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Was Helmut in Deutschland erlebte

Wiedersehen in gefährlicher Zeit

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Die schweren Geschütze der russischen Flotte sandten von der grauen See aus in regelmäßigen Abständen ihre Granaten in den kleinen Badeort mit den netten bunten Holzhäuschen, die gespickt voll von deutschem Militär lagen. Schon war die Kirche in Trümmer geschossen, das Dach des Bahnhofs hing als morsches Sparrenwerk, gleich einer schiefen Mütze über dem Gebäude. In den Wartesälen drängten sich die Mannschaften, suchten auf Tischen und Stühlen, auf dem schmutzigen Fußboden einigen Schlaf zu gewinnen, während Waffen und Tornister in greifbarer Nähe lagen. Es war Befehl eingetroffen, den allzu gefährdeten Ort zu räumen und etwas westwärts hinter Wald und Düne geschütztere Quartiere zu beziehen.

Im Zimmer des Stationsvorstehers zwischen zerrissenen und verbrannten Telegraphen- und Telephonapparaten nahm Feldwebel Kärn die Order seines Hauptmanns für den nächsten Morgen entgegen. Der Hauptmann, ein wuchtiger, kraftvoller Herr, saß am Tisch vor einer ausgebreiteten Karte, auf die auch die beiden jungen Leutnants an seiner Seite aufmerksam schauten. »Also, meine Herren«, sagte Hauptmann Breuer, »um 2 Uhr diese Nacht gehen wir los! Hier durch den Wald. Vom Feinde haben unsere Kundschafter nichts bemerkt. Trotzdem kann in dem Gestrüpp des Unterholzes noch mancher versprengte Trupp stecken. Herr von Mansfeld und Feldwebel Kärn – Ihre Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß wir nicht von hinten überfallen werden! Also auf alle Fälle: uns den Rücken decken! Dazu unterstelle ich Ihnen die Hälfte der dritten Kompagnie. Das Bataillon, das ich befehlige, geht zum Sturmangriff durch das flache Tälchen hier auf den kleinen Fluß und das Dorf an seinem Ufer los. Das Dorf muß morgen abend in unserem Besitz sein. Der Brückenkopf wird von den Russen noch ordentlich verteidigt werden – indessen – wir wollen uns auch nicht lumpen lassen!« Er stand schwerfällig auf – reckte und dehnte die mächtigen Glieder. »N' Abend, meine Herren! Wollen noch ein Nickerchen probieren. Na – was gibt's denn da wieder? Herein!« Man hatte geklopft. Die Tür öffnete sich, eine Ordonnanz trat ein, mit dem zerlumpten, von Staub und Schmutz bedeckten Helmut. »Vater! Vater!« schrie der Junge laut und stürzte auf den Feldwebel zu. Der stand vor Verblüffung starr. Als sein Sohn sich ihm um den Hals werfen wollte, packte er ihn rauh an der Schulter und schüttelte ihn. »Daß dich der Deibel frikassiere, Bengel«, stieß er heiser heraus. »Wo kommst du her? Was in aller Welt willst du hier?« Helmut stand tief erschrocken. »Ja, Vater – freust du dich denn nicht? Ich habe dich doch so lange gesucht! Wir – wir dachten, du wärest tot oder gefangen!« Inzwischen hatte die Ordonnanz Bericht erstattet und dem Hauptmann einen Brief des ihm befreundeten Unteroffiziers Sieveking übergeben, aus dem er die Vorgeschichte des überraschenden Auftritts erfuhr. Der Hauptmann schlug lachend mit der Faust auf den Tisch, seine kleinen munteren Äugelchen blinkten vor Vergnügen. »Also was sagen Sie, meine Herren – von Berlin hat der Junge den Weg hierher gefunden, in den höchsten Norden! Alle Achtung vor der Ausdauer! Kindings, Kindings – da muß ich nur heut nacht gleich noch 'ne Karte nach Hause schreiben, wo ich geblieben bin, sonst kommen mir meine beiden Jören am Ende auch nachgelaufen! Ja – aber Kärn – was machen wir nu mit Ihrem Sprößling?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann«, sagte Kärn mit unsicherer Stimme, »ich bin sehr böse auf meinen Sohn. Er soll sofort umkehren und wieder zu seiner Mutter nach Hause, wo er hingehört!« Er fuhr sich mit der Hand an die Augen und rieb, als wäre ihm da ein Stäubchen hineingeflogen; niemand brauchte zu sehen, daß die Augen ihm plötzlich naß geworden waren. Helmut ließ den Kopf hängen. Er kam sich mit einemmal ganz dumm und kindisch vor. »Ja«, sagte der Hauptmann nachdenklich, »was machen wir nun mit dem Jüngling? Morgen früh wird der Ort hier geräumt, die Schiffsgeschütze zielen zu gut ... Unsere Leute ziehen nach Süden ab, den Russen nach. Hier kann er also nicht bleiben. Es hilft nichts – wir müssen ihn mitnehmen. Du hast Schwein, Kerlchen! Heut nacht gibt's einen Sturmangriff! Da siehst du mehr vom Krieg, als dir lieb sein wird. Von Mansfeld«, wandte er sich an den jungen schlanken Leutnant an seiner Seite, »falls dem Vater was Menschliches passiert, stelle ich den Jungen unter Ihren Schutz – soweit das eben möglich ist. Kärn – machen Sie kein so finsteres Gesicht, Sie sind unschuldig an der Geschichte – na, und der Junge hat's doch gut gemeint. Nochmal n' Abend allerseits!« Hauptmann Breuer nickte Helmut und seinem Vater freundlich zu und ging gewichtig auftretend, doch mit elastischem Gang, hinaus. Auch die beiden jungen Herren entfernten sich und ließen den Vater mit seinem Sohne allein. Für Feldwebel Kärn schien Helmut nicht vorhanden zu sein. Er zog hinter einem Schrank ein Kissen hervor, aus dem das Roßhaar quoll, und holte eine Wolldecke.

»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht, in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert, sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen Linien schwärmten die Mannschaften aus – mit großen Sätzen sprangen sie vorwärts – ha – von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre – ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf – Dampf und Qualm wallte um sie her – in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen entgegen – ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher! Dort an der Brücke, da freilich – nein wahrhaftig, die Unserigen müssen zurück – ah – eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was – da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen. Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich, Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme, die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen, sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine. Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut, stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest eingeschlafen.

DIE FLUCHT
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