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Was Helmut in Deutschland erlebte

Der lange Lehmann und Onkel Jakobus

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»Ja, lieber Junge – da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten – da vergeht den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder – ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert – die Mutter hatte schon schwarze Kleidung angelegt – da kam plötzlich über Schweden eine Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.« Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu gehorchen.

Der lange Lehmann, der beim Auszug so sicher geprahlt hatte, daß die Kugeln partout und partout keine Lust haben würden, ihn zu treffen – der hatte ihnen doch nicht aus dem Weg gehen können. Das abspringende Stück einer Granate war so unbarmherzig gewesen, ihm das rechte Bein abzureißen. Er fand sich auch in diesen Verlust mit gutem Humor. »Uf die Jerüster werd' ich nu woll nich mehr rumturnen können«, erzählte er Helmut, »aber nu werde ick mir uf die hohe Kunst verlejen, un feine Bilderkens malen, verstehste – so mit joldene Rahmens drum rum, wie die da drüben! Det jefällt mich ausnehmend.« Er zeigte auf die Ölgemälde, welche die mit meergrüner Seide bespannte Wand des Saales schmückten, in dem dieses Gespräch stattfand. Der vornehme Raum – ursprünglich der Tanzsaal eines baltischen Schlosses – diente jetzt als Aufenthaltsort für die genesenden Feldgrauen. Der lange Lehmann streckte sich behaglich auf der blumigen Seide eines goldenen Lehnsessels an dem Flackerfeuer des Kamins, über dem schwebende Engelsfiguren Rosengirlanden um einen mächtigen Spiegel schlangen. Die Schwester hatte ein wenig eingeheizt, denn es war kühl an diesem Frühlingsabend. Durch die feingeschwungenen Bogenfenster blickte man auf eine Marmorterrasse, an deren Rampe weiße Göttinnen in der Dämmerung der hohen Parkbäume träumten. Die Schwester in ihrem grauen Kleide mit dem weißen Häubchen verteilte aus der nebenan liegenden Bibliothek Bücher unter die Gruppen von Soldaten, die den Saal füllten, an geschnitzten Tischen schrieben, lasen, Karten spielten oder auf der Mundharmonika die Melodien bekannter Volkslieder bliesen. Die wertvollsten Stücke aus der kostbaren Einrichtung des alten Edelsitzes waren vom Oberstabsarzt in einen verschlossenen Raum gerettet; dort warteten sie der Rückkehr ihrer Besitzer. Was hingegen seine Verwundeten brauchen konnten, das mußte heran. Zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung war dem Oberstabsarzt nichts zu gut – wären es auch die edelsten Weine aus dem Keller oder die gemästeten Enten und Puten vom Hühnerhof – oder die seidenen Daunenkissen der Frau Gräfin!

Helmut glaubte, ein seltsames Märchen zu erleben, als in dem grünen Saal der elektrische Kronleuchter entzündet wurde und einer der feldgrauen Männer sich an den Flügel setzte, um eine Sonate von Beethoven zu spielen. Die Männer, deren Köpfe und Glieder noch weiße Gazeverbände trugen, horchten ergriffen auf die herrlichen Harmonien, aus Jubel und Klagen, die den Saiten entrauschten. Helmut gegenüber lächelte von der Wand das Bildnis eines jungen Mädchens in lichtblauem Gewande mit blonden Ringellöckchen an den feinen Schläfen, in den rosigen Händchen hielt sie eine weiße Taube. Nie glaubte er etwas Lieblicheres gesehen zu haben als dieses baltische Grafentöchterlein. Immer wieder mußte er den Blick zu dem süßen Gesicht emporheben. Ob sie noch irgendwo auf Erden zu finden sein mochte? Ach nein – ihr Kleid gehörte einer vergangenen Zeit an – gewiß ruhte sie längst in der Ahnengruft am Ende des Parkes hinter dem verrosteten Eisengitter ...

