Der Vater zieht ins Feld
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Helmut stand neben seinem Vater in der Baracke und half ihm den Tornister packen. Er durfte ihm alle die notwendigen Dinge zureichen die Kärn in dem engen Raum auf seinem Rücken zu verstauen hatte: Wäsche, Strümpfe, Kochgeschirr, Seife, Handtuch, Kamm und Bürste, ein Paar leichte Pantoffel, ein Nähzeug, eine kleine Apotheke, einige Konservenbüchsen, ein Neues Testament, abgeschabt und zerlesen. »Das hat ein gut Stück Welt gesehen«, meinte Kärn nachdenklich, indem er es zu den täglichen Gebrauchsgegenständen schob. »Es stammt noch von meinem Vater und hat den siebziger Feldzug mitgemacht. Das war wohl ein Kinderspiel gegen das Würgen von heute. – Ja – Junge – kann ich dir denn nun die Mutter anvertrauen? Willst du ihr immer beistehen, wenn ich nicht wiederkommen sollte?«
Helmut nickte, sein Gesicht verzog sich wunderlich. Vater und Sohn sprachen leise in der Ecke bei Kärns Bett. Ringsumher gab es ähnliche Szenen. Überall wurde noch ein letztes Wort gesagt, denn später auf dem Bahnhof, da hatte man doch nicht mehr die Ruhe. Jeder gönnte es auch dem anderen und tat nicht, als ob er ihn sähe. »Sei auch immer gut zu Daisy«, fuhr Kärn fort. »Was man so von England hört – wie die da drüben unseren Untergang planten ..., da kann man doch nicht mehr daran denken, das Mädchen dem Haß auszusetzen, der ihr um ihres deutschen Namens willen entgegengebracht werden würde. Das arme Kind –.«
»Sie hat ja uns, Vater«, sagte Helmut, »und uns kennt sie doch viel besser als den fremden Großvater!«
»Das meine ich auch, mein Junge. Wir könnten das Mädchen beim Flüchtlingsbureau abgeben, weil's doch bei uns jetzt auch knapp zugeht. Aber das will mir nicht in den Sinn. Das hielte ich geradewegs für ein Unrecht gegen meinen alten Freund. Mutter denkt auch so. Sei nur immer recht rücksichtsvoll gegen den Großvater. Er ist ein kränklicher alter Herr und arbeitet trotzdem so tapfer in der Flüchtlingshilfe! Da ist er zu Haus begreiflicherweise ein bißchen nervös. Und, Helmut, was ich dir noch sagen wollte – der Mensch braucht sich nicht bei jeder Mahlzeit den Bauch vollzuschlagen bis zum Platzen. In den ersten Jahren in Brasilien haben Mutter und ich oft wochenlang nichts anderes gehabt als süße Kartoffeln – und waren froh und gesund dabei! Sieh mal dort den kleinen Dr. Schmidt – du gerechter Strohsack, wie will denn der das Zeug alles in seinen Affen kriegen – und damit noch stürmen ...!«
Der Vater war niemals für lange Ermahnungen, und so viel wie jetzt hatte er wohl noch kaum hintereinander zu Helmut gesprochen. Er sah, wie der an seinen Tränen würgte, und wollte ihm über die Rührung forthelfen.
Helmut mußte auch gleich vergnügt grinsen, als er über die graue Wolldecke des kleinen eleganten Oberlehrers hinblickte, der schon mehrere schwergelehrte Bücher geschrieben hatte und nun mit einem ganz verwirrten Ausdruck vor all den Büchschen, Döschen, Rasierpinseln, Nagelfeilen und Polierern, Salben, Unterstrümpfen, Büchern, Schreibgeräten und Heften stand, die noch in den bereits zum Bersten vollen Tornister hinein sollten.
»Herr Doktor«, meinte Kärn gutmütig, »ich rate Ihnen, lassen Sie die Geschichte ruhig hier. Im Schützengraben haben Sie ja doch keine Zeit, alle die Sachen auch nur auszupacken – und 's Marschieren wird Ihnen ohnehin nicht leicht! Ich sehe die Bücher und die Büchschen schon in den Chausseegraben sausen.«
»Ach, lieber Kärn«, seufzte der junge Mann, »vielleicht haben Sie recht. Es ist einmal meine Eigentümlichkeit, allzu weitläufig zu sein und mich von lieben Angewohnheiten nicht gut trennen zu können. Ich bin ja bereit, fürs Vaterland zu sterben – aber wie ich es fertigbringen soll, dem Vaterland zulieb ohne Bücher zu leben – das weiß ich noch nicht!«
»Das lernt sich im Urwald und im Krieg von selbst«, bemerkte Kärn trocken. »Es ist die höchste Zeit, Herr Doktor. Ziehen Sie sich nur die Schnürstiefel an, inzwischen wollen wir sehen, was sich noch unterbringen läßt. Komm, Helmut, halt mir mal das Ding auf.«
Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den Heften und den Toilettengegenständen, die Herr Dr. Schmidt nicht glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben.
Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn, eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in dieser Stunde.
Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn, türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger. Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben.
Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum Sonnenhimmel auf.
Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder – so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt!
Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten.
Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern, alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern. Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint, aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!« Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die flammende Abendröte.