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Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XXX.

Reading edition

Der Schiffer Brandelaar hatte Edith den Namen des am Hafen gelegenen Gasthofes genannt, in dem ihn eine Nachricht Heidecks noch während der Nacht erreichen würde, denn er mußte voraussehen, daß der Major den Wunsch haben würde, ihn so bald als möglich zu sprechen.

Nun war er nicht wenig überrascht, als er statt des erwarteten Boten seinen schönen, verkleideten Passagier in das niedere, verräucherte Schänkzimmer eintreten sah, und er ging Edith mit einer gewissen unbeholfenen Ritterlichkeit entgegen, um sie vor der Neugier und den Zudringlichkeiten der Männer zu schützen, die mit ihm am Tische gesessen hatten, und deren verwitterte Gesichter ebensowenig vertrauenerweckend aussahen, als ihre teerduftende, von Wind und Wetter arg mitgenommene Kleidung.

Er wollte eine verwunderte Frage an sie richten, aber Edith kam ihm zuvor.

„Ich muß noch in dieser Nacht nach Dover zurück,“ sagte sie leise und hastig. „Wollen Sie mich hinüber bringen? — Ich zahle Ihnen dafür, was Sie verlangen.“

Bedächtig, aber mit aller Entschiedenheit schüttelte der Schiffer den Kopf.

„Unmöglich! — Auch wenn ich schon wieder von hier fortkönnte, bei diesem Wetter würde es doch nicht gehen.“

„Es muß gehen. Das Wetter ist nicht so schlecht. Und ich weiß, daß Sie nicht der Mann sind, der sich vor einem Sturm fürchtet.“

„Fürchten — nein! — Und es mag wohl sein, daß ich mit meiner Smack schon schlimmere überstanden habe als diesen. Aber es ist etwas anderes um die Gefahr, mit der man fertig werden muß, weil man ihr nicht entrinnen kann, und um die, der man sich leichtsinnig aussetzt. Wenn ich auf der Fahrt bin, mag kommen, was Gott gefällt; aber so — —“

„Keine Worte, Brandelaar,“ fiel Edith ihm ungeduldig in die Rede. „Wenn Sie selber nicht fortkönnen oder nicht fahren wollen, unter Ihren Bekannten hier wird es doch sicher einen geben, der mutig und gescheit genug ist, sich auf leichte Art ein paar hundert Pfund zu verdienen.“

In den kleinen Augen des Schiffers leuchtete es auf.

„Ein paar hundert Pfund? Liegt Ihnen wirklich so viel daran, noch heute von Vlissingen fortzukommen? Wir sind ja doch kaum gelandet!“

„Ja, es liegt mir sehr viel daran. Und ich sagte Ihnen schon, daß es mir ganz gleichgültig ist, wieviel es kostet.“

Der Schiffer, der offenbar schwankend geworden war, rieb sich nachdenklich das Kinn.

„Hm! — Ich selber könnte es allerdings nicht machen. Ich habe wichtige Nachrichten für den Herrn Major, und er würde es mir mit Recht verübeln, wenn ich auf und davon ginge, ohne ihn auch nur gesprochen zu haben. Aber vielleicht — vielleicht könnte ich einen Schiffer ausfindig machen, der sich auf das Wagestück einließe, vorausgesetzt, daß auch für mich etwas dabei abfiele.“

„Gewiß — gewiß! Ich begehre Ihre Gefälligkeit nicht umsonst. Fünfzig Pfund für Sie in dem Augenblick, wo ich meinen Fuß in das Boot setze.“

„Wohl! — Und zweihundert für den Schiffer und seine Leute — nicht wahr? Die Männer setzen ihr Leben aufs Spiel — das dürfen Sie nicht vergessen. Und sie müssen es außerdem verteufelt geschickt anstellen, wenn sie unbemerkt an den deutschen Wachtschiffen vorbeikommen sollen.“

„Ja doch — ja! Weshalb verlieren wir so viel Zeit mit dieser überflüssigen Verhandlung! Hier ist das Geld — nun schaffen Sie mir ein Boot!“

„Gehen Sie dort hinein,“ sagte Brandelaar, auf die Tür eines kleinen, dunklen Nebenzimmers deutend. „Ich will versuchen, ob es mein Freund van dem Bosch tut.“

Edith warf, ehe sie seiner Aufforderung Folge leistete, einen Blick zu dem Manne hinüber, auf den er mit einer Bewegung des Kopfes hingewiesen hatte. Von gewinnender äußerer Erscheinung war dieser vierschrötige Seebär sicherlich nicht, aber sein abschreckendes Aussehen vermochte Edith nicht eine Sekunde lang in ihrem Entschluß zu beirren.