Der Soldat am Flügel hatte geendet. Ein dumpfes Grollen wurde in der Ferne hörbar, gleich einem aufsteigenden Gewitter, nur regelmäßig klangen die langhin rollenden Donner. »Die verdammten Russen fangen schon wieder an zu bullern«, sagte der Musikant. »Nein – das sind unsere«, widersprach ein anderer. »Auf jeden Fall wird's woll morjen hier wieder voll werden.«

So geschah es denn auch. Am frühen Morgen ratterten die grauen Autos mit den roten Kreuzen in den Hof. Über die weißen Marmortreppen wurde Bahre nach Bahre in die Säle getragen. Arme Kerls wurden von Sanitätssoldaten herausgehoben, sie schleppten sich, von Staub und Blut bedeckt, kaum noch als Menschen kenntlich, zum Verbandsplatz im inneren Hof. Dort waltete der Oberstabsarzt mit seinen Assistenten. Die Schwestern, die Pfleger liefen hin und her, hatten alle Hände voll zu tun. Dieser Augenblick schien Helmut günstig zu einer Flucht. Niemand achtete seiner. Er lief hinaus durch das von Militär vollgepfropfte Dorf, die mit blühenden Apfelbäumen bestandene Chaussee entlang, auf der ihm immer neue Züge von Verwundeten begegneten. Eine namenlose Angst quälte ihn, seit er allen diesen Jammer sah. Das war nun wahrhaftig der Krieg – der grausenvolle Krieg! Aber gerade weil ihn das Entsetzen schüttelte, mußte er weiter, mitten hinein! Nur keine feige Flucht zurück unter Mutters schützende Flügel.

Nachdem sich Helmut noch zwei Tage lang, begleitet von dem immer gewaltiger dröhnenden Krachen der Geschütze, von Etappe zu Etappe durchgebettelt und durchgeschmuggelt hatte, traf er in der Morgenfrühe nach einer im Chausseegraben verbrachten, höchst ungemütlichen Nacht auf eine Reihe von Planwagen. Sie standen am Rande eines Birkenwäldchens. Bärtige Infanteristen waren beschäftigt, die Pferde zu füttern und aufzuzäumen. Ein helles Feuer flackerte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees stieg dem ausgehungerten, frierenden Helmut lieblich in die Nase. Er machte sich eiligst herzu. Zerlumpt und schmutzig, mit durchlöcherten Schuhen hatte er allmählich völlig das Aussehen eines jungen Vagabunden.

Beim Feuer saß ein seltsamer Mann. Riesengroß, breit und dick hatte er sich's im Sonnenschein bequem gemacht, die hohen braunen Stiefel, der Uniformrock lagen neben ihm, er saß im wollenen Hemd zu den feldgrauen Hosen, Strohschuhe an den Füßen, die Mütze rücküber auf dem blonden Schopf. Ein wallender, flammend roter Bart verbarg den unteren Teil des Gesichts, eine Hornbrille den oberen Teil, ein spitzes Näschen grüßte neckisch zwischen beiden hervor. In das linke Auge hatte er vor die Brille noch eine Lupe geklemmt. In seinen schönen weißen Händen hielt der wüste Waldmensch ein feines Scherchen und ein Stück schwarzes Papier, an dem er ganz versunken schnitzelte. Als die Soldaten den bettelnden Helmut vor ihn führten, hob er den Kopf, legte zuerst einmal das Geschnippsel zwischen zwei weiße Blätter einer Mappe, auf denen schon mehrere dieser phantastischen Gebilde lagen. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge und betrachtete Helmut durch die Brillengläser mit einem so hellen scharfen Blick, daß er meinte, der sonderbare Mann müsse ihm bis ins Herz gucken. Er stotterte sein Sprüchlein von dem Vater, den er suchen wolle, und verwirrte sich dabei, denn es kam ihm plötzlich vor, er habe das Gesicht und den hellen Blick schon irgendwo gesehen. Der Mann schlug sich bei des Knaben Bericht laut aufs Knie und lachte. »Wahnsinnig! Ganz wahnsinnig schön!« schrie er entzückt: »Verrückter Lausejunge! Gefällt mir – gefällt mir sehr! Ich nehme dich mit zur Front! Übrigens kommst du mir bekannt vor – ich habe dich schon gesehen!« »Ich Sie auch – in Döberitz«, sagte Helmut. »Aber damals trugen Sie keinen Bart.« »Richtig, den hat mir der Krieg wachsen lassen! Der läßt viel wachsen, wenn er auch viel zerstört. – Höchst wunderlicher, unwahrscheinlicher Zustand.« Er drehte nachdenklich an seiner Haarsträhne über der Stirn. Helmut erinnerte sich jetzt ganz deutlich, gehört zu haben, daß der eigentümliche Mann ein bekannter Künstler sei. Wegen seiner großen Güte hieß er in der Kompagnie nur der »Onkel Jakobus« statt Unteroffizier Sieveking. Ja, hatte ihm denn der Vater nicht geschrieben, daß der ulkige »Onkel Jakobus« sich die Füße bei einem Patrouillengang schwer verletzt habe und nun Führer der Bagage geworden sei.... Da war er ja aber bei Vaters Kompagnie gewesen – dann konnte er ihm doch Bescheid geben ...! Und er konnte es. Die Bagagewagen, die er zu führen hatte, gehörten dem Regiment, bei dem Wilhelm Kärn stand, und er hatte den Auftrag, ihm in möglichster Eile zu folgen. Das Regiment, so erzählte der Onkel Jakobus dem begierig lauschenden Helmut, war bei den Kämpfen zur Eroberung Kurlands stark beteiligt gewesen und bei stürmischem Vormarsch Wochen-, ja monatelang von jeder Postverbindung abgeschnitten. So erklärte sich nun auch Vaters Verstummen. Es war dann in Reservestellung zurückgezogen, um neu ausgerüstet zu werden. Aber der Onkel Jakobus hatte in den letzten Tagen gehört, man habe Teile davon wieder in die Feuerlinie vorgeschoben. Das alles würden sie bald hören.

