← Table of contents
Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XIX.

Reading edition

Schneller fast, als es bei der starken Beschäftigung des Telegraphen zu erhoffen gewesen war, traf aus Berlin die Weisung ein, daß der Hauptmann Heideck einstweilen in der russischen Armee Dienste tun dürfe und daß es seinem Ermessen anheimgestellt werde, die erste günstige Gelegenheit zur Rückkehr nach Deutschland zu benutzen.

Er stellte sich nunmehr dem kommandierenden General vor, wurde von ihm mit Wort und Handschlag verpflichtet, und in aller Form dem nach Simla bestimmten Detachement als Rittmeister zugeteilt.

Am nächsten Morgen schon setzte sich die Truppe unter Führung des Fürsten Tschadschawadse in Bewegung.

Der Marsch führte über den östlich von Lahore gelegenen Teil des Schlachtfeldes, auf dem sich vornehmlich die Kämpfe zwischen den Sepoys und den verfolgenden russischen Reitern abgespielt hatten.

Der Anblick, den diese zerstampfte, blutgetränkte Ebene gewährte, war traurig erschütternd. Obwohl zahlreiche Inder und russische Soldaten unter der Leitung von Armee-Gendarmen mit dem Aufsuchen der Leichen beschäftigt waren, lagen doch noch überall die teilweise schrecklich entstellten Leiber der Gefallenen in denselben Stellungen, in denen sie von dem mehr oder weniger qualvollen Tode ereilt worden waren. Ein fast unerträglicher Verwesungsgeruch erfüllte die Luft und mischte sich mit dem beizenden, atemraubenden Qualm der Scheiterhaufen, auf denen man die Leichen verbrannte.

Das Gros der russischen Armee befand sich im Lager und in der Stadt. Nur die Avantgarde, von der Verfolgung der fliehenden Engländer zurückgekehrt, war südlich der Stadt vorgeschoben. Die von Peschawar abgegangenen Verstärkungen, die mit einiger Ungeduld erwartet wurden, waren noch nicht eingetroffen.

Heideck hörte, daß etwa viertausend englische Soldaten und mehr als hundert Offiziere tot oder verwundet seien, während sich dreitausend Mann und fünfundachtzig Offiziere gefangen in den Händen der Russen befanden. Die Verluste der Sepoy-Regimenter ließen sich vorläufig nicht einmal annähernd schätzen, da sich die Kämpfe über ein zu weites Gebiet hingezogen hatten.

Fürst Tschadschawadse, der jetzt bei aller Herzlichkeit gegen Heideck doch mehr die Haltung eines militärischen Vorgesetzten angenommen hatte, erzählte während des Rittes, daß die russische Armee den Weg durch die Westprovinzen nehmen, das Industal und die dem Indus zunächst liegenden Länderstrecken aber unberührt lassen würde.

„Wir werden auf Delhi marschieren,“ äußerte er, „und dann wahrscheinlich auf Cawnpore und Lucknow vorgehen.“

Das Detachement konnte die Eisenbahn, die über Amritsar und Ambala nach Simla führt, nicht benutzen, da sie zum großen Teil von den Engländern zerstört worden war. Die Schnelligkeit des Marsches war natürlich ganz von der Leistungsfähigkeit der Infanterie abhängig. Und so sehr Heideck die Frische und Ausdauer dieser abgehärteten Soldaten bewundern mußte, kam man doch für seine Wünsche viel zu langsam vorwärts.

Wie glücklich wäre er gewesen, wenn er mit seiner Schwadron im Geschwindmarsch auf dem Wege hätte vordringen dürfen, den die unglückliche Edith hatte einschlagen müssen!

Schon am zweiten Tage zeigten sich in der Ferne deutlich schön umrissene blaue und violette Gebirgszüge: — das dem Himalaja vorgelagerte Hügelland, dessen niedrige Sommertemperatur den Vizekönig und die hohen Beamten der indischen Regierung alljährlich bestimmte, sich aus dem unerträglich heißen und dunstigen Kalkutta in das kühle und gesunde Simla zu flüchten. Auch die Familien der im Pendschab und in den westlichen Provinzen wohnenden reichen englischen Kaufleute und Beamten pflegten während der heißen Jahreszeit hier ihren Aufenthalt zu nehmen.