„Gut — reden Sie mit Ihrem Freunde, Brandelaar! Aber sorgen Sie, daß, ich nicht zu lange auf seine Zusage warten muß.“

Und der wackere Brandelaar mußte in der Tat ein sehr wirksames Mittel der Ueberredung gefunden haben, denn es waren noch kaum zehn Minuten vergangen, als er Edith melden konnte, daß van dem Bosch bereit sei, unter den angebotenen Bedingungen die Fahrt zu wagen. Von der Gefährlichkeit des Unternehmens sprach er jetzt nicht mehr, als fürchte er, die junge Engländerin damit von ihrem für ihn so gewinnbringenden Vorhaben abzuschrecken. Und es wurde von diesem Augenblick an überhaupt nicht mehr viel von der Sache geredet. Der Weg bis zu der Stelle, wo der Fischerkutter vor Anker lag, war nicht lang, und wacker kämpfte sich Edith zwischen den beiden Männern, die schweigend an ihrer Seite dahinstapften, gegen den in unregelmäßigen Stößen vom Meere her brausenden Nordsturm vorwärts. In einer Jolle ruderten sie zu dem Fahrzeug hinüber, und Brandelaar hatte, als er zum Quai zurückkehrte, seine fünfzig Pfund richtig in der Tasche.

„Wenn Sie der Herr Major nach mir fragt, dürfen Sie ihm getrost die volle Wahrheit mitteilen,“ hatte Edith ihm gesagt. „Und auch einen Gruß von mir sollen Sie ihm ausrichten — einen herzlichen Gruß. Vergessen Sie das nicht, Brandelaar!“

Die beiden Leute des Schiffers, die unten im Kutter schon im tiefsten Schlafe gelegen hatten, mochten nicht wenig erstaunt und sicherlich noch weniger erfreut sein über die Zumutung dieser nächtlichen Fahrt. Aber ein paar Worte, die der Schiffer in seiner für Edith unverständlichen Sprache zu ihnen gesprochen, hatten ihre Unzufriedenheit sehr schnell verscheucht. Willig griffen sie jetzt zu, um die Segel zu setzen und Anker zu lichten. Die mächtigen Fäuste des Schiffers erfaßten das Steuer; das kleine, fest gebaute Fahrzeug machte eine kurze Drehung und schoß dann, weit nach einer Seite überliegend, in die Dunkelheit hinaus.

Nahe genug kam es an der ‚Gefion‘ vorüber, und wenn es zufällig von dem Lichtkegel des Scheinwerfers getroffen worden wäre, der von Zeit zu Zeit suchend über die bewegte Wasserfläche hinhuschte, so hätte die nächtliche Fahrt jedenfalls eine sehr unliebsame Unterbrechung erfahren. Aber der Zufall war dem tollkühnen Unternehmen günstig. Kein Zuruf oder Signal von Bord des Wachtschiffes hielt sie auf, und bald waren die Lichter von Vlissingen im Dunkel verschwunden.

Edith hatte seit der Abfahrt am Mast des Fahrzeuges gestanden, den Blick unverwandt rückwärts gewendet — dahin, wo sie alles ließ, was ihrem Leben bis zu dieser Stunde Wert und Inhalt gegeben hatte. Der Schiffer und seine beiden Leute, die bei dem ungleichmäßigen Winde genug mit ihren Segeln zu tun hatten, schienen sich nicht um sie zu kümmern, und erst als plötzlich eine heftige Regenbö einsetzte, rief ihr van dem Bosch zu, ob sie nicht lieber hinunter gehen wolle, wo sie doch wenigstens gegen Wind und Wetter geschützt sei.

Aber Edith rührte sich nicht von der Stelle. Für ihre von allen Qualen einer grenzenlosen Verzweiflung durchwühlte Seele waren das Toben des Sturmes, das Klatschen des niederprasselnden Regens und das zischende Aufspritzen der an den Planken des Bootes zerschellenden Wellen gerade die rechte Musik. Der nächtliche Aufruhr um sie her stimmte so ganz zu dem Aufruhr in ihrem Innern, daß sie ihn fast wie eine Befreiung empfand. Die Kerkerenge einer niedrigen Kajüte wäre ihr jetzt unerträglich gewesen. Nur daß sie die von dem Salzduft des nahen Meeres geschwängerte Luft in vollen Zügen atmen, daß sie ihr Gesicht dem Sturm, dem Regen und dem Wogengischt preisgeben konnte, hielt ihre Kraft aufrecht. Es war wie ein physischer Kampf, den sie gegen die brutalen Gewalten der Natur zu bestehen hatte, und seine nervenaufstachelnde Wirkung half ihr wohltätig über den Jammer ihrer zerrissenen Seele hinweg.

