Alles wird anders, als Helmut es sich dachte
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Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von Krieg und Kriegsgeschrei! – Jetzt wollen wir nur die Freude genießen, euch Lieben wiederzuhaben – was später Schweres getragen werden muß, werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!«
Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so recht behaglich machen.
Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß – bis zur Decke seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen, die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden – alles gefiel ihm wohl – es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die Ketten, die er aufgezogen hatte – seine Photographie auf Philli, dem kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«
»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung, Charlottenburg-Berlin!«
Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.
»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!
Dort unten liegt der Hausgarten.«
Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.
Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte, fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.
Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen. Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider! Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in sein Haus aufzunehmen.
Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen Freunde angewiesen!
Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.
An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich, zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte. Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch immer was zu schwatzen.
Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also »Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.
Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte von anderen, viel wichtigeren Dingen.
Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg – ein neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen – Antwerpen war in unseren Länden – Hindenburg hatte die Russen geschlagen! Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.
Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.
Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die, an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über die man daheim jubelte.
Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend, daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit dabeigewesen. – Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn übrig.
Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!
Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast.
»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte man gut, das ist ein Durchgänger!«
»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das sagt sich wohl so – nur –: über vierzehn Tage geht's fort, und dann muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, – er hat Ehre im Leibe!«
»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß. »Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht, für alle Fälle – was meinste woll – hat sie doch mein Karle gleich rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich saß – un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na – Vaterlandsverrat – das is ja nu en jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.«
Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte einer.
»Wo wer ick nich! Janz neu war er – aber ick denke man so bei mich: Et is doch nischt Reelles! Gold is besser.«
»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert – na, es haben noch ein paar andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.«
»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll unterschlupfen!«
»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der Dr. Schmidt das Wort, »wofür sind denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!« Dr. Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt IV zu fragen, er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt Schmidt IV – es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment – dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle.
»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch recht sind.«
Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn, seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte den Jungen, ihr Klassenlehrer, Dr. Gundermann, habe vor Maubeuge den Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und schrecklich – der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten. Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen, die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah, die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen. Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte.
