Der kleine Geiger.
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In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.
Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien des ausgedehnten Gartens.
An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.
Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.
Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens gelegt hatte.
Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.
Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.
Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust – Du brauchst das Glück.
Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue, sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können! – Ach, wenn ich eine Geige hätte!« – und ich ergrimmte ob solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.
Der Künstler aber – die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« – hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.
Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.
Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.
Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.
Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der Gäste zu fassen.
Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem Kleinen gehe.
Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen; der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum; die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.
Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben bannte jede Hoffnung.
Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der den kummergebeugten Eltern bevorstand.
Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend, dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte, mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.
Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.
»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch erfüllen?«
Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des sterbenden Kindes.
Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit tönenden Zauberbildern.
Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:
»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«
Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.
Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und ihnen Trost und Liebe spendet.