie hast du es nur angefangen, über den Kanal zu kommen?“
„Ich habe den Weg eingeschlagen, den du mir gezeigt hast. — Und meine Verkleidung — mißfällt sie dir gar so sehr?“
Sie hatte den häßlichen, entstellenden Mantel abgeworfen und stand in einem dunkelblauen Matrosenanzug vor ihm. Selbst in der malerischen Kleidung eines indischen Radjah war sie ihm nicht reizender erschienen.
„Was mir daran mißfällt ist nur, daß auch andere Augen als die meinigen dich darin sehen durften. Aber du bist mir noch immer die Erklärung schuldig geblieben, wie du hierher gelangen konntest.“
„Mit deinem Liebesboten, deinem Postillon d’amour, der freilich etwas ungeschlacht und unbeholfen war für eine so zarte Mission.“
„Wie? Mit Brandelaar kamst du?“ rief Heideck überrascht.
„Ja! Schon in dem Augenblick, da ich deinen Brief aus seiner groben Seemannsfaust empfing, war mein Entschluß gefaßt. Ich fragte ihn, ob er nach Vlissingen zurückkehre, und als er es bejahte, erklärte ich, daß er mich mitnehmen müsse, es koste was es wolle. Ich würde ihm unbedenklich mein ganzes Vermögen für die Ueberfahrt bezahlt haben. Aber der Gute hat es sehr viel billiger getan.“
„Du Unbesonnene!“ schalt Heideck. Aber der Stolz auf sein schönes, unerschrockenes Lieb leuchtete ihm dabei hell aus den Augen. „Ich werde diesem Brandelaar ernsthafte Vorwürfe machen müssen, daß er seine Hand zu einem so gefährlichen Spiel bieten konnte. Warum aber hat er so lange mit der Rückkehr gezögert?“
„Ich glaube, er hatte allerlei Geschäfte geheimnisvoller Art. Und nicht er allein. Auch ich hatte meine Geschäfte. Denn ich wollte nicht mit leeren Händen zu dir kommen, mein Freund!“
„Nicht mit leeren Händen? Wie soll ich das verstehen?“
„Ich zerbrach mir den Kopf, womit ich dir wohl eine recht große Freude machen und deinen Zorn über mein plötzliches Erscheinen beschwichtigen könnte — diesen schrecklichen Zorn, vor dem ich eine solche Angst hatte. Und da ich von Brandelaar hörte, daß es deine Aufgabe sei, militärische Geheimnisse auszukundschaften —“
„Der gute Brandelaar ist ein Schwätzer. Es scheint ja, daß deine schönen Augen ihn verleitet haben, dir sein ganzes Herz auszuschütten.“
„Und wenn es so gewesen wäre?“ fragte sie mit schelmischem Lächeln. „Hättest du dann nicht alle Ursache, dich bei ihm wie bei mir dafür zu bedanken? — Aber freilich — du weißt ja noch nicht einmal, was ich dir mitgebracht habe. Bist du denn gar nicht neugierig?“
„Doch nicht etwa ein militärisches Geheimnis?“
Er sagte es in scherzendem Tone. Sie aber nickte mit wichtiger Miene.
„Jawohl — ein großes Geheimnis. Der Zufall war mein Bundesgenosse, sonst wäre ich schwerlich dazu gekommen. Da ist es! — Aber sei gewiß, daß ich eine entsprechende Belohnung dafür verlangen werde.“
Sie hatte ihm einen verschlossenen Umschlag gereicht, den sie so lange unter ihrer Kleidung verborgen gehalten hatte. Und als Heideck in wachsender Spannung das darin befindliche Blatt entfaltete, erkannte er auf den ersten Blick das blaue Stempelpapier der englischen Admiralität.
Sobald er die ersten Zeilen gelesen, fuhr er in heftigster Erregung auf. Sein Gesicht war dunkelrot geworden, und zwischen seinen Augenbrauen lag plötzlich eine scharfe, tiefeingeschnittene Falte.
„Was ist das?“ stieß er hervor. „Um Gottes willen, Edith, wie kamst du zu diesem Papier?“
„Wie ich dazu kam? — Ach, das ist doch ganz nebensächlich. Die Hauptsache ist doch, ob es für dich einen Wert hat oder nicht. Aber freust du dich denn nicht darüber?“
Wie hypnotisiert starrte Heideck noch immer auf das mit den gleichmäßigen Zügen einer geübten Kanzlistenhand beschriebene Blatt.