Die Vegetation wurde immer reicher und üppiger. Man kam durch prächtige Dschungeln, die stellenweise ganz den Eindruck künstlich angelegter Parks hervorbrachten. Scharen von Affen tummelten sich in den Banianen und Palmen und machten die waghalsigsten Sätze von einer Luftwurzel zur anderen. Die Annäherung der Soldaten schien diesen munteren Geschöpfen sehr wenig Furcht einzuflößen; denn sie blieben oft unmittelbar über ihren Köpfen sitzen und betrachteten mit ebensoviel Neugier als augenfälligem Wohlgefallen das ungewohnte militärische Schauspiel. Buntgefiederte Papageien erfüllten die Luft mit ihrem durchdringenden Gekreisch, und hier und da wurde ein Rudel Antilopen sichtbar, die indessen stets in rascher Flucht davongingen, wobei ihre merkwürdige Art, mit allen vier Beinen zugleich vom Boden empor zu springen, den wunderlichsten und ergötzlichsten Anblick gewährte.

Am dritten Tage kreuzte ein farbenbunter Reiterzug den Weg des Detachements. Es waren augenscheinlich vornehme Inder in halb einheimischer, halb englischer Kleidung auf vortrefflichen Hengsten, wie sie aus der Kreuzung von arabischem und Guzerat-Blut hervorgehen. An ihrer Spitze ritt ein prachtvoll gekleideter, dunkelbärtiger Mann auf einem Schimmel von besonderer Schönheit.

Er hielt an, um einige Worte höflicher Begrüßung mit dem russischen Obersten auszutauschen. Als er sich dann mit seinen lanzenbewehrten Reitern wieder in Bewegung gesetzt hatte, um den Blicken der Nachschauenden gar bald im dichten Dschungel zu entschwinden, winkte der Fürst Heideck an seine Seite.

„Eine Neuigkeit für Sie, Herr Kamerad! — Der vornehme Inder, mit dem ich soeben sprach, war der Maharadjah von Sabathu, und er ist eben im Begriff, seinen auf einem Jagdausfluge begriffenen Gast und Freund, den Maharadjah von Chanidigot, zu suchen.“

„Den Maharadjah von Chanidigot?“ rief Heideck mit funkelnden Augen. „Der Elende wäre also wirklich in unserer unmittelbaren Nähe?“

„Das von den beiden Fürsten aufgeschlagene Jagdlager befindet sich in unserer Marschrichtung, und der Maharadjah hat mich eingeladen, mit meinen Leuten diese Nacht dort zu kampieren. Ich hätte in der Tat nicht übel Lust, diese freundliche Einladung anzunehmen.“

„Und haben Sie ihn nicht nach Mrs. Irwin gefragt, mein Fürst?“

Das Gesicht des Obersten hatte bei dieser Frage Heidecks einen befremdlich ernsten, beinahe abweisenden Ausdruck angenommen.

„Nein.“

„Aber es ist doch mehr als wahrscheinlich, daß sie sich ebenfalls in seinem Lager befindet.“

„Wohl möglich, obwohl einstweilen noch jeder Beweis dafür fehlt.“

„Sie werden Nachforschungen nach ihr anstellen, nicht wahr? Werden den Maharadjah zwingen, uns Aufklärung über ihren Verbleib zu geben?“

„Ich dürfte ihn höchstens in höflicher Form um eine Aufklärung ersuchen. Aber auch das kann ich Ihnen noch nicht mit Sicherheit versprechen.“

Heideck war auf das Aeußerste überrascht. Er konnte sich die Wandlung in dem Benehmen des Fürsten durchaus nicht erklären. Und er wäre geneigt gewesen, seine sonderbaren Antworten für einen, freilich nicht sehr zarten Scherz zu nehmen, wenn nicht der eisige, undurchdringliche Ausdruck seines Gesichts jede derartige Vermutung von vornherein ausgeschlossen hätte.

„Aber ich verstehe nicht, mein Fürst —“ sagte er betroffen. „Sie hatten doch noch vor wenig Tagen die Güte, mir Ihren tatkräftigen Beistand in dieser Angelegenheit zu versprechen.“

„Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, die Zusage zurückzunehmen. Denn ich habe strikte Weisung von Seiner Exzellenz, alles zu vermeiden, was zu einer Reibung mit den eingeborenen Fürsten führen könnte. Daß man gerade auf die Person des Maharadjah von Chanidigot einen ganz besonderen Wert legt, war mir zur Zeit unserer Unterredung nicht bekannt. Er ist der Erste gewesen, der sich offen für Rußland erklärt hat und dessen Truppen zu uns übergingen. Der glückliche Ausgang der Schlacht bei Lahore ist vielleicht zum nicht geringen Teil ihm zu verdanken. Sie begreifen, Herr Rittmeister, daß es den übelsten Eindruck hervorrufen würde, wenn wir mit einem für uns so wichtigen Mann aus geringfügiger Ursache in Zwistigkeiten gerieten.“

„Aus geringfügiger Ursache?“ fragte Heideck ernst, und seine Augen funkelten hell auf vor Erregung.