Sie hatte keinen Maßstab für Zeit und Raum. Nur an dem orkanartigen Anschwellen des Sturmes, an dem immer wuchtiger werdenden Anprall der Wellen und dem wilderen Tanz des Bootes nahm sie wahr, daß es das offene Meer sein mußte, auf dem sie sich befand. Sie war trotz des Wachstuchmantels völlig durchnäßt, und ein Kältegefühl, das von den Füßen herauf allmählich ihren ganzen Körper erfaßte, ließ ihre Glieder erstarren. Aber sie kam trotz alledem nicht einen Augenblick in Versuchung, sich nach unten in den Kielraum zurückzuziehen. Und der Gedanke an eine Gefahr blieb ihr fern. Sie hörte die Matrosen fluchen, und zweimal schlug ein Zuruf des Schiffers an ihr Ohr, der irgend eine gebieterische Aufforderung zu enthalten schien. Aber um das alles kümmerte sie sich nicht. Wie wenn sie bereits von allem Irdischen losgelöst wäre, verhielt sie sich vollständig gleichgültig gegen das, was um sie her geschah. Je unempfindlicher ihr von der durchdringenden feuchten Kälte gelähmter Körper wurde, desto unbestimmter, traumhafter wurden alle auf sie einwirkenden Sinneseindrücke. Es war ihr, als hätte sie jeden festen Boden unter den Füßen verloren, als flöge sie auf Sturmesschwingen, frei von allen Hemmungen körperlicher Schwere, durch den unbegrenzten Raum. Und all das Brausen, Heulen, Prasseln und Plätschern der entfesselten Elemente floß ihr in ein eintöniges, majestätisches Rauschen zusammen, das nichts Erschreckendes, sondern nur noch etwas wundersam Beruhigendes für sie hatte. Ihren langsam entschwindenden Sinnen wurde der Aufruhr zur erhabenen Harmonie, und so ganz fühlte sie sich eins mit der großen, allgewaltigen Natur, daß das letzte Gefühl, dessen sie sich bewußt wurde, ein heißes, inbrünstiges Sehnen war, in dieser großen Natur aufzugehen, wie eine der ungezählten Wogen, deren Schaum im Vergehen ihre Füße netzte.

Ein Knall, der scharf wie ein Schuß das Chaos von Geräuschen übertönte — ein lautes Knattern — und ein paar wilde Flüche aus rauhen Seemannskehlen! Wie ein Korkstückchen tanzte und schwankte plötzlich das Boot auf den Wellen, während das große Segel im Sturm flatterte, als ob es in der nächsten Sekunde zu tausend Fetzen zerrissen werden müßte.

Das Pikfall war gebrochen, und die ihres Haltes beraubte Gaffel schlug mit furchtbarer Gewalt nach unten. Mit der ganzen Kraft seiner riesenstarken Arme legte sich der Schiffer in das Steuer, um das Fahrzeug an den Wind zu bringen. Die beiden anderen Männer aber arbeiteten wie Verzweifelte, um das Segel festzumachen.

An die verkleidete Frau im Wachstuchmantel, die so lange regungslos wie eine Statue am Mast gestanden, dachte in diesen Augenblicken höchster Gefahr keiner von den dreien. Erst als das schwierige Werk glücklich vollbracht war, bemerkten sie ihr Verschwinden. Mit verstörten Gesichtern sahen sie sich an. Und der Schiffer am Steuer sagte:

„Sie ist über Bord gegangen. Die Gaffel hat sie wohl an den Kopf getroffen. Da ist nichts mehr zu machen. Warum wollte sie auch an Deck bleiben!“

Er räusperte sich und spuckte nach Seemannsart ins Meer.

Die beiden anderen sprachen kein Wort. Schweigend gehorchten sie den Befehlen des Schiffers, der wieder auf die Scheldemündung zuhalten wollte.

Einen Rettungsversuch machten sie nicht. Es wäre ja auch ein völlig zweckloses Beginnen gewesen. — —

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
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