„Unfaßbar!“ murmelte er. Und dann, indem er seine Augen plötzlich mit einem beinahe drohenden Blick auf Edith richtete, wiederholte er:
„Wie bist du dazu gekommen?“
„Du fragst wie ein Untersuchungsrichter. Aber du magst es in Gottes Namen wissen. Der Bruder der Frau, bei der ich in Dover wohnte, ist als Geheimsekretär bei der Admiralität angestellt — ein armer, brustkranker Mensch, der keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als den, sich auf Madeira oder in Aegypten von seinem Leiden zu kurieren. Ich habe durch die Gewährung der hierzu erforderlichen Mittel ein menschenfreundliches Werk getan. Ich bat ihn, mir gegen ein weiteres Geldgeschenk die Kopie eines wichtigen Schriftstückes seines Ressorts zu geben.“
Sie brach plötzlich ab, denn ein kurzes, schneidendes Auflachen Heidecks hatte sie mit Schrecken und Bestürzung erfüllt.
„Ein menschenfreundliches Werk!“ wiederholte er im Tone unsäglicher Bitterkeit. „Ja, wußtest du denn auch, was dieser Mensch dir da verkaufte?“
„Er sagte, es sei der Plan des englischen Flottenangriffs, und ich dachte, das würde dich interessieren.“
„Aber du warst dir der Tragweite deiner Handlung nicht bewußt, nicht wahr? du ahntest nicht, daß deinem Vaterlande ein unberechenbarer Schaden erwachsen könnte, wenn dieser Plan zur Kenntnis seiner Feinde gelangte?“
Etwas wie eine furchtbare Angst zitterte aus seiner Stimme. Edith aber schien seine Aufregung nicht zu begreifen.
„Ich verstehe dich immer weniger,“ sagte sie ungeduldig. „Hier gibt es doch nur zweierlei: Entweder hat dies Papier Bedeutung für dich, und dann solltest du mir umsomehr Dank wissen, je wichtiger es dir erscheint. Oder der Schreiber hat mich hinsichtlich seines Wertes getäuscht. Und dann verlohnt es nicht der Mühe, noch ein Wort weiter darüber zu verlieren.“
„Siehst du es so an, Edith?“ fragte er traurig. „Nur so? Dachtest du nur an dich und an mich, als du mit deinem Golde einen Unglücklichen bestachst, das schimpflichste aller Verbrechen zu begehen?“
„O, du hast starke Ausdrücke, Liebster! Ich war, bei Gott, auf derartige Vorwürfe nicht gefaßt. Gewiß dachte ich nur an dich und an mich, und ich schäme mich nicht im geringsten, es einzugestehen. Denn für mich gibt es eben auf der Welt nichts Wichtigeres als unsere Liebe.“
„Und dein Vaterland, Edith? — Gilt es dir nichts?“
„Mein Vaterland — was ist das? Ein Stück Erde mit Steinen, Bäumen, Tieren und Menschen, die mir gleichgültig sind, denen ich nichts verdanke und nichts schuldig bin. Warum sollte ich sie mehr lieben, als die Bewohner irgend eines anderen Himmelstriches, unter denen es ebensoviele Gute und Schlechte gibt wie unter ihnen? Ich bin eine Engländerin — nun gut: — Aber ich bin auch eine Christin. Und wer dürfte mich verdammen, wenn mir die Gebote des Christentums heiliger wären als alle engherzigen, nationalen Rücksichten? Wenn der Besitz dieses Papieres euch wirklich zu den Stärkeren machte — wenn England statt des erhofften Sieges, der den Krieg ins Endlose verlängern würde, auch hier eine Niederlage davontrüge — was wäre für die Menschheit damit verloren? Man würde vielleicht um so eher Frieden schließen, und in gerechtem Stolz auf meine Tat würde ich mich dann vor aller Welt zu ihr bekennen.“
Heideck hatte sie nicht unterbrochen, aber sie sah, daß ihre Worte keinen Weg gefunden hatten zu seinem Herzen. Mit düsterer Miene stand er vor ihr, schwer atmend, wie einer, dem eine schwere Last die Brust beengt.
„Vergib — aber ich vermag deinem Gedankengang nicht zu folgen,“ sagte er mit einem traurigen Kopfschütteln. „Es gibt Dinge, die sich nicht beschönigen lassen, welches Mäntelchen auch immer man ihnen umhängen mag.“
„Nun denn, wenn es deiner Meinung nach etwas so Ungeheuerliches war, was ich getan habe — was hindert uns dann, es ungeschehen zu machen? Gib mir das Papier zurück, ich werde es vernichten. Dann wird niemand durch meinen Verrat einen Schaden erleiden.“
Sie streckte ihren Arm nach dem Schriftstück aus, das Heideck noch immer in den Händen hielt. Aber er gab es ihr nicht, sondern barg es in der Brusttasche seines Uniformrocks.
