Franzi's Weihnacht.
Reading edition
Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.
Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
Der Andere zuckt die Achseln.
»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«
Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.
Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen Tag satt essen.
Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen Wilderern und Schmugglern – denn die bayerisch-österreichische Grenze zieht sich über diesen Berg – ein Dorn im Auge und von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern ermordet worden.
Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.
Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume – aber ohne Lichter.«
Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen Weg hinan.
So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von Statten.
Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen gehen zu lassen.
Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.
»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.
*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«
Doch der Anfall ging vorüber.
»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«
Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.
Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.
Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.
Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und den Blick trübend.
Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.
Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll – o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.
Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.
Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.
»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. – Lieber Gott, ich danke Dir.«
Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.
Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich erkalten und erstarren – und er erkennt, daß sie todt ist.
Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.
Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.
Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt – wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« geworden.
»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«