← Table of contents
Der Weltkrieg, Deutsche Träume

XX.

Reading edition

Während die Russen etwas abseits von dem Feldlager ihre Kochlöcher gruben und alle sonstigen Vorbereitungen für das Biwak trafen, hatte Heideck Gelegenheit, die Großartigkeit zu bewundern, mit der diese indischen Fürsten ihre Jagdvergnügungen in Szene setzten.

Die Zelte der beiden Maharadjahs hatten fast die Größe von einstöckigen Bungalos, und als er durch den offenen Eingang des einen in das Innere blickte, sah Heideck, daß es verschwenderisch mit roter, blauer und gelber Seide ausgeschlagen und mit den kostbarsten Teppichen ausgestattet war.

Wohl ein halbes Hundert kleinerer Zelte war für die Aufnahme des Gefolges und der Dienerschaft bestimmt. Hinter ihnen aber lagerte eine ganze Herde von Kamelen und Elefanten, die das Gepäck und das Material für die Zelte getragen hatten. Das Blöken zahlloser Hammel mischte sich in das hundertstimmige Lärmen der geschäftig hin- und herlaufenden Inder, und Heideck schätzte die Zahl der Buckelochsen und mit Kampierleinen gefesselten Pferde, die neben dem Lager weideten, auf mehr als dreihundert.

Der Maharadjah von Sabathu betrachtete die Russen, die auf seine Einladung hier Rast gemacht, als seine Gäste, und er übte die Pflichten der Gastfreundschaft mit echt indischer Freigebigkeit. Er ließ den Soldaten so viele Hammel und anderen Proviant zur Verfügung stellen, daß sie sich daran für manche früher ausgestandene Entbehrung überreich schadlos halten konnten. Die Offiziere aber wurden feierlich zu dem in seinem Zelte veranstalteten Festmahl eingeladen.

Heidecks Erwartung, bei dieser Gelegenheit den Maharadjah von Chanidigot wiederzusehen und vielleicht eine Möglichkeit zur Aussprache mit ihm zu finden, wurde allerdings gründlich getäuscht.

Als er von seinem Rundgang durch das Zeltlager, bei dem er nirgends eine Spur von Edith gefunden, in das russische Biwak zurückkehrte, erfuhr Heideck aus dem Munde des Fürsten Tschadschawadse, daß der Maharadjah von Chanidigot auf seinem heutigen Jagdausfluge einen leichten Unfall erlitten habe und sich in seinem Zelte, wohin man ihn eben gebracht, unter ärztlicher Behandlung befinde.

Es hieß, daß die Hauer eines Ebers, der seinem Pferde zwischen die Beine gerannt war, ihn empfindlich am Fuße verwundet hätten, und es war jedenfalls gewiß, daß er heute für niemanden mehr sichtbar werden würde.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Heideck auch, welchen Umständen man die Begegnung mit den beiden indischen Fürsten zu danken habe.

Der Maharadjah von Chanidigot, dem es sehr wohl bekannt war, daß die Engländer ihn wegen Hochverrats zum Tode verurteilt hatten, war aus seiner Residenz geflohen. Mit hundert Reitern und vielen Kamelen, die den wertvollsten Teil seiner beweglichen Schätze trugen, war er im Rücken der vordringenden russischen Armee aus dem Bereiche der britischen Macht nordwärts gezogen. Er hatte seinen Freund, den ebenfalls mohammedanischen Maharadjah von Sabathu, besucht, und beide Fürsten hatten sich zu ihrer größeren Sicherheit hierher an den Fuß des Gebirges begeben, wo sie einstweilen trotz der aufgeregten Zeiten mit der Sorglosigkeit echter Grandseigneurs den Jagdvergnügungen oblagen.

Wahrscheinlich würde der verräterische Despot von Chanidigot es vorgezogen haben, direkt nach Simla zu gehen, und nur die auch den Russen zugekommene Nachricht, daß in Ambala noch englische Truppen ständen, mochte ihn veranlaßt haben, auf halbem Wege Halt zu machen.

