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Der Weltkrieg, Deutsche Träume

X.

Reading edition

Um die Mittagszeit war Fürst Tschadschawadse mit seinem Pagen Georgij und seinem indischen Diener nach dem Norden abgereist. Heideck hatte während der wenigen Tage ihrer Bekanntschaft der schönen Cirkassierin gegenüber die größte Zurückhaltung beobachtet und hatte nicht zu erkennen gegeben, daß er das Geheimnis ihrer Verkleidung durchschaut habe. Und es war, als ob sie ihm dafür Dank wisse. Zwar hatte er nicht ein einziges Mal mit ihr gesprochen, aber ihr Lächeln und die freundlichen Blicke, die sie ihm bei zufälligen Begegnungen zuwarf, waren hinlänglich deutliche Beweise für die Art ihrer Gesinnung. Ueber die Natur der Beziehungen, die zwischen dem schönen Pagen und seinem Herrn bestanden, konnte Heideck nicht im Zweifel sein. Wäre seine Seele nicht so ganz ausgefüllt gewesen von dem Gedanken an Edith, so hätte er sich leicht versucht fühlen können, den Russen um das Glück dieser holden Reisegesellschaft zu beneiden; denn er erinnerte sich kaum je ein reizvolleres weibliches Wesen gesehen zu haben, als es die Cirkassierin in ihrer malerischen Kleidung war. Vor den Augen Fremder wußte sie ihre Dienerrolle meisterlich durchzuführen, aber es war unverkennbar, daß sie in Wahrheit die Gebieterin war. Ein einziger Blick ihrer feurigen Augen reichte hin, die gelegentlichen brutalen Aufwallungen des Fürsten niederzuhalten, und er wagte in ihrer Gegenwart keinen der etwas freien Scherze, zu denen er sonst, namentlich unter dem Einfluß geistiger Getränke, leicht geneigt war.

Heideck empfand eine Neigung aufrichtigen Bedauerns, als er den bei all seinen kleinen Schwächen sehr liebenswürdigen Kameraden scheiden sah. Er hegte wenig Hoffnung, daß die Erwartung des Fürsten, ihm noch einmal zu begegnen, sich erfüllen würde; aber er zählte ihn unter die erfreulichsten und interessantesten Bekanntschaften seiner an wechselvollen Erlebnissen schon so reichen Reise.

Pünktlich um 7 Uhr betrat Heideck in dem vorschriftsmäßigen Gesellschaftsanzuge den Empfangssalon des Obersten. Ein Gefühl heißer Freude wallte in seinem Herzen auf, als er sah, daß niemand außer Edith Irwin darin anwesend war. Sie sah schöner aus denn je. Einzig eine leichte Blässe mochte an die Wirkung der Schrecknisse erinnern, die sie erlebt. Lächelnd ging sie ihm um einige Schritte entgegen und reichte ihm die Hand, die er bewegt an seine Lippen zog.

„Ich bin beauftragt, Mrs. Baird und den Obersten noch für eine Viertelstunde bei Ihnen zu entschuldigen,“ sagte sie. „Die Vorbereitungen für die Mobilmachung nehmen den Obersten völlig in Anspruch, und seine Gattin war vorhin durch einen kleinen Migräneanfall genötigt, sich auf kurze Zeit zurückzuziehen.“

Wie gern Heideck seinen Gastgebern den kleinen Verstoß gegen die Pflichten der Höflichkeit verzieh, stand deutlich genug auf seinem Gesicht geschrieben. Er nahm auf Ediths Einladung ihr gegenüber Platz und sagte:

„Ich hoffe, Mrs. Irwin, daß Sie von seiten Ihres Gatten keine Unannehmlichkeiten wegen meines späten Besuchs gehabt haben. Während des ganzen gestrigen Tages hat mich diese Sorge unablässig verfolgt.“

Mit einem etwas herben Lächeln schüttelte die junge Frau den Kopf:

„O nein. Mein Mann hat mir im Gegenteil aufgetragen, ihn zu entschuldigen, daß er die persönliche Abstattung seines Dankes für Ihre heldenmütige Tat auf später verschieben müßte. Er wurde in dienstlicher Angelegenheit auf unbestimmte Zeit nach Lahore abkommandiert, und sein Aufbruch erfolgte in solcher Hast, daß ihm nicht die Zeit blieb, Ihnen seinen Dank auszusprechen.“

