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Was Helmut in Deutschland erlebte

Helmut und Frau Ledderhose

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Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof, um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut. Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«

Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten. Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf. Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte: »Schlafen – nicht essen! Arbeiten – gut essen! Verstanden?« – Na, er hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den andern beim Rübenstecken. –

Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof. Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.

Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei. »Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«

So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder, der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die Meisterleistung.

Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke, der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier, das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich. Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig. Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.

Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden, und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, – keine Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen. Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.

»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« – Sie schüttelte sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen, Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch muß sich zu helfen wissen.«

Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein Gedicht an sie zu machen. Das begann:

Frau Anna Ledderhose,

Du hohe Königin,

Du liegst mir tief im Herzen,

Im Herz und auch im Sinn.

Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so blieb es bei diesem einen schönen Verse.

Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.

»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag' nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe, wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich mindestens!«

Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen, sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen und konnten sich kaum von ihm trennen.

Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut. Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden, doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte:

Liebe Frau Ledderhose!

Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen Grüßen

Ihr Helmut Kärn.

Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na – sie werden ihn schon baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und mit der armen Mutter reden! Übrigens – vielleicht bringt der tolle Kerl es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.

Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.

Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.

Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben, doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur gänzlich.

OST-PREUSSEN
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