War doch auch Fürst Tschadschawadse durch diese Kunde bestimmt worden, die beabsichtigte Route über Ambala zu verlassen und in gerader Linie durch das Dschungel vorzurücken. So konnte er aller Voraussicht nach Simla ohne Kampf erreichen, konnte aber auch, wenn sich feststellen ließ, daß die Besatzung von Ambala nicht sehr stark war, die Engländer überraschend von Norden her angreifen. In Friedenszeiten bildete Ambala ja eines der größeren Kantonnements, jetzt aber ließ sich wohl vermuten, daß die Hauptmasse der dort stehenden Truppen nach Lahore herangezogen worden war. —

Der ganze Luxus einer indischen Hofhaltung wurde bei dem Festmahle des Maharadjah entfaltet. An der mit rotem Samt gedeckten, verschwenderisch mit goldenen und silbernen Gefäßen bestellten Tafel saßen die russischen Offiziere in bunter Reihe mit den vornehmen Begleitern der beiden Fürsten. Man speiste vortrefflich, und der Champagner floß in unerschöpflichen Mengen. Die Russen ließen sich nicht lange zum Trinken nötigen, aber auch die mohammedanischen Inder standen in diesem Punkte kaum hinter ihnen zurück. Allerdings war ihnen ja der Weingenuß durch die Satzungen ihrer Religion verboten; aber man wußte dies Gebot in Bezug auf den Champagner dadurch zu umgehen, daß man ihn auf den harmlosen Namen ‚Brauselimonade‘ taufte, eine Umschreibung, die seiner anfeuernden Wirkung natürlich nicht den geringsten Abbruch tat. Die gegen den Alkohol weniger widerstandsfähigen Inder waren vielmehr durchweg viel schneller berauscht als ihre neuen europäischen Freunde. Und es konnte nicht ausbleiben, daß unter dem Einfluß des erheiternden Trankes bald eine allgemeine Verbrüderung eintrat.

Der Maharadjah selbst hielt eine blumenreiche Rede zum Preise der russischen Sieger, die als langersehnte Befreier Indiens vom britischen Joche gekommen seien. Allerdings mußte er selbst sich dabei der verhaßten englischen Sprache bedienen, der einzigen, deren er außer seiner Muttersprache einigermaßen mächtig war, und Fürst Tschadschawadse mußte seine Worte ins Russische übertragen, damit sie allen Gefeierten verständlich wurden.

Trotz dieses etwas umständlichen Verfahrens aber weckten sie eine flammende Begeisterung, und es kam bis zu Umarmungen und brüderlichen Küssen.

Als die allgemeine Fröhlichkeit ihren Gipfel erreicht hatte, erschienen zwei Bajaderen, die zum Hofhalt des Maharadjah von Sabathu gehörten, indische Schönheiten, deren weibliche Reize wohl auch das Blut verwöhnter Europäer in Wallung bringen konnten. In goldschimmernde Röcke und Jäckchen gekleidet, die um die Taille eine Handbreit der hellbraunen Haut frei ließen, mit Goldmünzen auf dem blauschwarzen Haar, führten sie auf einem inmitten des Zeltes ausgebreiteten Teppich zu dem eintönigen Klang seltsamer Musikinstrumente ihre Tänze aus. Die bloßen Arme, die Knöchel und Zehen ihrer kleinen, nackten Füße waren mit perlenbesetzten Goldreifen und juwelenfunkelnden Ringen geschmückt. Und wenn auch ihre Bewegungen nichts von der bacchantischen Wildheit anderer Nationaltänze hatten, so war das anmutige Spiel der schlanken, geschmeidigen Glieder doch verführerisch genug, um das Entzücken der Zuschauer zu erregen. Die Inder warfen den Tänzerinnen Silbermünzen zu, die Russen aber klatschten nach heimischer Sitte Beifall und wurden nicht müde, in stürmischen Zurufen eine Wiederholung zu verlangen.

Einer nur blieb verstimmt und sorgenvoll inmitten der allgemeinen Ausgelassenheit. Und dieser eine war Heideck, der jüngste Rittmeister der russischen Armee.

Er wußte, daß es der Schlauheit Morar Gopals ein leichtes sein würde, ihn zu finden, falls er ihm etwas zu melden hatte. Und daß der Hindu nicht erschien, war ihm ein entmutigender Beweis, daß es dem Diener bisher nicht gelungen sei, Ediths Verbleib zu ermitteln oder sich Gewißheit über ihr Schicksal zu verschaffen.

Was half es ihm, daß er sich in unablässigem Grübeln bereits einen Plan zu ihrer Befreiung zurechtgelegt hatte, wenn es keine Möglichkeit gab, sich mit ihr in Verbindung zu setzen!

In der Annahme, daß sie in einem Haremszelte gefangen gehalten würde, hatte er beabsichtigt, Morar Gopal mit einem Briefe zu ihr zu schicken, fest überzeugt, daß es dem verschlagenen Inder durch List und Bestechung möglich werden würde, zu ihr zu gelangen. Er hatte schon vor der Tafel mit einem der indischen Radjahs wegen des Ankaufs eines Ochsenwagens verhandelt, und wenn sich Edith durch seinen Brief zu einem Fluchtversuch bewegen ließ, dürfte es nach seinem Dafürhalten nicht allzu schwierig sein, sie unter Morar Gopals Schutze nach Ambala zu bringen, wo sie sich wieder bei englischen Landsleuten befand.