Heideck glaubte zu verstehen, was dieses Kommando zu bedeuten habe. Aber er fragte nur:

„Und Sie werden während der Abwesenheit des Kapitäns unter dem Schutz des Obersten bleiben?“

„Es ist noch nichts bestimmtes darüber beschlossen worden. Weiß doch augenblicklich hier niemand, was uns die nächsten Tage bringen werden. Es ist gewiß, daß sich außerordentliche Ereignisse vorbereiten, und wir armen Frauen müssen im Falle eines Krieges geduldig über uns ergehen lassen, was man über unser Schicksal beschlossen hat.“

„Und der Maharadjah? Sie haben noch nichts von ihm gehört?“

„Oberst Baird hat gestern eine amtliche Unterredung mit dem Fürsten gehabt; aber ich kenne ihren Inhalt nicht, da ich nicht den Mut hatte, danach zu fragen. Daß der Maharadjah sich augenblicklich in feindseliger Stimmung gegen den Obersten befindet, scheint mir indessen leider nur zu gewiß. Ich müßte mich sehr schlecht auf die Eigenart dieser indischen Despoten verstehen, wenn das Ereignis, das sich heute hier zugetragen, nicht unmittelbar auf den Maharadjah zurückzuführen wäre.“

„Ist es unbescheiden, nach der Natur dieses Ereignisses zu fragen?“

„Man hat versucht, den Obersten an seinem eigenen Tische zu vergiften.“

„Wie?“ fragte Heideck erstaunt. „Zu vergiften?“

„Ja. Mr. Baird hat die Gewohnheit, vor jeder Mahlzeit ein Glas Eiswasser zu trinken, und bei dem heutigen Tiffin wurde es ihm, wie immer, von seinem indischen Tafeldecker dargereicht. Aber eine eigentümliche Trübung des Wassers fiel dem Obersten auf. Er leerte das Glas nicht sofort, sondern ließ es ein paar Minuten lang stehen, und nun wurde deutlich ein feiner, weißer Niederschlag auf dem Boden des Gefäßes sichtbar. Die Vermutung, daß es sich um einen Vergiftungsversuch handle, lag um so näher, als der Tafeldecker, den man wegen der Beimischung befragen wollte, plötzlich spurlos verschwunden und auch bis zur Stunde noch nicht wieder aufzufinden ist. Man schüttete einen kleinen Teil der Flüssigkeit in das Futtergefäß der Hunde und stellte es in eine Rattenfalle, die fünf oder sechs dieser gefräßigen Nager enthielt. Zehn Minuten später war nicht eines der Tiere mehr am Leben. Der Rest des Wassers wurde dem Regimentsarzt Doktor Hopkins, einem eifrigen Chemiker, zur Untersuchung übergeben, und er hat versprochen, uns beim Diner über das Ergebnis zu berichten.“

Noch ehe Heideck Gelegenheit gefunden hatte, das Gespräch auf Ediths persönliche Angelegenheiten zurückzuführen, erschien Mrs. Baird in Gesellschaft ihres Gatten und seines Adjutanten. Der Gast wurde mit gewinnender Liebenswürdigkeit begrüßt, und als wenige Minuten später auch der kleine, bewegliche Doktor Hopkins eingetroffen war, setzte man sich zu Tisch.

Vielleicht wäre es dem Obersten lieber gewesen, wenn von der Vergiftungsaffaire in Heidecks Gegenwart nicht die Rede gewesen wäre. Aber die Ungeduld seiner durch den Vorfall in begreifliche Aufregung versetzten Gemahlin ließ sich nicht zügeln.

„Nun, Herr Doktor,“ fragte sie, „was haben Sie gefunden?“

Der Regimentsarzt hatte offenbar nur auf diese Frage gewartet.

„Eines der gefährlichsten aller bekannten indischen Gifte,“ erklärte er mit ernster Miene, „das sogenannte Diamantpulver, gegen das es kein Gegengift gibt und das sich im Körper des Vergifteten nicht nachweisen läßt, weil es pflanzlicher Natur ist und von den Geweben aufgesogen wird.“

Mrs. Baird stieß einen Schrei des Entsetzens aus und legte für einen Moment die Hand über die Augen.

Mr. Hopkins aber fuhr fort: „Ich habe das Diamantpulver noch niemals unter den Händen gehabt, obwohl es gar nicht so selten zur Anwendung gelangen soll. Die Zubereitung ist für uns Europäer bis jetzt noch ein undurchdringliches Geheimnis, das von den indischen Aerzten sorgfältig gehütet wird. An den indischen Fürstenhöfen soll es früher dieselbe Rolle gespielt haben, wie im Mittelalter die berühmte acqua toffana bei den italienischen Despoten.“

Die Ausführungen des Arztes waren unter dem frischen Eindruck des nur durch einen Zufall vereitelten abscheulichen Attentats natürlich nicht danach angetan, die gedrückte Stimmung der kleinen Tischgesellschaft zu heben. Und der Oberst, dem die gelehrten Auseinandersetzungen des Regimentsarztes ersichtlich besonders unbehaglich waren, machte seiner Gattin früher, als es sonst zu geschehen pflegte, ein Zeichen, die Tafel aufzuheben.

Man begab sich auf die von einer Hängelampe beleuchtete Veranda, wo Tee und eisgekühlte Getränke gereicht wurden. Obwohl Heideck während des ganzen Abends nur Augen für Edith Irwin gehabt, hatte er doch beinahe ängstlich alles vermieden, was den Anwesenden seine Empfindungen für die junge Frau verraten konnte. Und auch jetzt, nachdem Edith sich in den äußersten, halbdunklen Winkel der Veranda zurückgezogen, würde er sicherlich nicht gewagt haben, sich in dem Korbsessel niederzulassen, der an ihrer Seite freigeblieben war, wenn sie selbst ihn nicht in vollkommen unbefangenem Tone dazu aufgefordert hätte.

„Sie haben keinen Platz, Herr Heideck — bitte — hier ist noch ein Stuhl frei.“

Und mit einer graziösen Bewegung raffte sie die Falten ihres Foulardkleides zusammen, um ihn vorüber zu lassen. Wieder begegneten sich, von den anderen unbemerkt, für einen Moment ihre Augen. Und wenn er es nicht gewußt hätte, daß er sich rettungslos im Banne dieses schönen jungen Weibes befand, so würde der stürmische Schlag seines Herzens ihn darüber belehrt haben.

Der Abend war ziemlich hell, und als jetzt plötzlich unter dem üblichen Lärmen und Schreien der indischen Kutscher zwischen den Zelten des Lagers ein sonderbarer Wagenzug auftauchte, verstummte die kaum in Fluß gekommene Unterhaltung auf der Veranda, weil alle Blicke sich dem unerwarteten Schauspiel zuwandten, für das — den Obersten vielleicht ausgenommen — zunächst wohl noch niemand eine Erklärung hatte.

Man sah, daß es fünf, von reich geschmückten weißen Buckelochsen gezogene Wagen waren, die ein Reitertrupp in der Kleidung der Leibgarde des Maharadjah eskortierte.

Ihr Anführer ritt bis hart an die Stufen der beleuchteten Veranda, schwang sich hier aus dem Sattel und stieg in vornehmer, würdevoller Haltung zu der in begreiflicher Spannung harrenden Gesellschaft des Obersten empor.

Er war ein schöner junger Mann mit griechisch geschnittenem Gesicht und großen, schwermütigen Augen. Sein Anzug bestand aus einer gelbseidenen Bluse, die mit einem Schal aus violetter Seide umgürtet war, englischen Reithosen und hohen gelben Stiefeln. Sein violett gestreifter seidener Turban war mit einer Perlenschnur durchflochten, und an seiner Brust sandten haselnußgroße Brillanten im Licht der Lampe ihre buntfarbigen Strahlen aus.

„Es ist Tasatat Radjah, der Vetter und der besondere Liebling des Fürsten,“ flüsterte Edith Heideck zu, in dessen Gesicht sie etwas wie eine Frage gelesen haben mochte. „Ohne Zweifel schickt ihn der Maharadjah in einer besonderen Mission.“

Der Oberst hatte sich erhoben und war dem Besucher um einige Schritte entgegengegangen. Aber er reichte ihm nicht die Hand und lud ihn auch nicht zum Niedersitzen ein.