Inzwischen waren die Wagen angeschirrt worden. Unteroffizier Sieveking fuhr in seine Schaftstiefel und seinen Uniformrock. Los ging's. Unterwegs mußte ihm Helmut alles erzählen, was er seit seiner Abreise von Berlin erlebt hatte. Der geistreiche Künstler, der phantastische Zeichner, für den der Krieg immer noch ein ungeheures Erlebnis war, schaltete auch die Abenteuerfahrt dieses sehnsüchtigen, zerlumpten Knaben in das Bilderbuch merkwürdiger Szenen ein, das er in seiner Erinnerung mit sich trug. Er zeichnete seinen Kopf in das Skizzenbuch, in dem auch die schwarzen Schnippeleien lagen, die Helmut staunend betrachtete. Seltsame Blüten und Ranken, komische Viecher, wie es nirgends auf Erden gab, kuriose Gespenster mit den drolligsten Fratzen, Prinzessinnen in merkwürdigen Gewändern fanden sich da. »Du kennst doch die Märchen aus »Tausendundeine Nacht?« fragte Onkel Jakobus. »Siehst du, das alles hier soll mal fein gedruckt und zum Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten verwandt werden. Das nennt man dann einen Prachtband. Die Frau Geheime Kommerzienrätin legt ihn auf die rote Damastdecke in ihrem Salon und erzählt allen Besuchern, wieviel er gekostet hat. Nu – wir haben's ja dazu!« »Das Buch sollte lieber nur eine Mark kosten, damit wir Jungens es kaufen könnten, wir hätten doch viel mehr Freude daran als die ollen dicken Damen!« rief Helmut. »Das sagst du wohl so in deiner kindlichen Unschuld«, antwortete Onkel Jakobus in einem weisen Ton und hob den Finger belehrend in die Höhe. »Mein Sohn, es ist auf dieser Welt einmal so eingerichtet, daß derjenige die schönen Dinge bekommt, der nichts mit ihnen anzufangen weiß, und der sich wirklich an ihnen freuen würde, der muß sie entbehren! Durch Entbehren aber wird die Seele veredelt!« Nie wußte Helmut, ob Herr Sieveking eine Sache ernst oder komisch meinte; er machte immer so ulkige Gesichter zu seinen Reden, daß Helmut sich hätte totlachen können. Sie wurden beide während der Fahrt recht gute Freunde. Einmal faßte sich Helmut ein Herz und fragte den Onkel Jakobus, ob man auch ein Maler werden könne, ohne das Malen richtig gelernt zu haben. »Zuweilen ein besserer, als wenn man auf einer Schule war«, gab der zur Antwort. Helmut erzählte ihm von dem langen Lehmann, der mit seinem einen Bein nun nicht mehr auf die Jerüster steigen könnte und lieber »kleene Bilderkens« malen wollte. Unteroffizier Sieveking kannte den langen Lehmann auch und meinte: »Vielleicht kann er sich zum Holzschneider ausbilden lassen, dann kann er für mich arbeiten, d. h. wenn ich wirklich einmal unversehrt nach Hause komme und der unsäglich süße Zustand des Friedens eintritt!« Er ließ sich Lehmanns Adresse geben und wollte sich schon bei seinem nächsten Urlaub mit ihm in Verbindung setzen. Helmut freute sich von Herzen, dem armen Kerl am Ende zu einer schönen Zukunft verholfen zu haben. Die Zeit an Onkel Jakobus' Seite verging ihm wie im Fluge. Schnell kam der Abend, an dem sein freundlicher Beschützer ihn einer Patrouille mitgab, um ihn in das Quartier der 3. Kompagnie zu führen, wo er denn endlich seinen Vater finden sollte.

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