Aber dieser Plan blieb gegenstandslos, so lange er nicht einmal wußte, wo Edith sich befand. Und unfähig, diesen martervollen Zustand der Ungewißheit länger zu ertragen, war er eben im Begriff, das Zelt zu verlassen, um auf jede Gefahr hin selbst nach dem geliebten Weibe zu forschen, als ein russischer Dragoner hinter seinen Stuhl trat und ihm in dienstlicher Haltung meldete, daß eine Dame den Herrn Rittmeister draußen vor dem Zelte erwarte.

Von der beseligenden Hoffnung erfüllt, daß es Edith sein könnte, sprang er auf und eilte hinaus. Aber sein sehnsüchtiger Blick suchte vergebens nach Kapitän Irwins Witwe. Er gewahrte statt ihrer ein schlankes, weibliches Wesen in dem kurzen Jäckchen und dem fußfreien, bunten Rock, den er auf seinen Reisen bei den georgischen Bergbewohnerinnen gesehen hatte. Haar und Gesicht des Mädchens waren fast ganz unter einem verhüllenden Kopftuche verborgen. Und erst, als sie dasselbe bei seiner Annäherung ein wenig zurückschob, erkannte er, wen er vor sich habe.

„Georgij — du hier!“ rief er überrascht. „Und in solcher Kleidung?“

Er hatte wohl Ursache, erstaunt zu sein; denn er hatte den schönen, blonden Pagen, dem er zu allermeist für die Rettung seines Lebens verpflichtet war, seit jener Begegnung auf dem Wege zur Richtstätte nicht mehr wiedergesehen.

Als er am Abend des für ihn so schicksalsreichen Tages den Fürsten Tschadschawadse nach Georgij gefragt hatte, war ihm nur eine kurze, ausweichende Antwort zu Teil geworden, und die Stirn des Fürsten hatte sich so finster bewölkt, daß er wohl erkannte, es müsse sich etwas Besonderes zwischen den beiden ereignet haben, so daß es ihm zweckmäßiger erschienen war, den Namen der Cirkassierin nicht wieder zu erwähnen.

Vergebens hatte er sich dann bei dem Aufbruch des Detachements nach dem von seinem ‚Gebieter‘ sonst unzertrennlichen Pagen umgesehen, und nur die seinem Herzen so viel näher liegende Sorge um Edith mochte Schuld daran sein, daß er sich nicht allzu viele Gedanken über das rätselhafte Verschwinden des verkleideten Mädchens gemacht hatte.

Sie hier, in so weiter Entfernung von der russischen Hauptarmee, und in weiblicher Kleidung wiederzufinden, hatte er sicherlich am allerwenigsten vermutet. Aber die Cirkassierin schien nicht geneigt, ihm umständliche Aufklärungen zu geben.

„Ich habe dich gebeten, zu mir herauszukommen, Herr,“ sagte sie, „weil ich nicht wollte, daß der Fürst mich erblickt. Ich bin deinem indischen Diener begegnet. Und er hat mir von der englischen Dame erzählt, die der Maharadjah von Chanidigot dir geraubt hat.“

„Nicht mir hat er sie geraubt, Georgij, denn ich habe keine Rechte auf sie. Sie hat sich nur unter meinen Schutz gestellt, und deshalb ist es meine Pflicht, zu ihrer Befreiung alles zu tun, was ich vermag.“

Das Mädchen sah ihn an, und es war wie ein Funkeln verhaltener Leidenschaft in ihren schönen Augen.

„Warum sprichst du nicht die Wahrheit, Herr? Sage doch, daß du sie liebst! Sage mir, daß du sie liebst, und ich will sie dir zurückbringen — noch an diesem Abend!“

„Du, Georgij? Wie, in aller Welt, wolltest du das anfangen? Weißt du denn, wo die Dame sich befindet?“

„Ich weiß es von deinem Diener Morar Gopal, Herr! Sie ist dort, in jenem Zelte des Maharadjah von Chanidigot, vor dessen Tür die beiden Inder Wache halten. Hüte dich wohl, dort Einlaß zu begehren; denn die Wächter werden dich eher in Stücke hauen, als daß sie dich auch nur einen Schritt in das Zelt tun ließen.“

„Es mag wohl sein, daß du recht hast,“ sagte Heideck, dessen Brust die endlich erlangte Gewißheit von der Nähe der angebeteten Frau mit einem beseligenden Glücksgefühl erfüllte. „Wie aber wolltest du zu ihr gelangen?“

„Ich bin ein Weib, und ich weiß, wie man diese armseligen, indischen Tröpfe behandeln muß; der Maharadjah von Chanidigot ist krank, und er mag in seinen Schmerzen wohl an alles andere eher denken, als an die Freuden der Liebe. Diese Gunst des Zufalls mußt du benutzen, Herr! Und noch in dieser Nacht muß geschehen, was überhaupt geschehen soll.“

„Gewiß! Jede verlorene Minute bedeutet ja vielleicht eine furchtbare Gefahr für Mrs. Irwin. Aber wenn du einen Plan hast, sie zu retten, so sage mir — —“

Die Cirkassierin schüttelte den Kopf.