„Ich grüße dich, Sahib, im Namen Seiner Hoheit,“ sagte der Prinz mit jenem edlen Anstand, der dem vornehmen Inder angeboren ist, „und ich wünsche dir Glück und langes Leben. Seine Hoheit übersendet dir als Zeichen seines Wohlwollens wie seiner hohen Achtung vor deinem Amte und deinen Verdiensten ein geringes Geschenk. Er bittet dich, es anzunehmen, zum Beweise, daß auch du vergessen hast, was gestern infolge eines beklagenswerten Mißverständnisses zwischen dir und Seiner Hoheit gesprochen wurde.“

„Seine Hoheit ist sehr gütig,“ sagte der Oberst kühl und gemessen. „Darf ich fragen, worin das mir zugedachte Geschenk besteht?“

Mit einer lässigen Handbewegung wies der Prinz auf die unten haltenden Gefährte.

„Jeder dieser fünf Wagen, Sahib, enthält hunderttausend Rupien.“

„Das wären also fünf Lakh?“

„So ist es. Und ich bitte dich noch einmal, Seine Hoheit durch eine günstige Antwort zu erfreuen.“

Der Oberst überlegte ruhig und kühl seine Antwort, dann sagte er in derselben ruhigen Haltung und mit demselben undurchdringlichen Gesicht, wie zuvor:

„Ich danke dir, Prinz! Laß den Inhalt dieser Wagen in die Vorhalle meines Hauses schaffen. Ueber das, was weiter damit geschehen soll, werde ich die Entscheidung des Vizekönigs abwarten.“

Auf dem Gesicht des Prinzen zeigte sich deutlich ein Ausdruck der Enttäuschung. Eine Weile verharrte er wie in unentschlossenem Nachdenken. Dann, da er aus der Haltung des Obersten erkennen mußte, daß der Engländer die Unterhaltung als beendet ansah, berührte er mit der Rechten leicht die Mitte der Stirn, verbeugte sich und stieg die Stufen der Veranda wieder hinab. Viele kleine Tonnen wurden auf sein Geheiß von den niedrigen Karren herabgehoben und unter dem Beistande englischer Soldaten in den Flur des Hauses geschafft. Dann setzte sich der Zug unter demselben Lärm und Geschrei, wie er gekommen war, wieder in Bewegung und verschwand in der Ferne.

Ein Lächeln lag auf dem eben noch so kalten Gesicht des Obersten, als er sich jetzt seinen Gästen zuwandte; wohl von der Empfindung geleitet, daß er ihnen gewissermaßen eine Erklärung für sein Benehmen schuldig sei.

„Ich betrachte diese halbe Million als einen sehr erwünschten Beitrag zu den Kriegskosten meines Detachements. Diese Orientalen können sich eben niemals in unsere Denkweise hineinversetzen, und unsere Ehrbegriffe werden ihnen immer ein unlösliches Rätsel bleiben. Mit einem Geschenk, das er natürlich mir persönlich zugedacht hat, glaubt dieser Despot alles aus der Welt geschafft zu haben, was ihm möglicherweise Ungelegenheiten bereiten könnte — sowohl den Anschlag gegen Mrs. Irwin, wie die Geschichte mit dem Diamantpulver. Denn er ist durch den verschwundenen Tafeldecker natürlich bereits über den Mißerfolg unterrichtet, und er weiß recht gut, was für ihn auf dem Spiele stehen würde, wenn ich diese skandalöse Geschichte nach Kalkutta berichtete.“

Zum ersten Male sprach der Oberst hier vor andern offen aus, daß er den Maharadjah für den Urheber der beiden Anschläge hielt. Er mußte einen besonderen Grund hierzu haben, und Heideck glaubte ihn zu erraten, als der Oberst auf die Frage des Regimentsarztes, ob er denn nicht gesonnen sei, einen solchen Bericht an den Vizekönig abgehen zu lassen, erwiderte:

„Ich weiß es nicht — ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem Grundsatze: „fiat justitia, pereat mundus“ müßte ich es ja unzweifelhaft tun. Aber mit dem „pereat mundus“ ist es doch so ein eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte. Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer solchen haben würde.“

Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:

„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach Kalkutta berichtet — nicht wahr?“

„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person und für — für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr verlange.“

„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem Ueberfall — —“

„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck — nicht jetzt und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich eines Tages wieder gezwungen sein könnte — —“

Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug, wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls trieb ihn, ihr zu antworten:

„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf Sie zu üben?“

„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal — nur um des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind — ich fürchte sehr, daß sie mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal erscheint.“

„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden — nur Ihrem Herzen und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin — nicht den engherzigen Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden — ich kann diese Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen — —“

Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl, bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit davon entfernt war, ihm zu zürnen.

Illustration from Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman
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