Schwer geprüft.
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Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.
Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende Hitze wohlthuend gemildert.
Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau – den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte – und seine junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich plaudernd auf der kühlen Veranda.
Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.
»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne – und beinahe hätte ich gar nicht mehr daran gedacht – daß ich Dein strictes Gebot, zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«
»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig Besserung – heute sündigst Du aufs neue. – Und wer ist es denn, dessen anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«
»Rathe nur!«
»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«
»Fehlgeschossen!«
»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter Krankheitsfälle erwartest.«
»Keineswegs!«
»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als sie?«
»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie solltest Du auch?«
»Nun denn?«
»Universitätsprofessor – ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich? Professor –«
»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte Malwine.
»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren – Du warst damals noch nahezu ein Kind – habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt – Hellwig nannte er sich!«
»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.
Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.
Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.
Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«
Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.
So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl – sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten – wie ein heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen ihren Willen sich regten.
Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.
Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!
Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.
Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen – nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen, freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.
Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter, fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als große, wichtige Abenteuer erschienen waren.
Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?
Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?
»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen, ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst geweint.«
Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer Ereignisse.
Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus zurückversetzt – als Mädchen – und Alfred, den zu lieben sie nie aufgehört, sei heimgekehrt, um – sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden, dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke, das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen. Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt, die Unterhaltung selbst weiterzuführen.
Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es näher zu betrachten.
»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«
Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.
»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn dieselbe eine glückliche war?«
Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.
»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«
Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des Freundes.
»Die eigentliche Ursache Deines Kommens –?«
»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist, ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«
»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von mir zu fordern?«
»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor. »Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte. – Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. – Ich habe in diesen Jahren redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt, sondern –«
»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.
Aber Alfred gehorchte nicht.
»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort, sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst – dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt wirst Du mein Weib werden!«
Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.
Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder. Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der er sich gesehnt –
Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.
Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden, offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes Glück bringen sollte.
Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.
»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.
Ja morgen, morgen!
Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen Heliotropenstrauß – ihre Lieblingsblumen – und vor demselben ein kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor fünf Jahren.
Was sollte all dies bedeuten?
Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.
»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.
Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit eisernen Klammern ihre Brust.
Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die, wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas – er erblindete. Und als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.
»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle mich unvergleichlich glücklicher – wenn auch blind – an Deiner Seite, als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«
Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war. Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes selbstsüchtiges Glück zu erbauen?
Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau, die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe werde ich nicht verrathen –!«
Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.
Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand.
»Du weinst, Geliebte?«
»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«
Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.
»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«
»Ich liebe Dich!«
»Und wirst mich ewig lieben?«
»Ewig!«
Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt.
Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege, zum Siege über das eigene Herz!