„Nun ja, was Ihnen von so großer Bedeutung erscheint, ist doch von einem höheren politischen Standpunkte aus betrachtet sehr klein und unwichtig. Sie können unmöglich erwarten, daß die politischen Interessen eines Weltreiches den Interessen einer einzigen Dame geopfert werden, die noch dazu ihrer Nationalität nach zu unsern Gegnern gehört.“

„Sie sollte also hilflos der Bestialität dieses Wüstlings preisgegeben sein?“

Fürst Tschadschawadse zuckte die Achseln; aber er streifte zugleich den neben ihm reitenden Heideck mit einem sonderbaren Seitenblick, der ungefähr zu sagen schien:

‚Wie schwerfällig bist du doch, mein Lieber! Und wie langsam von Begriffen!‘

Der andere aber verstand diese stumme Augensprache nicht. Und nach einem kleinen Schweigen konnte er sich nicht enthalten, im Tone schmerzlichen Vorwurfs zu äußern:

„Weshalb, mein Fürst, erwirkten Sie mir so großmütig die Teilnahme an dieser Expedition, wenn ich doch zugleich zur Untätigkeit gezwungen werden sollte, in einer Sache, die mir, wie Sie wußten, augenblicklich mehr als alles andere am Herzen liegt!“

„Ich erinnere mich nicht, Ihnen einen solchen Zwang auferlegt zu haben, Herr Rittmeister! Es war lediglich meine Stellungnahme zu der Sache, die ich Ihnen klar zu machen wünschte. Und ich hoffe, Sie haben mich vollkommen verstanden. Ich will und darf mit der Angelegenheit der Mrs. Irwin offiziell nichts zu schaffen haben, und ich wünsche, nichts davon zu hören. Daß ich mich andererseits nicht in Ihre Privatverhältnisse einmischen und mich nicht darum kümmern werde, ist selbstverständlich. Es genügt mir vollständig, wenn Sie mich nicht in irgend welche Verlegenheit und Zwangslage bringen.“

Das war ja allerdings viel weniger, als Heideck nach den feurigen Versprechungen seines Freundes erhofft hatte. Aber er mußte sich bei ruhiger Ueberlegung sagen, daß der Fürst in der Tat kaum anders handeln durfte und daß er bis an die äußerste Grenze des Möglichen ging, wenn er ihm nicht geradezu verbot, irgend etwas zu Gunsten der unglücklichen Edith zu unternehmen. Heidecks Entschluß, das Aeußerste für die Befreiung des geliebten Weibes zu wagen, wurde dadurch ja keinen Augenblick erschüttert; aber er wußte nun, daß er mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen müßte und daß er auf niemandes Beistand zu rechnen habe — eine Erkenntnis, die nicht gerade geeignet war, ihn mit freudigen Hoffnungen zu erfüllen.

Nach kurzem Marsche erreichte das Detachement den unmittelbar am Fuße der ersten Hügel gelegenen weiten, von mächtigen Bäumen beschatteten Platz, auf dem der Maharadjah sein improvisiertes Jagdlager aufgeschlagen hatte. Eine große Anzahl von Zelten war unter den Bäumen aufgerichtet worden. Ein buntes Menschengewimmel bewegte sich zwischen ihnen.

Daß er selber nicht das Lager nach Edith Irwin durchsuchen konnte, ohne die Aufmerksamkeit der Inder zu erregen und damit den Erfolg seines Vorhabens von vornherein zu vereiteln, war Heideck vollkommen klar. Und er hatte niemanden, den er mit der bedeutsamen Aufgabe betrauen konnte, als den treuen Morar Gopal, der ihm trotz aller drohenden Kriegsschrecknisse auch auf diesem Marsche nach Simla gefolgt war, obgleich ihm Heideck seine Entlassung unter Zahlung eines mehrmonatlichen Lohnes angeboten hatte.

So nahm er ihn denn, nachdem das Signal zum Halten und Absitzen gegeben worden war, beiseite und erteilte ihm seine Instruktionen, indem er ihm zugleich eine Handvoll Rupien für die etwa nötigen Bestechungen einhändigte.

Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte der Hindu seinen Worten, und das Mienenspiel seines klugen, dunklen Gesichts verriet, ein wie lebhaftes persönliches Interesse diese Angelegenheit seines Herrn für ihn hatte.

„Es wird alles geschehen, wie du es wünschest, Sahib!“ sagte er, und war bald nachher scheinbar spurlos in dem bunten Gewühl der schier zahllosen Dienerschaft der beiden indischen Fürsten verschwunden.

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings