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Was ich geschaut

Fallendes Laub.

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Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.

Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien noch in weiter, weiter Ferne.

Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten verzögern müssen.

Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf, daß alle Federn emporstehen.

Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten Fräuleins.

Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.

Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor – und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.

Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle Behandlung – was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.

Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich bestehen zu lassen.

Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.

»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen müßte.«

Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.

»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«

Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.

»Hm – hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.

Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.

»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.

Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.

»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?« unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen früh hast Du ja wieder Stunde.«

Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.

Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.

»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«

Die Befragte blickte erstaunt auf.

»Herr Reichel – wer ist das?«

»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«

»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«

»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige Lieder vorsingen.«

Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten Fräuleins.

»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«

Betti blickte beschämt zu Boden.

»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«

»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«

Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.

Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.

Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte – das von ihrem Vater componirte Liederheft – gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.

Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert hatte. Sie sang:

»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,

O meine Geliebte mit Dir allein!

Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,

Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,

Das drohende Meer,

Wir wären so sicher und selig allein!

Und käme der Sturm,

Ich würde Dich halten an meiner Brust.

Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,

Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;

Und meine Liebe, die ewige, starke,

Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.

Du würdest zitternd mir blicken ins Auge

Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen

Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.

Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,

In Schlummer sinken die Wellen und Winde,

Und über den Wassern ist tiefe Stille.

Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.

So tiefe Stille: mein lauschendes Herz

Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.

Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,

Um nicht zu stören das sinnende Meer,

Nur sanft erzittern die Lippen Dir,

Die schwellenden Blätter der süßen Rose;

Ich sauge Dein Wort,

Den klingenden Duft der süßen Rose.

Im Osten hebt sich der klare Mond.

Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,

Und ich bedecke, selig wie er,

Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,

Mit feurigen Küssen.«

Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel –« eine klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.

Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle stehen blieb.

Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:

»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«

Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.

»Fräulein Betti? – ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.

Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.

Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur Thür hinausgehuscht.

»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«

Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.

Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon entgegen.

»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.

»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.

»Ja, wer denn?«

»Er, Oswald Reichel!«

Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon da ist – und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«

Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein Können und – so ihm solche beschieden seien – alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu dürfen.

Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.

Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.

»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«

»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.

Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem milchweißen Lichte.

Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie bemerkt.

»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten sotto voce von seinen Lippen:

»Im Osten hebt sich der klare Mond,

Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.

Und ich bedecke, selig wie er,

Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,

Mit feurigen Küssen!«

Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.

Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.

Plötzlich klirrte ein Fenster.

»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf vernehmen.

Da riß sie sich los und floh ins Haus.

Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte – bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen Menschen schied.

Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln zusammenfegend.

Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.

Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde – froh und kraftvoll.

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