„Dazu ist es zu spät. Jetzt, da ich weiß, was dieses Blatt enthält, gebietet mir mein Pflichtgefühl als Offizier, mich seiner auch zu bedienen. Du hast mich hier in einen furchtbaren Zwiespalt mit mir selbst gebracht.“
„Ah, ist das deine Logik? Dein Ehrgefühl verbietet dir nicht, die Früchte meines Verrats zu ernten; die Verräterin aber strafst du mit dem ganzen Gewicht deiner Verachtung.“
Er vermied es, ihrem flammenden Blick zu begegnen.
„Ich sagte nicht, daß ich dich verachte, aber — —“
„Nun, was willst du anderes sagen?“
„Nochmals — ich verachte dich nicht, aber es entsetzt mich, zu sehen, wessen du fähig bist.“
„Ist das nicht mit anderen Worten dasselbe? Man kann das Weib nicht lieben, vor dessen Handlungsweise man sich entsetzt. Sage mir’s doch frei heraus, daß du mich nicht mehr lieben kannst!“
„Es wäre eine Lüge, Edith, wenn ich es sagte. Unser Glück hast du getötet, nicht aber meine Liebe.“
Sie hörte von seiner Erwiderung nichts als die letzten Worte, und mit hell aufleuchtendem Blick warf sie sich an seine Brust.
„So schilt mich nach Gefallen, du strenger Mann! Ich will geduldig alles hinnehmen, wenn ich nur weiß, daß du mich noch liebst und daß du mein sein wirst, ganz mein, sobald dieser entsetzliche Krieg sich nicht mehr wie ein Schreckgespenst immer aufs neue zwischen uns drängt.“
Er hatte ihre Liebkosungen nicht erwidert, und nun drängte er sie mit sanfter Gewalt von sich.
„Verzeih, wenn ich dich jetzt verlassen muß,“ sagte er mit seltsam gepreßter Stimme, „aber ich muß mit Tagesanbruch in Antwerpen sein.“
„Ist es wirklich so dringend? Darf ich dich denn nicht begleiten?“
„Nein, das ist nicht möglich, denn ich werde auf einer Lokomotive fahren müssen.“
„Und wann kehrst du hierher zurück?“
Heideck wandte sein Gesicht ab.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht entsendet man mich weit fort von hier, so daß ich keine Möglichkeit finde, mich vorher von dir zu verabschieden.“
„Mit anderen Worten — du willst mich nicht wiedersehen? — Du schweigst? — Du hast nicht das Herz, mich zu belügen! Muß ich dich daran erinnern, daß du geschworen hast, mir zu gehören, wenn du in diesem Kriege das Leben behieltest?“
„Wenn ich das Leben behielte — ja!“
Der Ton seiner Erwiderung hatte sie getroffen wie ein Schlag. Und sie brauchte ihm nicht einmal mehr ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, was in seinem Inneren vorging. Jetzt erst hatte sie begriffen, daß es keine Hoffnung mehr für sie gab. Heideck hatte nicht gelogen, als er sagte, daß er sie noch immer liebte, und der Abscheu, den er vor ihrer Handlungsweise empfand, entband ihn vor dem eigenen Gewissen nicht von seinem Wort. Aber da er es doch zugleich als eine unumstößliche Gewißheit empfand, daß er die Verräterin ihres Vaterlandes nimmermehr zu seinem Weibe machen könnte, drängte seine Auffassung von der Ehre des Mannes und des Offiziers ihn auf den einzigen Weg, der ihn aus diesem furchtbaren Widerstreit der Pflichten hinausführte.
Er hatte geschworen, sie zu heiraten, wenn er lebend aus diesem Krieg hervorginge. Und weil er seinen Schwur so wenig brechen wollte, als er ihn halten konnte, war er in diesem Augenblick entschlossen, den Zwiespalt dadurch zu lösen, daß er den Tod suchte, den zu finden sein Beruf ihm so leicht machte. Mit dem Scharfblick des liebenden Weibes las Edith in seiner Seele wie in einem offenen Buche. Und sie kannte ihn so gut, daß sie sich keinen Augenblick der Illusion hingab, durch Bitten oder durch Tränen seinen Sinn zu ändern. Sie wußte, daß dieser Mann im stande war, alles für sie zu opfern — nur nicht seine Ehre. Und nie war ihre Seele mehr erfüllt gewesen von demütiger Bewunderung, als in dem Augenblick, da die Erkenntnis, ihn für immer verloren zu haben, einen dunklen Schleier über all ihre sonnigen Zukunftshoffnungen breitete.
Sie sprach kein Wort. Und nun, da ihr Schweigen ihn veranlaßte, ihr sein Gesicht wieder zuzuwenden, sah sie den Ausdruck namenloser Qual in seinen sonst so beherrschten Zügen. Da erwuchs auch in ihr die Kraft des großen, befreienden, opfermutigen Entschlusses. Und aus den Niederungen egoistischer Leidenschaft erhob sich ihre Seele zu der Höhe selbstlosen Entsagens. Nie aber war es ihre Art gewesen, nur halb zu tun, was zu vollbringen sie sich einmal vorgenommen hatte. Was hier geschehen mußte, durfte nicht feige hinausgezögert werden, und kein weichmütiger Abschied durfte Heideck erraten lassen, daß ein Erkennen seiner Absichten ihre Handlungsweise bestimmt hatte.
Mit jener heroischen Selbstüberwindung, deren in solcher Lage vielleicht nur ein Weib fähig ist, zwang sie sich zu äußerer Gelassenheit und Ruhe.
„Dann hege ich keine Besorgnisse mehr wegen unserer Zukunft, mein Freund,“ sagte sie mit einem schmerzlichen Lächeln nach langem Schweigen. „Und ich will dich jetzt nicht länger zurückhalten; denn ich weiß ja, daß deine soldatischen Pflichten dir über alles andere gehen müssen. Ich bin glücklich, daß es mir vergönnt war, dich wiederzusehen. Um der Erfüllung deiner Pflicht in dieser ernsten, kriegerischen Zeit nicht hinderlich im Wege zustehen, gebe ich dich frei. Vielleicht führt deine Liebe dich einst freiwillig zu mir zurück. Doch nun lebe wohl.“
Ihr plötzlicher Entschluß und die Ruhe, mit der sie sich in die abermalige Trennung fügte, mußten ihm nach dem Vorhergegangenen fast unbegreiflich erscheinen. Aber ihr schönes Gesicht verriet so wenig von der verzweifelten Hoffnungslosigkeit ihres Herzens, daß er nach kurzer Ungewißheit auch diese seltsame Wandlung hinnahm, wie so viele andere Ueberraschungen, die ihre rätselhafte Natur ihm schon bereitet hatte.
Sie hatte mit so ruhiger Festigkeit gesprochen, daß er ihren Entschluß unmöglich länger für die Eingebung einer trotzigen oder zornigen Laune halten konnte.
„Um Gottes willen! Was hast du vor, Edith?“
„Ich werde eine Gelegenheit suchen, morgen nach Dover zurückzukehren. Hier würde ich dir doch nur im Wege sein.“
„Wir würden uns dann also vor deiner Abreise nicht mehr sehen?“
„Du selbst, mein Freund, sagtest ja, daß wenig Aussicht darauf vorhanden wäre.“
„Ich bin nicht Herr über mich selbst — und diese Nachricht —“
„Es bedarf keiner Entschuldigung, und die Rücksicht auf mich soll dich nicht in der Ausübung deiner dienstlichen Pflichten behindern. Noch einmal denn: Lebe wohl, mein Teurer, mein geliebter Freund! Der Himmel schütze dich!“
Sie warf sich an seine Brust und küßte ihn; doch nur für wenige Sekunden umschlang ihr weicher Arm seinen Nacken. Sie wollte nicht schwach werden, und doch fühlte sie, daß sie nicht lange mehr die Kraft haben würde, sich zu beherrschen. Hastig raffte sie ihren Wachstuchmantel vom Boden auf und griff nach dem Schifferhute. Wohl hatte Heideck das heiße Verlangen, ihr noch etwas Liebes und Zärtliches zu sagen, aber es war, als ob ihm von einer unsichtbaren Faust die Kehle zusammengepreßt würde, und er brachte nichts anderes über die Lippen, als ein merkwürdig trocken klingendes:
„Lebe wohl, mein Lieb! — Lebe wohl!“
Als er die Tür hinter ihr zufallen hörte, machte er eine ungestüme Bewegung, wie wenn er ihr nachstürzen und sie zurückhalten wollte. Aber nach dem ersten Schritt blieb er stehen und preßte die zur Faust geballte Linke fest auf das stürmisch pochende Herz. Ein Ausdruck unbeugsamer Entschlossenheit war auf seinem gleichsam versteinerten Gesicht, und um seine Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, scharfe Linien eingegraben, als wäre er innerhalb dieser einzigen Stunde um ein Jahrzehnt gealtert.