„Weshalb von Dingen sprechen, die erst noch getan werden sollen? Kehre zurück zu deinem Feste, Herr, damit niemand einen Argwohn gegen dich hegt. Um Mitternacht wirst du die englische Dame in deinem Zelte finden. Oder du wirst auch mich niemals wiedersehen.“

Sie wandte sich zum Gehen; aber nachdem sie wenige Schritte getan hatte, kehrte sie sich noch einmal nach ihm zurück.

„Du wirst dem Fürsten nicht sagen, daß ich hier bin, hörst du? — Noch ist es nicht an der Zeit, daß er es erfährt.“

Damit war sie verschwunden, ehe noch Heideck eine weitere Frage hatte tun können. Und so wenig er sich auch nach dem eben Erlebten aufgelegt fühlen mochte, in den nachgerade ziemlich wüst gewordenen Lärm des Banketts zurückzukehren, sah er doch ein, daß ihm kaum etwas anderes übrig blieb, da eine Einmischung in die ihm unbekannten Pläne der Cirkassierin schwerlich von irgend welchem Nutzen für Edith gewesen wäre.

Aber wenn ihm die Viertelstunden schon vorher schier endlos erschienen waren, so schlichen sie jetzt vollends mit unerträglicher Langsamkeit dahin. Er sah und hörte kaum noch etwas von dem, was um ihn her geschah. Der neben ihm sitzende Radjah mühte sich vergebens, in seinem gebrochenen Englisch eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, und überließ endlich kopfschüttelnd den schweigsamen Fremdling seinen Grübeleien, die inmitten dieser hochgehenden Fröhlichkeit für ihn allerdings etwas sehr Verwunderliches haben mußten.

Kurz vor Mitternacht, noch ehe Fürst Tschadschawadse und die übrigen Kameraden an den Aufbruch dachten, verließ Heideck abermals das Prunkzelt des Maharadjah und lenkte seine Schritte dem durch den rötlichen Schein der Biwakfeuer weithin kenntlich gemachten russischen Lager zu, in welchem ebenfalls noch die lauteste Lustigkeit herrschte.

Er hegte im Grunde sehr wenig Hoffnung, daß die Cirkassierin ihr kühnes Versprechen eingelöst habe; denn was sie da auf sich genommen hatte, mußte ihm ja so gut wie unausführbar erscheinen. Aber sein Herz klopfte doch in ungestümen Schlägen, als er die Leinwand zurückschlug, die den Eingang des ihm zugewiesenen Zeltes verschloß.

Auf dem Klapptisch inmitten des kleinen Raumes standen neben einer brennenden Laterne zwei angezündete Kerzen. Und bei ihrem Schein erblickte Heideck — nicht Edith Irwin, wohl aber den schönsten jungen Radjah, der ihm jemals unter Indiens strahlendem Himmel vor die Augen gekommen war.

Eine Sekunde lang stand er ungewiß; denn der tannenschlanke Jüngling in der von einer roten Schärpe umgürteten Seidenbluse, den englischen Reithosen und den zierlichen kleinen Stiefelchen hatte ihm den Rücken zugewandt, so daß er sein Gesicht nicht sehen konnte, und das Haar war vollständig unter dem Turban von rosa und gelb gestreiftem Seidenmusselin verborgen. Aber die glückselige Ahnung, die ihm zuflüsterte, wer in dieser anmutigen Verkleidung steckte, konnte unmöglich lügen. Mit zwei raschen Schritten war er an der Seite des feingliedrigen, indischen Jünglings, und überwältigt von einem Sturm leidenschaftlicher Empfindungen, schloß er ihn im nächsten Augenblick, alle Rücksichten und trennenden Schranken vergessend, mit einem jauchzenden Jubelruf in seine Arme.

„Edith! — Meine Edith!“

„Mein geliebter Freund!“

Was weder in den Stunden traulichen Alleinseins noch in den Augenblicken der gemeinsam bestandenen höchsten Gefahr über ihre Lippen gekommen war, in der überschwenglichen Wonne dieses Wiedersehens drängte es sich unaufhaltsam aus ihren Herzen: das Geständnis einer Liebe, die für sie längst den ganzen Inhalt ihres Lebens ausmachte.

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings